Eine Karte der Odyssee

Die Odyssee selbst und viele ihrer Elemente sind heute noch sprichwörtlich, wie etwa die Wahl zwischen Skylla und Charybdis; der betörende Sirenengesang; das Becircen. Die Erlebnisse des listenreichen Odysseus, der doch immer wieder in neue Schwierigkeiten gerät, sind märchenhaft und doch mit vielen Parallelen zu unseren Erfahrungen. So ist es auch mit der Geographie seiner Reise, die zwischen Ortskundigkeit und großer Phantasie schwankt und daher zu verschiedenen Verortungen der Handlung Anlass gegeben hat.

The Odyssey Map von Gisele Mounzer

The Odyssey Map von Gisele Mounzer

Eine populäre Anordnung der Orte der Odyssee kann man auf der „Odyssey Map“ sehen, die von Gisele Mounzer erstellt wurde. Eine schöne Art, der Reise des Odysseus zu folgen. (Ob eine Lokalisierung der Insel Aiaia, der Heimat der Circe, auf den Balearen vertretbar ist, weiß ich allerdings nicht.)

Eine andere Art besteht darin, das Buch von Armin Wolf (nicht der Journalist, sondern der Historiker) zu lesen. Darin beschreibt er die Hypothese, wie auf Grund akribischer Vergleiche der Reiseschilderungen der Odyssee mit nautischen Daten (die vor allem sein Bruder Hans-Helmut Wolf leistete) eine Reiseroute des Odysseus rund um Sizilien und quer über Kalabrien ausgesehen haben könnte. „Homers Reise: Auf den Spuren des Odysseus“ verfolgt dabei nicht den Ansatz, damit eine Historizität der Ereignisse zu behaupten, sondern will zeigen, dass Homer seinen Zuhörern eine Geschichte innerhalb des Horizonts der griechischen Welt erzählte. Ähnliches gelang ja auch überzeugend für die Illias.

Eulenzauber

Vor vielen Jahren habe ich Alan Garners „Eulenzauber“ gelesen, eine Paraphrase auf den vierten Zweig des alten walisischen Epos Mabinogion im Wales der Gegenwart. Der Gegenwart der Sechziger Jahre. Da war von Harry Potter und seinen modernen Epigonen noch keine Rede, und das merkt man dem Buch wohltuend an.

Geradezu dürr erzählt es von drei Jugendlichen, dem Mädchen Alison, ihrem Stiefbruder Roger und dem Sohn der Köchin, Gwyn, die für den Sommer in einem walisisches Tal zusammenkommen. Ein rätselhaftes Geschirrservice steht am Beginn einer Kette von Ereignissen, bei der sich Gegenwart und mythische Vergangenheit auf bedrohliche Weise vermischen.

Alan Garner wurde für diesen Roman mit der Carnegie Medal für das beste Kinderbuch eines britischen Autors ausgezeichnet, ebenso mit dem Guardian Children’s Fiction Prize.

Aber in der besten Tradition britischer Jugendliteratur ist dieses Werk nicht bloß für Pubertierende interessant, sondern auch für Erwachsene. Das Hereinbrechen der walisischen Mythen in die Realität ist völlig glaubwürdig geschildert, und macht zudem neugierig auf die übrigen Erzählungen aus dem Mabinogion. Auch nach vielen Jahren: Leseempfehlung.

Wenn die Via Appia eine U-Bahn wäre …

Vielleicht erinnern sich manche noch an das Projekt Orbis, das der Österreicher Walter Scheidel und Elijah Meeks an der Universität von Stanford verwirklicht haben. Orbis ist sozusagen ein Navi für das Römische Reich zur Zeit des Septimius Severus, mit ein paar der Quellenlage geschuldeten Abweichungen vom Zeitrahmen. Ich habe in diesem Blog über eine frühere Version schon geschrieben.

Römisches Straßennetz ca 125 n Chr - Urheber Sasha Trusbetskoy

Römisches Straßennetz ca 125 n Chr – Urheber Sasha Trusbetskoy

Sasha Trubetskoy hat das Straßennetz des Römischen Reiches ebenfalls fasziniert. Und da er ein begeisterter Kartograph ist, musste daraus eine Karte der wichtigsten Straßen werden, ähnlich einer U-Bahn-Streckenkarte. Die Städte sind die Stationen, die Straßen sind farbcodiert. Soweit bekannt, hat er die Straßen mit ihren echten Namen bezeichnet. Sonst nahm er sich in der Namensgebung einige Freiheiten, wie er freimütig schreibt, damit alle dieser „römischen Autobahnen“ auch einen Namen haben.

Wem diese faszinierende Karte besonder gut gefällt, der kann beim Urheber auch ein hochauflösendes PDF für ein Poster oder ähnliches bestellen.

Antonio Salieri: Ein paar Streifzüge in die „Schule der Eifersucht“

Antonio Salieri wird als bedeutender Meister der Musikerziehung, aus dessen Unterricht viele berühmte Komponisten und Sänger hervorgingen — man denke nur an Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Giacomo Meyerbeer oder auch Catarina Cavalieri — sehr geschätzt. Es war ihm eben nicht bloß eine Gelegenheit, sein Salär aufzubessern, sondern ein echtes Anliegen, wie sich auch in seinem späteren Engagement für die Gründung eines Musikkonservatoriums in Wien zeigte.

Doch das wäre alles nicht möglich gewesen, hätte er sich nicht zuvor schon einen glänzenden Ruf als Komponist erarbeitet. Einige Beispiele dafür konnte man in letzter Zeit wieder hören. Vor allem seine komischen Opern werden wieder entdeckt.

So spielte das Wiener „Theater an der Wien“ vor kurzem seinen Falstaff. Bereits 2015 erarbeitete Werner Ehrhardt mit „L’arte del mondo“ das erfolgreiche Dramma giocoso La scuola de’ gelosi, die „Schule der Eifersüchtigen“, wie es auf Deutsch genannt wurde, in einer konzertanten Fassung, die auch auf CD erhältlich ist. Hier die Sinfonia, sprich: die Opernovertüre, gespielt von „L’arte del mondo“:

Wie es in Barock und Klassik gang und gäbe war, wurde auch diese Oper je nach Aufführungsort und vorhandenem Ensembe adaptiert und einzelne Nummern geändert. Das schwungvolle Stück wurde in Venedig uraufgeführt, aber für Aufführungsserien in Wien umgearbeitet. Für Änderungen des Librettos — ursprünglich von Caterino Mazzolà — zeichnete in Wien wahrscheinlich Lorenzo da Ponte verantwortlich. Ein Amalgam der verschiedenen Wiener Fassungen zeigt derzeit die Kammeroper in Wien. Die Chancen auf eine spätere Veröffentlichung auf Video stehen ziemlich gut.

Cecilia Bartoli hat die Arie Ah sia gia de‘ miei sospiri der Wiener Fassung eingespielt — ein bewegtes Stück einer betrogenen, aber hoffenden Ehegattin. Dass sich ein solches Stück nahtlos in den Rahmen einer komischen Oper einfügt, ist der Meisterschaft Salieris geschuldet.

Die Oper ist zudem für ein bezauberndes Quintett berühmt, das von keinem geringerem als Johann Wolfgang von Goethe als „anbetungswürdig“ bezeichnet wurde und Adolph Freiherr Knigge in höchsten Tönen lobte: „Harmonie, ohne Schwulst, mit klarem, reinen Gesange verbunden, Kunst mit Klarheit und Deutlichkeit und eine eigene Instrumentalbegleitung, die sich ganz von den Singstimmen entfernt, aber doch dieselben mehr erhebt als verdunkelt, finden wir hier vereint, und in ein meisterhaftes Ganzes verwebt. Dies Quintett ist mehr wert, als hundert ohne Sinn Ausdruck und Leben, auch nach den strengsten Regeln ängstlich hingeschriebene Fugen.“

In diesem Quintett — Ah la rabbia mi divora — vermischen sich auf komische Weise die verschiedenen Intrigen, die von den Protagonisten gesponnen werden. So gibt sich der eifersüchtige Ehemann gut gelaunt, als ob er eine Geliebte hätte („la lan la“), der umtriebige Graf versucht mit einem Kartenspiel die Gattin des Eifersüchtigen zu verführen, die das Spiel ihrerseits zur Bestrafung des eifersüchtigen Gatten mitspielt. Die Gräfin wiederum gibt sich gleichgültig ob der Untreue des Grafen, um ihn selbst eifersüchtig zu machen. Und der alle Intrigen koordinierende Leutnant kommentiert und greift immer wieder ein. Ein herrlicher Spaß, wieder in der Aufnahme von „L’arte del mondo“:

Das Autograph dieses Quintetts kann man übrigens digitalisiert einsehen.

Im Dezember 2016 konnte man die Oper übrigens erstmals in moderner Zeit tatsächlich auf der Bühne sehen, mit Kostümen, Dekoration und Regie. Jacopo Cacco und Giovanni Battista Rigon transkribierten dazu das Autograph aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Es spielten die Virtuosi Italiani unter Rigon, Regie führte Italo Nunziata. Es existiert offenbar ein Mitschnitt, mit einer Veröffentlichung ist wohl zu rechnen. Hier eine Arie des Leutnants, gesungen von Manuel Amati, die in Wien ersetzt wurde:

Das lachende Rijksmuseum

Wie kann an sich seinen Museumsbesuch interessanter machen? Der Brite Olly Gibbs hat bei einem Besuch im Amsterdamer Rijksmuseum eine Möglichkeit gefunden: Er photographiert Bilder und Skulpturen, die besonders grantig dreinschauen, und legt einen Filter darüber, der für ein strahlendes Lächeln sorgt. Die Ergebnisse sind überraschend:

Nun schwören ja Photographen schon länger darauf, dass man durch die Kamera Kunstwerke ganz anders anschauen würde. Wenn man sie dann noch etwas verändern kann, macht das die Auseinandersetzung noch einmal intensiver. Ein kleines Beispiel von Olly Gibbs:

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Nebenbei staunenswert, wie gut die Fotofilter heute schon (unter den richtigen Bedingungen) arbeiten. Manche Münder passen richtig ins Bild hinein.

Man kann die Bilder wunderbar beim Daily Telegraph ansehen. Auch BBC hat berichtet, und die niederländische Website trouw.nl.

Wunderschön aufblühende Blumen für einen Frühlingstag, der genauso ist

Heute war ein wunderschöner, sonniger Frühlingstag. Also keine langen, gewundenen Analysen, sondern einfach einige wunderschöne, elegant sich entfaltende Blüten:

Wobei: Von wegen einfach. Jamie Scott hat drei Jahre lang unzählige Knospen und ihr Aufblühen gefilmt, und ist dabei auf einige Probleme gestoßen. So wachsen die Blumen natürlich Richtung Beleuchtung — womit er sich einige geplante Lichteffekte für die Zeitrafferaufnahmen in die Haare schmieren konnte. Und da manche der Blumen nur in einem kurzen Zeitfenster blühen, blieb oft nicht viel Zeit für Experimente, wie sie denn am besten ins Licht zu rücken seien.

Mehr über die Herausforderungen des Filmschaffenden kann man bei fstoppers.com lesen.

(Hinweis dank kottke.org)

Sacré Charlemagne

Am 2. April 747, vor 1270 Jahren, soll Karl der Große das Licht der Welt erblickt haben. Man kann die Bedeutung des ersten abendländischen Kaisers des Mittelalters gar nicht überschätzen. Die von ihm geförderte Karolingische Renaissance hatte für die Überlieferung antiker Texte, der Wiederentdeckung der Bildung, für die Liturgie, unsere Feier- und Kalenderkultur und vieles mehr eine eminente Bedeutung. Die Vereinigung weiter Teile Europas schuf einen Ideenraum, der auch in den folgenden Jahrhunderten wirkmächtig werden sollte.

Freilich gibt es so manchen Schüler, der Karl dem Großen immer noch wegen seiner Förderung der Erziehung und der Einrichtung von Schulen grollen mag. Und so fragt die junge France Gall 1965, wer die verrückte Idee gehabt habe, die Schule zu erfinden — und findet eine Antwort: „Sacré Charlemagne“. Ein nettes Wortspiel, weil es entweder „heiliger Karl der Große“ oder „verdammter Karl der Große“ bedeuten mag. Das Lied beginnt bei 00:41.