Völkerrecht ist immer nur etwas für die anderen

Völkerrecht ist immer nur etwas für die anderen. Der Angriff der USA auf eine syrische Militärbasis ist ein klarer Bruch des Völkerrechts, erhält aber breite Zustimmung aus Europa, einschließlich sogenannter neutraler Staaten. Dafür lesen wir: „Präsident Wladimir Putin werte den US-Einsatz als Verstoß gegen internationales Recht, sagte sein Sprecher Dimitri Peskow am Freitag.“

Das hat natürlich seine eigene Komik, siehe Südossetien oder die Krim. Doch nur, weil der Trickbetrüger von einem Taschendieb entlarvt wird, wird der Betrüger nicht unschuldig.

Aber wie soll man dem einen Völkerrechtsverletzungen vorwerfen, wenn man sie beim anderen als entschlossenes Handeln feiert?

Und wo ist, nebenbei, die europäische Außenpolitik, die wieder einfach der USA hinterstolpert? Zwischen der russischer Assad-Verteidigung und Trumps US-Kraftmeierei wäre doch noch viel Platz für eine eigenständige, am Völkerrecht orientierte Linie gewesen. Gerade angesichts vieler anderer in Europa schwelender Konflikte wäre das ein wichtiges Signal.

Doch das Vakuum, das die schwächere US-Außenpolitik hinterlässt, wurde von Europa nicht genutzt, sondern eher als Bedrohung empfunden. Man scheint richtig froh, doch nicht selbst internationale Verantwortung übernehmen zu müssen.

Es ist allerdings passend, dass die USA diesen Schritt einhundert Jahre nach dem Eintritt des Staats in den Ersten Weltkrieg gesetzt haben. Damals hatte Präsident Wilson sich als Friedenspräsident wählen lassen und drang auf die Lösung von Konflikten durch internationale Schiedsgerichte.

Doch wie schreibt Rosa Luxemburg in einer Attacke auf die Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft?

Hier erfolgt aber einer der gelungensten Witze der Weltgeschichte: Kaum hatte die „Arbeitsgemeinschaft“ eine sorgfältige Kopie des Friedensprogramms des amerikanischen Präsidenten ausgefertigt, als dieser, der eben den Mund zu einer dritten Friedensbotschaft aufgetan hatte, einen Moment schwieg und dann plötzlich erklärte: „Meine Herrschaften, ich habe mir’s überlegt: Ich mache nicht mehr Frieden, ich mache Krieg!“ […] Eine neue Verschärfung des Krieges, eine neue Ausdehnung der Rüstungen, eine neue Auflage des Massenmordes – und das gerade durch den Friedensapostel Wilson –‚ das sind die diplomatischen „Abrüstungsabkommen“ und internationalen „Schiedsgerichte“, auf die die Arbeitsgemeinschaft ihre Friedenspolitik als auf einen steinernen Felsen basiert!

Nun präferierte Rosa Luxemburg blutige Aufstände, in die sie die Arbeiter schicken wollte. Als Freundin des Friedens taugt sie wenig. Und doch entlarvt sie, wie rasch Wilson nach seiner Wiederwahl Kurs wechselt. Viele von Trumps Unterstützern fühlen sich ebenfalls düpiert, wie man lesen kann.

Nach Rosa Luxemburg kann ich jetzt den aktuellen Vorsitzenden von UKIP zitieren, Paul Nuttall, offenbar auch ein Trumpist:

„Too often rash responses to horrific situations are about the conscience of the attacker, rather than a clear-headed response to an awful situation. There are currently no good options in Syria. Assad or Isis is not a choice anyone would wish to make. But firing off missiles in an enraged response shows weakness not strength in the face of horror. I hoped for better from this administration.“

PS Nun wird sich vielleicht jemand fragen, warum ich zwar zur US-Attacke schreibe, nichts aber zum furchtbaren Einsatz von Chemiewaffen, der dem vorausging? Weil ich zu letzterem nichts beitragen kann. Die Fakten sind für jemanden, der sich aus Österreich heraus informiert, schwer zu greifen, alle Quellen von starken Eigeninteressen getrieben.

100 Jahre Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Heute vor 100 Jahren, am Karfreitag des Jahres 1917, haben die USA dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und damit den Ersten Weltkrieg entschieden. 1916 war Woodrow Wilson noch unter dem Motto „He kept us out of war“ gewählt worden, als Garant für den Frieden.

„Geld ist die schlimmste aller Kontrebande“

Doch waren die USA schon vor ihrem Kriegseintritt ein wichtiger Partner der Entente. So wurden Großbritanniens Einschränkung des Handels mit Deutschland akzeptiert, während Großbritannien uneingeschränkt beliefert wurde. Auch gestattete Wilson Kredite an kriegsführende Staaten, wovon in erster Linie Großbritannien profitierte. Dabei handelte er 1914 gegen die ausdrücklichen Befürchtungen seines damaligen Außenministers William Jennings Bryan, der sagte: „Geld ist die schlimmste aller Kontrebande1, weil es alles andere befehligt.“

So war es auch: Großkredite an Frankreich und Großbritannien erhöhten das Interesse der USA an einem Sieg der Entente gegen die Mittelmächte. Dieser Zusammenhang war so offensichtlich, dass man ihn beispielsweise in der „Reichspost“ vom 7. April 1917 nachlesen kann:

„So sieht also die Gelegenheit aus, die erforderlich ist, damit ein sich ultrapazifistisch geberdender [!] Staat, der sich feierlich verpflichtet hat, alle Streitigkeiten mit anderen Mächten nur auf schiedsgerichtlichem Wege auszutragen, die ‚ganze Kraft der Nation‘ in einen Krieg werfe, an dessen Ausgang er nur als Lieferant der einen Partei Interesse hat. […] Das amerikanische Kapital braucht den Sieg des Vierverbandes, seines Schuldners, für den es sich mit riesigen Beträgen festgelegt hat. Die unmittelbare finanzielle Unterstützung des Vierverbands durch Amerika soll bereits mehr als fünfundzwanzig Milliarden Kronen betragen […]. Diese Summen sind zum größten Teil verloren, wenn der Vierverband unterliegt und ebenso befürchten die Amerikaner in diesem Fall auch eine schwere Unterbindung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, da eine Reihe der besten Abnehmer der amerikanischen Produkte bei einem Zusammenbruch des Vierverbands mit einem Male ausscheiden würden.“

Zwei entscheidende Fehler

Freilich hatte das Deutsche Reich selbst zwei entscheidende Fehler gemacht: Das sogenannte „Zimmermann-Telegramm“, in dem Deutschland Mexiko eine Allianz gegen die USA vorschlägt, sollten die USA in den Krieg eintreten. Nun war Mexiko aber überhaupt nicht in der Lage, die USA ernsthaft bedrohen. Erst kurz zuvor war eine US-Strafexpedition in das von Bürgerkriegen geschwächte Land ungehindert eingedrungen. Das einzige Ergebnis war eine empörte amerikanische Öffentlichkeit.

Der zweite betraf den sogenannten „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg, bei dem der zusätzliche Nutzen die politischen Kosten bei weitem übertraf. Nicht nur, dass er der US-Führung einen Vorwand zum Kriegseintritt gab, hatte er auch bei weitem nicht den gewünschten Effekt, die Versorgung Großbritanniens entscheidend zu behindern.

Woodrow Wilsons Kriegspräsidentschaft wird in den USA heute kritischer gesehen. Bei aller verständlicher Bewunderung für die Opfer und Erfolge des eigenes Landes wird bemerkt, dass Wilson den Krieg innenpolitisch als Vorwand benutzt hat, um weitreichende Eingriffe des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft durchzuführen. Tausende wurden interniert, ein aggressive Stimmung gegen Immigranten, insbesondere solche mit deutschen Wurzeln, geschürt, die Meinungsfreiheit drastisch eingeschränkt.

Es ist kein Wunder, dass Wilsons Demokraten die Wahlen 1920 haushoch verloren haben: Der demokratische Präsidentschaftskandidat James M. Cox erhielt nur 34,2% der Stimmen, im Repräsentantenhaus verfügten sie nur noch über 131 der 435 Sitze.

Doch wenn das der Preis war, der für Wilsons Politik zu zahlen war, so konnte Wilson doch dafür der Ordnung der ganzen Welt seinen Stempel aufdrücken.


  1. Bezeichnung für den Schmuggel verbotener Güter an kriegsführende Parteien über den Seeweg; auch für die Schmuggelwaren selbst. 

Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn

Eskapismus ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Gerade, wenn alles nicht so rund läuft, sind ein paar Glücksgefühle bitter notwendig, damit man das Leben weiter meistern kann. Ein Lied, das sich mit der Balance zwischen Eskapismus und Realität auf eigene Art beschäftigt, ist „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“ aus dem deutschen Spielfilm „Glückskinder“.

In der folgenden Szene tanzen und singen Lilian Harvey und Willy Fritsch, das Traumpaar des deutschen Films der Dreißiger Jahre, mit Paul Kemp und Oskar Sima, in einer spritzigen Nummer, in der es nicht nur um Hendln, sondern sogar um Gleichberechtigung, Mickey Mouse und Clark Gable geht.

„Glückskinder“ ist der gelungene Versuch einer deutschen Screwball-Komödie, die sich an den Hollywood-Streifen (Fünffacher Oscargewinner!) „Es geschah in einer Nacht“ anlehnt — und diese Anlehnung selbst humorvoll zur Schau stellt. So wird im Film zweimal Clark Gable bemüht, der ja der Hauptdarsteller von „Es geschah in einer Nacht“ war. Mehr zum Film kann man bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung lesen, die erst kürzlich eine sorgsam restaurierte Fassung von „Glückskinder“ veröffentlicht hat.

Der Film ist einer der letzten Ausläufer des beschwingten, mitunter auch frechen Tonfilms der Weimarer Republik. Obwohl viele der erfolgreichen deutschen Komponisten 1936, im Entstehungsjahr des Films, bereits von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt waren oder emigrieren mussten, konnte mit Peter Kreuder ein Tonkünstler verpflichtet werden, der echte Ohrwürmer für den Film schrieb. (Er emigrierte 1940 ebenfalls; 1942 wurde er zur Rückkehr gezwungen.)

Isidor von Sevilla

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla wird heute gerne als „Schutzpatron des Internets“ bemüht, besonders an seinem Gedenktag, dem 4. April. Nun, einige der Möglichkeiten des Internets täten dem langjährigen Erzbischof von Sevilla vielleicht gefallen. Wie Josef Bordat darstellt, ist der hl. Isidor aber vor allem ein wesentlicher Mittler von Wissen und Bildung. Isidor kompilierte z.B. eine zwanzigbändige Enzyklopädie, die sogenannten Etymologiae, oder ein Buch über die Natur, De Natura Rerum. Gemeinsam mit Beda Venerabilis, der in England ebenfalls wichtige Kompilationen und Zusammenfassungen überlieferten Wissens schuf, konnten so Sammlungen erstellt werden, die angesichts knapper Ressourcen und unsicherer Zeiten einen vertretbarem Umfang hatten und daher weite Verbreitung fanden. Beiden spielten z.B. bei der Vermittlung der Kugelgestalt der Erde eine Rolle — siehe eine Dissertation von Klaus Anselm Vogel.

Der hl. Isidor war auch als Historiker aktiv, gestaltete aber auch selbst Geschichte in mehreren Synoden. Sein Einsatz für den Aufbau von Schulen und die Erstellung fester Bildungsinhalte war wegweisend. Es soll aber auch nicht sein Antijudaismus verschwiegen werden, der sich in einer eigenen Schrift über die Juden ausdrücken sollte.

Nicht zuletzt war er ein Theologe und Seelsorger. Darüber hat Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz gesprochen und dabei darauf hingewiesen, wie Isidor die richtige Balance im Glaubensleben zwischen Versenkung und aktivem Tun betont, die für ein erfülltes Leben so wichtig ist:

Die endgültige Bestätigung einer rechten Lebensorientierung sucht Isidor im Vorbild Christi und sagt: ‚Jesus, der Erlöser, bot uns das Vorbild des aktiven Lebens, wenn er sich tagsüber dem Wirken von Zeichen und Wundern in der Stadt hingab, aber er zeigte das kontemplative Leben, wenn er sich auf den Berg zurückzog und dort im Gebet die Nacht verbrachte‘ (op. cit., 134: ebd.). Im Licht dieses Beispiels des göttlichen Meisters kann Isidor mit dieser klaren moralischen Lehre schließen: ‚Deshalb widme sich der Diener Gottes in Nachahmung Christi der Kontemplation, ohne dem aktiven Leben zu entsagen. Sich anders zu verhalten, wäre nicht recht. Denn wie man Gott mit der Kontemplation lieben muß, so muß man den Nächsten mit dem Handeln lieben. Es ist also unmöglich, ohne das gleichzeitige Vorhandensein der einen und der anderen Lebensform zu leben, noch ist es möglich zu lieben, wenn man nicht die Erfahrung sowohl der einen wie der anderen macht.‘

Gerade in der Fastenzeit kann also der hl. Isidor in manchem zum Wegweiser werden.

CEU: Orbán gegen Soros

Große Aufregung. „Angriff auf die freie Wissenschaft“. „Orbán bläst zum Angriff auf die Zivilgesellschaft.“ Was ist da nur wieder geschehen?

Die ungarische Regierung schlägt ein Gesetz vor, wonach Universitäten, deren Trägerorganisationen in Drittstaaten — also nicht im EWR — beheimatet sind, nur dann akkreditiert werden, wenn die Universität auch im Ursprungsland operiert und über die Anerkennung ein Vertrag zwischen Ungarn und dem Herkunftsland geschlossen wird.

Nun gibt es in Ungarn nur eine Einrichtung, auf die das zutifft, nämlich die Central European University, die vom ungarischstämmigen George Soros mit einer Stiftung von 880 Millionen Dollar gegründet wurde. Bis 2007 war Soros auch Vorsitzender des Verwaltungsrats der Universität.

Die CEU wurde nach der Wende geschaffen, um eine neue Generation von potentiellen Führungskräften und Intellektuellen im Geiste der linksliberalen Ideale heranzubilden, denen Soros und viele seiner Freunde anhängen. Auch sind ein länderübergreifendes Bewußtsein und eine Impfung gegen Nationalismen besondere Ziele der Universität.

Beispielhaft für die politische Ausrichtung steht der jetzige Rektor, ehemaliger Chef und Spitzenkandidat der kanadischen Liberalen Michael Ignatieff, der die Partei 2011 auf ein historisch schlechtes Wahlergebnis geführt hat.

Der Anspruch, Führungskräfte auszubilden, liest sich in einem Artikel des Pester Lloyd so:

„Gewöhnlich bekommen unserer Absolventen auch sofort einen Job“, meint Yehuda Elkana, „und nicht gerade die schlechtesten.“ Unter den Absolventen aus über 80 Ländern finden sich Minister und Botschafter, Professoren und Wissenschaftler, Rechtsanwälte und Menschenrechtsbeauftragte. Prominenteste Beispiele sind der rumänische Justizminister und der Umweltminister von Georgien. Dass der Kontakt zu diesen Absolventen auch nach deren Abschluss nicht abbricht, liegt im Interesse der Universität. „Interessant dabei ist, dass 80% in ihr Heimatland zurückkehren und dort wichtige Positionen einnehmen.“, meint dazu Elkana.

Nun ist es natürlich auch das gute Recht des Stifters, mit seinem Privatvermögen so viele Ausbildungsstätten zu gründen, wie er will. Und wer seine Ideen verbreiten will, tut gut daran, zukünftige Führungskräfte dafür zu gewinnen.

Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass solche Institutionen auch staatlich anerkannte Universitäten sein müssen. Das musste auch Soros erst lernen: So wurde die CEU ursprünglich in Prag angesiedelt. Doch die tschechische Regierung machte unmissverständlich klar, dass sie kein Interesse an einer Unterstützung dieser Einrichtung hätte. So weigerte sich Regierungschef Václav Klaus, die Miete für die Universität durch den Staat übernehmen zu lassen. Klaus wollte eine Einmischung von Soros in die tschechische Politik verhindern, und steht dessen Projekten bis heute sehr kritisch gegenüber.

Darauf ging das Projekt nach Ungarn, wo schließlich 2004 die Akkreditierung erfolgte. Übrigens war auch der jetzige Ministerpräsident Viktor Orbán einmal in den Genuss eines Stipendiums durch eine Soros-nahe Einrichtung gekommen. Viele junge Mittel- und Osteuropäer hatten durch die Zuwendungen des Milliardärs ungeahnte Möglichkeiten erhalten, sich weiterzubilden. Freilich verfolgt Soros dabei auch eine sehr eigenwillige Melange politischer Zielsetzungen, die mancher nicht goutiert und durchaus als Einmischung von außen empfunden werden kann. Es hat auch einen seltsamen Beigeschmack, wenn sich Wohlhabende quasi die Meinungen künftiger Generationen „kaufen“ wollen.

Wer übrigens einen Kommentar lesen will, der sich zwar kritisch mit den Versuchen von George Soros beschäftigt, seine Weltsicht zur Sicht der Welt zu machen, aber nicht in die Kategorien „Verschwörungstheorie“ fällt, vielleicht noch garniert mit antisemitischen Stereotypen, kann z.B. mit dem Text von Caroline Glick in der Jerusalem Post anfangen. Etwas dick aufgetragen, aber ähnlich überhöht ist ja der Pathos seiner Stiftungen, so dass es sich wieder ausgleicht.

Sacré Charlemagne

Am 2. April 747, vor 1270 Jahren, soll Karl der Große das Licht der Welt erblickt haben. Man kann die Bedeutung des ersten abendländischen Kaisers des Mittelalters gar nicht überschätzen. Die von ihm geförderte Karolingische Renaissance hatte für die Überlieferung antiker Texte, der Wiederentdeckung der Bildung, für die Liturgie, unsere Feier- und Kalenderkultur und vieles mehr eine eminente Bedeutung. Die Vereinigung weiter Teile Europas schuf einen Ideenraum, der auch in den folgenden Jahrhunderten wirkmächtig werden sollte.

Freilich gibt es so manchen Schüler, der Karl dem Großen immer noch wegen seiner Förderung der Erziehung und der Einrichtung von Schulen grollen mag. Und so fragt die junge France Gall 1965, wer die verrückte Idee gehabt habe, die Schule zu erfinden — und findet eine Antwort: „Sacré Charlemagne“. Ein nettes Wortspiel, weil es entweder „heiliger Karl der Große“ oder „verdammter Karl der Große“ bedeuten mag. Das Lied beginnt bei 00:41.

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt