nzz.at hört auf – und wird fehlen


Eigentlich wollte ich einen Kommentar zu Michael Fleischhackers Oster-Kolumne, der ein wichtiges Thema — das Verhältnis von Religion, Aufklärung und liberaler Demokratie — recht flapsig, geschichtsklitternd und argumentativ eher bescheiden angeht. Das ist besonders schade, denn Michael Fleischhacker kann sehr fundiert und sehr erhellend schreiben, wenn er will. Man merkt bei ihm in der Regel, warum er ein professioneller Journalist und Moderator ist, und z.B. ich nur ein In-der-Freizeit-Blogger.

Dann aber lese ich, dass die Plattform nzz.at, die Michael Fleischhacker mitbegründet hat, vor dem Aus steht. Bereits mit Monatsende wird der Betrieb beendet, den Abonnenten stattdessen die Möglichkeit gegeben, auch die kostenpflichtigen Inhalte der Schweizer Mutterseite nzz.ch zu lesen.

Nun war die Idee von nzz.at grundsätzlich klar — eine digitale Zeitung für die digitale Zeit –, doch noch weiß niemand so genau, wie so eine digitale Bezahlzeitung abseits bestimmter Fachsparten genau ausschauen soll.

Wenn man Informationen anbietet, die tatsächlich für das persönliche Fortkommen anbietet, wie etwa die Financial Times, dann kann mitunter die Bezahlschranke ertragreich sein. Die NZZ hat es mit allgemeiner Berichterstattung versucht, wobei ein Schwerpunkt auf eigenen, längeren Geschichten lag. Oft sehr lesenswerte Geschichten, die im Unterschied zu Texten in großen Kommentar-Portalen wie theeuropean.de auch gründlich recherchiert sind.

Trotzdem hatte man nach einem Tag mit der nzz.at das Bedürfnis, sich auch bei anderen Medien zu informieren. Für Kultur und Sport, aber auch Chronik-Nachrichten — der Stoff, aus dem Plaudereien bei Kaffeerunden und After-Work-Bieren gemacht sind –, musste man sich jedenfalls auch anderswo eindecken. Durch die kleine Mannschaft bedingt musste nzz.at natürlich mit Mut zur Lücke arbeiten. Der ursprüngliche Monatspreis von 14 Euro für ein rein digitales, nahezu werbefreies (!) Angebot war unter diesen Bedingungen am Markt nicht unterzubringen.

Es wäre interessant, wie viele Kunden die Presse für ihr rein digitales 18-Euro-Abo zählt. Das bietet aber weitaus mehr Lesestoff einschließlich Zugang zur digitalisierten Printzeitung, hat also grundsätzlich das bessere Preis/Leistungsverhältnis. Es wird, meinem Verdacht nach, trotzdem nicht der Bestseller unter den Abos sein. Das premium-Abo der Presse — also digital ohne ePaper — kostet mit 10 Euro einen Euro mehr als die nzz.at am Schluss verlangt hat, bietet ebenfalls mehr Inhalte als die nzz.at an — und doch kenne ich kaum jemanden, der es abgeschlossen hat. Die Entwicklung ist hier erst am Anfang.

Als Marktpionier muss man oft Lehrgeld zahlen. Mehr Lehrgeld, als die Neue Zürcher in Österreicher zu verlieren bereit war. Ein Lehrgeld ist wohl: Für ein Portal recherchierter Politik-Geschichten sind auch nur Politjunkies bereit zu zahlen — Menschen, die von Politik leben, eng damit zu tun haben oder zu tun hatten und davon nicht loskommen. Dafür ist der österreichische Markt aber einfach zu klein.

(PS: Diesen Blogeintrag wollte ich schon vor zwei Tagen schreiben, als die Meldung neu war. Nun, ich bin eben nur ein „In-der-Freizeit-Blogger“, da hapert’s leider mit der Tagesaktualität.)

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