Österreich: Auf dem Weg zum Lifestyle-Baby

Hinter dem sperrigen Titel des „Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetzes 2015“ verbirgt sich Sprengstoff: Die endgültige gesetzliche Betrachtung des Kindes als bloßes Lifestyle-Produkt, auf dessen Erhalt jeder ein Recht hat, der es will, welche Hindernisse dem auch immer im Wege stehen mögen. Und was immer das für den so gezeugten Nachwuchs bedeuten mag, der bei unerwünschten Eigenschaften auch schon einmal ausselektiert werden kann. Die Rechte der Kinder werden dabei natürlich völlig ausgeblendet — zum Jubiläum der Kinderrechtskonvention besonders pikant.

Justizminister Wolfgang Brandstetter trägt hier die Hauptverantwortung, stammt der Entwurf ja aus seinem Ressort. Das schlechte Gewissen scheint zu drücken, wie die extrem kurze Begutachtungsfrist von etwa über zwei Wochen zeigt. Sie wird damit gerechtfertigt, dass das VfGH-Erkenntnis G16/2013 ua vom 10. Dezember 2013 Teile des Fortpflanzungsmedizingesetzes mit 1. Jänner 2015 außer Kraft setzt. Diese Frist ist allerdings nicht vom Himmel gefallen, das Vorgehen des Justizministeriums kann also wohl nur als vorsätzlich bezeichnet werden.

Wie Matthias Beck aufzeigt, enthalten die Gesetzesmaterialien naturwissenschaftliche Irrtümer, um zum erwünschten Rechtsergebnis zu kommen. Ethische Überlegungen oder auch medizinische — von den Risken der Eizellspenden bis zur wachsenden Bedeutung des Wissens um Erkrankungen der genetischen Verwandtschaft — werden zu Gunsten eines „Rechts auf Erfüllung des Kinderwunsches“ ausgeblendet.

Einige mutige ÖVP-Abgeordnete wie Franz-Joseph Huainigg haben ihre Kritik an dem Entwurf kundgetan, worauf Vizekanzler Reinhold Mitterlehner einen besondern zynischen Schachzug ins Spiel gebracht hat: Die Abstimmung „freizugeben“. Denn, so sein Kalkül, das Gesetz würde natürlich trotzdem eine Mehrheit erzielen. Unterstützung aus dem Grünen Lager und dem Team Stronach bringt die nötigen Stimmen, ohne dass auch nur eine Konzession an die Gesetzeskritiker notwendig geworden wäre.

Wer ein Zeichen setzen will: Die Lebenskonferenz hat eine Petition gegen das Fortpflanzungsmedizingesetz online gestellt. Der Text ist nicht ganz geglückt, aber das Anliegen unterstützenswert. E-Mails an Justizminister Wolfgang Brandstetter unter minister.justiz@bmj.gv.at, ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka unter reinhold.lopatka@oevpklub.at und ÖVP-Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner unter reinhold.mitterlehner@bmwfw.gv.at sind ebenfalls empfehlenswert. Natürlich werden die von den dreien nicht selbst gelesen, aber zumindest von ihren Mitarbeitern überflogen, die damit ein Stimmungsbild erhalten.

Ach ja: Wie wichtig Wolfgang Brandstetter die Einbindung kritischer Stimmen war und ist, zeigt folgendes: In den „Salzburger Nachrichten“ ist zu lesen, der Minister habe auch schon bei Familienbischof — und Mediziner — Klaus Küng um Verständnis geworben. Im „Standard“ antwortet Klaus Küng trocken: „Wir hatten nur bei einem Empfang in Grafenegg einen Smalltalk.“ Soviel zur Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, mit der ein Justizminister in dieser Angelegenheit vorgeht.

Die tödliche Angst vor Kindern mit Behinderung

In der „Zeit“ stellt Denise Linke eine gute Frage: „Warum haben wir so große Angst vor behinderten Menschen?“ Warum werden viele Menschen abgetrieben, weil eine Behinderung bei ihnen diagnostiziert wurde? Obwohl sie mit dieser Behinderung durchaus lebensfähig wären? Man muss nun Linkes Ethik nicht teilen — ich tue es nicht –, doch für einen Artikel in der „Zeit“ ist das so nahe am Problem, wie es in so einem Blatt nur möglich ist.

Linke ist Autistin. Und sie ahnt, dass Menschen mit dieser Behinderung noch ein Glück haben, dass Autismus noch nicht pränatal festgestellt werden kann:

Ich bin Autistin, und weil wir keine Ahnung haben, welche Gene für Autismus verantwortlich sind, können wir ihn nur durch Fragebögen feststellen. Ich wage die Prognose, dass die Abtreibungszahlen bei einer Autismusdiagnose dramatisch hoch wären. Wie ich darauf komme: Weil immer wieder behauptet wird, Autismus hätte etwas mit Impfungen zu tun, hören Mütter auf, ihre Kinder zu impfen. In meinen Ohren klingt dieser Impfverzicht gefährlicher als Autismus. Und in meinen Augen zeigt es, dass ein Autismusgentest nicht dazu führen würde, dass werdende Mütter sich für das Kind entscheiden würden. Sie würden sie abtreiben, genauso, wie sie ihnen lebensrettende Impfungen vorenthalten, nur um ihnen Autismus zu ersparen.

Ist es deswegen, weil bestritten wird, das Leben dieser Menschen sei lebenswert? Diese Argumentation hört man tatsächlich oft, und Linke entgegnet:

Niemand sollte sich anmaßen, überhaupt darüber zu urteilen, wie lebenswert das Leben eines anderen Menschen sein wird, war oder ist.

Standard-Redakteurin Saskia Jungnikl, dank deren Tweet ich auf Linkes Text gestoßen bin, verweist darauf, dass betroffenen Eltern positive Beispiele fehlen würden. Vielleicht hätten sie Angst vor dem Ungewissen.

Das ist wohl richtig. Es gibt etwa mit dem Nationalratsabgeordneten Franz-Joseph Huainigg und anderen zwar solche Vorbilder; zum Teil richtige Mutmacher! Doch ist der gesellschaftliche Konsens gegen Menschen mit Behinderung so stark, dass die meisten betroffenen Eltern wohl nicht einmal auf die Idee kommen würden, solche Mutmacher zu suchen und anzuhören.

Es gibt freilich noch eine Komponente: Kinder sind heute für viele Eltern quasi eine Luxusware. Die kann man vielleicht sogar bestellen, wenn man eine Leihmutter findet. Und diese Ware soll möglichst perfekt sein. Wenn nicht, wird sie „zurückgeschickt“, wie es in spektakulärer Weise kürzlich einer indischen Leihmutter geschehen ist, oder abgetrieben. Nicht, weil das Leben des Kindes nicht lebenswert gewesen wäre. Sondern weil die „mangelhafte Ware“ den „Lebensentwurf“ der Eltern beeinträchtigt hätte.

Diese Einstellung ist subkutan häufiger zu finden, als man glaubt. Mutmacher und Rollenvorbilder sind sicher eine Komponente, um diese Einstellung zu ändern. Doch muss man es wohl viel grundsätzlicher angehen.

An der Hand, nicht durch die Hand

Noch bis 16. September kann man die österreichische Bürgerinitiative „An der Hand — nicht durch die Hand eines Menschen sterben“ unterstützen. Warum das so wichtig ist?

Der Fall von Godelieve De Troyer ist ein Beispiel mehr, was die natürliche Entwicklung der sogenannten Sterbehilfe ist. Die Belgierin litt an Depressionen; eine düstere Krankheit, die früher nicht umsonst „Schwermut“ genannt wurde. Dabei können sich auch immer wieder Todessehnsüchte entwickeln, die Ausdruck des Krankheitsbildes sind.

Diese Frau wurde nun von einem in psychischen Belangen völlig inkompententen Arzt — er ist Onkologe — umgebracht, der auch nicht bei ihrem behandelnden Arzt Rückfrage hielt. Allerdings handelt es sich bei dem Onkologen um Wim Distelmans, den führenden Fürsprecher der Patiententötung. Und zufälligerweise hat De Troyer an Distelmans Fonds, der für das „Recht zu Sterben“ wirbt, kurz vor ihrer Tötung eine größere Spende getätigt.

De Troyers Hausarzt und ihr Sohn haben gegen das Vorgehen Distelmans Beschwerde erhoben und planen den Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er hat allerdings nicht viel zu befürchen: Steht er doch selbst der Kommission vor, die Verstöße gegen das Euthanasiegesetz untersucht. Und die veröffentlichte Meinung Belgiens steht geschlossen hinter der Tötung von Patienten, die einerseits natürlich auch das Gesundheitssystem finanziell erheblich entlastet, andererseits bequemerweise schwerkranke Menschen aus der Wahrnehmung austilgt.

Solche Zustände wie in Belgien und den Niederlanden, in denen schwerkranke Patienten zum Teil eigene Erklärungen bei sich führen, dass sie keines Falls euthanasiert werden wollen, weil sie Angst davor haben, irgendeine Äußerung könnte als Zustimmung zur Tötung überinterpretiert werden, sind keine Fehlentwicklung, sondern logische Folge. Kranke Menschen haben aber ein Recht auf Betreuung und Zuwendung durch das Gesundheitssystem, das kein Todessystem sein darf.

Utilitaristen und Psychopathen

Ich bin schon seit langem dem Utilitarismus als moralisches Kalkül sehr skeptisch eingestellt. Was ich nicht wusste: Dass die Neigung zu einer utilitaristischen Moral in der Medizin verwendet wird, um Indizien für gewisse Schädigungen der Nerven oder des Gehirns zu finden, die zu sozialen und emotionalen Defiziten führen. Dabei konnten offenbar erfolgreich Verbindungen zwischen bestimmten Erkrankungen und einer verstärkten Zuwendung zu reiner Nutzenabwägung gefunden werden.

Beispielhaft geht es in den Fragebögen etwa darum, ob es besser ist, eine Person von einer Brücke in den Tod zu stoßen, um durch die Leiche einen herrenlosen Waggon aufzuhalten, der ansonsten zum Tod von fünf Menschen führen würde.

Im Journal „Social Cognitive & Affective Neuroscience“ ist nun ein Artikel erschienen, der utilitaristische Moralkalküle bei Psychopathen zum Thema hat. Michael Koenigs, Michael Kruepke, Joshua Zeier und Joseph P. Newman haben sich der Frage gewidmet, in welcher Beziehung Psychopathie und utilitaristische Moralurteile stehen. Die Zahl der Befragten ist, wie in psychologischen und neurologischen Fragestellungen leider regelmäßig, gering. Das liegt meist daran, dass es schwierig ist, Testpersonen zu finden, die sich mehr oder weniger freiwillig durch die Fragebatterien quälen.

Das Ergebnis ist aber durchaus einleuchtend: Primäre Psychopathen, die wenig Furcht oder Angst kennen, neigen utilitaristischen Kalkülen stärker zu als sekundäre Psychopathen, die in der Regel eher zu Angst fähig sind und emotionaler agieren.

Toleranz: Das Ausschalten anderer Meinungen?

Im 19. Jahrhundert forderte man Gleichheit vor dem Gesetz und Meinungsfreiheit. Im 21. Jahrhundert will man dagegen diskriminierende Sonderrechte, die man mit besonderer Chuzpe mit dem Kampf gegen Diskriminierung begründet, und Einschränkungen der Meinungsfreiheit, die jede Kritik an der eigenen Weltanschauung ausschalten sollen.

Jüngster Beweis ist wieder einmal ein neuerlicher Anlauf für sogenannte „Homosexuellenrechte“, der nun von der SPÖ unternommen wird. Was sind „Homosexuellenrechte“? Rechte, die über die normalen Menschenrechte hinaus jemanden aus der Wahl seines Lebensstils erwachsen? Und die ÖVP, die es in den letzten Jahren noch nie unternommen hat, gesellschaftspolitische Positionen zu argumentieren, hechelt der SPÖ natürlich brav hinterher.

Der zweite Beleg ist das neue Plakat für den Wiener Life Ball, das angeblich für Toleranz wirbt. Es ist eher als Geßlerhut der „moralisch überlegenen“ gedacht und damit gerade das Gegenteil. Man möchte sich auch nicht ausmalen, welche berechtigte Kritik an der Degradierung von Menschen zum Lustobjekt dieses Plakat ausgelöst hätte, wäre es nicht mit dem Life Ball und der entsprechenden Szene assoziiert. Doch in diesem Fall ist es so: Wer es nicht goutiert, wer es z.B. im öffentlichen Raum aus Gründen des Jugendschutzes für nicht angebracht hält, wird als bigott, verschroben, verklemmt, ewiggestrig dargestellt. Daher werden die Plakate auch noch mit üppigen Subventionen der Stadt Wien bezahlt.

Nebenbei muss mir immer noch jemand erklären, warum es für den Zweck einer angeblichen Benefizveranstaltung für die Aidshilfe effizienter sein soll, von der Stadt Wien mit Geld-Subventionen versorgt zu werden an statt dieses Geld direkt der Aidshilfe zur Verfügung zu stellen. Es wird doch nicht etwa hinter dem Life Ball — der in grauer Vorzeit sogar tatsächlich die Krankheit Aids thematisiert hat — ein anderer Zweck als Benefiz stecken …

Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass man Meinungen aushält, die einem zuwiderlaufen. Das mediale Trommelfeuer z.B. in Sachen „Homosexuellenrechte“, oft besonders frauenfeindlich als bloße „Schwulenrechte“ tituliert, bis hin zu den Forderungen, persönliche negative Meinungen gegenüber homo- oder transsexueller Lebensweise strafbar zu machen, zeigt, wie große Teile der chattering class gerade das Gegenteil einer offenen Gesellschaft anstreben. Und wer nicht passt, wird passend gemacht.

Selbstmord aus Selbstsucht?

Kann Selbstmord die Kulmination von Selbstsucht sein? Man denke an den Selbstmord in Wien, der ein Haus schwer beschädigte und durch glücklichen Zufall nur dem Täter das Leben kostete. Der junge Täter sei beschäftigungslos gewesen und hätte möglicherweise aus Liebeskummer gehandelt.

Wie ist es gerechtfertigt, nur deswegen, weil man nicht das bekommen hat, was man wollte, nicht nur sich selbst zu zerstören, sondern potientiell eine Zahl Dritter? Selbstzerstörung als Triumph der Selbstsucht?

In der Psychologie geht man heute in der Regel davon aus, dass Selbstmord Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist. In Fällen wie Depression ist dem wohl ausdrücklich zuzustimmen, auch wenn man etwa in den Niederlanden nicht davor zurückschreckt, Behandlungskosten von Depressionspatienten durch deren „freiwillige“ Euthanasierung zu senken.

Doch es gibt auch Selbstmorde, bei denen der Täter selbst willentlich handelt, von Vorstellungen geleitet wird, die sein Handeln rechtfertigen sollen. Émile Durkheim hat in 1897 in seinem Buch „Le suicide“ versucht, Selbstmord soziologisch aufzuarbeiten. Dabei hat er die Einflüsse sozialer Integration und moralischer Vorstellungen auf Selbstmord systematisiert. Eine seiner Kategorien ist der egoistische Selbstmord, in dem ein Individuum keine Bindung an die Gesellschaft mehr verspürt, und daher einerseits keinen Halt mehr hat, andererseits auch keine Rücksicht mehr nimmt.

Dieser Typus wird in manchen liberalen Kreisen durchaus verherrlicht, die vom Grundrecht des Menschen auf Selbstmord reden und dies mit einer naiven individual-utilitaristischen Argumentation unterstützen. Jeder Mensch solle seinen persönlichen, subjektiven Nutzen maximieren; wenn er glaubt, dies durch seinen Selbstmord verwirklichen zu wollen, so sei das eben so. Keine Bindungen, keine Rücksicht mehr. Manche gehen so weit, Selbstmordprävention als ungerechtfertigen Eingriff in die Freiheit zu werten.

Doch schauen wir uns den Fall des 19jährigen an: Was wäre noch alles vor ihm gelegen? Welche Möglichkeiten hätten sich allein aus seiner Jugend noch ergeben? Welchen dauernden Verlust, welchen Schmerz hat er sich und anderen wegen vorübergehender Probleme zugemutet? Ich rede da auch von seinem Umfeld, Bekannten, Freunden, Familie.

Durkheim hat, bei allem, was an der Studie mittlerweile überholt ist, damit recht: Ein belastbares Netzwerk von Familien und Freunden, auf die man sich verlassen kann, ein moralischer Kompass, der den Wert des Lebens anzeigt, reduzieren die Gefahr einer solchen Tat deutlich. Dazu gehört freilich auch, dass man die Signale des Betroffenen versteht. Man sollte es ernst nehmen, wenn jemand Selbstmordgedanken hegt, und ihm präventiv helfen, aus dieser Verfinsterung der Seele zu entkommen. Man rettet damit möglicherweise nicht nur ein Leben.

Brendan Eich und die „Repressive Toleranz“

Die grässliche Fratze angeblicher Toleranz und Diversität zeigte die Hexenjagd auf Brendan Eich, Erfinder von JavaScript, Mitgründer von Mozilla und kurzzeitig nun auch Vorstandsvorsitzender der Mozilla Corporation, des wirtschaftlichen Arms der der Softwarestiftung, die neben dem Browser Firefox noch einige andere Produkte in der Palette hat. Auf Eich wurde in den USA massiver Druck ausgeübt, zurückzutreten, da seine Person nicht mit den Werten in Übereinstimmung stehe, die ein aufrechter Bürger zu vertreten hat. Sein Vergehen? Er unterstützte in Kalifornien eine — erfolgreiche — Abstimmungsinitiative gegen die Bezeichnung eingetragener Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare als Ehe.

Dafür wurde er selbst in der FAZ zum „Homophoben“ gestempelt. Wir haben also bereits den Punkt erreicht, wo Widerspruch zur Änderung des Ehebegriffs im deutschsprachigen Mainstream bereits „homophob“ ist. Der Tenor der US-Kritiker war: Er soll öffentlich seinen Irrtum eingestehen und sich zur lichten Seite bekennen. Dazu war Eich aber zu prinzipienfest.

Den Verfechtern dieser Strateige der „repressiven Toleranz“ ist vielleicht nicht bewußt, was sie anrichten. Sie fördert öffentliche Schauprozesse, erstickt jeden Diskurs. Konformität wird in diesem Klima oberste Pflicht. Oder ist vielleicht gerade das ihr Ziel? Es gehört jedenfalls besondere Chuzpe dazu, wenn Eichs Abtritt mit den Worten kommentiert wird, das sei ein wichtiger Schritt für „freie Meinungsäußerung und Gleichberechtigung“ gewesen, oder Mozilla habe gezeigt, es sei „inklusiv, sicher und einladend zu allen.“ Inklusiv? Einladend zu allen? Zu allen, die politisch im Gleichschritt marschieren.

In Österreich ist es außerhalb von Tendenzbetrieben glücklicherweise zumindest gesetzlich verboten, jemanden offen wegen seiner Weltanschauungen zu diskriminieren, auch wenn es in der Praxis (besonders der medialen!) leider vorkommt. Die diversen „Hate-Crime“-Bestimmungen, deren Ausweitung laufend gefordert werden, gehen aber ebenfalls in die Richtung, Meinungen zu kriminalisieren und Menschen wegen ihrer Überzeugungen ohne sachliche Rechtfertigung zu diskriminieren. Man kann gar nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ Man muss schon eher sagen: „Verhindert das Schlimmste!“

21.3.: Welt-Down-Syndrom-Tag

Der 21. März wurde 2006 zum Welttag für Menschen mit Trisomie 21 ausgerufen, oder auch Welt-Down-Syndrom-Tag. Menschen mit Down-Syndrom besitzen das 21. Chromosom dreifach statt doppelt, da war dieses Datum naheliegt.

In Österreich wird es an zahlreichen Orten Aktionen geben, von einem Ponyhof-Treffen in Salzburg über Info-Stände über gemeinsames Photographieren in einem Wiener Studio bis zu Messen, die von Menschen mit Down-Syndrom gestaltet werden.

Man trifft heute allerdings nur selten Menschen mit Down-Syndrom, weil sie gnadenlos ausselektiert werden. Der entsprechende Test gehört in Österreich zu den vorgesehenen Untersuchungen in der Schwangerschaft; ein positiver Test soll planmäßig zur Beseitigung des getesten Menschen führen. Dabei werden übrigens — wie schon ein Grundkurs in Statistik nahelegt — auch viele Menschen ohne Down-Syndrom „positiv“ getestet. Da sie nachher ohnehin tot sind, fällt das nicht weiter auf.

An diesem Welt-Down-Syndrom-Tag denke ich daher auch an die mutigen Eltern, die trotz aller Bedrängung durch Staat und Gesellschaft zu ihrem Kind stehen. Zu Kindern, die viel Potential haben, wie ein kleiner Überblick beim Verein „Down-Syndrom Österreich“ zeigt.

Dieses Potential muss freilich gehoben werden, wie es auf dieser Website auch so schön heißt: „Die Entwicklung eines Kindes mit Down-Syndrom verläuft insgesamt langsamer — gemütlicher — als die seiner Altersgenossen.“ Es gibt leider auch eine höhere Gefahr, bestimmte Krankheiten zu haben. Ersteres ist in den frühen Lebensjahren aber noch weit weniger deutlich, so dass die Kinder im Kindergarten wie selbstverständlich dazugehören; mit geeigneter Förderung werden auch Lesen, Schreiben, Rechnen im Volksschulalter gemeistert. Zweiteres ist heute meist gut zu behandeln.

In früheren Jahrhunderten war die „Inklusion“ betroffener Menschen am Land wohl selbstverständlich, es gab genug Arbeiten für sie zu tun. Man findet ihre Spuren in Gemälden und in Geschichten. Auf Grund des höheren Krankheitsrisikos haben freilich viele Menschen mit Down-Syndrom nicht lange gelebt: „Früher starben 75% der Patienten vor der Pubertät und 90% vor dem Erreichen des 25. Lebensjahres“.

Und, um kein allzu rosigen Bild zu zeichnen: Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen wurden z.B. in der frühen Neuzeit mitunter sehr schlecht behandelt. Luther schlug etwa vor, „Wechselbälger“ gleich zu ertränken, weil sie ohnehin nur eine Masse Fleisch seien. Das traf kaum Kinder mit Down-Syndrom; doch genügend andere.

Die Menschen früherer Jahrhunderte haben freilich als Entschuldigung, dass sie die Umstände und Hintergründe der Behinderungen nicht gekannt, über Behandlungen und Förderungen nichts gewusst haben. Diese Ausrede gilt heute nicht mehr.

Der Welt-Down-Syndrom-Tag ist eine gute Gelegenheit, seine a-priori-Annahmen zu überdenken, und Menschen mit Down-Syndrom mit offenem Herzen, offener Hand zu begegnen.

Ach ja: Wer will, kann auch grelle, geringelte Socken zum Welt-Down-Syndrom-Tag tragen. Ein leuchtendes Zeichen der Lebensfreude.

Infantizid und der Kreis der Menschheit

Die moralische Rechtfertigung „nachgeburtlicher Abtreibung“ — die Tötung kleiner Kinder — wird immer wieder diskutiert. In der utilitaristischen Philosophe eines Peter Singer gehört sie quasi zum Kanon dazu, vor einiger Zeit haben Giubilini und Minerva die Debatte wieder angefacht. Es klingt widerlich; aber was ist mir ihren Argumenten? Ich habe dazu ein interessantes Zitat von Ramesh Ponnuru gefunden:

Was aber wohl das Schrecklichste an dieses Apologien des Kindermords ist, ist, das sie nicht ganz Unrecht haben. Sie haben unrecht in bezug auf die Rechtfertigbarkeit des Infantizids; aber sie haben recht, dass, wenn Abtreibung gerechtfertigt ist, dann auch Infantizid. Menschen, die das erste Mal von Peter Singers Ansichten hören, sind geneigt zu antworten, er sei einfach verrückt. Aber wenn die Philosophen des Infantizids wahnsinnig sind, dann nur in Chesterton’schen Sinne: Sie sind keine Menschen, die ihren Verstand verloren haben, sondern Menschen, die alles verloren haben außer ihrem Verstand. (Im Englischen ein Wortspiel: „They are not people who lost their reason, but people who have lost everything but their reason.“) Sie argumentieren fehlerlos von äußerst fehlerhaften Prämissen, die sie mit vielen Menschen teilen, die es vermeiden, Kindstötungen zu unterstützen, indem sie mangelhaft von diesen Prämissen argumentieren.

Singer und die anderen haben einfach die Prämissen hinter der Abtreibung angenommen und danach getrachtet, sie konsistent anzuwenden. Die Ideen, dass es ein moralisches Recht gebe, eine Abtreibung durchzuführen, und dass es ein gesetzliches Recht dazu geben sollte, basieren auf der Annahme, dass einige Menschen kein Recht haben, nicht getötet zu werden. Versucht man, Kriterien zu finden, die den Entzug des Schutzes von Menschen in der embryonalen und fötalen Entwicklungsstufe vernünftig erklären, stellt sich unvermeidlich heraus, dass diese Kriterien den Entzug des Schutzes von zumindest einigen Menschen in späteren Entwicklungsstufen auch rechtfertigen.

Darauf erfolgt die unvermeidliche Antwort: Irgendwo muss man eben einmal eine Grenze ziehen. Aber nein, muss man nicht. Man muss keine Grenze ziehen, die Menschen mit Rechten und Persönlichkeit von denen ohne trennt. Man kann stattdessen einen Kreis um die ganze Klasse der Menschen ziehen, und sagen, dass keiner darin willentlich getötet werden soll, wenn er friedlich handelt.

Belgien: Töten ist besser als Helfen.

Es ist ein dunkler Tag für die Menschenrechte und die Menschenwürde. Das belgische Abgeordnetenhaus hat mit breiter Mehrheit –- 86 Pro-Stimmen, 44 Kontra, 12 Enthaltungen — beschlossen, dass künftig Kindern ohne Altersbegrenzung das Leben genommen werden darf. Man nennt das euphemistisch Sterbehilfe — doch man hilft ihnen eben nicht im Sterben, sondern tötet sie lieber gleich. Kommt billiger. Und glücklicherweise wird man nie dahinterkommen, ob das Aufgeben jeder Hoffnung, jeder Begleitung, das Preisgeben jeder Möglichkeit, noch eine Minute miteinander zu verbringen, die richtige Entscheidung war. Wer tot ist, kann nicht mehr zweifeln, keine Fragen mehr stellen. Praktisch.

Es ist schon monströs, erwachsenen Menschen in krisenartiger Erkrankung ihrer selbst oder eines Angehörigen die Entscheidung über eine Tötung aufzubürden. Es ist perfide, diese Entscheidung nun auch noch Kindern jeden Alters aufzulasten. Kinder, die keine Verträge abschließen dürfen, nicht wählen dürfen, aber wissen sollen, ob sie sich wirklich keine Minute mehr unter den Lebenden wünschen und auch später nie darüber froh sein würden, dass sie noch mehr Zeit als Lebender verbringen durften. Es ist verlogen, wenn dafür menschliche Autonomie bemüht wird, die in dieser Radikalität ein Phantom ist und die Anderen ihrer Verantwortung der Liebe, Hilfe, Zuneigung, Zärtlichkeit enthebt.

Auf die unrühmliche Rolle von König Philipp weist der Blogger Bellfrell hin. Wenn er auch de facto nicht in der Lage ist, das Gesetz zu verhindern, erst recht nicht angesichts der parlamentarischen Zwei-Drittel-Mehrheit dafür, so ist es doch kein Ruhmesblatt, selbst zum Töten von Kindern keine Worte, kein Symbol des Widerstands zu finden.

Hier geht es zu einer Petition, damit der König der Belgier das Kindereuthanasiegesetz nicht unterschreibt. Jede Unterschrift ist ein Zeichen.