Brendan Eich und die „Repressive Toleranz“

Die grässliche Fratze angeblicher Toleranz und Diversität zeigte die Hexenjagd auf Brendan Eich, Erfinder von JavaScript, Mitgründer von Mozilla und kurzzeitig nun auch Vorstandsvorsitzender der Mozilla Corporation, des wirtschaftlichen Arms der der Softwarestiftung, die neben dem Browser Firefox noch einige andere Produkte in der Palette hat. Auf Eich wurde in den USA massiver Druck ausgeübt, zurückzutreten, da seine Person nicht mit den Werten in Übereinstimmung stehe, die ein aufrechter Bürger zu vertreten hat. Sein Vergehen? Er unterstützte in Kalifornien eine — erfolgreiche — Abstimmungsinitiative gegen die Bezeichnung eingetragener Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare als Ehe.

Dafür wurde er selbst in der FAZ zum „Homophoben“ gestempelt. Wir haben also bereits den Punkt erreicht, wo Widerspruch zur Änderung des Ehebegriffs im deutschsprachigen Mainstream bereits „homophob“ ist. Der Tenor der US-Kritiker war: Er soll öffentlich seinen Irrtum eingestehen und sich zur lichten Seite bekennen. Dazu war Eich aber zu prinzipienfest.

Den Verfechtern dieser Strateige der „repressiven Toleranz“ ist vielleicht nicht bewußt, was sie anrichten. Sie fördert öffentliche Schauprozesse, erstickt jeden Diskurs. Konformität wird in diesem Klima oberste Pflicht. Oder ist vielleicht gerade das ihr Ziel? Es gehört jedenfalls besondere Chuzpe dazu, wenn Eichs Abtritt mit den Worten kommentiert wird, das sei ein wichtiger Schritt für „freie Meinungsäußerung und Gleichberechtigung“ gewesen, oder Mozilla habe gezeigt, es sei „inklusiv, sicher und einladend zu allen.“ Inklusiv? Einladend zu allen? Zu allen, die politisch im Gleichschritt marschieren.

In Österreich ist es außerhalb von Tendenzbetrieben glücklicherweise zumindest gesetzlich verboten, jemanden offen wegen seiner Weltanschauungen zu diskriminieren, auch wenn es in der Praxis (besonders der medialen!) leider vorkommt. Die diversen „Hate-Crime“-Bestimmungen, deren Ausweitung laufend gefordert werden, gehen aber ebenfalls in die Richtung, Meinungen zu kriminalisieren und Menschen wegen ihrer Überzeugungen ohne sachliche Rechtfertigung zu diskriminieren. Man kann gar nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ Man muss schon eher sagen: „Verhindert das Schlimmste!“

21.3.: Welt-Down-Syndrom-Tag

Der 21. März wurde 2006 zum Welttag für Menschen mit Trisomie 21 ausgerufen, oder auch Welt-Down-Syndrom-Tag. Menschen mit Down-Syndrom besitzen das 21. Chromosom dreifach statt doppelt, da war dieses Datum naheliegt.

In Österreich wird es an zahlreichen Orten Aktionen geben, von einem Ponyhof-Treffen in Salzburg über Info-Stände über gemeinsames Photographieren in einem Wiener Studio bis zu Messen, die von Menschen mit Down-Syndrom gestaltet werden.

Man trifft heute allerdings nur selten Menschen mit Down-Syndrom, weil sie gnadenlos ausselektiert werden. Der entsprechende Test gehört in Österreich zu den vorgesehenen Untersuchungen in der Schwangerschaft; ein positiver Test soll planmäßig zur Beseitigung des getesten Menschen führen. Dabei werden übrigens — wie schon ein Grundkurs in Statistik nahelegt — auch viele Menschen ohne Down-Syndrom „positiv“ getestet. Da sie nachher ohnehin tot sind, fällt das nicht weiter auf.

An diesem Welt-Down-Syndrom-Tag denke ich daher auch an die mutigen Eltern, die trotz aller Bedrängung durch Staat und Gesellschaft zu ihrem Kind stehen. Zu Kindern, die viel Potential haben, wie ein kleiner Überblick beim Verein „Down-Syndrom Österreich“ zeigt.

Dieses Potential muss freilich gehoben werden, wie es auf dieser Website auch so schön heißt: „Die Entwicklung eines Kindes mit Down-Syndrom verläuft insgesamt langsamer — gemütlicher — als die seiner Altersgenossen.“ Es gibt leider auch eine höhere Gefahr, bestimmte Krankheiten zu haben. Ersteres ist in den frühen Lebensjahren aber noch weit weniger deutlich, so dass die Kinder im Kindergarten wie selbstverständlich dazugehören; mit geeigneter Förderung werden auch Lesen, Schreiben, Rechnen im Volksschulalter gemeistert. Zweiteres ist heute meist gut zu behandeln.

In früheren Jahrhunderten war die „Inklusion“ betroffener Menschen am Land wohl selbstverständlich, es gab genug Arbeiten für sie zu tun. Man findet ihre Spuren in Gemälden und in Geschichten. Auf Grund des höheren Krankheitsrisikos haben freilich viele Menschen mit Down-Syndrom nicht lange gelebt: „Früher starben 75% der Patienten vor der Pubertät und 90% vor dem Erreichen des 25. Lebensjahres“.

Und, um kein allzu rosigen Bild zu zeichnen: Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen wurden z.B. in der frühen Neuzeit mitunter sehr schlecht behandelt. Luther schlug etwa vor, „Wechselbälger“ gleich zu ertränken, weil sie ohnehin nur eine Masse Fleisch seien. Das traf kaum Kinder mit Down-Syndrom; doch genügend andere.

Die Menschen früherer Jahrhunderte haben freilich als Entschuldigung, dass sie die Umstände und Hintergründe der Behinderungen nicht gekannt, über Behandlungen und Förderungen nichts gewusst haben. Diese Ausrede gilt heute nicht mehr.

Der Welt-Down-Syndrom-Tag ist eine gute Gelegenheit, seine a-priori-Annahmen zu überdenken, und Menschen mit Down-Syndrom mit offenem Herzen, offener Hand zu begegnen.

Ach ja: Wer will, kann auch grelle, geringelte Socken zum Welt-Down-Syndrom-Tag tragen. Ein leuchtendes Zeichen der Lebensfreude.

Infantizid und der Kreis der Menschheit

Die moralische Rechtfertigung „nachgeburtlicher Abtreibung“ — die Tötung kleiner Kinder — wird immer wieder diskutiert. In der utilitaristischen Philosophe eines Peter Singer gehört sie quasi zum Kanon dazu, vor einiger Zeit haben Giubilini und Minerva die Debatte wieder angefacht. Es klingt widerlich; aber was ist mir ihren Argumenten? Ich habe dazu ein interessantes Zitat von Ramesh Ponnuru gefunden:

Was aber wohl das Schrecklichste an dieses Apologien des Kindermords ist, ist, das sie nicht ganz Unrecht haben. Sie haben unrecht in bezug auf die Rechtfertigbarkeit des Infantizids; aber sie haben recht, dass, wenn Abtreibung gerechtfertigt ist, dann auch Infantizid. Menschen, die das erste Mal von Peter Singers Ansichten hören, sind geneigt zu antworten, er sei einfach verrückt. Aber wenn die Philosophen des Infantizids wahnsinnig sind, dann nur in Chesterton’schen Sinne: Sie sind keine Menschen, die ihren Verstand verloren haben, sondern Menschen, die alles verloren haben außer ihrem Verstand. (Im Englischen ein Wortspiel: „They are not people who lost their reason, but people who have lost everything but their reason.“) Sie argumentieren fehlerlos von äußerst fehlerhaften Prämissen, die sie mit vielen Menschen teilen, die es vermeiden, Kindstötungen zu unterstützen, indem sie mangelhaft von diesen Prämissen argumentieren.

Singer und die anderen haben einfach die Prämissen hinter der Abtreibung angenommen und danach getrachtet, sie konsistent anzuwenden. Die Ideen, dass es ein moralisches Recht gebe, eine Abtreibung durchzuführen, und dass es ein gesetzliches Recht dazu geben sollte, basieren auf der Annahme, dass einige Menschen kein Recht haben, nicht getötet zu werden. Versucht man, Kriterien zu finden, die den Entzug des Schutzes von Menschen in der embryonalen und fötalen Entwicklungsstufe vernünftig erklären, stellt sich unvermeidlich heraus, dass diese Kriterien den Entzug des Schutzes von zumindest einigen Menschen in späteren Entwicklungsstufen auch rechtfertigen.

Darauf erfolgt die unvermeidliche Antwort: Irgendwo muss man eben einmal eine Grenze ziehen. Aber nein, muss man nicht. Man muss keine Grenze ziehen, die Menschen mit Rechten und Persönlichkeit von denen ohne trennt. Man kann stattdessen einen Kreis um die ganze Klasse der Menschen ziehen, und sagen, dass keiner darin willentlich getötet werden soll, wenn er friedlich handelt.

Belgien: Töten ist besser als Helfen.

Es ist ein dunkler Tag für die Menschenrechte und die Menschenwürde. Das belgische Abgeordnetenhaus hat mit breiter Mehrheit –- 86 Pro-Stimmen, 44 Kontra, 12 Enthaltungen — beschlossen, dass künftig Kindern ohne Altersbegrenzung das Leben genommen werden darf. Man nennt das euphemistisch Sterbehilfe — doch man hilft ihnen eben nicht im Sterben, sondern tötet sie lieber gleich. Kommt billiger. Und glücklicherweise wird man nie dahinterkommen, ob das Aufgeben jeder Hoffnung, jeder Begleitung, das Preisgeben jeder Möglichkeit, noch eine Minute miteinander zu verbringen, die richtige Entscheidung war. Wer tot ist, kann nicht mehr zweifeln, keine Fragen mehr stellen. Praktisch.

Es ist schon monströs, erwachsenen Menschen in krisenartiger Erkrankung ihrer selbst oder eines Angehörigen die Entscheidung über eine Tötung aufzubürden. Es ist perfide, diese Entscheidung nun auch noch Kindern jeden Alters aufzulasten. Kinder, die keine Verträge abschließen dürfen, nicht wählen dürfen, aber wissen sollen, ob sie sich wirklich keine Minute mehr unter den Lebenden wünschen und auch später nie darüber froh sein würden, dass sie noch mehr Zeit als Lebender verbringen durften. Es ist verlogen, wenn dafür menschliche Autonomie bemüht wird, die in dieser Radikalität ein Phantom ist und die Anderen ihrer Verantwortung der Liebe, Hilfe, Zuneigung, Zärtlichkeit enthebt.

Auf die unrühmliche Rolle von König Philipp weist der Blogger Bellfrell hin. Wenn er auch de facto nicht in der Lage ist, das Gesetz zu verhindern, erst recht nicht angesichts der parlamentarischen Zwei-Drittel-Mehrheit dafür, so ist es doch kein Ruhmesblatt, selbst zum Töten von Kindern keine Worte, kein Symbol des Widerstands zu finden.

Hier geht es zu einer Petition, damit der König der Belgier das Kindereuthanasiegesetz nicht unterschreibt. Jede Unterschrift ist ein Zeichen.

Der intuitive Hund wedelt mit dem vernünftigen Schwanz

Ist die Vernunft unser Instrument, um herauszufinden, welchen Weg wir einschlagen sollen? Was richtig, was falsch ist? Oder hilft uns die Vernunft vor allem, ex post alle möglichen Erklärungen zu finden, warum unsere Entscheidung, unsere Ansicht richtig ist? Und wenn es so ist: Warum gibt es dann trotzdem Erkenntnisgewinne? Diesem schwierigen Thema widmet sich der New Yorker Psychologieprofessor Jonathan Haidt in einem sehr interessanten Artikel bei „This View of Life“ mit einem selbstreflexiven Ende. Ausgangspunkt ist die Wette des Philosophen Sam Harris, dass er 10.000 Dollar demjenigen zahlen würde, der in einem kurzen Essay ihn durch bestechende logische Argumentation von seiner eigenen moralphilosophischen Position abbringen könnte.

Jonathan Haidt bezweifelt, dass jemand diesen Essay schreiben könnte – ganz unabhängig von der inhaltlichen Richtigkeit von Harris’ Position oder einer möglichen Gegenposition. Die Vernunft ist nicht die Königin menschlicher Erkenntnis, zu der sie gerne gemacht wird, sondern steht in einem komplizierten Wechselspiel von Intuition, Gefühlen, etc. Haidts Graphik zur Verwendung von Worten, die die Richtigkeit des eigenen Standpunkts unterstreichen, in verschiedenen Büchern von Philosophen, Polit-Kommentatoren etc. ist sehenswert und unterstreicht, wie gerade Autoren, die sich für sehr vernunftbetont halten, leidenschaftlich argumentieren.

Man könnte zu Haidt ergänzen, dass Harris ein Wette ausgesetzt hat, bei der er selbst Schiedsrichter und Auszahlender in einer Person ist. Wenn man die Anreizstruktur bedenkt -– es steht ja nicht nur Geld, sondern auch Status auf dem Spiel ––, ist auch spieltheoretisch ein Wettverlust Harris’ ziemlich ausgeschlossen.

Passend schreibt Theo Hobson im Guardian über Jacques Rousseaus Deismus. Harris’ großes Vertrauen in die analytische Kraft der Vernunft und die Möglichkeit, rein durch Vernunft eine allgemeine Moral zu begründen, wäre ohne Rousseau vielleicht nicht denkbar. Die Artikelüberschrift lautet daher auch: Atheismus ist ein Seitenast des Deismus. Gemeint ist der heute verbreitete humanistische Atheismus, der in Rousseaus Gedankenwelt wurzelt. Ob der Sprung von Deismus zum Atheismus diese Weltanschauung kohärenter und inkohärenter gemacht hat, wird übrigens höchst unterschiedlich beurteilt.

(Beide Hinweise über Ross Douthat)

Ein paar Sätze eines älteren Herrn zu Social Media

Die Geschwindigkeit der Information übersteigt unsere Reflexions- und Urteilsfähigkeit und gestattet es nicht, dass wir uns selbst in abgewogener und rechter Weise ausdrücken. Die Vielfalt der vorgebrachten Meinungen kann als Reichtum wahrgenommen werden; aber es ist auch möglich, sich in einen Raum von Informationen zu verschließen, die nur unseren Erwartungen und Vorstellungen oder auch bestimmten politischen oder wirtschaftlichen Interessen entsprechen.

Wer sich regelmäßig in Twitter, Facebook, WhatsApp etc. bewegt, wird beides schon beobachtet oder sogar selbst getan haben: Blitzschnelle Antworten auf neue Info-Happen, bei denen sich die Happen bald als ungenießbar herausstellen, und die Antworten am besten nie gegeben worden wären. Und der Gefahr des digitalen Hallraums, in dem man nur noch seinesgleichen hört, ist im Web wohl jeder ausgesetzt.

Damit sollen die Möglichkeiten des Webs nicht kleingeredet werden, sondern die Gefahren aufgezeigt, Lösungen gesucht werden.

Ein Beispiel: Wir müssen einen gewissen Sinn für Langsamkeit und Ruhe wiedergewinnen. Das verlangt die Zeit und die Fähigkeit, Stille zu schaffen, um zuzuhören. Wir brauchen auch Geduld, wenn wir denjenigen verstehen wollen, der anders ist als wir: Der Mensch bringt sich selbst vollständig zum Ausdruck nicht dann, wenn er einfach toleriert wird, sondern wenn er weiß, dass er wirklich angenommen ist.

Wieviele Postings bestehen darin, jemand anderem in Punkten zu widersprechen, die derjenige gar nicht gemacht hat; überzeichnete Positionen zu attackieren, um den anderen als Extremisten zu diffamieren und als Sieger der Debatte dazustehen, ohne auch nur im mindesten verstanden zu haben, welche Sicht der Welt der andere überhaupt hat. Stattdessen auf den anderen zuzugehen ist kein Aufgeben der eigenen Sichtweise, sondern ihre Öffnung. So wird das Gespräch menschlich.

Das digitale Netz kann ein an Menschlichkeit reicher Ort sein, nicht ein Netz aus Leitungen, sondern aus Menschen. Die Neutralität der Medien ist nur scheinbar: Nur wer in die Kommunikation sich selbst einbringt, kann einen Orientierungspunkt darstellen. Das persönliche „Sich-einbringen“ ist die Wurzel der Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikators.

Jetzt muss ich langsam verraten, woher die Zitate stammen: Aus der Botschaft Papst Franziskus’ zum 48. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, die am 24. Jänner, des Tages des hl. Franz von Sales, veröffentlicht worden ist. Die Zitate wären etwas spannender, hätte ich gleich offensichtlich religiös konnotierte Stellen ausgewählt. Aber wo wäre da der (ohnehin minimale) Überraschungseffekt?

Wer den Text liest, hat diese zehn Minuten gut investiert.

Euthanasie und der selbstbestimmte Mensch

In Deutschland wogt die Debatte um die Tötung schwerkranker Menschen (Sterbehilfe) momentan hin und her. In Belgien und den Niederlanden hat sie bekanntlich zur Entscheidung geführt, die Begriffe „schwerkrank“ und „Wille des Betroffenen“ extrem weit zu interpretieren, wohl auch zur finanziellen Entlastung der Gesundheitssysteme. „An der Hand statt durch die Hand sterben“ erfordert liebevolle Zuwendung, Zeit, also personelle Ressourcen, und entsprechende Einrichtungen. Da ist der belgische Weg billiger, erspart vor allem wegen der Ausweitung auf psychische Leiden dem Staat Geld bei der Behandlung psychischer Erkrankungen.

Klingt zynisch? Dann muss man sich nur folgendes vor Augen halten: Menschen sollen angeblich in der gleichen Situation rational abwägend entscheiden können, ob ihre Existenz ausgelöscht werden soll, obwohl beispielsweise ein in dieser Situation aufgesetztes Testament vor Gericht problemlos angefochten würde. Die Verfügung über ihre materiellen Güter wird rechtlich strikter gehandhabt als die über ihr eigenes Leben.

Noch schlimmer ist es, wenn Angehörige plötzlich diese Entscheidung treffen sollen. Im alten Rom stand so etwas dem Pater familias zu; es gab gute Gründe, ihm dieses Recht über Leben und Tod zu nehmen. Nicht nur, dass die Angehörigen höchstens eine Ahnung haben können, was der Betroffene selbst in dieser Situation tatsächlich wollen würde, stehen Sie unter einer enormen emotionalen Belastung. Und haben natürlich manchmal auch eigene Interessen, die in die Entscheidung einfließen. Auch Erben will gelernt sein.

Erfahrungsgemäß versucht man die eigene Schuld am Tod des Verwandten kleinzureden: Es wäre so ohnehin besser gewesen. Er hätte es so gewollt. Wenigstens hatte sein Leid ein Ende. Er wäre sowieso bald gestorben. Aber das alles ändert nichts am Faktum, dass man eben nun selbst der unmittelbare Anlass für den Tod des Verwandten war.

Die Verhaltensforschung, die Neurobiologie und andere Forschungszweige haben den aufklärerischen Mythos des völlig selbstbestimmten Menschen zertrümmert, der als Antithese etwa zur Anthropologie des Christentums entstanden war. Die Erkenntis, dass es diesen Menschen nicht gibt, reflektiert etwa das Strafrecht schon lange mit Bestimmungen, die versuchen, die vielfachen Einflüsse in unserem Leben abzubilden, z.B. durch den Bestimmungstäter, oder mit verschiedenen Milderungsgründen.

Ausgerechnet, wenn es um Entscheidungen um Leben und Tod geht, wird jedoch die Fiktion einer freien, unbeeinflussten, rationalen Entscheidung bemüht, die ausgerechnet in dieser Situation möglich sein soll. Cui bono?

SPÖ versenkt Ächtung der Sterbehilfe

Wer immer gehofft hat, dass als eine Leistung der neuen Regierung wenigstens die Ächtung des Tötens kranker Menschen ihren Weg in unsere Verfassung finden würde, hat sich gründlich getäuscht. Offenbar war die SPÖ von allem Anfang dagegen, ließ der ÖVP aber vor Abschluss der Verhandlungen die gesichtswahrende Option des „Projekts“, das aber bereits am 7. Jänner vom SPÖ-Justizsprecher versenkt wird.

Denn Hannes Jarolim spricht sich im Ö1-Morgenjournal sogar für eine Lockerung des Verbots der euphemistisch „Sterbehilfe“ genannten Praxis und operiert mit dem beliebten Kampfbegriff des „Leidens in Unwürde“. Das ist als Argument Mumpitz. Die „Würde“ hat wohl als schwammigen Begriff die frühere „Ehre“ ersetzt, um jede Handlung und ihr Gegenteil zu begründen. Es ist kein Problem, genauso vom „Getötetwerden in Unwürde“ und dem Gegenpart des würdevollen Annehmens des eigenen, natürlichen Sterbens zu sprechen, und tatsächlich gibt es natürlich auch solche Ansichten.

Was gerne euphemistisch „Sterbehilfe“ genannt wird, ist ja in Wahrheit nichts anderes als die Wegrationalisierung störender, nicht-funktionierender Menschen, die endgültige Verdrängung des Sterbens aus der Öffentlichkeit. Es sind ja dort, wo Tötung auf Verlangen erlaubt ist, üblicherweise die Gesunden, die es nicht mitansehen können (wollen), wie jemand im Sterben liegt, und die viel öfter die Sterbenden zur Euthanasie — wieder so ein Euphemismus — drängen, als es diese selbst tun, oder sogar für diese die Entscheidung treffen.

Es ist aber angesichts der modernen Neurobiologie und Psychologie ohnehin Chuzpe, von einer freien Entscheidung eines Menschen in Extremsituationen zu sprechen, sowohl hinsichtlich der Angehörigen als auch des zu Tötenden selbst. Was es mit Würde zu tun, einem Menschen diese unmenschliche Entscheidung zusätzlich aufzubürden, bleibt das Geheimnis der Euthanasie-Lobby.

Übrigens ist es keineswegs eine zwingende sozialdemokratische Position, als Sterbehilfe-Proponent aufzutreten. Der frühere SPD-Spitzenpolitiker Franz Müntefering hat zum Thema einen luziden Essay in der „Süddeutschen“ veröffentlicht, der es auf den Punkt bringt: „Mitleiden mit denen, die verzweifeln und zu oft nicht mehr aufzuhalten sind in ihrer Sehnsucht aufs Totsein – das ist wichtig. Genau deshalb ist es auch so wichtig, die größte Krankheit dieser zeitreichen Gesellschaft ernst zu nehmen und die triste, trostlose Einsamkeit allzu vieler zu beenden. Für sie Liebe zum Leben erfahrbar zu machen und ihnen Mut zum Leben zu vermitteln bis zum Ende.“

Impromptus

Seltsame Welt: „General Motors ernennt Frau zur Firmenchefin“, schreibt der ORF. Wen den sonst? Kann man einen Mann zur Firmenchefin ernennen? Und ist das Geschlecht die einzig nachrichtenwürdige Eigenschaft eines Menschen?


Journalisten werden von mir fast immer nur erwähnt, wenn ich sie kritisiere. Ungerecht. Daher will ich heute auf einen Kommentar von Anne-Catherine Simon hinweisen, in dem sie auf etwas aufmerksam macht, was in anderem Kontext die „Politisierung der Wissenschaft“ genannt wird. Unter der Überschrift „Zu katholisch? Die Papageien von Wikipedia“ schildert sie, wie die hochdekorierte Ethikern Margaret Somerville im Herbst ihres Lebens von Konferenzen ausgeladen werde, weil sie katholisch und daher befangen sei. Es geht freilich nicht um ihre Argumente, die säkular geführt werden, sondern allein darum, sie wegen ihrer weltanschaulichen Grundierung zu diskriminieren. Simon schließt mit einem wichtigen Absatz: „Psychologen können leicht zeigen, dass unser aller Denken „deformiert“ durch Vorlieben und Vorurteile ist. Wenn man also nicht gläubig sein darf, um ernst genommen zu werden, wird es am Ende keine Debatte mehr geben – weil keiner mehr übrig ist, der sie führen darf.“


Das erinnert an den in der akademischen Welt um sich greifenden „Israel-Boykott“. Menschen werden wegen ihrer Nationalität oder Herkunft geschnitten, wobei die Kritieren dafür einem Gleichbehandlungskriterium in keiner Weise standhalten. US-Ökonom Tyler Cowen hat auf einen entsprechenden Beschluss des amerikanischen „National Council of the American Studies Association“ die richtige, sarkastische Antwort: „Und doch habe ich eine bessere Idee. Wenn man Einrichtungen in Israel boykottiert, sollte man dann nicht auch die von starken, mächtigen Nationen boykottieren, die viel dessen unterstützt haben, was Israel getan hat, besonders starke, mächtige Nationalen, die viel Land von den ursprünglichen Einwohnern gestohlen haben, sich weigern es zurückzugeben, kürzlich Folter praktiziert haben, aggressive militärische Interventionen, und die Ermordung unschuldiger Zivilisten, und die den Großteil der Welt ausspionieren, meistens ohne Entschuldigung? Richtig, sie sollten überlegen, die Vereinigten Staaten zu boykottieren, angefangen mit ihren höchsteigenen Namen, der nun “Council of the Studies Association” lauten sollte. Zynische Befürworter der „Selbstdeportation“ (Ich bin keiner von ihnen) könnten einen allgemeineren Boykott des Landes bezülich der Wahl ihrer Wohnsitze und Beschäftigung vorschlagen, aber mir würde es genügen, würde die Gruppe alle akademischen Konferenzen in Amerika boykottieren.“

Leider werden diese „Akademiker“, die von Diskurs, Toleranz und der Annahme eines Menschen als Individuum anscheinend nicht viel halten, den anderen diese Freude nicht machen.

Der Konsens gegen Sterbehilfe ist in Gefahr

In Österreich hat sich vor vielen Jahren ein parteienübergreifender Konsens gebildet, dass Menschen in ihren letzten Lebenswochen intensiv begleitet werden sollen und sie diese möglichst gut betreut und möglichst schmerzfrei verbringen sollen. Dementsprechend wurden viele Versäumnisse im Bereich des Hospiz- und Palliativwesens nachgeholt. Zu diesem Konsens gehört auch das Bekenntnis, dass im österreichischen Gesundheitssystem die Ärzte, Krankenschwestern, Krankenpfleger usw. lebensrettend und lebenserhaltend tätig sein sollen, in bestimmten Fällen eine Lebensverkürzung als Nebenwirkung in Kauf nehmen können, aber niemals die Beendigung des Lebens ihr Ziel sein kann. Das verträgt sich nicht. Der Tod ist keine Therapie.

Das „Standard“-Interview mit der voraussichtlichen Gesundheitssprecherin der Grünen, Eva Mückstein, lässt daher aufhorchen. Wobei sie die Interviewerin, Kathrin Burgstaller, in das Thema ein wenig hineindrängt: Mückstein redet lieber über die Versorgung mit Therapieplätzen, insbesondere Psychotherapie – sie ist schließlich selbst Psychotherapeutin. Oder über Kindergesundheit und Prävention. Doch dann wird sie mit einer Stelle aus dem Grünen Programm konfrontiert, die der Interviewerin auch noch sehr weitgehend interpretiert wird. Die Frage: „Im grünen Grundsatzprogramm heißt es: ‚Die autonome Entscheidung Todkranker über ein Sterben in Würde stellt für die Grünen einen hohen Stellenwert dar, der im Sinne der Patientenverfügung zu respektieren ist.‘ Wie wichtig ist das Thema Sterbehilfe für die Gesellschaft?“

Sterbehilfe ist ja an und für sich schon ein propagandistischer Kunstbegriff, denn es soll ja niemandem beim Sterben „geholfen“ werden, höchstens „nachgeholfen“. Es geht um Tötung auf Verlangen. Mückstein spricht sich hier für eine Diskussion aus, was üblicherweise eine Chiffre für die Erlaubnis der Tötung auf Verlangen ist. Denn wenn man am Status quo nichts ändern wollte, bräuchte man ja keine Diskussion. Dabei wird die Überalterung ins Treffen geführt – ein klarer Hinweis, in welche Richtung es eigentlich geht.

Üblicherweise wird in solchen Diskussionen mit herzzereißenden Fällen für eine Freigabe der Tötung geworben. Doch mit passend aufbereitet und rezipierten Fällen kann man so ziemlich alles beweisen. Für ein allgemeines Gesetz (kategorischer Imperativ) taugen solche Geschichten wohl kaum. Doch darum geht es, auch wenn gerne sanft verschwiegen wird, dass eine solche Norm eben nicht für einige wenige „Einzelfälle“ gilt, sondern eine allgemeine, breite Regelung bedeutet, die beispielsweise den Rechtfertigungsdruck für jede lebenserhaltende oder -verlängernde Behandlung bei teuren Patienten erhöht.

Gerne werden für die Tötung auf Verlangen, wie sie ja in Belgien und den Niederlanden breit und nicht immer nur auf Verlangen praktiziert wird, die Argumente der „Autonomie“ und des „Sterbens in Würde“ angeführt, die beide hanebüchen sind. Der kürzlich publik gewordene Fall einer Person, die nach erfolgter Geschlechtsumwandlung sich wegen resultierender psychischer Probleme töten ließ, oder die geringe Zahl von Depressiven in den Niederlanden, seit es dort Euthanasie gibt, sind nur ein Beispiel dafür, dass viele der Getöteten psychisch krank waren und daher keine freie, selbstbestimmte Entscheidung treffen konnten. Freilich spart das den Staat Therapiekosten – Psychotherapien werden bekanntlich besonders ungern öffentlich finanziert.

In Grenzsituationen ist es mit der Autonomie ebenfalls nicht mehr weit her, weil man eben etwa unter dem Eindruck der Schmerzen oder dem durch das Wissen um den baldigen Tod verdüsterten Gemüt nicht mehr ruhig und vernünftig abwägen kann.  Das sogenannte „Sterben in Würde“ ist angesichts der Umstände, in denen die sogenannte Sterbehilfe gewöhnlich vollzogen wird, überhaupt bloße Propaganda. Andersrum: Wenn das Setzen einer lethalen Injektion im Spital „Sterben in Würde“ darstellt, gilt das wohl für die Hinrichtung in Texas ebenso. Humbug.

Ein Kommentar im „Standard“ bringt aber einen besonders gewichtigen Einwand auf den Punkt: „Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der sich der Wert von Menschen nach deren ökonomischer Verwertbarkeit bemisst, sollten wir über Euthanasie nicht mal ansatzweise diskutieren.“

Wir dürfen nicht zulassen, dass das Recht auf Leben endgültig verschwindet und durch eine vorverlegte Pflicht des Todes ersetzt wird.