Ein Hälmchen: ein Gedicht zum Frühlingsbeginn


Es stand ein schwaches Hälmchen im Feld, im Herbste spät,
Wie eine arme Waise am Grab der Mutter steht.

Es hatte der rauhe Ostwind den zarten Halm geneigt,
Es hatte der rauhe Nordwind den zarten Halm gebeugt.

Und traurig sprach das Hälmchen: „Was soll ich länger hier?“
Ach, gute Mutter Erde, ach, nimm mich auf zu dir.

Und ist bestimmt das Ende dem kurzen Lebenslauf,
lass nicht im Sturm mich sinken, nimm lieber du mich auf.

Da kam ein rauher Nordwind und brachte tiefen Schnee,
der deckte mit weißer Hülle die Felder und die Höh’. —

„Jetzt ist mein Wunsch erhöret, jetzt bin ich schon vergnügt
mit diesem Totenbette auf dem’s so weich sich liegt.“

Doch als der Frühling kommen, da brach die Hülle auf,
Und als der Frühling kommen, da stand das Hälmchen auf:

Eine gold’ne Ähre reifte wohl aus dem Halm herfür. —
— Sei ruhig, meine Seele, der Frühling winkt auch dir! —

Salomon Hermann Ritter von Mosenthal

Dieses Gedicht stammt aus Mosenthals erstem Gedichtband, den er 1847 in Wien veröffentlichen konnte. Ein sehr romantisches Werk voll unerfüllter Sehnsucht und trauriger Wendungen. Eine kurze Biographie des Dichters, Dramatikers und Librettisten (u.a. die „Lustigen Weiber von Windsor“) kann man in diesem Blog lesen.

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