Trump Derangement Syndrome

In den USA hat sich ein Ausdruck dafür eingebürgert, wenn das Ereifern über einen politischen Gegner pathologische Züge bekommt: „Derangement Syndrome“. So litten in den Nuller Jahren etliche Demokraten unter dem Bush Derangement Syndrome, das damals Charles Krauthammer scherzhaft diagnostizierte:

Der akute Ausbruch von Paranoia in ansonsten normalen Menschen als Reaktion auf die politischen Entscheidungen, die Präsidentschaft — nein — die bloße Existenz von George W. Bush.

Damals hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, und jeder kleine (oder vermeintliche) Fehltritt des Präsidenten wurde ins Unermessliche gesteigert und breitgetreten. Das sagt wenig über seine Präsidentschaft aus, aber viel über seine Kritiker. Viele konnten nicht ertragen, dass er ins Weiße Haus eingezogen war, das doch rechtmäßigerweise einem aufgeklärten linksliberalen Demokraten hätte zufallen müssen. Seine Wiederwahl war dann für manche noch unerträglicher, weil der Sieg eindeutig und unumstritten war.

Nun sind solche „Derangement Syndromes“, zu deutsch wohl Umnachtungssyndrom, nicht auf eingefleischte Linke beschränkt. Hillary Clinton ist z.B. seit geraumer Zeit ebenso ein Magnet für Verschwörungstheorien.

Nun eben Trump

Und nun eben Donald Trump. Natürlich ist die Delegitimierung des politischen Gegners keine neue Waffe. Doch die apokalyptischen Bilder, die bei jeder Äußerung Trumps bemüht werden, die oft rein atmosphärische Kritik, die maßlose Übertreibung, das sind schon bedenkliche Entwicklungen. Wer Witze darüber reißt, ob nicht der „tiefe Staat“ durch einen Mord die Sache „bereinigen“ könnte, oder wie der ehemalige Popstar Madonna davon träumt, das Weiße Haus zu sprengen, sät den Samen für politische Gewalt (über die man sich dann natürlich betroffen zeigt) und erweist sich schließlich auch als schlechter Demokrat.

In Rumänien soll das Delikt des Amtsmissbrauch de facto abgeschafft werden, um den korrupten Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, zu schützen. In der Türkei entmachtet sich das Parlament selbst, um der Präsidialdiktatur Erdogans die Bahn frei zu machen. Beides ist natürlich nur von untergeordnetem Interesse, während sich die Medien obsessiv mit der Frage beschäftigen, ob der Pressesprecher Trumps gelogen hat, als er von hohen Besucherzahlen bei der Amtseinführung berichtete.

Wer die üblichen Diskrepanzen zwischen verschiedenen Teilnehmerzahlen kennt, und die beiderseitige Manipulation mit sorgsam ausgewählten Bildern, wird übrigens bald feststellen, dass viele Medien sich der gleichen Art von — sagen wir es höflich — „Übertreibung“ wie der Pressesprecher schuldig gemacht haben, nur in die andere Richtung. Allerdings: Es ist der Job eines Pressesprechers, seinen Chef in gutem Licht erscheinen zu lassen. An Journalisten würde man doch andere Maßstäbe anlegen.

Eine tiefe kognitive Dissonanz

Das Trump Derangement Syndrome ist Ausdruck einer tiefen kognitiven Dissonanz, die der Cartoonist und Autor Scott Adams so beschreibt:

  1. Die Betroffenen halten sich selbst für gebildet und gut informiert.
  2. Sie haben durch ihr gutes Urteilsvermögen erkannt, dass Trump ein Faschist, ein bösartiger Clown oder etwas anderes Furchtbares ist.
  3. Millionen von Menschen haben Trump trotzdem zumindest für das geringere Übel gehalten und ihn ins Amt gewählt.

Nun ist es durchaus plausibel, dass Trump als Präsident problematische Entscheidungen trifft. Aber als protofaschistisches Schreckbild taugt er nicht. Bis zu seiner Kandidatur war er bei demokratischen wie republikanischen Kandidaten als Unterstützer wohlgelitten. Die Clintons waren bei seiner Hochzeit zu Gast. Nichts deutet in seinem wohldokumentiertem Leben auf irgendwelche revolutionären Absichten hin.

Was also tun? Entweder gibt man zu, dass man vielleicht im Wahlkampf den Gegner etwas zu sehr dämonisiert hat — womit aber eingestehen würde, nicht so gut informiert und gebildet zu sein, wie man glaubt. Oder man redet sich ein, Trumps Wähler würden ihn mehrheitlich ebenso als Protofaschisten sehen und das auch noch gut finden. Daher müsse man nun mit großen Demonstrationen und allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihn und seine Wähler arbeiten. Würde man ihn zum Rücktritt zwingen oder sonstwie seine Amtszeit beenden, wäre die Beseitigung der Demokratie quasi die Rettung der Demokratie. Ein Dialektiker kriegt das argumentativ schon hin.

Für uns Beobachter heißt das vor allem, dass es noch viel schwerer wird, halbwegs seriöse Informationen über Trumps Präsidentschaft zu bekommen, da es nur extrem gefilterte Nachrichten gibt. Siehe etwa den Zwischenfall, als CNN berichtete, Nancy Sinatra hätte sich verärgert gezeigt, dass Trump bei der Amtsübergabe u.a. ein Lied ihres vaters verwenden ließe. Über CNN war Nancy Sinatra dann wirklich verärgert, weil der Bericht erlogen war. Wenn selbst bei solchen Kleinigkeiten falsch berichtet wird, wie sollen wir je ein halbwegs stimmiges Bild bekommen?

Der Falter gegen Erwin Pröll, Runde 57

Erwin Pröll ist ein mächtiger Mann. So jemand hat viele (und viele falsche) Freunde und natürlich auch viele Feinde. Daher ist es folgerichtig, dass in regelmäßigen Abständen Gerüchte und Geschichten über ihn auftauchen, die ihn diskreditieren sollen. Manche, wie die immer noch schenkelklopfend erzählte „Weinkönigin“-Story, haben sich nach Recherchen als „gut erfunden“ herausgestellt, andere, wie problematische Landesveranlagungen, wurden bald von anderen, ähnlichen Problemen im Österreich verdeckt und verloren so an Brisanz.

Jetzt also wird wieder die Erwin Pröll Stiftung ausgegraben, die zum 60. Geburtstag des niederösterreichischen Landeshauptmanns gegründet wurde. Der Falter hat hier offenbar in Kooperation mit den niederösterreichischen Grünen gearbeitet und übt sich in erprobter Übertreibung: „Geheimakten“, „an der Opposition vorbei“, „Spielgeld“. Neu ist die Story nicht, die schon 2009 einmal vom Falter ausgetestet wurde.

Auf Twitter attackiert Falter-Chefredakteur Florian Klenk andere Medien, die seine Story nicht mit dem gleichem Spin übernehmen, so etwa Kurier-Herausgeber Helmut Brandstätter. Offenbar hatte der Kurier den Grundsatz „audiatur et altera pars“ beherzigt und berichtete auch über die Pläne der Stiftung für eine Art Akademie. Das schmeckte Klenk überhaupt nicht.

Aber nicht einmal die Kritiker behaupten, dass sich irgendjemand mit dem Geld der Stiftung bereichert hätte. Die Landesräte der anderen Parteien haben den Subventionen für die Stiftung immer zugestimmt, also kann von einer heimlichen Zuwendung, die „an der Opposition vorbei“ erfolgte, wohl keine Rede sein. Außer, ich definiere Opposition in einer Landesverfassung, die allen Parteien ab einer gewissen Größe Sitze in der Landesregierung zubilligt, als diejenigen Parteien, die zu klein sind, um einen Sitz zugewiesen zu bekommen.

Ehrlich: Es ist für den Falter armselig, wenn er bei einem Landeshauptmann, dem die Zeitung eigentlich schon seit Jahren einen ans Zeug flicken will, keine aufregendere Geschichte findet.

Jetzt setzt man stattdessen auf journalistische Wehleidigkeit. Weil die ÖVP Niederösterreich genauso scharf zurückschießt und u.a. den Falter-Artikel „Fake News“ nennt, und eine Klagsdrohung gegen die ÖVP wegen dieser Bezeichnung publik gemacht wird, wird das Thema in Richtung „So geht man mit Journalisten nicht um“ verschoben. Aber warum eigentlich nicht? Wie heißt es: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wer „Best of Böse“ und andere Schmähungen produziert, muss schon vertragen, wenn er von anderen ähnlich behandelt wird.

2016: Das Jahr, in dem 181 Prominente verstorben sind …

Leonhard Cohen, Umberto Eco, Nancy Reagan, Carrie Fisher, Prince, … – die Zahl der weltweit prominenten Persönlichkeiten, die 2016 verstorben sind, schien erdrückend groß. Und das Jahr 2017 hat dann nicht viel anders begonnen. Aber war das Jahr 2016 wirklich so ein verheerendes Jahr unter Prominenten?

Nein, sagen die drei Wissenschafter Cristian Candia-Castro Vallejos, Cristian Jara Figueroa und César A. Hidalgo vom MIT. Es gibt einfach vor allem dank moderner Kommunikationstechnologien viel mehr weithin Prominente als früher. Nun klingt das für sich einigermaßen plausibel –- wir leben heute weltweit mit dem Leben und Sterben von Künstlern, Politikern und Sportlern mit, wie es früher einfach nicht möglich war. Wer hätte in Wien um 1900 einen kanadischen Sänger so gut gekannt, dass sein Tod ihn betroffen macht? Oder die Gattin eines US-Präsidenten?

Bücher, Filme und Tonträger machen zudem das Werk von Personen nicht nur einer breiten Menge zugänglich, sie konservieren es auch. Die Zahl der prominenten Personen, an die wir uns heute noch zumindest per Wikipedia-Eintrag erinnern, steigt daher bei technologischen Neuerungen sprunghaft schneller an.

Doch Candia-Castro Vallejos & Co. erzählen nicht nur eine Geschichte, sie haben sie auch überprüft. Als prominent werteten sie dafür Personen, für die in zumindest zwanzig Sprachen Wikipedia-Artikeln vorlagen. Ein unvollkommenes Maß, wie sie selbst zugeben, aber es drückt ein gewisses weltweites Interesse aus, das am Leben einer Person herrscht. Untersucht man die Todesfälle der letzten Jahre und ihre Entwicklung, lag die Zahl der verstorbenen „Wikipedia“-Prominenten sogar leicht unter dem zu erwartenden Wert. Insgesamt waren es 181. Die Voraussage für 2017 wäre 197.

Das Forscherteam weist dabei besonders daraufhin, dass nun viele der Prominenten ihren Lebensherbst genießen, die in den Sechziger und Siebziger Jahren mit der Verbreitung des Fernsehens besonders bekannt geworden sind, so dass noch leichte Steigerungen möglich sind. Allerdings gibt es Grenzen für das Wachstum an Prominenz: Man kann in einem Leben auch nur einer beschränkten Anzahl von Phänomenen seine Aufmerksamkeit widmen, und so hat auch die Vermehrung der Personen, die in unserem Gedächtnis als prominent haften bleiben, irgendwann ein Ende. Und schließlich sind viele technologische Veränderungen schon eingepreist, die weltweite Bekanntheit ermöglicht haben. Wir könnten also langsam den Zenit des Prominentensterbens erreicht haben.

(via Marginal Revolution)

Sibylle Hamann und der Grundsatzerlass zur Sexualerziehung

Sibylle Hamann kennt entweder den Entwurf des Grundsatzerlasses für Sexualerziehung nicht, oder lässt sich von der trockenen Sprache blenden. Anders ist ihre jüngste „Presse“-Kolumne bei wohlmeinender Interpretation nicht zu erklären, in der sie Kritiker an dem Erlass als „Radikalkatholiken“1 zu entwerten versucht und ihnen unterstellt, „gegen den (ohnehin kaum vorhandenen) Sexualkundeunterricht an Schulen hetzen.“

Die dritte Möglichkeit — dass sie z.B. eine Frühsexualisierung von Kindergarten- und Volksschulkindern befürwortet, einschließlich einer Erweiterung der „Körperkompetenz“ (ein Codewort für sexuelle Berührungen) — mag ich mir bei jemanden, der einmal Chefredakteur einer Zeitung für Menschenrechte gewesen ist, nicht vorstellen. Freilich, auch der Weg in den Pädophilieskandal der deutschen Grünen war mit vermeintlich guten Vorsätzen über „moderne Sexualpädagogik“ und „befreiende sexuelle Erfahrungen“ gepflastert. Dass diese überholte Position bei uns in der Provinz erst ankommt, wenn sie überall sonst längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, wäre natürlich nicht untypisch.

Meine Ferndiagnose2 wäre aber eher „mood affiliation“, bei der man sich zuerst für eine Stimmung oder Gesinnung entscheidet, und dann auch disparate Ansichten verteidigt, die dazu passen. Die Kritiker werden im katholischen Lager verortet, dem Sibylle Hamann in früheren Kolumnen schon eher wenig Verständnis entgegengebracht hat, die Propagierung einer umfassenden Sexualerziehung dagegen war ja eines der Anliegen der 68er. Da fällt die Stimmungsentscheidung nicht schwer, auch wenn es bei dem jetzigen Streit inhaltlich um etwas anderes geht, und der Erlass gerade aus menschenrechtlicher Sicht bedenklich wäre (vgl. z.B. Art. 2 1. ZP EMRK, UNO-Kinderrechtskonvention, Übereinkommen des Europarats zum Schutz von Kindern)

Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht ist natürlich amüsant, und bezieht sich wohl auf diese „Falter“-Geschichte von Sibylle Hamann. In Deutschland wurde bekanntlich versucht, für eine 13jährige Muslimin eine Befreiung vom Schwimmunterricht durchzusetzen — vergeblich. In Österreich findet der Schwimmunterricht allerdings bereits in der Volksschule statt, in der auch für Muslime strenger Observanz auf Grund des geringeren Alters der Kinder die Badekleidung noch kein sittliches Problem darstellt, so der „Standard“. Kurz gesagt: Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht hinkt auf jedem Fuß.

Freilich, so wie man an Blogeinträge wie diesen gewöhnlich keine zu hohen Ansprüche stellt, sind auch regelmäßige Meinungskolumnen in Tageszeitungen schon definitionsgemäß keine Hochburgen des faktenorientierten Journalismus. Oft werden Kolumnenautoren von Redaktionen auch strategisch so angeworben, dass bestimmte Zielgruppen bedient werden und andere sich darüber echauffieren. Insofern: Mission accomplished.


  1. Im Wortsinn ist es ja fast ein Lob: Menschen, die zu den Wurzeln zurückgekehrt sind und so ihre Überzeugung verinnerlicht haben. Aber so ist es ganz offensichtlich nicht gemeint. 
  2. Ferndiagnosen sind natürlich sehr gewagt und damit irrtumsanfällig, das gebe ich gerne zu. Doch ist ja praktisch jeder Kommentar über andere Menschen auch immer so etwas wie eine Ferndiagnose, oder? 

Charlie Hebdo: Lassen wir die Terroristen ihr Ziel erreichen?

Es ist einfach grauslich, wie viele den Angriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdomadaire“ implizit rechtfertigen. Die Mohammed-Karikaturen seien ja oft recht derb gewesen, geschmacklos. Die Sachen seien schon irgendwie arg gewesen. Hätten Sie es so herausfordern müssen, so die implizite Frage. Hier wurde ein paar Beispiele der Relativierung zusammengetragen.

Ja, viele der Karikaturen waren geschmacklos. (Auch Christen fänden übrigens ausreichend Material, um sich über Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ zu beschweren.) Aber Meinungsfreiheit gehört zu den Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Und die Auslotung der Grenzen dieser Freiheit ist geradezu Aufgabe der Satire! Ja, der Diskurs über diese Grenzen kann in eklatanten Fällen auch vor Gericht geführt werden müssen. Auch die „verletztendste“ Satire kann aber nicht herangezogen werden, um in irgendeiner Form Mord zu rechtfertigen.

Die Opfer des Massakers in Paris, etwa Chefredakteur Stephane Charbonnier oder die Zechner Cabu, Tignous und Wolinski, sind den aufrechten Gang gegangen. Charbonnier hat bekanntlich gemeint, er würde lieber sterben als auf Knien leben. Die Redakteuere haben ihre Aufgabe ernst genommen, sind nicht den leichten Weg des Appeasements gegangen. Vielfach wird ja gerade im Umgang mit dem Islam eine unterwürfige Vorwegzensur vorgenommen, die so weit geht, dass wohl auch so mancher europäischer Moslem dafür kein Verständnis mehr hat.

Ob der feige Angriff der schwerbewaffneten Islamisten auf die höchstens mit Buntstiften bewaffneten Satiriker Erfolg hat, hängt jedenfalls nicht von kurzfristigen Solidaritätsbekundungen ab. Sondern davon, ob die Vorwegzensur noch weiter um sich greift — nicht nur bezüglich des Islams! –, ob vielleicht sogar mittels Hetzparagraphen kritische Stimmen mundtot gemacht werden sollen, oder ob doch gilt, was Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ doziert: Dass es im Kampf gegen die islamistischen Banden kein Zurückweichen geben darf, gerade nicht, was die Freiheit der Presse und der Meinung betrifft.

Es ist aber eher zu befürchten, dass die Wirkung des Anschlags genau diejenige sein wird, die sich die Terroristen gewunschen haben.

Israel: Wenn Artikel mehr über die Medien als über die Lage aussagen

Der Israel-Konflikt gehört zu den Auseinandersetzungen, über die am intensivsten berichtet wird. Hundertschaften von Journalisten aus der ganzen Welt versorgen ihre Leser und Hörer regelmäßig mit Neuigkeiten aus Jerusalem, Ramallah und Gaza, von Kabinettsumbildungen bis zu Straßenzwischenfällen. Konflikte, die weitaus mehr Menschen betreffen und in prekärere Situationen gebracht haben, erhalten bei weitem nicht diese Aufmerksamkeit. Überspitzt formuliert: Hundert Bürgerkriegsopfer im Kongo sind medial bei weitem nicht so viel wert wie ein Palästinenser.

Doch wie ist das Verhältnis dieser Journalisten untereinander, zu den zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die im Heiligen Land präsent sind? Welche Beziehungen haben sie zueinander, zu den Akteuren?

Matti Friedman, ehemaliger Mitarbeiter der US-Nachrichtenagentur Associated Press, hat dazu einen erhellenden Artikel im „Atlantic“ geschrieben.

Er beschreibt, wie sich westliche Journalisten mit NGOs verhabern, wie sie von Konfliktparteien vereinnahmt und genutzt werden — insbesondere die Hamas scheint darin ganz gut geworden zu sein –, wie sie die Umstände ihrer Berichterstattung ausblenden und dadurch Manipulationen erleichtern.

Natürlich ist auch Friedman Partei — wer ist das im Nahen Osten nicht? –, aber er kämpft mit offenem Visier. Ein wertvoller, spannender Artikel.

Die Presse oder Feigheit vor Twitter-Thronen

Die „Distanzierung“ der „Presse“-Chefredaktion von einem persönlichen Text über Kindererziehung und das Löschen einer Glosse zur öffentlichen Erklärung des Apple-Geschäftsführers Tim Cook über seine sexuellen Vorlieben in der „Neuen Zürcher Zeitung“ folgen einem Muster.

Mit lauthalsen Beschwerden versuchen Personen, meist Angehörige der chattering class, zu verhindern, dass gewisse Meinungen überhaupt abgedruckt werden dürfen. Dabei wird meist schweres Geschütz aufgefahren, nicht zu vergessen hochgradige moralische Empörung, „dass so etwas überhaupt abgedruckt wird.“ (Pressefreiheit, schau owa …)

Die Zeitungschefs sind aber zu feig, für Meinungsvielfalt und gegen Angehörige ihres eigenes sozialen Dunstkreises aufzutreten. Dafür lassen sie ihre eigenen Journalisten im Regen stehen, bei denen sie womöglich zuerst sogar eine „kontroversielle Meinung“ bestellt hatten. Feige, schäbige Chefs.

Das ist bemerkenswert, als es der Stolz mancher Zeitung war, widerständige Meinungen zu veröffentlichen oder gekonnt staatliche oder gesellschaftliche Zensur zu umgehen. Später war man auf kontroversielle Debatten stolz, weil sie Beweis einer lebendigen Demokratie seien. Das ist ja auch viel spannender als nur zwischen zwei Nuancen der gleichen Mainstream-Meinung auswählen zu können. Damit ist es nun aber wieder vorbei.

Es ist auch bemerkenswert, was überhaupt diesen Bannstrahl trifft. Die „Presse“-Beilage „Spektrum“ druckt regelmäßig Texte Ewiggestriger ab, die sich von den Verbrechen des Kommunismus nie distanzieren konnten; beim „Standard“ wird ein gegen bestimmte Religionsgemeinschaften hetzendes „Churchwatch“-Blog betrieben. Platz für islamistische Denker ist in beiden Zeitungen zu finden, für Gegner der Existenz Israels sowieso.

Ich sage ganz ehrlich: Das soll auch alles veröffentlicht werden dürfen. Ich brauche keine Zensur. Meine Meinung kann ich mir auch selbst bilden, danke sehr. Daher auch: Lieber widerborstige Meinungen, die zum Nachdenken anregen, den Widerspruch herausfordern, als glattgebürstete Einheitskommentare. Und selbst wenn der Text strohdumm sein sollte: Das halten wir aus. Es werden ohnehin genug andere strohdumme Artikel abgedruckt, dass es auf einen mehr oder weniger nicht ankommt.

Ukraine: Ein medialer Totalausfall

Mir gehen viele der vehementen Verteidiger der russischen Ukrainepolitik und der Rebellen, die sich im Internet tummeln, auf die Nerven, weil sie kein Staubkörnchen auf der weißen Weste der russischen Regierung sehen wollen. Doch sie weisen uns trotzdem zurecht immer wieder auf die Schlagseite in Mainstream-Medien hin, die in diesem Konflikt wenig recherchieren und viel unreflektiert weitergeben.

Heutiges Beispiel: Die USA behaupten, Russland würde mit eigenen Truppen massiv in der Ukraine agieren. Das wird mit einem Bericht der IISS flankiert, nachdem die Rebellen Panzer einsetzen würden, die nur aus Russland geliefert worden sein können. Dazu muss man allerdings wissen, dass die Denkfabrik IISS starke Verbindungen zur britischen und US-Regierung hat und z.B. auch für den letztendlich desaströsen Irak-Krieg plädiert hat.

Ausgerechnet die „Qualitätszeitungen“ „Presse“ und „Standard“ wählen Überschriften, die überprüfte Fakten suggerieren. Die „Presse“: „USA: Russland schickt weitere Panzer und Waffen“. Zweiter Satz des Anreißers: „Es wachsen Befürchtungen über eine Invasion der Hafenstadt Mariupol.“ Und der „Standard“ schreibt: „USA: Russland lenkt Gegenoffensive der Rebellen in Ostukraine“. Da die USA in diesem Konflikt Partei sind, müsste man solche Aussagen cum grano salis nehmen.

Nur wenige Medien haben aber etwa den Konjunktiv verwendet oder mit Anführungszeichen auch dem flüchtigen Leser gezeigt, dass es hier um eine Aussage einer Konfliktpartei geht, nicht um ein recherchiertes Datum. Ähnlich bei den Äußerungen Sachartschenkos über „urlaubende russische Soldaten“; sie lesen sich in den russischen Quellen, aus denen sie stammen, anders als in den heimischen Medien, die sie übernehmen. Kein Wunder: So dumm sind die Rebellen auch wieder nicht, als dass sie gleich selbst einen unwiderlegbaren Beweis staatlicher Unterstützung via Fernsehinterview liefern.

Dass Russland und die USA — diese z.T. indirekt über Verbündete — die Konfliktparteien unterstützen, ist ja kein Geheimnis. Dass beide Seiten sich einen Propagandakrieg liefern, ist auch kein Geheimnis. Dass Großmächte mit verdeckten Operationen und der Unterstützung von Rebellen arbeiten, ist ebenfalls nicht neu. Trotz aller Amerikakritik scheinen die heimischen Journalisten Aussagen von US-Regierungsstellen aber einiges an Vertrauen entgegegenzubringen — vielleicht sogar mehr als es in den USA selbst der Fall ist.

Da fällt mir ein: Wie war das jetzt mit dem Flug MH17? Jetzt taucht der Vorwurf auf, man hätte ein Flugabwehrsystem Panzir-S1 („SA-22“) bei den Rebellen gesichtet, dass dem System Buk („SA-11“) ähnlich sei, welches ja als Grund des Absturzes der MH17 medial vermutet wird. So schreibt es z.B. der „Kurier“, der sich auf einen anonymen NATO-Diplomaten beruft. Schnelle Recherchen ergeben, dass es sich beim System Panzir-S1 um ein Kurzstreckensystem in Nachfolge des Tunguska-Systems („SA-19“) handelt, während der Nachfolger der Buk („SA-11“) immer noch Buk („SA-17“) heißt. Mit dieser verbesserten Buk können Flugzeuge bis in 45 km Entfernung erreicht werden. Das gesichtete Panzir-System hat eine geringere Reichweite und ist auch für niedrigere Flughöhen als die Buk
konzipiert. Sollten die Rebellen ein solches besitzen, so handelt sich doch nicht um vergleichbare Systeme. Es geht aber wohl nur um die Andeutung, mit der die Schuld der Rebellen und Russlands neuerlich unterstrichen werden soll, wiewohl in Wahrheit bis jetzt immer noch wenige Fakten zum Absturz der Maschine am Tisch liegen.

Dass auch die russische Regierung nicht der Quell der Wahrheit ist, liegt auf der Hand. Deren Aussagen werden aber in den Leitmedien ohnehin zerpflückt. Ich würde mir gleiche Kritik gegenüber den Andeutungen und Aussagen europäischer und amerikanischer Stellen wünschen.

Der unerquickliche Untergang der SVZ

Der Verlust der Salzburger Volkszeitung wird wahrscheinlich kaum jemandem auffallen; die Leserzahl bewegte sich im niedrigen fünfstelligen Bereich. Für eine Tageszeitung eine recht bescheidene Anzahl. Und trotzdem ist dem Insolvenzantrag der bis dahin kleinsten Tageszeitung Österreichs ein veritabler Skandal vorausgegangen, der den Untergang der SVZ durchaus bemerkenswert macht.

Denn das kleine Blatt, das der oberösterreichische Unternehmer Martin Aistleitner 2005 übernommen hatte, fällt ab 2014 aus einem einzigen Grund um die Presseförderung um: SPÖ und ÖVP einigten sich auf ein neues Kriterium, die Mindestzahl von zwölf hauptamtlichen Journalisten, das sofort anzuwenden ist. So zu lesen im Budgetbegleitgesetz 2014. Interessanterweise war im Ministerialentwurf noch von siebzehn hauptamtlichen Journalisten die Rede; offenbar konnte da ein anderes kleines Blatt — man munkelt von Vorarlberg — erfolgreich intervenieren, das sonst ebenfalls um seine Förderungen umgefallen wäre. Die SVZ, welche die übrigen Kriterien der Presseförderung ohne weiteres erfüllt hatte, musste also im Mai 2014 erfahren, dass sie 2013 besser ein paar Journalisten mehr angestellt hätten, um die bereits beantragte 2014er-Förderung auch zu erhalten.

So konnte man den etwas schrumpfenden Topf der Presseförderung auf weniger Köpfe aufteilen, damit die anderen Tageszeitungen die Kürzung nicht so spüren. Einer Presseförderung, die ihre offiziell gesteckten Ziele ohnehin nicht erreicht. Die regionale Vielfalt konnte schon in anderen Fällen nicht erhalten werden. Von Qualitätssicherung kann sowieso keine Rede sein. Bei den Wochenzeitungen ist es noch etwas besser, die aber alle insgesamt weniger als zwei Millionen Euro Förderung erhalten.

Aistleitner zog jedenfalls die Notbremse, wie der „Standard“ berichtet: Die SVZ wird in Insolvenz geschickt, der Druck eingestellt. Die Website wird es wohl noch eine Weile geben; mit ihren speziellen Rubriken für Lokalnachrichten kann sie auch ohne Zeitung dahinter betrieben werden.

Die APA im Fieberwahn

Schon lange habe ich keinen seltsameren Gesundheitsartikel als diesen Text der Austria Presse Agentur gelesen, der leider zum Füllen von Zeitungsspalten verwendet wird. Im wesentlichen geht es einerseits darum, dass eine künstliche Senkung von Fieber Krankheiten verlängern kann, und dass am verbreiteten Wunsch nach Fiebersenkung „die Religionen“ Schuld seien.

Der News-Faktor der Meldung, der sich offenbar auf eine Rede des Wiener Infektiologen Christoph Wenisch beim Ärztekongress in Grado stützt, ist null, der Service-Charakter dürftig. Er gibt einfach die verbreitete Position der Wiener Infektiologen wieder.

Der Anti-Religions-Schlenkerer ist einfach nur skurril. In Zeiten, als man die Ursache von Fieber oft nicht erkennen konnte, ist es doch naheliegend, allgemein ein Ende des Fiebers herbeiführen zu wollen. Übrigens ist auch heute nicht bei allen Fiebererkrankungen die Ursache erkennbar. Und wenn Menschen um ein Ende des Fiebers beten, dann hoffen sie in der Regel auf ein Ende der auslösenden Krankheit; dieses kleine Detail scheint dem kämpferisch anti-religiösen Journalisten hinter dem Text entgangen zu sein.

Dass Menschen Fieber senken wollen, ist ebenfalls wenig überraschend: Es hängt ja damit zusammen, dass Fieber als enorme Belastung des Körpers wirkt. Nun mag es sein — je nach Studie gibt es hier widersprechende Ergebnisse –, dass das Senken von Fieber die darunterliegende Krankheit verlängert. Doch bei vielen Fiebererkrankungen ist es einem nun einmal lieber, den Tag halbwegs zu überstehen, als vielleicht (!) schneller gesund zu sein, aber dafür völlig daniederzuliegen.

Wie man so einen Artikel informativer und sachlicher gestaltet, kann man übrigens beim ARD nachlesen.