4. Sonntag der Fastenzeit: Seid fröhlich zusammen mit ihr!


Missale Salisburgensis

Missale Salisburgensis

Der 4. Sonntag der Fastenzeit heißt bekanntlich Sonntag „Laetare“ und lässt Ostern schon vorleuchten, wie schon an den rosafarbenen Paramenten erkennbar sein kann, sofern man welche hat. Die Halbzeit der Quadragesima, der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern, ist geschafft, das Ziel rückt näher. Das hört man auch im Introitus, der in der deutschen Übersetzung des Messbuchs allerdings etwas verstümmelt ist:

Introitus (Js 66, 10-11; Ps 121,1)1 Eingangsvers2
Laetare, Ierusalem, Freue dich, Stadt Jerusalem!
et convetum facite, omnes qui diligitis eam; Seid fröhlich zusammen mit ihr,
gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis, alle, die ihr traurig wart.
ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.
Lætatus sum in his, quæ dicta sunt mihi: (Ich freute mich, als man mir sagte:
in domum Domini ibimus. „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“)

Der Eingangsvers lautet in der Einheitsübersetzung etwas anders:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!

Das Sprachbild der mater lactans war wohl den Übersetzern der deutschen Ausgabe — im Unterschied zum Vatikan und den Übersetzern anderer Sprachen — zu gewagt. Schade, denn hier wird die tröstende Verheißung des neuen Jerusalem wortgewaltig spürbar. Nach der Trauer, die uns oft in dieser Welt überkommt, ist uns im Bild des „neuen Jerusalem“ (Offb 21,10-27) ein Zeichen dafür gegeben, welche Fülle uns Jesus schenken will. Eine Fülle, gegenüber der wir wie ein Kind sind, das von seinen Eltern umsorgt und getröstet wird.

Traditionell wurde an diesem Sonntag die wunderbare Brotvermehrung nach Johannes gelesen. Diese Perikope bot sich aus mehreren Gründen an: Gleich zu Beginn vermerkt der Evangelist, dass das Paschafest nahe war. Wie aus den fünf Broten und zwei Fischen mehr als genug für die große Menschenmenge wird, so schenkt Jesus die Fülle des Lebens. Die Brotteilung weist zudem auf die Eucharistie voraus. Schließlich zieht sich Jesus zurück, als er ahnt, dass ihn die Menschen zum irdischen König machen wollen — eine Vorahnung der Geschehnisse am Palmsonntag und ihrer bitteren Konsequenz.

So entsprachen sich Eingangsvers und Evangelium im Hinweis auf die verheißene Fülle des Lebens. Entsprechend wurde als Epistel ein Abschnitt aus dem Galaterbrief gelesen, der ebenso auf das himmlische Jerusalem bezugnimmt: „Das himmlische Jerusalem aber ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter.“

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, doch auch eine Zeit der Vorfreude. In diesem Fall ist Vorfreude zwar nicht die schönste Freude, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird.


  1. Nach dem Missale Salisburgense, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 
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