Palmsonntag: Wer sind wir?


Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Der Palmsonntag vereinigt die Freude über den Einzug Jesu in Jerusalem, seine festliche Begrüßung, mit den düsteren Ereignissen der Kartage. In der außerordentlichen Form des Ritus drückt sich das sinnfällig aus, denn da wechselt der Priester von roten Paramenten dann vor der eigentlichen Meßfeier, in der die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird, zu violett. Zum Einzug hören wir den Ruf der jubelnden Menge:

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!

Es werden Lobgesänge auf Gott gesungen, ein Hymnus auf Christus als König. Nach dem Evangelium zur Palmprozession ruft der Priester dazu auf, die Jesu preisenden Massen nachzuahmen. Auf Deutsch heißt es:

Wie einst das Volk von Jerusalem Jesus zujubelte, so begleiten auch wir jetzt den Herrn und singen ihm Lieder.

Doch das lateinische Original ist deutlicher. Eine wortgetreuere Übersetzung wäre wohl:

Liebe Brüder, ahmen wir die Mengen nach, die Jesus zujubelten, und gehen wir in Frieden los.

Das wirft auch ein Licht auf uns selbst. In der Menge, die Jesus zujubelte, waren wohl auch solche, die nur wenige Tage später ihn ans Kreuz wünschen würden. Aber auch solche, die sich aus Furcht vor den Mächtigen dann verstecken, lieber ruhig verhalten oder ihren Jubel verleugnen würden. Vielleicht auch jemand, der verzweifelt nachdenken würde, wie er Jesus helfen könnte. Wer sind wir, wenn der Jubel in Hass und Verfolgung umschlägt? Wer sind wir, wenn der Glaube verspottet, Christus aus der Öffentlichkeit verbannt wird?

Viele glauben von sich, sie wären Helden, wenn es darauf ankommt. Der Palmsonntag erzählt uns nüchtern, wie schnell aus Jubel Not werden kann, und wie einsam es in dieser Not aussieht. Freilich: Ostern und Pfingsten eröffnen uns neue Möglichkeiten. Und so hören wir in der Apostelgeschichte wiederum, dass viele aus der Menge in Jerusalem nach Pfingsten zu Christen wurden. Viele, denen Petrus in seiner Predigt vorhalten konnte, dass sie an Jesu Tod mitschuldig seien.

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