Macht die Digitalisierung arbeitslos?

Wird die weiter fortschreitende Automatisierung den Großteil der Menschen arbeitslos machen? Das ist eine der Befürchtungen, die seit Jahrhunderten im Zuge technischer Veränderungen geäußert wurden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Befürchtung nicht einmal korrekt sein könnte.

Johannes Schweighofer hat letztes Jahr in „Wirtschaft und Gesellschaft“ einen interessanten Aufsatz veröffentlicht, in dem er den aktuellen Stand der Forschung diskutiert.

So wird in der Literatur debattiert, ob für die zunehmende Automatisierung hohe akademische Bildung der beste persönliche Rettungsanker ist, oder aber die Mitte des Arbeitsmarkts wegbricht: Während besonders abstrakte Aufgaben, die z.B. viel Kreativität verlangen, und manuelle Tätigkeiten, die rasche Reaktionen auf die jeweilige Situation und persönlichen Kontakt erfordern, bestehen blieben, würden Berufe mit standardisierten Abläufen unter die Räder kommen. Diese „Polarisierungshypothese“ ließe sich regional empirisch nachweisen, wobei nicht bloß Automatisierung, sondern auch die Verlagerung der Produktion in andere Länder dafür verantwortlich sei. Es gebe aber auch widersprechende Befunde.

Der Hype um „Industrie 4.0“ wird von Schweighofer nicht geteilt. Tatsächlich gebe es große Umwälzungen, doch die früher prognostizierten Wachstumsschübe und positiven (!) Beschäftigungseffekte haben sich nicht eingestellt, doch aus das Gegenteil massiver Arbeitsplatzverluste nicht.

Während die langfristigen Folgen der Fortschritte in der Automatisierung in der Industrie und im Dienstleistungssektor (Stichworte Digitalisierung, Neuronale Netzwerke) enorm sein würden, seien kurzfristig keine dramatischen Umwälzungen zu erwarten, so Schweighofers Resümee der bisherigen Empirie.

Die generelle Arbeitslosigkeit ist meiner Meinung nach aber ohnehin schon auf Grund folgender ökonomischer Gesetze nicht zu befürchten: Des Gesetzes des komparativen Vorteils und des Say’sche Theorems.

Ersteres sagt: Auch wenn A alle Güter besser erzeugen kann als B, wird der Gesamtwohlstand höher sein, wenn sich A und B jeweils auf das spezialisieren, worin sie vergleichsweise besser sind, und miteinander in Handel treten. Letzteres, oft überzogen interpretiert, sagt nichts anderes als: Wir produzieren, um zu konsumieren. Das Tauschmittel Geld verstellt oft den Blick auf diese einfache Tatsache. Menschen arbeiten, um entweder die Früchte ihrer Arbeit selbst zu konsumieren oder gegen andere Güter zu tauschen. Daher ist es in einer freien Gesellschaft auch bei hoher Automatisierung selbstverständlich, dass Menschen weiter arbeiten werden.

Freilich sagt das wenig über die sozialen Umstände aus, die dann herrschen. Aber schon jetzt ist die Wahl zwischen hohen Mindestlöhnen bzw. Lohnkosten und niedriger Arbeitslosigkeit ein reales Problem vieler Länder. Die Frage wird also nicht sein: Gibt es genug Arbeit? sondern: Wollen wir die Bedingungen, unter denen diese Arbeit geleistet werden müsste, akzeptieren.

Vertragsfreiheit in Blau

Eigentlich eine Petitesse: Nun wurde also der Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus eines Lokals verwiesen, weil der Lokalbesitzer Sammy Zayed so auf „Weltoffenheit und Respekt“ pocht, dass sein Club für bestimmte politische Meinungen nicht offen ist und manchen keinen Respekt erweist.

Das ist meiner Meinung nach auch das gute Recht eines Lokalbesitzers. Mit wem man Geschäfte macht, wessen Geld man nimmt, das soll man sich in der Regel schon aussuchen dürfen. Dafür trägt das Lokal ja auch den unmittelbaren finanziellen Schaden des Nicht-Geschäfts. Das ist eine der Gründe, warum ökonomische Anreize stark gegen ungerechtfertigte Diskriminierungen1 arbeiten, wie Nobelpreisträger Gary S. Becker herausgearbeitet hat. (Mag sein, dass die Story auch als Werbung für das Lokal funktioniert, aber wetten würde ich darauf nicht – es wird auch Kunden verlieren.)

Es ist nur spannend, dass viele Personen Zayed applaudieren, die ansonsten gerne unter dem Stichwort „Levelling up“ eben diese Entscheidungs- und Vertragsfreiheit beschneiden wollen. Vorbild sind da Bestimmungen in den USA, mit denen schon Fotografen, Blumenhändler und Zuckerbäcker traktiert wurden, so dass sie Kunden ihre Leistungen erbringen müssen, für die sie aus Gewissensgründen nicht leisten können. Ob die betroffenen Kunden nicht bei anderen Geschäften besser aufgehoben wären?

Wenn es die „Falschen“ trifft, ist es jedenfalls mit dem Respekt vor der Vertragsfreiheit schnell wieder vorbei.


  1. „Diskriminierung“ heißt eigentlich nur „Unterscheidung“. Viele Diskriminierungen sind sogar gesetzlich verankert, wie die Altersdiskriminierung beim Wahlrecht, oder die Diskriminierung nach Einkommenshöhe bei der Steuerleistung. Die Frage ist immer: Ist die Diskriminierung sachlich gerechtfertigt? Das wird sowohl beim Wahlrecht als auch bei der Steuer wohl zu bejahen sein. Siehe dazu z.B. Walter Antoniolli in seinem grundlegenden Aufsatz „Gleichheit vor dem Gesetz“. (Leider nicht online.) 

Die Globalisierungsgewinner des 13. Jahrhunderts vor Christus

Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus standen in Griechenland, Kleinasien und Syrien mächtige, luxuriös ausgestattete Paläste, die über geschäftigen Städten thronten. Feine Keramik, edle Schmiedearbeiten oder prächtige Stoffe wurden zwischen den Städten in Karawanen oder in großen Handelsflotten über teils große Distanzen geliefert. Waren, die in spezialisierten Werkstätten mit zum Teil hunderten Arbeitern hergestellt wurden, und deren Rohstoffe mitunter ebenso von weither kamen.

Um 1200 vor Christus bricht diese Welt zusammen. Eric H. Cline hat diesem Kollaps des bronzezeitlichen Reichtums mit „1177. Der erste Untergang der Zivilisation“ eine vielbeachtete Monographie gewidmet. (Hier die Buchbesprechung in der „Welt“.)

Der genaue Hergang dieses Zusammenbruchs wird immer noch heftig diskutiert. Eine unheilvolle Melange aus Invasionen äußerer Feinde, inneren Fehden, Naturkatastrophen und schließlich dem Ende des überregionalen Handels wird regelmäßig genannt, mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Faktoren. Momentan scheint etwa der Klimawandel auch zur Erklärung historischer Ereignisse sehr en vogue. Der Handel ist auch insofern bedeutend, als die weitreichenden Handelsnetzwerke es ermöglichten, dass in einigen Städten mehr Menschen wohnen konnten, als das unmittelbare Umland ernährt hätte.

In Griechenland schrumpfte die Bevölkerung im Zuge der Ereignisse — mancherorts um 90%! –, und konnte erst Jahrhunderte später wieder die damalige Zahl erreichen, um sie schließlich in hellenistischer Zeit deutlich zu übertreffen. Die bronzezeitlichen Reiche scheinen der malthusianischen Falle entkommen zu sein, die früheisenzeitlichen Griechen waren fest in ihr gefangen.

Wie aber war das möglich?

Ein Teil des Puzzles liegt in der Palastwirtschaft, wie sie im östlichen Mittelmehr und im Zweistromland vorherrschte. Die Paläste verwalteten Rohstoffe und Lebensmittel und beherbergten große, spezialisierte Manufakturen, die vor allem Waren für den Export produzierten. Auf diese Weise konnten Skalenerträge (durch große Produktionseinheiten) erzielt werden. Die Möglichkeit, Rohstoffe auch von weiter her zu beziehen, eröffnete außerdem das Feld für die Spezialisierung bestimmter Paläste auf Produkte, die Vorprodukte aus verschiedensten Quellen benötigten.

Die Mängel der Planwirtschaft der Paläste wurden dadurch gemildert, dass die jeweiligen Einheiten relativ überschaubar waren und durch den Handel, der in der Regel über private Kaufleute abgewickelt wurde, einer Marktdisziplinierung ausgesetzt waren. Eine Gleichsetzung der Paläste mit Großunternehmen ginge wohl nicht ganz fehl.

Ein zweiter Teil des Puzzles liegt in der weit entwickelten Diplomatie und großen Hegemonialsphären, die einen einigermaßen sicheren Handel im östlichen Mittelmehr und Zweistromland ermöglichten und die Transaktionskosten gegenüber späterer Zeit deutlich niedriger halten konnten.

Doch höhere Produktivität durch Arbeitsteilung und Skalenerträge erklärt noch nicht allein den höheren Wohlstand der späteren Bronzezeit gegenüber der folgenden frühen Eisenzeit. Nach der gängigen malthusianischen Theorie werden solche Produktivitätsgewinne durch eine wachsende Bevölkerung wieder aufgesogen, bis wieder ein Leben auf Subsistenzniveau erreicht ist. Nur in Zeitabschnitten, in denen die Produktivität schneller als die Bevölkerung wächst, könnte daher der Wohlstand pro Kopf kurzfristig steigen.

Diese Annahme ist aber durch den archäologischen Befund für das klassische Griechenland oder das Römische Reich nicht gedeckt, wie Josiah Ober für ersteres, Paul Erdkamp für letzteres diskutiert.

Dafür gibt es einenn einfachen Grund: Die Bevölkerung kann ja nur wachsen, wenn die Geburten die Todesfälle übersteigen. Das heißt z.B., dass durch gute Ernährung oder durch Fortschritte in der Medizin oder Hygiene die Kindersterblichkeit sinkt — und damit mehr Kinder erwachsen werden und Familien gründen. (Die Annahme, dass eine besonders gute Ernährungslage zu signifikant steigenden Geburtenraten selbst führen würde, gilt als widerlegt.) Verzierte Vasen und bunte Stoffe dagegen machen das Leben schöner und angenehmer, tragen aber nichts zum Bevölkerungswachstum bei.

Einen einfachen Ansatz dafür zeigt Lemin Wu in einem Working Paper. Wu unterscheidet einfach zwischen zwei Sektoren, „Subsistenz“ und „Luxus“. „Luxus“ sind bei Wu alle Güter, die dem persönlichen Nutzen dienen, aber die Überlebensfähigkeit der Gruppe nicht erhöhen. Die Wirtschaft hat in dem Punkt ein Gleichgewicht erreicht, in dem sich die Grenze der Produktionsmöglichkeiten, die Menge der für die Menschen gleichwertigen Güterbündel (Indifferenzkurve) und die Menge der Güterbündel, die zu einer konstanten Bevölkerung führen, berühren. Wenn die Produktivität im Luxussektor stärker steigt als im Subsistenzsektor, steigt der Wohlstand pro Kopf. Steigt die Produktivität im Subsistenzsektor, wächst die Bevölkerung. Große landwirtschaftliche Innovationen haben in diesem Modell daher langfristig negative Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf. Welche Güterbündel aus Subsistenzgütern und Luxusgütern als gleichwertig gesehen werden, ist freilich auch kulturell bedingt.

Umgelegt auf die Bronzezeit: Die Produktivität im Bereich der Handelswaren stieg viel stärker als die der Landwirtschaft; zudem wurden der Warenproduktion in den Palästen massiv Ressourcen zugeführt und standen damit auch nicht der ernährenden Landwirtschaft zur Verfügung. Produktionsstrukturen und soziale Präferenzen haben in Wus Terminologie zu einer „Luxusexpansion“ geführt, die zu einem höheren Wohlstand pro Kopf führt.

Es gibt allerdings auch eine Gegenkraft in Wus Modell. Gesellschaften, die einen komparativen Vorteil im Subsistenzsektor haben, sind ärmer, doch ihre Technologien verbreiten sich durch steigenden Bevölkerungsdruck, der in friedlicher Wanderung oder kriegerischer Invasion mündet. In Wus simplem Modell — das keinen Anspruch stellt, die komplexe Wirtschaftsgeschichte des Altertums allein erklären zu können — würde hier wohl wieder die Invasionstheorie ins Spiel kommen …

Auch ohne Invasion kann man den Kollaps zum Ende der Bronzezeit innerhalb dieses Rahmens erklären: Durch den Zusammenbruch des Handels und die Zerstörung von Palästen sank die Produktivität des Luxussektors stark, aber auch die Produktivität des Subsistenzsektors, der von fachmännisch hergestellten Gerätschaften und durch Handel ermöglichter Spezialisierung wohl ebenfalls profitiert hatte. Die Produktionsmöglichkeiten gehen also zurück, das erreichbare Güterbündel, das den höchsten Nutzen verspricht, wird deutlich kleiner und subsistenzlastiger, die Güterbündelmenge bei konstanter Bevölkerung geht zurück. Voi là: Frühe Eisenzeit — samt malthusianischer Bevölkerungsentwicklung.

Angus Deaton, Nobelpreisträger

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften1 geht also an Angus Deaton, Universitätsprofessor für Wirtschaftswissenschaften und Internationale Angelegenheiten in Princeton. Gerade rechtzeitig zu seinem siebzigsten Geburtstag, den er am 19. Oktober begehen darf.

Das ist schon ein wenig eine Überraschung, wirft aber ein Licht auf einen bedeutenden Teil der Mikroökonomie, der in der öffentlichen Debatte zu wenig beachtet wird. Wie es auf der offiziellen Seite der Nobelpreise heißt: „Für die Analyse des Konsums, der Armut und der Wohlfahrt.“

Diese drei Punkte hängen innerlich zusammen.

Deaton hat zusammen mit John Muellbauer in den Siebziger Jahren hat an einer Möglichkeit geforscht, Konsumentscheidungen zwischen Gütern in Abhängigkeit von Preisen elegant, aber realitätsnah zu modellieren. Denn die bisherigen Modelle mit repräsentativen Konsumenten stimmten mit der Empirie nicht überein. Ein großes Problem war dabei die Aggregierung, d.h. das Zusammenführen der einzelnen Nutzenfunktionen der Konsumenten zu einer einzigen Funktion, die das Konsumverhalten der betrachteten Menschen gemeinsam abbildet. Das „Almost Ideal Demand System“ von Muellbauer und Deaton erlaubt, dass Konsumenten verschiedene Güter bevorzugen, in dem die einheitliche Konsumfunktion um einen Parameter ergänzr wird, der nach demographischen Indikatoren variiert.

Aggregierung ist auch das Schlüsselwort für die Betrachtung des Konsums im Zeitablauf. Man muss kein Ökonom sein, um zu wissen, dass sich das Konsumverhalten im Laufe eines Lebens ändert. Dazu haben sich in den Siebziger Jahren Modelle mit rationalen Erwartungen etabliert, bei denen die Betroffenen ihren Konsum über den Zeitablauf hinweg glätten. Dazu muss man allerdings auch handfeste Erwartungen über das Einkommen haben, um entsprechend dieser Erwartungen zu sparen bzw. sich zu verschulden. Deaton zeigte nun, dass unvorhergesehen Einkommensänderungen über die veränderten Erwartungen über die Zukunft großen Einfluss auf das gegenwärtige Konsumverhalten haben. Da ökonomische Schocks Menschen in verschiedenen Stadien ihres Lebenzyklus treffen, kann die aggegierte Auswirkung des Schocks auch anders ausfallen, als eine Betrachtung der Einzeldaten ergeben würde. Um also die Gestaltung der Konsums besser zu verstehen, arbeitete Deaton an Querschnittsstudien über Haushalte bzw. wie man sich echten Längsschnittstudien mit einfacheren Mitteln (mit sogenannten „Pseudo-Panels“) annähern könnte. Diese Untersuchungen sind grundlegend für die statistische Arbeit auf der ganzen Welt geworden.

Schließlich widmete sich Deaton der praktischen Frage, wie man Armut, Konsummöglichkeiten und Wohlfahrt in sich entwickelnden Ländern misst. Hier steht man einerseits vor großen statistischen Problemen, andererseits vor solchen der Vergleichbarkeit der Daten. Werden Güter in Land A nicht nachgefragt, weil sie zu teuer sind – oder weil sie dort im Unterschied zu Land B keiner will? Wie gehe ich damit um, dass einige Güter in Land A, andere in Land B vergleichsweise günstiger sind? Wie sensibel sind Messergebnisse? Die Erkenntnisse aus entsprechenden Arbeiten haben die Messung von Armut in einigen Ländern verändert.

Seine Beschäftigung mit Entwicklungsländern hat ihn auch zu einem großen Kritiker der Entwicklungshilfe gemacht. Sie würde dazu beitragen, dass Staatsgewalt der Empfängerstaaten sich überhaupt nicht für die eigene Bevölkerung verantwortlich fühlt. Es gibt dort keinen „Vertrag“ zwischen Staat und Bürgern; die Finanzierung des Staats hängt vielmehr nur vom Wohlverhalten gegenüber den Geldgebern ab. Dann funktionieren oft nicht einmal die grundlegendsten Staatsfunktionen, mit fatalen Folgen. Deaton:

„Arme Menschen brauchen eine Regierung, um ein besseres Leben führen zu können. Die Regierung aus dem Spiel zu lassen, könnte die Lage kurzfristig verbessern, aber das eigentliche Problem würde nicht gelöst. Arme Länder können ihr Gesundheitssystem nicht ewig vom Ausland betreiben lassen. Die Hilfe unterminiert, was arme Menschen am meisten benötigen: eine effektive Regierung, die heute für eine bessere Zukunft mit ihnen zusammenarbeitet.“

Ein weites, spannendes Feld, das Deaton bestellt.


  1. Eigentlich Sveriges Riksbank Preis für Wirtschaftswissenschaften in Erinnerung an Alfred Nobel. Bevor dass jemand unvermeidlicherweise in den Kommentaren postet. 

Fünf Beispiele zur kalten Progression

Die sogenannte „kalte Progression“ ist in den letzten Jahren, als die Lohnabschlüsse in reinen Geldwerten eher mager ausfielen, in aller Munde. Gemeint ist, dass bei gleich bleibenden Tarifstufen eine Lohnerhöhung, die rein der Abgeltung der Inflation dient, auf Grund der Progression zu einer höheren Durchschnittssteuerbelastung führt und damit die Kaufkraft des Lohnes sinkt. Das ist strikt davon zu unterscheiden, dass durch ein gestiegenes Preisniveau die Kaufkraft eines unveränderten Lohnes sinkt. Dieser Effekt hat nichts mit der Progression zu tun und würde etwa auch bei einer Einheitssteuer auftreten.1

Ein Beispiel mit österreichischen Zahlen: Ein Angestellter erhält ein Monatsgehalt von 2.400 Euro brutto. Der Einfachheit halber lassen wir den 13. und 14. Monatsbezug beiseite. Nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge verbleibt von den zwölf Gehältern von 28.800 Euro eine steuerpflichtige Lohnsumme von 23.595,84 Euro. Davon darf der Steuerpflichtige Sonderausgaben- und Werbungskostenpauschale abziehen; verbleiben 23.403,84 Euro. Die ersten 11.000 Euro sind steuerfrei. Für die verbleibenden 12.403,84 Euro ist ein Grenzsteuersatz von 36,5% anzuwenden, der eine Belastung von 4.527,40 Euro ergibt. Nach Abzug von Arbeitnehmer- und Verkehrsabsetzbetrag verbleibt eine Steuerlast von 4.182,40 Euro und ein Nettogehalt von 19.413,44 Euro. In Tabellenform:

Tabelle 1: Aktuelle Rechtslage
Position Betrag Anmerkung
Zwölf Monatsgehälter € 28.800
Sozialversicherung, AK etc. € 5.204,16
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 23.595,84
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage 23.403,84
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00 0,0 %
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.527,40 36,5 %
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.182,40
Nettogehalt € 19.413,44

Nun nehmen wir aus Illustrationsgründen an, ein Inflationsschock von 4,17% würde durch eine Lohnerhöhung komplett ausgeglichen, so dass der Angestellte nun einen Hunderter mehr im Monat erhält, insgesamt also 2.500 Euro. An diesen Fall denken wohl die meisten, wenn sie die „Kalte Progression“ bekämpfen wollen.

Tabelle 2: Inflationsabgeltung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage € 24.387,00 + 4,20%
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.886,26 + 7,93%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.541,26 + 8,58%
Nettogehalt € 20.037,74 + 3,22%

Während vorher die Durchschnittsteuerbelastung des Bruttolohns 14,5% betragen hat, ist sie nun auf 15,1% gestiegen. Das Nettogehalt ist nicht um 4,17%, sondern nur um 3,22% gestiegen. Die Differenz ist die Wirkung der kalten Progression.

Nun ein Rechenbeispiel, bei dem die Tarifstufen, Pauschalen und Absetzbeträge valorisiert werden.

Tabelle 3: Inflationsabgeltung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 24.379,00 + 4,17%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 4.716,04 + 4,17%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.356,67 + 4,17%
Nettogehalt € 20.222,34 + 4,17%

In diesem Beispiel bleibt die Durchschnittslohnbelastung gleich, und auch die Staatseinnahmen — die ja schließlich der eigentliche Zweck der Steuern sind — scheinen trotzdem ihren Anteil zu erhalten.

Es kommt aber noch besser: Denn wenn der Arbeitgeber eine noch höhere Lohnerhöhung gewährt, profitiert der Arbeitnehmer auch hier zum Nachteil des Fiskus von der Indexierung. Denn auch die über die Inflation hinausreichende Lohnerhöhung kommt in den Genuss eines impliziten Inflationsausgleichs, wie wir gleich sehen werden. Wir unterstellen dafür jetzt eine Erhöhung um 8,33% oder 200 Euro im Monat.

Tabelle 4: Kräftige Lohnerhöhung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 31.200 + 8,33%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.637,84 + 8,33%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 25.362,16 + 8,33%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 25.362,16 + 8,37%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 5.074,90 + 12,09%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.715,53 + 12,75%
Nettogehalt € 20.846,64 + 7,38%

Kaufkraftbereinigt ist das neue Bruttogehalt um 4,00% höher, das Nettogehalt um 3,09% höher als das alte, bei einem Grenzsteuersatz von 36,5%. Der Engländer würde sagen: You do the math.

Aber mit dieser Tarifindexierung werden auch all diejenigen bedacht, deren Löhne und Einkommen nicht steigen, sondern gleich bleiben oder sogar sinken. So etwas ist nicht selten, etwa durch (in diesem Fall meist unfreiwillige) Berufswechsel, Reduktion der Arbeitszeit oder auch simpel durch Pensionierung. Selbständige wissen ohnehin ein Lied von schwankenden Einnahmen und daher oft auch recht mageren Jahren zu singen. Nun mag man einen solchen Teuerungsausgleich sozialpolitisch für richtig halten, fiskalisch kann das aber teuer werden. Denn die Ausgaben des Staates werden nicht dann mehr, wenn alle Erwerbstätigen ihre Einkommen um die Inflationsrate steigern können. Eher im Gegenteil: Können sie das nämlich nicht, so steigen wahrscheinlich u.a. die Sozialausgaben. Sehen wir uns dazu das letzte Beispiel an, bei dem das Monatsgehalt um 100 Euro gesunken ist.

Tabelle 5: Lohnrückgang
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 27.600 – 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 4.987,32 – 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 22.612,68 – 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 22.412,68 – 4,24%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 3.998,34 – 11,69%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 3.638,97 – 13,00%
Nettogehalt € 18.973,71 – 2,27%

Natürlich wäre auch ohne Indexierung die Steuerlast stärker zurückgegangen als das Einkommen; das ist der gewünschte Effekt eines progressiven Steuersystems. Doch während im nicht-indexierten System das Nettoeinkommen um 2,67% zurückgeht (und damit ebenfalls um weniger als das Bruttoeinkommen), schluckt die Indexierung hier weitere 0,4%. Sie bekämpft eben nicht bloß die kalte Progression, sondern verbindet den Tarif allgemein mit der Preissteigerung. Bleiben die Einkommen zu laufenden Preisen konstant, so sinkt das Steueraufkommen bei indexierten Tarifstufen.

Wie häufig auch stagnierende oder sinkende Einkommensverläufe vorkommen, mag folgende Statistik näherbringen: Zwischen 2008 und 2013 stieg das Bruttojahreseinkommen der unselbständig Beschäftigten im Median um insgesamt 6%, der Verbraucherpreisindex um rund 10%. Im ersten Quartil sank das Bruttojahreseinkommen sogar. Bei den Dezilen mit höheren Einkommen — die von einer Indexierung am meisten profitieren würden — gibt es auch die größten Zuwächse. Nun kann man als Person im Laufe seines Lebens verschiedenen Dezilen angehören; ein gewisser Trend lässt sich aber doch ablesen.

Fazit

Die Indexierung der Tarifstufen kann zu einem Fiskalproblem werden, da viele Einkommensverläufe nicht dem idealtypischen langzeitbeschäftigten Vollzeit-Angestellten mit Inflationsabgeltung folgen. Außerdem werden auch Erhöhungen über der Inflationsrate begünstigt, da auch der überschießende Teil einen automatischen Inflationsausgleich unterliegt. Insgesamt ist angesichts einer angespannten Budgetsituation damit zu rechnen, dass eine solche Indexierung, die den Fiskalzweck der Einkommensteuer unterläuft, durch eine Ausweitung von Konsumsteuern finanziert werden würde, die ja erstens mit der Inflation und zweitens mit steigender Kaufkraft automatisch mehr erbringen.

P.S.: Alle Zahlen ohne Gewähr. Beim Eintipseln von so vielen Zahlen kann schon einmal irgendwo ein Fehler sein …


  1. Dieser Effekt kann durch eine Progression aber verschärft werden, was manchmal zur allgemeinen Verwirrung auch als „kalte Progression“ bezeichnet wird. 

Mietrecht: Will die SPÖ mehr Eigentum?

Mitten in der ohnehin bereits zu einer Kakophonie geratenen Diskussion um die Steuerreform bricht nun auch noch eine Diskussion um ein neues Mietrecht herein. Zumindest, wenn es nach SPÖ-Bautensprecherin Ruth Becher geht, die ein SPÖ-Modell für ein neues Mietrecht vorgestellt hat. Kernpunkt:

Für private Wohnungen, die höchstens 20 Jahre alt sind, sollen Eigentümer die Mieten selbst festlegen. Für Wohnungen, die älter als 20 Jahre sind, soll künftig aber ein Basis-Mietzins von 5,50 Euro netto pro Quadratmeter gelten, betreffen soll das allerdings nur neue Mietverträge.

Das klingt zuerst einmal nicht so schlimm, beträgt doch die durchschnittliche Nettomiete in Österreich etwa 5 Euro je Quadratmeter. Diese Statistik enthält aber alles: Sozialwohnungen, Friedenszinswohnungen, Genossenschaftswohnungen. Mit niedrigen Mieten, weil sie aus anderen Töpfen oder durch andere Mieter subventioniert werden. Von den etwa 1,5 Millionen Hauptmietwohnungen in Österreich sind etwa ein Fünftel Gemeindewohnungen und zwei Fünftel Genossenschaftswohnungen. Ein Fünftel sind Wohnungen anderer Vermieter, die aber durch das Richtwertsystem gebunden sind. Also sind nur ein Fünftel der Hauptmietwohnungen tatsächlich frei zu vermieten, von denen wiederum viele älter als 20 Jahre sind und daher unter die strikte Mietzinsgrenze fallen würden.

Ob diese Mietzins-Grenze eine gute Regelung ist oder nicht, hängt wohl vom politischen Ziel ab. Will man den Markt der privaten Vermieter trockenlegen und die Bewegung Richtung Eigentum verstärken, dann ist das ein wirksame Maßnahme. Dazu genügt eine einfache Überlegung zu Angebot und Nachfrage: Wenn der Mietpreis unter dem Niveau liegt, bei dem sich Angebot und Nachfrage ausgleichen, würde normalerweise der Quadratmeterpreis solange steigen, bis durch ein Mehrangebot an Wohnungen und einen Rückgang der Nachfrage ein Gleichgewichtspreis hergestellt wird. Wenn der Preis aber nicht steigen darf, so wird stattdessen das Angebot immer weiter zurückgehen, bis nur noch die Vermieter überbleiben, die auch zu dem niedrigeren Mietpreis noch vermieten wollen und können. Die verbleibenden Vermieter werden außerdem wählerischer werden, an wen sie vermieten. Anders gesagt: Sie werden versuchen, durch Minimierung des impliziten „Risikoaufschlags“ auf die Miete (für höheren Erhaltungsaufwand, Mietausfälle etc.) Aufwand und Ertrag besser in Einklang zu bringen.

Da die frei vermieteten Wohnungen nicht aus Förderungen mitfinanziert werden, müssen sie ihre Erhaltung und die notwendige Rendite aus den Erträgnissen erwirtschaften. Werden diese beschränkt, so werden Wohnungsbesitzer natürlich verstärkt Wohnungen parifizieren und verkaufen, statt sie zu vermieten. Manche präsumptive Mieter werden auch unter allerlei Vorwänden Extrazahlungen leisten, um an die begehrte Wohnung zu kommen.

Wir kennen das Ergebnis ja aus anderen Städten und Ländern mit strikten Mietbindungen: Verfallende Häuser, sinkendes Angebot und eine Zweiklassengesellschaft unglaublich günstig wohnender Mieter einerseits und vieler erfolglos Wohnungssuchender andererseits. Diese Zweiklassengesellschaft gibt es ja teilweise auch in österreichischen Städten, wo Mieter mit sehr günstigen Altmietverträgen Investitionen erschweren und oft auch Wohnraum blockieren.

Wenn das das gewünschte Ergebnis des Vorschlags ist, dann ist er gut. Ansonsten …

Sollten Deutschlands Löhne schneller steigen?

Heiner Flassbeck brachte in einem Gespräch mit „Standard“-Chefin Alexandra Föderl-Schmid einige Vorschläge zur Krisenbewältigung, die heute in Europa oft zu hören sind:

Mit der Forderung nach einem höheren Lohnniveau in Deutschland ist er nicht allein. Der ehemalige EU-Sozialkommissar Lászlo Andor schlug etwa letztes Jahr in die gleiche Kerbe. Ungeachtet dessen, dass die Löhne in Deutschland in den letzten Jahren schneller als im Durchschnitt der Eurozone gestiegen sind.

Der Pferdefuss an der Sache ist einfach: Das heißt im Umkehrschluss höhere Arbeitslosigkeit. Das hat Deutschland um die Jahrtausendwende erlebt und sich mit schmerzhaften Reformen und Lohnzurückhaltung herausgearbeitet. Mit dem gesetzlichen Mindestlohn hat man bereits einen Politikwechsel vollzogen, der anscheinend steigende Arbeitslosigkeit billigend in Kauf nimmt. Die Folgen dieser und anderer wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen sind am mageren deutschen Wirtschaftswachstum bereits ablesbar.

Trotzdem ist es zweifelhaft, ob die deutsche Politik eine Rückkehr in die Zeit des „kranken Manns“ Mitteleuropas aushalten würde — und worin der Nutzen für Europa liegen sollte. Ja, die deutsche Wirtschaft würde weniger wettbewerbsfähig werden. Doch nur in primitiv-merkantilistischem Denken wäre das makroökonomisch vorteilhaft. (Hinweis: Günstigere Preise nutzen den Konsumenten im allgemeinen.) Außerdem würde Deutschland in gleichem Zug weniger nachfragen, weil ja — dank geringerer Beschäftigung — viele Menschen Einkommen verlieren, während die Menschen mit den höheren Löhnen diesen Lohnzuwachs zum guten Teil in die Vorsichtskasse legen werden. Schließlich könnten sie die nächsten ohne Job sein.

Besser, man lässt die Lohnpolitik dort, wo sie hingehört. In Österreich machen das die Sozialpartner grosso modo recht erfolgreich, und die deutschen Tarifpartner haben mit Ausnahmen (ähm … Lokführerstreik) auch eine ganz gute Bilanz vorzuweisen.