5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!


Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 
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