Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn

Die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier und die folgende „Babylonische Gefangenschaft“ war für das jüdische Volk, ja für das Judentum als solches ein zutiefst traumatisches Erlebnis. In vielen Texten hören wir von der Verzweiflung der Menschen, dem Elend, der Zerstörung. Wir hören aber auch von Trost, Zuversicht und Treue, die schlußendlich auch unter dem Perserkönig Kyros belohnt wird.

So auch in der ersten Lesung dieses Sonntags, einem Abschnitt aus dem 49. Kapitel des Buches Jesaja:

Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn.

Was für eine Zusage mitten im Elend der Verwüstung und des Exils, in der tiefsten Verlassenheit! Davor wird vom Gottesknecht gesprochen, der nicht bloß die Stämme Jakobs wieder aufrichten soll, sondern ein Licht für die Völker sein wird. Wir wissen aus anderen Texten Jesajas, dass dieser Gottesknecht viel erleiden muss. So wird er selbst das Gefühl haben, dass Gott ihn verlassen hat.

Aber genau in diese Momente hinein spricht der Herr diese liebevolle, zärtliche Verheißung. Seine Kinder vergißt Gott gerade in ihren dunkelsten Augenblicken nicht. Freilich, wie das Beispiel der Babylonischen Gefangenschaft zeigt, sind es oft überraschende Umwege, in denen sich Gottes Fürsorge offenbart.

Man löscht ja auch nicht Feuer mit Feuer …

In der am Sonntag zitierten Stelle der Bergpredigt wird auf das Schadenersatzrecht der Tora rekurriert. Im Buch Exodus heißt es nämlich:

Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen. Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. […] Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.

Nun ist die genaue Auslegung dieser Stelle schon im antiken Judentum umstritten gewesen und schwankt zwischen einem Schadenersatzkatalog und einer tatsächlichen lex talionis, die Gleiches mit Gleichem vergelten soll. Letzteres wäre im Zeitkontext nicht ungewöhnlich; jedoch finden sich im Alten Testament keine Beispiele eines angewandten Talionsprinzips. Für das Verständnis der Bergpredigt tut das ohnehin nichts zur Sache. Dort heißt es:

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Will jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit mitzugehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib; wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute, und es regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur jene liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das gleiche nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das gleiche nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Schon antiken Kommentatoren war klar, dass hier nicht christliches und jüdisches Gesetz gegeneinander ausgespielt werden sollen. Jesus sagt ja, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er schärft vielmehr den Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien. Der Jurist würde sagen: er klebt nicht an der Wortinterpretation, sondern fordert die systematische und teleologische Interpretation ein.

Der hl. Johannes Chrysostomos († 407) hat in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums in Predigtform dazu interessante Gedanken geäußert:

Durch die Androhung von Strafe hat er nämlich unsere Lust zu Gewalttätigkeiten etwas gedämpft. Auf diese Weise also streut er langsam den Samen seiner großen Weisheit aus, indem er nicht will, dass der, dem ein Unrecht geschehen, in gleicher Weise Vergeltung übe.

An sich hätte ja der Urheber dieses Unrechts eine größere Strafe verdient. Das verlangt der Begriff von Gerechtigkeit. Da er aber wollte, dass mit der Gerechtigkeit sich auch die Liebe paare, so verurteilt er den, der eigentlich mehr gefehlt hat, zu einer geringeren Strafe, als er verdient hätte. Damit gibt er uns die Lehre, dass wir auch dann, wenn wir Unrecht erfahren, große Milde und Nachsicht üben sollen.

Nachdem er also das alte Gesetz erwähnt und es im Wortlaut angeführt hatte, zeigt er auch hier wieder, dass es nicht der Bruder ist, der solches tut, sondern der Böse. Deshalb setzt er auch bei: „Ich aber sage euch, widersetzt euch dem Bösen nicht.“Er sagte nicht: Widersetzt euch nicht eurem Bruder, sondern: „dem Bösen“. Er deutet damit an, dass er es ist, der zu solchen Missetaten verleitet. Dadurch zügelt und beseitigt er schon den größten Teil des Zornes, den man gegen den empfindet, der uns Böses tut, indem er nämlich die Schuld daran auf einen anderen schiebt.

Aber wie! Sollen wir wirklich dem Bösen keinen Widerstand leisten? Ja, gewiß; aber nur nicht in dieser Weise, vielmehr so, wie er es uns befohlen; du sollst nämlich das Unrecht willig ertragen; denn gerade so wirst du Herr über dasselbe werden. Man löscht ja auch Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser.

Schon im Alten Bund galt Jesu’ Regel

Damit du aber siehst, dass auch schon im Alten Bunde derjenige Sieger blieb und den Siegespreis erhielt, der geduldig litt, so prüfe nur, was damals geschah, und du wirst bemerken, dass der leidende Teil bei weitem den Vorrang erhält.

[…] Im Alten Bunde sagte also der Herr: „Wer seinem Bruder mit Unrecht zürnt, wer ihn einen Narren schilt, der wird des höllischen Feuers schuldig sein“; hier verlangt er aber schon größere Tugend, da er demjenigen, der Unrecht leidet, nicht bloß befiehlt, die Ruhe zu bewahren, sondern seinem Gegner sogar zuvorzukommen und ihm die andere Wange darzubieten. Diese Weisung bezieht sich aber nicht bloß auf solche Faustschläge, sondern er will uns damit anleiten, auch in allen anderen Dingen Unrecht geduldig zu ertragen.

Da der Herr sagt: „Wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist der Hölle verfallen“, dachte er auch nicht bloß an diesen Ausdruck, sondern an jede Art von Beleidigung. Ebenso bestimmt er hier nicht, dass wir bloß Faustschläge mannhaft ertragen, sondern dass wir uns überhaupt durch kein Unrecht aus der Fassung bringen lassen sollen. Darum wählte er auch dort gerade die schwerste Beschimpfung, hier einen Schlag, der unter allen als der beschämendste und entehrendste gilt, den ins Gesicht.

Seine Weisung bezieht sich aber sowohl auf den, der schlägt, als auch auf den, der geschlagen wird. Der Mißhandelte, der eine solche Höhe der Tugend erreicht hat, wird gar nicht denken, dass ihm ein Unrecht widerfahren. Er wird ja schon gar nicht das Gefühl einer Beschimpfung empfinden, da er eigentlich viel eher kämpft, als geschlagen wird.

Sanftmut ist wirksamer als Vergeltung

Der Angreifer hingegen wird beschämt werden und keinen zweiten Schlag mehr führen, und wäre er auch schlimmer als das wildeste Tier. Ja, er wird sogar seinen ersten Schlag selbst gar sehr mißbilligen. Nichts hält ja die Bösen so sehr zurück, als wenn man das geschehene Unrecht sanftmütig erträgt; und zwar hält es sie nicht bloß von weiterer Gewalttätigkeit zurück, sondern es bewirkt auch, dass sie das frühere eher bereuen, die Sanftmut des Beleidigten bewundern und abstehen. Ja, es macht sie aus Feinden und Gegnern nicht bloß zu Freunden, sondern zur Hausgenossen und gegenseitigen Dienern.

Übt man dagegen Widervergeltung, so erreicht man in allem das Gegenteil. Es bringt beiden Schaden, macht die schlechter, als sie waren, und entfacht die Zornesflamme nur um so mehr: ja, wenn das Unheil noch weiter geht, hat es oft sogar den Tod im Gefolge. Aus diesem Grunde befahl der Herr, nicht bloß keinen Zorn aufkommen zu lassen, wenn jemand dich schlägt, du sollst sogar dieses Verlangen befriedigen, damit es nicht den Anschein habe, als hättest du den ersten Schlag nur wider Willen ertragen. Auf diese Weise kannst du auch dem Beleidiger einen viel passenderen Schlag versetzen, als wenn du ihn mit der Hand schlügest, und dazu wirst du aus einem gewalttätigen Menschen ein sanftmütiges Lamm machen.

In einer heutigen Standardpredigt wäre wohl von der „Spirale der Gewalt“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Chrysostomus ist da wesentlich direkter: Vergeltung verändert einen selbst, während es den anderen kaum zur Einsicht bewegt. Der wahre Gegenschlag ist erfolgt, wenn der Gegner sein Unrecht einsieht und bereut.

Wie konnte Gott das nur zulassen?

„Wie konnte Gott das nur zulassen?“ — Diese Frage wird nach persönlichen und weniger persönlichen Katastrophen gern gestellt. Sie ist verständlich, denn gerade dann, wenn einen Leid mit Wucht trifft, sucht man nach einer Erklärung. Und die eigene, unvermittelte Erfahrung widerspricht oft dem persönlichen Bild, das man von Gott hat.

Ich habe diese Frage trotzdem immer als seltsam empfunden. Zum einen insinuiert sie einen Grundzustand, in dem Leid in der Welt abwesend ist. Das widerspricht doch grundsätzlich der Lebenserfahrung! Zum anderen wird sie meist nur gestellt, wenn man selbst betroffen ist. Wie blind für die Leiden anderer war mancher vielleicht zuvor, wenn er sich erst dann diese Frage stellt, wenn es um ihn selbst geht?

Auch die Bibel beschäftigt sich ausführlich mit der Frage: „Wie konnte Gott das nur zulassen?“ Das ganze Buch Hiob handelt von nichts anderem. Die Jünger haben sich bei der Kreuzigung wohl ebenso genau diese Frage gestellt.

Doch gibt es zwei Begebenheiten in der Bibel, die mir persönlich für diese Frage wichtig erscheinen. Das eine ist ein subtiles Detail der Erzählung von Adam und Eva. Kinder gebiert Eva erst nach dem Sündenfall, als der Tod in die Welt kam. Werden hängt mit Vergehen eng zusammen, und dieses Vergehen ist mit Leid verknüpft. Solange wir in einer Welt des Werdens und Vergehens leben, solange leben wir notwendigerweise in einer Welt, in der Leid existiert.

Das andere ist ein gewaltiges Ereignis: der Kreuzestod Christi und seine Auferstehung. Wenn Gott zulässt, dass buchstäblich er selbst gekreuzigt wird, ist die ganze Frage: „Wie konnte er das zulassen?“ völlig sinnentleert. Doch was Gott daraus macht, ist einfach wunderbar. Aus dem Leid des Kreuzes wird die Fülle des Lebens, eines Lebens, in dem es kein Werden und Vergehen mehr gibt, und damit auch kein Leid.

Der heilige Papst Johannes Paul II. hat sich im apostolischen Schreiben Salvifici Doloris ausführlich mit der Frage des Leidens beschäftigt, insbesondere mit dem Sinn des Leidens. Er gibt darin keine billigen Antworten, und zeigt doch die vielen Weisen auf, in denen Sinn im Leiden liegen und gefunden werden kann. Auch und gerade in unserem Umgang mit dem Leid anderer! Gerade in kritischen Situationen ein lesenswerter Text.

„Dein Gericht ist ein Licht für die Welt“

Das jüngste Gericht wird in der volkstümlichen Bilderwelt als schreckliches Ereignis dargestellt. So sehr, dass in der Kirche viele unter dem Kampfbegriff „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ aufgehört haben, davon zu sprechen.

Vor einigen Tagen hat mich das Stundengebet aber wieder daran erinnert, dass das biblische Konzept des Gottesgerichts eine Verheißung ist. So heißt es im Canticum nach Jes 26:

Herr, auf das Kommen deines Gerichts / vertrauen wir.
Deinen Namen anzurufen und an dich zu denken / ist unser Verlangen.
Meine Seele sehnt sich nach dir in der Nacht, / auch mein Geist ist voll Sehnsucht nach dir.
Denn dein Gericht ist ein Licht für die Welt, / die Bewohner der Erde lernen deine Gerechtigkeit kennen.
– Jesaja 26,8-9

Und in Psalm 66 bzw. 67 nach der masoretischen Zählung sollen alle Völker dem Herrn danken. Mehr noch:

Die Nationen sollen sich freuen und jubeln. / Denn du richtest den Erdkreis gerecht.
Du richtest die Völker nach Recht / und regierst die Nationen auf Erden. [Sela]
– Psalm 66,5

Angesichts der vielen menschlichen Ungerechtigkeiten in der Welt wird das barmherzige, aber gerechte Gericht Gottes als Befreiung herbeigesehnt. Freilich ist es eine Drohung — gegen die Ungerechten! Und eine Mahnung an jeden, zu prüfen, ob er zu diesen Ungerechten gehört. Aber es ist auch das: Licht für die Welt. Und die Zuversicht, dass es Gerechtigkeit nicht nur im Kino gibt, sondern auch in Wirklichkeit.

Johannes und die Vierzahl der Evangelien

In der Weihnachtsoktav stapeln sich die Feste. Ob das daran liegt, dass die Menschen früher in der kalten Jahreszeit am ehesten Zeit dafür hatten?

Der 27. Dezember ist dem Apostel und Evangelisten Johannes gewidmet. Bekanntlich wird in der Wissenschaft seit Jahrhunderten gestritten, ob der Apostel und der Evangelist ein und dieselbe Person gewesen sein können oder nicht, oder ob eine andere Person gleichen Namens hinter dem Werk steckt, oder eine ganz andere Variante wahrscheinlich ist. Auslöser dafür ist eine missverständliche Passage in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (*~260, † ~340), in der er einen Text des Papias von Hierapolis zusammenfasst und interpretiert.

Für Eusebius stand aber ebenso außer Zweifel wie für alle Quellen davor, dass das vierte Evangelium von Johannes stammt. Johannes soll hochbetagt in der Regierungszeit des Kaisers Trajan gestorben sein, also nach 98 n. Chr., so berichtet es Eusebius, der sich u.a. auf Irenäus von Lyon (* ~135; † 202) stützt.

Irenäus selbst hat auch eine Reihenfolge und Urheberschaft der Evangelien überliefert, mit der auch die frühe Festlegung auf die Vierzahl dokumentiert:

[…] Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.

Manche stoßen sich ja daran, dass das Johannes-Evangelium in Stil, Habitus und Inhalt so anders ist als die drei synoptischen Evangelien, die viel deutlicher zusammenhängen. Einem Irenäus wäre dieser Unterschied nicht als Kritikpunkt eingefallen. Die in der jungen Kirche gewachsene Entscheidung, gegen starke Strömungen für ein zurechtgebürstetes Einheitsevangelium vier Evangelien als maßgeblich festzulegen, weist darauf hin, dass diese verschiedenen Sichtweisen auf Jesus als bereichernd, vervollständigend empfunden wurden.

Es sind ja auch gerade Dutzende verschiedene Bücher zur Beschreibung des Ersten Weltkriegs erschienen. Wer aber ein umfassendes Bild der komplexen Gemengelage etwa zum Kriegsausbruch erhalten will, wird mit einem Werk nicht das Auslangen finden, auch wenn das, was darin enthalten ist, alles richtig ist. Doch die erzählerische Struktur, die Schwerpunktsetzung, die Platzbeschränkung, der Blickwinkel des Autors werden dazu führen, dass weitere Bücher heranzuziehen sind, um das Bild plastischer werden zu lassen.

Wahrscheinlich war ja gerade das die Motivation für Johannes, in Ephesus ein viertes Evangelium zu verfassen: Dass er eben von den Dingen berichten wollte, die seiner Meinung nach in den anderen Evangelien zu kurz gekommen waren. Es gibt Hinweise, dass die anderen Evangelien geradezu vorausgesetzt werden; auch der Schlussvers kann so verstanden werden.

Der Gedanke, dass es bereichernd ist, dasselbe Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln, unter verschiedenen Voraussetzungen zu berichten, durchzieht den Kanon der Bibel. Schon im Pentateuch finden sich auffallende Dopplungen; die Bücher der Chronik sind eine Dopplung zu den Büchern der Könige bzw. Samuels; das zweite Buch der Makkabäer keine Fortsetzung des ersten, sondern in weiten Teilen als Parallele. Diese Dopplungen unterscheiden sich aber immer in den Schwerpunkten, Blickwinkeln oder Interpretationen der Ereignisse. Deshalb sind sie auch Teil des Kanons geworden.

Wer das Johannesevangelium aufschlägt, merkt diesen anderen Blickwinkel sofort. Da sind keine Hinführungen notwendig. Der alte Johannes, der in den Jahrzehnten seiner Tätigkeit sicher vieles dazugelernt hat, blickt noch einmal zurück, was das Wesentliche an Jesu Wirken war. Er hat es gleich an den Anfang des Evangeliums gestellt, gleichsam als sein Weihnachtsevangelium:

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
— Joh 1,9-14

Wir haben seine Herrlichkeit gesehen — und können daher nicht mehr schweigen. So, wie es in der Tageslesung aus dem 1. Johannesbrief heißt:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist.

Was heißt: Papsttreu?

In der Reformationszeit wurden Katholiken gerne als „Papisten“ verunglimpft. Man insinuierte damit, dass die Katholiken lieber dem Papst als Christus treu wären. Manche freikirchlichen Gruppen pflegen diesen Unsinn heute noch.

Umgekehrt hat schon der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert geschrieben:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.
Contra Haereses III, 3

Und der hl. Ambrosius hat bekanntlich ebenfalls deutlich geschrieben:1

Wo also Petrus ist, dort ist die Kirche; wo die Kirche ist, dort gibt es keinen Tod, nur ewiges Leben.

Leo der Große hat die Bedeutung der Nachfolge des Petrus in einer Predigt so erörtert:

Dieses Bekenntnis 2 werden die Pforten der Hölle nicht überwältigen und die Bande des Todes nicht umschlingen; denn dieses Wort ist ein Wort des Lebens. Wie es seine Anhänger zum Himmel erhebt, so stößt es seine Widersacher in die Hölle hinab. Um dieses Bekenntnisses willen sagt der Herr zu dem heiligen Petrus: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Und alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“3 Freilich ging auch auf die anderen Apostel das Recht über, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen; freilich gilt für alle Vorsteher der Kirche die in diesem Ausspruch enthaltene Bestimmung; aber nicht ohne Grund wird das, woran alle Anteil haben sollen, e i n e m anvertraut. Wird ja gerade deshalb diese Vollmacht dem Petrus gesondert übertragen, weil über allen Leitern der Kirche die Person des Petrus steht. Dieses Vorrecht des heiligen Petrus gilt auch für seine Nachfolger, sooft sie, von seinem Gerechtigkeitssinn erfüllt, ein Urteil sprechen. Von allzu großer Strenge oder Milde kann aber da nicht die Rede sein, wo nichts vorbehalten oder nachgelassen wird, was nicht auch vom heiligen Petrus nachgelassen oder vorbehalten worden wäre. Als das Leiden des Herrn nahte, das die Standhaftigkeit der Jünger auf eine harte Probe stellen sollte, sprach dieser: „Simon, Simon, der Satan hat nach euch verlangt, um euch zu sieben wie den Weizen! Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht nachlasse. Und wenn du einst bekehrt bist, so stärke deine Brüder, damit ihr nicht in Versuchung fallet!“4 Allen Aposteln drohte die gleiche Gefahr, der Furcht zu unterliegen. Unterschiedslos bedurften sie der Hilfe des göttlichen Schutzes, da der Teufel alle zu versuchen, alle zu verderben trachtete. Und doch ist der Herr besonders für Petrus besorgt und betet namentlich für des Petrus Glauben, gleich als ob die Haltung der anderen eine standhaftere wäre, wenn der Mut des Oberhauptes unbezwungen bliebe. In Petrus wird also die Kraft aller gefestigt und der Beistand der göttlichen Gnade so geregelt, dass die Stärke, die durch Christus dem Petrus verliehen wird, durch Petrus auf die Apostel übergeht.

Und doch wissen wir, dass im Lauf der Jahrhunderte die Standhaftigkeit der Nachfolger Petri oft zu wünschen übrig ließ. Vom „dunklen“ 10. Jahrhundert bis zu Papst Alexander VI. und darüber hinaus ließen sich der Beispiele genug aufzählen.

Was ist also Papsttreue? Und warum soll ein guter Christ papsttreu sein?

Die Predigt Leo des Großen wie der Ausspruch Irenäus’ von Lyon zeigen, warum. Die Kirche braucht das Amt des Nachfolgers Petri als sichtbares Zeichen und Bewahrer der Einheit, als Zeuge der apostolischen Tradition. Papsttreue ist nichts anderes als der Versuch, diese Einheit selbst zu bezeugen, dieser apostolische Tradition selbst zu folgen, dem Nachfolger des Apostels den gebotenen Gehorsam zu leisten und dabei in der Liebe zu bleiben und zu handeln, die Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat.

Petrus wird in den Evangelien sehr menschlich dargestellt: Von großer Liebe zum Herrn durchdrungen, doch manchmal aufbrausend, manchmal feig. Kein vollkommener Mensch. Leo der Große verweist darauf, dass auch Petrus der göttlichen Hilfe bedurfte, um nicht verdorben zu werden. Für seine Nachfolger gilt das noch viel mehr. Nicht umsonst sagt Papst Franziskus immer, man solle für ihn beten.

Die Päpste haben im Laufe der Jahrhunderte schon viel Widerspruch und Kritik ausgehalten, angefangen bei Petrus selbst (Gal 2,11ff). Das kann sogar zur Pflicht werden: Wer jemanden liebt, der kritisiert ihn auch, wenn der ins Verderben zu rennen droht. Aber dabei darf man nie vergessen, wie Christen miteinander umgehen sollten, und erst recht nicht, dass diese Kritik immer von Liebe und Sorge getragen werden und den Blick auf das Petrusamt selbst nicht verlieren sollte.

Papsttreue bewahrt einen jedenfalls vor einem Fehler: Sich selbst zum Papst zu machen, der unfehlbar darüber entscheidet, ob der echte Papst nun genügend katholisch ist.


  1. Zitiert nach Oliver Achilles, der die entsprechende Stelle auf seinem Blog auslegungssache.at übersetzt hat. Er selbst bezweifelt übrigens, dass die Stelle als Betonung des Petrusamts gelesen werden sollte, und verortet diese Interpretation in der Zeit der Gegenreformation. 
  2. Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes. 
  3. Mt 16,19 
  4. Lk 22,31f.