Karl Marx und die soziale Gerechtigkeit


In Österreich und Deutschland stehen im Herbst wieder Parlamentswahlen bevor. Und damit kommt auch wieder die Zeit, in der das Wort von der sozialen Gerechtigkeit vor allem von SPÖ und SPD intensiv bemüht wird. Lassen wir einmal die bewusste Schwammigkeit dieses Begriffs dahingestellt — man wird auf einschlägigen Parteiseiten kaum brauchbare Definitionen des Begriffs finden –, so zeigt sich aber darin auch gut, wie sehr sich die heutige Linke vom ursprünglichen Marxismus gelöst hat — auch wenn Marx als „Gründungsmythos der Linken“ weiterhin herhalten muss.

Jedenfalls hätte Karl Marx mit dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit keine Freude gehabt. Zwar nahm auch er das Wort der „Gerechtigkeit“ in den Mund, wenn es der Wirkung zuträglich war, hielt aber z.B. wenig von Forderungen nach „gerechter Verteilung der Güter“. In seiner Kritik am Gothaer Programm wird er recht deutlich:

Was ist „gerechte“ Verteilung?

Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte“ Verteilung?

Und später:

Ich bin weitläufiger auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“ einerseits, „das gleiche Recht“, „die gerechte Verteilung“ andrerseits eingegangen, um zu zeigen, wie sehr man frevelt, wenn man einerseits Vorstellungen, die zu einer gewissen Zeit einen Sinn hatten, jetzt aber zu veraltetem Phrasenkram geworden, unsrer Partei wieder als Dogmen aufdrängen will, andrerseits aber die realistische Auffassung, die der Partei so mühvoll beigebracht worden, aber Wurzeln in ihr geschlagen, wieder durch ideologische Rechts- und andre, den Demokraten und französischen Sozialisten so geläufige Flausen verdreht.

Karl Marx wehrte sich dagegen, den Kommunismus als Ergebnis moralischer Überlegungen zu sehen. Als (abtrünniger) Hegelianer ersetzte er die Wirkung der Moral nämlich durch den Glauben an eine zielgerichtet und sinnvoll ablaufende Geschichte. Der Kommunismus beschreibt eine notwendige Entwicklung auf Grund der inneren Widersprüche des Kapitalismus, keine moralische Forderung. Ideen von „Gerechtigkeit“ würden zum Überbau gehören, der aus dem praktischen Leben der Menschen, aus den Produktionsverhältnissen erwüchsen. So formuliert Marx schon früh in der Deutschen Ideologie:

Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hier — mit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein.

Die deutsche Sozialdemokratie hat allerdings — zum Spott Marx’ – schon sehr früh Forderungen nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, eine gerechten Güterverteilung erhoben. Damit blieb sie für Marx in der „bürgerlichen“ Gedankenwelt hängen.

Als in der deutschen Sozialdemokratie diese nichtmarxistische Fraktion immer mehr an Boden gewann, hat [Rosa Luxemburg den Wunsch nach Gerechtigkeit scharf gegeißelt], der aus allen Poren dieser sogenannten Revisionisten troff:(https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/kap2-2.htm „marxists.org: Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?“):

Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts andres heimzubringen als ein blaues Auge.

Marx und Luxemburg haben dabei eines klar gesehen: In einer strikt materialistischen und säkularen Weltanschauung hat Rede von „Gerechtigkeit“ keinen Platz, die ja doch ein metaphysischer Begriff ist.

Tipp: Bringen Sie einen Politiker, der von „sozialer Gerechtigkeit“ erzählt, ins Schwitzen, in dem sie genauer nachfragen, was damit gemeint ist. Erwähnen Sie noch Karl Marx und beobachten Sie die folgenden Verwicklungen.

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