Wenn die Via Appia eine U-Bahn wäre …

Vielleicht erinnern sich manche noch an das Projekt Orbis, das der Österreicher Walter Scheidel und Elijah Meeks an der Universität von Stanford verwirklicht haben. Orbis ist sozusagen ein Navi für das Römische Reich zur Zeit des Septimius Severus, mit ein paar der Quellenlage geschuldeten Abweichungen vom Zeitrahmen. Ich habe in diesem Blog über eine frühere Version schon geschrieben.

Römisches Straßennetz ca 125 n Chr - Urheber Sasha Trusbetskoy

Römisches Straßennetz ca 125 n Chr – Urheber Sasha Trusbetskoy

Sasha Trubetskoy hat das Straßennetz des Römischen Reiches ebenfalls fasziniert. Und da er ein begeisterter Kartograph ist, musste daraus eine Karte der wichtigsten Straßen werden, ähnlich einer U-Bahn-Streckenkarte. Die Städte sind die Stationen, die Straßen sind farbcodiert. Soweit bekannt, hat er die Straßen mit ihren echten Namen bezeichnet. Sonst nahm er sich in der Namensgebung einige Freiheiten, wie er freimütig schreibt, damit alle dieser „römischen Autobahnen“ auch einen Namen haben.

Wem diese faszinierende Karte besonder gut gefällt, der kann beim Urheber auch ein hochauflösendes PDF für ein Poster oder ähnliches bestellen.

Nennen wir es Bildungsreform 

Was eigentlich jedem Beobachter schon längst klar war, ist nun auch offiziell geworden: Aus der groß angekündigten Bildungsreform wird vor der Wahl wohl nichts mehr. Offenbar hat da der Wahlkampf einen zu großen Schatten geworfen, denn in der Sache lag man ja gar nicht so weit auseinander.  Und die Materie, für die eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist, hätte man im schlimmsten Fall ausklammern können.

Es gibt trotzdem keinen Grund zu jammern, denn die „Bildungsreform“ wäre vor allem eine Reform der Schulverwaltung gewesen. Ob gut oder schlecht — das hängt wohl vom Standpunkt ab –, doch jedenfalls für die Qualität der Ausbildung nur von sekundärer Bedeutung.

Die jetzt wieder diskutierten gewaltigen Probleme etwa in vielen Volksschulen und NMS hätte das Gesetzespaket höchstens am Rande gestreift. Vielleicht hätte die größere Subsidiarität beim Umgang mit Ressourcen geholfen; vielleicht auch nicht, weil sich die Politik dann an den Direktoren noch besser abputzen kann.

Es war vom Marketing her vielleicht klug, das Paket als „Bildungsreform“ verkaufen zu wollen. Aber den Namen sollte man eigentlich für Vorhaben reservieren, die tatsächlich die Qualität der Bildung steigern sollen. Österreich wird jedenfalls gut ohne das jetzt mit großen Getöse scheiternde „Reformwerk“ leben können.

Der Wendepunkt des Mindestlohns

Michael Christl, Monika Köppl-Turyna und Dénes Kucsera haben im German Economic Review einen interessanten Artikel zu den Beschäftigungseffekten von Mindestlöhnen in zwölf EU-Staaten platziert. Eine Vorversion kann man bei Agenda Austria lesen.

Der Mindestlohn ist natürlich grundsätzlich eine politische Entscheidung: Man will, dass ein bestimmter Lohn aus ethischen, sozialen etc. Erwägungen nicht unterschritten wird. De facto ein Mindestpreis auf Arbeitsleistungen. Je weiter entfernt dieser Mindestpreis vom tatsächlichen Markträumungspreis liegt, zu dem also möglichst viele Arbeitnehmer mit Arbeitgebern verbunden werden könnten, desto eher werden große Wohlfahrtsverluste durch gestiegene Arbeitslosigkeit auftreten. Es ist dann eben eine politische Frage, wieviele Arbeitslose man in Kauf nimmt, damit die anderen einen der eigenen Ansicht nach ausreichenden Lohn erhalten. Aber es ist nicht undenkbar, dass ein Mindestlohn in gewissen Konstellationen positive Gesamtbeschäftigungseffekte haben kann.

Christl, Köppl-Turyna und Kucsera gehen von der Hypothese aus, dass Mindestlöhne vor allem junge Arbeitnehmer wegen der fehlenden Erfahrung treffen. Die Effekte eines Mindestlohnes modellieren sie zudem als nonlinear; es gibt einem Punkt, an dem seine negativen Auswirkungen dramatisch zunehmen. Diesen Punkt wollen sie finden.

Die Annahme dahinter: Das Arbeitsangebot hängt negativ vom vorherrschenden Lohn ab, die Bereitschaft, Arbeit anzunehmen, steigt zuerst rapide, bis der Freizeitaspekt immer dominanter wird und die Arbeitsbereitschaft auch durch höhere Löhne nicht mehr gesteigert werden kann.

Daraus ergibt sich anfangs ein positiver Effekt des Mindestlohns auf die Beschäftigung, schließlich aber ein stark negativer.

Die Ökonomen berücksichtigen dabei auch die Strenge der Arbeitsmarktregulierung, die Arbeitsproduktivität, die Höhe des Arbeitslosengelds, den Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, die Bedeutung kollektiver Tarifverhandlungen und einige weitere Kontrollvariablen.

Neben einer Kleinstquadrateschätzung wird auch alternativ ein Ansatz mit Instrumenten verfolgt. Beide generieren von der Tendenz her ähnliche Ergebnisse.

Der Wendepunkt der Mindestlohneffekte auf den Arbeitsmarkt liegt nach beiden Ansätzen in der Regel unter dem vorherrschenden Mindestlohn, aber nicht allzuweit entfernt. Belgien, Frankreich, Griechenland und die Niederlande hätten laut Modell zu hohe Mindestlöhne für die jungen Arbeitnehmmer; Spanien, Großbritannen und Irland wären nahe am Wendepunkt. Tschechien, Ungarn, Polen, Portugal und Slowakei hätten dagegen keinen überhöhten Mindestlohn.

Weitere Artikel zur Wechselwirkung lokaler Sozialstandards und des lokalen Mindestlohns sind offenbar in Vorbereitung.

Pfingsten: Der Geist wirkt

Fr. Juan Bautista Maíno: Pfingsten. © Museo Nacional del Prado

Fr. Juan Bautista Maíno: Pfingsten. © Museo Nacional del Prado

Das Pfingstfest ist ein wahrhaft wunderbares Ereignis: Zehn Tage, nachdem Christus in den Himmel aufgestiegen ist, um als unser Beistand im Himmel zu sein, senkt sich nun der von Christus verheißene Beistand auf Erden auf die Apostel herab. Und zwar nicht still und heimlich, sondern mit einem Knalleffekt. Die zu Schawuot versammelten Gläubigen, die aus den verschiedenen Teilen der hellenistischen Welt nach Jerusalem geströmt waren, hörten die Apostel in ihrer jeweiligen Muttersprache von Jesu Auferstehung predigen, wie die Apostelgeschichte anschaulich erzählt.

Dieses Ereignis stellt den eigentlichen Beginn der Apostelgeschichte dar, in dem sie die zu Christi Himmelfahrt empfangene Sendung nun in die Tat umsetzen können. Und damit ergibt sich schon etwas, das den Geist auszeichnet: Was er bewirkt, ist sehr oft sinnfällig und erkennbar. Daher ist das Konzept des Heiligen Geistes auch schon im Judentum angelegt, wenn es auch theologisch ganz anders erfüllt ist. Schon im Altertum war das Wirken des Geistes vielen aufgefallen. Vielleicht hat sich mancher fromme Jude zu Pfingsten daher auch gedacht: „Der Geist weht, wo er will.“ Das merken wir immer wieder — vielleicht mit ähnlicher Überraschung — auch heute. Aber nicht überall, wo man ihn will, weht er auch.

Klimaschutz: Das Pariser Abkommen ist wie des Kaisers neue Kleider

Ob des Austritts der USA aus dem Pariser Klimaabkommen gibt es viel Gezeter. Dabei wird freilich gerne vergessen, dass die USA nur dank eines Tricks überhaupt Partei des Abkommens waren: Denn Präsident Barack Obama hatte das Abkommen nicht als völkerrechtlichen Vertrag gewertet, für dessen Ratifizierung eine Zustimmung des US-Senates nötig gewesen wäre. Diese Vorgehensweise ist auch der Grund, warum Donald Trump als Präsident den Ausstieg verkünden kann. Und warum auch Befürworter des Abkommens sagen, eigentlich braucht Trump keinen Ausstieg verkünden, weil die USA nie wirklich Partei des Abkommens waren.

Aber die moralische Entrüstung, wie sie etwa Jakob Zirm in der Presse pflegt, ist auch aus einem anderen Grund Fehl am Platz: Das Abkommen wäre nämlich so oder so auf Grund seiner Konstruktion ziemlich wirkungslos.

Die avisierten Einsparungen an Treibhausgasen aller beteiligten Länder sind nämlich nicht bindend. Es gibt keine Sanktionen, wenn man die vereinbarten Ziele nicht erreicht. Noch dazu haben sich einige große Emittenten wie China und Indien Ziele gesetzt, die sie so oder so erreichen werden. Und obwohl das Abkommen erreichen will, dass die Temperaturen nicht um mehr als 2 Grad gegenüber einem vorindustriellen Referenzpunkt steigen, würden die jetzt eingemeldeten CO2-Einsparungen nach den gängigen Klimamodellen kaum einen Unterschied ausmachen. Da darf man etwa angesichts neugeschaffener internationaler Organe des Abkommens und eines geplanten Transferfonds, den die Industrieländer speisen sollen, schon an der Kosten-/Nutzen-Relation zweifeln.

Ob die Gründe Donald Trumps die richtigen waren, um das Abkommmen zu kündigen, sei dahingestellt. Doch „Katastrophe“ ist es keine — und vielleicht hilft es dem einen oder anderen, zu sehen, dass das Abkommen so wie in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ziemlich nackt dasteht.

Antonio Salieri: Ein paar Streifzüge in die „Schule der Eifersucht“

Antonio Salieri wird als bedeutender Meister der Musikerziehung, aus dessen Unterricht viele berühmte Komponisten und Sänger hervorgingen — man denke nur an Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Giacomo Meyerbeer oder auch Catarina Cavalieri — sehr geschätzt. Es war ihm eben nicht bloß eine Gelegenheit, sein Salär aufzubessern, sondern ein echtes Anliegen, wie sich auch in seinem späteren Engagement für die Gründung eines Musikkonservatoriums in Wien zeigte.

Doch das wäre alles nicht möglich gewesen, hätte er sich nicht zuvor schon einen glänzenden Ruf als Komponist erarbeitet. Einige Beispiele dafür konnte man in letzter Zeit wieder hören. Vor allem seine komischen Opern werden wieder entdeckt.

So spielte das Wiener „Theater an der Wien“ vor kurzem seinen Falstaff. Bereits 2015 erarbeitete Werner Ehrhardt mit „L’arte del mondo“ das erfolgreiche Dramma giocoso La scuola de’ gelosi, die „Schule der Eifersüchtigen“, wie es auf Deutsch genannt wurde, in einer konzertanten Fassung, die auch auf CD erhältlich ist. Hier die Sinfonia, sprich: die Opernovertüre, gespielt von „L’arte del mondo“:

Wie es in Barock und Klassik gang und gäbe war, wurde auch diese Oper je nach Aufführungsort und vorhandenem Ensembe adaptiert und einzelne Nummern geändert. Das schwungvolle Stück wurde in Venedig uraufgeführt, aber für Aufführungsserien in Wien umgearbeitet. Für Änderungen des Librettos — ursprünglich von Caterino Mazzolà — zeichnete in Wien wahrscheinlich Lorenzo da Ponte verantwortlich. Ein Amalgam der verschiedenen Wiener Fassungen zeigt derzeit die Kammeroper in Wien. Die Chancen auf eine spätere Veröffentlichung auf Video stehen ziemlich gut.

Cecilia Bartoli hat die Arie Ah sia gia de‘ miei sospiri der Wiener Fassung eingespielt — ein bewegtes Stück einer betrogenen, aber hoffenden Ehegattin. Dass sich ein solches Stück nahtlos in den Rahmen einer komischen Oper einfügt, ist der Meisterschaft Salieris geschuldet.

Die Oper ist zudem für ein bezauberndes Quintett berühmt, das von keinem geringerem als Johann Wolfgang von Goethe als „anbetungswürdig“ bezeichnet wurde und Adolph Freiherr Knigge in höchsten Tönen lobte: „Harmonie, ohne Schwulst, mit klarem, reinen Gesange verbunden, Kunst mit Klarheit und Deutlichkeit und eine eigene Instrumentalbegleitung, die sich ganz von den Singstimmen entfernt, aber doch dieselben mehr erhebt als verdunkelt, finden wir hier vereint, und in ein meisterhaftes Ganzes verwebt. Dies Quintett ist mehr wert, als hundert ohne Sinn Ausdruck und Leben, auch nach den strengsten Regeln ängstlich hingeschriebene Fugen.“

In diesem Quintett — Ah la rabbia mi divora — vermischen sich auf komische Weise die verschiedenen Intrigen, die von den Protagonisten gesponnen werden. So gibt sich der eifersüchtige Ehemann gut gelaunt, als ob er eine Geliebte hätte („la lan la“), der umtriebige Graf versucht mit einem Kartenspiel die Gattin des Eifersüchtigen zu verführen, die das Spiel ihrerseits zur Bestrafung des eifersüchtigen Gatten mitspielt. Die Gräfin wiederum gibt sich gleichgültig ob der Untreue des Grafen, um ihn selbst eifersüchtig zu machen. Und der alle Intrigen koordinierende Leutnant kommentiert und greift immer wieder ein. Ein herrlicher Spaß, wieder in der Aufnahme von „L’arte del mondo“:

Das Autograph dieses Quintetts kann man übrigens digitalisiert einsehen.

Im Dezember 2016 konnte man die Oper übrigens erstmals in moderner Zeit tatsächlich auf der Bühne sehen, mit Kostümen, Dekoration und Regie. Jacopo Cacco und Giovanni Battista Rigon transkribierten dazu das Autograph aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Es spielten die Virtuosi Italiani unter Rigon, Regie führte Italo Nunziata. Es existiert offenbar ein Mitschnitt, mit einer Veröffentlichung ist wohl zu rechnen. Hier eine Arie des Leutnants, gesungen von Manuel Amati, die in Wien ersetzt wurde:

Alois Mock

Alois Mock (2005). Quelle: Thomas Steiner via Wikimedia Commons

Alois Mock (2005). Quelle: Thomas Steiner via Wikimedia Commons

Alois Mock war ein Angehöriger einer seltenen Spezies in der modernen Politik: Ein Mensch mit politischen Idealen und Überzeugungen, die er konsequent vertreten hat. Gleichzeitig aber mit der typisch konservativen Mäßigung, die einen davor bewahrt, beim Bohren der harten Bretter in der Politik verbohrt zu werden. Sein Ausscheiden aus der Politik hat eine schmerzhafte Lücke hinterlassen, die durch seinen Tod nun noch einmal bewußt wird.

Der überzeugte Christdemokrat legte früh eine Bilderbuchkarriere hin, mit Studienaufenthalten in Bologna und Brüssel und verschiedenen beruflichen Stationen, die ihn schließlich 1966 zum Kabinettschef des Bundeskanzlers werden ließen. Mit knapp 35 wurde er zum jüngsten Unterrichtsminister Österreich und hinterließ in seiner kurzen Amtszeit bereits deutliche Spuren, wie etwa die „entscheidenden Schritte“ zur Gründung der Universität Klagenfurt, wie Helmut Wohnout schreibt.

Im gleichen Text nennt Wohnout einen Visionär, und das mit Fug und Recht. Jahrzehntelang betrieb Alois Mock die Integration Österreichs in Europa, die schon bei einer seiner ersten politischen Tätigkeiten sein Aufgabengebiet war. Rasch erkannte er die Chancen, die sich aus dem Fall des Eisernen Vorhangs ergaben. Ebenso die Möglichkeiten, die der europäische Einigungsprozess den Ländern Mitteleuropas bieten konnte. Und die Gefahren, wenn es nicht gelingen würde, denjenigen mitteleuropäischen Ländern, die unter dem Kommunismus gelitten hatten, eine gute Zukunftsperspektive zu bieten.

Als Europapolitiker weithin geachtet, wird oft der Sozialpolitiker vergessen, der viele sozialrechtliche und familienpolitische Verbesserungen selbst aus der Opposition heraus erreichen konnte. Aber auch der Wirtschaftspolitiker, dem bewußt war, dass ohne ein solides wirtschaftliches Fundament und ohne freies Unternehmertum kein Sozialstaat zu machen ist.

Hätte er sich übrigens 1986 mit seinem Wunsch einer schwarz-blauen Koalition durchgesetzt, wäre Österreich wohl die massive Erosion der Großparteien in dieser Form erspart geblieben und der Aufstieg von FPÖ und Grünen gedämpfter ausgefallen. Sein Traum einer europäischen Integration Mitteleuropas wäre dann aber wohl an der Blockade durch die SPÖ gescheitert — Mock hat mit den Karten, die ihm politisch ausgeteilt wurden, für das Land gut gespielt.