„Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt“

Am Weißen Sonntag wird immer derselbe Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen: Jesus erscheint den versammelten Jüngern am Osterabend und gießt den Heiligen Geist über sie aus; der Apostel Thomas fehlt in der Versammlung, zweifelt am Bericht der anderen Jünger, ruft aber von Ehrfurcht ergriffen „Mein Herr und mein Gott“, als er dann den Auferstandenen tatsächlich sieht. Daran schließt ein kurzer Abschnitt an, der die Berichte über das Leben Jesu (nicht aber das Evangelium!) zu einem Ende führt: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

In der Einheitsübersetzung wird behauptet, dass sei das ursprüngliche Schlusswort des Johannesevangeliums gewesen. Dafür gibt es in den alten Textzeugen keinen Hinweis. Auch der Stil bleibt der gleiche. Vor einer solchen Behauptung müssten doch gelindere Erklärungen vorgezogen werden. Aber sei’s drum, die Bemerkungen zur Einheitsübersetzung sind ja auch in vielen anderen Punkten eher fragwürdig.

Aber zurück zur Perikope. Der Text ist mit Bedacht zusammengestellt. Er schließt direkt an den Bericht der Maria Magdalena an, die den Jüngern von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt. Jesus bestätigt den Bericht, indem er selbst in der Mitte der Jünger erscheint. Darin werden sie ausgesandt, mit dem Heiligen Geist gestärkt und mit der Gabe der Sündenvergebung und der Verweigerung dieser Vergebung ausgestattet. Damit wird aus dem Einzelereignis der Auferstehung ein Geschehen, das sich fortsetzt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Interessant: Auch die Jünger glauben (erst?), nachdem sie die Wunden gesehen haben1: Es ist kein Totengeist, es ist der wahrhaft Auferstandene.

Dann also Thomas, dem Jesus zuruft: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Man darf das nicht als Schelte missverstehen. Im Johannesevangelium wirkt Jesus sieben großen Zeichen:

  1. Die Hochzeit von Kana.
  2. Die Heilung des Knechts des Beamten von Kafarnaum.
  3. Die Heilung des Gelähmten von Betesda
  4. Die Speisung der 5.000
  5. Der Gang Jesu auf dem Wasser
  6. Die Heilung des Blindgeborenen
  7. Die Auferweckung des Lazarus

Trotz dieser großen Zeichen glaubten viele nicht an ihn. Ja, auf Grund der Wiedererweckung des Lazarus wird gar sein Tod beschlossen! Thomas also zieht zumindest die richtigen Schlüsse aus dem, was er sieht. Sein Herz ist nicht verhärtet, sondern offen für die Wunder des Herrn. Und er ruft dabei ein Gottesbekenntnis aus, das in seiner Direktheit zeigt, wie erschüttert Thomas ist: „Mein Herr und mein Gott!“ Darin wird uns Thomas also zum Vorbild.

Aber schon das Zeugnis anderer genügt ihm anscheinend nicht. Hier darf sich nun der Hörer bzw. Leser des Evangeliums angesprochen fühlen. Denn er liest von den Zeichen, hört von den großen Taten Jesu, die im Evangelium bezeugt sind, und glaubt. Er vertraut dem glaubwürdigen Zeugnis derer, die „das Wort des Lebens“ mit den eigenen „Augen gesehen“ und „Händen angefasst“ haben, wie es im 1. Johannesbrief heißt.

Diese kompositorische Absicht erklärt auch leicht die Fortsetzung. Denn nun will der Evangelist kein Zeichen aufschreiben, damit wir zum Glauben an Jesus kommen, sondern eines, damit wir die Fülle der Kirche begreifen. Die Beauftragung des Petrus als Hirten ist dabei ein zentraler Moment. Die dreimalige Frage Jesu und sein folgender Anruf ist außerdem das nötige Gegengewicht zu Petrus’ dreimaliger Verleugnung Jesu.

Manche verweisen auch auf 1 Joh 5,13, in dem Johannes ebenfalls den Zweck seiner Ausführungen erklärt, ohne das Werk damit zu beenden.2 Auch im Johannesevangelium selbst gibt es mehrmals erläuternde Einschübe, die wie Schlusssätze klingen, aber keine sind.

Die Perikope führt uns jedenfalls tief in die bleibende Bedeutung des Ostergeschehens hinein. Wer sich recht darin vertieft, die Zeugnisse ernst nimmt, wird mit Thomas ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“


  1. Joh 20,20: „Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ 
  2. 1 Joh 5,13: „Dies schreibe ich euch, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt; denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ 

Eostre, Ostara und Ostern

In vielen Sprachen ist der Bezug zwischen dem jüdischen Pessachfest und dem christlichen Ostern klar hörbar. Im Französischen heißt es pâques, im Niederländischen pasen, auf Italienisch pasqua, auf Gälisch cáisc 1. Andere haben umschreibende Namen. So heißt das Fest im Tschechischen velikonoce, also „Große Nacht“. Im Englischen aber heißt es easter, und von dort könnte auch unser Ostern stammen, waren doch etliche angelsächsische Missionare an der Christianisierung Deutschlands beteiligt, während im Nordwesten Deutschlands sich die Bezeichnung nach dem Paschafest hielt.

Im 19. Jahrhundert war es sehr beliebt, alle möglichen Bräuche und Namen auf uralte Wurzeln zurückzuführen. Daher stammt etwa die Vorstellung, der Osterhase wäre Ausdruck uralter Frühlingsbräuche, obwohl er erst seit der Neuzeit bezeugt ist und lange Zeit in enger Konkurrenz zu Osterfuchs, Osterstorch und anderen Tieren als Eierlieferant stand.

Damals wurde auch von Jakob Grimm eine germanische Frühlingsgöttin namens „Ostara“ rekonstruiert, und zwar aus einer flüchtigen Bemerkung beim Kirchenlehrer und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis über die alten angelsächsischen Monatsnamen. Beda vermutet dort hinter dem Monatsnamen Eosturmonath eine Göttin Eostre, deren Fest in diesem Monat gefeiert worden sein soll.

Es ist passend, dass der Rassenfanatiker und Verschwörungstheoretiker Adolf Lanz, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Jörg Lanz zu Liebenfels“, ausgerechnet den Namen „Ostara“ für seine Zeitschrift verwendete. Eine gleichsam erfundene Göttin für eine erfundene Ideologie.

Nun ist es durchaus möglich, dass Beda tatsächlich eine Überlieferung referenziert, die ihm selbst nur vielleicht nicht mehr so vertraut war. Manche vermuten z.B. einen Beinamen einer anderen Göttin, da in den überlieferten germanischen Sagen keine Göttin des Namens Eostre oder in ähnlicher Weise auftaucht. Auch ist seine knappe Ausdrucksweise manchmal missverständlich. So berichtet er, der Solmonath, im Februar, könne „Monat der Kuchen“ genannt werden, weil man den Göttern Kuchen geopfert hätte. Viele rätseln, wie man vom Adjektiv „sol“ für „Schlamm“ auf „Kuchen“ kommen könnte. Aber vielleicht will Beda gar nicht den Monatsnamen erklären, sondern sagen: Man könnte ihn direkt Kuchenmonat nennen, weil eben Kuchen geopfert wurde. Das war vielleicht die lebendigste Erinnerung.

Es wäre unfair, Beda Ungenauigkeiten anzukreiden. Seine Quellen waren in diesem Fall wohl oft eigene Erinnerung und die seiner Umgebung, denn es ist kaum anzunehmen, dass dieser Kalender der Angeln zuvor schriftlich dokumentiert worden ist. Und Beda weist selbst darauf hin, dass dieser Kalender keine aktuelle Relevanz mehr besitzt:

Aber das alte Volk der Angeln (denn es scheint mir nicht passend, die Folge des Jahres der anderen Völker zu nennen, und meines zu verschweigen) hat seine Monate nach dem Lauf des Mondes berechnet; daher nahmen sie auch vom Mond nach Sitte der Hebräer und Griechen den Namen. Wenn also bei diesen der Mond „mona“, wurde der Monat „monath“ genannt.

Man beachte die durchgehende Verwendung von Vergangenheitsformen, während er bei der Schilderung des griechischen Kalenders die Gegenwart verwendet. Beda erzählt auch ganz bewußt die Verbindung zu Götternamen und zu Opfern — z.B. dem Blutopfer im „Blutmonat“ November –, wie sein Schlußsatz in der Schilderung der anglischen Monate nahelegt:

Dank sei Dir, guter Jesus, der Du uns, der wir uns von diesen Eitelkeiten abwenden, geschenkt hast, Dir das Opfer des Lobes anzutragen.

Die in den Monatsbeschreibungen geschilderten Opfer sind also nicht mehr notwendig und wurden vom Lob Gottes abgelöst.

Wir können aus Bedas Text aber durchaus erschließen, dass es zumindest bei den Angeln im April ein Frühlingsfest gegeben haben muss, dessen Name dann bei der Christianisierung der Angeln auf das Osterfest übertragen wurde:

mit dessen Namen sie nun zusätzlich die Osterzeit bezeichnen, indem sie mit dem gewohnten Wort des alten Dienstes die Freuden der neuen Feierlichkeit nennen.

Mit der angelsächsischen Mission — es seien nur Bonifatius, Wunibald und Willibrord genannt — und Gelehrten wie Alkuin ist dieser Name in den deutschen Sprachraum gekommen, wie Richard Sermon nachzeichnet. Eine deutsche Göttin Ostara hat es dafür nicht gebraucht, die entsprechend auch nirgends bezeugt ist.


  1. Aus dem lateinischen pascha; das anlautende p wird im Irische dann zu c

Fällt der freie Karfreitag für Evangelische?

Ist es eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung, wenn evangelische Arbeitnehmer, die am Karfreitag einen Feiertagszuschlag erhalten, andere Arbeitnehmer aber nicht? Oder ist es sogar vielmehr eine Maßnahme zum Schutz der Freiheit der Religionsausübung? Vor diese Frage sieht sich der österreichische Oberste Gerichtshof gestellt, der — völlig richtig — ein Vorabentscheidungsersuchen an den EuGH gestellt hat.

Völlig richtig, weil in diesem Fall unionsrechtlich argumentiert wird, es aber keine Präzedenzfälle gibt, auf die sich der OGH berufen könnte, wie Wolfgang Mazal im Ö1-Morgenjournal erläuterte. Keineswegs hat der OGH „nicht allein entscheiden will“ und die Entscheidung auf europäische Ebene „abschiebt“, wie der Standard insinuiert. Er ist nach Artikel 267 AEUV geradezu verpflichtet, den EuGH zu befassen.

Hinter dem Verfahren stehen natürlich handfeste Interessen, das Christentum wieder einen Schritt weiter aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Kein Arbeitnehmer würde wegen der trüben Aussicht auf einige Euro Feiertagszuschlag durch alle Instanzen prozessieren. Es ist daher interessant, dass die öffentlich-rechtliche Arbeiterkammer diesen Fall vorantreibt, der für viele Arbeitnehmer nachteilige Folgen haben kann. Noch mehr, dass sie sich davor sträubt, die Parallelen zu Jom Kippur herauszuarbeiten, der ebenfalls nur ein partieller Feiertag ist. Bei diesem ist freilich deutlicher, dass es für die betroffenen Gläubigen besonders wichtig ist, an diesem Tag frei haben zu dürfen, und daher der Schutz der Religionsausübung ein gewichtiges Argument ist.

Wenn Eric Frey im „Standard“ für eine „rasche Lösung“ vor der Entscheidung des EuGH plädiert, ahnt man schon, wohin die Reise geht: Einige, die mit der Klage sympathisieren, haben Sorge, der EuGH könnte zumindest derart entscheiden, dass ein partieller Feiertag grundsätzlich möglich ist, aber unter gewissen Bedingungen, die gewährleisten, dass tatsächlich die Freiheit der Religionsausübung durch die Regelung gesichert wird. Bei einer Kollision zweier Grundrechte sind solche abwägenden Urteile durchaus üblich. Der Karfreitag hat hier als partieller Feiertag den schwereren Stand, da er ja auch für anerkannte Religionsgemeinschaften von großer Bedeutung ist, deren Karfreitag aber durch keinen gesetzlichen Feiertag geschützt ist. Der besondere Schutz, der gerade den Evangelischen, Altkatholiken und Methodisten zukommen muss, ist hier vielleicht schwerer zu argumentieren, wenngleich begründbar.

1955, als die Regelung eingeführt wurde, zielte die Argumentation darauf ab, dass Angehörige der Minderheitsbekenntnisse durch die Anerkennung eines eigenen Feiertags Anerkennung erleben würden. Es sei auch ein Ausdruck gelebter Toleranz, und durch die unterschiedliche Theologie von Katholiken und Evangelischen sei auch erklärbar, warum für die Katholiken der Karfreitag kein gesetzlicher Feiertag sei. So kann man es im Stenographischen Protokoll der entscheidenden Sitzung des Nationalrats nachlesen, in der Abg.z.NR Kranebitter ein theologisch gehaltvolles Bekenntnis zu seinem katholischen Glauben ablegt, das schon von seiner Tiefe her heute schwer vorstellbar wäre.

Palmsonntag: Wer sind wir?

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Der Palmsonntag vereinigt die Freude über den Einzug Jesu in Jerusalem, seine festliche Begrüßung, mit den düsteren Ereignissen der Kartage. In der außerordentlichen Form des Ritus drückt sich das sinnfällig aus, denn da wechselt der Priester von roten Paramenten dann vor der eigentlichen Meßfeier, in der die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird, zu violett. Zum Einzug hören wir den Ruf der jubelnden Menge:

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!

Es werden Lobgesänge auf Gott gesungen, ein Hymnus auf Christus als König. Nach dem Evangelium zur Palmprozession ruft der Priester dazu auf, die Jesu preisenden Massen nachzuahmen. Auf Deutsch heißt es:

Wie einst das Volk von Jerusalem Jesus zujubelte, so begleiten auch wir jetzt den Herrn und singen ihm Lieder.

Doch das lateinische Original ist deutlicher. Eine wortgetreuere Übersetzung wäre wohl:

Liebe Brüder, ahmen wir die Mengen nach, die Jesus zujubelten, und gehen wir in Frieden los.

Das wirft auch ein Licht auf uns selbst. In der Menge, die Jesus zujubelte, waren wohl auch solche, die nur wenige Tage später ihn ans Kreuz wünschen würden. Aber auch solche, die sich aus Furcht vor den Mächtigen dann verstecken, lieber ruhig verhalten oder ihren Jubel verleugnen würden. Vielleicht auch jemand, der verzweifelt nachdenken würde, wie er Jesus helfen könnte. Wer sind wir, wenn der Jubel in Hass und Verfolgung umschlägt? Wer sind wir, wenn der Glaube verspottet, Christus aus der Öffentlichkeit verbannt wird?

Viele glauben von sich, sie wären Helden, wenn es darauf ankommt. Der Palmsonntag erzählt uns nüchtern, wie schnell aus Jubel Not werden kann, und wie einsam es in dieser Not aussieht. Freilich: Ostern und Pfingsten eröffnen uns neue Möglichkeiten. Und so hören wir in der Apostelgeschichte wiederum, dass viele aus der Menge in Jerusalem nach Pfingsten zu Christen wurden. Viele, denen Petrus in seiner Predigt vorhalten konnte, dass sie an Jesu Tod mitschuldig seien.

Isidor von Sevilla

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla wird heute gerne als „Schutzpatron des Internets“ bemüht, besonders an seinem Gedenktag, dem 4. April. Nun, einige der Möglichkeiten des Internets täten dem langjährigen Erzbischof von Sevilla vielleicht gefallen. Wie Josef Bordat darstellt, ist der hl. Isidor aber vor allem ein wesentlicher Mittler von Wissen und Bildung. Isidor kompilierte z.B. eine zwanzigbändige Enzyklopädie, die sogenannten Etymologiae, oder ein Buch über die Natur, De Natura Rerum. Gemeinsam mit Beda Venerabilis, der in England ebenfalls wichtige Kompilationen und Zusammenfassungen überlieferten Wissens schuf, konnten so Sammlungen erstellt werden, die angesichts knapper Ressourcen und unsicherer Zeiten einen vertretbarem Umfang hatten und daher weite Verbreitung fanden. Beiden spielten z.B. bei der Vermittlung der Kugelgestalt der Erde eine Rolle — siehe eine Dissertation von Klaus Anselm Vogel.

Der hl. Isidor war auch als Historiker aktiv, gestaltete aber auch selbst Geschichte in mehreren Synoden. Sein Einsatz für den Aufbau von Schulen und die Erstellung fester Bildungsinhalte war wegweisend. Es soll aber auch nicht sein Antijudaismus verschwiegen werden, der sich in einer eigenen Schrift über die Juden ausdrücken sollte.

Nicht zuletzt war er ein Theologe und Seelsorger. Darüber hat Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz gesprochen und dabei darauf hingewiesen, wie Isidor die richtige Balance im Glaubensleben zwischen Versenkung und aktivem Tun betont, die für ein erfülltes Leben so wichtig ist:

Die endgültige Bestätigung einer rechten Lebensorientierung sucht Isidor im Vorbild Christi und sagt: ‚Jesus, der Erlöser, bot uns das Vorbild des aktiven Lebens, wenn er sich tagsüber dem Wirken von Zeichen und Wundern in der Stadt hingab, aber er zeigte das kontemplative Leben, wenn er sich auf den Berg zurückzog und dort im Gebet die Nacht verbrachte‘ (op. cit., 134: ebd.). Im Licht dieses Beispiels des göttlichen Meisters kann Isidor mit dieser klaren moralischen Lehre schließen: ‚Deshalb widme sich der Diener Gottes in Nachahmung Christi der Kontemplation, ohne dem aktiven Leben zu entsagen. Sich anders zu verhalten, wäre nicht recht. Denn wie man Gott mit der Kontemplation lieben muß, so muß man den Nächsten mit dem Handeln lieben. Es ist also unmöglich, ohne das gleichzeitige Vorhandensein der einen und der anderen Lebensform zu leben, noch ist es möglich zu lieben, wenn man nicht die Erfahrung sowohl der einen wie der anderen macht.‘

Gerade in der Fastenzeit kann also der hl. Isidor in manchem zum Wegweiser werden.

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt