Der therapeutische Stoiker


Jetzt wird also wieder einmal die Stoa als erfüllende Philosophie beworben. Vor ein paar Jahren war es ein gräßlich entstellter Buddhismus, zwischendurch war in Hollywood auch die Kabbala modern. In Europa wurde der Stoizismus schon vor ein paar Jahren in den Medien breitgetreten. Über England und die USA wird die Stoa nun als „therapeutische Philosophie“ wiederentdeckt.

Dabei wird die Stoa zu einem Ratgeber abgeschliffen. Etwa der Art: Die Vernunft müsse die Gefühle beherrschen. Man dürfe sich nicht von den Gefühlen im Inneren und den Gütern des Äußeren beherrschen lassen. Daher soll die Vernunft die Gefühle dominieren, und das Erdulden des Unabwendbaren und des Verzichts eingeübt werden.

Das ist alles nicht wirklich falsch dargestellt, aber auch nicht richtig.

Eine umfassende Bewegung

Die Stoa war eine philosophische Bewegung mit umfassendem Anspruch. Ihre Ethik — auf die sie reduziert wird — ist ohne ihr Menschen- und Weltbild nicht denkbar, ohne die Gedanken zur Beschaffenheit der Natur oder zum freien Willen. Dazu gibt es in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen freundlichen, übersichtlichen Artikel.

Der Materialismus, der sanfte Determinismus — bis zur Schicksalsergebenheit — und das Wort, „im Einklang mit der eigenen Natur“ leben zu wollen, klingen für heutige Menschen auch sehr verlockend, auch wenn sich dahinter jedesmal etwas anderes verbirgt, als man nach modernen Begrifflichkeiten vermuten möchte. So verbindet sich der Materialismus mit der Überzeugung, dass Gott in der Welt immanent wirkt.

Aus ihrem Weltbild ergibt sich auch, dass nur die Weisen, die wahrhaft tugendhaft leben, wahrhaft frei und wahrhaft gut sind. Alle anderen Menschen sind Sklaven der Innen- und Außenwelt und moralisch allesamt gleichermaßen verwerflich. (In diesem Punkt sollten spätere Stoiker etwas milder werden).

Eine „freudlose Weltanschauung“?

Interessanter Gegenpol zum eher positiven Text der Stanford-Enzyklopädie das Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, in dem Friedrich Kirchner schreibt:

Stoizismus heißt zunächst die Philosophie der Stoiker, die durch Zenon (ca. 350-268) begründet, durch Kleanthes, Chrysippos, Panaitios, Poseidonios u. a. fortgebildet worden ist. Der Stoizismus ordnet die Logik und die Physik der Ethik unter. In der Logik knüpft er an Aristoteles an und entwickelt einen erkenntnistheoretischen Sensualismus. In der Physik steht er auf dem Standpunkt des Materialismus (Stoff und Kraft); in der Ethik ist er idealistisch; das vernunftgemäße Leben ist ihm das oberste Lebensziel. Die Tugend (praktische Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit) scheint ihm zur Glückseligkeit ausreichend. Sie ist allein gut; das Laster ist schlecht; alles mindere ist weder gut noch schlecht, sondern ein Mittleres, Gleichgültiges (adiaphoron). – Auf dem Gebiete der grammatischen Forschung ist der Stoizismus grundlegend gewesen. Auf ihm beruht bis heute die grammatische Terminologie. — Allgemeiner genommen, bedeutet Stoizismus eine herbe, freudlose, nur moralisierende Weltanschauung.

Eine „herbe, freudlose, moralisierende Weltanschauung“! Die im übrigen in der Antike in heftige Kontroversen verstrickt war. Den Grundannahmen, aus denen die Stoiker ihre Lehre entwickelten, wurde ebenso wie ihren Schlussfolgerungen deutlich widersprochen. Eine Sammlung antiker Kritik ist bei Tusculum erschienen, Rainer Nickel hat ausgewählt und übersetzt.

Eine typische, aber modern formulierte Kritiklinie kann man unter der Überschrift „The Inadequacies of the Invincible“ lesen. Dieser Text schildert an Hand eines Soldaten mit stoischer Vorbildung — des späteren Kandidat zum US-Vizepräsidenten James Stockdale –, wie in einem Gefangenenlager nicht Stoik, sondern das gemeinsame Gefühl von Zusammenhalt, Scham, Sühne und Läuterung das seelische Überleben ermöglicht haben. Mit folgender Schlussfolgerung:

Der Aufstieg des Stoizismus ist das Zeichen einer Zivilisation im Niedergang. Es ist etwas Dekadentes an einer Gesellschaft, die ihrem eigenen Verlust durch eine Philosophie, der die Trauben zu hoch hängen. Lasst uns der Realität ins Auge schauen. Die Antwort ist nicht ein Klick im Geist.

Im Stoizismus sind durchaus interessante Gedankengänge enthalten. Doch der moderne „Theraphie-Stoiker“ ist eher Produkt einer Mentalität, die sich aus dem Bauchladen der Angebote das passendste raussucht — ohne Rücksicht auf Plausibilität und Wahrheitgehalt. Es mag zwischenzeitlich tröstlich sein, doch wie sieht es mit dem Trost sein, wenn man dahinterschaut?

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