Christlich geht (nur) links? Über eine neue Initiative.


Website christlichgehtanders.at

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Der Name ist Programm — und das ist auch schon das Problem. christlichgehtanders.at nennt sich eine „breite Sozialinitiative“, die das „Ziel der sozialen Gerechtigkeit ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Debatten“ rücken will, so kathpress. Dabei geht es um eine bewusste Abgrenzung von jenen, die ein auf Freiheit und Selbstverantwortung aufgebautes Wirtschaftsmodell für kompatibel mit dem christlichen Glauben halten. Denn „christlich geht anders!“.

Wobei „christlich“ hier einfach als Synonym für typisch linke Forderungen steht. Von Subsidiarität und Personalität, diesen Grundpfeilern der katholischen Soziallehre ist keine Rede. Dafür vom „aktiven Sozialstaat“, der angeblich in Gefahr wäre. Bei Sozialquoten um die 30%! Trotzdem werden „Angriffen auf den Sozialstaat“ herbeiphantasiert, die „Angriffe auf uns alle“ seien. Wer hohe Vermögensteuern ablehnt, hat offenbar ebenso verwirkt, sich Christ nennen.1

Die „Solidarischen Antworten auf die soziale Frage“, die die Initiative geben will, sind von einer bemerkenswerten Realitätsferne getrieben und stellen die kritisierten Positionen völlig verzerrt dar.

Folgende Passage illustriert schön, dass die Verantwortlichen reich an Platitüden sind, aber arm an Wissen: „Diese Probleme sind Resultat eines Prozesses, der von der Vorstellung geleitet wird, eine ‚unsichtbare Hand des Markts‘ würde die individuellen Egoismen ins allgemeine Beste verwandeln. Diese Vorstellung widerspricht der Grundbotschaft des Christentums: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe bedingen einander, bilden ein Ganzes und ermöglichen soziale Gerechtigkeit und Frieden.“

Wer die einschlägige Passage bei Adam Smith gelesen hat, weiß, wie falsch er hier wiedergegeben wird. Und grundsätzlich kann man sozialwissenschaftliche Beobachtungen nicht gegen moralische Grundsätze ausspielen. Das sind verschiedene Kategorien, deren Vermischung zwar gerne geübt wird, aber dadurch nicht besser wird.

Und wo es eine Grundbotschaft des Christentums zu „sozialer Gerechtigkeit“ im heutigen Sinn gäbe2, muss man mir erst zeigen. Die Idee dieser vom konkreten Handeln und Personen losgelösten abstrakten „sozialen Gerechtigkeit“ wäre den frühen Christen wohl auch reichlich absurd erschienen.

Ja, im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten katholische Philosophen die Idee einer Gemeinwohl- oder Sozialgerechtigkeit, die allerdings mit dem heutigen Verständnis der „sozialen Gerechtigkeit“ wenig zu tun hat. Siehe nur die Enzyklika Quadragesimo anno. Das kann man sehr anschaulich in einem kurzen Artikel der Heritage Stiftung lesen.

Es ist amüsant, wenn Menschen, die sich sonst gerne so inklusiv wie möglich geben, so offensiv anderen Menschen das Christlichsein absprechen, wenn sie in migrations-, sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen anderer Meinung sind. Aber auch beängstigend. Christlich sein geht anders.


  1. Dafür ist Gendern wichtig, wobei nicht ganz klar hervorgeht, welche der gängigen Theorien zu unterstützen ist. Man scheint noch dem heteronormativen binären Gendern verpflichtet. Das geht doch auch anders! 
  2. Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ ist freilich sehr dehnbar. Heute wird er sehr stark in Richtung „Gleichheit“ definiert: „Gleiche Ausgangsbedingungen“ und „gleiche Ergebnisse“ durch entsprechende zentrale staatliche Eingriffe. Siehe z.B. Arbeit & Wirtschaft des ÖGB und der Arbeiterkammer. 
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