Wenn Arme Globalisierungsgewinner sind, ist es auch nicht recht …

„Ist es besser, arme Länder arm sein zu lassen?“, fragen Ingrid Kubin und Peter Rosner im Standard provokant und treffend. Wer den freien Handel mit ärmeren Ländern unter der Begründung ablehnt, dadurch würden die Menschen dort nur ausgebeutet, spricht in der Praxis einem noch viel größeren Elend dieser Menschen das Wort. Denn die Alternative zu den „schlechten“ Jobs sind meist gar keine Jobs. Gleichzeitig senkt man damit aber auch den Wohlstand gerade der nicht so blendend verdienenden Menschen in den sogenannten Industrieländern ebenso:

Was würden Textilien, Handys, technische Haushaltsgeräte bei uns kosten, wenn alle an deren Produktion beschäftigten Arbeitskräfte hier herrschende Löhne erhielten?

Damit antworten die beiden Wirtschaftswissenschafter auf einen sehr emotionalen Kommentar von Kurt Bayer, ehemaligen Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Eigentlich antworten sie nur auf einen Absatz, der ein gängiges Vorurteil wiedergibt:

[K]leine, schwache, im Entwicklungsprozess nachhinkende Länder können aufgrund dieser, auch geografischer, klimatischer und kultureller Umstände nie mit großen hochentwickelten Ländern konkurrieren, müssen sich daher als Anhängsel dieser Großen positionieren – und zahlen dafür mit Ausbeutung ihrer Bodenschätze, Arbeitskraft und Umwelt. Im Gegenzug ziehen die Großen und Reichen insgesamt deutlich mehr Kapital aus den Entwicklungsländern ab, als diese (strukturell kapitalschwach) erhalten.

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: „Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher.“ Doch es stimmt einfach nicht. Die voranschreitende Verzahnung der Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen aus tiefer Armut befreit, wie man in einem ausführlichen Artikel des Oxford-Projekts Our World in Data nachlesen kann. Besonders in Ostasien wurden spektakuläre Erfolge erzielt, doch auch in Afrika können einige Länder wie Botswana und Gabun durchaus Erfolgsgeschichten für ihre eigene Bevölkerung vorweisen.

Da die Produktivität in diesen Ländern aus verschiedenen Gründen (Infrastruktur, Ausbildung, Institutionen, …) niedriger ist als bei uns, können sie aber nur dadurch konkurrenzfähig sein, dass sie die Kosten auf andere Weise senken: Mit niedrigeren Löhnen. Allerdings sind auch die Kosten des täglichen Lebens niedriger, weswegen die Unterschiede in Kaufkraftparitäten zwischen den Ländern meist geringer sind als rein nach auf Dollar umgerechneten Einkommen zu vermuten wäre.

Vieles der Betroffenheit über ausgebeutete Arbeiter in Entwicklungsländern ist aber ohnehin Heuchelei — die Alternative existenzieller Armut wird überhaupt nicht mitbedacht oder als erschreckend empfunden. Vielmehr sollen protektionistische Reflexe moralisch unterfüttert werden. In meinem Bekanntenkreis ist das oft mit einem plumpen nationalen Sozialismus verbunden: Seht her! Ohne Globalisierung können wir auch in den nostalgisch verklärten Sozialismus der Siebziger Jahre zurückkehren, den ja nur die bösen Neoliberalen zerstört hätten. Schnell erweist sich da die vielgepriesene internationale Solidarität der Sozialisten als Chimäre.