Wenn Arme Globalisierungsgewinner sind, ist es auch nicht recht …

„Ist es besser, arme Länder arm sein zu lassen?“, fragen Ingrid Kubin und Peter Rosner im Standard provokant und treffend. Wer den freien Handel mit ärmeren Ländern unter der Begründung ablehnt, dadurch würden die Menschen dort nur ausgebeutet, spricht in der Praxis einem noch viel größeren Elend dieser Menschen das Wort. Denn die Alternative zu den „schlechten“ Jobs sind meist gar keine Jobs. Gleichzeitig senkt man damit aber auch den Wohlstand gerade der nicht so blendend verdienenden Menschen in den sogenannten Industrieländern ebenso:

Was würden Textilien, Handys, technische Haushaltsgeräte bei uns kosten, wenn alle an deren Produktion beschäftigten Arbeitskräfte hier herrschende Löhne erhielten?

Damit antworten die beiden Wirtschaftswissenschafter auf einen sehr emotionalen Kommentar von Kurt Bayer, ehemaligen Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Eigentlich antworten sie nur auf einen Absatz, der ein gängiges Vorurteil wiedergibt:

[K]leine, schwache, im Entwicklungsprozess nachhinkende Länder können aufgrund dieser, auch geografischer, klimatischer und kultureller Umstände nie mit großen hochentwickelten Ländern konkurrieren, müssen sich daher als Anhängsel dieser Großen positionieren – und zahlen dafür mit Ausbeutung ihrer Bodenschätze, Arbeitskraft und Umwelt. Im Gegenzug ziehen die Großen und Reichen insgesamt deutlich mehr Kapital aus den Entwicklungsländern ab, als diese (strukturell kapitalschwach) erhalten.

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: „Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher.“ Doch es stimmt einfach nicht. Die voranschreitende Verzahnung der Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen aus tiefer Armut befreit, wie man in einem ausführlichen Artikel des Oxford-Projekts Our World in Data nachlesen kann. Besonders in Ostasien wurden spektakuläre Erfolge erzielt, doch auch in Afrika können einige Länder wie Botswana und Gabun durchaus Erfolgsgeschichten für ihre eigene Bevölkerung vorweisen.

Da die Produktivität in diesen Ländern aus verschiedenen Gründen (Infrastruktur, Ausbildung, Institutionen, …) niedriger ist als bei uns, können sie aber nur dadurch konkurrenzfähig sein, dass sie die Kosten auf andere Weise senken: Mit niedrigeren Löhnen. Allerdings sind auch die Kosten des täglichen Lebens niedriger, weswegen die Unterschiede in Kaufkraftparitäten zwischen den Ländern meist geringer sind als rein nach auf Dollar umgerechneten Einkommen zu vermuten wäre.

Vieles der Betroffenheit über ausgebeutete Arbeiter in Entwicklungsländern ist aber ohnehin Heuchelei — die Alternative existenzieller Armut wird überhaupt nicht mitbedacht oder als erschreckend empfunden. Vielmehr sollen protektionistische Reflexe moralisch unterfüttert werden. In meinem Bekanntenkreis ist das oft mit einem plumpen nationalen Sozialismus verbunden: Seht her! Ohne Globalisierung können wir auch in den nostalgisch verklärten Sozialismus der Siebziger Jahre zurückkehren, den ja nur die bösen Neoliberalen zerstört hätten. Schnell erweist sich da die vielgepriesene internationale Solidarität der Sozialisten als Chimäre.

1.500 Euro Mindestlohn? Klingt gut, wirkt schlecht.

Es ist schon ein besonderes Gustostück, bei hoher Arbeitslosigkeit, geringer Inflation und einem Zuwachs gerade in der Gruppe der Minderqualifizierten (Stichwort Flüchtlinge) einen deutlich erhöhten Mindestlohn zu fordern, wie es SPÖ-Vorsitzender Christian Kern in seinem „Plan für A“ getan hat. Die Gewerkschaft versucht die Vorschläge Kerns für einen sogar gesetzlich verankerten Mindestlohn durch einen Offensive für einen einheitlichen Mindestlohn in den Kollektivverträgen abzufangen. Traditionell reagieren die Sozialpartner auf Versuche, ihre Tarifhoheit einzuschränken, sehr empfindlich.

In einer kleinen, offenen Volkswirtschaft, wie es Österreich ist, ergeben Argumente wie die Ankurbelung der Binnennachfrage wenig Sinn, da diese Nachfrage naturgemäß zu großen Teilen in anderen Volkswirtschaften ankommt. Das andere im „Standard“ zitierte Argument, dass es aus Gründen des Anreizes, Arbeiten zu gehen, einen Mindestlohn geben müsse, ist in der österreichischen Arbeitsmarktsituation und Sozialpartnerschaft nicht stichhaltig. Die Tarifpartner einigen sich ja auf bestimmte Mindestlöhne für bestimmte Branchen, weil höhere Mindestlöhne für beschäftigungsschädlich gehalten werden. Es kann ja nicht Ziel von Gehaltsverhandlungen sein, die Arbeitnehmer aus ihrem Arbeitsplatz hinauszupreisen. Und gerade im unqualifizierten Bereich ist das Arbeitsangebot sicher größer als die Arbeitsnachfrage. Hier muss man nicht motivieren, um arbeiten zu wollen, sondern, um Arbeitsplätze anzubieten.

Natürlich hat die Mindestsicherung vor allem im Bereich von Beziehern mit mehreren Kindern eine problematische Situation herbeigeführt, in der sich für manche die Arbeitssuche einfach nicht auszahlt. Die Leidtragenden sind hier aber nicht die Unternehmen, die darauf — wenn es sich auszahlen würde — ansonsten mit höheren Löhnen reagieren würden, sondern der Steuerzahler.

Ein Mindestlohn ist nicht per se schlecht: Richtig dimensioniert, kann er als Schutz der schwächeren Vertragspartei bei Arbeitsverträgen eine Rolle spielen. Im dichtmaschigen Netz der österreichischen Kollektivverträge ist aber ein solcher Schutz nicht notwendig, da sich fast alle Arbeitnehmer bereits auf einen kollektivvertraglichen Mindestlohn berufen können. Und dieser hat sich bisher aus gutem Grund an Branchengegebenheiten orientiert und nicht nach der Rasenmähermethode funktioniert. Es warat wegen der Arbeitsplätze.

Ungleichheit und ihr großer Einebner

Walter Scheidel: The Great Leveler

Walter Scheidel: The Great Leveler

Wann war die Ungleichheit in der Gesellschaft am geringsten? Dann, wenn große Katastophen wie der Schwarze Tod des 14. Jahrhunderts oder die beiden Weltkriege samt Völkermorden im 20. Jahrhundert gewütet haben. Diese These ist nicht neu, wird nun aber von Walter Scheidel von der Stanford Universität auf über 500 Seiten gründlich untermauert.

„The Great Leveler — Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century“ heißt der ambitionierte Band, also etwa „Der große Einebner — Gewalt und die Geschichte der Ungleichheit von der Steinzeit bis ins einundzwanzigste Jahrhundert.“ Aber nicht von einem Ökonomen geschrieben, den aktuelle Gleichheitsdebatten umtreiben, sondern von einem Historiker — mit dem Schwerpunkt Altertumskunde. Das hat seine Bewandtnis, wenn man Walter Scheidels Forschungsschwerpunkte betrachtet.

Der gebürtiger Wiener hat sich z.B. 1998 in Graz mit dem Thema Demographie im Römischen Reich habilitiert: „Measuring Sex, Age and Death in the Roman Empire. Explorations in Ancient Demography.“ Seither hat er sich weiter mit Demographie, aber auch dem Wirtschaftsleben des Römischen Reichs beschäftigt, mit der Finanzierung antiker Staatswesen und anderen Themenfeldern, die auch vom Thema der Einkommens- und Vermögensverteilung berührt werden.

Und dabei hat er bemerkt, dass schon in der Antike längere Zeiten halbwegs friedlicher, prosperierender Entwicklung eindeutige Konzentrationseffekte beim Wohlstand hervorgebracht haben — die etwa von der Katastrophe der Völkerwanderung wieder umgekehrt wurden. Freilich liefert er keine „große Theorie“ der Ungleichheitsentwicklung, und er prognostiziert auch nicht, wie es weitergehen wird. Gregory Clark weist in seiner Buchsprechung darauf nachdrücklich hin.

Die „Presse“ hat Scheidel schon letzten März interviewt — bevor das Buch noch erschienen ist. Darin nennt er recht nachdrücklich die großen Einebner: Massenkriege, Revolutionen, Zusammenbrüche von Zivilisationen und Seuchen. Immer aber werden nicht nur die Reichen ärmer, auch viele Arme kommen gehörig unter die Räder bzw. ins Grab.

Übrigen habe ich schon einmal ein Werk von Walter Scheidel besprochen, nämlich ORBIS, den Routenplaner fürs Römische Reich. Und das Thema der historischen Vermögens- und Einkommensverteilung war erst vor kurzem hier präsent, nämlich in einem Artikel über Alfanis Arbeit zu italienischen Vermögensdaten vom Mittelalter bis ins späte 18. Jahrhundert.

Steigt die Ungleichheit seit 700 Jahren?

Guido Alfani von der Mailänder Bocconi-Universtät hat sich selbst eine schwierige Aufgabe gestellt, nämlich Daten über die Vermögensverteilungen der vorindustriellen Zeit zusammenzutragen und zu analysieren.

In einem im Herbst veröffentlichten Artikel bei Cliometrica, „The rich in historical perspective: evidence for preindustrial Europe (ca. 1300–1800)“ präsentiert er seine Ergebnisse, die nahtlos an die Datenreihen von Thomas Piketty anschließen sollen. Eine frei zugängliche Vorversion] kann man hier lesen.

Seine Kernaussage: Von 1300 bis 1800 hätte sich Reichtum fortwährend in den Händen des reichsten Dezils konzentriert. Lediglich die große Pestepidemie des 14. Jahrhunderts hätte diesen Prozess konterkariert. Auch der Anteil derjeniger, die das zehnfache des Medianvermögens halten, sei eindeutig gestiegen.

Große Lücken, große Schlussfolgerungen

Wer sich den Artikel näher ansieht, wird aber bald feststellen, dass Alfanis Schlussfolgerungen angesichts der Datenlage mutig sind. Die Mühe, die hier in den letzten Jahren für das Zusammentragen historischer Daten verwendet wurde, ist beachtenswert. Leider wird sie von überschießenden Verallgemeinerungen überdeckt.

Die Daten stammen aus Vermögensverzeichnissen für Steuerzwecke, die in Savoyen — er nennt es „Sabaudian State“ –, dem Gebiet der Republik Florenz, des Königreichs Neapel und in Venedig angelegt wurden, und werden mit Daten aus Katalonien und den südlichen Niederlanden (Belgien) abgeglichen. Dies ist dank des EINITE Projekts möglich, bei dem unter Federführung Alfanis eine Reihe von Wissenschaftern historische Unterlagen nach einer gemeinsame Methode sichten und auswerten.

In den Daten fallen große Lücken auf:

  • Es fehlen notwendigerweise diejenigen Personen, deren Vermögen zu gering war, um besteuert zu werden.
  • Ebenso fehlt Vermögen, das keiner Besteuerung im Sinne dieser Vermögensverzeichnisse unterlag. So fehlen Lehensgüter in der Untersuchung, wie Alfani selbst zugibt. Gerade für die erste Zeit werden diese wohl von erheblicher Bedeutung gewesen sei. Dann fehlt das Eigentum kirchlicher Einrichtungen, die doch eine erhebliche ökonomische, soziale und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. Sie boten für viele Ärmere Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, waren Bildungs- und Sozialeinrichtungen, natürlich auch Machtzentren. Die Enteignungen kirchlicher Güter im späten 18. und 19. Jahrhundert müssten große Spuren hinterlassen.
  • Die Hauptstädte der betroffenen Gebiete — Turin, Venedig, Florenz und Neapel — sind ausgeschlossen, da sie auf Grund besonderer Steuerbefreiungen in den Steuerlisten nicht vorkommen.
  • Die Bewertung der Güter ist selbst heute ein schwieriges Thema. Wie die Bewertung der Vermögensgüter funktioniert, wird nicht beleuchtet.

Der Aufstieg des Bürgertums

Alfani denkt, dass steuerfreie Adelsgüter eine so geringe Rolle gespielt hätten, dass sie kaum Einfluss auf seine Rechnung haben würden. Das schließt er aus Listen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ich befürchte allerdings, dass er vor allem den Aufschwung des Bürgertums — der Handwerker und Kaufleute –, und die Verstädterung misst. Natürlich nimmt im Vergleichszeitraum relativ der Wert des landwirtschaftliche Vermögen der Adeligen und der Kirche (beides ja nur z.T. erfasst) ab. Umgekehrt werden in manchen Gegenden Bauern vermehrt zu Eigentümern ihres Landes — das führt aber eher zu einer statistisch noch stärkeren Konzentration des Vermögens, da aus nicht erfasstem Lehensgut plötzlich erfasstes Privatgut wird, aus nicht erfassten Besitzlosen erfasste Personen mit wenig Besitz.

Jeder, der Produktionsfunktionen noch im Kopf hat, wird sich außerdem erinnern, dass man an in den einfachsten Modellen an drei Stellschrauben drehen kann: An der geleisteten Arbeit, am eingesetztes Kapital und der verwendeten Technologie. Ein wesentlicher Teil der steigenden Produktionsmöglichkeiten der neuzeitlichen Staaten auf der italienischen Halbinsel geht auf die Kombination besserer Technologien mit dem nötigen Kapitaleinsatz zurück. Glasbläserhütten, Tuchwebereien, Seidenbau oder Buchdruckereien entstehen nicht von selbst.

Es ergibt Sinn, dass die großen Pestepidemien, der sogenannte „Schwarze Tod“, Ungleichheit einebnen, weil sie so viel Menschen das Leben kosten, dass sie die Gesellschaft zerreißen. Ökonomisch gesprochen wird Arbeit knapper, so dass dessen Entlohnung ansteigt, während der Wert des eingesetzten Kapitals und Wissens relativ sinkt. Güter, die niemand bewirtschaften kann, sind wertlos. Es sollte Alfani und auch Thomas Piketty im Übrigen zu denken geben, dass große Reduktionen der Ungleichheit immer mit großen Katastrophen einhergehen: Die Pest bei Alfani, erster und zweiter Weltkrieg bei Piketty.

Jedenfalls ist die aufgezeige „Konzentration“ des Vermögens auch ein Artefakt einer steigenden, technologisch aufwendigeren Produktion, die wiederum allgemein zu einem steigenden Lebensstandard geführt hat. Diese Wechselwirkung entgeht Alfani, der nur auf die Verteilung des erfassten Vermögens blickt, leider völlig.

Übrigens: Eine Kurzzusammenfassung von Alfanis Thesen gibt es auf VoxEU.

Macht die Digitalisierung arbeitslos?

Wird die weiter fortschreitende Automatisierung den Großteil der Menschen arbeitslos machen? Das ist eine der Befürchtungen, die seit Jahrhunderten im Zuge technischer Veränderungen geäußert wurden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Befürchtung nicht einmal korrekt sein könnte.

Johannes Schweighofer hat letztes Jahr in „Wirtschaft und Gesellschaft“ einen interessanten Aufsatz veröffentlicht, in dem er den aktuellen Stand der Forschung diskutiert.

So wird in der Literatur debattiert, ob für die zunehmende Automatisierung hohe akademische Bildung der beste persönliche Rettungsanker ist, oder aber die Mitte des Arbeitsmarkts wegbricht: Während besonders abstrakte Aufgaben, die z.B. viel Kreativität verlangen, und manuelle Tätigkeiten, die rasche Reaktionen auf die jeweilige Situation und persönlichen Kontakt erfordern, bestehen blieben, würden Berufe mit standardisierten Abläufen unter die Räder kommen. Diese „Polarisierungshypothese“ ließe sich regional empirisch nachweisen, wobei nicht bloß Automatisierung, sondern auch die Verlagerung der Produktion in andere Länder dafür verantwortlich sei. Es gebe aber auch widersprechende Befunde.

Der Hype um „Industrie 4.0“ wird von Schweighofer nicht geteilt. Tatsächlich gebe es große Umwälzungen, doch die früher prognostizierten Wachstumsschübe und positiven (!) Beschäftigungseffekte haben sich nicht eingestellt, doch aus das Gegenteil massiver Arbeitsplatzverluste nicht.

Während die langfristigen Folgen der Fortschritte in der Automatisierung in der Industrie und im Dienstleistungssektor (Stichworte Digitalisierung, Neuronale Netzwerke) enorm sein würden, seien kurzfristig keine dramatischen Umwälzungen zu erwarten, so Schweighofers Resümee der bisherigen Empirie.

Die generelle Arbeitslosigkeit ist meiner Meinung nach aber ohnehin schon auf Grund folgender ökonomischer Gesetze nicht zu befürchten: Des Gesetzes des komparativen Vorteils und des Say’sche Theorems.

Ersteres sagt: Auch wenn A alle Güter besser erzeugen kann als B, wird der Gesamtwohlstand höher sein, wenn sich A und B jeweils auf das spezialisieren, worin sie vergleichsweise besser sind, und miteinander in Handel treten. Letzteres, oft überzogen interpretiert, sagt nichts anderes als: Wir produzieren, um zu konsumieren. Das Tauschmittel Geld verstellt oft den Blick auf diese einfache Tatsache. Menschen arbeiten, um entweder die Früchte ihrer Arbeit selbst zu konsumieren oder gegen andere Güter zu tauschen. Daher ist es in einer freien Gesellschaft auch bei hoher Automatisierung selbstverständlich, dass Menschen weiter arbeiten werden.

Freilich sagt das wenig über die sozialen Umstände aus, die dann herrschen. Aber schon jetzt ist die Wahl zwischen hohen Mindestlöhnen bzw. Lohnkosten und niedriger Arbeitslosigkeit ein reales Problem vieler Länder. Die Frage wird also nicht sein: Gibt es genug Arbeit? sondern: Wollen wir die Bedingungen, unter denen diese Arbeit geleistet werden müsste, akzeptieren.

Vertragsfreiheit in Blau

Eigentlich eine Petitesse: Nun wurde also der Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus eines Lokals verwiesen, weil der Lokalbesitzer Sammy Zayed so auf „Weltoffenheit und Respekt“ pocht, dass sein Club für bestimmte politische Meinungen nicht offen ist und manchen keinen Respekt erweist.

Das ist meiner Meinung nach auch das gute Recht eines Lokalbesitzers. Mit wem man Geschäfte macht, wessen Geld man nimmt, das soll man sich in der Regel schon aussuchen dürfen. Dafür trägt das Lokal ja auch den unmittelbaren finanziellen Schaden des Nicht-Geschäfts. Das ist eine der Gründe, warum ökonomische Anreize stark gegen ungerechtfertigte Diskriminierungen1 arbeiten, wie Nobelpreisträger Gary S. Becker herausgearbeitet hat. (Mag sein, dass die Story auch als Werbung für das Lokal funktioniert, aber wetten würde ich darauf nicht – es wird auch Kunden verlieren.)

Es ist nur spannend, dass viele Personen Zayed applaudieren, die ansonsten gerne unter dem Stichwort „Levelling up“ eben diese Entscheidungs- und Vertragsfreiheit beschneiden wollen. Vorbild sind da Bestimmungen in den USA, mit denen schon Fotografen, Blumenhändler und Zuckerbäcker traktiert wurden, so dass sie Kunden ihre Leistungen erbringen müssen, für die sie aus Gewissensgründen nicht leisten können. Ob die betroffenen Kunden nicht bei anderen Geschäften besser aufgehoben wären?

Wenn es die „Falschen“ trifft, ist es jedenfalls mit dem Respekt vor der Vertragsfreiheit schnell wieder vorbei.


  1. „Diskriminierung“ heißt eigentlich nur „Unterscheidung“. Viele Diskriminierungen sind sogar gesetzlich verankert, wie die Altersdiskriminierung beim Wahlrecht, oder die Diskriminierung nach Einkommenshöhe bei der Steuerleistung. Die Frage ist immer: Ist die Diskriminierung sachlich gerechtfertigt? Das wird sowohl beim Wahlrecht als auch bei der Steuer wohl zu bejahen sein. Siehe dazu z.B. Walter Antoniolli in seinem grundlegenden Aufsatz „Gleichheit vor dem Gesetz“. (Leider nicht online.) 

Die Globalisierungsgewinner des 13. Jahrhunderts vor Christus

Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus standen in Griechenland, Kleinasien und Syrien mächtige, luxuriös ausgestattete Paläste, die über geschäftigen Städten thronten. Feine Keramik, edle Schmiedearbeiten oder prächtige Stoffe wurden zwischen den Städten in Karawanen oder in großen Handelsflotten über teils große Distanzen geliefert. Waren, die in spezialisierten Werkstätten mit zum Teil hunderten Arbeitern hergestellt wurden, und deren Rohstoffe mitunter ebenso von weither kamen.

Um 1200 vor Christus bricht diese Welt zusammen. Eric H. Cline hat diesem Kollaps des bronzezeitlichen Reichtums mit „1177. Der erste Untergang der Zivilisation“ eine vielbeachtete Monographie gewidmet. (Hier die Buchbesprechung in der „Welt“.)

Der genaue Hergang dieses Zusammenbruchs wird immer noch heftig diskutiert. Eine unheilvolle Melange aus Invasionen äußerer Feinde, inneren Fehden, Naturkatastrophen und schließlich dem Ende des überregionalen Handels wird regelmäßig genannt, mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Faktoren. Momentan scheint etwa der Klimawandel auch zur Erklärung historischer Ereignisse sehr en vogue. Der Handel ist auch insofern bedeutend, als die weitreichenden Handelsnetzwerke es ermöglichten, dass in einigen Städten mehr Menschen wohnen konnten, als das unmittelbare Umland ernährt hätte.

In Griechenland schrumpfte die Bevölkerung im Zuge der Ereignisse — mancherorts um 90%! –, und konnte erst Jahrhunderte später wieder die damalige Zahl erreichen, um sie schließlich in hellenistischer Zeit deutlich zu übertreffen. Die bronzezeitlichen Reiche scheinen der malthusianischen Falle entkommen zu sein, die früheisenzeitlichen Griechen waren fest in ihr gefangen.

Wie aber war das möglich?

Ein Teil des Puzzles liegt in der Palastwirtschaft, wie sie im östlichen Mittelmehr und im Zweistromland vorherrschte. Die Paläste verwalteten Rohstoffe und Lebensmittel und beherbergten große, spezialisierte Manufakturen, die vor allem Waren für den Export produzierten. Auf diese Weise konnten Skalenerträge (durch große Produktionseinheiten) erzielt werden. Die Möglichkeit, Rohstoffe auch von weiter her zu beziehen, eröffnete außerdem das Feld für die Spezialisierung bestimmter Paläste auf Produkte, die Vorprodukte aus verschiedensten Quellen benötigten.

Die Mängel der Planwirtschaft der Paläste wurden dadurch gemildert, dass die jeweiligen Einheiten relativ überschaubar waren und durch den Handel, der in der Regel über private Kaufleute abgewickelt wurde, einer Marktdisziplinierung ausgesetzt waren. Eine Gleichsetzung der Paläste mit Großunternehmen ginge wohl nicht ganz fehl.

Ein zweiter Teil des Puzzles liegt in der weit entwickelten Diplomatie und großen Hegemonialsphären, die einen einigermaßen sicheren Handel im östlichen Mittelmehr und Zweistromland ermöglichten und die Transaktionskosten gegenüber späterer Zeit deutlich niedriger halten konnten.

Doch höhere Produktivität durch Arbeitsteilung und Skalenerträge erklärt noch nicht allein den höheren Wohlstand der späteren Bronzezeit gegenüber der folgenden frühen Eisenzeit. Nach der gängigen malthusianischen Theorie werden solche Produktivitätsgewinne durch eine wachsende Bevölkerung wieder aufgesogen, bis wieder ein Leben auf Subsistenzniveau erreicht ist. Nur in Zeitabschnitten, in denen die Produktivität schneller als die Bevölkerung wächst, könnte daher der Wohlstand pro Kopf kurzfristig steigen.

Diese Annahme ist aber durch den archäologischen Befund für das klassische Griechenland oder das Römische Reich nicht gedeckt, wie Josiah Ober für ersteres, Paul Erdkamp für letzteres diskutiert.

Dafür gibt es einenn einfachen Grund: Die Bevölkerung kann ja nur wachsen, wenn die Geburten die Todesfälle übersteigen. Das heißt z.B., dass durch gute Ernährung oder durch Fortschritte in der Medizin oder Hygiene die Kindersterblichkeit sinkt — und damit mehr Kinder erwachsen werden und Familien gründen. (Die Annahme, dass eine besonders gute Ernährungslage zu signifikant steigenden Geburtenraten selbst führen würde, gilt als widerlegt.) Verzierte Vasen und bunte Stoffe dagegen machen das Leben schöner und angenehmer, tragen aber nichts zum Bevölkerungswachstum bei.

Einen einfachen Ansatz dafür zeigt Lemin Wu in einem Working Paper. Wu unterscheidet einfach zwischen zwei Sektoren, „Subsistenz“ und „Luxus“. „Luxus“ sind bei Wu alle Güter, die dem persönlichen Nutzen dienen, aber die Überlebensfähigkeit der Gruppe nicht erhöhen. Die Wirtschaft hat in dem Punkt ein Gleichgewicht erreicht, in dem sich die Grenze der Produktionsmöglichkeiten, die Menge der für die Menschen gleichwertigen Güterbündel (Indifferenzkurve) und die Menge der Güterbündel, die zu einer konstanten Bevölkerung führen, berühren. Wenn die Produktivität im Luxussektor stärker steigt als im Subsistenzsektor, steigt der Wohlstand pro Kopf. Steigt die Produktivität im Subsistenzsektor, wächst die Bevölkerung. Große landwirtschaftliche Innovationen haben in diesem Modell daher langfristig negative Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf. Welche Güterbündel aus Subsistenzgütern und Luxusgütern als gleichwertig gesehen werden, ist freilich auch kulturell bedingt.

Umgelegt auf die Bronzezeit: Die Produktivität im Bereich der Handelswaren stieg viel stärker als die der Landwirtschaft; zudem wurden der Warenproduktion in den Palästen massiv Ressourcen zugeführt und standen damit auch nicht der ernährenden Landwirtschaft zur Verfügung. Produktionsstrukturen und soziale Präferenzen haben in Wus Terminologie zu einer „Luxusexpansion“ geführt, die zu einem höheren Wohlstand pro Kopf führt.

Es gibt allerdings auch eine Gegenkraft in Wus Modell. Gesellschaften, die einen komparativen Vorteil im Subsistenzsektor haben, sind ärmer, doch ihre Technologien verbreiten sich durch steigenden Bevölkerungsdruck, der in friedlicher Wanderung oder kriegerischer Invasion mündet. In Wus simplem Modell — das keinen Anspruch stellt, die komplexe Wirtschaftsgeschichte des Altertums allein erklären zu können — würde hier wohl wieder die Invasionstheorie ins Spiel kommen …

Auch ohne Invasion kann man den Kollaps zum Ende der Bronzezeit innerhalb dieses Rahmens erklären: Durch den Zusammenbruch des Handels und die Zerstörung von Palästen sank die Produktivität des Luxussektors stark, aber auch die Produktivität des Subsistenzsektors, der von fachmännisch hergestellten Gerätschaften und durch Handel ermöglichter Spezialisierung wohl ebenfalls profitiert hatte. Die Produktionsmöglichkeiten gehen also zurück, das erreichbare Güterbündel, das den höchsten Nutzen verspricht, wird deutlich kleiner und subsistenzlastiger, die Güterbündelmenge bei konstanter Bevölkerung geht zurück. Voi là: Frühe Eisenzeit — samt malthusianischer Bevölkerungsentwicklung.