Karl Marx und die soziale Gerechtigkeit

In Österreich und Deutschland stehen im Herbst wieder Parlamentswahlen bevor. Und damit kommt auch wieder die Zeit, in der das Wort von der sozialen Gerechtigkeit vor allem von SPÖ und SPD intensiv bemüht wird. Lassen wir einmal die bewusste Schwammigkeit dieses Begriffs dahingestellt — man wird auf einschlägigen Parteiseiten kaum brauchbare Definitionen des Begriffs finden –, so zeigt sich aber darin auch gut, wie sehr sich die heutige Linke vom ursprünglichen Marxismus gelöst hat — auch wenn Marx als „Gründungsmythos der Linken“ weiterhin herhalten muss.

Jedenfalls hätte Karl Marx mit dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit keine Freude gehabt. Zwar nahm auch er das Wort der „Gerechtigkeit“ in den Mund, wenn es der Wirkung zuträglich war, hielt aber z.B. wenig von Forderungen nach „gerechter Verteilung der Güter“. In seiner Kritik am Gothaer Programm wird er recht deutlich:

Was ist „gerechte“ Verteilung?

Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte“ Verteilung?

Und später:

Ich bin weitläufiger auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“ einerseits, „das gleiche Recht“, „die gerechte Verteilung“ andrerseits eingegangen, um zu zeigen, wie sehr man frevelt, wenn man einerseits Vorstellungen, die zu einer gewissen Zeit einen Sinn hatten, jetzt aber zu veraltetem Phrasenkram geworden, unsrer Partei wieder als Dogmen aufdrängen will, andrerseits aber die realistische Auffassung, die der Partei so mühvoll beigebracht worden, aber Wurzeln in ihr geschlagen, wieder durch ideologische Rechts- und andre, den Demokraten und französischen Sozialisten so geläufige Flausen verdreht.

Karl Marx wehrte sich dagegen, den Kommunismus als Ergebnis moralischer Überlegungen zu sehen. Als (abtrünniger) Hegelianer ersetzte er die Wirkung der Moral nämlich durch den Glauben an eine zielgerichtet und sinnvoll ablaufende Geschichte. Der Kommunismus beschreibt eine notwendige Entwicklung auf Grund der inneren Widersprüche des Kapitalismus, keine moralische Forderung. Ideen von „Gerechtigkeit“ würden zum Überbau gehören, der aus dem praktischen Leben der Menschen, aus den Produktionsverhältnissen erwüchsen. So formuliert Marx schon früh in der Deutschen Ideologie:

Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hier — mit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein.

Die deutsche Sozialdemokratie hat allerdings — zum Spott Marx’ – schon sehr früh Forderungen nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, eine gerechten Güterverteilung erhoben. Damit blieb sie für Marx in der „bürgerlichen“ Gedankenwelt hängen.

Als in der deutschen Sozialdemokratie diese nichtmarxistische Fraktion immer mehr an Boden gewann, hat [Rosa Luxemburg den Wunsch nach Gerechtigkeit scharf gegeißelt], der aus allen Poren dieser sogenannten Revisionisten troff:(https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/kap2-2.htm „marxists.org: Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?“):

Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts andres heimzubringen als ein blaues Auge.

Marx und Luxemburg haben dabei eines klar gesehen: In einer strikt materialistischen und säkularen Weltanschauung hat Rede von „Gerechtigkeit“ keinen Platz, die ja doch ein metaphysischer Begriff ist.

Tipp: Bringen Sie einen Politiker, der von „sozialer Gerechtigkeit“ erzählt, ins Schwitzen, in dem sie genauer nachfragen, was damit gemeint ist. Erwähnen Sie noch Karl Marx und beobachten Sie die folgenden Verwicklungen.

Philippus der Evangelist

Grab des Philippus. Quelle: Joachim Schäfer -  <a href="https://www.heiligenlexikon.de">Ökumenisches Heiligenlexikon</a>

Grab des Philippus. Quelle: Joachim Schäfer –
Ökumenisches Heiligenlexikon

Jesus war zwar schon durch Samarien gereist, doch wie die Apostelgeschicht in dem Abschnitt berichtet, der am 6. Sonntag der Osterzeit des Lesejahrs A zu hören ist, war es Philippus, der in Samarien sehr erfolgreich missionierte.

Philippus? Ja, aber nicht der Apostel, sondern der „Evangelist“, also der Überbringer der frohen Botschaft. Philippus war einer der sieben, die zum Dienst an den Tischen ausgewählt wurden, nachdem hellenistische und hebräische Christen aneinandergeraten waren (Apg 6). Nach der Steinigung des Stephanus und der zunehmenden Verfolgung der Christen in Jerusalem zog Philippus dann nach Samarien, wo er sogar den Simon Magus bekehrte, der sich vorher durch allerlei Scharlatanerie als mit besonderer Macht erfüllter Mann ausgab.

Dass es sich hier nicht um den Apostel Philippus handelt, wird aus dem Folgeabschnitt deutlich. Denn er konnte eben nur mit Wasser auf den Namen Jesu taufen, hatte aber nicht die Vollmacht, wie die Apostel den Heiligen Geist herabzuflehen. (Apg 8,5-13)

Philippus wurde dann von einem Engel aufgetragen, nach Süden zu ziehen. Auf der Straße von Jerusalem nach Gaza traf er den Kämmerer der äthiopischen Königin, der entweder ein Jude war oder sich zumindest dem Judentum gegenüber sehr aufgeschlossen war. Er las jedenfalls im Buch Jesaja. Philippus legte es für ihn aus — und zwar so treffend als Vorausschau auf Jesus Christus, dass sich der Kämmerer taufen ließ. (Apg 8,26-40)

Der „Evangelist“ zog dann nach Ashdod und Caesarea, wo er mit seinen vier Töchtern, „prophetisch begabten Jungfrauen“, lebte. Paulus und Lukas begegneten ihm in Caesarea (Apg 21,8-9). Später zog er nach Hierapolis, wo er auch starb. Ein vor kurzem gefundenes Philipps-Grab in Hierapolis könnte seines gewesen sein — oder das des Apostels Philippus. Hierüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Fund des Grabes war aber so oder so sensationell. Ein spannender Bericht dazu beim „Sendboten des hl. Antonius“ schildert, dass in der Antike hier ein regelrechtes Pilgerzentrum entstanden war.

In der heutigen Zeit, in der Verkündigung wieder so wichtig geworden ist, tut es gut, auf Philipp den Evangelisten zu schauen, der — oftmals auf sich allein gestellt — offen, aber in die Situation hinein die frohe Botschaft verkündet hat.

Das lachende Rijksmuseum

Wie kann an sich seinen Museumsbesuch interessanter machen? Der Brite Olly Gibbs hat bei einem Besuch im Amsterdamer Rijksmuseum eine Möglichkeit gefunden: Er photographiert Bilder und Skulpturen, die besonders grantig dreinschauen, und legt einen Filter darüber, der für ein strahlendes Lächeln sorgt. Die Ergebnisse sind überraschend:

Nun schwören ja Photographen schon länger darauf, dass man durch die Kamera Kunstwerke ganz anders anschauen würde. Wenn man sie dann noch etwas verändern kann, macht das die Auseinandersetzung noch einmal intensiver. Ein kleines Beispiel von Olly Gibbs:

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Nebenbei staunenswert, wie gut die Fotofilter heute schon (unter den richtigen Bedingungen) arbeiten. Manche Münder passen richtig ins Bild hinein.

Man kann die Bilder wunderbar beim Daily Telegraph ansehen. Auch BBC hat berichtet, und die niederländische Website trouw.nl.

Ein paar Beobachtungen zu Glawischnigs Rücktritt

Der genaue Zeitpunkt von Eva Glawischnigs Rücktritt wurde durch die deutsche Zeit erzwungen, die ihre Absichten vorzeitig publik gemacht hatte. (Im übrigen: Gratulation an die Zeit-Journalisten Joachim Riedl und Florian Gasser, die das schon vor den österreichischen Medien herausgefunden hatten!) Offenbar war der interne Druck zu groß geworden, vor den vorgezogenen Nationalratswahlen Änderungen an der Bundesspitze vorzunehmen1 — das hätte sie vielleicht noch bis zur Wahl irgendwie unter der Tuchent halten können, doch lange wäre das nicht gut gegangen.

Weit weg vom Puls der Zeit

Dabei sind die Umfragen für die Grünen nichts besonders schlecht — aber auch nicht besonders gut. Die Befragungsergebnisse schwanken ziemlich um das letzte Nationalratswahlergebnis herum. Das ist für eine Partei, deren Themen mit den momentanen Sorgen vieler Menschen eher wenig zu tun haben, bemerkenswert. Weder bei Diskussionen über die Verbesserung der Wirtschaftslage noch bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise oder der Reformdiskussion zum Sozialstaat sind die Grünen durch substantielle Beiträge aufgefallen, wie auch Gerald John im Standard vermerkt.

Das ist aber nur zum geringeren Teil Glawischnigs Schuld. Hier haben die Grünen ein grundsätzliches Problem, weil sie soziologisch eine Partei gut situierter Personen ist, die mit all diesen Themen höchstens indirekt konfrontiert sind. Und es sich auch leisten können, etwa durch Übersiedlung, Privatschulen etc. den Problemen aus dem Weg zu gehen. So gesehen der Inbegriff einer Establishment-Partei.

Das Potential dieser Leute haben die Grünen gut ausgeschöpft. Mehr wäre wohl nur durch einen Politikwandel möglich, der den Verlust angestammter Wähler bedeuten könnte.

Feministische Rhetorik und Wirklichkeit

Spannend aber ist Glawischnigs Begründung:

Aber in aller Offenheit: Ich habe eine Familie, ich habe zwei wunderbare Kinder, zwei Söhne. Und es hat körperliche Warnsignale gegeben, die ich ernst nehmen muss. Ich habe gegenüber meiner Familie eine Verantwortung und meinen Kindern, dass ich gesund bleibe, dass ich in voller Gesundheit für sie da bin.

Als Mutter Gesundheit aufs Spiel zu setzen, den allergischen Schock, das Wissen, dass eine Spitzenfunktion in der Politik 24-Stunden-Verfügbarkeit Sieben-Tage-die-Woche bedeutet hat mich zu der Entscheidung bewogen, in der Zeit, wo sie mich eben noch ganz besonders brauchen, mich gegen dieses berufliche Engagement zu entscheiden.

Es wäre unfair, ihr nicht abzunehmen, dass das eine wesentliche Rolle in ihren Überlegungen gespielt hat: Die Tortur eines Wahlkampfs auf sich zu nehmen, mit samt den Querschüssen der bereits zahlreichen innerparteilichen Kritiker und der hohen Chance, dass das Ergebnis zu ihrem Rücktritt führt. Dafür muss es nämlich nicht einmal schlecht sein, wie Alexander van der Bellen nach den marginalen Verlusten der Grünen 2008 erfahren musste.

Dann besser gleich zurücktreten.

Aber wie klingt das für jemanden, der sich als Feminist positioniert? Sie gibt den Beruf zu Gunsten ihrer Kinder (!) auf. Was hat sich nicht die frühere deutsche Familienministerin Kristina Schröder anhören müssen, als sie sagte, sie wolle mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen und werde deswegen das Ministeramt aufgeben! Sie sei ein schlechtes Rollenmodell. Was sei denn mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie müsse doch zeigen, dass man das alles zusammen schaffen könne.

Nichts musste sie. Kristina Schröder ließ sich nicht beirren.

Aber dass gerade Glawischnig zumindest in der Praxis erkennt, dass manche feministische Phrase hohl ist, scheint doch bemerkenswert. Man kann eben nicht alles zusammen schaffen, nicht als Mutter und auch nicht als Vater. Man will eigentlich auch gar nicht: Schließlich wollen die meisten Eltern ja mit ihren Kindern auch Zeit verbringen. Sie aufwachsen sehen.

Aber ich möchte nicht wissen, wie eine noch kinderlose Glawischnig einer Kollegin über den Mund gefahren wäre, die diese Argumente für einen Entscheidung zu Gunsten weniger beruflicher Belastung benutzt hätte.


  1. Beim Konflikt mit den Jungen Grünen, den die Bundesspitze so unsouverän gelöst hat, fielen die Rücktrittsforderungen von Flora Petrik ja offenbar sehr schnell auf fruchtbaren Boden, obwohl Petrik überhaupt kein politisches Gewicht hatte. Ein Zeichen, wie sehr es eigentlich schon damals gegoren hat. 

Christlich geht (nur) links? Über eine neue Initiative.

Website christlichgehtanders.at

Website christlichgehtanders.at

Der Name ist Programm — und das ist auch schon das Problem. christlichgehtanders.at nennt sich eine „breite Sozialinitiative“, die das „Ziel der sozialen Gerechtigkeit ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Debatten“ rücken will, so kathpress. Dabei geht es um eine bewusste Abgrenzung von jenen, die ein auf Freiheit und Selbstverantwortung aufgebautes Wirtschaftsmodell für kompatibel mit dem christlichen Glauben halten. Denn „christlich geht anders!“.

Wobei „christlich“ hier einfach als Synonym für typisch linke Forderungen steht. Von Subsidiarität und Personalität, diesen Grundpfeilern der katholischen Soziallehre ist keine Rede. Dafür vom „aktiven Sozialstaat“, der angeblich in Gefahr wäre. Bei Sozialquoten um die 30%! Trotzdem werden „Angriffen auf den Sozialstaat“ herbeiphantasiert, die „Angriffe auf uns alle“ seien. Wer hohe Vermögensteuern ablehnt, hat offenbar ebenso verwirkt, sich Christ nennen.1

Die „Solidarischen Antworten auf die soziale Frage“, die die Initiative geben will, sind von einer bemerkenswerten Realitätsferne getrieben und stellen die kritisierten Positionen völlig verzerrt dar.

Folgende Passage illustriert schön, dass die Verantwortlichen reich an Platitüden sind, aber arm an Wissen: „Diese Probleme sind Resultat eines Prozesses, der von der Vorstellung geleitet wird, eine ‚unsichtbare Hand des Markts‘ würde die individuellen Egoismen ins allgemeine Beste verwandeln. Diese Vorstellung widerspricht der Grundbotschaft des Christentums: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe bedingen einander, bilden ein Ganzes und ermöglichen soziale Gerechtigkeit und Frieden.“

Wer die einschlägige Passage bei Adam Smith gelesen hat, weiß, wie falsch er hier wiedergegeben wird. Und grundsätzlich kann man sozialwissenschaftliche Beobachtungen nicht gegen moralische Grundsätze ausspielen. Das sind verschiedene Kategorien, deren Vermischung zwar gerne geübt wird, aber dadurch nicht besser wird.

Und wo es eine Grundbotschaft des Christentums zu „sozialer Gerechtigkeit“ im heutigen Sinn gäbe2, muss man mir erst zeigen. Die Idee dieser vom konkreten Handeln und Personen losgelösten abstrakten „sozialen Gerechtigkeit“ wäre den frühen Christen wohl auch reichlich absurd erschienen.

Ja, im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten katholische Philosophen die Idee einer Gemeinwohl- oder Sozialgerechtigkeit, die allerdings mit dem heutigen Verständnis der „sozialen Gerechtigkeit“ wenig zu tun hat. Siehe nur die Enzyklika Quadragesimo anno. Das kann man sehr anschaulich in einem kurzen Artikel der Heritage Stiftung lesen.

Es ist amüsant, wenn Menschen, die sich sonst gerne so inklusiv wie möglich geben, so offensiv anderen Menschen das Christlichsein absprechen, wenn sie in migrations-, sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen anderer Meinung sind. Aber auch beängstigend. Christlich sein geht anders.


  1. Dafür ist Gendern wichtig, wobei nicht ganz klar hervorgeht, welche der gängigen Theorien zu unterstützen ist. Man scheint noch dem heteronormativen binären Gendern verpflichtet. Das geht doch auch anders! 
  2. Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ ist freilich sehr dehnbar. Heute wird er sehr stark in Richtung „Gleichheit“ definiert: „Gleiche Ausgangsbedingungen“ und „gleiche Ergebnisse“ durch entsprechende zentrale staatliche Eingriffe. Siehe z.B. Arbeit & Wirtschaft des ÖGB und der Arbeiterkammer. 

Griechenland wächst wieder

Die Griechenland-Krise hat Europa über Jahre in Atem gehalten, und ist in Wahrheit noch längst nicht vorbei. Schuldenschnitt und die Übernahme der Gläubigerposition durch die öffentliche Hand anderer EU-Mitgliedstaaten oder durch gemeinsame Einrichtungen auf der einen Seite, Spar- und Reformmaßnahmen in Griechenland auf der anderen Seite sollten die Situation unter Kontrolle bringen und vor allem wieder eine Zukunftsperspektive eröffnen.

Letzteres ist nach vielen Jahren der Tränen in Griechenland der Fall. Die Wirtschaft wächst wieder. In der Frühjahrsprognose hat die EU-Kommission für Griechenland 2017 ein BIP-Wachstum von 2,1% prognostiziert. Die Prognose der griechischen Regierung liegt etwas darunter. Jedenfalls wäre das ein höherer Wachstumswert, als er für viele andere EU-Staat vorhergesagt wird, z.B. Italien (0,9%), Österreich (1,7%) oder Deutschland (1,6%).

Das ist umso bemerkenswerter, als die griechischen Staatsausgaben seit Jahren rückläufig sind und momentan de facto stagnieren. Weitere Kürzungen sind bereits paktiert. Durch die Sparmaßnahmen konnte 2016 ein Primärüberschuss — also die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung des Staates vor Berücksichtigung des Schuldendienstes — von 0,7% des BIP erzielt werden, also höher, als ursprünglich vereinbart.

Hauptverantwortlich für die Rückkehr des Wachstums ist der Tourismus, wenn man der Analyse der Kommission glauben darf. Dieser einzig nennenswerte „Export“ Griechenlands profitiert sehr von der Türkeikrise und Terrorwarnungen in anderen Ländern. Vielerorts hofft man aber offenbar auch, das Schlimmste überwunden zu haben. Der private Konsum zieht wieder an (+1,4%) und nach Jahren schrumpfender Kapitalstöcke wird auch wieder investiert (+6,3%).

Wenn jetzt noch Regierung und Geldgeber die Unsicherheit darüber, wie man nach dem Auslaufen des Hilfsprogramms weiter vorgehen wird, beseitigen könnten, würde einer langsamen Erholung Griechenlands nichts im Wege stehen.

Der 1. Petrusbrief

In der Osterzeit werden im Lesejahr A durchgehend Abschnitte aus dem 1. Petrusbrief gelesen, einem dichten und poetischen Text. So auch heute, wo Vers 22 des Psalm 117 (118) auf Jesus Christus gedeutet wird:

Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde1. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,2 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde3, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Den Psalmvers über den Stein, den die Bauleute verwarfen, hat nach der Apostelgeschichte Petrus auf Jesus Christus bezogen4, als er sich vor dem Sanhedrin verteidigten. Wie später die historisch-kritischen Exegeten staunen da auch die Hohenpriester darüber, wie verständig die „ungelehrten und ungebildeten“ Apostel vor ihnen sprechen.

Petrinisch oder nicht?

Die sogenannten „Katholischen Briefe“ fristen trotz mancher in ihnen zu hebenden Schätzen neben dem paulinischen Werk ein wenig ein Schattendasein. Dazu kommen Zweifel an der Identität der Verfasser. So stellt das Portal der Deutschen Bibelgesellschaft, bibelwissenschaft.de, fest:

Der 1Petr erhebt im Präskript den Anspruch, vom Apostel Petrus verfasst worden zu sein. Dieser Anspruch ist in der Alten Kirche auch weithin anerkannt worden. […] Trotzdem sollte der pseudepigraphe Charakter des Briefes nicht bezweifelt werden, denn er bietet mehrfach Anachronismen für die Zeit des Apostels Petrus.

Die äußeren Indizien sprechen deutlich dafür, dass der Brief von Petrus autorisiert wurde. Aus dem Brief wurde schon von den frühen kirchlichen Autoren zitiert, so von Irenäus von Lyon oder Clemens von Alexandrien. Wenn ein Urheber genannt wird, dann immer Petrus, wie im 30. Canon des Hippolyt.

Der Brief selbst beginnt ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus und endet mit der Erwähnung, dass Silvanus der Schreiber des Briefes war; auch Markus sendet einen Gruß an die Adressaten. Silvanus war wiederum ein Begleiter des Paulus.

Nun war das Autorenverständnis der Antike anders als unser heutiges. Doch ein Brief, der ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus beginnt, musste auch nach antikem Verständnis petrinisch sein — auch wenn ihn Silvanus aufgesetzt haben mag und Petrus vielleicht nur ein Gerüst vorgegeben und das Ergebnis abgenommen hat. Dieses — in Chefetagen bis zum Beginn des Computerzeitalters übliche — Vorgehen erklärt auch leicht, warum das verwendete Griechisch so stilvoll ist.

Anachronismen liegen im Auge des Betrachters

Da also keine antiken Quellen an der Urheberschaft des Petrus zweifeln und der Brief selbst sich eindeutig Petrus zuordnet und sogar seinen Schreiber nennt, so werden doch Zweifel auf Grund von „Anachronismen“ erhoben.

Dabei besteht grundsätzlich das Problem, dass die Beurteilung, ob etwas zur Zeit der Abfassung des Briefes ein Anachronismus war oder nicht, kaum aus zeitgenössischen Quellen geschöpft werden kann, sondern aus der jeweiligen Rekonstruktion der Entwicklung christlichen Gemeindenlebens gefolgert wird.

So wird die Nennung einer Gemeindeleitung in 1 Petr 5 im erwähnten Artikel als Anachronismus bezeichnet, obwohl natürlich sich in jeder Gemeinschaft rasch Strukturen bilden, damit sie funktioniert. Die Paulusbriefe legen davon beredt Zeugnis ab.

Ebenso ist die frühe Verbreitung des Christentums in Kleinasien durch Paulus bezeugt, aber auch durch andere frühchristliche Autoren wie Papias von Hierapolis. Durch die Nähe zu Israel, insbesondere auf dem Schiffsweg, und die Klammer des Griechischen als Verkehrssprache war das ein naheliegendes Missionsgebiet.

Schließlich ist auch die Verfolgung kein Anachronismus, sondern Begleiter der frühen Christen von Anfang an, wie wiederum die Apostelgeschichte erzählt. Stephanus wird gesteinigt, Paulus zieht zur Verfolgung aus. Petrus wird gefangengenommen, kann aber wunderbar entkommen. Später müssen die Apostel aus Jerusalem fliehen. Paulus wiederum wird wiederholt festgesetzt. Das junge Christentum war eine Provokation!

Deswegen rät ja auch Paulus ständig, im Lebenswandel keinen Anstoß zu erregen, siehe z.B. den zweiten Korintherbrief. Genauso der erste Brief des Petrus, in dem die Christen aufgefordert werden, als vorbildliche Mitbürger zu wirken, damit „selbst die überzeugt werden, die euch bösartig verleumden.“ Einige heute gern kritisierte Verhaltensregeln werden ja explizit damit argumentiert, nicht zusätzlichen Unwillen hervorzurufen. Christsein war schon so gefährlich genug.

Es ist auch heute vielerorts gefährlich genug, sich zu Christus zu bekennen. Und so sind die Mahnungen und Ermunterungen des 1. Briefs des Apostels Petrus auch darin aktueller, als es mir lieb ist.


  1. Jesaja 28,16 
  2. Psalm 117,22 
  3. Exodus 19,5-6. In der Auferzählung werden noch weitere Stellen des Pentateuch referenziert. 
  4. Apostelgeschichte 4,11