Niederlande: Ein Rechtsruck, der von Links gefeiert wird?

Stellen wir uns vor: Die Koalition aus SPÖ und ÖVP halbiert bei einer Nationalratswahl ihren Stimmenanteil und kommt zusammen auf vielleicht nur mehr 27%, ein Absturz, der in den Umfragen auch schon seit Jahren prophezeit wird. Medial wird vor der Wahl aber nur die Frage gewälzt, ob eine Partei, die bei der letzten Wahl 10% Prozent der Simmen errungen hat — sagen wir, so wie die FPÖ 2002 und 2006 –, 15% oder 20% erreichen könnte, wiewohl klar ist, dass eine Regierungsbildung unter Führung dieser Partei völlig ausgeschlossen ist.

Partei 2002 2003 2006 2010 2012 2017
PVV (n.k.) (n.k.) 5,9% 15,4% 10,1% 13,1%
VVD 15,5% 17,9% 14,7% 20,5% 26,6% 21,2%
CDA 27,9% 28,6% 26,5% 13,6% 8,5% 12,5%
D66 5,1% 4,0% 2,0% 6,9% 8,0% 12,0%
PvdA 15,1% 27,2% 21,2% 19,6% 24,8% 5,7%
SP 5,9% 6,3% 16,6% 9,8% 9,7% 9,2%
GL 7,0% 5,1% 4,6% 6,7% 2,3% 8,9%
andere 23,5% 10,9% 8,5% 7,5% 10,0% 17,4%

Das ist in etwa das mediale Szenario rund um die niederländischen Wahlen für die Zweite Kammer der Generalstaaten. Die Regierungsparteien mussten herbe Verluste einstecken, dennoch wird VVD-Chef Mark Rutte als der Wahlsieger gefeiert. Den Titel muss er sich wohl mit Wilders’ PVV, den Christdemokraten (CDA) und den Linksliberalen (D66) teilen, auch GrünLinks darf sich durchaus als Wahlsieger fühlen. Abgerechnet wird nun einmal nach Wahltagen, nicht nach Umfragen.

Nun ist es in der volatilen politischen Landschaft der Niederlande durchaus ein Kunststück, so wie Rutte zum dritten Mal in Folge eindeutig den Führungsanspruch stellen zu können. Gegen ihn wird es wohl keine Koalition geben. Das hat aber weniger mit Geert Wilders zu tun als mit der drastischen Verkleinerung des linken Lagers und der völligen Zersplitterung der politischen Landschaft. So haben die Kleinparteien zusammen über 17% der Stimmen errungen, darunter eine Tierrechtspartei, eine Pensionistenpartei und eine türkische Partei. Insgesamt werden 13 Parteien im Parlament vertreten sein.

„Links is weggevaagd“

„Die Linke ist hinweggefegt“ titelt die niederländische Tageszeitung Telegraaf. 1998 stellte die Arbeitspartei mit Wim Kok den Premierminister, zusammen mit der Sozialistischen Partei und GrünLinks hielt das linke Lager knapp 40% der Stimmen. Zwanzig Jahre später sind es knapp 24% — nicht viel mehr, als die rechtsliberale VVD von Mark Rutte allein hält.

Klarer Rechtsruck

Bedenkt man, dass Wilders’ PVV eigentlich eine Abspaltung von der VVD ist — hier hat sich sozusagen die FPÖ von einem bürgerlicheren Liberalen Forum abgespalten –, kann man daher von einer deutlichen Akzentverschiebung in den Niederlanden von Links nach Rechts sprechen. Übrigens hat Rutte ja 2010 bis 2012 eine Minderheitsregierung angeführt, die nur dank Wilders Unterstützung im Amt war und auch von Wilders gestürzt wurde. Ideologisch sind Wilders und Rutte eigentlich nur in der Europapolitik wirklich konträr.

Jedenfalls können die zentristischen Christdemokraten und die linksliberalen D66 trotz eigener passabler Ergebnisse in dieser Gesamtsituation kaum eine alternative Koalition ohne Rutte zusammenstellen.

Reiner Clickbait-Journalismus

Eines ist klar: Die Vorberichterstattung zu den niederländischen Wahlen war in den meisten Medien reiner Clickbait-Journalismus. Wilders wurde zum Popanz gemacht, der es irgendwie schaffen soll, mit selbst in den für ihn besten Umfragen vielleicht 20 Prozent ganz Europa in Gefahr zu bringen. Europa muss dann wohl ziemlich fragil sein.

Der gleiche Unernst herrscht vielerorts in der Nachwahlanalyse, die Gustostückerl hervorbringt wie die Freuden-Tweets des deutschen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, wo es doch seine Parteifreunde in den Niederlanden gerade geviertelt hat. Oder die Bezeichnung Mark Ruttes als „europäischen Helden“, weil er angeblich Wilders verhindert habe. Wenn also jemand anderer als Wilders quasi eine pragmatischere Ausgabe der Wilders-Politik macht, ist es eh wieder ok? Man kann sich nur noch an den Kopf greifen …

Staatsbürgerschaft: Diener zweier Herren?

Kann man der Diener zweier Herren sein? In Goldonis Komödie [„Der Diener zweier Herren“](http://www.dieterwunderlich.de/Goldoni_diener.htm „Dieter Wunderlich: Carlo Goldoni: Ein Diener zweier Herren“) geht das nur unter großen Verwicklungen, die darin gipfeln, dass der Diener vor jedem der beiden Herrschaften, Florindo und Beatrice, den Tod seines jeweils anderen Herren fingiert. Am Schluss muss der Diener trotz aller gefinkelten Charaden sein Doppelspiel eingestehen.

[Im Lukasevangelium](https://www.bibleserver.com/text/EU/Lukas16%2C13 „Lukas 16,3“) ist Jesus ebenso fest überzeugt: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten.“

Mit Doppelstaatsbürgern ist das nach Meinung etwa der Grünen Abgeordneten Berivan Aslan und Alev Korun offensichtlich anders. Der Trend gehe in die Richtung Mehrfachstaatsbürgerschaft, „weil viele Menschen heutzutage Verbindungen in verschiedene Länder haben.“ [So laut Kurier](https://kurier.at/politik/inland/in-der-tuerkischen-community-herrscht-panik/251.929.051 „Kurier: In der türkischen Community herrscht Panik“).

Die angeführten Beispiele sind aber wenig angetan, doppelte Staatsbürgerschaften argumentativ zu stützen:

> Aslan sagt, es gebe beispielsweise „viele Türken, die im Alter wieder in die Türkei zurückgehen wollen. Es gibt aber auch junge Leute, die in Österreich studiert haben und in der Türkei arbeiten.“ Da sei eine Doppelstaatsbürgerschaft sinnvoll.

„Sinnvoll“? Es mag ja bequem sein, die doppelte Staatsbürgerschaft zu haben, wenn man die Staatsbürgerschaft nur als Bündel von Rechten sieht. Ja, immer den passenden Pass zücken zu können, hat natürlich Vorteile. Doch die Staatsbürgerschaft ist auch ein Bündel an Pflichten, die die Wurzel der Rechte sind. Pflichten, die nicht teilbar sind.

Wir erleben gerade eindrucksvoll, dass doppelte Staatsbürger wie der Diener zweier Herren immer wieder vor der Entscheidung stehen können, welchen ihrer Herren sie für tot erklären, welchen sie lieben, zu wem sie halten und zu wem nicht. In ruhigen Zeiten mag die Diskussion akademisch sein, doch sie wird schnell und unvermittelt ernst.

Wer also im Alter gerne in sein Ursprungsland zurückkehrt, mag das tun, doch er ist innerlich offenbar dieser alten Heimat vielmehr zugewandt als seiner neuen, falls es für ihn überhaupt Heimat ist. Wer auf Dauer in seinem Ursprungsland arbeiten will und kann, bei dem wäre eine Staatsbürgerschaft seines Ausbildungslandes keine Abbildung seiner eigenen Haltung. Die Doppelstaatsbürgerschaft wäre bei so klar unterschiedlichen Loyalitäten nicht sinnvoll, sondern völlig verfehlt.

Natürlich schwärmen gerade bei den Grünen viele von der völligen Auflösung der Grenzen und der Einheit aller Menschen. Damit würden Staatsbürgerschaften dann überflüssig, man sei „Weltbürger“. Doch auch, wem das gefällt: Es entspricht jedenfalls nicht der Realität. Und es lässt sich auch nicht durch die Ausweitung der Staatsbürgerschaft auf jeden, der nicht rechtzeitig davonläuft, erzwingen. Denn das Grundproblem bleibt: Man kann eben nicht der Diener zweier Herren sein.

Middlebury oder: Die Modernen glauben, ohne zu wissen, dass sie es glauben

Gilbert Keith Chesteron hat einmal notiert: „Das besondere Zeichen der modernen Welt ist nicht, dass sie skeptisch ist, sondern dass sie dogmatisch ist, ohne es zu wissen. Sie sagt, in Verspottung der alten Gläubigen, dass sie geglaubt haben ohne zu wissen, warum sie geglaubt hätten. Doch die Modernen glauben, ohne zu wissen, was sie glauben — und sogar ohne zu wissen, dass sie es glauben.“

Warum nur kommen mir diese Zeilen beim Geschehen in Middlebury in den Sinn, als linke Studenten einen öffentlichen Vortrag des Soziologen Charles Murray nicht nur durch Rufen und Klopfen verhindern wollten, sondern offenbar vor hatten, ihn und seine Begleiter zu verprügeln. Charles Murray beschreibt die absurden Ereignisse lebhaft. Es wird in den USA immer häufiger, was Murray so beschreibt:

Mitte der Neunziger konnte ich auf Studenten zählen, die zuhören wollten, dass sie nach einem gewissen Punkt den Störern zuzurufen anfangen würden: „Setzt euch und seid ruhig, wir wollen hören, was er zu sagen hat.“ Diese Art des Gegenprotests hatte einen Effekt. Sie erinnerte die Demonstranten daran, dass sie in der Minderheit waren. Mir wurde von den Leuten in Middlebury versichert, dass ihre Protestgruppen ebenfalls in der Minderheit sind. Aber sie sind eine Minderheit, die die Mehrheit eingeschüchtert hat. Die Leute im Publikum, die mich reden hören wollten, waren völlig verschreckt. Das darf nicht zugelassen werden. Ein Campus, an dem die Mehrheit der Studenten Angst hat, offen zu sprechen, weil sie weiß, dass eine Minderheit auf sie losgehen wird, ist kein intellektuell freier Campus in irgendeiner sinnvollen Art und Weise.

Das ist natürlich der Sinn dieser „Proteste“: Die Spannweite des akzeptablen Diskurses soweit einschränken, dass quasi nur mehr die eigene Meinung übrigbleibt. Zuerst waren es nur „Safe Spaces“ für Menschen, die andere Meinungen nicht aushalten; dann kam die „Trigger-Warnung“. Nach dem Niederbrüllen bleibt nur noch rohe Gewalt über. Diese Praxis greift in den USA immer mehr um sich und wird in europäischen Medien in der Regel wohlwollend zur Kenntnis genommen, da meist Konservative zum Schweigen gebracht werden sollen. In den USA aber wächst das Unbehagen auch unter vielen Linksliberalen wie etwa Jonathan Haidt über die geistige Verengung und Diskursunfähigkeit an vielen US-Unis.

So analysiert William Deresiewicz, sicher kein Konservativer, im American Scholar, dass viele liberale Colleges zu „religiösen Schulen“ geworden wären:

Was bedeutet es zu sagen, dass diese Institutionen religiöse Schulen sind? Erstens, dass sie ein Dogma besitzen, ungeschrieben, aber von allen angenommen: Ein Satz „korrekter“ Meinungen und Glaubenssätze, oder im besten Falle eine schmale Bandbreite, innerhalb der Uneinigkeit erlaubt ist. Es gibt eine richtige Art zu denken und eine richtige Art zu sprechen, und auch eine richtige Auswahl von Gegenständen, über die man nachdenkt und spricht. Säkularismus wird für selbstverständlich gehalten. Umweltschutz ist eine heilige Sache. Themen der Identität — im wesentlichen die heilige Dreifaltigkeit von Rasse, Gender und Sexualität — stehen im Zentrum der Debatte. […] Die grundsätzlichen Fragen, die eine College-Erziehung stellen sollte — Fragen der einzelnen und kollektiven Tugend, was es meint, eine gute Person und eine gute Gemeinschaft zu sein — werden für entschieden gehalten. […]

Deresiewicz berichtet von Studenten, die Angst haben, Fragen zu stellen, weil sie nur bei einem Verdacht, politisch unkorrekt zu sein, zum Paria werden; von der Suche nach Häresien, die von eifrigen Studenten ausgemerzt werden; vom Wettlauf, noch korrekter zu sein als die anderen. Studenten würden an manchen Universitäten nicht mehr über ein Thema diskutieren, sondern nur mehr, warum diese oder jene politisch korrekte Position als einzige vertreten werden dürfe.

Hier geht es nicht um wehleidiges Gejammere irgendwelcher Randständiger — hier geht es bereits um den Kern des freien Denkens, das in den mittelalterlichen Universitäten von Paris und Bologna mehr gefördert wurde, als sich ein Student von Middlebury für seine Uni überhaupt vorstellen kann. Freilich halten sich die Gläubigen dieser modernen Dogmen oft für ungemein kritisch, säkular und vernunftbasiert. Womit wir wieder beim Eingangszitat von Chesterton wären.

(via Steven A. Pinker)

Der Name der Rose: Drei Punkte, die mich magerln

Umberto Ecos „Der Name der Rose“ ist sicher einer der besseren Romane, die im Mittelalter angesiedelt sind. Eco spielt natürlich mit Klischees und arbeitet mit Anachronismen, die umso deutlicher werden, da er sich bemüht, einen authentisch klingenden Tonfall zu treffen. Doch wenn er augenzwinkernd die Hauptfigur Wittgenstein zitieren lässt, oder als Parellele zu Sherlock Holmes’ Watson den Gehilfen des ermittelnden Mönches Adson nennt, dann macht Eco klar, dass er mit Versatzstücken, Erwartungen und der Bildung des Lesers ein Spiel treibt. Das Mittelalters des Romans ist natürlich nicht das Mittelalter des 14. Jahrhunderts, sondern eine Projektion. Stephanie-Christina Kaiser hat das in einem Aufsatz an einigen Beispielen aufbereitet. Ein Roman will zudem eine Geschichte erzählen, der sich Details unterzuordnen haben. Beispielsweise hat keine Abtei des Mittelalters auch nur eine annähernd so gewaltige Bibliothek errichtet, vom Labyrinth ganz zu schweigen, doch für das Konzept des Romans ist das eben erforderlich.

Das vorausgeschickt, habe ich doch viele Jahre gebraucht, um zu bemerken, dass die Haupthandlung des Buches drei Schwächen hat, die gerade innerhalb der geschilderten Welt problematisch sind.

  1. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich die einzige Ausgabe einer Aristoteles-Schrift ausgerechnet in einer italienischen Abtei befindet.
  2. Selbstmord ist im Mittelalter keine Option. Angeordneter Selbstmord erst recht nicht. Es wird kein Grund angegeben, warum dies im projizierten Mittelalter des Romans anders sein soll.
  3. Der durchschnittliche mittelalterliche Intellektuelle hat zum Lachen und zum Humor eine ambivalente Haltung, doch gegen die Ansichten des Bibliothekars hätte es etliche zeitgenössische Argumente gegeben.

Aristoteles in Italien?

Aristoteles’ Werke waren im lateinischen Westen des frühen Mittelalters praktisch unbekannt. In den Wirren der Völkerwanderungszeit hatten gerade einmal die Übersetzungen und Kommentare des Boethius überlebt. Diese wurden mit Wiederaufleben des Schreibens und Lesens ab der Karolingik auch eifrig kopiert, rezipiert und auch übersetzt, z.B. um 1000 von Notker Labeo ins Deutsche. Griechische Originale waren unbekannt.

Eine breite Aristoteles-Rezeption begann erst über Spanien, wo arabische Aristoteles-Übersetzungen weiter ins Lateinische übertragen wurden. Bald bemühte man sich, bessere Übersetzungen durch direkten Zugriff auf griechische Quellen zu schaffen. Hier ist besonders Papst Urban IV. hervorzuheben, der solche Übersetzungen gefördert haben soll. Und Wilhelm von Moerbeke ist zu nennen, der auf Bitte des Thomas von Aquin viele Texte des Aristoteles vom Griechischen ins Lateinische übertrug.

Die „Lateinische Reiche“ in Griechenland, die nach der Eroberung Konstantinopels 1204 entstanden sind, mögen den Zugriff auf griechische Quellen erleichtert haben. Das ist aber pure Spekulation meinerseits.

Der mittelalterliche „Hype“ um Aristoteles hatte Ende des 12. Jahrhundertes begonnen und war im 13. Jahrhundert im vollen Gange. Dabei taten sich die Franziskaner als Gegner des Aristoteles, die Dominikaner als seiner Verteidiger hervor. Hätte eine Abtei in einer Zeit, in der die Verbreitung der Schriften des Aristoteles sogar vom Papst gefördert wurde, den unwahrscheinlichen Fall zu vermelden gehabt, dass sie eine Aristoteles-Schrift als einzige (!) besäße, so hätte das ungeheures Prestige bedeutet.

Nebenbei musste der mittelalterliche Bibliothekar das Herz haben, unliebsame Bücher zu recyclen, weil Schreibwaren exorbitant teuer waren. Wer also ein Buch nicht brauchen konnte, der schabte es einfach ab und verwendete die freien Pergamente für ein neues Buch.

Selbstmord ist keine Option

Gerade einem Mönch Selbstmord als Ausweg suchen zu lassen, widerspricht den Überzeugungen jener Zeit. Selbstmord als Ausweg anzuordnen, wie es dem Bibliothekar geschieht, erst recht. In der Passion kann sich selbst der Schächer noch retten, weil er sich vor dem Tode zu Christus bekennt; der Selbstmörder Judas Iskariot aber begibt sich jeder Möglichkeit der Reue und Umkehr und scheidet mit einer Untat aus der Welt. Freilich gab es im Mittelalter Selbstmorde — aber sie haben in der Umgebung blankes Entsetzen hervorgerufen.

Bernard Gui lacht

William von Baskerville, die Hauptfigur des „Namens der Rose“ mit dem ironischen Sherlock-Holmes-haften Namen, hätte gegen den blinden Bibliothekar Jorge von Burgos1 mächtigere Argumente zur Hand gehabt, als er im Buch verwendet.

Verhöhnen, Spott und derbe Scherze, die im Mittelalter recht verbreitet waren, entsprechen nicht gerade dem christlichen Ideal. Und schallendes Gelächter ist mit dem Ideal eines ausgelichenen, ruhigen, in Gott versunkenen Menschen wohl nicht vereinbar. Zudem ist Lachen oft ein Auslachen – keine christliche Tugend.

Und doch hat etwa Bernard Gui festgestellt, dass jeder rechtschaffene Mensch zumindest einmal am Tag gescherzt haben sollte. Ja, der Bernard Gui, dessen Name bei Umberto Eco für den bösartigen Rivalen des William von Baskerville herhalten muss, der mit untauglichen Mitteln ebenfalls versucht, die Verbrechen zu klären und dabei drei Menschen den Tod bringt. Der echte Bernard Gui war ein sehr geschätzter, sehr gebildeter Mensch, der auch ein reiches historisches und hagiographisches Oeuvre hinterlassen hat. Und eben diese Weisheit.

Auch Thomas von Aquin — über den Bernard Gui eine Biographie verfasst hat — wusste vom grundsätzlichen Wert von Scherz und Spiel, wenn es in rechtem Maß betrieben würde. In der Summa Theologiae bemüht er eine Geschichte des hl. Johannes des Evangelisten, der mit seinen Schülern gespielt habe. Als ihn einige Leute deswegen rügten, fragte er zu einem der Leute, der einen Bogen trug, ob er ein paar Pfeile schießen könnte. Das tat der. Darauf fragte Johannes, ob er das ununterbrochen weiter tun könne. Das verneinte der Mann, weil dann der Bogen bräche. So sei es auch mit dem Geist, der hin und wieder Entspannung brauche, soll darauf Johannes erläutert haben.

Ja, für kontemplative Mönche sind übermäßige Gefühlsregungen zu meiden. Wer nichts Unnötiges schwätzen soll, wie es die Benediktsregel fordert, soll wohl auch keine Witze erzählen. (Noch dazu, wo der Witz jener Zeit eher selten die feine Klinge war.) Geschwätz, das zum Lachen reizt, soll gemieden werden. Doch schreibt Benedikt in den Ordensregel über die Stufen der Demut, dass — in einer der höchsten Stufen! — der Mönch nicht leicht und rasch ins Lachen verfallen soll. Auch soll er ruhig und demütig, ohne Geschrei und ohne Lachen reden. Aber „nicht leicht und rasch“ heißt eindeutig nicht: „nie“.

Wie der Abt von Engelberg, Christian Mayer OSB, erklärt:

„Ordensgründer Benedikt verbietet das Lachen nicht. Was er nicht will, ist oberflächliches Lachen. Ein Lachen, das aus dummen Witzen, herablassendem Gespräch über andere oder aus Langeweile entspringt. Das wohlwollende Lächeln, das gütige Schmunzeln oder auch das herzhafte Lachen gehören zum Klosteralltag dazu. Benedikt schreibt im vierten Kapitel über die ‚Werkzeuge der geistlichen Kunst‘: ‚Seinen Mund vor bösem und verkehrtem Reden hüten. Das viele Reden nicht lieben. Leere oder zum Gelächter reizende Worte meiden. Häufiges oder ungezügeltes Gelächter nicht lieben.‘ Sie sehen, er vermiest uns also nicht das Lachen an sich.“

Freilich: Im frühen Mittelalter war die Identifizierung von Lachen mit Spott, Hohn und Auslachen sehr stark. Viele Texte schärften den Mönchen daher ein, auf Lachen zu verzichten, wobei die Textwendungen jeweils deutlich machen, das oft die dahintersteckende Selbstüberhebung und Maßlosigkeit als Problem gesehen wird.

Die Unterscheidung in gutes, fröhliches und schlechtes, abwertendes Lachen hatte aber die Scholastik gerade im 13. Jahrhundert wiederentdeckt und wäre daher 1327 den gebildeten Kontrahenten mehr als geläufig gewesen. Dabei konnten die Scholastiker auch auf die Bibel zurückgreifen, in der sich beide Formen des Lachens finden.

Schließlich geht das sogenannte Osterlachen mindestens bis ins 14. Jahrhunder zurück: Der Brauch, dass der Priester zu Ostern in der Predigt eine erheiternde Geschichte erzählt, um die Freude über Ostern noch einmal sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Dabei wurde auch öfter der Leibhaftige verspottet, wie es der blinde Bibliothekar im „Namen der Rose“ fürchtet. Offenbar glaubte schon im 14. Jahrhundert niemand, dass Lachen über den Versucher zur Gottlosigkeit führen würde. Der Ernst der Aufklärung hat diesen Brauch allerdings wieder aus den Kirchen verbannt, in den protestantischen Gebieten bereits die Reformation, die mit Scherzen in der Kirche nichts anfangen konnte.


  1. Eine Anspielung auf Jorge Luis Borges, selbst Direktor der Argentinischen Nationalbibliothek und Autor u.a. der berühmten „Bibliothek von Babel“ 

Andreas Gryphius: Ein Sonett der Verklärung

Zum Abschied des heutigen Sonntags darf ich ein Sonett des Barockdichters Andreas Gryphius einstellen, dass er für den Tag der Verklärung Jesu am Berg Tabor geschrieben hat. Da der heutige Sonntag die gleiche Evangelienstelle gebracht hat, passt es aber ebenso gut. Der Text ist eine orthographisch modernisierte Form des Sonetts, wie es sich auf zeno.org finden läßt.

Auf den Tag der Verklärung Jesu

Gleich wie das Heil der Welt, mit hellem Glanz umgeben,
Auf Tabors1 Spitze steht, wie seiner Kleider Licht
Hellstrahlende verblendt der Jünger Angesicht,
So scheint, wer Christum liebt, in neu-verklärtem Leben.

Hier schaust du Mosen nur mit dem Thesbiten2 schweben
Kaum einen Augenblick. Dort fliehn die Engel nicht;
Dort ist der Haufen der geheime Ding’ ausspricht;
Dort sind, die Gottes Ruhm mit freiem Mund erheben.

Hier hat des Himmels Fürst mit Wolken sich umdeckt,
Hier wird durch seine Stimm’ der Jünger Herz erschreckt;
Dort hört man seinen Trost, dort kann man klar Ihn schauen.

Wenn hier ein einig3 nun so fröhlich Petrum macht:
Was wird wohl ewig tun? Drum eilt ihr Leut’ und wacht,
und lasst uns fröhlich dort, nicht hier die Hütten bauen.


  1. Der Berg, auf dem die Verklärung stattgefunden hat, wird nach alter Überlieferung mit dem Berg Tabor identifiziert. 
  2. Ein Beiname des Propheten Elija, nach seiner Heimatstadt. 
  3. einig: Alter Ausdruck für einzig 

Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Gaia entdeckt Sternenbrücken, Planeten und Millionen von Sternen

Teleskop Gaia © ESA

Teleskop Gaia © ESA

Das Hubble Teleskop ist vielleicht berühmter, doch das Teleskop der Europäischen Weltraumagentur ESA steht ihm nicht nach. Gaia macht seit 2014 Weitwinkelaufnahmen der Sterne mit einer Präzision, dass man auf den Bildern den Daumennagel eines Mondastronauten abmessen könnte, wie es die ESA plakativ darstellt.

Dazu wurde es auf einen Lagrangepunkt L2 gebracht, eigentlich einer Umlaufbahn um die Sonne 1,5 Millionen Kilometer außerhalb der Erdbahn, bei der die Erdanziehungskraft genau so stark auf das umlaufende Objekt einwirkt, dass seine Umlaufgeschwindigkeit hoch genug wird, um einen Umlauf parallel zur Erde zu beenden. Glücklicherweise muss man nicht genau diesen — instabilen — Punkt erreichen. Das Objekt kann auch eine Bahn rund um den Punkt beschreiben.

Aus dieser Position kann man nun einerseits die Daten gut zur Erde übertragen, andererseits auch die Milchstraße exzellent beobachten. Das eigentliche Ziel der Mission ist es nämlich, eine räumliche Karte der Milchstraße anlegen zu können, in dem etwa eine Milliarde Sterne untersucht werden. Jedes der Objekte wird während der fünfjährigen Missionszeit werden etwa siebzigmal beobachtet, so dass auch Veränderungen, Laufbahnen, die Sterne verdunkelnde Planeten und mehr entdeckt werden können.

Gaias erste Karte der Milchstraße und der Magellanschen Wolken Quelle: ESA/Gaia/DPAC.

Gaias erste Karte der Milchstraße und der Magellanschen Wolken Quelle: ESA/Gaia/DPAC.

Dabei gelangen schon spektakuläre Erfolge. 400 Millionen Sterne konnten erstmals festgehalten werden. Und jetzt wurde eine „Sternenbrücke“ entdeckt, mit der die zwei Magellanschen Wolken verbunden sind. Diese Brücken dürften entstanden sein, als sich die große und die kleine Wolke nahegekommen waren und durch die wirkenden Gravitationskräfte Sterne und Gas aus der kleinen Wolke herausgelöst wurden. Die Corona der Milchstraße wiederum verlangsamte die Gasbrücke, die von der Sternenbrücke getrennt wurde.

Mehr über die Mission „Gaia“ mit Texten, Bildern und Videos gibt es auf den Seiten der ESA unter http://sci.esa.int/gaia/.