Fronleichnam: Das Fest des heiligen Kurzurlaubs? Nein: Etwas noch Provokanteres.

Eucharistie im Blumenkranz (Jan Anton van der Baren). © KHM-Museumsverband <a href="http://www.khm.at/typo3conf/ext/objectdb/Resources/Public/AGB_Bilddatenbank.pdf />Nutzungsbedingungen</a>

Eucharistie im Blumenkranz (Jan Anton van der Baren). © KHM-Museumsverband Nutzungsbedingungen

Wieviele Menschen wissen in Österreich, worum es beim Fest Fronleichnam geht? Es ist halt einer dieser netten Donnerstag-Feiertage, die man mit ein paar Gleitstunden oder einem Urlaubstag zu einem langen Wochenende nutzen kann. Vielleicht einem Kurzurlaub?

Aber das hat — neben der erfolgreichen Selbstaufgabe der großen christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum — auch mit dem eher unverständlichen Namen zu tun. „Fronleichnam“ heißt bekanntlich „Leib des Herren“ oder „Körper des Herren“. „Fron“ ist die männliche Form zu „Frau“, und der „Leichnam“ musste früher nicht unbedingt tot sein. Aber so wirklich klar wird die Bedeutung des Festes damit auch nicht.

Wenn man den liturgischen Namen verwendet — „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ –, kommt man der Sache schon näher, auch wenn wohl viele Menschen in Österreich damit auch nichts anfangen können. Von der Kommunion in der Kirche mag der eine oder andere immerhin schon gehört haben.

Nun ist das Geheimnis der Eucharistie tatsächlich nicht so einfach zu erfassen. Heuer wird zu Fronleichnam ein Ausschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem sich Jesus selbst mit dem Manna vergleicht, mit dem die Israeliten beim Zug durch die Wüste genährt wurden:

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

Als Antwort auf die gesamte Rede sagen einige seiner Jünger: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Und viele verließen Jesus und zogen nicht mehr mit ihm mit, obwohl sie seine machtvollen Taten und geistvollen Predigten erlebt hatten.

Ja, die Debatte um die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie während der Reformation zeigt uns, wie sehr selbst in christlich durchwirkten Zeiten die Verheißung Jesu, dass er „wirklich eine Speise“ sei, für viele Provokation war. Calvin etwa konnte damit nichts anfangen und sah die Kommunion daher bloß als ein Zeichen an.

Umso wichtiger ist dieses Fest, an dem einmal im Jahr die Würde und Bedeutung der heiligen Eucharistie im Mittelpunkt steht. So oft wird Kommunion gespendet und empfangen, aber wie oft vergegenwärtigt man sich das schier unglaubliche Versprechen, das dahintersteckt? „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ Nicht auf magische Weise, sondern weil diese Eucharistie die Konsumation des Glaubens ist. Sinnfällige Hinwendung Gottes.

In einem Land, in dem der christliche Glaube schon weitgehend verdunstet ist, ohne, dass es vielen bewusst ist, da ist es vielleicht ganz gut, einmal im Jahr über so ein Fest zu stolpern. Vielleicht wird ja heuer ein Kurzurlaub vor dem Allerheiligsten daraus?

„Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet“

Es ist interessant: Je besser es den Menschen geht, desto mehr Angst haben sie vor einem göttlichen Gericht. Deswegen ist wohl der Gedanke der „Allerlösung“ in Wohlstandsgesellschaften so populär. Wer dagegen leidet, vielleicht verfolgt oder unterdrückt wird, der wird mit dem Propheten Jesaja rufen:

Meine Seele sehnt sich nach dir in der Nacht,
auch mein Geist ist voll Sehnsucht nach dir.
Denn dein Gericht ist ein Licht für die Welt,
die Bewohner der Erde lernen deine Gerechtigkeit kennen.

Wenn Gott gerecht ist, dann verlangen die Ungerechtigkeiten, unter denen Menschen dank anderer Menschen leiden müssen, geradezu nach einem „Jüngsten Gericht“. Doch schon im Alten Testament wird deutlich, dass Gott weder als Rechtspositivist gelten kann noch das Talionsprinzip vertritt, sondern ein gnädiger Richter ist. Der Wert von Umkehr und Reue wird immer wieder hervorgehoben.

Die Perikope vom Dreifaltigkeitsonntag gibt einen Ausschnitt aus einer Stelle des Johannesevangeliums wieder, die sich sehr konkret mit diesem Gericht Gottes auseinandersetzt:

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Gott will die Menschen retten, aber manch einer lässt sich eben nicht retten: Er kommt in der Metapher des Johannes bewußt nicht zum Licht.

Und so ist es bei Johannes gar nicht Gott als Richter, der den Menschen verurteilt: Durch seine Gesinnung und seine daraus erwachsenden Taten richtet sich der Mensch, „der Böses tut“, eigentlich schon selbst.

Ohne Himmelfahrt kein offener Himmel

Himmelfahrt Christi (Ende 10. Jh) © KHM-Museumsverband <a href="http://www.khm.at/typo3conf/ext/objectdb/Resources/Public/AGB_Bilddatenbank.pdf">Nutzungsbedingungen</a>

Himmelfahrt Christi (Ende 10. Jh) © KHM-Museumsverband Nutzungsbedingungen

Christi Himmelfahrt ist ein Fest, das durch Fantasyfilme der letzten Jahrzehnte manchen etwas verdorben wurde. Nicht wenige Menschen machen sich nun sehr genau Gedanken darüber, mit welchem „Spezialeffekt“ Jesus den „in den Himmel aufgefahren“ sein könnte. Dazu benötigt man freilich auch ein etwas kindliches Verständnis, was mit dem Himmel gemeint ist. Aber gut.

Das Fest heißt ja eigentlich auch die Aufnahme (griechisch) oder der Aufstieg (lateinisch) des Herren und steht vordergründig für das Ende der physischen Präsenz Jesu in dieser Welt. Seine Gegner hatten gehofft, mit der Kreuzigung sei sein Wirken nun zu Ende.

Doch mit der Auferstehung durchkreuzt er die Pläne seiner Widersacher und durchbricht die festgefügte Ordnung der Welt. Er steigt ins Reich des Todes und kehrte daraus zurück; noch mehr: er rettet selbst aus diesem Ort Menschen zum Leben, wie bereits der erste Brief des Petrus (1 Petr 3,19) und der Brief des Paulus an die Epheser beschreiben (Eph 4,8).

Auf diese Auferstehung und die Begegnung mit den Jüngern folgt die Himmelfahrt, als deren Schilderung üblicherweise die Erzählung in der Apostelgeschichte herangezogen wird (Apg 1,9-11), doch die Einordung fällt leichter, wenn man das Evangelium nach Johannes bzw. den ersten Brief des Johannes heranzieht.

Im Prolog steigt Jesus zur Erde herab, das Wort wird Fleisch. Und dort, wo er herkommt, wird er auch wieder hingehen, wie Jesus seinen Jüngern sagt (Joh 6,62; Joh 14,28). Dort wird er einen Platz für uns vorbereiten, bis er uns holt, damit auch wir dort sind, wo er ist. (Joh 14,3) Ähnlich bei Joh 12,32: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“

Der Auferstandene hat den Tod besiegt; aber erst der Aufgefahrene ist unser Beistand (1 Joh 2,1) dafür, dass dieser individuelle Sieg über ihn hinauswirkt.

Wechseln wir wieder zu Paulus. Im Brief an die Hebräer wird das Geheimnis der Bedeutung der Himmelfahrt in Sprachbildern des jüdischen Tempels ausgedrückt:

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. (Hebr 4,14-16)

Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. (Hebr 9,24-28)

Ohne den Aufstieg Jesu in den Himmel wäre das Geschehen der Auferstehung Stückwerk geblieben. Auch Lazarus wurde wieder zum Leben erweckt, ebenso die Tochter des Jairus. Erst die Auffahrt und Erhöhung Jesu macht daraus ein allgemeines Heilsgeschehen, das bis heute wirkt.

Philippus der Evangelist

Grab des Philippus. Quelle: Joachim Schäfer -  <a href="https://www.heiligenlexikon.de">Ökumenisches Heiligenlexikon</a>

Grab des Philippus. Quelle: Joachim Schäfer –
Ökumenisches Heiligenlexikon

Jesus war zwar schon durch Samarien gereist, doch wie die Apostelgeschicht in dem Abschnitt berichtet, der am 6. Sonntag der Osterzeit des Lesejahrs A zu hören ist, war es Philippus, der in Samarien sehr erfolgreich missionierte.

Philippus? Ja, aber nicht der Apostel, sondern der „Evangelist“, also der Überbringer der frohen Botschaft. Philippus war einer der sieben, die zum Dienst an den Tischen ausgewählt wurden, nachdem hellenistische und hebräische Christen aneinandergeraten waren (Apg 6). Nach der Steinigung des Stephanus und der zunehmenden Verfolgung der Christen in Jerusalem zog Philippus dann nach Samarien, wo er sogar den Simon Magus bekehrte, der sich vorher durch allerlei Scharlatanerie als mit besonderer Macht erfüllter Mann ausgab.

Dass es sich hier nicht um den Apostel Philippus handelt, wird aus dem Folgeabschnitt deutlich. Denn er konnte eben nur mit Wasser auf den Namen Jesu taufen, hatte aber nicht die Vollmacht, wie die Apostel den Heiligen Geist herabzuflehen. (Apg 8,5-13)

Philippus wurde dann von einem Engel aufgetragen, nach Süden zu ziehen. Auf der Straße von Jerusalem nach Gaza traf er den Kämmerer der äthiopischen Königin, der entweder ein Jude war oder sich zumindest dem Judentum gegenüber sehr aufgeschlossen war. Er las jedenfalls im Buch Jesaja. Philippus legte es für ihn aus — und zwar so treffend als Vorausschau auf Jesus Christus, dass sich der Kämmerer taufen ließ. (Apg 8,26-40)

Der „Evangelist“ zog dann nach Ashdod und Caesarea, wo er mit seinen vier Töchtern, „prophetisch begabten Jungfrauen“, lebte. Paulus und Lukas begegneten ihm in Caesarea (Apg 21,8-9). Später zog er nach Hierapolis, wo er auch starb. Ein vor kurzem gefundenes Philipps-Grab in Hierapolis könnte seines gewesen sein — oder das des Apostels Philippus. Hierüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Fund des Grabes war aber so oder so sensationell. Ein spannender Bericht dazu beim „Sendboten des hl. Antonius“ schildert, dass in der Antike hier ein regelrechtes Pilgerzentrum entstanden war.

In der heutigen Zeit, in der Verkündigung wieder so wichtig geworden ist, tut es gut, auf Philipp den Evangelisten zu schauen, der — oftmals auf sich allein gestellt — offen, aber in die Situation hinein die frohe Botschaft verkündet hat.

Der 1. Petrusbrief

In der Osterzeit werden im Lesejahr A durchgehend Abschnitte aus dem 1. Petrusbrief gelesen, einem dichten und poetischen Text. So auch heute, wo Vers 22 des Psalm 117 (118) auf Jesus Christus gedeutet wird:

Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde1. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,2 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde3, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Den Psalmvers über den Stein, den die Bauleute verwarfen, hat nach der Apostelgeschichte Petrus auf Jesus Christus bezogen4, als er sich vor dem Sanhedrin verteidigten. Wie später die historisch-kritischen Exegeten staunen da auch die Hohenpriester darüber, wie verständig die „ungelehrten und ungebildeten“ Apostel vor ihnen sprechen.

Petrinisch oder nicht?

Die sogenannten „Katholischen Briefe“ fristen trotz mancher in ihnen zu hebenden Schätzen neben dem paulinischen Werk ein wenig ein Schattendasein. Dazu kommen Zweifel an der Identität der Verfasser. So stellt das Portal der Deutschen Bibelgesellschaft, bibelwissenschaft.de, fest:

Der 1Petr erhebt im Präskript den Anspruch, vom Apostel Petrus verfasst worden zu sein. Dieser Anspruch ist in der Alten Kirche auch weithin anerkannt worden. […] Trotzdem sollte der pseudepigraphe Charakter des Briefes nicht bezweifelt werden, denn er bietet mehrfach Anachronismen für die Zeit des Apostels Petrus.

Die äußeren Indizien sprechen deutlich dafür, dass der Brief von Petrus autorisiert wurde. Aus dem Brief wurde schon von den frühen kirchlichen Autoren zitiert, so von Irenäus von Lyon oder Clemens von Alexandrien. Wenn ein Urheber genannt wird, dann immer Petrus, wie im 30. Canon des Hippolyt.

Der Brief selbst beginnt ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus und endet mit der Erwähnung, dass Silvanus der Schreiber des Briefes war; auch Markus sendet einen Gruß an die Adressaten. Silvanus war wiederum ein Begleiter des Paulus.

Nun war das Autorenverständnis der Antike anders als unser heutiges. Doch ein Brief, der ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus beginnt, musste auch nach antikem Verständnis petrinisch sein — auch wenn ihn Silvanus aufgesetzt haben mag und Petrus vielleicht nur ein Gerüst vorgegeben und das Ergebnis abgenommen hat. Dieses — in Chefetagen bis zum Beginn des Computerzeitalters übliche — Vorgehen erklärt auch leicht, warum das verwendete Griechisch so stilvoll ist.

Anachronismen liegen im Auge des Betrachters

Da also keine antiken Quellen an der Urheberschaft des Petrus zweifeln und der Brief selbst sich eindeutig Petrus zuordnet und sogar seinen Schreiber nennt, so werden doch Zweifel auf Grund von „Anachronismen“ erhoben.

Dabei besteht grundsätzlich das Problem, dass die Beurteilung, ob etwas zur Zeit der Abfassung des Briefes ein Anachronismus war oder nicht, kaum aus zeitgenössischen Quellen geschöpft werden kann, sondern aus der jeweiligen Rekonstruktion der Entwicklung christlichen Gemeindenlebens gefolgert wird.

So wird die Nennung einer Gemeindeleitung in 1 Petr 5 im erwähnten Artikel als Anachronismus bezeichnet, obwohl natürlich sich in jeder Gemeinschaft rasch Strukturen bilden, damit sie funktioniert. Die Paulusbriefe legen davon beredt Zeugnis ab.

Ebenso ist die frühe Verbreitung des Christentums in Kleinasien durch Paulus bezeugt, aber auch durch andere frühchristliche Autoren wie Papias von Hierapolis. Durch die Nähe zu Israel, insbesondere auf dem Schiffsweg, und die Klammer des Griechischen als Verkehrssprache war das ein naheliegendes Missionsgebiet.

Schließlich ist auch die Verfolgung kein Anachronismus, sondern Begleiter der frühen Christen von Anfang an, wie wiederum die Apostelgeschichte erzählt. Stephanus wird gesteinigt, Paulus zieht zur Verfolgung aus. Petrus wird gefangengenommen, kann aber wunderbar entkommen. Später müssen die Apostel aus Jerusalem fliehen. Paulus wiederum wird wiederholt festgesetzt. Das junge Christentum war eine Provokation!

Deswegen rät ja auch Paulus ständig, im Lebenswandel keinen Anstoß zu erregen, siehe z.B. den zweiten Korintherbrief. Genauso der erste Brief des Petrus, in dem die Christen aufgefordert werden, als vorbildliche Mitbürger zu wirken, damit „selbst die überzeugt werden, die euch bösartig verleumden.“ Einige heute gern kritisierte Verhaltensregeln werden ja explizit damit argumentiert, nicht zusätzlichen Unwillen hervorzurufen. Christsein war schon so gefährlich genug.

Es ist auch heute vielerorts gefährlich genug, sich zu Christus zu bekennen. Und so sind die Mahnungen und Ermunterungen des 1. Briefs des Apostels Petrus auch darin aktueller, als es mir lieb ist.


  1. Jesaja 28,16 
  2. Psalm 117,22 
  3. Exodus 19,5-6. In der Auferzählung werden noch weitere Stellen des Pentateuch referenziert. 
  4. Apostelgeschichte 4,11 

Der Ruf des Hirten ist stärker als wir glauben

Hirten und Schafe waren im Israel der Antike so allgegenwärtig, dass sie in den Psalmen und bei den Propheten des Alten Testaments gerne als leicht verständliches Bild eingesetzt wurden. „Der Herr ist mein Hirte“, heißt es etwa ganz plakativ in Psalm 22 (23). Aber auch die Führer des Volks können so gemeint sein: „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“ steht im Buch Ezechiel (Ez 34,2). Auch die Folge des schlechten Hirtendienstes wird nicht verschwiegen: „Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere.“ (Ez 34,5). Der Prophet Micha, der die Bedeutung Bethlehems als Geburtsstadt des Messias verkündet, vergleicht diesen Heiland ebenfalls mit einem Hirten: „Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.“ (Mi 5,3)

Die Aufgaben eines solchen Hirten kann man auch aus der negativen Liste des Propheten Sacharja ermessen: „Um das Vermisste kümmert er sich nicht, das Verlorene sucht er nicht, das Gebrochene heilt er nicht, das Gesunde versorgt er nicht. Stattdessen isst er das Fleisch der gemästeten Schafe und reißt ihnen die Klauen ab.“ (Sach 11,16)

Im Neuen Testament ist das Bild des Hirten ebenfalls häufig anzutreffen, so auch am heutigen 4. Sonntag der Osterzeit:

Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Das erste Gleichnis ist direkt dem Leben der Hirten entnommen. Der Hirte nennt die Schafe beim Namen, er kennt jedes einzelne davon. Sie vertrauen ihm, weil er sich tagein, tagaus um sie kümmert. Der Räuber hat keinen Schlüssel; er bricht einfach ein und holt sich die Tiere, die freilich vor ihm fliehen. Nun ist Jesus selbst die Tür, die zur Weide führt, zum Leben in Fülle. Wer also nicht durch Jesus zu den Menschen kommt, der führt sie nicht zum himmlischen Vater, sondern in die Irre.

Freilich ist Jesus durchaus optimistisch: Die Schafe fliehen vor den Dieben und Räubern. Sie können Erfolg haben, aber es würde die Schafe doch viel lieber zum guten Hirten ziehen, der ein Bild für Gott selbst ist. Man könnte sagen: Unser innerer Antrieb, Gott zu suchen, ist grundsätzlich stark genug, auch so manchen Irrlehrer zu überwinden. Wir sind auf die Stimme des Hirten geeicht, wir müssen uns nur für sie öffnen und uns von den „Dieben und Räubern“ loseisen. Eigentlich sehr tröstlich.

Philippus und Jakobus

Der dritte Mai ist seit 1969 der Festtag der Apostel Philippus und Jakobus des Jüngeren. Jahrhundertelang war es der 1. Mai, doch schuf Papst Pius XII. das Fest für Josef den Arbeiter für den 1. Mai, so dass die Apostel auf den elften Mai ausweichen mussten. Mit der Kalenderreform 1969 wurden sie schließlich so nah wie möglich an ihren alten Festtermin verlegt, also auf den 3. Mai.

Warum gerade diese beiden Apostel zusammen gefeiert werden, weiß ich nicht.

Philippus stammte aus Betsaida, dem gleichen Ort wie die Brüder Petrus und Andreas. Er wird im Evangelium nach Johannes häufiger genannt — ein Hinweis, dass er bzw. seine Schüler zu den Quellen des Evangelisten gehörten. So wird er zum frühen Zeugen Jesu (Joh 1,45-46), ist der Jünger, der für die Speisung der 5.000 Brot kaufen soll, aber eingestehen muss, dass das Geld dafür bei weitem nicht reichen würde (Joh 6,7-8), und an den sich griechische Pilger wenden, die Jesus sehen wollen (Joh 12,20-21). In seiner großen Abschiedsrede muss Jesus Philippus rügen, der ihn immer noch nicht erkannt hat (Joh 14,9).

Jakobus der Jüngere ist der Sohn des Alphäus (Mt 10,3; Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13). Seine Mutter war bei Kreuzigung, Grablegung und Besuch des Grabs am Ostermorgen anwesend (Mt 27,56; Mt 27,61; Mt 28,1; Mk 15,40; Mk 15,47; Mk 16,1; Lk 24,10) und ist wahrscheinlich mit der Verwandten Mariens ident, die Johannes nennt (Joh 19,25).1

Während seine Bedeutung in den Evangelien gering ist, erscheint er in der Apostelgeschichte. Nach der Hinrichtung des Jakobus des Älteren wird auch Petrus verhaftet; als er auf wunderbare Weise entkommt, trägt er an seinem Fluchort den Freunden auf, seine Flucht dem Jakobus mitzuteilen. (Apg 12,17) Auf dem Apostelkonzil spricht Jakobus mit Autorität (Apg 15,13-22) Als Paulus nach einer langen Reise wieder nach Jerusalem kommt, besucht er Jakobus. (Apg 21,18) Es gibt in der ganzen Apostelgeschichte keinen Hinweis darauf, dass dieser Jakobus jemand anderer als der Apostel sein soll.

Der einzige Grund, warum gerne zwischen einem „Herrenbruder“ und dem Apostel unterschieden wird, ist eine Stelle im Galaterbrief, in der Paulus schreibt: „Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn.“ Damit stellt er klar, dass es sich nicht um Jakobus, den Sohn des Zebedäus gehandelt hat. Der Text macht aber deutlich, dass Jakobus und Petrus eben die einzigen Apostel waren, die er gesehen hat.

Eine kleine Schwierigkeit bereitet, dass die Mutter die des „Jakobus und des Josef“ genannt wird, doch von dem Josef nicht weiter berichtet wird. Ein Blick zurück löst die Angabe auf, denn genau die gleiche Formulierung begegnet uns bei der Nennung der Verwandten Jesu. Dagegen ist der Apostel Judas Thaddäus „der des Jakob“. Der scheinbare Widerspruch ist aber leicht aufgelöst, wenn wir uns vor Augen führen, dass die Bezeichnung „καὶ Ἰούδαν Ἰακώβου καὶ Ἰούδαν Ἰσκαριώθ“ in Lk 6,16 die beiden Judas auseinanderhalten soll. Der leibliche Bruder des Jakobus wird er (trotz Jud 1,1) nicht gewesen sein, sonst wäre er wohl eher als „Ἰούδαν Ἁλφαίου“ benannt worden. Aber sein Cousin oder Schwager? Das wäre auch hier eine elegante Lösung. Richard Bauckham schlägt dagegen vor, dass es sich ganz einfach um ein Patronymikon handelt, und Judas Thaddäus der Sohn eines Jakobs war. Die Namen Judas und Jakobus waren zu jener Zeit übrigens sehr häufig, so dass sogar beides zutreffen kann: Entfernte Verwandtschaft mit dem Apostel und ein Vater gleichen Namens.


  1. „Schwester“ und „Bruder“ benennt im biblischen Kontext durchaus auch verschwägerte Personen oder Cousins und Cousinen. Daher muss eine „Schwester seiner Mutter“ auch nicht unbedingt eine leibliche Schwester im Sinne der deutschen Sprachverwendung sein.