Das Ende des Bucentauren

Am 9. Jänner 1798 zerstörten französische Soldaten das Prachtschiff des venezianischen Dogen, den Bucentaur oder Bucintoro. Eine mit kostbaren Schnitzereien und edlen Blattgoldarbeiten verzierte Galeere, die Besucher in Staunen versetzte. So sehr, dass andernorts, etwa in Bayern, prachtvolle Schiffe gleichen Namens nach venezianischem Vorbild gebaut wurden.

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Freilich hatte es mit dem venezianischen Schiff eine besondere Bewandtnis, wurde es doch vom Dogen beim Festa della Sensa bestiegen, dem alljährlich zu Christi Himmelfahrt stattfindenden Fest, in dem Venedig seine Verbundenheit mit dem Meer feierte. Der Bucentaur führt eine Schiffsprozession an, die nach San Nicolò am Lido führte – der hl. Nikolaus ist ein Patron der Seefahrer. Diese „Vermählung mit dem Meer“ war eines der größten Ereignisse des Jahres in der Republik Venedig.

1729 wurde der letzte und vielleicht prachtvollste Bucentaur in Dienst gestellt, ein Meisterstück des Kunsthandwerks. Und wie so oft sind es die Schergen einer „neuen Zeit“, die Kultur und Geschichte vernichtet haben. Und warum? Sicher aus Lust an der Zerstörung, aber wohl auch, weil sie die verwendeten Metalle herausbrechen wollten. Übrigens hat Napoleon, der verantwortliche Kommandant, in Venedig auch sonst eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Eine Stiftung, die Fondazione Bucintoro, versucht seit 2004, einen neuen Bucentaur zu bauen, musste die Arbeiten aber mittlerweile aus Geldmangel einstellen, wenn ich es richtig verstanden habe.

Vertragsfreiheit in Blau

Eigentlich eine Petitesse: Nun wurde also der Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus eines Lokals verwiesen, weil der Lokalbesitzer Sammy Zayed so auf „Weltoffenheit und Respekt“ pocht, dass sein Club für bestimmte politische Meinungen nicht offen ist und manchen keinen Respekt erweist.

Das ist meiner Meinung nach auch das gute Recht eines Lokalbesitzers. Mit wem man Geschäfte macht, wessen Geld man nimmt, das soll man sich in der Regel schon aussuchen dürfen. Dafür trägt das Lokal ja auch den unmittelbaren finanziellen Schaden des Nicht-Geschäfts. Das ist eine der Gründe, warum ökonomische Anreize stark gegen ungerechtfertigte Diskriminierungen1 arbeiten, wie Nobelpreisträger Gary S. Becker herausgearbeitet hat. (Mag sein, dass die Story auch als Werbung für das Lokal funktioniert, aber wetten würde ich darauf nicht – es wird auch Kunden verlieren.)

Es ist nur spannend, dass viele Personen Zayed applaudieren, die ansonsten gerne unter dem Stichwort „Levelling up“ eben diese Entscheidungs- und Vertragsfreiheit beschneiden wollen. Vorbild sind da Bestimmungen in den USA, mit denen schon Fotografen, Blumenhändler und Zuckerbäcker traktiert wurden, so dass sie Kunden ihre Leistungen erbringen müssen, für die sie aus Gewissensgründen nicht leisten können. Ob die betroffenen Kunden nicht bei anderen Geschäften besser aufgehoben wären?

Wenn es die „Falschen“ trifft, ist es jedenfalls mit dem Respekt vor der Vertragsfreiheit schnell wieder vorbei.


  1. „Diskriminierung“ heißt eigentlich nur „Unterscheidung“. Viele Diskriminierungen sind sogar gesetzlich verankert, wie die Altersdiskriminierung beim Wahlrecht, oder die Diskriminierung nach Einkommenshöhe bei der Steuerleistung. Die Frage ist immer: Ist die Diskriminierung sachlich gerechtfertigt? Das wird sowohl beim Wahlrecht als auch bei der Steuer wohl zu bejahen sein. Siehe dazu z.B. Walter Antoniolli in seinem grundlegenden Aufsatz „Gleichheit vor dem Gesetz“. (Leider nicht online.) 

2016: Das Jahr, in dem 181 Prominente verstorben sind …

Leonhard Cohen, Umberto Eco, Nancy Reagan, Carrie Fisher, Prince, … – die Zahl der weltweit prominenten Persönlichkeiten, die 2016 verstorben sind, schien erdrückend groß. Und das Jahr 2017 hat dann nicht viel anders begonnen. Aber war das Jahr 2016 wirklich so ein verheerendes Jahr unter Prominenten?

Nein, sagen die drei Wissenschafter Cristian Candia-Castro Vallejos, Cristian Jara Figueroa und César A. Hidalgo vom MIT. Es gibt einfach vor allem dank moderner Kommunikationstechnologien viel mehr weithin Prominente als früher. Nun klingt das für sich einigermaßen plausibel –- wir leben heute weltweit mit dem Leben und Sterben von Künstlern, Politikern und Sportlern mit, wie es früher einfach nicht möglich war. Wer hätte in Wien um 1900 einen kanadischen Sänger so gut gekannt, dass sein Tod ihn betroffen macht? Oder die Gattin eines US-Präsidenten?

Bücher, Filme und Tonträger machen zudem das Werk von Personen nicht nur einer breiten Menge zugänglich, sie konservieren es auch. Die Zahl der prominenten Personen, an die wir uns heute noch zumindest per Wikipedia-Eintrag erinnern, steigt daher bei technologischen Neuerungen sprunghaft schneller an.

Doch Candia-Castro Vallejos & Co. erzählen nicht nur eine Geschichte, sie haben sie auch überprüft. Als prominent werteten sie dafür Personen, für die in zumindest zwanzig Sprachen Wikipedia-Artikeln vorlagen. Ein unvollkommenes Maß, wie sie selbst zugeben, aber es drückt ein gewisses weltweites Interesse aus, das am Leben einer Person herrscht. Untersucht man die Todesfälle der letzten Jahre und ihre Entwicklung, lag die Zahl der verstorbenen „Wikipedia“-Prominenten sogar leicht unter dem zu erwartenden Wert. Insgesamt waren es 181. Die Voraussage für 2017 wäre 197.

Das Forscherteam weist dabei besonders daraufhin, dass nun viele der Prominenten ihren Lebensherbst genießen, die in den Sechziger und Siebziger Jahren mit der Verbreitung des Fernsehens besonders bekannt geworden sind, so dass noch leichte Steigerungen möglich sind. Allerdings gibt es Grenzen für das Wachstum an Prominenz: Man kann in einem Leben auch nur einer beschränkten Anzahl von Phänomenen seine Aufmerksamkeit widmen, und so hat auch die Vermehrung der Personen, die in unserem Gedächtnis als prominent haften bleiben, irgendwann ein Ende. Und schließlich sind viele technologische Veränderungen schon eingepreist, die weltweite Bekanntheit ermöglicht haben. Wir könnten also langsam den Zenit des Prominentensterbens erreicht haben.

(via Marginal Revolution)

Eine Epiphanie haben

Im Englischen wird das Wort Epiphanie heute noch für eine plötzliche Erkenntnis verwendet, einen „Heureka“-Moment, in dem z.B. sich überraschend die Lösung eines drängenden Problems ergibt. Das passt zum griechischen Wort ἐπιφάνεια, das eine Erscheinung bezeichnet, wenn sich etwas sehen lässt oder zeigt. Im übertragenen Sinn kann damit auch das Sich-Zeigen einer göttlichen Macht oder der Amtsantritt bzw. die festliche Ankunft eines Kaisers gemeint sein.

Dreikönig heißt ja eigentlich „Erscheinung des Herrn“, was wiederum eine bloße Übersetzung des griechischen Epiphanie ist: Gott zeigt sich den Menschen. Er erscheint, wie ein König in seine Stadt einzieht.

Und das ist jetzt der besondere Witz an diesem alten kirchlichen Fest: Der Einzug des großen Königs gestaltet sich in Form eines kleinen Kindes im Stall; oder in der Form des Untertauchens im Fluss Jordan; oder als bloßer Gast bei einer Hochzeit. Bestimmte Zeichen schenken dann in diesen Momenten den anwesenden Menschen die Epiphanie, dass sich hier Gottes Wirken manifestiert: Der vorherziehende Stern; die herabfliegende Taube; der verwandelte Wein.

Wer nach langem Tüfteln eine Epiphanie hat, der hat sie oft Ereignissen oder Wahrnehmungen zu verdanken, die den Knopf im Kopf gelöst haben. Oder, wie es P. Heinz Schneider, SVD, schreibt:

Wir brauchen auch heute verstehbare Zeichen, damit wir die Wahrheit entdecken und ausdrücken können.

Und warum?

Wir sind Menschen mit Sinnen, die spüren, schmecken, riechen, sehen, hören wollen. Das gesprochene Wort allein reicht uns nicht.

Es ist nur angemessen, dass Gott sich dem Menschen, der ein Sinneswesen ist, in einer Weise offenbart, die mit seinen Sinnen erfassbar ist. Und uns dabei immer die Gelegenheit zu unser persönlichen Epiphanie gibt.

Twelve Days of Christmas

Im angelsächsischen Raum wird das Lied „Twelve Days of Christmas“ zu Weihnachten rauf und runter gespielt, musiziert, gesungen. Und, wie schon der Name andeutet, über Weihnachten hinaus. Zwölf Tage lang bring der Geliebte laut Liedtext Geschenke, vom Rebhuhn am Christtag bis zu zwölf springenden Herrn am 5. Jänner, dem zwölften Tag nach Weihnachten.

Die Reihenfolge der Geschenke variiert ein wenig, so gibt es am zwölften Tag bei den Muppets trommelnde Trommler als Geschenk (hier in einer Aufnahme mit John Denver):

Twelvetide

Die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag wird im Englischen auch Twelvetide genannt. Auf Grund des Winters und der Dunkelheit konnten ohnehin nicht viele Arbeiten erledigt werden, und so verband man in England die vielen Feste der Weihnachtszeit bald zu einer Zeit ununterbrochenen Feierns. Diese endete erst mit der zwölften Nacht, dem Vorabend von Dreikönig. Shakespeares Stück „Was ihr wollt“ heißt im Original auch „Twelfth Night“ und bringt das turbulente Treiben dieser Nacht burlesk zum Ausdruck.

Eine etwas freundlichere Interpretation dieser Tage als die heimischen Rauhnächte!

Ein katholisches Lied?

Zurück zum Lied: „Twelve Days of Christmas“ ist ein einfaches Merklied: In jeder Strophe kommt ein Geschenk dazu, und alle anderen müssen in der richtigen Reihenfolge wiederholt werden. Man kann sich leicht ein Spiel ausmalen, bei dem z.B. für jeden Fehler ein Stamperl getrunken werden muss … . Die einzelnen Geschenke wären dann auch Ausdruck der immer ausgelasseneren Feiern.

Aber das Lied könnte früher auch eine tiefere Bedeutung gehabt haben. Es ist naheliegend, dass Jesus die angesprochene „wahre Liebe“ sein könnte, und es ist recht einfach, die Zahlen mit katechetischen Inhalten zu verbinden.

Eine der ersten bekannten Drucke des Liedes stammt zudem aus dem nordenglischen Newcastle, und im Norden Englands hielt sich trotz aller Repression eine größere katholische Gemeinschaft. Es wird für möglich gehalten, dass es sich bei diesem Lied um ein „Untergrundlied“ von Katholiken gehandelt haben könnte oder es zumindest als solches verwendet wurde. In einfacher und für misstrauische Nachbarn unverdächtiger Form hätte man sich so bestimmte geistliche Inhalte merken können.

Eine mögliche Zuordnung:

Tag Geschenk Vermutete Bedeutungen
1. partridge in a pear tree So wie der Rebhahn Bodenfeinde durch scheinbare Verletzung verleitet und so Küken beschützt, habe Christus sich für die Menschen am Kreuz (Birnbaum) hingegeben
2. turtle dove Altes und Neues Testament
3. french hens Die Geschenke der Weisen aus dem Morgenland; die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung
4. colley birds oder calling birds Die vier Evangelien oder Evangelisten; die vier großen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel
5. gold rings Der Pentateuch.
6. geese a-laying Die sechs Tage der Schöpfung.
7. swans a-swimming Die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die sieben Werke der Barmherzigkeit.
8. maids a-milking Die acht Seligpreisungen.
9. drummers drumming Die neun Früchte des Heiligen Geistes; die neun Chöre der Engel.
10. pipers piping Die zehn Gebote.
11. ladies dancing Die elf treuen Apostel.
12. lords a-leaping Die zwölf Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die zwölf Apostel.

Alternative Deutungen

Diese vermuteten Bedeutungen haben allerdings zwei gravierende Nachteile: Es findet sich darunter kaum etwas, das Anlass für eine „Untergrund-Katechese“ böte, und sie sind z.T. von späteren Umreihungen der Geschenke beeinflusst. Eine Übersicht einiger in den letzten 200 Jahren nachgewiesenen Varianten bietet die Website Hymns and Carols of Christmas. Die wirkmächtigste davon war die Neufassung durch den britischen Komponisten Frederic Austin, dessen abwechslungsreicher gestaltete Melodie sich weitgehend durchgesetzt hat. Auch der Text folgt heute meist seiner Version.

Mir haben sich nach Lesen der alten nordenglischen Textfassung einige Alternativen aufgedrängt. Wenn die drei Hennen Glaube, Liebe und Hoffnung repräsentieren, dann sollten die vier Amseln wohl die weltlichen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung repräsentieren. Alternativ können die schwarzen Vögel farbsymbolisch auch die Nägel des Kreuzes darstellen.

Es gibt Spekulationen, dass die fünf goldenen Ringe keine Ringe sein sollten, sondern wie in den Strophen davor und danach Vögel, Stieglitze etwa (goldfinch oder goldspink). Der Stieglitz wurde jahrhundertelang wegen seines rot-schwarzen Kopfes und seiner Vorliebe für Disteln als Symbol für die Passion Christi verwendet. Daher ist es naheliegend, die fünf goldenen Ringe mit den fünf Wundmalen Christi in Verbindung zu bringen.

Gänse sind Symbole der Vorsicht und Wachsamkeit. Das Legen der Eier kann man freilich mit den Schöpfungstagen in Verbindung bringen, die auch im Nachtwächterlied zum Sechser bemüht werden.

Schwäne gelten auf Grund ihrer weißen Farbe als Symbole der Reinheit und Schönheit und werden auch als marianischen Zeichen genutzt. Hier bieten sich viele verschiedene Deutungen an, von den sieben Sakramenten bis hin zu den weihnachtlich geprägten sieben Freuden Mariens.

Acht Mägde könnten auf die acht großen Marienfeste verweisen, die Ende des 16. Jh. laut Generalkalender gefeiert wurden – mit ein wenig Kreativität kann man aber auch die elf tanzenden Damen auf Marienfeste beziehen. Es gibt ja nicht so wenige kleinere Feste. Acht kann aber auch ein Symbol der Aufstehung sein, oder sich simpler auf die acht Teile der Heiligen Messe beziehen (einschließlich Vorbereitung des Priesters).

Die neun Chöre der Engel bieten sich für die Neunzahl ebenso an wie die neun guten Helden. Doch ist neun allgemein eine symbolisch eher schwach besetzte Zahl. Eventuell die neun Tage einer Novene? Die Todesstunde Jesu?

Dass die zwölf hüpfenden Herren die Apostel sind, ist nun relativ naheliegend.

Ob diese Überlegungen alle nur Ergebnis des menschlichen Strebens sind, überall Muster und Ordnungen zu erkennen, wo vielleicht nur blödelnde Kinder waren — wir werden es wohl nie erfahren.

Der Palast des Fürsten Lampedusa

Selbst wer „Il Gattopardo“ (früher als „Leopard“ übersetzt) nicht gelesen hat, kennt sicher einige Zitate aus dem Hauptwerk des italienischen Schriftstellers und Gelehrten Fürst Giuseppe Tomasi von Lampedusa. Zumindest das wird gerne zitiert: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.“

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Palazzo Lampedusa vor der Revitalisierung © Alessandro/Flickr

Nun bietet die von Lampedusa ersonnene Geschichte der sizilianischen Fürstenfamilie Salina, deren Niedergang im Kontext der italienischen Einigung geschildert wird, viel Stoff für zahlreiche Betrachtungen: Über Hoffnung, Scheitern, die Illusion des Fortschritts, menschliches Maß, die Kraft des Glaubens.

Auch Fürst Lampedusa selbst musste mehrere schmerzhafte Verluste verkraften, darunter die Zerstörung seines Palazzos in Palermo durch US-amerikanische Bomben 1943. Diese Erfahrung soll eine der Antriebsfedern für das Verfassen des „Gattopardo“ gewesen sein.

Wie die FAZ berichtet, wurde nun an der Stelle der Wunde, die in der Altstadt Palermos klaffte, ein Wiederaufbau gewagt: Die erhaltenen Teile wurden restauriert, die neugebauten Teile architektonisch in einer harmonischen Weise angeglichen, wie sie in Wien undenkbar wäre.

Fotos von der Baustelle aus dem Jahr 2014 kann man bei Repubblica ansehen, ein sehr schönes Bild aus dem Jahr 2015 auf Amopalermo.

Es ist allerdings im Kontext des „Gattopardo“ eine gewisse Schlusspointe, wenn nun der Stadtpalast der Lampedusas wiederersteht (wenn auch als Mehrparteien-Wohnhaus).

Wenn am 2. Jänner Neujahr ist …

Am 2. Jänner wird im Mozarabischen Ritus des Jahresanfangs gedacht – passenderweise mit dem Prolog des Johannesevangeliums als Evangelium. Mozarabischer Ritus? Ja, das ist einer der liturgischen Riten der katholischen Kirche, der etwa in der Kathedrale von Toledo, einigen Klöstern und wenigen anderen Orten gepflogen wird. Der Name ist ein wenig irreführend, denn es handelt sich nicht um einen arabischen Ritus, sondern einen autochthon spanischen. Er ist aus lokalen Traditionen gewachsen ist; deswegen wird der Ritus auch „liturgia hispánica“ oder „liturgia hispano-mozárabe“ genannt, auf deutsch auch altspanischer Ritus. Es sind aber natürlich auch Einflüsse aus anderen Riten zu merken, so aus gallikanischen und orientalischen Traditionen.

Ein Rest des Westgotischen Reiches

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Eine besondere Rolle bei der Ausprägung dieses Ritus spielte wohl die Katholisierung des Westgotischen Reiches, dessen Königshaus 589 den katholischen Glauben annahm und in der Folge eine selbständige Entwicklung der Kirche des Landes förderte. Nachdem die islamischen Eroberungsfeldzüge Spanien erreichten und das Westgotenreich vernichteten, war der Kontakt und Austausch zwischen den lokalen Christen und Rom noch schwieriger, die Entwicklung entsprechend divergent. Während man sich im unbesetzten Nordteil Spaniens ab dem 11. Jahrhundert der römischen Liturgie zuwandte, wurde im Süden die mozarabische Liturgie weitergepflogen: Die Liturgie, die „unter den Arabern“ gefeiert wurde. Mit der Rückeroberung Spaniens breitete sich die römische Liturgie ebenfalls aus, wofür sich unter anderem Reformpapst Gregor VII. einsetzte. Damit wollte er die Einheit der Kirche und des Glaubens sichern.

In Toledo, der alten Königsstadt der Westgoten, war der Widerstand gegen die Einführung des römischen Ritus allerdings sehr groß und heftig. Sei es, dass König Alfons VI. von Léon aus Dankbarkeit für das Festhalten der Toledaner am Glauben ihnen die Feier des altspanischen Ritus in sechs Kirchen weiter gestattete, sei es, dass die dramatische Geschichte von einem doppelten Gottesurteil zugunsten des mozarabischen Ritus historisch ist – jedenfalls überlebte der Ritus.

Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) gilt als Retter des Ritus, da er ein Missale und Brevier erstellen und drucken sowie eine Kapelle in der Kathedrale von Toledo bauen ließ, die ausdrücklich dem täglichen Messopfer im mozarabischen Ritus gewidmet ist, das dort auch tatsächlich bis heute gefeiert wird. 1991 wurde das aktuelle „Missale Hispano-Mozarabicum“ publiziert. Der hl. Papst Johannes Paul II. zelebrierte nach der Promulgation des Messbuchs als erster Papst überhaupt eine Messe im mozarabischen Ritus.

Einige Besonderheiten

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Der Ritus kennt einige Besonderheiten, die ihn vom römischen Ritus unterscheiden. So dauert der Advent wie auch im ambrosianischen Ritus sechs Wochen. Die Festtage zu Weihnachten sind teilweise anderes angeordnet: Auf Weihnachten folgt Stephanus, Eugenia, der Apostel Jakobus der Jüngere, der Apostel Johannes, der Apostel Jakobus der Ältere und zum Jahreswechsel die heilige Columba. Am Oktavtag von Weihnachten wird der Beschneidung Jesu gedacht, zwei Tage nach Erscheinung des Herrn folgt das Gedenken an die von Herodes in Bethlehem ermordeten Kinder. Verkündigung des Herrn und Kathedra Petri werden nur gefeiert, wenn sie nicht in die Fastenzeit fallen. Diese beginnt dafür erst mit dem ersten Fastensonntag. Die Unterschiede im Kalendarium ließen sich noch fortsetzen.

Der Grundaufbau der heiligen Messe ist dem römischen Ritues ähnlich, doch im Detail gibt es erhebliche Abweichungen. So wird das Glaubensbekenntnis nicht im Wortgottesdienst, sondern nach dem Hochgebet gesprochen; der Friedensgruß dagegen erfolgt bereits vor dem Hochgebet. Das Erbarmen Gottes wird mehrfach erbeten, ein eigenständiges Schuldbekenntnis, wie es seit dem 10./11. Jahrhundert im römischen Ritus nach der Eröffnung üblich ist, gibt es nicht. Das ist schon aus historischen Gründen wenig überraschend. Das Schuldbekenntnis war außerdem ursprünglich eine Vorbereitung des Klerus, und im Eröffnungsgebet des Priesters bittet dieser ebenfalls um Verzeihung seiner Sünden; allerdings wird währenddessen von einem Chor ein Eingangsgesang gesungen, so dass die Gemeinde dieses Gebet nicht hört.

Die heilige Messe

Stefan Kiesewetter beschreibt den Messablauf in seiner Diplomarbeit ausführlich. Die Messfeier besteht aus den großen Teilen des Wortgottesdienstes, des Hochgebets und des Kommunionritus, die durch verschiedene andere Teile verbunden werden. Die Sprache des Messbuchs ist wie im römischen Ritus Latein.

Eröffnung

Während des Einzugs des Priesters und eines Gebetes des Priesters vor dem Altar erklingt mit Ausnahme der Fastenzeit und der Wochentagsmessen ein dem Introitus vergleichbarer Gesang („Praelegendum“). Es folgt mit den nämlichen Ausnahmen das Gloria. Zu Weihnachten, Dreikönig, Ostern und Pfingsten schließt sich das Trishagion an. Dieser Abschnitt wird, sofern das Gloria nicht zu entfallen hatte, durch die „Oratio post Gloriam“ ergänzt, ein feierliches Gebet.

Wortgottesdienst

Nach einer Begrüßung („Der Herr sei mit euch“) wird aus einem Propheten des Alten Testaments gelesen. An Wochentagen und Sonntagen der Fastenzeit wird die Lesung stattdessen Weisheits- und Geschichtsbüchern des Alten Testamens entnommen; zudem sind in dieser Zeit gleich zwei Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. In der Osterzeit wird statt der Lesung(en) aus dem Alten Testament aus der Offenbarung des Johannes gelesen.

Nach der ersten Lesung wird das Psallendum gesungen, einige Verse aus den Psalmen, mit Ausnahme von Mittwoch und Freitag in der Fastenzeit, an denen stattdessen das Threni gesungen wird, Verse, die Jesaja und Ijob entnommen sind.

An bestimmten Gedenktagen folgen die Benedictiones, ein Ausschnitt aus dem Dank des Asarja für die Errettung aus dem Feuerofen.

Die zweite Lesung ist den Episteln entnommen; ohne Zwischengesangt schließt daran das Evangelium an, das vom Diakon verlesen wird. Nach der Predigt wird das Halleluja gesungen, wobei der liturgische Name Laudes ist. In der Fastenzeit entfällt dieser Gesang, der eine preisende Antwort auf das gehörte Wort Gottes ist.

Gabenbereitung

Die Gläubigen treten zum Altar und bringen die Gaben, während der Chor das Sacrificium singt. Der Diakon breitet ein Tuch auf dem Altar aus, legt darauf die Patene mit dem Brot, gießt Wein und Wasser in einen Kelch und stellt diesen auf den Altar, worauf der Priester ein für sich ein Gebet zur Bereitung der Gaben spricht. Nach Möglichkeit inzensiert nun der Priester die Gaben auf dem Altar. Dann wäscht er still an der Seite des Altars seine Hände.

Der Prieser beginnt dann das Hochgebet mit der Oratio Admonitionis, einem an die Gläubigen gerichteten Gebet oft katechetischen Inhalts, das vom Volk mit „Amen“ beantwortet wird. Dann ruft der Priester zum Gebet auf („Lasset uns beten“), was im mozarabischen Ritus nur zweimal geschieht, einmal hier, dann vor dem Vater unser. Der Chor ruft nun eine Akklamation an den dreimal heiligen Gott.

Diptychen

Die Diptychen sind Erinnerungen und Fürbitten für bestimmte Personen und Personengruppen. Zuerst betet der Diakon für die heilige katholische Kirche, dann für die Sünder, Gefangene, Kranke und Fremde. Der Priester reiht nun andere Diptychen an – deswegen heißt dieser Teil auch Alia, in denen Gott um Annahme der Gebete der Gläubigen angerufen wird.

Der Diakon setzt fort mit Diptychen für den Papst, Bischöfe bis zum Volk Gottes allgemein, es wird auch um Fürsprache der Heiligen gebeten. So drückt sich die Gemeinschaft der Kirche in Gegenwart und Vergangenheit, in Himmel und Erde aus.

Mit der Oratio post Nomina, dem Gebet nach den vielen in den Diptychen genannten Namen, wird Gott um Annahme des Messopfers angerufen und sein Verzeihen erbeten.

Friedensgruß

Der Friedensgruß nimmt breiteren Raum ein. In einer Oratio ad Pacem, einem Gebet zum Frieden, wird Gott als der wahre Frieden und unerschöpfliche Liebe vorgestellt. Der Diakon ruft das Volk auf, Frieden zu schließen. Die Gläubigen sollen daher im Friedensgruß ein sichtbares Zeichen des Friedens untereinander setzen, etwa durch einen Friedenskuss. Dazu singt der Chor den feststehenden Cantus ad Pacem.

Hochgebet

Das Hochgebet wird durch eine Wechselrede zwischen Priester, Diakon und Volk eröffnet, ähnlich den Hochgebeten des römischen Ritus, allerdings mit etwas anderem Text. Nach dieser Eröffnung folgt die Illatio, so genannt, weil sie zur Wandlung hinführt. Sie entspricht der Präfation des römischen Ritus, allerdings gab es schon seit jeher eine große Zahl verschiedener Illationes.

An sie schließt, analog zum Römischen Ritus, das Sanctus und das Benedictus an, wenn auch in leicht veränderter textlicher Gestalt und mit altgriechischer Schlussakklamation.

Die folgende Oratio post Sanctus beginnt immer mit den Worten „Vere Sanctus“, wie sie etwa auch im Zweiten und Dritten Hochgebet des aktuellen römischen Ritus verwendet werden, und weist, so Kiesewetter, auf die „Sammlung der Kirche durch Christus, das Wirken Christi an seiner Kirche und die Christus als Erlöser der Menschen“ hin.

Damit ist das Feld für den am Korintherbrief orientierten Einsetzungsbericht aufbereitet, der jeweils nach den Worten über dem Brot und dem Kelch mit „Amen“ mit beantwortet wird. Schließlich spricht der Priester eine leicht erweiterte Form von 1 Kor 11,26. Das Volk antwortet: „So glauben wir, Herr, Jesus“.

In der Oratio post Pridie wird nach verschiedenen Vergegenwärtigungen und Anrufungen der Heilige Geist um Wandlung der Gaben gebeten. Zusammen mit der Oratio post Sanctus und dem Einsetzungsbericht bildet die Oratio post Pridie in organischer Einheit die Wandlung. Eine Doxologie beendet das Hochgebet, während der der Priester die Gaben mit einem Kreuz bezeichnet.

Kommunionritus

Das Glaubensbekenntnis wird an völlig anderer Stelle als im römischen Ritus gebetet, nämlich nach dem Hochgebet. Seit der Bekehrung der Westgoten zum katholischen Glauben ist dabei das Credo in jeder Messe zu beten, um die Einheit der Kirche und des Glaubens zu betonen. Damit folgte man damals ostkirchlichen Vorbildern. Das Glaubensbekenntnis weist zahlreiche kleine sprachliche Abweichungen von der im römischen Ritus verwendeten lateinischen Fassung des Nicäno-Konstantinopolitanums auf, was auf eine alte, eigenständige Übersetzung hinweist. Aufällig ist die Übernahme des griechischen Begriffs ὁμοούσιον (wesensgleich), der mit dem Zusatz „das ist, desselben Wesens mit dem Vater“ erklärt wird. Die Weglassung des „für uns gekreuzigt“ und die Hinzufügung „im Himmel und auf Erden“ zu „durch ihn ist alles geschaffen“ zeugen vom Einfluss des älteren Nicänums. Übrigens wird das Glaubensbekenntnis als „Credimus“ gebetet, Ausdruck gemeinsamen Bekenntnisses: „Wir glauben“.

Anschließend wird das konsekrierte Brot gebrochen, begleitet vom Cantus ad Confractionem, kurzen, gesungenen Versen, die aus einem festen Repertoire meist frei gewählt werden können. Die Teile der gebrochenen Hostie werden in Form eines Kreuzes angeordnet; da das von der Gemeinde kaum zu bemerken ist, benennt er laut die einzelnen Teile beim Ablegen nach Stationen aus Jesu Leben, von der Fleischwerdung bis zur Auferstehung. Zweite weitere Teile rechts neben dem Kreuz deuten an, wie Jesus nach der Auferstehung „zur rechten Gottes“ sitzt.

Zum Vater unser fordert der Priester mit dem zweiten „Lasset uns beten“ der Messe auf und spricht ein einleitendes Gebet, das deutlich länger als sein Widerpart im römischen Ritus ist. Danach ruft der Priester jeweils eine Zeile des Vater unsers, worauf die Gemeinde mit „Amen“ antwortet. Ein weit ausgebauter Embolismus, der mit einer Erweiterung der letzten Bitten des Vater unser beginnt, schließt sich an.

Der Priester erhebt nun Patene und Kelch und ruft feierlich „Sancta sanctis“, „das Heilige den Heiligen“. Das Heilige ist Leib und Blut Christi; die Heiligen sind die Mitfeiernden, die durch die Teilhabe am Leib Christi geheiligt sind. Einen bestimmten Hostenteil legt der Priester nun in den Kelch und symbolisiert damit die Verbindung von Leib und Blut, wie es auch ein dazu vorgesehenes leises Gebet des Priesters aussagt. Nun fordern Diakon und Priester im Wechselgesang mit dem Volk zur Segnung auf, die in einem wechselnden, dem jeweiligen Festgeheimnis angepassten Text erfolgt. Dieser Segen entspricht weitgehend dem Schlusssegen des römischen Ritus.

Nun bittet der Priester leise darum, dass das Messopfer den Makel der Sünde tilge und die Gläubigen würdig werden, zur Gemeinschaft der Heiligen gezählt zu werden. Er kommuniziert nun selbst, dann der Diakon, schließlich die Gläubigen. Der Priester teilt das Brot mit den Worten „Corpus Christi sit salvátio tua“ aus, also „Der Leib Christi sei dein Heil“, der Diakon den Wein mit den Worten „Sanguis Christi máneat tecum redémptio vera“, d.h. „Das Blut Christi bleibe mit dir als wahre Erlösung“.

Der Empfang der Kommunion wird vom feststehenden Kommunionsgesang Cantus ad Accedentes begleitet, einem von zahlreichen Halleluja-Rufen geprägten Text, den der Chor singt. In der Fastenzeit gibt es eigene Formulare dafür, die der Prägung der Zeit entsprechen.

In der Antiphona post Communionem dankt der Chor nach der Kommunion: „Erneuert durch Leib und Blut Christi loben wir Dich, Herr – Halleluja!“ Hernach beschließt die Oratio Completuria den Kommunionritus, ein kurzes Dankgebet für den Empfang der heiligen Kommunion.

(Video dank des Blogs New Liturgical Movement)

Schluss

Zum Schluss ruft der Priester: „Der Herr sei immer mit euch!“, worauf das Volk antwortet: „Und mit deinem Geiste.“ Der Diakon verkündet das Ende der Messe: „Die Feier ist vollendet. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sei unser Gebet mit Frieden angenommen.“ Die Gemeinde antwortet mit „Dank sei Gott“, worauf der Priester den Altar küsst, Priester, Diakone und Altardiener sich vor dem Kreuz verbeugen und die Kirche verlassen. Mit diesem Auszug ist die Messe beendet.

Von Fugen und Doppelfugen

Die Fuge, diese festen kontrapunktischen Regeln folgende imitatorische Verarbeitung eines Soggettos, hat eigentlich nur noch zwei intensive Anwendungsgebiete: Kompositionskurse und Kirchenmusik. Trotzdem geht von ihr auch heute eine enorme Faszination aus, die sich in vielen Publikationen und unzähligen Einträgen in einschlägigen Musikforen niederschlägt.

Das Grundprinzip ist einfach: In einer Fuge wird ein Soggetto (Subjekt), eine musikalische Phrase, zuerst vorgestellt; dann setzt die zweite Stimme mit eben dieser Phrase ein (oft in der Oberquint oder Unterquart, aber nicht immer!), während die erste Stimme mit einer zur zweiten Stimme harmonisch passenden, aber melodisch eigenständigen Musik fortsetzt. So setzt es sich fort, bis alle Stimmen einmal das Soggetto selbst gebracht haben. Nach dieser Vorstellung des Soggettos in allen Stimmen, der Exposition, liegt es nun am Komponisten, wie er ein Stück auf Basis der Imitation des Soggettos so gestaltet, das es weiterhin interessant ist. Entweder durch verschiedene Kunstgriffe wie das Soggetto in seiner Umkehrung, mit vergrößerten Notenwerten oder ähnlichen Veränderungen einzusetzen, oder die Einsätze des Soggettos einander überlappen zu lassen – man nennt das Engführung oder Stretto –, oder durch das Aufsuchen entfernter Tonarten mit abschließender Rückkehr zur Ausgangstonart. Entscheidend ist die Konzentration auf dieses eine Soggetto, aus dem sich das musikalische Material der Fuge speist.

Wer historische Fugen aus dem 17. und 18. Jahrhundert studiert oder musiktheoretische Texte der gleichen Zeit liest, wird bald bemerken, dass die Fuge nicht das enge Korsett der Schulfuge ist, sondern einfach als eine Methode genutzt wird, einen musikalischen Einfall so zu verarbeiten, dass er ein längeres Musikstück tragen kann.

Johann Georg Sulzer definiert es in seiner berühmten, 1771 bis 1774 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ so:

„Ein Tonstük von zwey oder mehr Stimmen, in welchem ein gewisser melodischer Satz, der das Thema genennt wird, erst von einer Stimme vorgetragen, hernach von den andern mit geringen Veränderungen, aber nach gewissen Regeln, nachgeahmet wird; so daß dieses Thema das ganze Stük hindurch wechselsweise, und unter beständigen Veränderungen aus einer Stimm in die andre herübergeht.“ (Schreibweise original)

Das lässt schon einigen Spielraum. Dementsprechend gibt es Dutzende Varianten des Fugenaufbaus, die in manchem Buch eine verwirrende Vielzahl an Klassifikationen hervorrufen.

Manche Fugen verarbeiten mehr als ein Soggetto. Man spricht dann bei zwei Soggettos von Doppelfugen, bei dreien von Tripelfugen, bei vieren von Quadrupelfugen. Dabei gibt es eine interessante Entwicklung: Im 18. Jahrhundert waren Fugen sehr beliebt, bei denen der Soggetto immer mit einem gleichbleibenden Begleiter, dem Contrasoggetto oder Kontrasubjekt, erscheint, wobei das zweite Subjekt manchmal über, manchmal unter dem ersten auftritt und daher im doppelten Kontrapunkt geschrieben sein muss. Solche Stücke wurden damals als Doppelfugen begriffen und darin auch gerne mit beiden Soggettos gearbeitet. So entnimmt Bach in seinen Doppelfugen auch dem zweiten Soggetto Material für die Zwischenspiele. Zuweilen tritt auch das zweite Soggetto im Stück einmal alleine auf.

Im 19. und 20. Jahrhundert bürgerte sich dann langsam der Begriff der „Fuge mit beibehaltenem Kontrapunkt“ für diese Konstruktionen ein, während mit Doppelfuge nur noch solche Stücke bezeichnet wurden, in denen zuerst ein Soggetto, dann das andere durchexerziert wird und erst danach beide kombiniert auftreten. Diese Degradierung vieler barocker Doppelfugen verstellt den Blick dafür, dass eine hohe Kunstfertigkeit notwendig ist, um solche Stücke kontrapunktisch korrekt und mit einem musikalisch sinnvollen Spannungsbogen versehen zu schreiben.

Mehr zur Debatte über den Begriff der Doppelfuge kann man übrigens der Dissertation von Randolph Eichert über „Kontrapunktische Satztechniken im 18. Jahrhundert“ ab Seite 95 entnehmen.

Ein ausführlicher historischer Traktat zur Fuge ist uns von Friedrich Wilhelm Marpurg erhalten. Eine Neuauflage aus dem Jahre 1806 kann man bequem im Internet-Archiv nachlesen.

Severin von Noricum

Der 8. Jänner ist der Gedenktag des hl. Severin von Norikum († 8. Jänner 482), eines der traditionellen Patrone1 Österreichs. Er war im fünften Jahrhundert inmitten des zusammenbrechenden (west)römischen Reiches für die Menschen Norikums nicht nur seelsorgerisch tätig, sondern verhandelte für sie mit den Mächtigen, organisierte Nahrungsmittel, Umsiedlungen, Verteidigungsmaßnahmen und vieles mehr.

Dabei war das ursprünglich nicht seine Absicht, wie sein Biograph Eugippius festhielt: Nach einem Aufenthalt im Osten wollte er sich eigentlich einem Leben der Askese und Kontemplation widmen. Doch es sollte anders kommen, wie Severin erzählt: „Wisse aber dennoch, dass Gott, der vertrat, Dich zum Priester zu machen, mir selbst vorschrieb, diesen gefährdeten Menschen beizustehen.“

Nun war es im fünften Jahrhundert nicht selten der Fall, dass Bischöfe als Lückenfüller die Aufgaben des untergehenden Staats übernahmen, insbesondere, wenn sie selbst einen entsprechenden Hintergrund hatten und z.B. früher als Statthalter, lokale Kommandanten etc. gedient hatten. Ob Severin so einen Hintergrund hatte, ist umstritten — Friedrich Lotter nennt allerdings gute Gründe dafür –; unbestritten ist aber, dass er jedenfalls kein Bischof war, trotzdem in zivilen wie militärischen Belangen zumindest von Bedeutung gewesen ist und für die Mächtigen der Region ein geschätzter Ansprechpartner war.

Über seine Herkunft und Vorgeschichte wissen wir trotzdem wenig, denn Eugippius schweigt sich mit Berufung auf Severin selbst aus. Der soll nämlich auf Nachfragen zuerst gescherzt haben, ob er wohl ein entlaufener Sklave sei. Dann aber habe er geantwortet: „Wofür ist dem Diener Gottes die Bezeichnung seines Rangs oder Standes gut, wenn er besser durch Verschweigen dessen eine Prahlerei leichter vermeiden kann, wie nämlich eine linke Seite, durch deren Nichtwissen er jedes gute Werk mt Christi Gabe zu vollbringen wünscht, wodurch er würdig werde, ein Genosse der rechten Seite (Christi) zu werden und den Bürgern des himmlischen Vaterlandes zugeschrieben zu werden? Wie wenn Du mich unwürdigen als wahrhaft Sehnenden erkennst, was ist es für dich notwendig, das irdische zu erkennen, wie du erfragst?“2

Zwei kleine Lehren möchte ich daher aus dem Leben des hl. Severin ziehen:

  1. Im Reich Gottes gibt es eben keinen Stand, keine Abkunft und keine Nationalität, einen Umstand, den ja etwa das habsburgische Begräbniszeremoniell so eindrucksvoll darzustellen versucht. Es gibt aber Menschen, die sich danach sehnen, Bürger des himmlischen Reiches sein zu wollen, um mit Severin und Augustin zu sprechen, und solchen, die das nicht tun. Das Wollen und das Vollbringen machen uns Menschen aus, und danach sollte man auch die anderen beurteilen.

  2. Wo Gott uns hinstellt, wo er meint, dass wir gebraucht werden, ist oft ganz woanders, als wir es vermuten würden. Daher müssen wir, so wie Severin, offen sein für Gottes Ruf und die Welt um uns, in der wir gerufen werden.

Einige Hinweise:


  1. Seit dem 16. Jahrhundert wurden als Patrone Österreichs die folgenden Heiligen gezählt: Quirinus, Maximilian von Lorch, Florian, Severin, Koloman, Leopold III., Poppo von Trier und Otto von Freising. 

  2. Quid prodest, inquit, servo Dei significatio sui loci vel generis, cum potius id tacendo facilius possit evitare iactantiam, utpote sinistram, qua nesciente cupit omne opus bonum Christo donante perficere, quo mereatur dextris socius fieri et supernae patriae civis adscribi? Quam si me indignum veraciter desiderare cognoscis, quid te necesse est terrenam cognoscere, quam requiris? 

Die Perser in Bethlehem

Am 6. Jänner werden in vielen Krippen die Sterndeuter dazugestellt, die μάγοι, die Matthäus in seinem Evangelium erwähnt. Der Begriff war im Griechischen zur Zeit Matthäus zweideutig. Er bezeichnete einerseits persische Weise und Priester, andererseits aber allgemein Zauberer und besonders Scharlatane, die vorgeben, über Zauberkräfte zu verfügen. Wie ich schon einmal diskutiert habe, dient wohl Matthäus’ Referenz ἀπὸ ἀνατολῶν „aus dem Osten“ genau dieser Differenzierung: Nicht irgendwelche Zauberer kommen da, sondern Mager aus dem Osten.

Die Mager waren die Priester der Perser, ursprünglich wie die Leviten durch Abstammung verbunden. Später werden zoroastrische Priester im Griechischen so bezeichnet; ob es sich dabei immer noch um Abkömmlinge der medischen Mager handelt, ist umstritten. Es ist sogar umstritten, wie zoroastrisch der Glaube der Mager wirklich war. Es hat jedenfalls durchaus eine Bedeutung, dass Matthäus diesen Ausdruck verwendet und nicht etwa χαλδαῖοι („Chaldäer“), womit damals nicht bloß ethnische Chaldäer, sondern auch Astrologen im allgemeinen gemeint sein konnten.

Plutarch, ein Zeitgenosse des Matthäus, beschreibt in seiner Schrift „Über Isis und Osiris“ nicht nur die Religion der Ägypter, sondern streift auch die persische Religion des Zoroaster (oder Zarathustra). Dort beschreibt er sie in einer Diskussion über die Wurzeln des Guten und Bösen in der Welt als monotheistisch: „Einige meinen, es gebe zwei einander entgegen arbeitende Götter, einen Bildner des Guten, einen des Bösen. Einige hingegen nennen den besseren, Gott, Dämon; dies tut auch Zoroaster, der Mager …“ (Kap. 46) Auch die besondere Rolle der Sterne erwähnt er: „Dann vermehrte Horomazes sich selbst drei Mal, entfernte sich so weit von der Sonne als die Sonne von der Erde absteht, und zierte den Himmel mit Gestirnen. Einen Stern vor allen setzte er gleichsam als Wächter und Vorhut, den Sirius.“ (Kap. 47) Von den Magern unterscheidet er dabei die Chaldäer, die Planeten als Geburtsgötter bezeichnen, zwei gute, zwei böse, drei unentschiedene.

Zweihundert Jahre nach Matthäus weist Origenes noch einmal darauf hin, dass Mager und sterndeutende Chaldäer zwei verschiedene Gruppen sind: „Man beachte nun hier den Irrtum dieses Menschen, der ‚Magier‘ und ‚Chaldäer’ nicht auseinander zu halten weiß, ihre verschiedene Berufstätigkeit nicht in Betracht zieht und deshalb den evangelischen Bericht entstellt und verleumdet.“

Auch wenn die Chaldäer als Sterndeuter wohlbekannt waren, während die Mager weder Astronomen noch Astrologen waren, so spielten die Sterne auch bei den Persern bzw. den Magern jener Zeit eine Rolle, wie schon angedeutet. So wird in der jüngeren Avesta (siehe die Tir Yašt) einer Sternenverehrung das Wort gesprochen; Planeten und Sterne werden z.T. mit bestimmten Gottheiten oder Eigenschaften verknüpft. (siehe Carsten Colpe)

Die Juden kannten außerdem die persischen Verhältnisse wohl ganz gut — und umgekehrt: Seit der Babylonischen Gefangenschaft gab es eine große jüdische Gemeinde im Zweistromland; in Persien gab es ebenfalls jüdische Gruppen. Und der kulturelle und religioäse Einfluss Persiens reichte weit nach Westen, wie etwa das große Hierothiesion des König Antiochos I. von Kommagene mit seinen Darstellungen aus persischer und griechischer Mythologie zeigt, oder die Tatsache, dass der armenische König Tiridates aus dem parthischen Königshaus stammte, Zoroastrier war — und mit einem Mager zu Kaiser Nero nach Rom reiste. Schließlich gab es von Magern betreute Kultstätten sogar im kleinasiatischen Kappadokien, wie der griechische Geograph Strabon um Christi Geburt schreibt.

Die persischen Könige werden im Alten Testament generell positiv erwähnt: Immerhin ließ Großkönig Kyros die Juden aus dem Exil zurück nach Israel ziehen, sein Nachfolger Dareios erlaubte den Wiederaufbau des Tempels. Trotz der vielen niederen Gottheiten, die im Zoroastrismus jener Zeit verehrt wurden und Plutarch erwähnt, war die Religion der Perser zumindest eschatologisch monotheistisch und damit dem Judentum näher als irgendeine andere Religion jener Zeit. Auch ihre ethischen Implikationen waren dem Judentum nicht so fremd wie die Imperative anderer Glaubensrichtungen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Evangelist, der aus Israel kommt, den Begriff der Mager — der noch dazu außerhalb seiner engsten Bedeutung eher abwertend verwendet wurde — sonst einsetzen würde, wenn er nicht an so einen persischen Mager denken würde.

Die genannten Mager müssen dabei keineswegs direkt aus Persien kommen. Traditionen wie die des Justin des Märtyrers, der sie in „Arabien“ verortet, sind daher nicht zwangsläufig im Widerspruch. Der Begriff „Arabien“ beschrieb in seiner Zeit neben der arabischen Halbinsel auch das südliche Syrien, das transjordanische Gebiet, den südlichen Teil der Wüste Negev und das Sinaigebiet. Justin nennt ausdrücklich Damaskus als Teil Arabiens. Wobei Justin der Märtyrer die Zuschreibung offensichtlich aus exegetischen Gründen wählt. Aber selbst in Damaskus soll es jedenfalls eine zoroastrische Gemeinde gegeben haben.

Die Gründe dafür, dass die μάγοι tatsächlich Mager waren, sind also alles andere als mager.