Die Null

Vor kurzem erst schrieb ich über den Dichter, Dramatiker und Vizepräsidenten der Gesellschaft der Musikfreunde Salomon Hermann Ritter von Mosenthal. Ich will die Gelegenheit gleich nutzen, sein Oeuvre ein wenig bekannter zu machen, so seine Gedichte, die man bei Google Books lesen kann. So z.B. dieses hier:

Die Null

Stand einst die Null an ihrem Platz,
Da war sie wohl ein rechter Schatz:
„Nein, sprach sie, ich will oben hin,
Damit ich auch was Rechtes bin.“

Nun blies sie sich gewaltig auf,
Schob sich von Stell’ zu Stell’ hinauf;
Jetzt stand sie oben und freut’ sich sehr:
— Da galt sie aber gar nichts mehr.

Mosenthals mathematische Ausbildung an Gymnasium und Polytechnikum war doch nicht umsonst gewesen …

Salomon Ritter von Mosenthal: Ein erfolgreich vergessener Dramatiker

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)


Wer kennt heute noch Salomon Hermann Ritter von Mosenthal (*1821 † 1877)? Träger des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone, Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, im 19. Jahrhundert einer der international erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. 140 Jahre nach seinem Tod ist der einst vielgespielte Dichter weitgehend vergessen. Und doch ist er immer noch auf den Bühnen präsent, denn das Libretto der „Lustigen Weiber von Windsor“ stammt aus seiner Feder. Dieses von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, vertonte Werk erfreut sich weiterhin einiger Beliebtheit auch über den deutschen Sprachraum hinaus, wie man etwa der Operabase entnehmen kann.

Und noch ein zweites Werk wird wieder öfter gelesen, seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben“. Diese schöpfen aus den Erinnerungen an seiner Kinder- und Jugendzeit in Kassel und schildern kleine und größere Begebenheiten in einer eingängigen Sprache. Mosenthal wendet sich dabei an Nichtjuden, sodass man auch ohne tiefere Kenntnisse des Judentums die Geschichten lesen kannm, und hat mit diesen schon zu seiner Zeit gut aufgenommenem Buch ein wertvolles Zeugnis jüdischer Lebensart in den Kleinstädten hinterlassen. Der Wallstein-Verlag hat dieses Buch 2001 dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Der jüdische Literat und Dramatiker stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. „Er hat sich aus kümmerlichen Verhältnissen heraufgearbeitet“, beschrieb es der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick nicht ohne Wohlwollen. Trotz der Armut konnte er auf Initiative der Mutter hin das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Kassel besuchen, später auch das polytechnische Institut Karlsruhe, den Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Schon als Schüler versuchte er sich schriftstellerisch, wie uns das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreichs blumig wissen lässt:

Bereits als Gymnasialschüler dichtete er, und diese Erstlinge seiner Muse hat M. in die später erschienene Sammlung seiner Gedichte als „Primula veris“ aufgenommen. Als Zögling des Karlsruher Polytechnicums kam er mit mehreren Sängern der schwäbischen Schule, mit Justinus Kerner und Gustav Schwab, in nähere Berührung, so daß es dem strebsamen talentvollen Jünglinge auf der betretenen poetischen Bahn an Ermunterung nicht fehlte; auch öffneten ihm zwei der besten schöngeistigen Blätter jener Periode, Dingelstedt’s „Salon“ und Lewald’s „Europa“, ihre Spalten, und eine in letzterer anonym abgedruckte Novelle: „Die kleine Amaryll [!] und der blonde Ruprecht“, welche des damals in Athen lebenden Dichters Geibel Interesse erweckte, bildete den Anknüpfungspunct späterer freundlicher Beziehungen zwischen beiden Poeten.

Die genannte Novelle des 19jährigen, die in Wahrheit „Die schöne Almaril und der blonde Rupprecht“ heißt, kann man dank Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek heute wieder recht einfach lesen.

Mehr Schöngeist denn Techniker, verließ Mosenthal das Polytechnikum und kam 1841/42 als Erzieher im Hause Goldschmidt nach Wien. Dort knüpfte er bald wieder Kontakte zu Schriftstellern, glänzte in kleinerem Rahmen durch Gedichte und andere Werke und bekam schließlich die Gelegenheit, für Otto Nicolai Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ für ein Libretto einzurichten und im Theater an der Wien sein Bühnenstück „Der Holländer Michel“ zu platzieren. Seine Arbeit wurde geschätzt, und er konnte in rascher Folge weitere Theatererfolge feiern.

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

Dabei ist besonders das Volksstück „Deborah“ hervorzuheben. Am Burgtheater zuerst abgelehnt, wurde das Drama um eine vor Pogromen fliehende, neuerlich in eine gefährliche Situation geratende Jüdin Deborah von Hamburg ausgehend ein durchschlagender internationaler Erfolg. Mosenthal gelang eine Figurenzeichnung und Handlungsführung, die beim überwiegend nichtjüdischen Publikum Anteilnahme und Interesse für die Situation der Minderheit wecken konnte. Das Stück wurde in New York und Kapstadt gespielt, in Russland und Frankreich, wie das Biographische Lexikon festhält. Auch „Deborah“ ist übrigens im Wallstein-Verlag neu aufgelegt worden.

Mosenthal verfasste mehrere Opernlibretti, wofür ihm besonderes Geschick attestiert wurde. „Die lustigen Weiber“ wurden schon erwähnt. Es sei auch „Die Königin von Saba“ genannt, deren Buch er für Karl Goldmark schrieb. Die Oper war bis zur NS-Zeit auf den Spielplänen präsent, wurde durch deren Kulturpolitik aber offenbar erfolgreich aus dem Opernleben getilgt. In Budapest gibt es übrigens von 18. bzw. 20. Mai 2017 eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk zu sehen — da Goldmark ein Ungar war, wird sein Erbe dort noch gepflegt. Die Aufführung erfolgt in deutscher Sprache mit ungarischen Übertiteln. Auch das „Goldene Kreuz“, zu dem Mosenthal das Libretto und Ignaz Brüll die Musik schrieb, war ein großer Erfolg.

Obwohl aus Kassel, erwies er sich übrigens als echter österreichischer Autor, indem er ab 1850 im Staatsdienst arbeitete. Nämlich im Unterrichtsministerium, wo er 1864 die Leitung der Bibliothek übernehmen durfte und im Laufe seiner Karriere zum Regierungsrat befördert wurde. Dass das Ministerium für Unterricht und Kultus den Juden Mosenthal eine Stelle gab, war durchaus eine kleine Sensation, wie das Biographische Lexikon vermerkte, und zeigt, welche Wertschätzung seine Arbeit damals genoß. Damit konnte er wohl auch seiner Frau Lina die nötige Sicherheit bieten, so dass er 1851 heiraten konnte. Die von ihm überaus geliebte Gattin verstarb überraschend 1862; diesen Schmerz hat er nicht mehr überwunden und blieb alleinstehender Witwer, wie Eduard Hanslick eindrücklich schildert: Offenbar flüchtete er sich u.a. in übermäßigen Zigarettenkonsum, da er sich dann nicht allein vorgekommen sei.

Mosenthal starb mit 56 Jahren. Sein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1885 schließt daher eindringlich: „Manches konnte man von M. noch erwarten, seine Laufbahn war nicht durchmessen, er ist vorzeitig abberufen worden.“

Seine Zeitgenossen hatten sogar noch mehr erhofft — wir müssen erst wieder entdecken, was der effektvolle Dramatiker und Librettist hinterlassen hat.

USA: Gebundene Bücher überholen E-Books

Ein gebundenes BuchAls ich zu bloggen begonnen habe, waren E-Books gerade die Zukunft des Lesens. Jetzt sind sie ein Teil der Gegenwart des Lesens, doch das gedruckte Buch hat sich allen Unkenrufen zum Trotz gut gehalten.

In den USA, quasi dem Mutterland des elektronischen Buches, waren 2016 die Verkäufe gebundener Bücher erstmals seit 2012 wieder höher als diejenigen an E-Books. Hardcover-Verkäufe legten um 5% auf 188 Millionen zu, während E-Book-Verkäufe um 16% auf unter 180 Millionen zurückgingen. Das berichtet Publisher’s Weekly.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist ein Buch grundsätzlich ein gutes Produkt: Sofort einsatzbereit, haptisch, lagerfähig, stromlos. Allerdings kann es schwer sein.

E-Books-Käufer schwören aber, soweit man weiß, weniger auf das Gewicht, sondern vor allem auf den niedrigeren Preis bei E-Books. Das ist in Deutschland und Österreich wegen der Buchpreisbindung ohnehin kein Thema. In den USA waren E-Books dagegen deutlich günstiger als gedruckte Bücher, was ja auch angesichts deutlich niedrigerer Produktionskosten logisch erscheint.

Doch Amazon hat mittlerweile den Großteil des US-E-Book-Marktes in der Hand und nutzt seine Stellung für entsprechende Preise. Der Preisunterschied ist also deutlich zurückgegangen, insbesondere gegenüber Taschenbüchern, die dank der Fortschritte in Gestaltungs- und Produktionstechnik ebenfalls günstiger herzustellen sind als noch vor einigen Jahren.

Es können allerdings viele Buch- und E-Book-Verkäufe von den Marktforschern gar nicht mitgezählt werden, nämlich die vielen im „Eigenverlag“ über Amazon und andere Quellen vertriebenen Werke. Die Zahlen sind mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

Trotzdem kann man schon sagen, dass das E-Book eine Ergänzung der Medienkanäle gebracht hat, aber offenbar (noch?) weit davon entfernt ist, das Buch vollständig zu ersetzen.

Die Bestseller der Vergangenheit

Wie gut sind die erfolgreichen Romane der Vergangenheit gealtert? Dieser Frage stellt sich Linda Aragoni in ihrem Projekt „Great Penformances“. Darin nimmt sie sich die Jahresbestseller der USA von 1900 bis 1969 vor, wie sie im Branchenblatt „Publisher’s Weekly“ veröffentlicht wurden. Insgesamt wohl rund 800 Romane1.

Ihre kurzen, natürlich sehr subjektiven Buchkritiken machen tatsächlich Lust, sich mehr mit den Erfolgsbüchern vergangener Tage zu beschäftigen. Darunter ab und zu ein noch heute bekanntes Werk wie „Im Westen nichts Neues“, „Vom Winde verweht“ oder „Der Pate“. Und dazwischen vieles, das im Wesentlichen vergessen ist. Das sind sie spannendsten Besprechungen!

Übrigens finden sich in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg mit Büchern von Erich Maria Remarque, Hans Fallada und Franz Werfel auch ursprünglich deutschsprachige Werke in den Bestsellerlisten. Nach dem zweiten Weltkrieg haben es nur noch vereinzelt im Original fremdsprachige Werke wie Dr. Schiwago oder Der Leopard auf die vorderen Verkaufsplätze geschafft.

Heuer wird Aragoni ihr 2007 begonnenes Projekt voraussichtlich mit den Besprechungen der Bestseller der Jahre 1907, 1917, 1927 und 1967-1969 abschließen können.

Für Österreich wäre so ein Projekt weitaus schwerer durchzuführen. Es mangelt schon einmal an entsprechend weit zurückliegenden Verkaufslisten des Buchhandels. Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg liegen als schwerer Schatten auf mehreren Jahren, die wohl auszuscheiden wären. Trotzdem wäre es nicht uninteressant, ob nicht auch im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches realisierbar wäre.


  1. Manche Romane waren in mehreren Jahren Jahresbestseller, weswegen die Gesamtzahl der Bücher weniger als 840 beträgt. 

Very British Villains

Wer US-amerikanische Filme öfter im Original gehört hat, dem wird die allgemeine Liebe zum britischen Akzent wohl schon aufgefallen sein. Insbesondere zum sogenannten „Queen’s English“. Und das ist insbesondere für zwei Arten von Personen reserviert: Raffinierte Bösewichte oder als Personifikation von Bildung, Eleganz und gutem Benehmen. Das hängt natürlich zusammen — der Bösewicht ist oft ebenfalls gebildet und elegant.

Das akademische Archiv JStor hat auf seinem Blog einen informativen Eintrag dazu, der auch allgemein darauf eingeht, wie der Dialekt und Akzent eines Sprechers unsere Einschätzung desselben maßgeblich beeinflussen. So hielt in einem Experiment der gleiche Vortragende den gleichen Vortrag einmal im Birminghamer Dialekt, einmal in der „Received Pronounciation“. Nach dem Vortrag im Dialekt wurden seine Intelligenz und der Gehalt seines Vortrags weit niedriger eingestuft als nach dem Vortrag in Received Pronounciation.

Aber zurück zu den Filmbösewichten. Ein anderer Blogger hat einige Gründe zusammengetragen, warum selbst in Disney-Zeichentrickfilmen die bösen Tiere oft einen britischen Akzent haben. Neben der Geschichte der USA selbst tragen dazu wohl noch zwei Umstände bei: Received Pronounciation klingt deutlich anders als das typische Amerikanisch, ist aber trotzdem für den amerikanischen Zuseher verständlich. Und: Niemand wird des Rassismus verdächtigt, wenn alle Bösewichte Briten sind. Das ist im politisch sensiblen Hollywood nicht zu verachten.

Zum Trost: Es gibt ja noch James Bond. Kein Bösewicht, trotzdem britisch.

Im JStor-Artikel ist ein passendes Video u.a. mit Sir Ben Kingsley eingebettet, dass so köstlich mit den Klischees jongliert, dass ich es auch gleich zeigen muss:

Sankt Agnes vor den Mauern

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch


Die heilige Agnes muss eine sehr beeindruckende Person gewesen sein. Nach ihrem Martyrium im 3. Jh. im Zuge der römischen Christenverfolgungen wurde sie sehr bald verehrt, wie z.B. der hl. Ambrosius berichtet. In Rom zeugen zwei Kirchen besonders von der Verehrung der hl. Agnes. Die bekanntere ist Sant’Agnese in Agone, am Ort ihres Martyriums an der heutigen Piazza Navona, dem früheren Circus Agonalis. Sie geht zumindest auf das frühe Mittelalter zurück. Doch weitaus ältere Wurzeln hat Sant’Agnese fuori le mura. Ganz in der Nähe stehen Reste einer konstantinischen Agnes-Basilika, die gewaltige Ausmaße besessen haben muss. Die Basilika wurde von der Kaisertochter Constantia gestiftet, die daneben auch ihr heute noch erhaltenes Mausoleum errichten ließ.

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In den Wirren der Völkerwanderungszeit verfiel die Basilika, so dass Papst Honorius (625-638) eine kleinere Kirche daneben errichten ließ – direkt über dem Grab der hl. Agnes und den Katakomben, in denen viele weitere Menschen begraben sind. Die Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten umgestaltet, doch kann man mit dem wunderbaren Mosaik in der Apsis, dass Papst Honorius, die hl. Agnes im Gewand einer Prinzessin und eine weiteren Papst zeigt, ein Blick in die Entstehungszeit der Kirche geworfen werden. Auch die Säulen, die aus verschiedenen römischen Gebäuden zusammengestellt wurden, sogenannte Spolien, tragen schon seit dem 7. Jahrhundert die Emporen.

Decke in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Decke aus dem Jahr 1606 in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In Sant’Agnese werden jedes Jahr zum 21. Jänner, dem Gedenktag der hl. Agnes, zwei Lämmer durch den Papst gesegnet, deren Wolle für die Pallien verwendet wird, die der heilige Vater den Erzbischöfen als Zeichen ihres Amtes verleiht. Diese Pallien werden dann in Santa Cecilia in Trastevere von den dortigen Nonnen unter Beifügung weiterer Wolle — es gibt einfach schon zu viele Erzbischöfe für zwei Lämmer — gewoben.

Der Zusammenhang Agnes und Agnus (lateinisch für Lamm) ist dabei klanglich offensichtlich. Schon im Apsismosaik wird Agnes mit dem Lamm dargestellt — sie soll auch wie ein Lamm getötet worden sein, nachdem die anderen Tötungsversuche misslangen. Ihre Ziehschwester Emerentiana wurde wenige Tage später gesteinigt, als sie vom Pöbel dabei überrascht wurde, wie sie am Grab der Agnes betete. Ihr Grab ist in der gleichen Kirche, ihr Gedenktag der 23. Jänner.

Carl Zuckmayer begegnet Thomas Bernhard und Karl Barth …

Carl Zuckmayer

Carl Zuckmayer

Vor vierzig Jahren starb der große deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer in Visp in der Schweiz. Der damals gerade Achtzigjährige konnte dabei auf ein bewegtes, durchaus erfolgreiches Leben zurückblicken. Einige seiner Stücke, wie der „Hauptmann von Köpenick“ oder „Des Teufels General“, sind bis heute ein Begriff. Er schrieb an mehreren Drehbüchern mit, so für den „Blauen Engel“ oder den Oscar-Werner-Film „Entscheidung vor Morgengrauen“. Seine Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“ war ein absoluter Bestseller.

Im Ersten Weltkrieg war er hochdekorierter Kriegsfreiwilliger. Doch die Erfahrungen des Krieges hatten ihn zu einem vehementen Kritiker von Militarismus und Kriegsbegeisterung werden lassen. Nach glänzenden Erfolgen kommt mit der Machtergreifung Hitlers die jähe Zäsur. Politisch ist Zuckmayer ohnehin unerwünscht, dazu kommt seine Herkunft, da seine Mutter jüdische Wurzeln hatte.

Freumbichler und Bernhard

„Wiesmühl“-Haus Zuckmayers in Henndorf © Maschinenjunge/Wikimedia

„Wiesmühl“-Haus Zuckmayers in Henndorf © Maschinenjunge/Wikimedia

Der österreichische Ständestaat ist für viele deutsche Kulturschaffende Zufluchtsort, so auch für Carl Zuckmayer, der nach Henndorf am Wallersee in Salzburg ins Exil geht. Dort publiziert er weiter, jetzt vor allem Prosa und Zeitschriftenbeiträge, und pflegt weiter seine Gastfreundschaft zu anderen Schriftstellern im sogenannten „Henndorfer Kreis“. Und er lernt Johannes Freumbichler kennen, einen bis dahin erfolglosen Schriftsteller. Über Vermittlung von Freumbichlers Lebensgefährtin Anna Bernhard erhält Zuckmayer den Entwurf für Freumbichlers Werk „Philomena Ellenhub“; Zuckmayers Frau Alice half Freumbichler bei der Ordnung und Straffung des Werks, Zuckmayer selbst bei der Bewerbung.

Mit Erfolg: 1937 erschien das Werk unter großem Beifall, Freumbichler erhielt den österreichischen Staatspreis für Literatur. Und hatte nun das Geld, um seine liebe Anna Bernhard zu heiraten.

Sein Enkel sollte wesentlich bekannter werden: Thomas Bernhard. Ihm verhalf Carl Zuckmayer 1952 zu einem Job beim „Demokratischen Volksblatt“, der damaligen Salzburger SPÖ-Parteizeitung. Als Jahre später Bernhards erster Roman erschien, war es Zuckmayer, der das Buch mit einer positiven Rezension in der „Zeit“ einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachte.

Ein rheinischer Katholik

Zuckmayer war politisch schwer einzuordnen, was ihm sein Leben oft schwer machte. Und er war etwas anderes, dass ihm das Leben im Literaturbetrieb ebenfalls nicht einfacher machte: Ein im Kern überzeugter Katholik. Damit folgte er seinem Vater, dem rheinhessischen Weinkapselfabrikanten. Seine Mutter war evangelisch. Er hatte seine Phasen der Distanz, des Relativismus, doch, wie er selbst meint, nie eine der Gleichgültigkeit.

Seine Autobiographie teilte Zuckmayer nicht umsonst nach den Horen des Stundengebets ein. In diesem Text berichtet Zuckmayer, dass die katholische Sozialisation seiner Kindheit ein großer Glücksfall für ihn war: Das „große Mysterium der Menschwerdung, das Wunder der Transfiguration“, das „in jeder Messe neu geschieht“, wird in den Ritualen des Gottesdiensts für das Kind Zuckmayer zum selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens. „[E]s ist nichts pietistisch Würdevolles oder Griesgrämiges dabei; hier riecht es nach warmem Brot, dort nach steinkühlem Weihrauch; das Kniebeugen, Niederknien, Händefalten, Kreuzschlagen, das Klingeln der Messglöckchen, das Heben der Monstranz und das Klopfen an die Brust während der tiefen Stille bei der Wandlung, das alles fügt sich ins tägliche Leben ein wie Schlafengehen, Aufstehen, Anziehen, Lernen, Spielen — es ist Sonntag, der allen gehört, und an dem sich der dicke schwarze Mann aus dem Pfarrhaus in eine Heiligenfigur mit prachtvollen Gewändern verwandelt.“

Er schätzte die katholische Autorin Gertrud le Fort, die er als die „größte Dichtertin der Transzendenz in unserer Zeit“ lobte. Im Alter lernt Zuckmayer den evangelischen Theologen Karl Barth kennen und beschäftigt sich über diesen Umweg noch stärker mit seinem Glauben. Eine „späte Freundschaft“, die man auch in den Briefen der beiden nachspüren kann. Sie sind immer wieder verschiedener Meinung, aber sie diskutieren drängende Themen der damaligen Zeit, die Zuckmayer als tieferen Denker ausweisen, als man ihm vielleicht nach dem Klischee zugetraut hätte. Dem Protestanten Barth konnte er anvertrauen, was seine intoleranten Kollegen der Schriftstellerzunft nicht verstanden hätten — den Trost, den ihm die Eucharistie gespendet hat.

Das Ende des Bucentauren

Am 9. Jänner 1798 zerstörten französische Soldaten das Prachtschiff des venezianischen Dogen, den Bucentaur oder Bucintoro. Eine mit kostbaren Schnitzereien und edlen Blattgoldarbeiten verzierte Galeere, die Besucher in Staunen versetzte. So sehr, dass andernorts, etwa in Bayern, prachtvolle Schiffe gleichen Namens nach venezianischem Vorbild gebaut wurden.

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Freilich hatte es mit dem venezianischen Schiff eine besondere Bewandtnis, wurde es doch vom Dogen beim Festa della Sensa bestiegen, dem alljährlich zu Christi Himmelfahrt stattfindenden Fest, in dem Venedig seine Verbundenheit mit dem Meer feierte. Der Bucentaur führt eine Schiffsprozession an, die nach San Nicolò am Lido führte – der hl. Nikolaus ist ein Patron der Seefahrer. Diese „Vermählung mit dem Meer“ war eines der größten Ereignisse des Jahres in der Republik Venedig.

1729 wurde der letzte und vielleicht prachtvollste Bucentaur in Dienst gestellt, ein Meisterstück des Kunsthandwerks. Und wie so oft sind es die Schergen einer „neuen Zeit“, die Kultur und Geschichte vernichtet haben. Und warum? Sicher aus Lust an der Zerstörung, aber wohl auch, weil sie die verwendeten Metalle herausbrechen wollten. Übrigens hat Napoleon, der verantwortliche Kommandant, in Venedig auch sonst eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Eine Stiftung, die Fondazione Bucintoro, versucht seit 2004, einen neuen Bucentaur zu bauen, musste die Arbeiten aber mittlerweile aus Geldmangel einstellen, wenn ich es richtig verstanden habe.

Der Palast des Fürsten Lampedusa

Selbst wer „Il Gattopardo“ (früher als „Leopard“ übersetzt) nicht gelesen hat, kennt sicher einige Zitate aus dem Hauptwerk des italienischen Schriftstellers und Gelehrten Fürst Giuseppe Tomasi von Lampedusa. Zumindest das wird gerne zitiert: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.“

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Nun bietet die von Lampedusa ersonnene Geschichte der sizilianischen Fürstenfamilie Salina, deren Niedergang im Kontext der italienischen Einigung geschildert wird, viel Stoff für zahlreiche Betrachtungen: Über Hoffnung, Scheitern, die Illusion des Fortschritts, menschliches Maß, die Kraft des Glaubens.

Auch Fürst Lampedusa selbst musste mehrere schmerzhafte Verluste verkraften, darunter die Zerstörung seines Palazzos in Palermo durch US-amerikanische Bomben 1943. Diese Erfahrung soll eine der Antriebsfedern für das Verfassen des „Gattopardo“ gewesen sein.

Wie die FAZ berichtet, wurde nun an der Stelle der Wunde, die in der Altstadt Palermos klaffte, ein Wiederaufbau gewagt: Die erhaltenen Teile wurden restauriert, die neugebauten Teile architektonisch in einer harmonischen Weise angeglichen, wie sie in Wien undenkbar wäre.

Fotos von der Baustelle aus dem Jahr 2014 kann man bei Repubblica ansehen, ein sehr schönes Bild aus dem Jahr 2015 auf Amopalermo.

Es ist allerdings im Kontext des „Gattopardo“ eine gewisse Schlusspointe, wenn nun der Stadtpalast der Lampedusas wiederersteht (wenn auch als Mehrparteien-Wohnhaus).

Von Fugen und Doppelfugen

Die Fuge, diese festen kontrapunktischen Regeln folgende imitatorische Verarbeitung eines Soggettos, hat eigentlich nur noch zwei intensive Anwendungsgebiete: Kompositionskurse und Kirchenmusik. Trotzdem geht von ihr auch heute eine enorme Faszination aus, die sich in vielen Publikationen und unzähligen Einträgen in einschlägigen Musikforen niederschlägt.

Das Grundprinzip ist einfach: In einer Fuge wird ein Soggetto (Subjekt), eine musikalische Phrase, zuerst vorgestellt; dann setzt die zweite Stimme mit eben dieser Phrase ein (oft in der Oberquint oder Unterquart, aber nicht immer!), während die erste Stimme mit einer zur zweiten Stimme harmonisch passenden, aber melodisch eigenständigen Musik fortsetzt. So setzt es sich fort, bis alle Stimmen einmal das Soggetto selbst gebracht haben. Nach dieser Vorstellung des Soggettos in allen Stimmen, der Exposition, liegt es nun am Komponisten, wie er ein Stück auf Basis der Imitation des Soggettos so gestaltet, das es weiterhin interessant ist. Entweder durch verschiedene Kunstgriffe wie das Soggetto in seiner Umkehrung, mit vergrößerten Notenwerten oder ähnlichen Veränderungen einzusetzen, oder die Einsätze des Soggettos einander überlappen zu lassen – man nennt das Engführung oder Stretto –, oder durch das Aufsuchen entfernter Tonarten mit abschließender Rückkehr zur Ausgangstonart. Entscheidend ist die Konzentration auf dieses eine Soggetto, aus dem sich das musikalische Material der Fuge speist.

Wer historische Fugen aus dem 17. und 18. Jahrhundert studiert oder musiktheoretische Texte der gleichen Zeit liest, wird bald bemerken, dass die Fuge nicht das enge Korsett der Schulfuge ist, sondern einfach als eine Methode genutzt wird, einen musikalischen Einfall so zu verarbeiten, dass er ein längeres Musikstück tragen kann.

Johann Georg Sulzer definiert es in seiner berühmten, 1771 bis 1774 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ so:

„Ein Tonstük von zwey oder mehr Stimmen, in welchem ein gewisser melodischer Satz, der das Thema genennt wird, erst von einer Stimme vorgetragen, hernach von den andern mit geringen Veränderungen, aber nach gewissen Regeln, nachgeahmet wird; so daß dieses Thema das ganze Stük hindurch wechselsweise, und unter beständigen Veränderungen aus einer Stimm in die andre herübergeht.“ (Schreibweise original)

Das lässt schon einigen Spielraum. Dementsprechend gibt es Dutzende Varianten des Fugenaufbaus, die in manchem Buch eine verwirrende Vielzahl an Klassifikationen hervorrufen.

Manche Fugen verarbeiten mehr als ein Soggetto. Man spricht dann bei zwei Soggettos von Doppelfugen, bei dreien von Tripelfugen, bei vieren von Quadrupelfugen. Dabei gibt es eine interessante Entwicklung: Im 18. Jahrhundert waren Fugen sehr beliebt, bei denen der Soggetto immer mit einem gleichbleibenden Begleiter, dem Contrasoggetto oder Kontrasubjekt, erscheint, wobei das zweite Subjekt manchmal über, manchmal unter dem ersten auftritt und daher im doppelten Kontrapunkt geschrieben sein muss. Solche Stücke wurden damals als Doppelfugen begriffen und darin auch gerne mit beiden Soggettos gearbeitet. So entnimmt Bach in seinen Doppelfugen auch dem zweiten Soggetto Material für die Zwischenspiele. Zuweilen tritt auch das zweite Soggetto im Stück einmal alleine auf.

Im 19. und 20. Jahrhundert bürgerte sich dann langsam der Begriff der „Fuge mit beibehaltenem Kontrapunkt“ für diese Konstruktionen ein, während mit Doppelfuge nur noch solche Stücke bezeichnet wurden, in denen zuerst ein Soggetto, dann das andere durchexerziert wird und erst danach beide kombiniert auftreten. Diese Degradierung vieler barocker Doppelfugen verstellt den Blick dafür, dass eine hohe Kunstfertigkeit notwendig ist, um solche Stücke kontrapunktisch korrekt und mit einem musikalisch sinnvollen Spannungsbogen versehen zu schreiben.

Mehr zur Debatte über den Begriff der Doppelfuge kann man übrigens der Dissertation von Randolph Eichert über „Kontrapunktische Satztechniken im 18. Jahrhundert“ ab Seite 95 entnehmen.

Ein ausführlicher historischer Traktat zur Fuge ist uns von Friedrich Wilhelm Marpurg erhalten. Eine Neuauflage aus dem Jahre 1806 kann man bequem im Internet-Archiv nachlesen.