Alpbach als Schirmherr für Protektionisten?

Das Forum Alpbach war einmal für herausfordernde Vorträge und Diskussionsrunden bekannt. Man kann dort auch heutzutage hervorragenden Persönlichkeiten zuhören. Aber was denkt sich jemand, der zum Beispiel folgenden Alpach Talk organisiert hat:

Alpbach Talks: Freihandel – ein fairer Deal? […]

Beim nächsten Alpbach Talk am 15. Mai 2017 diskutierten WU-Professorin Sigrid Stagl und der Autor Christian Felber über neue Regeln im Freihandel, über die Rolle Europas und welche Werte am Spiel stehen. Melden Sie sich an und gewinnen Sie einen besseren Einblick in die Herausforderungen globaler Handelspolitik.

Christian Felber ist durch und durch Ideologe. Rhetorisch interessant, glänzt er besonders dort, wo zu viel Fachwissen und Expertise hinderlich sein könnte. Aber ja, Felber kann durchaus unterhaltsam sein, wenn man ihm mit einem passenden Diskussionspartner konfrontiert. Dann lernt man vielleicht nicht viel, aber man hat zumindest seine Hetz.

Das Gegenüber ist allerdings Sigrid Stagl, Professorin für ökologische Ökonomie an der WU. Das ist ein Bereich der normativen Ökonomie1, der programmatisch in der Regel Felber eher nahesteht. Da stehen „Herrschaftsdiskurse“ auf dem Programm, postmoderner Konstruktivismus mit seiner Ablehnung des Wahrheitsbegriffs, der dann doch wieder alle widerstrebenden Meinungen aus dem Diskurs ausscheiden will, eine angebliche „pluralistische Ökonomie“, die doch nur legitimieren will, dass man vor sich hin schwadroniert.

Eine allzu kritische Diskussion darf man da jedenfalls nicht erwarten, eher eine Art Werbeveranstaltung für Freunde des Protektionismus, allerdings der sektiererischen Sorte.

Der Anspruch von Alpbach war einmal ein anderer.


  1. Normative Ökonomie will Handlungsanweisungen geben, wie Volkswirtschaft sein soll. Diese Anweisungen hängen natürlich von den jeweiligen Werten ab, die ein Ökonom vertritt. 

Banken: Tut das Zauberwort „Eigenkapital“, was es soll?

Das Zauberwort, mit dem Banken krisenfest gemacht werden sollen, heißt „Eigenkapital“. Dar war auch die Stoßrichtung von „Basel III“. So müssen Banken nach den EU-Eigenkapitalvorschriften, VO 575/2013/EU und RL 2013/36/EU, mit denen Basel III in der EU umgesetzt wurde, eine harte Kernkapitalquote von 4,5%, eine Kernkapitalquote von 6%, eine Gesamtkapitalquote von 8% des risikogewichteten Forderungsbetrags sowie einen Kapitalerhaltungspuffer von 2,5% aufweisen. Zusätzlich sind antizyklische Kapitalpuffer zu halten; eine von den Mitgliedstaaten vorzugebender Systemrisikopuffer und ein Puffer für systemrelevante Institute ergänzen das Pflichtenheft. Wer sich vertiefen will: Die genauen Definitionen, was als Kernkapital, hartes Kernkapital usw. zu rechnen ist, erstrecken sich über Dutzende Artikel.

Doch haben all diese Maßnahmen überhaupt den erwünschten Effekt? Nun, den ersten Effekt einer gedrosselten Kreditvergabe hatten sie jedenfalls. Aber den zweiten Effekt, eine neuerliche Finanzkrise zu verhindern, eher nicht, wie Òscar Jordà, Björn Richter, Moritz Schularick und Alan M. Taylor in der Arbeit „Bank Capital Redux: Solvency, Liquidity, and Crisis“ darlegen. (Bei der Federal Reserve Bank of San Francisco in einer Vorversion ohne Schranke zu lesen.)

Rasches Kreditwachstum als Warnsignal

Die vier Autoren haben die Daten über die Passiva der Banken in siebzehn Ländern in einer Längsschnittstudie über 143 Jahre hinweg verglichen. Dabei entdecken sie keinen Zusammenhang zwischen der Höhe der Eigenkapitalquoten und dem Risiko systemischer Finanzkrisen.

Stattdessen waren ein beschleunigtes Kreditwachstum, die Bedeutung großer Kreditgeber für die Finanzierung einer Bank, und das Verhältnis von Krediten zu Einlagen gute Indikatoren für kommende Finanzkrisen. Besonders das Kreditwachstum — ein Befund, der in der Literatur schon länger gemacht wird.

Es gibt natürlich auch gute Argumente dafür, warum die Eigenkapitalquoten vorher wenig aussagen: Weil ein höherer Kapitalpuffer z.B. auch Ausdruck größerer Risken bei den Aktiva sein kann, oder geringeren Vertrauens in die Tüchtigkeit der Geschäftsführung. So oder so verlangen die Geschäftspartner einen höheren Kapitaleinsatz durch den Eigentümer.

In der Krise macht sich Eigenkapital bezahlt

In der Finanzkrise macht sich aber Eigenkapital bezahlt, da mangelndes Eigenkapital Notverkäufe von Anlagen wahrscheinlicher macht und die Fähigkeit der Banken reduziert, selbst durch Kreditvergabe oder -streckung die Wirkungen der Krise zu glätten.

Die Höhe des Bank-Eigenkapitals zu Beginn einer Krise hat in der Studie eine signifikante Auswirkungen auf die wirtschaftliche Erholung.

Einen Haken hat die Sache: Die Eigenkapitalquoten waren zu Beginn der Zeitreihen wesentlich höher und haben sich erst mit Ende des Zweiten Weltkriegs in einem gleichbleibenden Korridor eingependelt. Es könnte sein, dass die dynamische Wirtschaftswelt der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Ergebnisse verfälscht, da damals (1) die Eigenkapitalquoten hoch waren, es (2) immer wieder Finanzkrisen gab, die aber (3) im allgemeinen technischen und wirtschaftlichen Aufschwung bald wieder überwunden waren.

Das BIP und unbezahlte Arbeit oder: Sind wir nicht so viel reicher geworden, wie wir glauben?

Das Bruttoinlandsprodukt ist schon aus vielen Gründen als Wohlstandsindikator kritisiert worden. Aber auch in seiner ureigensten Eigenschaft als Meßgröße ökonomischer Aktivität gibt es ein ganz großes Loch: Jene Aktivitäten, die nicht als Marktransaktion geleistet werden, sondern im Haushalt, werden nicht abgebildet.

Gerade in aufstrebenden Ländern bilden diese Haushaltsaktivitäten einen bedeutenden Teil der wirtschaftlichen Tätigkeiten, doch auch in den sogenannten Industrieländern sind sie nicht unbedeutend. Doch wie bewertet man die Pflege des Vaters nach einem Schlaganfall, die Betreuung der Kinder, das Kochen für die ganze Familie, die Handwerksleistungen der Heimwerker?

In den USA wurde versucht, anhand von Studien über die Zeitverwendung sich der Haushaltsproduktion anzunähern. Den hochgerechneten Stunden, die von den Amerikanern für verschiedene Tätigkeiten der Haushaltsproduktion verwendet werden, wurde das gängige Gehalt für vergleichbare Markttätigkeiten zugeordnet. Näheres (mit weiteren Verweisen) und einigem Hintergrund dazu kann man bei Timothy Taylor lesen, der sich wiederum auf Benjamin Bridgman bezieht (pdf).

Mit dieser Methode wird die Haushaltsproduktion von 1965 mit 37% des regulären BIP bewertet, 2014 mit 23%. Ein Teil des zwischenzeitlichen Wirtschaftswachstums war also Scheinwachstum, da nicht bewertete Haushaltsproduktion durch Marktproduktion ersetzt wurde. Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt geschätzt, dass 2013 die Bruttowertschöpfung aus der Haushaltsproduktion etwa 39% der Bruttowertschöpfung im regulären BIP beträgt; 1992 wären es noch 45% gewesen. Gudrun Biffl hat 1989 für Österreich eine Bewertung in der Höhe von 30-38% des regulären BIP vorgenommen.

Das ist jetzt keine Neuigkeit und war in vielen Fällen für die Betroffenen oft ein Gewinn: Haushaltsproduktion ist in der Regel „Allround“-Produktion, Marktproduktion erfolgt spezialisiert und damit effizienter. Für viele hat der Tausch also mehr Freizeit gebracht, aber sicher nicht allen. Anekdotisch fallen mir selbst Fälle ein, bei denen die reine Haushaltsproduktion ein flexibleres, selbständigeres Leben ermöglicht hat, als es bei Wechsel in die Berufswelt und Zukauf der gleichen Leistungen möglich gewesen wäre.

Das ist auch einer der Gründe, warum der Trend zur Teilzeit bei so vielen Menschen zieht: Durch die Teilzeit hat man mehr Zeit, Aufgaben für den Haushalt selbst zu erledigen, die man sonst zukaufen müsste — und möglicherweise nicht in der Qualität, die man selbst bereitstellen kann. Von der gewonnen Flexibilität gar nicht zu reden.

So gilt über das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, was Tyler Cowen anmerkt: „Die große Stagnation war schlimmer, als du gedacht hast“. Passt gut zu seinem Lieblingssatz: „Wir sind nicht so wohlhabend, wie wir gedacht haben, dass wir es wären.“

Paris um 1735: Hörbar lebendig, lieblich, lärmend

Paris im 18. Jahrhundert: Das war, wie alle anderen großen Städte, ein lauter, geschäftiger Ort. Darin waren sich schon die Zeitgenossen einig. Wie laut, das versucht Mylène Perdoen zu rekonstruieren.

Die französische Wissenschaftlerin leitet das Projekt „Bretez“, benannt nach einem französischen Kartographen, der von 1734 bis 1736 einen detaillierten Plan der Stadt Paris im Auftrag des Stadtvorstehers Michel-Étienne Turgot erstellte, den sogenannten Plan de Turgot.

Dieser Plan war der Ausgangspunkt, von dem aus ein ganzes Team von Historikern, Soziologen und Graphikern die Geräusche des Grand Châtelet-Viertels um 1735 wieder zum Leben erwecken wollte. Zusätzlich zur Karte wurden historische Bilder und Stiche zu Rate gezogen, Hauspläne und Baubeschreibungen, zeitgenössische Schriftsteller und Archive.

Für den Ton wurden Geräusche von Maschinen und Gerätschaften der damaligen Art aufgenommen, vom Webstuhl bis zur Druckpresse; auch der Tiere, mit denen man zu rechnen hätte, wie Möwen und Fliegen. Lediglich der Ton der Wasserpumpe von Notre-Dame musste digital mit Hilfe einer alten Wassermühle digital rekonstruiert werden, da keine vergleichbare Pumpe gefunden werden konnte.

Es sind natürlich auch Menschen zu hören. So die fahrenden Händler mit ihrem berühmten „Pariser Schrei“, die Handwerker, die im Tageslicht arbeiten, Priester, die vorbeieilen, um jemandem die Sterbesakramente spenden, königliche Beamte und viele mehr.

Technisch war das Projekt sehr anspruchsvoll. So wurde die Umgebung, von der Anlage und Bauart eines Hauses bis zur Straßenbreite, berücksichtigt, um die Verbreitung und Hörbarkeit des Schalls richtig zu modellieren.

Einen interessanten Bericht kann man auf den Seiten des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) lesen. Das Projekt „Bretez“ findet unter dem Dach des CNRS statt.

Gaia entdeckt Sternenbrücken, Planeten und Millionen von Sternen

Teleskop Gaia © ESA

Teleskop Gaia © ESA

Das Hubble Teleskop ist vielleicht berühmter, doch das Teleskop der Europäischen Weltraumagentur ESA steht ihm nicht nach. Gaia macht seit 2014 Weitwinkelaufnahmen der Sterne mit einer Präzision, dass man auf den Bildern den Daumennagel eines Mondastronauten abmessen könnte, wie es die ESA plakativ darstellt.

Dazu wurde es auf einen Lagrangepunkt L2 gebracht, eigentlich einer Umlaufbahn um die Sonne 1,5 Millionen Kilometer außerhalb der Erdbahn, bei der die Erdanziehungskraft genau so stark auf das umlaufende Objekt einwirkt, dass seine Umlaufgeschwindigkeit hoch genug wird, um einen Umlauf parallel zur Erde zu beenden. Glücklicherweise muss man nicht genau diesen — instabilen — Punkt erreichen. Das Objekt kann auch eine Bahn rund um den Punkt beschreiben.

Aus dieser Position kann man nun einerseits die Daten gut zur Erde übertragen, andererseits auch die Milchstraße exzellent beobachten. Das eigentliche Ziel der Mission ist es nämlich, eine räumliche Karte der Milchstraße anlegen zu können, in dem etwa eine Milliarde Sterne untersucht werden. Jedes der Objekte wird während der fünfjährigen Missionszeit werden etwa siebzigmal beobachtet, so dass auch Veränderungen, Laufbahnen, die Sterne verdunkelnde Planeten und mehr entdeckt werden können.

Gaias erste Karte der Milchstraße und der Magellanschen Wolken Quelle: ESA/Gaia/DPAC.

Gaias erste Karte der Milchstraße und der Magellanschen Wolken Quelle: ESA/Gaia/DPAC.

Dabei gelangen schon spektakuläre Erfolge. 400 Millionen Sterne konnten erstmals festgehalten werden. Und jetzt wurde eine „Sternenbrücke“ entdeckt, mit der die zwei Magellanschen Wolken verbunden sind. Diese Brücken dürften entstanden sein, als sich die große und die kleine Wolke nahegekommen waren und durch die wirkenden Gravitationskräfte Sterne und Gas aus der kleinen Wolke herausgelöst wurden. Die Corona der Milchstraße wiederum verlangsamte die Gasbrücke, die von der Sternenbrücke getrennt wurde.

Mehr über die Mission „Gaia“ mit Texten, Bildern und Videos gibt es auf den Seiten der ESA unter http://sci.esa.int/gaia/.

Wenn Trump eine Frau wäre …

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Normalerweise hüte ich mich vor der medialen Trumpmanie, auch als Trump Derangement Syndrome bezeichnet. Doch diese Geschichte ist wirklich interessant: Eine Professorin an der New York University, Maria Guadalupe, hatte die Idee, Teile der Präsidentschaftsdebatten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump mit vertauschten Rollen nachzustellen: Eine Frau würde mit Trumps Worten und Gestik gegen einen Mann antreten, der in die Rolle Clintons schlüpfen würde.

In zwei ausverkauften Vorstellungen traten also zwei Uni-Kollegen und Schauspieler gegeneinader an: Rachel Tuggle Worton als weiblicher Donald Trump unter dem Namen „Brendan King“, Daryl Embry als männliche Hillary Clinton unter dem Namen „Jonathan Gordon“. Beide hatten nicht bloß die Worte memoriert, sondern Tonfall, Gestik und Mimik zu imitieren versucht. Vor und nach der Vorstellung wurden die Zuschauer, überwiegend aus dem Umfeld der Universität und zum allergrößten Teil Clintonwähler, um ihre Beobachtungen zu den echten und den nachgestellten Debatten gebeten.

Die Erwartung von Guadalupe war, dass der männliche Clinton als überzeugend wahrgenommen würde und der weibliche Trump als nicht auszuhalten, weil bei einer Frau Trumps Verhalten nicht geduldet würde. Es kam aber anders: Viele Zuschauer hielten den weiblichen Trump für überzeugender als den echten. Die einfache, verständliche Ausdrucksweise wurde positiv wahrgenommen, während die männliche Clinton als eher uninteressant und langweilig empfunden wurde und durch ihr Dauerlächeln Aggressionen hervorrief.

Für die Macher war es ein Schock, ihre eigenen Stereotypen („Clinton hätte als Mann sicher gewonnen …“) so widerlegt zu sehen. Freilich ist zu bedenken, dass die Zuschauer die Vorstellung der beiden Schauspieler wahrscheinlich offener aufgenommen haben als die echten Debatten, bei denen die eigene Beurteilung durch die gefestigte Einstellung zu den beiden Kandidaten geprägt war.

Ein Ausschnitt aus den Proben:

(über Marginal Revolution)

„Gender Pay Gap“ oder „Family Pay Gap“?

Jedes Jahr veröffentlicht die Statistik Austria eine Mitteilung zum sogenannten „Gender Pay Gap“. Dabei werden die Bruttostundenlöhne von allen Frauen und allen Männern in verglichen, die in Unternehmen mit mehr als zehn Arbeitnehmern beschäftigt sind.

Die Ermittlung dieses Werts ist schon mit einigen Fallstricken behaftet, da eine korrekte Aufzeichnung und Übermittlung der Stundenlöhne und Entgelte erforderlich ist. Gäbe es etwa eine Branche, in der überdurchschnittlich viele Männer bzw. Frauen arbeiten, in der es entweder korrekter als üblich oder — was wahrscheinlicher ist — weniger korrekt als allgemein üblich zugeht, oder einfach die klare Abgrenzung von Arbeitsstunden schwierig ist, kann das die Statistik schon einmal ordentlich „zamhaun“, wie man so schön sagt.

Dann werden die Ergebnisse der Erhebung über einige Parameter regressiert: Die Wirtschaftstätigkeit, die Berufsgruppe, die höchste abgeschlossene Bildung, das Alter, die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, ob Vollzeit oder Teilzeit vorliegt, die Art des Arbeitsvertrags, die Unternehmensgröße und das Bundesland. Alles, was nicht durch diese Parameter erklärt wird, gilt als „unerklärter Anteil“.

Wie „unerklärt“ ist der „unerklärte Anteil“?

Dieser „unerklärte Anteil“ ist aber nicht so unerklärt.

Zum einen sind da die Erwerbsbiographien: Entscheidend ist nicht die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, sondern die ununterbrochene Erwerbstätigkeit. Arbeitslosigkeit, Sabbaticals, Karenzzeiten sind allesamt in der Folge Gehaltsdämpfer. Siehe dazu z.B. ein interessanes Paper von Jill Kearns und Ken Troske, in dem Unterbrechungen alle als ähnlich gehaltsdämpfend erkannt werden. Für Deutschland haben Dennis Gorlich und Andries de Grip geforscht, wie sich familienbedingte Erwerbsunterbrechungen auf das Gehalt auswirken, und festgestellt, dass viele Frauen eher Beschäftigungen auswählen, in denen der kurzfristige Humankapitalverlust durch eine Auszeit geringer eingeschätzt wird, während viele Männer in Berufen arbeiten, in denen längere Auszeiten und der damit verbundenen Humankapitalverlust zu empfindlichen Einkommensverlusten führen.

Entsprechend ist in US-Studien im Vergleich kinderloser, unverheirateter Frauen und Männer de facto kein „Pay Gap“ auszumachen. (In Österreich wird auf Grund der Karenzbestimmungen, die ja ein inhärentes Auszeitrisiko ausmachen, das wohl nicht ganz der Fall sein.)

Sozialleistungen und Flexiblität haben ihren Preis

Zum anderen schätzen gerade viele weibliche Beschäftigte geldwerte Zusatzleistungen des Arbeitgebers sowie erhöhte Flexiblität bei den Arbeitszeiten mehr als es bei einem großen Teil der Männer der Fall ist bzw. sein darf. So haben Eric Solberg und Theresa Laughlin — wiederum für die USA — festgestellt, dass Frauen eher in Sektoren mit großzügigeren betrieblichen Sozialleistungen arbeiten.

Eine australische Studie wiederum bekräftigt nicht nur, dass viele Frauen Gleitzeit und andere Formen selbstbestimmter flexibler Arbeit bevorzugen, sondern auch, dass sie in Berufen, in denen das möglich ist, zufriedener und karrieretechnisch erfolgreicher sind. Zudem wird Frauen Gleitzeit und ähnliche Arrangements auch viel öfter gewährt als Männern, bei denen es vergleichsweise hohe Ablehnungsraten bei Ansuchen um mehr Flexibilität gibt.

Selbstbestimmte Flexibilität hat aber wiederum einen Preis, der sich im Lohngefüge ausdrückt.

Ein Uni-Abschluss ist kein Jobticket

Kritisch möchte ich wohl noch anmerken, dass der höchste abgeschlossene Bildungsgrad heute nur ein sehr ungenügendes Instrument für das Arbeitsmarktpotential der eigenen Ausbildung ist.

Es wird wohl im einzelnen niemand verwundern, dass der durchschnittliche Politikwissenschafter in Lohn ausgedrückt weniger gefragt ist als der durchschnittliche Installateur.

Das wird durch das Gehaltsschema im Öffentlichen Dienst vernebelt, das strikt am Bildungsgrad ansetzt. Auch ist der Öffentliche Dienst für viele Akademiker weniger gefragter Fachrichtungen ein Rettungsanker. Jedenfalls ist ein Uni-Abschluss kein Jobticket. Hier sind die Sozialwissenschaften allgemein um aussagekräftigere alternative Parameter für empirische Studen gefragt.

Ein „Family Pay Gap“?

Es stellt sich aber allgemein die Frage, ob der sogenannte „Gender Pay Gap“ nicht eine rein willkürliche Größe ist. Er ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das nach der heutigen Gender Theory noch dazu ein soziales Konstrukt und frei wählbar ist, ökonomisch signifikant ist.

Doch die Sozialwissenschaften deuten darauf hin, dass die Bruchlinie vielmehr zwischen Familien und Nicht-Familien verläuft. Innerhalb der Frauen gibt es scharfe Unterschiede zwischen dem „Mommy Track“ und den Kinderlosen. Erstere treffen ganz andere Arrangements in der Aufteilung der Arbeit, insbesondere der Domestikal- und Erwerbsarbeit, haben andere Bedürfnisse am Arbeitsmarkt (Stichworte Sicherheit, Bildung und Betreuung der Kinder) als letztere, die allerdings im Alter von der Leistung der Familien mitprofitieren (Stichworte Pension, Pflege). Ein „Family Pay Gap“ wäre also vielleicht eine aussagekräftigere Statistik.