Justin der Märtyter: Die Verschmelzung von Philosophie und Christentum

Justin der Märtyrer (Berg der Seligpreisungen) (Quelle: Wikimedia/Deror Avi)

Justin der Märtyrer (Berg der Seligpreisungen) (Quelle: Wikimedia/Deror Avi)

Das Christentum war von Anfang an eine Religion des Diskurses, des Arguments und vor allem der Schrift. Es gibt schon aus dem frühen Christentum außerhalb des Kanons des Neun Testaments vergleichsweise viele Quellen. Es sei an den Barnabasbrief und den ersten Klemensbrief erinnert, die beide in der Antike an manchen Orten in den Kanon aufgenommen worden sind. An die Didache, die Zwölfapostellehre, mit einer frühen Beschreibung der Eucharistie. Um 100 schrieb Papias von Hierapolis ein fünfbändiges Werke über Aussprüche Jesu, das zumindest in Fragmenten noch erhalten ist. Ebenfalls in diese Zeit fallen die sieben Briefe des Ignatius von Antiochien, eines Schülers des Apostels Johannes, und der Brief des Polycarp von Smyrna an die Gemeinde von Philippi.

Diese Werke waren aber alle eigentlich an Christen gerichtet. Die intensive geistige Auseinandersetzung mit Gegnern und Kritikern des jungen Christentums brauchte eine andere Form und fand sie in einem neuen Genre, als dessen erster großer Vertreter Justin der Märtyrer († ~ 165) gelten kann: Die Apologie.

Justin stammte zwar aus dem heutigen Nablus (Flavia Neapolis) in Samarien, war aber wohl griechischer Abstammung und Heide. Bald trieb ihn die Sinnsuche und Wissbegierigkeit zu verschiedenen philosophischen Schulen, wie er in seinem Dialog mit den Juden Trypho erzählt. Eine zufällige Begegnung am Strand führte ihn zur Lektüre der jüdischen Propheten und von dort direkt zum Glauben der Christen.

Die erste Apologie ist an Kaiser Antoninus Pius adressiert, dem er darlegen will, warum die Christen „zu Unrecht gehaßt und verleumdet werden“. Die Apologie ist in ihrer Verbindung philosophischer Argumentation und christlicher Theologie bedeutend; ihre Betonung der Vernunftmäßigkeit des Glaubens wird die katholische Theologie auf Dauer beeinflussen. Der Blick in die Liturgie jener Zeit, der in einigen Kapiteln gewährt wird, ist von großem Wert. Den Zweck, die Christenverfolgungen zu beenden, erreichte die Schrift leider nicht.

Die zweite Apologie ist eine Ergänzung zur ersten, ausgelöst durch eine brutale Christenverfolgung in der Stadt Rom durch den Präfekten Urbicus. Er hatte mehrere Menschen bloß daraufhin hinrichten lassen, dass sie sich als Christen bekannt hatten. In der Schrift weist Justin z.B. darauf hin, dass auch andere Lehren, die „vermöge des dem gesamten Menschengeschlechte eingepflanzten Logoskeimes“ zumindest Teile der Wahrheit enthielten, Verfolgung ausgesetzt waren. Er verteidigt den freien Willen und damit auch die Bestrafung der Ungerechten. So sagt er im 9. Kapitel:

Damit aber niemand das nachspreche, was die vermeintlichen Philosophen einzuwenden pflegen, daß es nur Prahlerei und Schreckmittel sei, wenn wir von der Bestrafung der Ungerechten in ewigem Feuer sprechen, und daß wir verlangen, die Menschen sollten aus Furcht tugendhaft leben und nicht, weil es schön und beglückend sei, so will ich kurz darauf antworten. Wenn jene unsere Behauptung nicht zutrifft, so gibt es entweder keinen Gott, oder, wenn es einen gibt, kümmert er sich nicht um die Menschen; Tugend und Laster sind dann leere Worte und die Gesetzgeber bestrafen dann, wie wir schon sagten, mit Unrecht die Übertreter ihrer guten Anordnungen. Aber da weder diese ungerecht sind noch ihr Vater, der durch den Logos dasselbe zu tun lehrt, was er selbst tut, so sind auch die, welche diesen folgen, nicht ungerecht. Sollte aber jemand die Verschiedenheit der menschlichen Gebräuche geltend machen und sagen, bei den einen Menschen gelten gewisse Dinge als löblich, die bei anderen als schimpflich betrachtet werden, gewisse Dinge aber als schimpflich, die bei anderen hinwiederum als löblich angesehen werden, so mag er hören, was wir hierüber zu sagen haben. Einerseits wissen wir, daß die bösen Engel Gebräuche eingeführt haben, die ihrer eigenen Bosheit entsprechen; andererseits erweist die rechte Vernunft nicht alle Lehrmeinungen und Satzungen, an die sie herantritt, als gut, sondern die einen als schlecht, die andern als gut.

Ach, wie aktuell dünken sich die Proponenten von „Froh- statt Drohbotschaft“, und wie alt ist die Debatte!

Justin wurde im der Zuge der Christenverfolgung unter Mark Aurel hingerichtet. Diese brach vielleicht im Gefolge der Antoninischen Pest los, als ähnlich wie unter Nero Sündenböcke für das Unheil gebraucht wurden. Gesichert ist das Ansteigen der Verfolgungen, nicht aber die Ursache. Auch, in wieweit der Kaiser selbst für die größere Intensität der Verfolgungen verantwortlich war, ist umstritten.

Die Märtyrerakten des Justinus und seiner Gefährten werden jedenfalls allgemein als zeitgenössisch anerkannt und geben ein Bild von den „Prozessen“, die den Christen gemacht wurden.

Justins Gedenktag ist der 1. Juni.

Christlich geht (nur) links? Über eine neue Initiative.

Website christlichgehtanders.at

Website christlichgehtanders.at

Der Name ist Programm — und das ist auch schon das Problem. christlichgehtanders.at nennt sich eine „breite Sozialinitiative“, die das „Ziel der sozialen Gerechtigkeit ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Debatten“ rücken will, so kathpress. Dabei geht es um eine bewusste Abgrenzung von jenen, die ein auf Freiheit und Selbstverantwortung aufgebautes Wirtschaftsmodell für kompatibel mit dem christlichen Glauben halten. Denn „christlich geht anders!“.

Wobei „christlich“ hier einfach als Synonym für typisch linke Forderungen steht. Von Subsidiarität und Personalität, diesen Grundpfeilern der katholischen Soziallehre ist keine Rede. Dafür vom „aktiven Sozialstaat“, der angeblich in Gefahr wäre. Bei Sozialquoten um die 30%! Trotzdem werden „Angriffen auf den Sozialstaat“ herbeiphantasiert, die „Angriffe auf uns alle“ seien. Wer hohe Vermögensteuern ablehnt, hat offenbar ebenso verwirkt, sich Christ nennen.1

Die „Solidarischen Antworten auf die soziale Frage“, die die Initiative geben will, sind von einer bemerkenswerten Realitätsferne getrieben und stellen die kritisierten Positionen völlig verzerrt dar.

Folgende Passage illustriert schön, dass die Verantwortlichen reich an Platitüden sind, aber arm an Wissen: „Diese Probleme sind Resultat eines Prozesses, der von der Vorstellung geleitet wird, eine ‚unsichtbare Hand des Markts‘ würde die individuellen Egoismen ins allgemeine Beste verwandeln. Diese Vorstellung widerspricht der Grundbotschaft des Christentums: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe bedingen einander, bilden ein Ganzes und ermöglichen soziale Gerechtigkeit und Frieden.“

Wer die einschlägige Passage bei Adam Smith gelesen hat, weiß, wie falsch er hier wiedergegeben wird. Und grundsätzlich kann man sozialwissenschaftliche Beobachtungen nicht gegen moralische Grundsätze ausspielen. Das sind verschiedene Kategorien, deren Vermischung zwar gerne geübt wird, aber dadurch nicht besser wird.

Und wo es eine Grundbotschaft des Christentums zu „sozialer Gerechtigkeit“ im heutigen Sinn gäbe2, muss man mir erst zeigen. Die Idee dieser vom konkreten Handeln und Personen losgelösten abstrakten „sozialen Gerechtigkeit“ wäre den frühen Christen wohl auch reichlich absurd erschienen.

Ja, im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten katholische Philosophen die Idee einer Gemeinwohl- oder Sozialgerechtigkeit, die allerdings mit dem heutigen Verständnis der „sozialen Gerechtigkeit“ wenig zu tun hat. Siehe nur die Enzyklika Quadragesimo anno. Das kann man sehr anschaulich in einem kurzen Artikel der Heritage Stiftung lesen.

Es ist amüsant, wenn Menschen, die sich sonst gerne so inklusiv wie möglich geben, so offensiv anderen Menschen das Christlichsein absprechen, wenn sie in migrations-, sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen anderer Meinung sind. Aber auch beängstigend. Christlich sein geht anders.


  1. Dafür ist Gendern wichtig, wobei nicht ganz klar hervorgeht, welche der gängigen Theorien zu unterstützen ist. Man scheint noch dem heteronormativen binären Gendern verpflichtet. Das geht doch auch anders! 
  2. Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ ist freilich sehr dehnbar. Heute wird er sehr stark in Richtung „Gleichheit“ definiert: „Gleiche Ausgangsbedingungen“ und „gleiche Ergebnisse“ durch entsprechende zentrale staatliche Eingriffe. Siehe z.B. Arbeit & Wirtschaft des ÖGB und der Arbeiterkammer. 

Der therapeutische Stoiker

Jetzt wird also wieder einmal die Stoa als erfüllende Philosophie beworben. Vor ein paar Jahren war es ein gräßlich entstellter Buddhismus, zwischendurch war in Hollywood auch die Kabbala modern. In Europa wurde der Stoizismus schon vor ein paar Jahren in den Medien breitgetreten. Über England und die USA wird die Stoa nun als „therapeutische Philosophie“ wiederentdeckt.

Dabei wird die Stoa zu einem Ratgeber abgeschliffen. Etwa der Art: Die Vernunft müsse die Gefühle beherrschen. Man dürfe sich nicht von den Gefühlen im Inneren und den Gütern des Äußeren beherrschen lassen. Daher soll die Vernunft die Gefühle dominieren, und das Erdulden des Unabwendbaren und des Verzichts eingeübt werden.

Das ist alles nicht wirklich falsch dargestellt, aber auch nicht richtig.

Eine umfassende Bewegung

Die Stoa war eine philosophische Bewegung mit umfassendem Anspruch. Ihre Ethik — auf die sie reduziert wird — ist ohne ihr Menschen- und Weltbild nicht denkbar, ohne die Gedanken zur Beschaffenheit der Natur oder zum freien Willen. Dazu gibt es in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen freundlichen, übersichtlichen Artikel.

Der Materialismus, der sanfte Determinismus — bis zur Schicksalsergebenheit — und das Wort, „im Einklang mit der eigenen Natur“ leben zu wollen, klingen für heutige Menschen auch sehr verlockend, auch wenn sich dahinter jedesmal etwas anderes verbirgt, als man nach modernen Begrifflichkeiten vermuten möchte. So verbindet sich der Materialismus mit der Überzeugung, dass Gott in der Welt immanent wirkt.

Aus ihrem Weltbild ergibt sich auch, dass nur die Weisen, die wahrhaft tugendhaft leben, wahrhaft frei und wahrhaft gut sind. Alle anderen Menschen sind Sklaven der Innen- und Außenwelt und moralisch allesamt gleichermaßen verwerflich. (In diesem Punkt sollten spätere Stoiker etwas milder werden).

Eine „freudlose Weltanschauung“?

Interessanter Gegenpol zum eher positiven Text der Stanford-Enzyklopädie das Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, in dem Friedrich Kirchner schreibt:

Stoizismus heißt zunächst die Philosophie der Stoiker, die durch Zenon (ca. 350-268) begründet, durch Kleanthes, Chrysippos, Panaitios, Poseidonios u. a. fortgebildet worden ist. Der Stoizismus ordnet die Logik und die Physik der Ethik unter. In der Logik knüpft er an Aristoteles an und entwickelt einen erkenntnistheoretischen Sensualismus. In der Physik steht er auf dem Standpunkt des Materialismus (Stoff und Kraft); in der Ethik ist er idealistisch; das vernunftgemäße Leben ist ihm das oberste Lebensziel. Die Tugend (praktische Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit) scheint ihm zur Glückseligkeit ausreichend. Sie ist allein gut; das Laster ist schlecht; alles mindere ist weder gut noch schlecht, sondern ein Mittleres, Gleichgültiges (adiaphoron). – Auf dem Gebiete der grammatischen Forschung ist der Stoizismus grundlegend gewesen. Auf ihm beruht bis heute die grammatische Terminologie. — Allgemeiner genommen, bedeutet Stoizismus eine herbe, freudlose, nur moralisierende Weltanschauung.

Eine „herbe, freudlose, moralisierende Weltanschauung“! Die im übrigen in der Antike in heftige Kontroversen verstrickt war. Den Grundannahmen, aus denen die Stoiker ihre Lehre entwickelten, wurde ebenso wie ihren Schlussfolgerungen deutlich widersprochen. Eine Sammlung antiker Kritik ist bei Tusculum erschienen, Rainer Nickel hat ausgewählt und übersetzt.

Eine typische, aber modern formulierte Kritiklinie kann man unter der Überschrift „The Inadequacies of the Invincible“ lesen. Dieser Text schildert an Hand eines Soldaten mit stoischer Vorbildung — des späteren Kandidat zum US-Vizepräsidenten James Stockdale –, wie in einem Gefangenenlager nicht Stoik, sondern das gemeinsame Gefühl von Zusammenhalt, Scham, Sühne und Läuterung das seelische Überleben ermöglicht haben. Mit folgender Schlussfolgerung:

Der Aufstieg des Stoizismus ist das Zeichen einer Zivilisation im Niedergang. Es ist etwas Dekadentes an einer Gesellschaft, die ihrem eigenen Verlust durch eine Philosophie, der die Trauben zu hoch hängen. Lasst uns der Realität ins Auge schauen. Die Antwort ist nicht ein Klick im Geist.

Im Stoizismus sind durchaus interessante Gedankengänge enthalten. Doch der moderne „Theraphie-Stoiker“ ist eher Produkt einer Mentalität, die sich aus dem Bauchladen der Angebote das passendste raussucht — ohne Rücksicht auf Plausibilität und Wahrheitgehalt. Es mag zwischenzeitlich tröstlich sein, doch wie sieht es mit dem Trost sein, wenn man dahinterschaut?

Die heilige Scholastika und der Regen

Statue der Sankt Scholastika in Montecassino

Sankt Scholastika in Montecassino

Der 10. Februar ist der Gedenktag der heiligen Scholastika, der Schwester Benedikts von Nursia, des „Vaters des abendländischen Mönchtums“. Über Scholastika wissen wir im wesentlichen aus den Dialogen des hl. Gregor des Großen.

Der Papst hatte in vier Bänden verschiedene Themen in der literarischen Form des Dialogs mit seinem Diakon Petrus abgehandelt. Dieser Stil passt auch gut zu Gregor, der in einem gut verständlichen, zugänglichen Latein schreibt. Der ganze zweite Band ist dem hl. Benedikt gewidmet und wird wohl kurz nach dem Tod des Heiligen entstanden sein.

Gregor betont zu Beginn des Buches, dass er selbst nicht alle Einzelheiten des Lebens Benedikts kennt, wohl aber auf vier Schülern des Benedikt — Constantinus, Valentinianus, Simplicius und Honoratus — als Quellen zurückgreifen konnte.

Im 33. Kapitel erzählt Gregor das Wunder der hl. Scholastika, bei dem Benedikt etwas wollte, aber nicht erreichen konnte:

Das Wunder der heiligen Scholastika

Gregor: Petrus, gibt es jemanden in diesem Leben, der höher steht als Paulus? Dreimal hat er wegen des Stachels in seinem Fleisch den Herrn gebeten1 und konnte doch nicht erhalten, was er wünschte. Deshalb muss ich dir von dem ehrwürdigen Vater Benedikt erzählen, dass auch er etwas wollte, was er nicht erreichen konnte.

Seine Schwester Scholastika war von Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie war gewohnt, ihren Bruder einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes ging jedes Mal zu ihr hinunter zu einem Gut des Klosters, das nicht weit entfernt lag.

Eines Tages kam sie wie üblich, und ihr ehrwürdiger Bruder stieg mit einigen Jüngern zu ihr hinab. Sie verbrachten den ganzen Tag im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch. Bei Einbruch der Dunkelheit hielten sie miteinander Mahl.

Während sie noch am Tisch saßen und ihr geistliches Gespräch fortsetzten, wurde es spät. Da flehte die gottgeweihte Frau, seine Schwester, ihn an: „Ich bitte dich, lass mich diese Nacht nicht allein, damit wir noch bis zum Morgen von den Freuden des himmlischen Lebens sprechen können.“ Er antwortete ihr: „Was sagst du da, Schwester? Ich kann auf keinen Fall außerhalb des Klosters bleiben.“

Es war so heiteres Wetter, das sich keine Wolke am Himmel zeigte. Sobald aber die gottgeweihte Frau die Weigerung ihres Bruders hörte, fügte sie die Finger ineinander, legte ihre Hände auf den Tisch und ließ ihr Haupt auf die Hände sinken, um den allmächtigen Gott anzuflehen. Als sie dann das Haupt vom Tisch erhob, blitzte und donnerte es so stark, und ein so gewaltiger Wolkenbruch ging nieder, dass weder der heilige Benedikt noch die Brüder in seiner Begleitung einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen konnten, in dem sie beisammen waren. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich ihr Haupt auf die Hände gesenkt und Ströme von Tränen auf den Tisch vergossen. Dadurch erreichte sie, dass es aus heiterem Himmel zu regnen begann. Diese Regenflut folgte nicht erst nach dem Gebet, sondern Gebet und Regen trafen so zusammen, dass es schon donnerte, als sie das Haupt vom Tisch erhob. Im gleichen Augenblick erhob sie das Haupt, und der Regen strömte nieder.

Der Mann Gottes sah nun ein, dass er bei Blitz, Donner und dem gewaltigen Wolkenbruch nicht zum Kloster zurückkehren konnte. Da wurde er traurig und klagte: „Der allmächtige Gott vergebe dir, Schwester! Was hast du da getan?“ Sie erwiderte ihm: „Sich, ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhört; da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh nur, wenn du kannst. Verlass mich und kehre zum Kloster zurück!“

Da er das Haus nicht verlassen konnte, blieb er gegen seinen Willen, nachdem er freiwillig nicht hatte bleiben wollen. So konnten sie die ganze Nacht durchwachen, in heiligen Gesprächen ihre Erfahrungen über das geistliche Leben austauschen und sich gegenseitig stärken.

Deshalb habe ich gesagt, er habe etwas gewollt und es doch nicht vermocht. Wenn wir auf die Vorstellungen des heiligen Mannes schauen, so besteht kein Zweifel, dass er gewünscht hat, das heitere Wetter möge so bleiben, wie es bei seinem Kommen gewesen war. Ganz gegen seinen Willen stand er vor einem Wunder, das die Kraft des allmächtigen Gottes nach dem Herzenswunsch einer Frau gewirkt hatte. Es ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener.

Nach einem Wort des Johannes ist Gott die Liebe2. So ist es ganz richtig: jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.

Nur wenig später verstarb Scholastika. Wie Gregor berichtet, sah ihr Bruder im Gebet ihre Seele in Gestalt einer Taube zum Himmel aufsteigen. Darauf wusste er, was geschehen war, und ließ ihren Leichnam in das Grab legen, das für ihn vorbereitet war. Es ist vielleicht überraschend, dass Benedikt sich nach der Vision freut und Gott dankt, aber er hat zwei Gnaden erfahren. Gegen seinen Willen war seine letzte Begegnung mit seiner Schwester intensiv und ausführlich; und schließlich durfte er tatsächlich die Gewissheit haben, dass Gott sie zu sich genommen hat.

Eine ausführlichere Biographie der hl. Scholastika schrieb ein Diakon Alberich in Montecassino im 11. Jahrundert, die man bei Google Books in einem Digitalisat 1737 erschienener Annalen des Benediktinerordens lesen kann.

Der gleiche Alberich hat auch eine Predigt zu Scholastica hinterlassen. Ebenso ist uns eine Predigt zum Gedenktag der hl. Scholastika überliefert, die dem hl. Beda Venerabilis zugeschrieben wurde, heute aber für ein Werk des Abts Berthar von Montecassino gehalten wird. Berthar hat auch eine Predigt über das Leben der hl. Scholastika verfasst.

Die hl. Scholastika ist die Patronin der Ordensschwestern, und wird wohl auf Grund des Regenwunders bei Sturm und Regen um Fürbitte angerufen.


  1. vgl. 2 Kor 12,7-9 
  2. vgl. 1 Joh 4,8 

Daniel Kehlmann oder die Vermessenheit der Welt

Es ist nun einmal üblich, zur Bewerbung eines Filmes durch Interviews mit mehr oder weniger geistreichem Inhalt die Werbetrommel zu rühren, und so hat sich der Schriftsteller Daniel Kehlmann anlässlich der Verfilmung seines Buches „Die Vermessung der Welt“ zu einer „Presse“-Plauderei mit Barbara Petsch begeben. Man sollte die Worte in solchen Gespräche also nicht auf die Goldwaage legen, insbesondere bei einem Routinier wie Kehlmann, der mit Publikumserwartungen und Statussignalen spielen kann und damit und dabei Werke schreibt, die man neugierig und mit Freude verschlingt.

Kehlmann versucht dabei, für das Publikum wagemutig-intellektuell zu klingen, in dem er verkündet, er würde sich mit der „philosophy of mind“ beschäftigen, also der Philosophie des Geistes, der Auslotung seiner Bedingheit und Existenz. Dann verkündet er, es gebe kein Ich, es sei nur ein Modell. Nun, das ist einmal ein non sequitur, einmal eine Binsenweisheit.

Wenn wir über die Wirklichkeit nachdenken, sie wissenschaftlich erkunden, so haben wir notwendigerweise nicht die komplexe Außenwelt, sondern ein Modell davon in unserem Kopf. Bekanntlich ist eine Landkarte im 1:1-Format wenig hilfreich, wie die berühmte Ökonomin Joan Robinson einmal festgestellt hat. Aber das hat Kehlmann wohl gar nicht gemeint, sondern eher die Schwierigkeit vieler Denker, von einer manichäischen Dichotomie zwischen Geist und Materie zu lassen. Nun ist man nun einmal ohne Leib kein Mensch, und der Leib verkörpert die Individualität, Einzigartigkeit jedes Menschen, damit auch die Berechtigung, vom Ich zu sprechen. Die Reduktion des Ich auf den Teil des Bewußtseins, dessen Entscheidungsprozeß so geschieht, wie sich das ein Geistesnarziss vorstellt, ist eine sinnlose Reduktion. Das zum Ich auch unbewußte, unwillkürliche Handlungen und Gedanken gehören, war schon Augustinus bekannt.

Christlich interpretiert sage ich: Es zeigt sich der Grund, warum Paulus den Leib als den Tempel der Seele bezeichnet hat, Thomas von Aquin hervorgehoben hat, daß die unsterbliche Seele ohne den sterblichen Leib nicht tätig sein kann. Ich möchte da auch Wittgenstein folgen, der die Anwendung des materialistischen Reduktionismus auf das Leib-Seele-Problem, wie es  Philosophen des 20. Jahrhunderts gerne tun, für einen Kategorienfehler hält. Mit den Mitteln der Naturwissenschaft kann man über die Seele nicht reden, so, wie man über den Inhalt eines Buch wenig aussagen kann, wenn man das Gesamtgewicht der Druckerschwärze ausgerechnet hat.

Was Darwin betrifft, lohnt sich das Verbreitern gar nicht, denn Darwin selbst hätte sich wohl sowohl über diese angeblich unausweichliche Konsequenz der Evolutionstheorie wie auch über die autoritative Nennung seines Namens gewundert. Die Evolutionsbiologie ist eine Wissenschaft, die sich weiterentwickelt hat, die neue Theorien aufgestellt, neue Fragen aufgeworfen hat, und sich von Darwins Erstskizze natürlich beträchtlich unterscheidet. Und um zu Wittgenstein zurückzukehren: Wieder sind wir im Kategorienfehler. Diesmal sogar ganz offensichtlich. Die Aussagen Kardinal Schönborns, dem er hier provokativ recht geben will, hat er wohl ebenso nicht aufmerksam gelesen, denn Schönborn will natürlich keine Aussage über die biologische Theorie abgeben, sondern über die philosophische Frage der Ordnung und des Sinns der Welt und der Geschöpfe in ihr. Das Staunen erfüllt ihn über diese Welt, und er meint, darin die Handschrift des Schöpfers zu sehen. Es ist eine Verteidigung gegen den disziplinären Imperialismus mancher Naturwissenschafter, die alles rein mit materialistischem Reduktionismus erklären wollen.

Über die Fehlbeschreibung des Buddhismus schweige ich ganz, da gibt es jedenfalls Berufenere als einen katholischen Hollerbusch.

Wie gesagt: Ich nehme an, daß Kehlmann diese Fehler mehr unterlaufen sind, weil er sich als interessant-intellektuell darstellen wollte, und gegenüber seiner Zielgruppe wird das damit wohl auch gelungen sein. Ganz davonkommen will ich ihn aber eben auch nicht lassen.

Die Notwendigkeit der Metaphysik

Über Metaphysik redet man heute zwar oft, aber nicht unter diesem Namen. Daher war ich selbst überrascht, als ich durch meinen Blogeintrag zum Tode des scharfzüngigen Journalisten Christopher Hitchens mit Muriel in eine richtige Debatte über Metaphysik geraten bin, weil ich meinte, er hätte an den „metaphysischen Kategorien eines absoluten Guten und Bösen“ festgehalten.

I.

Nun, meine Ausdrucksweise war nicht korrekt. Zwar sind Aussagen darüber, ob es ein absolut Gutes oder Böses gibt, notwendigerweise auch metaphysischen Charakters, aber man kann streng genommen nicht von „metaphysischen Kategorien“ sprechen. Aber die Frage, die sich entsponn, ist: Kann man überhaupt über die Welt ohne Metaphysik reden?

Nach dem „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler (1873-1926) wird Metaphysik so definiert:

Metaphysik (»metaphysica«, meta ta physika) ist die Wissenschaft von den Grundbegriffen (Principien) des Erkennens und der Einzelwissenschaften in ihrem letzten für uns erreichbaren Sinne und in ihrem Zusammenhange untereinander und mit den Forderungen des nach Einheit und Geschlossenheit (Harmonie) der Weltanschauung strebenden Denkens. Die Metaphysik ist keine Sonderwissenschaft geheimnisvoller Art, sondern die (relativ) abschließende, auch nach dem Sinn und der Bedeutung der Welt fragende, in diesem Sinne speculative Verarbeitung der Voraussetzungen und Ergebnisse der Einzelwissenschaft mit Hilfe der Erkenntniskritik und schließlich auch der künstlerisch gestaltenden Phantasie und der Intuition.

Eislers Definition muß man nicht teilen, aber sie berührt ein Problem, dem sich auch der Wiener Kreis später stellen mußte: Voraussetzungslose, bedingungslose Erkenntnis aus Sinnenerfahrungen gibt es nicht. Auch die empirischen Wissenschaften sind in der Metaphysik verankert, in der die Bedingungen und Möglichkeiten unserer Erkenntnis und die Ordnung der Welt ausgelotet werden.

So hat der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger bei einer Veranstaltung, bei der ich zuhören durfte, gemeint, daß die Naturwissenschaften auch gänzlich anders aufgebaut sein könnten, die Phänomene der Welt auch anders fassen könnten; die Sinneserfahrungen alleine zwingen nicht zu einer bestimmten Struktur. Ihm ist vielleicht dabei auch vorgeschwebt, daß selbst heute noch streng genommen falsche (oder zumindest grob vereinfachte) Modelle für Berechnungen und Vorhersagen verwendet werden, wo sie brauchbare Resultate liefern. Oder anders: Man konnte Mond- und Sonnenfinsternisse schon gut vorhersagen, als das zu Grunde liegende Modell wohl kaum der Wirklichkeit entsprach. Empirische Bestätigungen für Theorien lassen diese brauchbar erscheinen, sagen aber wenig darüber, ob sie eine annähernde Beschreibung der Wirklichkeit sind. Die naturwissenschaftlichen Modelle sind Produkte der menschlichen Vorstellungskraft, unseres Versuches, die Welt zu beschreiben, eine Welt, die weit über unsere Sinneserfahrungen hinausgeht.

II.

Zurück zu Hitchens. Mein Gedankengang hinter der Zuschreibung metaphysischer Gedanken war folgender:

Hitchens gefiel sich in der Rolle des kämpferischen Atheisten, Positivisten und Materialisten. Gleichzeitig hatte er Zeit seines Lebens tiefe Überzeugungen darüber, was die Menschen zu tun hätten und was nicht. Zuerst war er Sozialist marxistischer Prägung, wie er selbst bekannte, der die russische Oktoberrevolution würdigte, wurde aber immer mehr zum Neo-Con, der Freiheit und Demokratie durch den Islamismus bedroht sah. Seine Artikel und Schriften machen deutlich, daß er diese Überzeugungen nicht nur für sich persönlich für richtig hielt, sondern für An- und Einsichten, die allgemein geteilt werden sollten. Hitchens war kein Relativist, der richtig und falsch für kontextabhängig hielt.

Nun kann man aber aus reiner Erfahrung ohne zusätzliche, nichtempirische Bedingungen keine Ethik entwickeln, die als allgemeine Handlungsanweisung wirkt. Es gibt verschiedene Versuche, diese Hürde zu umgehen, doch letztlich landet jeder bei einigen Axiomen, die eben nicht nur empirisch fundiert sind.

Der wissenschaftliche Sozialismus, dem Hitchens in seiner Jugend anhing, ist einer der übelsten Vorhaben auf diesem Gebiet; eine „Pseudowissenschaft“, wie Karl Popper bemerkte, voller nicht-empirischer Annahmen, angefangen vom Menschenbild über die Sicht der Arbeit bis zum Idealziel, dem die Gesellschaft (die materialistisch gesehen nur ein Konstrukt sein kann) zustreben soll.

Hitchens glühendes Eintreten für persönliche Freiheit und Demokratie als universelle Ideale verraten ebenso wie seine Haltung zum Marxismus, daß er eben kein vollkommener Empirizist und Materialist war, ohne sich dieser Spannung bewußt zu sein. Er hat über die Welt vielmehr auch in metaphysischer Weise nachgedacht, auch wenn er den Begriff abgelehnt hätte.