Treffen sich zwei Milben in unseren Haaren …

Haarbalgmilbe an menschlichem Haar - Quelle Maslesha

Haarbalgmilbe an menschlichem Haar (Quelle: Wikicommons/Maslesha)

In unseren Haarfollikeln und Talgdrüsen gehen kleine Tiere ein und aus. Sie leben zu Dutzenden, wenn nicht Hunderten in unserem Gesicht, und doch merken wir in der Regel nichts davon. Die Rede ist von den Haarbalgmilben, etwa einen Fünftel bis einen Drittel Millimeter großen, durchsichtigen Tiere, die sich vom Talg aus unseren Talgdrüsen ernähren.

Man unterscheidet zwei Arten, Demodex folliculorum und Demodex brevis, von denen die ersteren die Haarfollikel und Poren als Wohnung bevorzugen, die letzteren dagegen lieber direkt bei den Drüsen wohnen.

Gemeinsam sind ihnen die acht Beinchen an der Brust, ein langer Hinterteil und das Fehlen eines Afters. Statt etwas auszuscheiden, sammeln sie einfach den ganzen Abfall in ihrem Hinterteil bis zu ihrem Tod. Da sie nur zwei bis drei Wochen leben — wobei sie in dieser kurzen Zeit vom Ei über Larve, Protonymphe und Nympe zur adulten Form reifen –, geht sich das anscheinend so halbwegs aus. Es ist aber kein Wunder, dass die abgestorbenen Milben, die ja wahre „Drecksäcke“ sind, die Haut reizen können, besonders bei intensivem Milbenbefall.

Die Parasiten scheinen ansonsten aber weitgehend harmlos, zumindest, so lange das Immunsystem nicht geschwächt ist. Das ist auch gut so, denn die Verbreitungsrate ist enorm. Sie nimmt mit dem Alter des Menschen zu — kein Wunder: Je älter man ist, desto mehr Gelegenheiten hatte die Milbe, es sich auf unserem Kopf häuslich einzurichten. Bei den über 70jährigen sollen fast 100% der Menschen von der Milbe befallen sein.

Die BBC hat einen interessanten Bericht über diese Milben veröffentlicht. Etwas marktschreierischer das Discovery-Blog, dafür mit interessanten Abbildungen.

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Ein Eisbär im Rückwärtsgang

Wer Babys aufwachsen sieht, weiß, dass ihre ersten Krabbelversuche im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losgehen. Denn die Arme, die auch das Gewicht des Kopfes in die Höhe stemmen, sind am Anfang viel stärker als die Beine, wie Siu-Lan Tan anschaulich im Blog der Oxford University Press erklärt. Das ganze ist mit einem unglaublich süßen Video aus dem Tiergarten von Toronto illustriert, in dem ein kleiner Eisbär seine ersten Gehversuche — erraten: rückwärts — unternimmt.

Kaum zu glauben, dass aus solchen Jungen einmal höchstgefährliche Räuber werden, die selbst vor der Jagd auf Artgenossen nicht halt machen — insbesondere auf Eisbärenjunge.

Der ganze Bienenschwarm in Aufregung

Man spricht heute gerne von der Schwarmintelligenz, doch in Sachen Neonicotinoide würde ich von etwas anderem sprechen. Kaum jemand wußte über das Thema vor der Abstimmung im Ministerrat bescheid. Kaum jemand berichtete über die Vorschläge und Gegenvorschläge. Auch die erste Abstimmung am 18. März schlug keine Wellen. Jetzt, post facto, sind alle Experten, wissen, was den Bienen fehlt – und daß die Phalanx der Gegner eines Neonicotinoid-Verbots – Finnland, Großbritannien, Litauen, Slowakei, Spanien, Tschechien und Österreich – Schergen der chemischen Industrie sind. title=“Bonuspunkte für die Worte „Konzerne“, „Agrochemie“ und „Agrarindustrie“.“ target=“_blank“ Freilich bleiben Neonicotinoide weiter im Einsatz und in der Umwelt, denn erstens betrifft das Verbot nur bestimmte Mittel mit Neonicotinoiden, und zweitens werden die Nikotin-verwandten Stoffe auch in Produkten wie etwa Flohhalsbändern verwendet, die vom Verbot nicht betroffen sind.

Nun ist es natürlich zum ersten einmal kein Wunder, daß ein Insektizid genau das tut, was sein Name verspricht: Insekten töten. Insofern ist die publizierte Erregung etwa von Stefan Mandl hanebüchen. In der Landwirtschaft ist der vorbeugende Einsatz von Pestiziden heutzutage gang und gäbe. Das betrifft nicht nur die konventionelle, sondern auch die sogenannte biologische Landwirtschaft, die z.B. mit Kupfer gegen Pilzbefall spritzt oder verschiedene Gifte einsetzt.

Ob Neonicotinoide nun Bienen mehr schädigen als alternative Pestizide es tun würden, ist tatsächlich umstritten. Ob der Zusammenbruch der Bienenvölker darauf zurückzuführen ist, im Großen und Ganzen ebenfalls. Es gibt einige Fälle, bei denen ein überschießender Einsatz von Neonicotinoiden mit dem Sterben von Bienenvölkern in Verbindung gebracht wird. Eine Testreihe britischer Forscher mit Hummeln konnte allerdings die Hypothese nicht falsifizieren, daß die Nähe von mit Neonicotinoiden behandeltem Saatgut keine signifikanten Effekte auf die Gesundheit der Völker hätte. Anders gesagt: Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen Hummelpopulation und Neonicotinoiden. Allerdings ist im Test wohl von einem sachgerechten Umgang mit Clothianidin und Imidacloprid, so die Namen der Insektizide, auszugehen.

Ebenso hat die US-Umweltbehörde in einer Studie über den Rückgang der Bienenvölker festgestellt, daß Pyrethroide die gefährlichsten Pestizide für Bienen sind; sie werden in Österreich anscheinend aber weitaus weniger eingesetzt als in den USA. Diese Studie hat aber sehr wohl Wechselwirkungen zwischen Neonikotinoiden und anderen Faktoren gefunden, die ingesamt abträglich für die Bienengesundheit sind. Die größte Gefahr bleibt aber die Varroa-Milbe, die von den Imkern wiederum mit Insektizid-Einsatz bekämpft wird, durch die Verbauung der Landschaft und das Fehlen der früheren Ackerraine werden die möglichen Futterplätze der Bienen immer weiter beschränkt. Darüber hinaus sind viele Mikroben, die Bienen befallen, mittlerweile gegen Antibiotika resistent. Es gibt zwar Bienenvölker, die durch Verhaltensanpassung gegen die Varroa-Milbe resistent sind, doch haben sie geringe Popularität – ich vermute einmal wegen geringeren Ertrags. Stattdessen werden ganz andere Merkmale gefördert, wie Eberhard Höfer im „Standard“ etwas überspitzt beschreibt, wie sogar ein schönes Muster der Bienenkönigin.

Die Entscheidung von EU-Kommissar Tonio Borg beruht übrigens offiziell auf dieser Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die längst nicht so klar ist, wie man nach der Zeitungslektüre glauben müsste. Allerdings macht sie deutlich, daß bestimmte Formen des Säens gebeizten Saatsguts durch dabei eintretende Verwehung ein höheres Risiko entstehen lassen.

Besonders für den Raps- und Kukuruz-Anbau werden Folgen durch den Wegfall befürchtet. Ich teile die Befürchtung insofern nicht, als ja die Neonicotionoide in Neunziger Jahren eingeführt wurden, um für den Menschen gefährlichere Stoffe abzulösen. Ein Rückgriff auf gefährlichere Substanzen wird wohl der Ausweg sein, den die meisten wählen werden.

Das Kommunikationsmanagement des österreichischen Landwirtschaftsministern Niki Berlakovich war aber jedenfalls verbesserungswürdig, um es milde zu sagen. Warum erfahre ich nur über große Umwege, daß Österreich einen Kompromißvorschlag auf wissenschaftlicher Basis unterstützt hat? Oder daß es hier tatsächlich stark divergierende Ansichten in der Fachwelt gibt? Daß hier möglicherweise verschiedene Lobbyinginteressen zusammenprallen, denn es stehen wohl schon andere Unternehmen Gewehr bei Fuß, um Ersatz-Insektizide – und damit wieder Bienenkiller – als Ersatz bereit zu stellen? Berlakovich hätte sich wohl eine Scheibe von der deutschen Amtskollegin Ilse Aigner abschneiden können: Sie wollte Borgs Vorschlag durch Erweiterungen zu Fall bringen, als da aber nichts fruchtete und die Niederlage absehbar war, schlug sie sich in der endgültigen Abstimmung auf die Seite des Verbots.

Taktgefühl für Seelöwen

Mir ist das nicht ganz unbekannt: Ich kann eine Melodie nicht nachsingen, aber ich hab sie im Kopf. Und wenigstens den Rhythmus mache ich dann doch nach. Zumindest in unbeobachteten Momenten. Manchmal konnte man Tiere per Dressur schon dazu bringen, Melodien zu imitieren. Gibt es aber auch Tiere, die Musik empfinden, ohne sie selbst nachahmen zu können? Zumindest eines:

Forschern der Universität von Santa Cruz (USA) ist es gelungen, die Seelöwin Ronan soweit zu bringen, den Rhythmus von Liedern zu imitieren. Bis dahin war dieses Rhythmusgefühl hauptsächlich bei Papageien und anderen lernfähigen Vögeln beobachtet worden, die selbst melodiöse Töne hervorbringen können. Daher war die Theorie entstanden, daß zwischen der Fähigkeit, Melodien zu imitieren, und dem musikalischen Rhythmusgefühl ein evolutionärer notwendiger Zusammenhang besteht – das eine wäre einfach eine Nebenleistung des anderen. Die Seelöwin Ronan widerlegt diese Annahme – wobei das Team (Peter Cook, Andrew Rouse, Margaret Wilson, Colleen Reichmuth) aber konzediert, daß Ronan ein außergewöhnlich lernfähiges Exemplar ihrer Spezies sei.

Hier der ausführliche Artikel im Journal of Comparative Psychology dazu. Und passend dazu ein Artikel von Science Daily zu einer Studie darüber, ob Rhesusaffen eine regelmäßige Schlagfolge aus einem Musikstück herausfiltern können – können sie übrigens nicht.

Die kleinen Quanten in der großen Biologie

Von der Quantenbiologie hatte ich bis dato noch nicht viel gehört, doch wenn man diesem leicht verständlichen Bericht der BBC glauben darf, konnten schon einige Mechanismen identifiziert werden, die sich durch die Anwendung der Quantenmechanik in der Biologie leichter erklären lassen. Darunter etwa die Photosynthese der Pflanzen oder gewisse Abläufe beim Geruchssinn. Die passende Folge vom BBC World Service kann man hier bei den Briten als MP3 herunterladen. Beides lohnt sich: Eine kurze Einführung in ein spannendes Kapitel der Wissenschaft.

Bowles und Gintis: Warum helfen wir einander?

Samuel Bowles (*1939) und Herbert Gintis (*1940) und Samuel Bowles gehören zu den Pionieren, die Erkenntnisse aus Biologie und Psychologie in die Wirtschaftswissenschaften einbringen. Dabei fokussieren sie auf die Fragen der Netzwerkeffekte, der Kooperation und Exklusion. Nun haben sie mehrere ihrer Artikel zu einem Buch umgearbeitet: „A Cooperative Species — Human Reciprocity and its Evolution“.

Für gewöhnlich wird in der Ökonomie behelfsweise kooperatives Verhalten als Erfüllung der Nutzenmaximierung beschrieben. Das ist aber wenig erhellend, weil der Nutzenbegriff sehr flexibel ist. Wenn wir z.B. jemandem Unbekannten aufhelfen, der vor uns hinfällt, so kann man über wiederholte Spiele eine Aktion aus Eigennutz behaupten. Doch wäre damit wenig gewonnen. In der Biologie wurden anthropomorphe Konstrukte wie „egoistische Gene“ bemüht, um die Selektion kooperativen Verhaltens zu erklären. Eine andere Theorie lautet etwa, daß Gene, die altruistisches Verhalten fördern, durch wechselseitiges altruistisches Handeln in einer eng verwandten Gruppe gefördert würden.

Bowles and Gintis lehnen das aber schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsrechnung ab. Es hätte sich zudem gezeigt, daß Menschen ein echtes Mitgefühl für andere, Sorge um das Wohlergehen anderer hätten, und ethisches Verhalten um seiner selbst willen schätzen — womit sich auch eine Brücke zu Akerlof und Krantons „Economics of Identity“ schlagen ließe. So haben spieltheoretische Experimente oft gezeigt, daß Menschen gerade bei einmaligen Spielen keine „rationale“ Strategie wählen, sondern sich von ihren Grundsätzen der Gerechtigkeit leiten lassen.

Die Autoren sehen Konflikte, insbesondere Kriegshandlungen zwischen Kleinstgruppen als Haupttriebfeder einer gemeinsamen Evolution kultureller Institutionen und individuellen kooperativen Verhaltens. Dabei sollen sich ihrer These nach Scham und Schuldgefühle und die Internalisierung sozialer Normen entwickelt haben. Dadurch sinke die Kosten der Regeleinhaltung, und die Gegenseitigkeit der Kooperation sei besser abgesichert. Deswegen sei auch eine koordinierte Bestrafung notwendig, die wiederum durch die Internalisierung sozialer Normen erleichtert würde. So könne die Gruppe gegen Außenstehende leichter bestehen. Diese Evolution bedeutet auch, daß die Normen einer Gruppe nicht insgesamt als verhandelt bezeichnet werden können, sondern Ergebnis einer langen Entwicklung sind.

Im Buch werden diese Thesen an Hand verschiedener Modelle durchexerziert, mit Beispielen illustriert. Nach fast 300 Seiten ist man jedenfalls am Stand der Forschung. Man muß beim Lesen den politischen (linken) Hintergrund der Autoren aber ein wenig im Hinterkopf behalten. Und die Beweislage ist manchmal doch etwas dünn, wie die Autoren selbst konzedieren.

Wer Mäuse liebt, sollte mehr Almochsen essen.

Wie viele Tiere müssen für einen Vegetarier sterben – oder sogar einen Veganer? Ein provokanter Artikel des australischen Universitätsprofessors Mike Archer, der Peter Singers Ethik – die von Tierrechtsaktivisten in modifizierter Form gerne verwendet wird – gewissermaßen auf die Spitze treibt, thematisiert diese Frage. Zuerst hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für die Mäuse, u.a. mit der Info:

At least 100 mice are killed per hectare per year (500/4 × 0.8) to grow grain. Average yields are about 1.4 tonnes of wheat/hectare; 13% of the wheat is useable protein. Therefore, at least 55 sentient animals die to produce 100kg of useable plant protein: 25 times more than for the same amount of rangelands beef.

Um zu diesem Schluß zu kommen:

The challenge for the ethical eater is to choose the diet that causes the least deaths and environmental damage. There would appear to be far more ethical support for an omnivorous diet that includes rangeland-grown red meat and even more support for one that includes sustainably wild-harvested kangaroo.

Auf Österreich umgelegt, könnte man sagen: Wer Mäuse liebt, sollte mehr Almochsen essen.

(via Marginal Revolution, wo der Artikel mit der doppeldeutigen Überschrift „How brutal is vegetarianism to animals?“ – Wie brutal ist Vegetariertum für Tiere? – angekündigt wurde.)