Er befreit meine Füße aus dem Netz. Zum 3. Fastensonntag.


Missale Salisburgense Dominica tercia Introitus

Missale Salisburgense Dominica tercia Introitus

Der dritte Fastensonntag heißt auch „Oculi“, denn über viele Jahrhunderte wurde die Messe an diesem Tag mit diesem Wort begonnen. Wie am Sonntag davor werden Verse aus Psalm 24 (masoretisch 25) für den Introitus, den Eingang, arrangiert. Dieser Psalm ist auf Grund seiner Thematik für die Fastenzeit besonders geeignet, geht es doch um die Bitte um Vergebung, die Befreiung aus Angst, Schuld und Bedrängnis.

Introitus (Ps 24, 15-16.1-2)1 Eingangsvers2
Oculi mei semper ad Dominum Meine Augen schauen stets auf den Herrn;
quia ipse evellet de laqueo pedes meos: denn er befreit meine Füße aus dem Netz.
repice in me, et miserere mei, Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
quoniam unicus et pauper sum ego. denn ich bin einsam und gebeugt.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Über einen besonderen Bezug des Introitus zum Evangelium kann ich freilich nichts schreiben, denn bis zur Liturgiereform war an diesem Sonntag folgender Abschnitt aus dem Kapitel 11 des Lukas-Evangeliums zu hören:

Er trieb einen Dämon aus, der stumm war. Als der Dämon ausgetrieben war, konnte der Stumme reden. Die Volksscharen staunten. Einige von ihnen aber sagten: Durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen, treibt er die Dämonen aus. Andere aber forderten ein Zeichen vom Himmel, um ihn auf die Probe zu stellen.

Da er ihre Gedanken kannte, sagte er zu ihnen: Jedes Reich, das in sich selbst entzweit ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andere. Wenn aber auch der Satan mit sich selbst entzweit ist, wie soll dann sein Reich Bestand haben? Denn ihr sagt, dass ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe. Wenn ich aber die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann euere Söhne sie aus? Deshalb werden sie euere Richter sein. Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn der Starke bewaffnet seinen Hof bewacht, dann ist sein Besitz sicher. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und ihn überwindet, dann nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verlassen hatte, und verteilt seine Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Wenn der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, schweift er durch wasserlose Gegenden und sucht einen Ruheplatz. Und wenn er keinen findet, sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und kommt er und findet es ausgefegt und geschmückt, dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit, die noch schlimmer sind als er, und sie ziehen ein und wohnen darin. Und so wird das Ende jenes Menschen schlimmer sein als sein Anfang.

Als er das sagte, erhob eine Frau aus der Menge die Stimme und sagte zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du dich genährt hast!

Er aber erwiderte: Selig sind vielmehr3 die, die das Wort Gottes hören und befolgen!

(nach der Herder-Übersetzung)

Diese Perikope wird nach der neuen Leseordnung nur noch an Wochentagen gelesen, nämlich am Freitag der 27. Woche im Jahreskreis und am Donnerstag der 3. Woche der Fastenzeit, nicht mehr am Sonntag. Zu schwierig scheint die Stelle für die heutige Zeit, die mit Dämonen und dem Beelzebul vielleicht nicht so viel anfängt.

Doch der Introitus erhellt sie wieder ein wenig. Jesus wendet sich dem Stummen zu und löst ihn von einer unglaublichen Last, einem stummen Dämonen. Befreit aus der Verstrickung in das Böse, kann er wieder sprechen. Er war gebeugt und allein — von Gebärdensprache und anderen Möglichkeiten der Teilhabe für Sprech- oder Hörbehinderte war damals noch keine Rede — , nun kann er wieder an der Gemeinschaft teilhaben.

Doch missgünstige Menschen sehen dieses Wunder nicht als Beweis von Gottes Zuwendung, sondern vermuten finstere Mächte dahinter, die die Menschen irreführen wollen. Ein lächerlicher Vorwurf, wie Jesus schlagfertig demonstriert.

Doch Jesus nutzt diesen Vorwurf und dreht ihn ins Gegenteil: Wer sich so klarer, sichtbarer göttlicher Zuwendung verschließt, der macht sich selbst zum Verbündeten des Bösen. Und selbst wer sich seinen Dämonen gestellt hat, der ist nicht davor gefeit, dass das Böse wieder die Oberhand gewinnt.

Was hilft? Auf Gottes Sohn hören und ihm folgen. Eine Kürzestfassung der Frohen Botschaft.


  1. Nach dem Missale Salisburgensa, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 
  3. Die Übersetzung des griechischen Wortes μενοῦν ist durchaus schwierig. Die Vulgata versucht sich mit dem mehrdeutigen quinimmo zu helfen. Man könnte übersetzen „ja, tatsächlich“ oder „aber in Wahrheit“ und beides wäre richtig. Ein deutlicher Gegensatz wäre wohl anders formuliert worden. Der Satz der Frau wird jedenfalls nicht verneint. Die Antwort betont, warum er und seine Mutter selig zu preisen sind: Weil sie auf Gottes Wort hören. Das ist aber auch allen Zuhörern möglich. 
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