Very British Villains

Wer US-amerikanische Filme öfter im Original gehört hat, dem wird die allgemeine Liebe zum britischen Akzent wohl schon aufgefallen sein. Insbesondere zum sogenannten „Queen’s English“. Und das ist insbesondere für zwei Arten von Personen reserviert: Raffinierte Bösewichte oder als Personifikation von Bildung, Eleganz und gutem Benehmen. Das hängt natürlich zusammen — der Bösewicht ist oft ebenfalls gebildet und elegant.

Das akademische Archiv JStor hat auf seinem Blog einen informativen Eintrag dazu, der auch allgemein darauf eingeht, wie der Dialekt und Akzent eines Sprechers unsere Einschätzung desselben maßgeblich beeinflussen. So hielt in einem Experiment der gleiche Vortragende den gleichen Vortrag einmal im Birminghamer Dialekt, einmal in der „Received Pronounciation“. Nach dem Vortrag im Dialekt wurden seine Intelligenz und der Gehalt seines Vortrags weit niedriger eingestuft als nach dem Vortrag in Received Pronounciation.

Aber zurück zu den Filmbösewichten. Ein anderer Blogger hat einige Gründe zusammengetragen, warum selbst in Disney-Zeichentrickfilmen die bösen Tiere oft einen britischen Akzent haben. Neben der Geschichte der USA selbst tragen dazu wohl noch zwei Umstände bei: Received Pronounciation klingt deutlich anders als das typische Amerikanisch, ist aber trotzdem für den amerikanischen Zuseher verständlich. Und: Niemand wird des Rassismus verdächtigt, wenn alle Bösewichte Briten sind. Das ist im politisch sensiblen Hollywood nicht zu verachten.

Zum Trost: Es gibt ja noch James Bond. Kein Bösewicht, trotzdem britisch.

Im JStor-Artikel ist ein passendes Video u.a. mit Sir Ben Kingsley eingebettet, dass so köstlich mit den Klischees jongliert, dass ich es auch gleich zeigen muss:

Sankt Agnes vor den Mauern

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch


Die heilige Agnes muss eine sehr beeindruckende Person gewesen sein. Nach ihrem Martyrium im 3. Jh. im Zuge der römischen Christenverfolgungen wurde sie sehr bald verehrt, wie z.B. der hl. Ambrosius berichtet. In Rom zeugen zwei Kirchen besonders von der Verehrung der hl. Agnes. Die bekanntere ist Sant’Agnese in Agone, am Ort ihres Martyriums an der heutigen Piazza Navona, dem früheren Circus Agonalis. Sie geht zumindest auf das frühe Mittelalter zurück. Doch weitaus ältere Wurzeln hat Sant’Agnese fuori le mura. Ganz in der Nähe stehen Reste einer konstantinischen Agnes-Basilika, die gewaltige Ausmaße besessen haben muss. Die Basilika wurde von der Kaisertochter Constantia gestiftet, die daneben auch ihr heute noch erhaltenes Mausoleum errichten ließ.

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In den Wirren der Völkerwanderungszeit verfiel die Basilika, so dass Papst Honorius (625-638) eine kleinere Kirche daneben errichten ließ – direkt über dem Grab der hl. Agnes und den Katakomben, in denen viele weitere Menschen begraben sind. Die Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten umgestaltet, doch kann man mit dem wunderbaren Mosaik in der Apsis, dass Papst Honorius, die hl. Agnes im Gewand einer Prinzessin und eine weiteren Papst zeigt, ein Blick in die Entstehungszeit der Kirche geworfen werden. Auch die Säulen, die aus verschiedenen römischen Gebäuden zusammengestellt wurden, sogenannte Spolien, tragen schon seit dem 7. Jahrhundert die Emporen.

Decke in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Decke aus dem Jahr 1606 in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In Sant’Agnese werden jedes Jahr zum 21. Jänner, dem Gedenktag der hl. Agnes, zwei Lämmer durch den Papst gesegnet, deren Wolle für die Pallien verwendet wird, die der heilige Vater den Erzbischöfen als Zeichen ihres Amtes verleiht. Diese Pallien werden dann in Santa Cecilia in Trastevere von den dortigen Nonnen unter Beifügung weiterer Wolle — es gibt einfach schon zu viele Erzbischöfe für zwei Lämmer — gewoben.

Der Zusammenhang Agnes und Agnus (lateinisch für Lamm) ist dabei klanglich offensichtlich. Schon im Apsismosaik wird Agnes mit dem Lamm dargestellt — sie soll auch wie ein Lamm getötet worden sein, nachdem die anderen Tötungsversuche misslangen. Ihre Ziehschwester Emerentiana wurde wenige Tage später gesteinigt, als sie vom Pöbel dabei überrascht wurde, wie sie am Grab der Agnes betete. Ihr Grab ist in der gleichen Kirche, ihr Gedenktag der 23. Jänner.

Carl Zuckmayer begegnet Thomas Bernhard und Karl Barth …

Carl Zuckmayer

Carl Zuckmayer

Vor vierzig Jahren starb der große deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer in Visp in der Schweiz. Der damals gerade Achtzigjährige konnte dabei auf ein bewegtes, durchaus erfolgreiches Leben zurückblicken. Einige seiner Stücke, wie der „Hauptmann von Köpenick“ oder „Des Teufels General“, sind bis heute ein Begriff. Er schrieb an mehreren Drehbüchern mit, so für den „Blauen Engel“ oder den Oscar-Werner-Film „Entscheidung vor Morgengrauen“. Seine Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“ war ein absoluter Bestseller.

Im Ersten Weltkrieg war er hochdekorierter Kriegsfreiwilliger. Doch die Erfahrungen des Krieges hatten ihn zu einem vehementen Kritiker von Militarismus und Kriegsbegeisterung werden lassen. Nach glänzenden Erfolgen kommt mit der Machtergreifung Hitlers die jähe Zäsur. Politisch ist Zuckmayer ohnehin unerwünscht, dazu kommt seine Herkunft, da seine Mutter jüdische Wurzeln hatte.

Freumbichler und Bernhard

„Wiesmühl“-Haus Zuckmayers in Henndorf © Maschinenjunge/Wikimedia

„Wiesmühl“-Haus Zuckmayers in Henndorf © Maschinenjunge/Wikimedia

Der österreichische Ständestaat ist für viele deutsche Kulturschaffende Zufluchtsort, so auch für Carl Zuckmayer, der nach Henndorf am Wallersee in Salzburg ins Exil geht. Dort publiziert er weiter, jetzt vor allem Prosa und Zeitschriftenbeiträge, und pflegt weiter seine Gastfreundschaft zu anderen Schriftstellern im sogenannten „Henndorfer Kreis“. Und er lernt Johannes Freumbichler kennen, einen bis dahin erfolglosen Schriftsteller. Über Vermittlung von Freumbichlers Lebensgefährtin Anna Bernhard erhält Zuckmayer den Entwurf für Freumbichlers Werk „Philomena Ellenhub“; Zuckmayers Frau Alice half Freumbichler bei der Ordnung und Straffung des Werks, Zuckmayer selbst bei der Bewerbung.

Mit Erfolg: 1937 erschien das Werk unter großem Beifall, Freumbichler erhielt den österreichischen Staatspreis für Literatur. Und hatte nun das Geld, um seine liebe Anna Bernhard zu heiraten.

Sein Enkel sollte wesentlich bekannter werden: Thomas Bernhard. Ihm verhalf Carl Zuckmayer 1952 zu einem Job beim „Demokratischen Volksblatt“, der damaligen Salzburger SPÖ-Parteizeitung. Als Jahre später Bernhards erster Roman erschien, war es Zuckmayer, der das Buch mit einer positiven Rezension in der „Zeit“ einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachte.

Ein rheinischer Katholik

Zuckmayer war politisch schwer einzuordnen, was ihm sein Leben oft schwer machte. Und er war etwas anderes, dass ihm das Leben im Literaturbetrieb ebenfalls nicht einfacher machte: Ein im Kern überzeugter Katholik. Damit folgte er seinem Vater, dem rheinhessischen Weinkapselfabrikanten. Seine Mutter war evangelisch. Er hatte seine Phasen der Distanz, des Relativismus, doch, wie er selbst meint, nie eine der Gleichgültigkeit.

Seine Autobiographie teilte Zuckmayer nicht umsonst nach den Horen des Stundengebets ein. In diesem Text berichtet Zuckmayer, dass die katholische Sozialisation seiner Kindheit ein großer Glücksfall für ihn war: Das „große Mysterium der Menschwerdung, das Wunder der Transfiguration“, das „in jeder Messe neu geschieht“, wird in den Ritualen des Gottesdiensts für das Kind Zuckmayer zum selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens. „[E]s ist nichts pietistisch Würdevolles oder Griesgrämiges dabei; hier riecht es nach warmem Brot, dort nach steinkühlem Weihrauch; das Kniebeugen, Niederknien, Händefalten, Kreuzschlagen, das Klingeln der Messglöckchen, das Heben der Monstranz und das Klopfen an die Brust während der tiefen Stille bei der Wandlung, das alles fügt sich ins tägliche Leben ein wie Schlafengehen, Aufstehen, Anziehen, Lernen, Spielen — es ist Sonntag, der allen gehört, und an dem sich der dicke schwarze Mann aus dem Pfarrhaus in eine Heiligenfigur mit prachtvollen Gewändern verwandelt.“

Er schätzte die katholische Autorin Gertrud le Fort, die er als die „größte Dichtertin der Transzendenz in unserer Zeit“ lobte. Im Alter lernt Zuckmayer den evangelischen Theologen Karl Barth kennen und beschäftigt sich über diesen Umweg noch stärker mit seinem Glauben. Eine „späte Freundschaft“, die man auch in den Briefen der beiden nachspüren kann. Sie sind immer wieder verschiedener Meinung, aber sie diskutieren drängende Themen der damaligen Zeit, die Zuckmayer als tieferen Denker ausweisen, als man ihm vielleicht nach dem Klischee zugetraut hätte. Dem Protestanten Barth konnte er anvertrauen, was seine intoleranten Kollegen der Schriftstellerzunft nicht verstanden hätten — den Trost, den ihm die Eucharistie gespendet hat.

Das Ende des Bucentauren

Am 9. Jänner 1798 zerstörten französische Soldaten das Prachtschiff des venezianischen Dogen, den Bucentaur oder Bucintoro. Eine mit kostbaren Schnitzereien und edlen Blattgoldarbeiten verzierte Galeere, die Besucher in Staunen versetzte. So sehr, dass andernorts, etwa in Bayern, prachtvolle Schiffe gleichen Namens nach venezianischem Vorbild gebaut wurden.

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Freilich hatte es mit dem venezianischen Schiff eine besondere Bewandtnis, wurde es doch vom Dogen beim Festa della Sensa bestiegen, dem alljährlich zu Christi Himmelfahrt stattfindenden Fest, in dem Venedig seine Verbundenheit mit dem Meer feierte. Der Bucentaur führt eine Schiffsprozession an, die nach San Nicolò am Lido führte – der hl. Nikolaus ist ein Patron der Seefahrer. Diese „Vermählung mit dem Meer“ war eines der größten Ereignisse des Jahres in der Republik Venedig.

1729 wurde der letzte und vielleicht prachtvollste Bucentaur in Dienst gestellt, ein Meisterstück des Kunsthandwerks. Und wie so oft sind es die Schergen einer „neuen Zeit“, die Kultur und Geschichte vernichtet haben. Und warum? Sicher aus Lust an der Zerstörung, aber wohl auch, weil sie die verwendeten Metalle herausbrechen wollten. Übrigens hat Napoleon, der verantwortliche Kommandant, in Venedig auch sonst eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Eine Stiftung, die Fondazione Bucintoro, versucht seit 2004, einen neuen Bucentaur zu bauen, musste die Arbeiten aber mittlerweile aus Geldmangel einstellen, wenn ich es richtig verstanden habe.

Der Palast des Fürsten Lampedusa

Selbst wer „Il Gattopardo“ (früher als „Leopard“ übersetzt) nicht gelesen hat, kennt sicher einige Zitate aus dem Hauptwerk des italienischen Schriftstellers und Gelehrten Fürst Giuseppe Tomasi von Lampedusa. Zumindest das wird gerne zitiert: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.“

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Nun bietet die von Lampedusa ersonnene Geschichte der sizilianischen Fürstenfamilie Salina, deren Niedergang im Kontext der italienischen Einigung geschildert wird, viel Stoff für zahlreiche Betrachtungen: Über Hoffnung, Scheitern, die Illusion des Fortschritts, menschliches Maß, die Kraft des Glaubens.

Auch Fürst Lampedusa selbst musste mehrere schmerzhafte Verluste verkraften, darunter die Zerstörung seines Palazzos in Palermo durch US-amerikanische Bomben 1943. Diese Erfahrung soll eine der Antriebsfedern für das Verfassen des „Gattopardo“ gewesen sein.

Wie die FAZ berichtet, wurde nun an der Stelle der Wunde, die in der Altstadt Palermos klaffte, ein Wiederaufbau gewagt: Die erhaltenen Teile wurden restauriert, die neugebauten Teile architektonisch in einer harmonischen Weise angeglichen, wie sie in Wien undenkbar wäre.

Fotos von der Baustelle aus dem Jahr 2014 kann man bei Repubblica ansehen, ein sehr schönes Bild aus dem Jahr 2015 auf Amopalermo.

Es ist allerdings im Kontext des „Gattopardo“ eine gewisse Schlusspointe, wenn nun der Stadtpalast der Lampedusas wiederersteht (wenn auch als Mehrparteien-Wohnhaus).

Von Fugen und Doppelfugen

Die Fuge, diese festen kontrapunktischen Regeln folgende imitatorische Verarbeitung eines Soggettos, hat eigentlich nur noch zwei intensive Anwendungsgebiete: Kompositionskurse und Kirchenmusik. Trotzdem geht von ihr auch heute eine enorme Faszination aus, die sich in vielen Publikationen und unzähligen Einträgen in einschlägigen Musikforen niederschlägt.

Das Grundprinzip ist einfach: In einer Fuge wird ein Soggetto (Subjekt), eine musikalische Phrase, zuerst vorgestellt; dann setzt die zweite Stimme mit eben dieser Phrase ein (oft in der Oberquint oder Unterquart, aber nicht immer!), während die erste Stimme mit einer zur zweiten Stimme harmonisch passenden, aber melodisch eigenständigen Musik fortsetzt. So setzt es sich fort, bis alle Stimmen einmal das Soggetto selbst gebracht haben. Nach dieser Vorstellung des Soggettos in allen Stimmen, der Exposition, liegt es nun am Komponisten, wie er ein Stück auf Basis der Imitation des Soggettos so gestaltet, das es weiterhin interessant ist. Entweder durch verschiedene Kunstgriffe wie das Soggetto in seiner Umkehrung, mit vergrößerten Notenwerten oder ähnlichen Veränderungen einzusetzen, oder die Einsätze des Soggettos einander überlappen zu lassen – man nennt das Engführung oder Stretto –, oder durch das Aufsuchen entfernter Tonarten mit abschließender Rückkehr zur Ausgangstonart. Entscheidend ist die Konzentration auf dieses eine Soggetto, aus dem sich das musikalische Material der Fuge speist.

Wer historische Fugen aus dem 17. und 18. Jahrhundert studiert oder musiktheoretische Texte der gleichen Zeit liest, wird bald bemerken, dass die Fuge nicht das enge Korsett der Schulfuge ist, sondern einfach als eine Methode genutzt wird, einen musikalischen Einfall so zu verarbeiten, dass er ein längeres Musikstück tragen kann.

Johann Georg Sulzer definiert es in seiner berühmten, 1771 bis 1774 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ so:

„Ein Tonstük von zwey oder mehr Stimmen, in welchem ein gewisser melodischer Satz, der das Thema genennt wird, erst von einer Stimme vorgetragen, hernach von den andern mit geringen Veränderungen, aber nach gewissen Regeln, nachgeahmet wird; so daß dieses Thema das ganze Stük hindurch wechselsweise, und unter beständigen Veränderungen aus einer Stimm in die andre herübergeht.“ (Schreibweise original)

Das lässt schon einigen Spielraum. Dementsprechend gibt es Dutzende Varianten des Fugenaufbaus, die in manchem Buch eine verwirrende Vielzahl an Klassifikationen hervorrufen.

Manche Fugen verarbeiten mehr als ein Soggetto. Man spricht dann bei zwei Soggettos von Doppelfugen, bei dreien von Tripelfugen, bei vieren von Quadrupelfugen. Dabei gibt es eine interessante Entwicklung: Im 18. Jahrhundert waren Fugen sehr beliebt, bei denen der Soggetto immer mit einem gleichbleibenden Begleiter, dem Contrasoggetto oder Kontrasubjekt, erscheint, wobei das zweite Subjekt manchmal über, manchmal unter dem ersten auftritt und daher im doppelten Kontrapunkt geschrieben sein muss. Solche Stücke wurden damals als Doppelfugen begriffen und darin auch gerne mit beiden Soggettos gearbeitet. So entnimmt Bach in seinen Doppelfugen auch dem zweiten Soggetto Material für die Zwischenspiele. Zuweilen tritt auch das zweite Soggetto im Stück einmal alleine auf.

Im 19. und 20. Jahrhundert bürgerte sich dann langsam der Begriff der „Fuge mit beibehaltenem Kontrapunkt“ für diese Konstruktionen ein, während mit Doppelfuge nur noch solche Stücke bezeichnet wurden, in denen zuerst ein Soggetto, dann das andere durchexerziert wird und erst danach beide kombiniert auftreten. Diese Degradierung vieler barocker Doppelfugen verstellt den Blick dafür, dass eine hohe Kunstfertigkeit notwendig ist, um solche Stücke kontrapunktisch korrekt und mit einem musikalisch sinnvollen Spannungsbogen versehen zu schreiben.

Mehr zur Debatte über den Begriff der Doppelfuge kann man übrigens der Dissertation von Randolph Eichert über „Kontrapunktische Satztechniken im 18. Jahrhundert“ ab Seite 95 entnehmen.

Ein ausführlicher historischer Traktat zur Fuge ist uns von Friedrich Wilhelm Marpurg erhalten. Eine Neuauflage aus dem Jahre 1806 kann man bequem im Internet-Archiv nachlesen.

Freut euch! Ein Lied!

Wann gibt es eine bessere Gelegenheit, ein Weihnachtslied zu verlinken, als mitten in der Weihnachtsoktav? In diesem Fall das lateinische Lied „Gaudete, Christus est natus“. Freut euch, Christus ist geboren.

Wir kennen es aus einer Sammlung frommer Lieder, so die Selbstbezeichnung — piae cantiones –, die 1582 im deutschen Greifswald publiziert wurde. Die Herausgabe besorgte allerdings der Finne Theodor Petri Rutha, der dem Druck eine Liedersammlung aus der finnischen Bischofsstadt Turku zu Grunde legte.

Viele insgesamt 74 lateinisschen Lieder sind wohl deutlich älter als das Jahr der Drucklegung vermuten ließe. Einige von ihnen werden sogar in der Zeit um 1300 verortet, andere waren zeitgenössisch. Offenbar wurden auch einige Texte geändert, da man nach der Einführung der Reformation die Lieder ansonsten wohl nicht mehr hätte singen dürfen. Alles in allem wurde durch den Druck dieses alte Liedgut aber gerettet, da es von da an oft im Schulbetrieb der folgenden Jahrhunderte genutzt wurde und konfessionsübergreifend auch liturgische Verwendung fand.

Alle Texte der Piae Cantiones sind dankenswerterweise bei Mats Lillhannus online verfügbar.

Robusta ruft!

Robusta 2014 Wahlaufruf © Alipius Müller

Robusta 2014 Wahlaufruf © Alipius Müller

Momentan blühen die Hollerblüten auf diesem Blog eher sporadisch. Daher habe ich völlig vergessen, zur Abstimmung für den höchsten, wichtigsten, stolzesten und so weiter Preis der Blogwelt aufzurufen. Zumindest der irgendwie nicht unkatholischen, der deutschen Sprache mächtigen Blogwelt. Sprich: Zur Abstimmung für die Robusta 2014. Oder offiziell: Der „Schwester-Robusta-Award der deutschsprachigen Blogoezese“, den Erzblogger Alipius freundlicherweise wieder betreut.

Der Hollerbusch ist diesmal nicht dabei, aber eine große Fülle toller Blogs, die dort zu entdecken sind. Dabei gibt es gleich zwei Kategorien für „Trägheit“, was beweist, dass ich nicht der einzige Blogger bin, dem es schwerfällt, regelmäßig zu posten 😉

Wenn man vor lauter Auswahl gar nicht weiß, wenn man wählen soll — keine Angst, man hat noch bis Leopoldi (15. November) Zeit, um abzustimmen. Bis dahin kann man sich ja fleißig durch die Blogwelt arbeiten.

Bach, die Komponistin?

Das Schweizer Fernsehen beglückte die Zuseher vor einer Woche mit der Entdeckung, Anna Magdalena Bach, die zweite Ehefrau von Johann Sebastian Bach, hätte die sechs Suiten für Cello, BWV 1007-1012, komponiert. „Written by Mrs Bach“ hieß die dazugehörende Doku, die auf der Arbeit des Australiers Martin Jarvis basiert.

Leider steckt dahinter kein akribisches Quellenstudium, sondern vor allem Wunschdenken und eine Technik, die ich aus den Bibelwissenschaften gut kenne: Zuerst wird etwas für nicht unplausibel gehalten, und dann auf diesen „nicht unplausiblen“ Annahmen immer gewagtere Schlussfolgerungen getürmt, die schlußendlich als Fakt präsentiert werden.

In diesem Fall sagt schon die Werbung des Schweizer Fernsehens alles aus: „Der australische Musikwissenschaftler Martin Jarvis will beweisen, dass Anna Magdalena Bach die gebührende Ehre als Komponistin versagt blieb, weil das nicht zum Frauenbild ihrer Zeit passte.“ Wie Alex Ross für den „New Yorker“ schön beschreibt, gibt es jedoch keine Indizien für Anna Magdalenas Kompositionstätigkeit.

Sie war bewiesenermaßen musikalisch; ihre gesanglichen Fähigkeiten wurden von Zeitgenossen gewürdigt. sie hat für Bach Noten kopiert —
besonders zu Schulungs- und Verkaufzwecken –, wie es auch andere Mitglieder des Bach-Haushalts getan haben. Zu dieser Tätigkeit hat übrigens der bekannte Bach-Forscher Yo Tomita einen bemerkenswerten Artikel verfasst. Und diese Schreibtätigkeit wurde auch vermerkt, so in einem Exemplar der Cellosuiten gemeinsam mit Violinsonaten und -partiten, wobei jeweils festgehalten ist, dass Johann Sebastian Bach der Komponist der Werke sei. Übrigens kann man dank bach-digital.de auch als Außenstehender heute Anna Magdalena Bachs Autograph ansehen.

Jarvis stört das alles nicht weiter und spekuliert unter großem Medienecho weiter: Über Selbstmorde, Ehebruch und mehr. Wer aus der Entfernung kein Quellenstudium betreiben kann, muss eben auf andere Weise Neuigkeiten kreieren.

Ross vermerkt verklausuliert: Es ist keine Förderung weiblicher Komponisten, sie für die Vergangenheit zu erfinden. Erst recht nicht, wenn ihre Autorschaft angeblich daran zu erkennen sei, dass das Werk nicht so reif sei wie andere (!).

Zum Abschluss die technisch höchst anspruchsvolle Suite Nr. 6 in D-Dur, gespielt von der französischen Cellistin Ophélie Gaillard:

Auf den Geschmack gekommen? Gaillards Aufnahmen sind wohlfeil im gut sortieren Fachhandel erhältlich. Oder auch im nicht so gut sortierten.

So purzelt man im Harnisch

Die spätmittelalterlichen Plattenrüstungen beschäftigen auch noch heute die Phantasie der Menschen. Schwere Metallungetüme, und doch oft auch kunstvolle Arbeiten, von Meistern des Handwerks gefertigt.

Aber wie konnte man sich darin bewegen? War man mehr oder weniger eine umbewegliche Blechdose? Konnte man damit springen wie ein Actionheld?

Vor drei Jahren hat die Universität Genf in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien, das eine international beachtete Sammlung von Harnischen und anderen Rüstungen besitzt, und dem Pariser Musée national de Moyen Âge dazu ein kleines Video gestaltet, in dem man zwei vollgerüsteten Herren z.B. bei ihren Versuchen zusehen kann, vom Boden aufzustehen oder einen Purzelbaum zu machen. Nachher weiß man mehr.

Warum dieses Video gerade jetzt wieder eine Runde durchs Internet dreht, weiß ich nicht, aber es ist so oder so interessant. Mehr dazu kann man übrigens auf dem Blog armae.com auf Französisch lesen.