Kirche in der Politik: Von Keulen, Worthülsen und Demokratie


Wann wird gefordert, Vertreter der Kirche dürfen sich nicht in die Kirche einmischen? Natürlich dann, wenn sie andere Positionen als man selbst vertreten. Wobei sowieso unklar bleibt, nach welchen Kriterien gewisse Menschen und Gruppen „nichts zu Politik“ sagen dürfen.

Gerade habe ich auf Twitter wieder ein schönes Beispiel dafür gefunden. Christoph Kardinal Schönborn twittert — ohnehin sehr vorsichtig — folgendes:

#Ehe Ein chinesisches Sprichwort: Nenne einen Kreis einen Kreis und ein Quadrat ein Quadrat. Dann wird die Politik wieder in Ordnung kommen.

Prompt attackiert ihn der Politikberater Rudi Fußi:

Und Kindesmissbrauch Kindesmissbrauch und Täter Täter. Dann kommen katholische Schulen wieder in Ordnung. Kirche nicht in Politik einmischen!

Nun twittert Rudi Fußi sehr viel und manchmal auch sehr schnell, und dass man seine Worte nicht auf die Goldwaage legen sollte, ist allgemein bekannt. Aber sein Tweet ist symptomatisch für einen höchst problematischen Diskurs, der weit verbreitet ist.

Zuerst kommt der Keulenschlag „Kindesmissbrauch“. Nun erwischt hier Fußi mit Schönborn ohnehin den völlig falschen, denn die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels einschließlich zahlreicher Präventionsmaßnahmen bis hin zu einem Netzwerk von Vertrauenspersonen, an die man sich im Notfall wenden kann, hat gerade Schönborn vorangetrieben. Bei aller Kritik, die ich gerne an ihm übe: Hier war seine Arbeit vorbildlich.

Aber es ist ohnehin kein Argument. Nicht einmal ein falsches. Sondern der einfache Versuch, den Absender einer Botschaft madig zu machen, wenn man die Botschaft selbst nicht mag, aber ihr nicht so einfach beikommt.

Wir haben zudem Parteien und Politiker, die verbrecherische Verstrickungen ihrer Vorgänger sogar verständnisvoll betrachten, ohne dass sie deswegen in der Öffentlichkeit verstummen müssten. Und um direkt zur beliebten Wortkeule zu kommen: Die Grünen und die SPÖ (Stichwort Wilhelminenberg) dürften dann wohl auch schon lange nichts mehr zur Politik beitragen …

Natürlich beschweren sich Menschen aus dieser Ecke selten, wenn kirchliche Amsträger z.B. mehr Unterstützung für Flüchtlinge einfordern oder sich gegen Kürzungen bei der Mindestsicherung wenden. Dann heißt es mitunter sogar, „die Kirche“ solle sich zu Wort melden, oder es sei sogar schändlich, dass „die Kirche“ nichts dazusage. Ja, aber wehe, es sagt einer das falsche, dann: „Kirche nicht in Politik einmischen!“

Das Spiel gibt es übrigens nicht nur von Links, sondern mit umgekehrten Vorzeichen auch von Rechts. Die größere mediale Aufmerksamkeit haben allerdings die linken Spieler.

Ich sage nur: In einer Demokratie darf sich grundsätzlich jeder Staatsbürger und jede Gruppe von Staatsbürgern in die Politik einmischen. Ausnahmen davon müssen wohlbegründet sein. Warum gerade Vertreter von Religionsgemeinschaften schweigen sollten, wenn alle anders bemäntelten Gesinnungsgemeinschaften sich laut zu Wort melden, ist rational wohl nicht zu begründen.

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