Ohne Zweifel? Irenäus, die Tradition der Apostel und Papst Franziskus

Zu Kathedra Petri habe ich einen alten Blogtext von mir wieder gelesen, in dem ich den heiligen Irenäus von Lyon zitiert habe — und habe mich dabei gefragt, was Irenäus wohl mit „sine dubiis“ angefangen hätte, einem Aufruf zu unbedingter Loyalität gegenüber Papst Franziskus.

In einem Kapitel, in dem er den Begriff der kirchlichen Überlieferung erläutert und sich gegen diejenigen wendet, die sich im Besitz angeblicher christlicher Geheimlehren wähnen, schreibt er:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.1

Der besondere Vorrang der römischen Kirche gründet sich für Irenäus auf ihren besonderen apostolischen Ursprung: Petrus und Paulus haben sie gegründet; sie ist die „sehr große und sehr alte und allbekannte“. Schließlich verfügt sie über eine klare Sukzession, mit der die sichere Weitergabe des überlieferten christlichen Glaubens bezeugt war. Zudem kommen Christen von überall her nach Rom; die Gefahr einer Entwicklung lokalen Sonderguts ist also geringer als anderswo.

Irenäus geht es nicht um bedingungslose Akzeptanz dessen, was immer der jeweilige Papst zu sagen hat, sondern um ein Kriterium, was überlieferter Glaube ist und was es offensichtlich nicht ist. Denn auch rechtgläubige Bischöfe in apostolischer Sukzession dürfen einander widersprechen und kritisieren, wie es in der Antike zum Teil recht lebhaft der Fall war, insbesondere in den turbulenten Zeiten des 4. Jahrhunderts. Oder denken wir an den Monotheletismus-Streit, bei dem der Bischof von Rom nicht immer eine glückliche Figur gemacht hat.

Das besondere allerdings ist, dass sich schon in den frühesten Zeiten der Bischof von Rom in der Debatte vielleicht nicht immer klar auf der Seite der Orthodoxie befunden hat, jedoch am Schluss immer die Überlieferung hochgehalten hat. Und selbst die verbrecherischsten Gestalten auf den Stuhl Petri haben wohl im einzelnen höchst problematische Entscheidungen gefällt, doch niemals die überlieferte Lehre selbst in Frage gestellt.

Das entspricht Jesu Versprechen an Petrus (Mt 16). An Petrus, der von Paulus bekanntlich im Galaterbrief heftig kritisiert wurde! Das ist im wesentlichen auch der Inhalt des oft missverstandenen „Unfehlbarkeitsdogmas“, bei der es ja um die Sicherung des überlieferten Glaubensgutes durch den Nachfolgers Petri geht. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und geht nicht auf die menschlichen Eigenschaften der Päpste zurück, die im Laufe der Geschichte in einer großen moralischen Bandbreite aufgetreten sind.

Päpste sind eben grundsätzlich auch nur Menschen, möchte man sagen. Papst Franziskus würde das sicher bestätigen. Und sich wohl auch wundern, dass man ihm „ohne Zweifel“ in allem folgen soll.


  1. Sie ist übrigens nicht der einzige Bischofssitz, der Zeugnis der apostolischen Tradition legen kann; vielmehr der wichtigste unter einen großen Zahl. Er erwähnt in der Folge auch als leuchtende Beispiele Polycarp von Smyrna und die Kirche von Ephesos. Polycarp, der heute am 23. Februar seinen Gedenktag hat, war noch selbst mit den Aposteln verkehrt. Die Kirche von Ephesos geht auf Paulus selbst zurück; der Apostel Johannes hat lange dort gelebt. 

Man löscht ja auch nicht Feuer mit Feuer …

In der am Sonntag zitierten Stelle der Bergpredigt wird auf das Schadenersatzrecht der Tora rekurriert. Im Buch Exodus heißt es nämlich:

Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen. Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. […] Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.

Nun ist die genaue Auslegung dieser Stelle schon im antiken Judentum umstritten gewesen und schwankt zwischen einem Schadenersatzkatalog und einer tatsächlichen lex talionis, die Gleiches mit Gleichem vergelten soll. Letzteres wäre im Zeitkontext nicht ungewöhnlich; jedoch finden sich im Alten Testament keine Beispiele eines angewandten Talionsprinzips. Für das Verständnis der Bergpredigt tut das ohnehin nichts zur Sache. Dort heißt es:

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Will jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit mitzugehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib; wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute, und es regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur jene liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das gleiche nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das gleiche nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Schon antiken Kommentatoren war klar, dass hier nicht christliches und jüdisches Gesetz gegeneinander ausgespielt werden sollen. Jesus sagt ja, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er schärft vielmehr den Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien. Der Jurist würde sagen: er klebt nicht an der Wortinterpretation, sondern fordert die systematische und teleologische Interpretation ein.

Der hl. Johannes Chrysostomos († 407) hat in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums in Predigtform dazu interessante Gedanken geäußert:

Durch die Androhung von Strafe hat er nämlich unsere Lust zu Gewalttätigkeiten etwas gedämpft. Auf diese Weise also streut er langsam den Samen seiner großen Weisheit aus, indem er nicht will, dass der, dem ein Unrecht geschehen, in gleicher Weise Vergeltung übe.

An sich hätte ja der Urheber dieses Unrechts eine größere Strafe verdient. Das verlangt der Begriff von Gerechtigkeit. Da er aber wollte, dass mit der Gerechtigkeit sich auch die Liebe paare, so verurteilt er den, der eigentlich mehr gefehlt hat, zu einer geringeren Strafe, als er verdient hätte. Damit gibt er uns die Lehre, dass wir auch dann, wenn wir Unrecht erfahren, große Milde und Nachsicht üben sollen.

Nachdem er also das alte Gesetz erwähnt und es im Wortlaut angeführt hatte, zeigt er auch hier wieder, dass es nicht der Bruder ist, der solches tut, sondern der Böse. Deshalb setzt er auch bei: „Ich aber sage euch, widersetzt euch dem Bösen nicht.“Er sagte nicht: Widersetzt euch nicht eurem Bruder, sondern: „dem Bösen“. Er deutet damit an, dass er es ist, der zu solchen Missetaten verleitet. Dadurch zügelt und beseitigt er schon den größten Teil des Zornes, den man gegen den empfindet, der uns Böses tut, indem er nämlich die Schuld daran auf einen anderen schiebt.

Aber wie! Sollen wir wirklich dem Bösen keinen Widerstand leisten? Ja, gewiß; aber nur nicht in dieser Weise, vielmehr so, wie er es uns befohlen; du sollst nämlich das Unrecht willig ertragen; denn gerade so wirst du Herr über dasselbe werden. Man löscht ja auch Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser.

Schon im Alten Bund galt Jesu’ Regel

Damit du aber siehst, dass auch schon im Alten Bunde derjenige Sieger blieb und den Siegespreis erhielt, der geduldig litt, so prüfe nur, was damals geschah, und du wirst bemerken, dass der leidende Teil bei weitem den Vorrang erhält.

[…] Im Alten Bunde sagte also der Herr: „Wer seinem Bruder mit Unrecht zürnt, wer ihn einen Narren schilt, der wird des höllischen Feuers schuldig sein“; hier verlangt er aber schon größere Tugend, da er demjenigen, der Unrecht leidet, nicht bloß befiehlt, die Ruhe zu bewahren, sondern seinem Gegner sogar zuvorzukommen und ihm die andere Wange darzubieten. Diese Weisung bezieht sich aber nicht bloß auf solche Faustschläge, sondern er will uns damit anleiten, auch in allen anderen Dingen Unrecht geduldig zu ertragen.

Da der Herr sagt: „Wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist der Hölle verfallen“, dachte er auch nicht bloß an diesen Ausdruck, sondern an jede Art von Beleidigung. Ebenso bestimmt er hier nicht, dass wir bloß Faustschläge mannhaft ertragen, sondern dass wir uns überhaupt durch kein Unrecht aus der Fassung bringen lassen sollen. Darum wählte er auch dort gerade die schwerste Beschimpfung, hier einen Schlag, der unter allen als der beschämendste und entehrendste gilt, den ins Gesicht.

Seine Weisung bezieht sich aber sowohl auf den, der schlägt, als auch auf den, der geschlagen wird. Der Mißhandelte, der eine solche Höhe der Tugend erreicht hat, wird gar nicht denken, dass ihm ein Unrecht widerfahren. Er wird ja schon gar nicht das Gefühl einer Beschimpfung empfinden, da er eigentlich viel eher kämpft, als geschlagen wird.

Sanftmut ist wirksamer als Vergeltung

Der Angreifer hingegen wird beschämt werden und keinen zweiten Schlag mehr führen, und wäre er auch schlimmer als das wildeste Tier. Ja, er wird sogar seinen ersten Schlag selbst gar sehr mißbilligen. Nichts hält ja die Bösen so sehr zurück, als wenn man das geschehene Unrecht sanftmütig erträgt; und zwar hält es sie nicht bloß von weiterer Gewalttätigkeit zurück, sondern es bewirkt auch, dass sie das frühere eher bereuen, die Sanftmut des Beleidigten bewundern und abstehen. Ja, es macht sie aus Feinden und Gegnern nicht bloß zu Freunden, sondern zur Hausgenossen und gegenseitigen Dienern.

Übt man dagegen Widervergeltung, so erreicht man in allem das Gegenteil. Es bringt beiden Schaden, macht die schlechter, als sie waren, und entfacht die Zornesflamme nur um so mehr: ja, wenn das Unheil noch weiter geht, hat es oft sogar den Tod im Gefolge. Aus diesem Grunde befahl der Herr, nicht bloß keinen Zorn aufkommen zu lassen, wenn jemand dich schlägt, du sollst sogar dieses Verlangen befriedigen, damit es nicht den Anschein habe, als hättest du den ersten Schlag nur wider Willen ertragen. Auf diese Weise kannst du auch dem Beleidiger einen viel passenderen Schlag versetzen, als wenn du ihn mit der Hand schlügest, und dazu wirst du aus einem gewalttätigen Menschen ein sanftmütiges Lamm machen.

In einer heutigen Standardpredigt wäre wohl von der „Spirale der Gewalt“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Chrysostomus ist da wesentlich direkter: Vergeltung verändert einen selbst, während es den anderen kaum zur Einsicht bewegt. Der wahre Gegenschlag ist erfolgt, wenn der Gegner sein Unrecht einsieht und bereut.

Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Geburten: Wenn die Statistik nicht alles weiß

Im Standard findet sich ein interessanter, wenn auch inhaltlich tendenziöser Bericht zur Geburtenentwicklung in Österreich. Nach statistischen Auswertungen wurden 2015 41.783 Kinder (49,5%) von katholischen Müttern geboren, 2.595 (3,1%) von evangelischen, 119 (0,14%) von jüdischen und 10.760 (12,8%) von muslimischen Müttern. Daraus ließen sich schon deutliche Bevölkerungstendenzen ableiten, die je nach Sichtweise nicht unbedingt erfreulich sein müssen.

Der Artikel will aber etwas anderes herausarbeiten: Dass allgemein die Bedeutung der Religion abnehme und konfessionslose Mütter eine immer größere Rolle spielten, denn immerhin sei deren Anteil in den letzten Jahren sprungartig gewachsen.

Nun ist anzunehmen, dass der Trend — Säkularisierung der früheren Christen, deutliche Zunahme des moslemischen Bevölkerungsanteils — korrekt ist. Die sprunghaften Anstiege „konfessionsloser“ Mütter der letzten Jahre haben aber auch sehr viel damit zu tun, dass das Religionsbekenntnis der Mütter offenbar immer seltener korrekt angegeben wird. So waren beispielsweise die katholischen Taufen bis 2010 stark rückläufig, sind seit damals aber stabil (2010: 48.781, 2015: 48.587). Dabei gibt es einen Trend zur späteren Taufe: Laut katholischer Kirchenstatistik 2015 wurden 43.174 Kinder vor dem ersten Geburtstag getauft, 2010 waren es noch 43.973.

Bei aller Unschärfe kann man davon ausgehen, dass da eine Diskrepanz von mehreren tausend Kindern zwischen der Krankenhausstatistik und der faktischen Religionszugehörigkeit allein bei den Katholiken vorliegt, die 2014 und 2015 besonders deutlich gestiegen ist. Es wäre interessant, ob es da eine Änderung in der Erfassung gegeben hat, oder einfach mehr Menschen der Meinung sind, es geht den Staat eben nichts an, welche Konfession man hat.

Die heilige Scholastika und der Regen

Statue der Sankt Scholastika in Montecassino

Sankt Scholastika in Montecassino

Der 10. Februar ist der Gedenktag der heiligen Scholastika, der Schwester Benedikts von Nursia, des „Vaters des abendländischen Mönchtums“. Über Scholastika wissen wir im wesentlichen aus den Dialogen des hl. Gregor des Großen.

Der Papst hatte in vier Bänden verschiedene Themen in der literarischen Form des Dialogs mit seinem Diakon Petrus abgehandelt. Dieser Stil passt auch gut zu Gregor, der in einem gut verständlichen, zugänglichen Latein schreibt. Der ganze zweite Band ist dem hl. Benedikt gewidmet und wird wohl kurz nach dem Tod des Heiligen entstanden sein.

Gregor betont zu Beginn des Buches, dass er selbst nicht alle Einzelheiten des Lebens Benedikts kennt, wohl aber auf vier Schülern des Benedikt — Constantinus, Valentinianus, Simplicius und Honoratus — als Quellen zurückgreifen konnte.

Im 33. Kapitel erzählt Gregor das Wunder der hl. Scholastika, bei dem Benedikt etwas wollte, aber nicht erreichen konnte:

Das Wunder der heiligen Scholastika

Gregor: Petrus, gibt es jemanden in diesem Leben, der höher steht als Paulus? Dreimal hat er wegen des Stachels in seinem Fleisch den Herrn gebeten1 und konnte doch nicht erhalten, was er wünschte. Deshalb muss ich dir von dem ehrwürdigen Vater Benedikt erzählen, dass auch er etwas wollte, was er nicht erreichen konnte.

Seine Schwester Scholastika war von Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie war gewohnt, ihren Bruder einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes ging jedes Mal zu ihr hinunter zu einem Gut des Klosters, das nicht weit entfernt lag.

Eines Tages kam sie wie üblich, und ihr ehrwürdiger Bruder stieg mit einigen Jüngern zu ihr hinab. Sie verbrachten den ganzen Tag im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch. Bei Einbruch der Dunkelheit hielten sie miteinander Mahl.

Während sie noch am Tisch saßen und ihr geistliches Gespräch fortsetzten, wurde es spät. Da flehte die gottgeweihte Frau, seine Schwester, ihn an: „Ich bitte dich, lass mich diese Nacht nicht allein, damit wir noch bis zum Morgen von den Freuden des himmlischen Lebens sprechen können.“ Er antwortete ihr: „Was sagst du da, Schwester? Ich kann auf keinen Fall außerhalb des Klosters bleiben.“

Es war so heiteres Wetter, das sich keine Wolke am Himmel zeigte. Sobald aber die gottgeweihte Frau die Weigerung ihres Bruders hörte, fügte sie die Finger ineinander, legte ihre Hände auf den Tisch und ließ ihr Haupt auf die Hände sinken, um den allmächtigen Gott anzuflehen. Als sie dann das Haupt vom Tisch erhob, blitzte und donnerte es so stark, und ein so gewaltiger Wolkenbruch ging nieder, dass weder der heilige Benedikt noch die Brüder in seiner Begleitung einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen konnten, in dem sie beisammen waren. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich ihr Haupt auf die Hände gesenkt und Ströme von Tränen auf den Tisch vergossen. Dadurch erreichte sie, dass es aus heiterem Himmel zu regnen begann. Diese Regenflut folgte nicht erst nach dem Gebet, sondern Gebet und Regen trafen so zusammen, dass es schon donnerte, als sie das Haupt vom Tisch erhob. Im gleichen Augenblick erhob sie das Haupt, und der Regen strömte nieder.

Der Mann Gottes sah nun ein, dass er bei Blitz, Donner und dem gewaltigen Wolkenbruch nicht zum Kloster zurückkehren konnte. Da wurde er traurig und klagte: „Der allmächtige Gott vergebe dir, Schwester! Was hast du da getan?“ Sie erwiderte ihm: „Sich, ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhört; da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh nur, wenn du kannst. Verlass mich und kehre zum Kloster zurück!“

Da er das Haus nicht verlassen konnte, blieb er gegen seinen Willen, nachdem er freiwillig nicht hatte bleiben wollen. So konnten sie die ganze Nacht durchwachen, in heiligen Gesprächen ihre Erfahrungen über das geistliche Leben austauschen und sich gegenseitig stärken.

Deshalb habe ich gesagt, er habe etwas gewollt und es doch nicht vermocht. Wenn wir auf die Vorstellungen des heiligen Mannes schauen, so besteht kein Zweifel, dass er gewünscht hat, das heitere Wetter möge so bleiben, wie es bei seinem Kommen gewesen war. Ganz gegen seinen Willen stand er vor einem Wunder, das die Kraft des allmächtigen Gottes nach dem Herzenswunsch einer Frau gewirkt hatte. Es ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener.

Nach einem Wort des Johannes ist Gott die Liebe2. So ist es ganz richtig: jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.

Nur wenig später verstarb Scholastika. Wie Gregor berichtet, sah ihr Bruder im Gebet ihre Seele in Gestalt einer Taube zum Himmel aufsteigen. Darauf wusste er, was geschehen war, und ließ ihren Leichnam in das Grab legen, das für ihn vorbereitet war. Es ist vielleicht überraschend, dass Benedikt sich nach der Vision freut und Gott dankt, aber er hat zwei Gnaden erfahren. Gegen seinen Willen war seine letzte Begegnung mit seiner Schwester intensiv und ausführlich; und schließlich durfte er tatsächlich die Gewissheit haben, dass Gott sie zu sich genommen hat.

Eine ausführlichere Biographie der hl. Scholastika schrieb ein Diakon Alberich in Montecassino im 11. Jahrundert, die man bei Google Books in einem Digitalisat 1737 erschienener Annalen des Benediktinerordens lesen kann.

Der gleiche Alberich hat auch eine Predigt zu Scholastica hinterlassen. Ebenso ist uns eine Predigt zum Gedenktag der hl. Scholastika überliefert, die dem hl. Beda Venerabilis zugeschrieben wurde, heute aber für ein Werk des Abts Berthar von Montecassino gehalten wird. Berthar hat auch eine Predigt über das Leben der hl. Scholastika verfasst.

Die hl. Scholastika ist die Patronin der Ordensschwestern, und wird wohl auf Grund des Regenwunders bei Sturm und Regen um Fürbitte angerufen.


  1. vgl. 2 Kor 12,7-9 
  2. vgl. 1 Joh 4,8 

Der Judogriff gegen das Kreuz in der Klasse

Es ist ein verlässliches Muster: Wenn gegen Erscheinungen des Islamismus vorgegangen werden soll, wird das von Teilen der Linken als Judogriff gegen sichtbare christliche Zeichen benutzt. Oft wird das mit der „weltanschaulichen Neutralität“ des „säkularen Staats“ begründet, die eine sichtbare Privilegierung eines Religionssymbols ausschließe. In dieser Argumentation sind mehrere offensichtliche Denkfehler eingebaut.

  1. Ein Staat ist natürlich nie weltanschaulich neutral. Seine ganze Rechtsordnung ist Ausdruck der Wertungen der Personen, die Einfluss auf die Rechtssetzung haben, und daher von bestimmten Weltanschauungen geprägt. Es ist ein heute beliebter Kunstgriff, die eigene Weltanschauung als „weltanschaulich neutral“ darzustellen, quasi als eigentliche Konsenssicht vernünftiger Menschen. Es wird dadurch nicht richtiger.

  2. Die „Säkularisierung“ war Programm für eine Trennung der staatlichen Ordnung von einer christlichen Fundierung. Dies ist aber mit keinem anderen Zweck geschehen als Platz für andere Weltanschauungen zu machen, die den Platz der christlichen Fundierung einnehmen wollten und wollen. Daher ist es kein Zufall, dass z.B. viele prononcierte Sozialisten eine Verdrängung des Christlichen aus dem öffentlichen Raum fordern: Im Kern soll ihre eigene Ideologie an dessen Stelle treten.

  3. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist mehr oder weniger christlich geprägt. Das Kreuz ist Ausdruck dieser weltanschaulichen Prägung, die z.B. für den Begriff der Menschenwürde von entscheidender Bedeutung ist. Das heißt nicht, dass Österreich ein christlicher Staat ist. Aber man kann relativ leicht zeigen, dass in einem genuin marxistisch oder nietzscheanisch oder islamisch geprägten Land viele Gesetze, Regeln und Gewohnheiten anders wären als hier in Österreich.

  4. Daher ist es höchst demokratisch, wenn diese weltanschauliche Mehrheit beschlossen hat, dieser Prägung zeichenhaft Ausdruck zu verleihen.

  5. Die radikale Ideologie des Islamismus steht dagegen weit außerhalb der Wertordnung, die Österreich zur Zeit prägt. Es ist daher kein Widerspruch, Symbole dieser Ideologie zu verbieten, wie auch Symbole anderer radikaler Ideologien verboten werden können. Freilich gilt es hier, sorgfältig abzuwägen, um nicht die Religionsfreiheit zu gefährden, die ein hohes Gut in unserer Rechtsordnung ist.

  6. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass weder alle Religionen noch alle Weltanschauungen in letzter Konsequenz gleich sind. Hans Küng ist mit seinem Projekt „Weltethos“ in ungeheurer Naivität an diesem Irrtum gescheitert. Ideen haben Konsequenzen. Es würde ja auch kaum jemand behaupten, zwischen Rechtsliberalen, Christkonservativen, Altmarxisten, ökologischer Linker und Neonazis bestünde in letzter Konsequenz kein Unterschied und wenn man gegen Neonazis vorgehe, müsse man alle anderen Gruppen auch verbieten.

Solange Österreich ein mehrheitlich christlich geprägtes Land ist, solange hat das Kreuz seinen Platz vor Gericht und in der Klasse. Als Hinweis auf die Wertordnung, Tradition und Überzeugung, die dieses Land und seine Menschen trägt. Kein Zeichen gegen andere, sondern eine Erinnerung u.a. daran, dass die meisten Menschen überzeugt sind, dass es über sie hinaus noch jemanden gibt, dem wir Rechenschaft ablegen sollen, der aber auch in seiner Liebe und Barmherzigkeit eine Gerechtigkeit herstellt, die wir auf Erden nicht herstellen können.

Lichtmess: Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Am 2. Februar wird in der Kirche ein Fest gefeiert, das traditionell „Maria Lichtmess“ genannt wird und zwei Festgeheimnisse kennt: die „Darstellung des Herrn“ im Tempel und die „Reinigung Mariens“, beides Handlungen, die durch das jüdische Gesetz vorgeschrieben waren.

Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Festtags habe ich hier schon einmal versucht. Wunderbar auch die Lichtmesspredigt des Beda Venerabilis, deren Thema in vielen Predigten zu Lichtmess variiert wurde: Die makellose Mutter geht zur Reinigung, der Quell der Heiligkeit selbst lässt sich im Tempel präsentieren. Beide unterwerfen sich demütig dem Gesetz.

Früher war an diesem Fest ein Graduale vorgesehen, also ein Gesang nach der Lesung, in dem an diesem Tag der Eröffnungsvers wieder aufgenommen und erweitert wurde. Die im Introitus verwendeten Verse 10 und 11 aus Psalm 47 werden durch Vers 9 und einen zusammenfassenden Vers zur Begegnung mit Simeon ergänzt1, in der Praxis vieler Jahrhunderte ist es dabei mit dem folgenden Halleluja und einer Sequenz verschmolzen:

Missale Romanum Übersetzung
Suscepimus Deus misericordiam tuam in medio templi tui. secundum nomen tuum Deus ita et laus tua in fines terræ. Wir haben, Gott, Deine Barmherzigkeit inmitten Deines Tempels auf uns genommen. Entsprechend Deinem Namen, Gott, so ist auch Dein Lob bis an die Enden der Erde.
Sicut audivimus, ita et vidimus in civitate Dei nostri, in monte sancto eius. So, wie wir gehört haben, so haben wir es auch gesehen in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berg.
Alleluia, alleluia! Halleluja, halleluja!
Senex Puerum portabat; puer autem senem regebat. Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.
Alleluia! Halleluja!
Post Partum Virgo inviolata permansisti. Dei Genitrix, intercede pro nobis. Nach der Geburt bleibst Du unversehrte Jungfrau. Mutter Gottes, bitte für uns!

„Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.“ Wieder eine der scheinbaren Paradoxien dieses Festes! Ein kleines, mehrere Wochen altes Kind, völlig angewiesen auf die sorgenden Eltern, das sogar ein hochbetagter Mensch wie Simeon ohne Probleme halten könnte, ist das Heil, auf das er sein Leben lang gewartet hat. Ein kleines Kind, in dessen Hand aber die Welt ist.

Diesen wunderbaren Vers gibt es in einer leicht erweiterten Fassung und geänderten als eigene Antiphon, hier in einer Fassung von Tomás Luis de Victoria:

Für Freunde alter Musik: Vor einigen Jahre habe ich zu Maria Lichtmess die Antiphon Adorna thalamum tuum besprochen, die zur Kerzenprozession gesungen wurde.


  1. Ich folge hier dem Missale, das 1481 von Franz Renner in Venedig gedruckt wurde und hier einzusehen ist. Der Text ist aber noch im Missale von 1962 bis auf den letzten Vers gleich. Mit der Liturgiereform des Tridentinums wurden nämlich die meisten Sequenzen entfernt. 

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Hätte Luther nur Thomas von Aquin besser gekannt …

Provokant könnte man sagen: Hätten die deutschen Theologen des ausgehenden 15. Jahrhunderts mehr Thomas von Aquin und weniger Wilhelm von Ockham gelesen, wäre uns die Reformation in dieser Form vielleicht erspart geblieben. Martin Luther ist aus katholischer Sicht wohl auch ein Produkt einer unglücklichen Lehrtradition.

Während Thomas die Harmonie von Glaube und Wissen vertritt und überzeugt ist, dass die Vernunft ein Werkzeug der Gotteserkenntnis ist, wird im spätmittelalterlichen Deutschland dieses Bild verworfen. Ein aus menschlicher Sicht willkürlicher, unendlich ferner Gott tritt an seine Stelle. Die philosophische Durchdringung des Glaubens wird rigoros abgelehnt. Luther übernimmt viele Aspekte seiner Lehrer und denkt sie zu ihrem Ende, wobei ihn die Frage der Rechtfertigung vor einem scheinbar willkürlichen Gott besonders umtreibt. Ähnlich bei Calvin, der diese Willkür ins Zentrum seines Glaubens nimmt. August Franzen stellt diese Problematik in seiner Kirchengeschichte schön dar.

Dagegen waren beide Reformatoren offenbar recht schwach in der Kenntnis der Kirchenväter und anderer frühchristlicher Literatur, die sie wohl ins Grübeln gebracht hätte, warum sich darunter niemand mit ihren Positionen findet. Und vielleicht hätte das die Erkenntnis reifen lassen, dass ohne die Autorität der Kirche völlig unklar wäre, was überhaupt der Inhalt der Heiligen Schrift wäre, deren Kanon ja erst im Laufe der Spätantike geklärt wurde.

Ganz anders Thomas, der z.B. in seiner Catena Aurea ganz mühelos Zitate der Kirchenväter und anderer Quellen aus verschiedensten Jahrhunderten aneinanderreiht. Nur, wer die Tradition kennt, kann auch die Geschichte und Argumentationen verschiedener theologischer Debatten abschätzen und verhindern, die Sackgassen der Vergangenheit neuerlich aufzusuchen.

Pauli Bekehrung

Ludovico Carracci: Bekehrung des hl. Paulus (1587/89)

Ludovico Carracci: Bekehrung des hl. Paulus (1587/89)

Am 25. Jänner feiert die Kirche „Pauli Bekehrung“ — das „Damaskuserlebnis“, durch das aus dem wütenden Christenverfolger ein Apostel Christi wurde. Eine schockartige Begegnung mit Christus, die seine bisherige Welt aus den Fugen geraten und ihn vorübergehend erblinden lässt. In dieser Situation, in der der vorher machtvolle Verfolger als Blinder auf die Hilfe anderer angewiesen ist, erlebt er die Barmherzigkeit der jungen Christengemeinde in Damaskus. Seine ganze Theologie muss man meines Erachtens vom Damaskuserlebnis her entschlüsseln, das ihn völlig unverdient getroffen hat. Er selbst berichtet davon im Galaterbrief:

Ich tue euch kund, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündet habe, ist nicht Menschenwerk. Ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi. Ihr habt doch von meinem früheren Wandel im Judentum gehört. Maßlos verfolgte ich die Kirche Gottes und suchte sie zu vernichten. Im Eifer für das Judentum übertraf ich viele meiner Altersgenossen in meinem Volk, so übertriebenen Eifer legte ich für die Überlieferungen meiner Väter an den Tag.

Als es aber dem, der mich schon vom Mutterschoß an ausersehen und durch seine Gnade berufen hatte, gefiel, mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Heiden verkünde, zog ich nicht mehr Fleisch und Blut zu Rate, auch ging ich nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die schon vor mir Apostel waren, sondern ich zog weg nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.

Erst drei Jahre später ging ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennenzulernen und verbrachte bei ihm fünfzehn Tage; von den anderen Aposteln sah ich nur Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch schreibe – ich bezeuge es vor Gott, – es ist keine Lüge. Darauf begab ich mich in die Gebiete von Syrien und Zilizien. Den Christengemeinden in Judäa blieb ich persönlich unbekannt. Sie hatten nur gehört: Unser einstiger Verfolger verkündet jetzt den Glauben, den er früher zu vernichten trachtete. Und sie priesen Gott um meinetwillen. (Gal 1, 11-24; Übersetzung von P. Konstantin Rösch, OMCap)

Die Begebenheit war so außerordentlich, dass Lukas sie in der Apostelgeschichte dreimal referiert — mit je nach Kontext verschiedenen Gewichtungen und Formulierungen: Einmal als Ereignisbericht im 9. Kapitel, einmal in der Verteidigungsrede des Paulus vor den Juden Jerusalems im 22. Kapitel, einmal in der Verteidigungsrede vor König Agrippa im 26. Kapitel. Es war eben wirklich ein einschneidendes, unglaubliches Ereignis: „Der einstige Verfolger verkündet jetzt den Glauben.“ Überspitzt formuliert fast so, wie wenn sich ein beinharter saudischer Religionspolizist überraschend taufen ließe, oder ein treuer chinesischer Parteikader sich der katholischen Untergrundkirche anschlösse. Aber wer weiß schon, wie oft so eine Bekehrung nicht auch heute stattfindet.