„It’s No Game“: Wenn der Computer das Drehbuch schreibt

Schon in der Commedia dell’arte wurden für Theaterstücke gleichsam Kochrezepte verwendet, in denen beschrieben wurde, wie die immer gleichen Versatzstücke raffiniert neu kombiniert werden konnten. Und wenn es im deutschen Sprachraum auch nicht gerne zugegeben wird: Das Schreiben von Drehbüchern oder Theaterstücken ist zu einem guten Teil Handwerk. Das kann man lernen, und wenn man es nicht gelernt hat, merkt man das leider auch recht schnell.

Kann man aber den handwerklichen Teil vielleicht auf ein Computerprogramm auslagern? Eine sogenannte Künstliche Intelligenz? Also ein Computersystem, mit dem Aufgabenstellungen gelöst werden soll, „die, wenn sie vom Menschen gelöst werden, Intelligenz erfordern.“ So zumindest das Gabler Wirtschaftslexikon.

Hasselhoff als „Hoffbot“

Das wollten auch Oscar Sharp und Ross Goodwin wissen, der erstere Filmschaffender, der andere ein KI-Forscher. Nach ihrem ersten Kurzfilm „Sunspring“ haben sie sich nun mit „It’s No Game“ neuerlich in das Feld computergenerierter Drehbücher begeben, wie Ars Technica ausführlich berichtet.

Die Handlung ist selbstreferentiell: Im Zuge eines Streiks der Drehbuchautoren beschließt eine Filmfirma, von künstlichen Intelligenzen geschriebene Drehbücher zu verwenden und Schauspieler mit Nanobots (!) so umzuprogrammieren, dass sie die Texte der KI direkt von sich geben. Das ganze eskaliert natürlich.

Dabei konnten sie mit David Hasselhoff einen bekannten Darsteller als Gesicht für ihren Film gewinnen: Er spielt einen der von Nanobot übernommenen Schauspieler, einen „Hoffbot“, der von einer Künstlichen Intelligenz generierte Sätze sprechen muss, und in seinem Innern offenbar dagegen ankämpft.

Ein neuronales Netzwerk als Drehbuchautor

Die Handlung ist von den Filmschaffenden selbst entworfen, doch wurden die Dialoge der „umprogrammierten Schauspieler“ mit Hilfe eines rückgekoppelten neutronalen Netzes des „Long short-term memory“-Typs mit Namen „Benjamin“ geschrieben. Das Programm wurde mit Texten bestimmter Genres gespeist, lernte dadurch gewisse Muster in diesen Texten zu erkennen und generierte dann neue Texte, die diesen Mustern entsprechen sollten. Allerdings kommt dabei selten sinnvoller Text heraus. Er klingt aber ziemlich bedeutungsschwer, für Art-House-Kino also vollaus genügend.

Menschliche Kommunikation ist offenbar immer noch schwer nachzubilden. Und bis eine Künstliche Intelligenz ein Drehbuchgerüst so füllen kann, wie Darsteller der Commedia dell’arte lose Handlungsanweisungen improvisierend mit Leben füllen, vergeht offenbar noch einige Zeit. Je formelhafter aber das Genre, desto eher kann aber damit gerechnet werden, dass bald Künstliche Intelligenz als Hilfsmittel für Drehbuchautoren eingesetzt werden kann.

Und für die klassischen Dialoge von Herbert Reinecker hätte es vielleicht jetzt schon gereicht. „Erschossen?“ — „Ja, erschossen. Tod.“ — „Tod. Erschossen!?“

nzz.at hört auf – und wird fehlen

Eigentlich wollte ich einen Kommentar zu Michael Fleischhackers Oster-Kolumne, der ein wichtiges Thema — das Verhältnis von Religion, Aufklärung und liberaler Demokratie — recht flapsig, geschichtsklitternd und argumentativ eher bescheiden angeht. Das ist besonders schade, denn Michael Fleischhacker kann sehr fundiert und sehr erhellend schreiben, wenn er will. Man merkt bei ihm in der Regel, warum er ein professioneller Journalist und Moderator ist, und z.B. ich nur ein In-der-Freizeit-Blogger.

Dann aber lese ich, dass die Plattform nzz.at, die Michael Fleischhacker mitbegründet hat, vor dem Aus steht. Bereits mit Monatsende wird der Betrieb beendet, den Abonnenten stattdessen die Möglichkeit gegeben, auch die kostenpflichtigen Inhalte der Schweizer Mutterseite nzz.ch zu lesen.

Nun war die Idee von nzz.at grundsätzlich klar — eine digitale Zeitung für die digitale Zeit –, doch noch weiß niemand so genau, wie so eine digitale Bezahlzeitung abseits bestimmter Fachsparten genau ausschauen soll.

Wenn man Informationen anbietet, die tatsächlich für das persönliche Fortkommen anbietet, wie etwa die Financial Times, dann kann mitunter die Bezahlschranke ertragreich sein. Die NZZ hat es mit allgemeiner Berichterstattung versucht, wobei ein Schwerpunkt auf eigenen, längeren Geschichten lag. Oft sehr lesenswerte Geschichten, die im Unterschied zu Texten in großen Kommentar-Portalen wie theeuropean.de auch gründlich recherchiert sind.

Trotzdem hatte man nach einem Tag mit der nzz.at das Bedürfnis, sich auch bei anderen Medien zu informieren. Für Kultur und Sport, aber auch Chronik-Nachrichten — der Stoff, aus dem Plaudereien bei Kaffeerunden und After-Work-Bieren gemacht sind –, musste man sich jedenfalls auch anderswo eindecken. Durch die kleine Mannschaft bedingt musste nzz.at natürlich mit Mut zur Lücke arbeiten. Der ursprüngliche Monatspreis von 14 Euro für ein rein digitales, nahezu werbefreies (!) Angebot war unter diesen Bedingungen am Markt nicht unterzubringen.

Es wäre interessant, wie viele Kunden die Presse für ihr rein digitales 18-Euro-Abo zählt. Das bietet aber weitaus mehr Lesestoff einschließlich Zugang zur digitalisierten Printzeitung, hat also grundsätzlich das bessere Preis/Leistungsverhältnis. Es wird, meinem Verdacht nach, trotzdem nicht der Bestseller unter den Abos sein. Das premium-Abo der Presse — also digital ohne ePaper — kostet mit 10 Euro einen Euro mehr als die nzz.at am Schluss verlangt hat, bietet ebenfalls mehr Inhalte als die nzz.at an — und doch kenne ich kaum jemanden, der es abgeschlossen hat. Die Entwicklung ist hier erst am Anfang.

Als Marktpionier muss man oft Lehrgeld zahlen. Mehr Lehrgeld, als die Neue Zürcher in Österreicher zu verlieren bereit war. Ein Lehrgeld ist wohl: Für ein Portal recherchierter Politik-Geschichten sind auch nur Politjunkies bereit zu zahlen — Menschen, die von Politik leben, eng damit zu tun haben oder zu tun hatten und davon nicht loskommen. Dafür ist der österreichische Markt aber einfach zu klein.

(PS: Diesen Blogeintrag wollte ich schon vor zwei Tagen schreiben, als die Meldung neu war. Nun, ich bin eben nur ein „In-der-Freizeit-Blogger“, da hapert’s leider mit der Tagesaktualität.)

Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn

Eskapismus ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Gerade, wenn alles nicht so rund läuft, sind ein paar Glücksgefühle bitter notwendig, damit man das Leben weiter meistern kann. Ein Lied, das sich mit der Balance zwischen Eskapismus und Realität auf eigene Art beschäftigt, ist „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“ aus dem deutschen Spielfilm „Glückskinder“.

In der folgenden Szene tanzen und singen Lilian Harvey und Willy Fritsch, das Traumpaar des deutschen Films der Dreißiger Jahre, mit Paul Kemp und Oskar Sima, in einer spritzigen Nummer, in der es nicht nur um Hendln, sondern sogar um Gleichberechtigung, Mickey Mouse und Clark Gable geht.

„Glückskinder“ ist der gelungene Versuch einer deutschen Screwball-Komödie, die sich an den Hollywood-Streifen (Fünffacher Oscargewinner!) „Es geschah in einer Nacht“ anlehnt — und diese Anlehnung selbst humorvoll zur Schau stellt. So wird im Film zweimal Clark Gable bemüht, der ja der Hauptdarsteller von „Es geschah in einer Nacht“ war. Mehr zum Film kann man bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung lesen, die erst kürzlich eine sorgsam restaurierte Fassung von „Glückskinder“ veröffentlicht hat.

Der Film ist einer der letzten Ausläufer des beschwingten, mitunter auch frechen Tonfilms der Weimarer Republik. Obwohl viele der erfolgreichen deutschen Komponisten 1936, im Entstehungsjahr des Films, bereits von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt waren oder emigrieren mussten, konnte mit Peter Kreuder ein Tonkünstler verpflichtet werden, der echte Ohrwürmer für den Film schrieb. (Er emigrierte 1940 ebenfalls; 1942 wurde er zur Rückkehr gezwungen.)

Niederlande: Ein Rechtsruck, der von Links gefeiert wird?

Stellen wir uns vor: Die Koalition aus SPÖ und ÖVP halbiert bei einer Nationalratswahl ihren Stimmenanteil und kommt zusammen auf vielleicht nur mehr 27%, ein Absturz, der in den Umfragen auch schon seit Jahren prophezeit wird. Medial wird vor der Wahl aber nur die Frage gewälzt, ob eine Partei, die bei der letzten Wahl 10% Prozent der Simmen errungen hat — sagen wir, so wie die FPÖ 2002 und 2006 –, 15% oder 20% erreichen könnte, wiewohl klar ist, dass eine Regierungsbildung unter Führung dieser Partei völlig ausgeschlossen ist.

Partei 2002 2003 2006 2010 2012 2017
PVV (n.k.) (n.k.) 5,9% 15,4% 10,1% 13,1%
VVD 15,5% 17,9% 14,7% 20,5% 26,6% 21,2%
CDA 27,9% 28,6% 26,5% 13,6% 8,5% 12,5%
D66 5,1% 4,0% 2,0% 6,9% 8,0% 12,0%
PvdA 15,1% 27,2% 21,2% 19,6% 24,8% 5,7%
SP 5,9% 6,3% 16,6% 9,8% 9,7% 9,2%
GL 7,0% 5,1% 4,6% 6,7% 2,3% 8,9%
andere 23,5% 10,9% 8,5% 7,5% 10,0% 17,4%

Das ist in etwa das mediale Szenario rund um die niederländischen Wahlen für die Zweite Kammer der Generalstaaten. Die Regierungsparteien mussten herbe Verluste einstecken, dennoch wird VVD-Chef Mark Rutte als der Wahlsieger gefeiert. Den Titel muss er sich wohl mit Wilders’ PVV, den Christdemokraten (CDA) und den Linksliberalen (D66) teilen, auch GrünLinks darf sich durchaus als Wahlsieger fühlen. Abgerechnet wird nun einmal nach Wahltagen, nicht nach Umfragen.

Nun ist es in der volatilen politischen Landschaft der Niederlande durchaus ein Kunststück, so wie Rutte zum dritten Mal in Folge eindeutig den Führungsanspruch stellen zu können. Gegen ihn wird es wohl keine Koalition geben. Das hat aber weniger mit Geert Wilders zu tun als mit der drastischen Verkleinerung des linken Lagers und der völligen Zersplitterung der politischen Landschaft. So haben die Kleinparteien zusammen über 17% der Stimmen errungen, darunter eine Tierrechtspartei, eine Pensionistenpartei und eine türkische Partei. Insgesamt werden 13 Parteien im Parlament vertreten sein.

„Links is weggevaagd“

„Die Linke ist hinweggefegt“ titelt die niederländische Tageszeitung Telegraaf. 1998 stellte die Arbeitspartei mit Wim Kok den Premierminister, zusammen mit der Sozialistischen Partei und GrünLinks hielt das linke Lager knapp 40% der Stimmen. Zwanzig Jahre später sind es knapp 24% — nicht viel mehr, als die rechtsliberale VVD von Mark Rutte allein hält.

Klarer Rechtsruck

Bedenkt man, dass Wilders’ PVV eigentlich eine Abspaltung von der VVD ist — hier hat sich sozusagen die FPÖ von einem bürgerlicheren Liberalen Forum abgespalten –, kann man daher von einer deutlichen Akzentverschiebung in den Niederlanden von Links nach Rechts sprechen. Übrigens hat Rutte ja 2010 bis 2012 eine Minderheitsregierung angeführt, die nur dank Wilders Unterstützung im Amt war und auch von Wilders gestürzt wurde. Ideologisch sind Wilders und Rutte eigentlich nur in der Europapolitik wirklich konträr.

Jedenfalls können die zentristischen Christdemokraten und die linksliberalen D66 trotz eigener passabler Ergebnisse in dieser Gesamtsituation kaum eine alternative Koalition ohne Rutte zusammenstellen.

Reiner Clickbait-Journalismus

Eines ist klar: Die Vorberichterstattung zu den niederländischen Wahlen war in den meisten Medien reiner Clickbait-Journalismus. Wilders wurde zum Popanz gemacht, der es irgendwie schaffen soll, mit selbst in den für ihn besten Umfragen vielleicht 20 Prozent ganz Europa in Gefahr zu bringen. Europa muss dann wohl ziemlich fragil sein.

Der gleiche Unernst herrscht vielerorts in der Nachwahlanalyse, die Gustostückerl hervorbringt wie die Freuden-Tweets des deutschen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, wo es doch seine Parteifreunde in den Niederlanden gerade geviertelt hat. Oder die Bezeichnung Mark Ruttes als „europäischen Helden“, weil er angeblich Wilders verhindert habe. Wenn also jemand anderer als Wilders quasi eine pragmatischere Ausgabe der Wilders-Politik macht, ist es eh wieder ok? Man kann sich nur noch an den Kopf greifen …

Die Stalinisten der „Volksstimme“? Eh ganz brav.

Die Erforschung, Sichtung und Sammlung der Biographien der Redakteure des kommunistischen Parteiorgans „Die Volksstimme“ in den Jahren 1945 bis 1956 durch Maria Bianca Fanta ist mit Sicherheit eine Fundgrube für alle an der Geschichte Nachkriegsösterreichs Interessierte.

Der zugehörige Artikel auf science.orf.at ist allerdings ein Beispiel für die Gefahr der Geschichtsvergessenheit. Der Eröffnungsabsatz allein mag dafür schon genügen:

„Keine andere Zeitung in Österreich war nach 1945 so antifaschistisch wie die „Volksstimme“. Ihre Redakteure waren oft Nazi-Vertriebene und überzeugte Kommunisten, deren Glaube erst 1956 erschüttert werden sollte.

Sie waren nicht bloß überzeugte Kommunisten: Sie waren linientreue Stalinisten, die ein verbrecherisches Regime nicht nur unterstützt haben, sondern am liebsten auf Österreich ausgeweitet hätten. Wohl mit aller blutiger Konsequenz, wie sie ja auch in den späteren Warschauer Pakt-Staaten im Zuge der jeweiligen Machtergreifungen durchgezogen wurde.

Die „Volksstimme“ war antifaschistisch im Sinne der von der KPdSU ausgehend geprägten Diktion. Natürlich wurde der Begriff des Antifaschismus in der Zwischenkriegszeit vor allem in Italien tatsächlich als Sammelbegriff für Gegner des real existierenden Faschismus geprägt. Doch bereits in derselben Zeit wurde durch Kommunisten und manche Sozialdemokraten eine Ausweitung des Begriffs „Antifaschismus“ vorgenommen, die eine Gegnerschaft zum Kapitalismus miteinschloss. Dahinter stand die krude These, dass die totalitären Regime des Faschismus und die vom Liberalismus geprägte freie Marktwirtschaft ursächlich zusammengehören würden. Das bürgerliche Lager wird mit dem Faschismus in einen Topf geworfen, ja sogar die Sozialdemokraten, die „Sozialfaschisten“ genannt wurden. Diese Begriffsüberdehnung wurde erst verworfen, als in einigen Ländern ein Bündnis mit Sozialdemokraten opportun erschien. Trotzdem blieb die These, dass Faschismus und liberale Demokratie Erscheinungsformen des Kapitalismus seien. Wenn man diese Thesen teilt, kann man die „Volksstimme“ natürlich antifaschistisch nennen.

Hier hat wohl Kurt Schumacher klarsichtiger analysiert. Der erste Vorsitzender der Nachkriegs-SPD, der während der NS-Zeit viele Jahre in Haft war und schwerste Misshandlungen erlitt, meinte 1930 auf einer Rede:

„Die Nationalsozialisten geben sich schroff antikapitalistisch. Die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital ist unmöglich. […] Der Weg der leider ziemlich zahlreichen proletarischen Hakenkreuzler geht über die Kommunisten, die in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten sind. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für die Gewalt. Die Kommunisten zumal, die nur in ökonomisch und kulturell zurückgebliebenen Ländern Fortschritte machen konnten, sind die stehenden Heere der sowjetrussischen Außenpolitik.“

Dass die Kommunisten selbst am Vorabend der NS-Diktatur lieber die Sozialdemokraten als „Stütze der Kapitaldiktatur“ attackierten, hat Schumacher nicht verwunden. Der Hitler-Stalin-Pakt hat ihm endgültig bewiesen, wie wenig vom „Antifaschismus“ der Kommunisten zu halten ist. Deswegen verwarf 1945 auch Ideen einer sozialistischen Einheitspartei, die mit den Stalin-treuen Kommunisten eben nicht zu machen wäre.

Was Kurt Schumacher bemerkte, haben wohl auch die „Volksstimme“-Redakteure bemerkt. Trotzdem wird erst das Jahr 1956 als Schock vermerkt. Die Machtergreifungen in Ungarn und der Tschechoslowakei, die Blockade von Berlin, die Niederwerfung der Arbeiterunruhen in der DDR, ja, die selbst in Österreich spürbaren Unterschiede zwischen den Westzonen und der sowjetischen Zonen waren alle offenbar kein Grund, an der eigenen Position zu zweifeln. Im Text wird dies auch nicht problematisiert und ein Geschichtsbild entworfen, das in etwa dem der NS-Sympathisanten gleicht, die auch nach dem Krieg nichts gewusst haben wollen. Wie hätten die treuen Kader denn nur vor Chrustschows Geheimrede ahnen können, wie brutal Stalins Regime war, so scheint der Subtext zu lauten.

Österreich stand zwischen 1945 und dann wieder 1950 besonders in Gefahr, ein sowjetischer Satellit zu werden. Die gerade beginnende Einpflanzung der Demokratie in Österreich hätte ganz schnell auch wieder zu Ende sein können, wenn sich die KPÖ der Stalin-Ära durchgesetzt hätte. Wer sich als Proponent einer Entwicklung hin zur nächsten totalitären Diktatur geriert hat, sollte schon aus Respekt vor den Opfern des Totalitarismus nicht verharmlost oder gar glorifiziert werden.

Eine Kurzrezension des Buches gibt es übrigens beim Falter.

Trump Derangement Syndrome

In den USA hat sich ein Ausdruck dafür eingebürgert, wenn das Ereifern über einen politischen Gegner pathologische Züge bekommt: „Derangement Syndrome“. So litten in den Nuller Jahren etliche Demokraten unter dem Bush Derangement Syndrome, das damals Charles Krauthammer scherzhaft diagnostizierte:

Der akute Ausbruch von Paranoia in ansonsten normalen Menschen als Reaktion auf die politischen Entscheidungen, die Präsidentschaft — nein — die bloße Existenz von George W. Bush.

Damals hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, und jeder kleine (oder vermeintliche) Fehltritt des Präsidenten wurde ins Unermessliche gesteigert und breitgetreten. Das sagt wenig über seine Präsidentschaft aus, aber viel über seine Kritiker. Viele konnten nicht ertragen, dass er ins Weiße Haus eingezogen war, das doch rechtmäßigerweise einem aufgeklärten linksliberalen Demokraten hätte zufallen müssen. Seine Wiederwahl war dann für manche noch unerträglicher, weil der Sieg eindeutig und unumstritten war.

Nun sind solche „Derangement Syndromes“, zu deutsch wohl Umnachtungssyndrom, nicht auf eingefleischte Linke beschränkt. Hillary Clinton ist z.B. seit geraumer Zeit ebenso ein Magnet für Verschwörungstheorien.

Nun eben Trump

Und nun eben Donald Trump. Natürlich ist die Delegitimierung des politischen Gegners keine neue Waffe. Doch die apokalyptischen Bilder, die bei jeder Äußerung Trumps bemüht werden, die oft rein atmosphärische Kritik, die maßlose Übertreibung, das sind schon bedenkliche Entwicklungen. Wer Witze darüber reißt, ob nicht der „tiefe Staat“ durch einen Mord die Sache „bereinigen“ könnte, oder wie der ehemalige Popstar Madonna davon träumt, das Weiße Haus zu sprengen, sät den Samen für politische Gewalt (über die man sich dann natürlich betroffen zeigt) und erweist sich schließlich auch als schlechter Demokrat.

In Rumänien soll das Delikt des Amtsmissbrauch de facto abgeschafft werden, um den korrupten Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, zu schützen. In der Türkei entmachtet sich das Parlament selbst, um der Präsidialdiktatur Erdogans die Bahn frei zu machen. Beides ist natürlich nur von untergeordnetem Interesse, während sich die Medien obsessiv mit der Frage beschäftigen, ob der Pressesprecher Trumps gelogen hat, als er von hohen Besucherzahlen bei der Amtseinführung berichtete.

Wer die üblichen Diskrepanzen zwischen verschiedenen Teilnehmerzahlen kennt, und die beiderseitige Manipulation mit sorgsam ausgewählten Bildern, wird übrigens bald feststellen, dass viele Medien sich der gleichen Art von — sagen wir es höflich — „Übertreibung“ wie der Pressesprecher schuldig gemacht haben, nur in die andere Richtung. Allerdings: Es ist der Job eines Pressesprechers, seinen Chef in gutem Licht erscheinen zu lassen. An Journalisten würde man doch andere Maßstäbe anlegen.

Eine tiefe kognitive Dissonanz

Das Trump Derangement Syndrome ist Ausdruck einer tiefen kognitiven Dissonanz, die der Cartoonist und Autor Scott Adams so beschreibt:

  1. Die Betroffenen halten sich selbst für gebildet und gut informiert.
  2. Sie haben durch ihr gutes Urteilsvermögen erkannt, dass Trump ein Faschist, ein bösartiger Clown oder etwas anderes Furchtbares ist.
  3. Millionen von Menschen haben Trump trotzdem zumindest für das geringere Übel gehalten und ihn ins Amt gewählt.

Nun ist es durchaus plausibel, dass Trump als Präsident problematische Entscheidungen trifft. Aber als protofaschistisches Schreckbild taugt er nicht. Bis zu seiner Kandidatur war er bei demokratischen wie republikanischen Kandidaten als Unterstützer wohlgelitten. Die Clintons waren bei seiner Hochzeit zu Gast. Nichts deutet in seinem wohldokumentiertem Leben auf irgendwelche revolutionären Absichten hin.

Was also tun? Entweder gibt man zu, dass man vielleicht im Wahlkampf den Gegner etwas zu sehr dämonisiert hat — womit aber eingestehen würde, nicht so gut informiert und gebildet zu sein, wie man glaubt. Oder man redet sich ein, Trumps Wähler würden ihn mehrheitlich ebenso als Protofaschisten sehen und das auch noch gut finden. Daher müsse man nun mit großen Demonstrationen und allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihn und seine Wähler arbeiten. Würde man ihn zum Rücktritt zwingen oder sonstwie seine Amtszeit beenden, wäre die Beseitigung der Demokratie quasi die Rettung der Demokratie. Ein Dialektiker kriegt das argumentativ schon hin.

Für uns Beobachter heißt das vor allem, dass es noch viel schwerer wird, halbwegs seriöse Informationen über Trumps Präsidentschaft zu bekommen, da es nur extrem gefilterte Nachrichten gibt. Siehe etwa den Zwischenfall, als CNN berichtete, Nancy Sinatra hätte sich verärgert gezeigt, dass Trump bei der Amtsübergabe u.a. ein Lied ihres vaters verwenden ließe. Über CNN war Nancy Sinatra dann wirklich verärgert, weil der Bericht erlogen war. Wenn selbst bei solchen Kleinigkeiten falsch berichtet wird, wie sollen wir je ein halbwegs stimmiges Bild bekommen?

Der Falter gegen Erwin Pröll, Runde 57

Erwin Pröll ist ein mächtiger Mann. So jemand hat viele (und viele falsche) Freunde und natürlich auch viele Feinde. Daher ist es folgerichtig, dass in regelmäßigen Abständen Gerüchte und Geschichten über ihn auftauchen, die ihn diskreditieren sollen. Manche, wie die immer noch schenkelklopfend erzählte „Weinkönigin“-Story, haben sich nach Recherchen als „gut erfunden“ herausgestellt, andere, wie problematische Landesveranlagungen, wurden bald von anderen, ähnlichen Problemen im Österreich verdeckt und verloren so an Brisanz.

Jetzt also wird wieder die Erwin Pröll Stiftung ausgegraben, die zum 60. Geburtstag des niederösterreichischen Landeshauptmanns gegründet wurde. Der Falter hat hier offenbar in Kooperation mit den niederösterreichischen Grünen gearbeitet und übt sich in erprobter Übertreibung: „Geheimakten“, „an der Opposition vorbei“, „Spielgeld“. Neu ist die Story nicht, die schon 2009 einmal vom Falter ausgetestet wurde.

Auf Twitter attackiert Falter-Chefredakteur Florian Klenk andere Medien, die seine Story nicht mit dem gleichem Spin übernehmen, so etwa Kurier-Herausgeber Helmut Brandstätter. Offenbar hatte der Kurier den Grundsatz „audiatur et altera pars“ beherzigt und berichtete auch über die Pläne der Stiftung für eine Art Akademie. Das schmeckte Klenk überhaupt nicht.

Aber nicht einmal die Kritiker behaupten, dass sich irgendjemand mit dem Geld der Stiftung bereichert hätte. Die Landesräte der anderen Parteien haben den Subventionen für die Stiftung immer zugestimmt, also kann von einer heimlichen Zuwendung, die „an der Opposition vorbei“ erfolgte, wohl keine Rede sein. Außer, ich definiere Opposition in einer Landesverfassung, die allen Parteien ab einer gewissen Größe Sitze in der Landesregierung zubilligt, als diejenigen Parteien, die zu klein sind, um einen Sitz zugewiesen zu bekommen.

Ehrlich: Es ist für den Falter armselig, wenn er bei einem Landeshauptmann, dem die Zeitung eigentlich schon seit Jahren einen ans Zeug flicken will, keine aufregendere Geschichte findet.

Jetzt setzt man stattdessen auf journalistische Wehleidigkeit. Weil die ÖVP Niederösterreich genauso scharf zurückschießt und u.a. den Falter-Artikel „Fake News“ nennt, und eine Klagsdrohung gegen die ÖVP wegen dieser Bezeichnung publik gemacht wird, wird das Thema in Richtung „So geht man mit Journalisten nicht um“ verschoben. Aber warum eigentlich nicht? Wie heißt es: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wer „Best of Böse“ und andere Schmähungen produziert, muss schon vertragen, wenn er von anderen ähnlich behandelt wird.