Brendan Eich und die „Repressive Toleranz“

Die grässliche Fratze angeblicher Toleranz und Diversität zeigte die Hexenjagd auf Brendan Eich, Erfinder von JavaScript, Mitgründer von Mozilla und kurzzeitig nun auch Vorstandsvorsitzender der Mozilla Corporation, des wirtschaftlichen Arms der der Softwarestiftung, die neben dem Browser Firefox noch einige andere Produkte in der Palette hat. Auf Eich wurde in den USA massiver Druck ausgeübt, zurückzutreten, da seine Person nicht mit den Werten in Übereinstimmung stehe, die ein aufrechter Bürger zu vertreten hat. Sein Vergehen? Er unterstützte in Kalifornien eine — erfolgreiche — Abstimmungsinitiative gegen die Bezeichnung eingetragener Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare als Ehe.

Dafür wurde er selbst in der FAZ zum „Homophoben“ gestempelt. Wir haben also bereits den Punkt erreicht, wo Widerspruch zur Änderung des Ehebegriffs im deutschsprachigen Mainstream bereits „homophob“ ist. Der Tenor der US-Kritiker war: Er soll öffentlich seinen Irrtum eingestehen und sich zur lichten Seite bekennen. Dazu war Eich aber zu prinzipienfest.

Den Verfechtern dieser Strateige der „repressiven Toleranz“ ist vielleicht nicht bewußt, was sie anrichten. Sie fördert öffentliche Schauprozesse, erstickt jeden Diskurs. Konformität wird in diesem Klima oberste Pflicht. Oder ist vielleicht gerade das ihr Ziel? Es gehört jedenfalls besondere Chuzpe dazu, wenn Eichs Abtritt mit den Worten kommentiert wird, das sei ein wichtiger Schritt für „freie Meinungsäußerung und Gleichberechtigung“ gewesen, oder Mozilla habe gezeigt, es sei „inklusiv, sicher und einladend zu allen.“ Inklusiv? Einladend zu allen? Zu allen, die politisch im Gleichschritt marschieren.

In Österreich ist es außerhalb von Tendenzbetrieben glücklicherweise zumindest gesetzlich verboten, jemanden offen wegen seiner Weltanschauungen zu diskriminieren, auch wenn es in der Praxis (besonders der medialen!) leider vorkommt. Die diversen „Hate-Crime“-Bestimmungen, deren Ausweitung laufend gefordert werden, gehen aber ebenfalls in die Richtung, Meinungen zu kriminalisieren und Menschen wegen ihrer Überzeugungen ohne sachliche Rechtfertigung zu diskriminieren. Man kann gar nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ Man muss schon eher sagen: „Verhindert das Schlimmste!“

Die Ehe als Aufstiegshilfe

In den USA wird schon lange beobachtet, dass Alleinerzieherhaushalte vor allem ein Phänomen der ärmeren Schichten sind, die auch eine kürzere Ausbildung genossen haben. Da es in den USA anders als bei uns bis zum Maturaalter im Prinzip lediglich eine Gesamtschule gibt, ist das für diejenigen, die nicht einmal diese abschliessen konnten, tatsächlich ein Problem. Menschen mit höherem Einkommen und höheren Bildungsabschlüssen tendieren eher zur Heirat und weisen auch niedrigere Scheidungsraten auf. Diese stabilere Beziehung färbt auch auf die Kinder ab: Kinder aus stabilen Familien weisen signifikant bessere Bildungsergebnisse und Einkommen auf und haben ein deutlich geringeres Risiko, straffällig zu werden.

Dieser Trend hat dazu geführt, dass etwa 2008 unter den Dreißigjährigen erstmals bei den College-Absolventen ein höherer Anteil verheiratet war als unter den Nicht-College-Absolventen, obwohl erstere durch die längere Ausbildungszeit tendenziell auch später heiraten.

Nun kann das zu einer Teufelsspirale werden: Gerade Menschen aus ärmeren Schichten würden von den sozialen und ökonomischen Vorteilen der Ehe besonders profitieren. Stattdessen ist aber dort die Rate der unehelichen Kinder besonders hoch. Die gesellschaftliche Kluft zwischen den Schichten steigt dadurch, obwohl empirisch gesehen für Menschen aus ärmeren Schichten die Ehe geradezu eine Aufstiegshilfe wäre.

Interessanterweise glauben manche wie etwa Isabel Sawhill am Brookings Institut, durch einen stärkeren Fokus auf Verhütung und eine Verlagerung der Zeugung von Kindern nach hinten dem entgegenwirken zu können. Das scheinen aber eher technokratische Maßnahmen zu sein. Stattdessen ginge es wohl eher um die Struktur des Beziehungsmarkts selbst, der je nach Bildungssituation und sozialer Schicht unterschiedlich funktioniert. Und um ein Phänomen, dass Ross Douthat so beschreibt:

a world where the short-term rational self-interest of both sexes — the understandable female desire to have children without taking on the burden of husbands who are often basically children themselves, and the understandable male desire not to take a steady but low-paying job when they can work part-time, goof off on the XBox, and still find willing sexual partners — conspires to keep some of the crucial ingredients of long-term happiness out of reach for a larger and larger share of the population.

Der eigentliche Schlüssel scheint in Impulskontrolle, Reflektion und der Fähigkeit zur langfristigen Perspektive zu liegen. Das sind halt ähnliche Eigenschaften, die auch für die positive Absolvierung langer Bildungswege von Vorteil sind.

Kroatien: Die Ehe-Frage und die chattering class

Wer eines Beweises der Kluft zwischen veröffentlicher und öffentlicher Meinung, zwischen chattering class und schweigender Mehrheit, bedarf, braucht nur nach Kroatien zu schauen.

Dort wurde darüber abgestimmt, ob die Ehe als Verbindung von Mann und Frau in der Verfassung besonderen Schutz erhält. 66% der abgegebenen Stimmen schlossen sich dieser Meinung an, die an und für sich einfach die bestehende Rechtslage verfassungsrechtlich absichern sollte. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, doch haben Regierung und alle wesentlichen Medien gegen dieses Begehren mobil gemacht und ihre Gegner als Faschisten und ähnliches verunglimpft. Anscheinend ist die Neudefinition des Ehebegriffs als Sammlung für verschiedenste Formen aus nicht näher genannten Gründen staatlich privilegierten Zusammenlebens eine Fahnenfrage für dieses Lager. Daher sind sie nun fassungslos, dass die Bevölkerung trotz enormen Drucks auf sie nicht ihrer Meinung ist.

Der Bericht von Karl-Peter Schwarz in der FAZ versucht, diese Fassungslosigkeit zu transportieren. So titelt er schlicht: „Entsetzen über Ausgang des Ehe-Referendums“. Entsetzt können aber wohl höchstens die 34% der Abstimmenden sein, die sich der unterlegenen Position angeschlossen haben. Bei einer Wahlbeteiligung von 38% rund 13% der Wahlberechtigten. Und selbst da werden nicht alle entsetzt sein, denn manche werden vielleicht bloß gegen die Verankerung einer solchen Bestimmung in der Verfassung gewesen sein, ohne einer Neudefinition des Ehebegriffs das Wort zu reden.

Kritiker bemängeln nun, dass das Referendum ja nur deswegen wirksam gewesen sei, weil man für den Erfolg des EU-Referendums die frühere Bindung an eine Mindestteilnahme von 50% der Wahlberechtigten gekippt habe. Das riecht ein wenig danach, dass man diese Hürde von mancher Seite gerne selektiv nur dort einsetzen würde, wo sie einem paßt. Von einem „schlampigen Umgang mit den demokratischen Spielregeln“, wie im FAZ-Artikel, könnte man nur dann sprechen, wenn die Hürde tatsächlich vom Parlament so flexibel eingesetzt würde, was aber nicht der Fall ist.

Aber diese Hürde hat eigentlich bei einer Volksabstimmung auch wenig Sinn. Wer nicht hingeht, der findet das Thema eben nicht so brisant, dass es sich hinzugehen lohnt. Daher braucht seine Absenz auch nicht berücksichtigt zu werden. Die Abstimmung wird eben von denen entschieden, die das Thema wichtig finden. So funktioniert das Schweizer System der Volksabstimmungen schon lange, mit Ergebnissen, die mir persönlich manchmal überhaupt nicht gefallen und manchmal gut gefallen. Aber an den grundlegenden Regeln gibt es wenig zu bemängeln.

Auch in Österreich gibt es eine Kluft zwischen politisch-medialem Gemengelage auf der einen Seite, großen Teilen der Bevölkerung auf der anderen. Daraus resultiert ein Unwohlsein, das sich immer wieder in Protestparteien und in Versuchen der etablierten Parteien, ihre entsprechende Anhängerschaft mit symbolischen Gesten und Scheingefechten zu beruhigen, ausdrückt. Da, überspitzt formuliert, bedeutende Teile der österreichischen Journalisten aber ohnehin der Meinung sind, dass die Bevölkerung im wesentlichen dumpfe Kryptofaschisten sind, würde sie im Gegenzug zu den Kroaten ein Referendum, das anders als ihre Blattlinie ausgeht, eher nicht entsetzen.

Dammbruch zur Polygamie?

In den USA und Europa ist die salopp „Homo-Ehe“ genannte rechtliche Neudefinition der Ehe in vielen Ländern schon eingeführt oder wird von maßgeblichen politischen Kräften unterstützt. Was ich davon halte, habe ich schon ausführlich geschrieben. Angesichts des Erfolgs bricht aber nun die nächste Diskussion auf: Warum eigentlich nur zwei Personen? Warum ist Polygamie zwar in Saudi-Arabien, aber nicht bei uns  erlaubt? Siehe z.B. hier im Economist:

But “why only two?” isn’t a ridiculous question. It’s easy enough to show that gay marriage does not empirically lead to pressure to legalise polygamy; that hasn’t happened anywhere that gay marriage is legal. But this is different from explaining why opening up the boundaries of the 20th-century understanding of marriage shouldn’t raise the possibility of legalising polygamy. Why shouldn’t it be legal for more than two consenting adults to marry each other? […] But my guess is that the real answer to the conservative question “why not more than two people, then?” is that we will stick to pairs because marriage is a creature of the state and pairs are the form that makes the state strongest. Nobody, though, gays or conservatives, finds this way of thinking about the issue very appealing, so it probably won’t get much play.

Und Jillian Keenan fordert im amerikanischen „Slate“-Magazin frei heraus: „Legalize Polygamy!“:

The case for polygamy is, in fact, a feminist one and shows women the respect we deserve. Here’s the thing: As women, we really can make our own choices. We just might choose things people don’t like. If a woman wants to marry a man, that’s great. If she wants to marry another woman, that’s great too. If she wants to marry a hipster, well—I suppose that’s the price of freedom.

And if she wants to marry a man with three other wives, that’s her damn choice.

Bevor nicht alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat, gesetzlich als Ehe bezeichnet darf, ruhen wohl die Vorkämpfer der „Marriage Equality“ nicht. Und wer immer behauptet hat, daß „Dammbruch-Argument“ wäre irreführend, ist bereits widerlegt: Wer die Ehe und ihren Zweck staatlicher Neudefinition öffnet, weckt natürlich die Begehrlichkeit aller möglicher Gruppen.

Von Ehen, Doch-Nicht-Ehen, und anderen Diskriminierungen

Es ist interessant zu beobachten, wie sich durch konsequente Lobbyingarbeit die Wahrnehmung eines Sachverhalts verschieben kann. Was einmal eine verschiedene Behandlung eben verschiedener Tatbestände war, wird zur Ungleichbehandlung. Was früher als Ungleichbehandlung empfunden worden wäre, wird zur gerechtfertigen Unterscheidung.

Ein Beispiel dafür liefert mir ein aufgeregter Eintrag des Weblogs „Zur Politik“, in dem Josef Pühringers klares Bekenntnis dagegen, Partnerschaften zwischen Personen gleichen Geschlechts als Ehe zu bezeichnen oder ihnen etwa die Adoption fremder Kinder zu gestatten, von Tom Schaffer als „Missachtung von Grundrechten“ bezeichnet wird.

Nun ist in dem Eintrag einmal eine begriffliche Unschärfe enthalten. Diskriminierung heißt nämlich einfach: Unterscheidung. Und das Recht muß notwendigerweise zwischen verschiedenen Umständen unterscheiden. Der früherer VfGH-Präsident Walter Antoniolli hat das in einem Artikel zur „Gleichheit vor dem Gesetz“ so zusammengefaßt:

„Ein dreijähriges Kind wird vom Gesetzgeber selbstverständlich anders behandelt als ein erwachsener Mensch; wer mehr verdient, zahlt mehr Steuern usw. die ganze Rechtsordnung ist geradezu nichts anderes als eine Summe ’ungleicher Behandlungen‘.“

Menschen mit höherem Einkommen werden also gesetzlich diskriminiert — aber diese Unterscheidung wird wohl mehrheitlich als gerechtfertig angesehen. Das entscheidende Element zur Beurteilung einer Diskriminierung ist ihre Rechtfertigung. Erfolgt sie, weil Unterschiede im Sachverhalt eine unterschiedliche Behandlung erfordern? Oder ist sie willkürlich? So ist in Art. 7 B-VG eine Ausnahme vom Gleichheitssatz normiert, was die Diskriminierung von Männern und Frauen betrifft; hier hat das Parlament beschlossen, eine bestimmte Diskriminierung als gerechtfertigt zu sehen. Wir sind da offensichtlich mitten in einer Werturteilsdiskussion.

In Österreich behilft man sich meistens, in dem man zumindest formell eine positivistische Interpretation verfolgt und die Beurteilung, ob etwas „sachlich gerechtfertigt“ ist, aus einer Gesamtschau der Rechtsordnung zu destillieren vermeint. Zudem wird dem Gesetzgeber in der Regel aus Gründen der Verwaltungsökonomie das Recht auf eine „typisierte Betrachtung“ eingeräumt, die in vielen Fällen bei Einzelbetrachtung als nicht gerechtfertigte Diskriminierung empfunden würde, aber im Durchschnitt zutrifft.

Es gibt nun gute Gründe, zwischen einer Ehe von Mann und Frau und anderen Formen menschlichen Zusammenlebens zu unterscheiden: Mann und Frau sind anthropologisch aufeinander zugeordnet; sie sind zusammen fähig, Kinder zu zeugen, und sie sollten die daraus erwachsende Verantwortung gemeinsam tragen. Das Institut, in dem all dies zusammenfließt, ist die Ehe.

Die Ehe ist außerdem auch deswegen privilegiert, weil sich der Staat einen gesellschaftlichen Nutzen von diesen Familien erwartet, der durch die enge Bindung untereinander, die vergleichsweise höhere Stabilität und die Geburt und Erziehung von Kindern in geordneten Verhältnisse gestiftet werden soll. Daß es auch kinderlose Ehen gibt, schadet in der Durchschnittsbetrachtung nicht. Daß Ehen zerrüttet sein können, ebensowenig; typischerweise ist sie allemal stabiler als andere Formen des Zusammenlebens, woraus sich auch zahlreiche gesellschaftliche Vorteile ergeben.

Diese sind empirisch gut abgesichert. Kinder, die mit Vater und Mutter aufwachsen, sind im statistischen Durchschnitt weniger armutsgefährdet, haben durchschnittlich höhere Bildungsabschlüsse, haben geringere Raten von Drogenmissbrauch, erzielen selbst später höhere Einkommen. Sie wachsen eher mit gefestigter Identität auf und verfügen über verschiedene Rollenmodelle in ihren Eltern, die sich dadurch erzieherisch (oft unfreiwillig …) ergänzen.

Wenn sich die Ehe aber so grundlegend von anderen Formen des Zusammenlebens unterscheidet, so ist es gerechtfertig, andere Formen eben nicht auch als Ehe zu bezeichnen und auf sie die gleichen Rechtsvorschriften anzuwenden, wo doch die grundlegende Konstitution und die praktischen Folgen dieses Zusammenlebens andere sind.

Bei der Frage der Adoption kommt noch hinzu, daß hier oft ein „Grundrecht auf Kinder“ zugrundegelegt wird, daß es so nicht gibt. Heute verbreitet sich leider immer mehr die Ansicht, Kinder seien quasi ein Gut, daß man sich eben so zulegt. Kinder zu bekommen wird zur eigenen Selbstverwirklichung gezählt, die nicht behindert werden dürfe. Im Mittelpunkt jeder gesetzlichen Regelung haben aber die Interessen der Kinder zu stehen, wie sich auch in den sehr ausführlichen Prüfungen niederschlägt, die ein Paar über sich ergehen lassen muß, wenn es in Österreich ein Kind adoptieren will.

Was als Grundrecht konstatiert wird, scheint mittlerweile wieder sehr verschieden zu sein. Unbestreitbar hat etwa der EGMR Rechte geschaffen, die von den Unterzeichnern der Europäischen Menschenrechtskonvention nie vorgesehen waren. Man nennt das euphemistisch „Fortentwicklung“, man könnte es einfach „Richterrecht“ nennen. Die Rechtsbasis ist freilich reiner Positivismus, eine tiefere Begründung fehlt. Dieses Richterrecht kann sich bei anderere Zusammensetzung des EGMR auch wieder ändern, und ihre Sprüche sind nicht der Kritik entzogen. Daher geht eine Berufung auf das EGMR als Grund dafür, warum ein Politiker eine bestimmte Ansicht nicht vertreten dürfe, wohl ins Leere.

Frigide Barjot in der FAZ

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

Kurze Linkrutsche zu einem interessanten FAZ-Artikel über die französischen Proteste gegen die Pläne François Hollandes auf Einführung des Adoptionsrechtes etc. für vom Staat dann als Ehe bezeichneten Lebensgemeinschaften zweier Menschen desselben biologischen Geschlechts und Streichung der Bezeichungen für Vater und Mutter aus dem Zivilrecht.

Wozu gibt es eigentlich eine staatliche Ehe?

Wenn es darum geht, die (obligatorische) Zivilehe gegen ihre Relativierung oder Aushöhlung zu verteidigen, sind wir Christen oft zur Stelle und treten für die Ehe als dauernde Gemeinschaft von Mann und Frau ein.

Ich bin mir aber da nicht so sicher, ob uns nicht die Okkupation des Begriffs der Ehe durch den Gesetzgeber ein wenig in die Irre führt. Im frühen Mittelalter wäre niemand auf die Idee gekommen, daß für das Zustandekommen einer Ehe die Sanktion der Obrigkeit notwendig wäre.Vielmehr stellte man zuerst auf gewisse öffentliche Handlungen ab, die den Zusammenschluß der Brautleute für die Gemeinschaft nach außen dokumentierten. Später setzte sich die christliche Sicht durch, daß es der Konsens der Brautleute wäre, der ja die sakramentale Ehe begründet, der auch für das Rechtsleben maßgeblich wäre. Aber auch da war keine hoheitliche Tätigkeit erforderlich.

Erst seit der Aufklärung, in der die Macht des Staates ausgedehnt und im Sinne eines Paternalismus gerechtfertigt wurde, regelt die staatliche Gewalt die Familiengründung. Seitdem maßt sich der Staat an, die Ehe zu definieren, ihre Voraussetzungen festzulegen und bestimmte Rechte und Pflichten damit zu verbinden. Die schlimmsten Auswüchse davon haben wir in Österreich mit dem nationalsozialistischen Ehegesetz und seine Rassenkriterien erlebt. Ein Ehegesetz, das im wesentlichen noch in Kraft ist.

Ich denke, daß es dem säkularen Staat eigentlich nicht zusteht, den Begriff der Ehe zu verwenden; das, was der Staat so nennt, dieses unter gewissen Voraussetzungen annehmbare Bündel an Rechten und Pflichten, überschneidet sich mit Eigenschaften der echten Ehe, ist aber deswegen mit ihr nicht kongruent. Das gewöhnliche Privatrecht reicht außerdem mMn aus, um die rechtlichen Beziehungen zwischen Menschen im Familienverband durch freie vertragliche Vereinbarung zu regeln.

Vielleicht sollten wir also vielmehr das Ende der Usurpierung der Ehe durch den Staat bekämpfen. Ein erster Schritt wäre dazu zum Beispiel, die Zivilehe von den Standesämtern hin zu den Notaren zu verlagern, um den vertraglichen Charakter zu betonen.

Angst vor der Ehe

Wer wissen will, aus welcher Ecke der Vorschlag der Frauen- und Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek kommt, dem reicht dieser Kommentar im Online-Standard mit dem Titel: „Weg mit dem Ehezwang!“ Ein Ehezwang, der mir und auch den Standesämtern bislang gut verborgen geblieben ist.

Es geht eben die Beseitigung des Begriffs der Ehe, nicht um die Klärung eines besonderen Rechtsproblems. Die sogenannte Zivilehe ist ja auch nichts anderes als eine Rechtsfigur des Privatrechts, die unter den gesetzlich definierten Bedingungen zur Verfügung steht. Wer sie nicht in Anspruch nehmen will, der tut es wahrscheinlich wohlüberlegt eben nicht, kann aber ohne weiteres privatrechtliche Verträge abschließen, um etwa Fragen der Güterzurechnung zu regeln. Komischerweise gibt es kaum Lebensgemeinschaften, in denen der Drang nach solchen Verträgen besonders groß wäre. Die Notare lassen sich dieses Geschäft sicher nicht freiwillig entgehen.

Die Entwicklung des französischen Pacte civil de solidarité, natürlich von Jospin eingeführt, zeigt, wohin die Reise eigentlich gehen soll: Die Rechte und Pflichten des Zivilpakts werden sukzessive der Ehe angeglichen, so dass der Unterschied hauptsächlich im Namen bestehen wird, und der Tatsache, dass unter dem Begriff auch Verbindungen subsumiert werden, die einem naturrechtlichen Ehebegriff widersprechen. Es geht auch darum, bestimmte Teile des Eherechts, wie etwa die Verschuldensfrage bei Trennungen, auszuhebeln, und langfristig den Begriff der Ehe aus dem Diskurs zu verbannen.

Und dann erinnere ich mich noch an die in der SPÖ kursierende Idee, dass auch bei Lebensgemeinschaften automatisch eine Unterhaltspflicht des Besserverdienenden bei Trennung erfolgen sollte. Vor zehn Jahren war das noch allgemein formuliert, 2006 wurde es im Wahlkampf auf Lebensgemeinschaften mit Kindern eingeschränkt. Und frage mich: Wenn ich solche Rechtsfolgen an Lebensgemeinschaften hänge, die ohne Rechtsakt zustandegekommen sind, ist ein Zivilpakt völlig überflüssig.

Reiche Kinder, große Unterschiede?

Wir lieben einfache Erklärungen, und daher wird auch gerne diskutiert, ob die Veranlagung oder die Erziehung bzw. Umwelt der entscheidende Faktor in unserer persönlichen Entwicklung ist.

Irgendwie beides, ist die wenig überraschende Antwort, weil sich die eigene Veranlagung je nach Umwelt auch verschieden auswirkt,  wie neuerlich wieder bestätigt durch eine Arbeit von Elliot Tucker-Drob, Mike Rhemtulla, Paige Harden, Eric Turkheimer und David Fask mit dem klingenden Titel „Emergence of a Gene × Socioeconomic Status Interaction on Infant Mental Ability Between 10 Months and 2 Years“.

Sie haben Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten mit zehn Monaten und später mit zwei Jahren einem einfachen Test unterzogen, der seit Jahrzehnten zur Überprüfung der Entwicklungsfortschritte von Kleinkindern verwendet wird, wo vom Ziehen an Schnürln bis zum Krabbeln, Wortverständnis bis zur eigenen Vorsicht alles mögliche dabei ist. Die zehn Monate alte Kindern haben natürlich ganz unterschiedliche Ergebnisse erzielt, aber nicht nach ihrem gesellschaftlichen Hintergrund.

Bei den Zweijährigen war das schon anders. Da waren einige Kinder mit einem besseren gesellschaftlichen Hintergrund in einigen Bereichen deutlich weiter entwickelt, während bei den Kindern mit schlechterem gesellschaftlichen Hintergrund kaum Unterschiede feststellbar waren. Die Kinder konnten sich im besseren gesellschaftlichen Hintergrund im Durchschnitt eher entfalten, so dass ihre unterschiedliche Veranlagung stärker zum Tragen gekommen ist, wie ScienceDaily berichtet. Besonders deutlich ist das bei Zwillingsvergleichen zu Tage getreten. Eineiige Zwillinge erzielen immer sehr ähnliche Resultate bei dem Test, doch zweieiige Zwillinge erzielen nur im schlechteren sozioökonomischen Hintergrund ähnliche Resultate, während sie sich sonst entsprechend ihrer Veranlagung unterscheiden.

Übereilte Schlüsse?

Nur der Schluss, der aus der Studie gezogen wird, scheint mir übereilt, dass nämlich Weiterlesen

Wozu Ehe?

Warum gibt es überhaupt die Ehe? Eine äußerst trockene und konzise Antwort aus dem US-Magazin „National Review“:

So at the risk of awkwardness, we must talk about the facts of life. It is true that marriage is, in part, an emotional union, and it is also true that spouses often take care of each other and thereby reduce the caregiving burden on other people. But neither of these truths is the fundamental reason for marriage. The reason marriage exists is that the sexual intercourse of men and women regularly produces children. If it did not produce children, neither society nor the government would have much reason, let alone a valid reason, to regulate people’s emotional unions. (The government does not regulate non-marital friendships, no matter how intense they are.) If mutual caregiving were the purpose of marriage, there would be no reason to exclude adult incestuous unions from marriage. What the institution and policy of marriage aims to regulate is sex, not love or commitment. These days, marriage regulates sex (to the extent it does regulate it) in a wholly non-coercive manner, sex outside of marriage no longer being a crime.

Marriage exists, in other words, to solve a problem that arises from sex between men and women but not from sex between partners of the same gender: what to do about its generativity.