Französische Kolonie — schlechte Schulbildung?

„Wer nicht weiß, woher er kommt, kann auch nicht wissen, wohin er geht, weil er nicht weiß, wo er steht.“
— Otto von Habsburg

Die vorangegangenen Jahrhunderte formen und bestimmen die Gegenwart viel stärker, als man in unserer jetzt-verliebten Zeit gerne annimmt. Ein Beispiel dafür erleben wir jetzt in der Ukraine. Ein anderes haben Denis Cogneau und Alexander Moradi für Afrika erforscht: Wie die Entscheidung, ob ein Land britisch oder französisch kolonialisiert wurde, bis heute auf die Schulbildung der Bevölkerung wirkt.

Die britische Kolonialverwaltung hat den Aufbau von Schulen außerhalb traditionell islamischer Gebiete weitgehend christlichen Missionsgesellschaften überlassen, die in der Volksschule den Unterricht in einheimischen Sprachen abhielten. Die französische Kolonialverwaltung dagegen sah Bildung als integralen Motor der Identifikation der Kolonialbevölkerung mit Frankreich, setzte Französisch als einzige Unterrichtssprache fest und versuchte schon auf Grund des in Frankreich propagierten Laizismus, ein Netz staatlicher Schulen zu errichten.

Das Ergebnis ist angesichts beschränkter staatlicher Ressourcen allerdings anders ausgefallen, als es die Franzosen gedacht haben. Das flexible britische Modell führte schon zu Kolonialzeiten zu höherer Schuldichte und stärkerem Schulbesuch als das französische, und dieser Effekt wirkt bis heute nach. Nun könnte man einwenden, dass für die Unterschiede weniger der Kolonialherr als andere Umstände (z.B. Klima, Kultur, …) verantwortlich wären. Das lässt sich an Hand des Falles Togo allerdings gut untersuchen. Denn die deutsche Kolonie Togo wurde im Ersten Weltkrieg in einen französischen und einen britischen Teil gespalten, in denen sich die Unterschiede im Bildungssystem bald manifestierten: Viele Missionsschulen im südlichen Teil der britischen Kolonie, wenige staatliche Schulen im französischen Togo, die dafür übers ganze Land verteilt waren.

Algerien: Kann man mit Fanatikern verhandeln?

Die Geiselnahme in Algerien hat wieder einmal die Verwundbarkeit der Zivilisation gegenüber Terroristen aufgezeigt, aber auch, wie sehr wir in der modernen Medienwelt zu schnellen Schlüssen ohne Information neigen.

Zuerst wurde bei uns ja nur über die nicht-algerischen Geiseln berichtet, die von den Islamisten genannten Opferzahlen übernommen, unterschwellig der algerischen Armee die Schuld an Todesopfern untergeschoben. Nun erfährt man, daß in der Gasförderanlage in In Amenas rund 700 Menschen gearbeitet haben, davon der Großteil Algerier. Von diesen konnte die überwältigende Mehrheit befreit werden, ebenso ein großer Teil der ausländischen Geiseln.

Die Überlegungen der algerischen Regierung sind jedenfalls nach deren langjährigen Erfahrungen mit Islamisten nachvollziehbar: Wenn sie mit den Geiselnehmern verhandeln würden, so gäben sie ihnen die öffentliche Bühne, die diese wünschen. Damit würde es sich auch in Zukunft für Islamisten lohnen, ähnliche Aktionen durchzuführen, für die es im riesigen, rohstoffreichen und menschenarmen Wüstenteil Algeriens genügend Ziele geben dürfte. Darüberhinaus haben die Islamisten nicht den Ruf, sich an Vereinbarungen zu halten, und gehen mit Geiseln äußerst brutal um. Das liegt daran, daß ihre Verhandlungspartner in ihren Augen ohnehin nur „ungläubige Hunde“ sind (auch wenn es sich dabei um Moslems handelt!), und daher keine moralische Verpflichtung auf Pakttreue bestünde. Es hätte also wahrscheinlich auch keinen besonderen Sinn, mit ihnen zu verhandeln, weil das „Verhandlungsergebnis“ nichts wert wäre.

Symptomatisch dafür ist ja, daß die Forderungen der Geiselnehmer durch Algerien gar nicht erfüllt werden konnten: Nämlich ein Ende der Unterstützung Frankreichs für die Regierung in Mali gegen die islamistischen Rebellen. Tragfähigen Frieden mit den Islamisten der al-Kaida-nahen Gruppierungen gibt es nur bei deren Sieg oder deren Marginalisierung, da ihre pseudognostische Ideologie pragmatischen Überlegungen nicht zugänglich ist.

Nebenbei seltsam, wie viele Leserkommentare im Zusammenhang mit der Terroraktion in Algerien Frankreich dafür geißeln, daß es in Mali auf einen Hilferuf der Regierung hin gegen eine hauptsächlich ausländische Rebellentruppe vorgeht. Einen legitimeren Fall ausländischer Hilfe kann es nicht geben. Ebenso seltsam, warum viele westliche Länder in Syrien den Vormarsch islamistischer Gruppen mit Wohlwollen betrachten, die grausame Verbrechen an Christen, Alawiten, Kurden und moderaten Sunniten verüben und immer mehr die anderen Rebellengruppen an den Rand drängen.

Mali-Einsatz: Richtig, aber inkonsequent

So schnell kann sich die Meinung eines Politikers ändern. Im Wahlkampf war François Hollande noch fest überzeugt, daß Frankreich sich nicht in die Angelegenheiten seiner ehemaligen Kolonien einmischen solle. Er präsentierte sich viel mehr als strammer Antiimperialist, und warb etwa für einen Rückzug Frankreichs aus Afghanistan, das man, so die indirekte Botschaft, besser den Taliban überlassen sollte.

Als Präsident hat er den Rückzug aus Afghanistan, in dem Frankreich tatsächlich kaum geopolitische Interessen verfolgt, tatsächlich durchgeführt. Die Unabhängigkeit Azawads oder sogar den Sturz der jetzigen Regierung Malis dagegen, beides im tiefen Widerspruch zu den Interessen Frankreichs, konnte er doch nicht zulassen. Sein Zögern, für das er auch innenpolitisch bekannt ist, sorgte für eine Entscheidung in gleichsam letzter Minute, aber immerhin.

Die islamistischen Angreifer sind tatsächlich nicht zu unterschätzen: Eine dank des Zerfalls Libyens gut ausgerüstete Truppe, ideologisch hochmotiviert, und Profiteure der jahrzehntelangen Unterdrückung der Tuareg im Norden Malis, die daher Verbündete für ihren Kampf gegen die Regierung gebraucht haben. Tuareg und Islamisten haben sich zwar mittlerweile getrennt, doch haben die Islamisten die Oberhand. Sie sind auch die „modernere“ Kraft: Analog zu den Progressiven Europas verwerfen sie die gewachsene Tradition und wollen einen neuen Menschen in einer vollkommenen Gesellschaft schaffen. Allerdings ist ihr Bauplan dafür eine spezifische Auslegung des Korans, die mit einem strengen Salafismus zusammenhängt.

Es ist wohl auch richtig, daß ein islamistisch beherrschtes Land wiederum Trainingsort für Terroristen und destabilisierend für die ganze Region wäre, da die Islamisten von ihrer Lehre her nach der Herrschaft in den benachbarten Ländern streben müssen. Der Einsatz Frankreichs war daher notwendig, um schlimmeres zu verhindern. Wenn nun der „Standard“ allerdings behauptet, der Einsatz sei konsequent gewesen, dann weiß ich nicht, von welchem François Hollande sie sprechen.

Nebenbei: Westerwelles Rede davon, daß eine militärische Lösung nicht allein bestehen könne, trifft zwar oft zu, aber gerade im Falle Malis hätte er sie sich schenken können. Mit Islamisten vom Schlage Ansar Dines kann man nicht verhandeln, weil sie keine regionalen Interessen vertreten, denen man entgegenkommen könnte, sondern von einer Art Weltherrschaft träumen. Mit Pinky und dem Brain sollte man bekanntlich auch nicht verhandeln.

Am Kreuz in Mogadischu

Ein BBC-Bericht aus Mogadischu – und doch viel mehr. Eine Erzählung über das Böse unter der Sonne und seinen Kampf gegen den Christus, über Leid und Hoffnung, den Himmel, der sich über den Menschen öffnet.

Eine mutige Reporterin hat sich in die größte Stadt des früheren Somalia begeben, um aus dem „failed state“ zu berichten. Eine Kostprobe:

It was Ramadan in Mogadishu – the holy Muslim month and we were inside the remains of what had once been one of the grandest Catholic cathedrals in the whole of Africa, built by Italian colonialists in the 1920s. Its last bishop, Salvatore Colombo, was murdered there in 1989 as he was giving mass.

Der ganze Artikel regt zum Nachdenken an.

Azawad: Ein neuer Staat entsteht

Offenbar wird in Afrika gerade ein neuer Staat geboren: In Mali haben sich die islamistischen Krieger von Ansar al Din, übersetzt die „Verteidiger des Glaubens“,  und die Tuareg des Mouvement national de libération de L’Azawad (MNLA) zur Nationalarmee von Azawad zusammengeschlossen, um im Norden des Landes eine neue Entität namens Azawad zu schaffen, möglicherweise mit dem sagenumwobenen Timbuktu als Hauptstadt.

Ohne den von Strategen klug durchdachten und geplanten Krieg in Libyen wäre diese Machtstellung in Nordmali gar nicht möglich gewesen. Die Islamisten haben sich mit schweren Waffen aus den libyischen Arsenalen aufgerüstet; und die Bewegung MNLA soll von Tuareg gegründet worden sein, die in der libyischen Armee gedient haben. Ihre Anfangserfolge führten zu einem Putsch in Mali, der wiederum den Vormarsch nur beschleunigte und die Armee Malis neutralisierte, da sie vor allem mit der Absicherung der Macht der Putschisten in der Hauptstadt Bamako beschäftigt ist.

So erklärten die Tuareg am 6. April die Unabhängigkeit Azawads. Nach Kämpfen zwischen Islamisten und Tuareg, die regelmäßig von den Islamisten gewonnen worden waren, kam es nun zur Fusion der beiden. Der neue Staat soll „Islamische Republik Azawad“ heißen und strikt an der Scharia orientiert sein. Die westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion Ecowas will mit der Gruppe jedenfalls ins Gespräch kommen.

Der Erbsen-Blindtest und die Entwicklungszusammenarbeit

„Randomisierte kontrollierte Studien“ sind komplizierte, aber höchst wirkungsvolle Tests, ob Medikamente, Düngemittel oder auch eine Verwaltungsreform funktionieren kann. Dabei wird in einer Gruppe die zu beobachtende Intervention durchgeführt, in der einer anderen nicht, oder eine bereits bekannte Intervention. Wo aber welche Intervention durchgeführt wird, bestimmt der Zufall, um Selektionseffekte zu vermeiden.

Früher wurde diese Technik vor allem in der Medizin verwendet, um die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen. Heutzutage verwendet man das aber auch für ökonomische Fragestellungen, z.B. in der Entwicklungshilfe, wie die „Zeit“ vor einigen Monaten berichten konnte. So konnte man auf diesen Weg Mittel finden, um die Durchimpfungsrate in indischen Dörfern zu erhöhen, oder welche von vier Maßnahmen zur Polizeireform in Rajastan am wirkungsvollsten ist. Freilich muß man dabei auf der Hut sein, da man ja nur bereits vorgefertigte Interventionen testen kann, und die Ergebnisse gerade im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in einem komplexen sozialen System erzielt werden, das möglicherweise zu Ergebnissen führt, deren wahre Ursachen nicht verstanden werden.

Ein überraschendes Ergebnis erzielte nun eine Studie über Saatgut in Tansania: Es gibt bei solchen „Randomisierten kontrollierten Studien“ nicht nur bei Medikamenten eine Art Placebo-Effekt. Schließlich wissen die beteiligten Menschen zumindest, daß sie an einer Studie teilnehmen. Im vorliegenden Fall wurde entweder normales oder spezielles Saatgut für Erbsen an Bauern ausgegeben. Zuerst wurde die Studie so durchgeführt, daß die Bauern erfuhren, welches Saatgut sie erhalten. Und – voilà! Das spezielle Saatgut brachte 20% mehr Ertrag. Was aber, wenn man allen Bauern erzählte, sie hätten das spezielle Saatgut erhalten? Dann steigt auch bei der Kontrollgruppe mit traditionellem, aber vermeintlich speziellem Saatgut die Ernte beträchtlich. Wie Angus zusammenfaßt:

In other words, the significant effect found in the traditional RCT was not due to better seeds, it was due to actions taken by the farmers who thought they were getting better seeds (they planted them in larger plots with more space between the plants on better quality land). These farmers‘ expectations were wrong (in post experiment surveys, over 60% of them said they were disappointed in the yields), and the significant effect in the traditional RCT would not survive over time because the farmers, having adjusted their expectations downward would stop taking the actions that produced the „success“.

Solche Blindstudien sind halt in anderen Zusammenhängen ethisch durchaus bedenklich. Aber sie zeigen auch, daß manche Annahmen paternalistischer Entscheidungsträger einfach auf falschen Analysen beruhen, und wären auch in Europa interessant. Die Anreizstruktur für Politiker deutet aber eher in eine andere Richtung als Blindtests von Reformschritten.

(Dank Hinweis auf Marginal Revolution)

Libyen zum Jahrestag des Aufstands

Vor etwa einem Jahr begann in Libyen der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi, der einige Monate und viele Tote später mit der Machtübernahme eines Übergangsrates und der Tötung des früheren Machthabers und eines Teils seiner Familie zu Ende gegangen schien. Seither beherrschen bekanntlich Milizen die Städte, es kommt regelmäßig zu Gefechten und Menschen verschwinden spurlos. An tatsächlichen oder vermeintlichen Gadaffi-Anhängern wird blutige Rache geübt, wodurch sich etwa die Gerüchte um den Tod einer Fernsehmoderatorin erklären lassen, die als Staatsfeind behandelt wird.

Nach Angaben von Human Rights Watch wurde offensichtlich auch der frühere libysche Botschafter in Frankreich, Omar Brebesch, vor seiner Ermordung durch eine Miliz auch noch grausam gefoltert. Erschreckend auch der Bericht über den Ort Tawergha, der, wie andere Ortschaften auch, von den Freiheitskämpfern aus Misrata plattgewalzt wurde und dessen Einwohner getötet oder verschleppt worden sind. Die Kämpfer brüsten sich damit, die Verschleppten eher noch zu ermorden, als sie freizulassen. Wie es in dem Artikel auch heißt:

Die medizinische Hilfsorganisation MFS stellte im Januar ihre Arbeit in der Hafenstadt [Misrata] ein, weil die Helfer oft gerufen wurden, um Folteropfer in einen gesundheitlichen Zustand zu versetzen, der es den Folterknechten erlaubte, sie weiter zu quälen.

Die Folterungen haben System, die Häftlinge werden dafür aus dem Gefängnis in spezielle Verhörzentren gebracht[…]

Amnesty International berichtet, dass Folterungen und willkürliche Festnahmen in Libyen weit verbreitet sind. „Die Milizen in Libyen sind weitgehend außer Kontrolle und können völlig ungestraft machen, was sie wollen“, heißt es im jüngsten ai-Bericht.

Soviel zu Libyen.