Frankreich: Wahl ohne Wähler

Zwar war der erste Wahldurchgang der französischen Parlamentswahlen nie der Reißer; da war der entscheidende zweite Durchgang vielen doch wichtiger. Doch dass erstmals weniger als 50 Prozent der Stimmberechtigten eine Stimme abgegeben haben, lässt das ganze übrige Wahlergebnis verblassen.

47,6 Millionen Franzosen waren in den Wählerliste registriert, 23,2 Millionen haben gewählt, 22,7 Millionen davon gültig. Anders gesagt: Die Wahlbeteiligung betrug insgesamt nur 48,7%.

Viele der Daheimgebliebenen sind Menschen, die den Glauben an die Macht der Demokratie aufgegeben haben: Desillusionierte Menschen mit schlechten Berufsaussichten, Jugendliche, die sicher auch unter der hohen Jugendarbeitslosigkeit leiden, jene, die an den kulturellen und sozialen Bruchlinien des Landes leben und unter ihnen leiden. Daher sollen Personen, die zumindest bei der Präsidentschaftswahl noch Marine Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon gewählt haben, besonders zur Wahlenthaltung geneigt sein. Beides ist ja in vielen Fällen weniger tiefer Überzeugung als dem Protest gegen die bestehenden Verhältnisse geschuldet.

Die herbeigeschriebene Macron-Welle wird für die Wahlbeteiligung ihr übriges getan haben: Wenn ohnehin schon ausgemacht scheint, wer gewinnt, wozu sich dem Wählen unterziehen, und der folgenden stillen Enttäuschung, wenn man kein Macronist sein sollte?

Auch wenn die Prognosen Macron eine komfortable Mehrheit in der Nationalversammlung vorhersagen, so ist seine politische Macht auf tönernen Füßen gebaut. Weite Teile der Franzosen haben sich offenbar frustriert vom politischen Prozess abgewandt — ein Frust, der sich in den in Frankreich üblichen „außerparlamentarischen Protesten“ entladen kann.

Übrigens sind erst vier Abgeordnete tatsächlich gewählt: Sylvain Maillard und Paul Molac für Macrons La République en marche!, Stéphane Demilly für die Bürgerlichen (UDI und Les Républicains) sowie Napole Polutélé, ein Kandidat der Linken, der sich gegen einen anderen Linken auf Wallis und Futuna durchgesetzt hat. Soviel zu den Meldungen, Macron hätte rund 440 Sitze schon in der Tasche.

Allerdings ist La République en marche! für Stichwahlen gut positioniert, da ein Sozialist oder Bürgerlicher im Zweifel eher Macron unterstützt, als einen Abgeordneten der jeweiligen Gegenseite zuzulassen.

Noch eine kleine Bemerkung: La République en marche! und verbündete Listen haben zusammen etwa 15% der Wahlberechtigten auf ihre Seite ziehen können; das genügt, um ein glänzender Sieger zu sein, dem eine Zwei-Drittel-Mehrheit an Parlamentssitzen vorhergesagt wird. Theresa May und die Konservativen in Großbritannien haben 29% der Wahlberechtigen hinter sich, und doch ist Mays Position die schlechtere. Wieder einmal: Das Wahlsystem kann die Wirkung von Stimmen sehr verändern.

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Macron und Le Pen: Kein Duell, aber ein Signal

Es ist ja fast aufreizend, wie die pflichtschuldigen Unterstützungsappelle für Emmanuel Macron eintrudeln. Da rufen 60 Botschafter zu seiner Wahl auf, weil nur er die Interessen Frankreichs in Europa und der Welt verteidigen könne. Der Präsident der Fédération Protestante de France, der Präsident des Conseil Français du Culte Musulman und der Großrabbiner von Frankreich äußern sich ebenfalls gemeinsam für Macron, weil er für den Frieden stehe und ein Frankreich garantiere, dass stark in seiner Geschichte sei, in seine Zukunft vertraue und in die Welt strahle. Die in Frankreich vielbeschworene Laïcité ist eben nur dann bedeutend, wenn es gegen die eigenen Interessen geht, ansonsten sind Äußerungen religiöser Führer durchaus erwünscht.

Aufreizend, weil ein Sieg Macrons eigentlich außer Zweifel steht. Macron ist zwar für die kapitalismuskritische Linke wirtschaftspolitisch viel zu liberal, doch umgekehrt ist Marine Le Pen für viele Konservative und Bürgerliche ebenso wirtschafts- und sozialpolitisch viel zu links und europapolitisch zu gefährlich. Mit übertreibenden Wahlempfehlungen kann man Macrons Wahlsieg sogar gefährden, weil irgendwann der Widerwille zu groß wird, sich sagen zu lassen, für wen man stimmen soll.

Ein Bewerbungsgespräch für den Oppositionsführer

Der Sieg Macrons wird auch von Marine Le Pen angenommen. Das hat man darin gesehen, wie sie die Präsidentschaftsdebatte angelegt hat: Nämlich sehr aggressiv. Macron hat ihr umgekehrt freilich auch nichts geschenkt.

Wie Nicolas Chapuis, Chef des Politikressorts bei Le Monde, analysiert, wollte Le Pen nicht ruhig und besonnen wie ein Präsident wirken, sondern wie der Chef der Opposition. Während sich weite Teile des politischen Systems hinter Macron gestellt haben, kann sie sich bei den Parlamentswahlen und im kommenden Lustrum als die einzig wahre Opposition darstellen.

Daher war die Absicht von Mélenchon, keine Wahlempfehlung für Macron abzugeben, richtig, um Le Pen dieses Monopol der Opposition nicht zu gönnen. Umso mehr, als zwischen dem Front National und France insoumise, der linken Bewegung Mélenchons, zahlreiche inhaltliche Überschneidungen bestehen.

Sollten tatsächlich 40% der Wähler Le Pen im zweiten Durchgang unterstützen, so kann man damit rechnen, dass auch bei den Parlamentswahlen in etlichen Wahlkreisen Mehrheiten des Front National möglich sind und die Partei mit deutlich mehr als dem bisher einen Abgeordneten in der Nationalversammlung vertreten sein wird.

Neue Fronten

In Frankreich bilden sich neue Fronten. Die vielen Überschneidungen des Front National und France Insoumise sind kein Zufall. Der Wunsch nach einem starken Staat, Arbeitsplatzsicherheit, umfangreichen Sozialleistungen, die Ablehnung der Binnenmarkt-zentrierten EU und der Glaube, eine lockere Geld- und Fiskalpolitik könne das alles finanzieren, eint die Gruppen. Dabei ist vor allem der Front National unter Marine Le Pen wirtschaftspolitisch nach links gerückt.

Innerhalb der Linken ist die Spaltung dagegen perfekt. Macron steht für die „moderne Linke“, die zwischen Hedonismus und Moralismus schwankt und kein Interesse mehr am ökonomischen Fortkommen und der Würde der Arbeiter hat. Auf der anderen Seite steht eine sehr kapitalismuskritische und staatsgläubige Linke, die aber überzeugt ist, damit die Interessen der Arbeiter zu vertreten. Bernd Heinzlmaier hat diesen Konflikt im profil auf Österreich heruntergebrochen.

Beide Gruppen weiter als „Links“ zu bezeichnen, ist freilich gewagt.

Im bürgerlichen Lager spielt sich Ähnliches, aber mit geringerer Dramatik ab. Wohl auch, weil dem Bürgerlichen messianische Heilsversprechen in der Politik unheimlich sind und daher die entsprechenden Bewegungen nie die gleiche Radikalität entwickeln können.

Im Cicero schreibt Constantin Wißmann: „Viele der wirtschaftsfeindlichen Attacken Le Pens auf Macron hätten ebenso von einem Gewerkschaftsführer stammen können, Macron klang manchmal wie François Mitterand, manchmal wie Jacques Chirac. Die Debatte zeigte wieder auf: Der große gesellschaftliche Spalt unserer Zeit liegt nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen offen und geschlossen, zwischen Nation und Welt.“

Das ist von der Wortwahl her ein wenig unbeholfen, sind die Begriffe doch emotional aufgeladen. Wer ist heutzutage nicht gerne „weltoffen“? Aber es gibt eine Kluft an Werten und Überzeugungen, die umso tiefer ist, als ja kaum jemand heutzutage für die Richtigkeit seiner Werthaltung argumentiert, sondern sie als richtig voraussetzt.

Le Pen oder Macron? Der französische Präsident ist machtloser, als er sich gibt

Die französischen Präsidentschaftswahlen werden auch in Österreich und Deutschland exzessiv analysiert. Dabei ist geradezu eine Obession mit der Frage zu bemerken, ob Marine Le Pen die erste Präsidentin des Landes werden könnte. Wobei weniger der Standpunkt der gläsernen Decke oder der Frauensolidarität bemüht wird — dafür hat sie die falsche politische Farbe –, sondern eher eine Art lustvoller Angst. Doch mit der französischen Verfassung, erst recht der Realverfassung, hat das wenig zu tun.

Denn der französische Präsident ist gar nicht so mächtig, wie er sich gerne inszeniert. Das bemerkt man vor allem in Phasen der Cohabitation, wenn die parlamentarische Mehrheit gegen den Präsidenten steht. Zwar ernennt der Präsident den Premierminister, doch muss der Premier auch das Vertrauen des Parlaments genießen. Daher mussten Präsidenten schon öfter Politiker konkurrierender Parteien zum Premier ernennen. Einige Rechte von Premier und Präsidenten können diese nur im Zusammenwirken effektiv ausüben.

Der Präsident kann den Gesetzgebungsprozess verlangsamen, Volksabstimmungen erzwingen und Verordnung des Ministerrats blockieren, aber kann Gesetzgebung nicht erzwingen, nicht einmal initiieren. Eine Präsidentin Le Pen wäre also eigentlich ziemlich zahnlos, doch auch ein Präsident Macron kann sich als impotent erweisen, deutet doch bis jetzt nichts auf eine parlamentarische Mehrheit für einen der beiden hin. Schließlich könnte das Parlament mit einer Verfassungsänderung die Position des Präsidenten weiter schwächen, sollte dieser zu polarisierend agieren.

Macron hat auf Grund des französischen Wahlrechts in puncto Parlament die besseren Karten. Denn in der Nationalversammlung werden die Mandate in Einer-Wahlkreisen mit absoluter Mehrheit vergeben. Erringt im ersten Durchgang niemand die absolute Mehrheit, so genügt im folgenden zweiten Durchgang die relative Mehrheit. Dabei dürfen alle Kandidaten, die im ersten Durchgang zumindest ein Achtel der Stimmen auf sich vereinen konnten, antreten. In der Praxis testen die verschiedenen Lager im ersten Durchgang die Popularität ihrer Kandidaten; für den zweiten Durchgang werden dann verschiedene Bündnisse geschlossen und strategisch Kandidaturen zurückgezogen, um die Wahlchancen des eigenen Lagers zu erhöhen. Während der Front National in der Regel keine Bündnisse erreichen kann, werden wohl die Sozialisten und ihre Verbündeten mit Macrons En Marche! kooperieren. Offiziell ist das freilich noch nicht. Und ob es genügt? Die Bürgerlichen werden in den Parlamentswahlen einiger auftreten und ihre Kandidaten wohl nicht so beschädigen, wie sie es in der Präsidentschaftswahl getan haben. Gut möglich, dass Macron z.B. einen Gaullisten zum Premier ernennen muss. Dann kann er sein ganzes Programm einrexen.

Das schwarze Kabinett des François Hollande

Bienvenue Place Beauvau

Bienvenue Place Beauvau

Der französische Präsident François Hollande hat also dem bürgerlichen Präsidentschaftskandidaten François Fillon vorgeworfen, ihm fehle es an Würde, weil er eine Untersuchung über das sogenannte „Schwarze Kabinett“ Hollandes verlangt hat, das er auch hinter den Anschuldigungen gegen ihn vermutet.

Die Idee eines „cabinet noir“, mit dem politische Gegner angeschwärzt werden sollen — insbesondere bei der Justiz — klingt jetzt vielleicht etwas abenteuerlich, hat aber einen Hintergrund. Jacques Chirac soll im Rahmen des französischen Geheimdienstes Renseignements généraux über ein solches „Schwarzes Kabinett“ verfügt haben, um einerseits die vielen Gerichtsverfahren gegen ihn unter Kontrolle zu halten und andererseits seine wichtigsten politischen Gegner zu attackieren, idealiter über den Umweg der Justiz oder zumindest zugespielter echter oder erfundener Aufdeckergeschichten.

Drei Journalisten, Didier Hassoux, Christophe Labbé und Olivia Recasens, schildern im neuen Buch Bienvenue Place Beauvau – Police : les secrets inavouables d’un quinquennat, wie Präsident Hollande und sein Umfeld Polizei und Geheimdienste für ihre Zwecke verwendet haben, um politische Gegner zu diskreditieren. Darunter auch unangenehme Parteifreunde. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob Hollande ein „schwarzes Kabinett“ unterhalten habe, eine zentrale Stelle zur Koordination des Missbrauchs von Geheimdienst und Polizei.

So sei Sarkozy mit einem regelrechten Netz von Gerichtsverfahren überzogen worden, um ihn als Gegenkandidaten bei der kommenden Präsidentschaftswahl auszuschalten. Feine Ironie, dass Hollande mangels Erfolgsaussichten selbst nicht mehr antritt. Auch der innerparteiliche Rivale Manuel Valls sollte durch gezieltes Ausspionieren, Indiskretionen und Gerüchte ausgeschaltet werden. Erfolgreich, muss man sagen.

Jetzt, da François Fillon, aber auch der Front National diesen Vorwurf thematisieren, rudert einer der Autoren zurück: Nein, ein „Schwarzes Kabinett“ habe es nicht gegeben, bloß die übliche französische Krankheit des Missbrauchs der Macht über die Sicherheitsdienste. Nun konzentriert sich die mediale Diskussion darauf, ob es nun genau „Schwarzes Kabinett“ genannt werden kann oder nicht. Aber selbst wenn es sich „bloß“ um eine „übliche Krankheit“ handelte: Die Sicherheitsdienste zum Ausspionieren und Diskreditieren innenpolitischer Gegner zu verwenden, ist ein Skandal. Mag es auch noch so üblich sein.

Zwei der drei Buchautoren arbeiten bei Le Canard enchaîné, einer Zeitschrift, die traditionell links angesiedelt ist und deren Journalisten wenig Freude haben, wenn ausgerechnet der konservative François Fillon ihre Arbeit zitiert. Entsprechend ihre Reaktion. Umgekehrt sind die Vorwürfe gegen Hollande umso glaubwürdiger, stammen sie doch nicht aus einer parteipolitischen Quelle. Es wird spannend sein, ob zumindest nach der Wahl diese Vorwürfe aufgearbeitet werden.

Paris um 1735: Hörbar lebendig, lieblich, lärmend

Paris im 18. Jahrhundert: Das war, wie alle anderen großen Städte, ein lauter, geschäftiger Ort. Darin waren sich schon die Zeitgenossen einig. Wie laut, das versucht Mylène Perdoen zu rekonstruieren.

Die französische Wissenschaftlerin leitet das Projekt „Bretez“, benannt nach einem französischen Kartographen, der von 1734 bis 1736 einen detaillierten Plan der Stadt Paris im Auftrag des Stadtvorstehers Michel-Étienne Turgot erstellte, den sogenannten Plan de Turgot.

Dieser Plan war der Ausgangspunkt, von dem aus ein ganzes Team von Historikern, Soziologen und Graphikern die Geräusche des Grand Châtelet-Viertels um 1735 wieder zum Leben erwecken wollte. Zusätzlich zur Karte wurden historische Bilder und Stiche zu Rate gezogen, Hauspläne und Baubeschreibungen, zeitgenössische Schriftsteller und Archive.

Für den Ton wurden Geräusche von Maschinen und Gerätschaften der damaligen Art aufgenommen, vom Webstuhl bis zur Druckpresse; auch der Tiere, mit denen man zu rechnen hätte, wie Möwen und Fliegen. Lediglich der Ton der Wasserpumpe von Notre-Dame musste digital mit Hilfe einer alten Wassermühle digital rekonstruiert werden, da keine vergleichbare Pumpe gefunden werden konnte.

Es sind natürlich auch Menschen zu hören. So die fahrenden Händler mit ihrem berühmten „Pariser Schrei“, die Handwerker, die im Tageslicht arbeiten, Priester, die vorbeieilen, um jemandem die Sterbesakramente spenden, königliche Beamte und viele mehr.

Technisch war das Projekt sehr anspruchsvoll. So wurde die Umgebung, von der Anlage und Bauart eines Hauses bis zur Straßenbreite, berücksichtigt, um die Verbreitung und Hörbarkeit des Schalls richtig zu modellieren.

Einen interessanten Bericht kann man auf den Seiten des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) lesen. Das Projekt „Bretez“ findet unter dem Dach des CNRS statt.

Fillon: „House of Cards“ auf Französisch

François Fillon: Ich ziehe meine Kandidatur nicht zurück (5.3.2017)

François Fillon: Ich ziehe meine Kandidatur nicht zurück (5.3.2017)

Für einen Polit-Junkie sind die aktuellen Entwicklungen in Frankreichein gefundenes Fressen. Es geht um Macht, Intrigen und Skandale, quasi statt „House of Cards“ „La Maison des cartes“. Nur um Inhalte geht es natürlich wieder einmal nicht.

Die Hinweise verdichten sich, dass die sogenannte „Affäre Fillon“ ihren Ursprung im überraschenden Sieg des früheren französischen Ministerpräsidenten François Fillon bei den Vorwahlen der französischen Bürgerlichen hat. Dort hatte er sich mit einem profilierten, wirtschaftspolitisch liberalen, gesellschaftspolitisch konservativem Programm gegen die Schwergewichte Alain Juppé und Nicolas Sarkozy durchgesetzt, aber auch gegen Kandidaten wie Bruno Le Maire

Ein Drittel der französischen Abgeordneten beschäftigen Verwandte. Die Optik ist sicher schief, doch andererseits geht es in der durchaus intriganten Politik auch um Vertrauen, das man in seine Verwandten wohl mehr setzt. Diese Beschäftigungsverhältnisse sind kein Geheimnis. Auch Außenstehende merken es schnell, wenn da jemand mit gleichem Familiennamen wie der Abgeordnete ein Antwortmail schreibt oder am Telefon spricht.

Das Timing der Enthüllung darüber, dass auch Fillon seine Frau und zeitweise seine Kinder beschäftigt haben soll, ist daher umso auffälliger. Der eigentliche Vorwurf lautet hier auf Scheinbeschäftigung, denn die Beschäftigung an und für sich ist rechtlich unbedenklich. Die Hinweise verdichten sich, dass die Affäre von den unterlegenen Gegnern Fillons zumindest geschürt wurde, die wohl auch ihre Kontakte zur Justiz spielen ließen. Zumindest haben etliche Beobachter große Verwunderung über das Vorgehen der Justiz geäußert, das bezüglich Entscheidungen, Tempo, Akteneinsicht etc. eher ungewöhnlich ist.

Bruno Le Maire, einer der gescheiterten Kandidaten, war auch einer der ersten, der publikumswirksam Fillon den Rücken kehrte. Einige auffällige Rücktritte sollten schwankende Unterstützter Fillons ebenfalls zum Rücktritt bewegen und so den deutlichen Vorwahlsieger — immerhin mit 66% im 2. Durchgang — dazu bewegen, als Kandidat aufzugeben.

Die Affäre selbst schadet Fillon natürlich, wenngleich die Franzosen in der Beziehung einiges gewohnt sind: Alain Juppé wurde 2004 wegen illegaler Parteienfinanzierung — im Prinzip Korruption — verurteilt und u.a. mit zeitweisem Politikverbot belegt. Trotzdem gehört er zu den populäreren Politikern Frankreichs. Die beständigen innerparteilichen Querschüsse haben der Beliebtheit Fillons wahrscheinlich auch viel mehr geschadet: Sie halten das Thema der Affäre in der Öffentlichkeit und vermitteln das Bild eines Kandidaten ohne Unterstützung. Deswegen war für Fillon die Großkundgebung am Trocadéro so wichtig, mit der er zeigen konnte, dass hinter ihm immer noch tausende Unterstützer stehen.

Dann werden in den letzten Tagen auch noch Umfragen lanciert, die denn Vorwahlverlierer Alain Juppé deutlich besser als Fillon zeigen. Das wird wohl kein Zufall sein. Zudem wurden Berichte lanciert, dass es kein Problem wäre, rasch genügend Unterstützungserklärungen für Juppé zu besorgen. Schon aus diesem Grund wird die Pressekonferenz von Juppé, die er für Montag, 10 Uhr 30 angekündigt hat, spannend.

Das Verhalten Fillons passt zu meiner Deutung. Er hält deswegen so eisern an seiner Kandidatur fest, weil auch nach seiner Wahrnehmung die eigenen Leute, die er in den Vorwahlen deutlich geschlagen hatte, hinter der ganzen Affäre stecken. Es ist nicht einfach, aufreibende Vorwahlen so eindeutig zu gewinnen und dann ausgerechnet den Geschlagenen die Kandidatur zu überlassen, für die man so lange gekämpft hat. Würde der Druck von außen kommen, wäre Fillon wohl eher bereit, Platz zu machen. Er ist schließlich langjähriger Politprofi und weiß, dass die Chancen für einen Wahlsieg momentan nicht so rosig sind. Doch wenn ihm gerade seine innerparteilichen Widersacher die Kandidatur hintertreiben, ist es nur menschlich, den schon einmal Geschlagenen nicht den Weg in den Elysée-Palast zu ebnen.

Ergänzung (6.3.2017): Nun hat also Juppé angekündigt, nicht zu kandidieren, allerdings in einer Weise, die kaum geeignet ist, Fillon den Rücken zu stärken. Juppé beklagt außerdem, dass seine Partei Teile der Mitte verloren habe und zu radikal werde — wohl eine nachträgliche Rechtfertigung seiner eigenen krachenden Vorwahlniederlage. Fillons Beharrungsvermögen hat sich also schon einmal ausgezahlt, denn eine Ablöse gerade durch seinen Hauptrivalen Juppé wäre ein absoluter Gesichtsverlust für Fillon und das ganze Vorwahlsystem der Bürgerlichen gewesen.

François Fillon: Ein politischer Meuchelmord?

Die Rede des französischen Präsidentschaftskandidaten François Fillon, in dem er die Einleitung eines Verfahrens gegen ihn bekanntgegeben hat, war dramatisch. Der Höhepunkt wurde oft zitiert:

„Ich werde nicht weichen. Ich werde mich nicht ergeben. Ich werde mich nicht zurückziehen. Ich werde bis zum Ziel gehen, weil es über meine Person hinausgeht, es ist die Demokratie, über die man sich hinwegsetzt.“

Das ist nicht bloße Rederei. Die Vorgehensweise der Behörde spricht in vielem dafür, dass mit politischer Absicht gehandelt wird. So ist die Vorladung zwei Tage vor der Frist angesetzt, bis zu der die Kandidaten ihre Unterstützungserklärungen für die Wahl abgeben müssen. Im Frankreich sind nämlich 500 Unterstützungserklärungen — parrainages — bestimmter politischer Funktionäre wie etwa der Bürgermeister notwendig, um zur Präsidentschaftswahl antreten zu können. In einem langen Vorwahlprozess wurden die Kandidaten für die Wahl gekürt — doch nun wird auf einzelne Kandidaten Druck aufgebaut, auszuscheiden, damit sich die Wähler nicht für sie entscheiden können.

Auch das Tempo der Beschuldigung hat nicht nur Fillon überrascht. Nur kurz nach ihrer Bestellung hatten die Richter bereits die Vorladung zur Beschuldigung ausgesprochen, während üblicherweise ein längeres Aktenstudium und zusätzliche Erhebungen so einem Schritt vorausgehen.

In seiner Rede apostrophiert Fillon die Schritte der Justiz daher indirekt als „politischen Meuchelmord“:

„Viele meiner politischen Freunde, und derer, die mich in den Vorwahlen unterstützt haben, und ihre vier Millionen Stimmen, sprechen von einem politischen Meuchelmord.“

Ein Drittel der französischen Abgeordneten beschäftigt Verwandte — aber gerade Fillon wird just vor der Präsidentschaftswahl dafür belangt?

Man muss dabei auch sagen: Wenn sich Fillon zurückzöge, hätten die Bürgerlichen gar keinen Kandidaten mehr, da in der kurzen Zeit sich kein Wahlkampf für einen neuen Kandidaten erfolgversprechend aufziehen ließe. Daher rufen zwar Fillons innerparteiliche Gegner natürlich nach seinem Rückzug; den meisten ist aber klar, dass sie jetzt aus der Situation das beste machen müssen. Und wer weiß, was dem Favoriten Macron noch in den nächsten Wochen widerfährt? Eben. Am Wahltag kann die Welt für Fillon schon wieder besser aussehen. Viel schlechter geht ja wohl nicht mehr. Ergänzung, 6.3.2017: Die weiteren Ereignisse lassen diesen Absatz ziemlich alt aussehen, da offenbar genau das die Strategie seiner innerparteilichen Rivalen ist: Ihn durch einen neuen Kandidaten zu ersetzen, der auf wunderbare Weise in den verbliebenen Wochen gewinnen soll. Darauf bin ich in einem späteren Blogeintrag eingegangen.

Nebenbei: Meine Sympathien für Marine Le Pen halten sich in sehr engen Grenzen, aber die Vielfalt an Verfahren, die gerade jetzt eskalieren, ist wohl auch kein Zufall.