Zum Passionssonntag: Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit hieß jahrhundertelang Passionssonntag oder Sonntag „Iudica“ nach dem Eröffnungsvers: „Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta : ab homine iniquo et doloso erue me. Quia tu es, Deus, fortitudo mea.“ — im jetzigen Messbuch übersetzt als: „Verschaff mir Recht, o Gott, / und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk! / Rette mich vor bösen und tückischen Menschen, / denn du bist mein starker Gott.

An diesem Sonntag wurde der Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, welcher der Heilung des Blinden vorangeht. Jesus redet im Tempel; dabei gerät er in eine Konfrontation mit ihm feindlich gesinnten Personen, die ihm vorwerfen, ein Samariter und ein Besessener zu sein. Es steht bereits im Raum, dass er getötet werden solle; am Schluss der Szene wollen ihn einige steinigen. Die kommende Passion ist schon spürbar.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Erzählung der Ehebrecherin, die kurz zuvor ins Evangelium eingeflochten ist, zusätzlichen Sinn. Jesus entlarvt da die Heuchelei der Steiniger, die doch selbst Sünden auf sich geladen haben. Um wieviel seltsamer ist es, dass sie nun ihn steinigen wollen, dem sie keine Sünde nachweisen können. Ja, sie tun es wohl, weil sie ihm Gotteslästerung vorwerfen; doch sind sie es nicht selbst, die Gott lästern? Sie sehen Gottes Taten durch ihn, sie hören seine Worte, und wollen ihn trotzdem nicht annehmen. Eigentlich sind sie „widerlegte Zeugen“, die nach Ansicht vieler Schriftgelehrten — nicht aber der Sadduzäer — bei einer Anklage, die den Tod fordert, selbst so bestraft werden sollen wie der von ihnen beschuldigte. Abgesehen davon übertreten sie mit ihrer Lynchjustiz ja das jüdische Gesetz, selbst wenn Jesus schuldig wäre.

Nun spricht Jesus im Tempel [die Last der Sünde direkt an](http://www.bibleserver.com/text/EU/Johannes8,31-36 “Bibel: Johannes 8,31-36), die er schon in der Geschichte der Ehebrecherin angesprochen hatte: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien. […] Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer im Haus. Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.“

Die Perikope des Passionssonntags bringt in der außerordentlichen Form einen Ausschnitt aus dieser dichten Stelle, in dem nicht bloß die Passion, sondern auch schon die spätere Auferstehung thematisiert wird. Jesus sagt: „Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.“ Die mit ihm streiten, scheinen nicht an die auch im Judentum jener Zeit durchaus verbreitete Vorstellung einer Auferstehung der Toten zu sein, denn bei freundlicher Interpretation hätte man diesen Satz ja wohl so verstehen können. Bekanntlich lehnten aber die Sadduzäer, die den Tempel dominierten, den Glauben an die Auferstehung ab. Und so erinnert ihre Argumentation auch ein wenig an jene der Sadduzäer, die Jesus den Irrtum der Auferstehung beweisen wollen. Abraham und die Propheten seinen gestorben, wie könne er da ewiges Leben versprechen. Sei er größer als Abraham? Jesus legt ein Bekenntnis in Analogie zum Johannesprolog ab: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Im Anfang war das Wort.

Dieses Wort will befreien, doch dieses Wort wird oft nicht erkannt, nicht aufgenommen. Wo es aber aufgenommen wird, da macht es frei. Eine tiefe, grundlegende Freiheit. Die Freiheit der Kinder Gottes: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“

Brendan Eich und die „Repressive Toleranz“

Die grässliche Fratze angeblicher Toleranz und Diversität zeigte die Hexenjagd auf Brendan Eich, Erfinder von JavaScript, Mitgründer von Mozilla und kurzzeitig nun auch Vorstandsvorsitzender der Mozilla Corporation, des wirtschaftlichen Arms der der Softwarestiftung, die neben dem Browser Firefox noch einige andere Produkte in der Palette hat. Auf Eich wurde in den USA massiver Druck ausgeübt, zurückzutreten, da seine Person nicht mit den Werten in Übereinstimmung stehe, die ein aufrechter Bürger zu vertreten hat. Sein Vergehen? Er unterstützte in Kalifornien eine — erfolgreiche — Abstimmungsinitiative gegen die Bezeichnung eingetragener Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare als Ehe.

Dafür wurde er selbst in der FAZ zum „Homophoben“ gestempelt. Wir haben also bereits den Punkt erreicht, wo Widerspruch zur Änderung des Ehebegriffs im deutschsprachigen Mainstream bereits „homophob“ ist. Der Tenor der US-Kritiker war: Er soll öffentlich seinen Irrtum eingestehen und sich zur lichten Seite bekennen. Dazu war Eich aber zu prinzipienfest.

Den Verfechtern dieser Strateige der „repressiven Toleranz“ ist vielleicht nicht bewußt, was sie anrichten. Sie fördert öffentliche Schauprozesse, erstickt jeden Diskurs. Konformität wird in diesem Klima oberste Pflicht. Oder ist vielleicht gerade das ihr Ziel? Es gehört jedenfalls besondere Chuzpe dazu, wenn Eichs Abtritt mit den Worten kommentiert wird, das sei ein wichtiger Schritt für „freie Meinungsäußerung und Gleichberechtigung“ gewesen, oder Mozilla habe gezeigt, es sei „inklusiv, sicher und einladend zu allen.“ Inklusiv? Einladend zu allen? Zu allen, die politisch im Gleichschritt marschieren.

In Österreich ist es außerhalb von Tendenzbetrieben glücklicherweise zumindest gesetzlich verboten, jemanden offen wegen seiner Weltanschauungen zu diskriminieren, auch wenn es in der Praxis (besonders der medialen!) leider vorkommt. Die diversen „Hate-Crime“-Bestimmungen, deren Ausweitung laufend gefordert werden, gehen aber ebenfalls in die Richtung, Meinungen zu kriminalisieren und Menschen wegen ihrer Überzeugungen ohne sachliche Rechtfertigung zu diskriminieren. Man kann gar nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ Man muss schon eher sagen: „Verhindert das Schlimmste!“

Zur Ukraine-Krise aus US-Sicht

Stephan Cohen hat einen interessanten Text im linksliberalen US-Magazin „The Nation“ zur Ukraine-Krise aus US-amerikanischer Sicht verfasst. Er warnt darin vor der bequemen Erzählung, die der russischen Führung die alleinige Schuld an der Eskalation zuweist, und vor einer Isolation Russlands: Man brauche Russland als Partner in vielen internationalen Themen wie dem Iran. Außerdem werde Russland auch bei Sanktionen nicht auf US-Kurs einschwenken, sondern stattdessen eine engere Bindung mit China suchen — Stichwort Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit.

Viele Falken in den USA halten offen das Ziel einer Einkreisung Russlands für wünschenswert, die immer wieder auch real verfolgt wurde. Die Zentralasien-Strategie der USA ist in dieser Hinsicht bislang gescheitert, die Osteuropa- und Kaukasus-Strategie war erfolgreicher. Nun sind diese Falken publizistisch wirkmächtiger als in der Realität, doch haben sie schon einige Entscheidungen herbeigeführt, die sich für die USA in Rückblick meist als die falschen herausgestellt haben — Stichwort Irakkrieg für republikanische, Libyen für demokratische Falken. Daher rät Cohen dem Präsidenten, sich so wie Ronald Reagan — der in der Praxis weitaus weniger kriegsfreudig war als manch Vorgänger und Nachfolger — nicht von den Falken leiten zu lassen.

Vor den ukrainischen Wahlen Ende Mai ist aber nicht viel zu erwarten. Diese werden aber ein interessanter Gradmesser, sowohl in punkto Ablauf, demokratischen Standards als auch in Hinblick auf das Wahlergebnis. Das muss nicht zusammenhängen. Es haben auch schon Parteien bei offensichtlichen Unregelmäßigkeiten trotzdem ein offensichtlich echtes Mandat errungen. — Falls die Radikalen hinter ihren Erwartungen abschneiden, wird auch deren Reaktion für die Zukunft des Landes von großer Bedeutung sein. Was geschiehet, wenn das Wahlergebnis von Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert wird, haben wir ja in jüngster Zeit schon öfter beobachten dürfen.

Österreich: Land der Kinderlosen?

Das Österreichische Institut für Familienforschung hat eine neue Studie über Kinderwunsch und die Bildung von Familien unter dem etwas sperrigen Titel „Unsicherheiten im generativen Verhalten“ veröffentlicht, über den auch in den Medien berichtet wurde.

Die Berichterstattung konzentriert sich dabei auf die Frage der Kinderbetreuung und der Aufteilung der Familienleistungen. Meist wird suggeriert, freie und flächendeckende Kinderbetreuung ab dem Kleinstkindalter wäre der vielleicht teure, aber entscheidende Puzzleteil; eine Ansicht, die dank ständiger medialer Wiederholung nun auch bei den Menschen angekommen ist.

In der Studie wird aber gleich anfangs ein wichtiger Punkt angesprochen, den ich auch aus meinem persönlichen Umfeld bestätigen kann: Welche Schritte man in seinem Leben unternimmt, hängt von Erwartungshaltung, sozialen Werte und der Zuversicht, mit der neuen Situation umgehen zu können, ab. Man nennt das die „Theory of Planned Behaviour“. Tatsächlich merken viele Menschen, dass ihnen eine Familie fehlt — spätestens, wenn sie der nach hinten verschobenen Postadoleszenz entwachsen sind. Doch in weiten Bereichen unserer hedonistischen Gesellschaft werden Kinder als Luxusgut gesehen und behandelt, wenn man sozusagen „alles andere“ schon erreicht hat.

Menschen aus einem Umfeld, in dem in der Frage des Nachwuchses nicht die „Einschränkung“ im Vordergrund steht, sondern die Bereicherung, die gegenseitige Liebe; die aus einem Umfeld stammen, in dem Kinder einfach zur Normalität gehören, wo nicht überdramatisiert wird oder überspitzte Erwartungen herrschen, was ein Kind alles zu bekommen habe, der wird sich später leichter mit der Entscheidung für das Kind tun. Die wichtigste Änderung ist nicht eine der Betreuungsplätze — auch wenn diese nicht zu vernachlässigen sind –, sondern der Herzen. Österreich ist am Papier nämlich keine kinderfeindliche Gesellschaft — die Familienleistungen kann man optimieren, sind aber in vielen Ländern Europas schlechter als in Österreich. Doch aus einem Mix von Erwartungsdruck, kinderfeindlichen sozialen Normen und mangelnder Erfahrung und Zuversicht wird ein für den Kinderwunsch tödlicher Cocktail.

Steuern: Baldrian statt Selbstanzeige?

Zur Debatte über Selbstanzeigen im Steuerrecht wollte ich schon länger einen großen Eintrag schreiben. Ganz besonders hat es mich nach einem kurzen Tweet-Austausch gejuckt, in dem ich gefragt habe: „Will man Geld hereinbekommen oder moralische Entrüstung befriedigen?“

Die Arbeit hat mir Le Penseur abgenommen, der vor einigen Tagen pointiert und scharf über die unheilige Einfalt der Verfechter von Strafen bei steuerlichen Selbstanzeigen geschrieben hat.

Es liegt ja auf der Hand: Es werden wesentlich mehr Steuervergehen selbst angezeigt, als die Finanzverwaltung jemals hieb- und stichfest beweisen hätte können. Wenn diese Selbstanzeigen aber trotzdem zu — je nach Vorschlag erheblichen — Strafen führen, dann werden nervöse Steuerpflichtige vor einer Betriebsprüfung nicht zur Selbstanzeige greifen, sondern lieber zu Baldrian.

Verwüstungen in vier Wiener Kirchen

Die Einordnung beginnt schon in der Überschrift: „Vandalenakte“. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber spricht von einem „Wahnsinnigen“, der „psychotisch verengt“ sei. Der 37-jährige Ibrahim A. aus Ghana, so ist zu erfahren, habe die Inneneinrichtung von vier Wiener Kirchen beschädigt, Statuen zerstört, Taufbecken demoliert, um gegen die Statuenverehrung vorzugehen.

Den finanziellen Schaden haben die Pfarrgemeinden, die nun wieder viel Geld für die Renovierung der zerstörten Kunstwerke oder die Beschaffung neuer aufwenden müssen. Vom Täter ist aufgrund seines Status als Asylwerber wohl kein Ersatz zu erwarten. Vielmehr hat die Polizei ihn wieder auf freien Fuß gesetzt, damit er weiteres Unheil anrichten kann.

Die einen sagen: Verwirrt. Ja, wenn die Bilderstürmer in Arabien, Byzanz oder den Niederlanden auch alle verwirrt waren.

Ich denke daher eher: Überzeugungstäter. Und nicht der einzige, wie eine Reihe weiterer solcher Verbrechen zeigen, die in Österreich in letzter Zeit verübt wurden. Antichristliche Gewalttaten sind im Steigen begriffen; die christlichen Kirchen verhalten sich aber in etwa so wie Herr Biedermann angesichts der Brandstifter und spielen die Gefahr herunter.

Öffentlich hat sich bis jetzt nur der Wiener ÖVP-Obmann Manfred Juraczka hervorgetan, der erinnert, dass Übergriffe auf religiöse Stätten kein Kavaliersdelikt sind, sondern Ausdruck massiver Intoleranz: „Auch und gerade jene, die manche von der Kirche vertretenen Positionen ablehnen, könnten jetzt manifestieren, dass ihnen Toleranz, Meinungs- und Religionsfreiheit Anliegen sind.“

Darauf kann man freilich lange warten. Wenn jemand mehrere Moscheen verwüstet hätte, wäre wohl überall von einem besorgniserrengenden Klima des Extremismus und Hass zu lesen. Richtigerweise. Kirchen? Da fragen sich die Betroffenheitsspezialisten wohl eher, warum der Täter sie nicht effizienterweise gleich abgefackelt hat.

1000 Jahre in 11 Minuten

In der Diplomatie Europas wird der Grundsatz der geheiligten Grenzen verfolgt — auch wenn praktisch auf diese Sicht verzichtet wird, wenn handfeste politische Interessen dagegen sprechen. Dieser Grundsatz hat freilich schon seine allgemeine Berechtigung, verfolgt man die Geschichte des Kontinents, die ganz im Gegenteil nicht von festen Grenzen, sondern vor allem ständigen Kriegen geprägt war, um diese Grenzen hin und her zu schieben.

Folgendes Video stellt diese Konstanz ständiger Veränderung der letzten 1.000 Jahre anschaulich in etwa 11 Minuten dar. Die wichtigsten Ereignisse werden links unten eingeblendet. Auch die letzten sechzig Jahre waren dabei keine ruhige Zeit, wenn man genau schaut.

Für die volle Auflösung, bei der man auch den Text lesen kann, muss man das Video auf der Videoplattform vimeo.com ansehen.

Mit Leib und Seele sehen

Die Halbzeit der Fastenzeit ist schon überschritten, wie uns der Sonntag Laetare ankündigt. Rosa Paramente zeige die freudigere Grundstimmung an.

Darauf stimmt uns eine lange Passage aus dem Johannes-Evangelium ein, in der Jesus einen Blinden heilt — der dafür viel Kritik von den Schriftgelehrten einstecken muss. Schon der Anfang ist bemerkenswert. Jesus sieht, nachdem er am Sabbat den Tempel in Jerusalem verlassen hat, den Blinden an. Offenbar deutlich genug, dass seine Jünger ihn danach fragen, wer die Sünde zu verantworten habe, wegen der er blind sei. Jesus lehnt diese Deutung aber ab: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Solange es Tag ist, müssen wir die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Und dann heilt der den Blinden, der gar nicht darum gebeten hatte. Zumindest aber folgt er Jesu Anweisung, den Teig aus Erde und Speichel auf seinen Augen im Teich Schiloah wieder herunterzuwaschen, worauf er wieder sieht. Gott erwartet nicht allzuviel von uns, damit uns seine Hilfe zuteil wird. Auf sein gutes Wort hören, das genügt schon.

Jetzt kommt es zu einer geradezu köstlichen Szene: Niemand kann sich vorstellen, dass der Blinde beim Tempel geheilt wurde; daher muss es wohl jemand sein, der ihm ähnlich sieht. Er bestätigt nun, dass er es selbst ist, und erzählt die Geschichte seiner Heilung. Auch die Pharisäer interessieren sich für die Heilung, die für sie aber kein Beleg dafür ist, dass Jesu’ Anspruch, den er zuvor im Tempel formuliert hatte, irgendwie Gehalt hätte. Einige sind überzeugt: Da die Heilung am Sabbat stattfand, muss sie vom Bösen initiiert sein. Jesus ist in ihren Augen ein Sünder, ein Abgefallener. Andere halten die Geschichte überhaupt für einen Schwindel, und befragen die Eltern und den Geheilten selbst noch einmal intensiv. Das wird dem ehemals Blinden langsam zu dumm, und er antwortet schließlich: „Ich habe es euch schon gesagt. Aber ihr habt nicht darauf gehört. Warum wollt ihr es nochmals hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ Das bringt sie in Rage — und macht deutlich: Bei aller ihrer Gelehrtheit, bei all ihrem Wissen sind sie doch blind für Gottes Wirken.

Der ehemals Blinde wird nun aus der Synagoge ausgestoßen; als Jesus dies hört, trifft er ihn wieder, und gibt sich ihm als der Menschensohn, der Messias zu erkennen. Während ihn dieser Mensch nun bekennt, an ihn glaubt, erkennen die Pharisäer nichts. Und so sagt Jesus hintergründig: „Wäret ihr blind, so würdet ihr ohne Sünde sein. Nun aber sagt ihr: Wir sehen! – Darum bleibt eure Sünde.“ Wie es in der „Catena Aurea“ dazu heißt: „Oder auch: ‚Wenn ihr blind wärt‘, das bedeutet der Schriften unkundig, dann würde keine so große Sünde auf euch lasten, so wie bei denen, die aus Unwissenheit sündigen. Nun aber, da ihr ja weise und Gesetzeslehrer seid, seid ihr durch euch selbst verurteilungswürdig.“

Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, sich die geistigen Augen von Gott reinigen zu lassen, klarer zu sehen. Dabei kommt es nicht unbedingt auf tiefgründige theologische Gelehrtheit an; sie führt etwa die Pharisäer im genannten Text sogar in die Irre. Das ist nicht weiter verwunderlich: Gerade umso gebildeter man ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es, kognitive Dissonanzen erfolgreich wegzurationalisieren. Wir sollen aber weder den Wider- noch den Zuspruch Gottes wegrationalisieren, sondern uns von ihm anrühren lassen. So wie der Blinde, der um Gottes Hilfe vielleicht nicht einmal gebeten hatte, und doch von ihm zu einem leiblich und seelisch Sehenden gemacht wurde.

Pikettys „Capital“: Das eherne Gesetz der Ungleichheit

Eines der Bücher, das derzeit überall herumgereicht wird, ist Thomas Pikettys „Capital in the Twenty-First Century“. Hunderte Seiten von Tabellen und Graphiken werden aufgebracht, um eine Grundthese des französischen Ökonomen zu untermauern, die er seit Jahren verfolgt: Dass Marktwirtschaften durch eine ehernes Gesetz zu hoher Ungleichheit führten; daher müsse man durch hohe Besteuerung (und wohl komplementärer Transfers) für den Idealzustand annähernd gleich verteilter Vermögen sorgen.

In einer Besprechung des Buches in der „Zeit“ schält Mark Schieritz die Kernthese gut heraus: „Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus. […] Über die Jahrhunderte hinweg haben sich die Vermögen stets erheblich schneller vermehrt als die Wirtschaftsleistung. Die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien belaufen sich demnach im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr, der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts dagegen beträgt langfristig nur ein bis eineinhalb Prozent. Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten.“

Dieses eherne Gesetz ist freilich alles andere als ehern, sondern entspringt einfach den Annahmen, die er trifft. Piketty behandelt die Wirtschaft so, als ob es um einen sich selbst backenden Kuchen handeln würde, den man nur nachher auf die Gäste aufteilen müsse. Anders gesagt: Wesentliche Teile der Wirtschaft werden exogen gesetzt. So zum Beispiel die Wachstumsrate und die Sparquote. Irgendwann ist übrigens auch in Pikettys Erzählung mit der Konzentration Schluss, wenn nämlich durch das Sparen gerade einmal das bestehende Kapital-Einkommens-Verhältnis erhalten wird.

Das Konvolut Pikettys, das zwischen inflationsbereinigten und nominellen Daten, absoluten und relativen Messungen hin und her schwankt, krankt noch an etwas: Am Fehlen eines stringenten Modells. Anklänge an Harrod-Domar-Solow sind dafür nicht genug. Wie Ryan Decker schreibt:„Aber letztlich handelt es sich um ein Chart-Buch, mit vielen ökonomischen Daten, aber sehr wenig Ökonomie.“ [Übs.d.A.]

Es bleiben große Fragen ausgespart. Ob es etwa gesellschaftliche Mechanismen der Vermögenskonzentration unabhängig vom Wirtschaftsmodell gibt. Ohne Zweifel war bzw. ist die reale Vermögenskonzentration auch in Gesellschaften hoch, die nicht marktwirtschaftlich organisiert sind. Welchen Einfluss der moderne Sozialstaat gerade auf die Kapitalbildung des Mittelstands hat, wäre auch interessant. Würden etwa die Ansprüche aus der Sozialversicherung als Vermögenswert gezählt, was sie bei einem Kapitaldeckungsverfahren auch wären, sähen einige Tabellen anders aus. Welche Bedeutung eine hohe Kapitalausstattung für die moderne Wirtschaft hat — und auch bereits für die Industrialisierung hatte, mit der Pikettys Analyse beginnt –, könnte in einem 700-Seiten-Werk durchaus auch Beachtung finden.

Wer ein Gefühl für Pikettys Argumentation bekommen will, kann z.B. ein Working Paper lesen, das er gemeinsam mit Gabriel Zucman 2013 verfasst hat. Mit einer deutschen Übersetzung von Pikettys „Capital“ ist zu rechnen.

Wenn Medien auf kritische Leser stoßen

In der FAZ findet sich ein kurioser Artikel, in dem sich Julian Staib mit der großen Zahl an Leserkommentaren beschäftigt, die in Sachen Ukraine und Krim quer zur Blattlinie liegen.

Eine Verschwörungstheorie, es handle sich dabei um russische Schein-Accounts, wird dann doch verworfen, um dann diese Kommentare in Bausch und Bogen selbst in die Nähe von Verschwörungstheoretikern zu rücken. Was für einige auch stimmen mag, aber kaum für alle.

Das Spannende an dieser Geschichte ist für mich aber mehr, wie irritiert Journalisten reagieren können, wenn ihnen ein deutlicher Teil der Leserschaft nicht folgt, mit der vorgelegten Deutung nicht zufrieden ist. In der untereinander stark vernetzten Gruppe politischer Journalisten, deren ideologisches Spektrum regelmäßig relativ eng ist, lebt es sich wie in einer Hallkammer, in der einem ständig die gleiche, eigene Meinung zurückgeworfen wird.

Mit der Existenz einer Gegenöffentlichkeit, welche die Deutungshoheit der Journalisten in Frage stellt, kann man in dieser Lage nur schwer umgehen.