Griechenland: Zwei Schritte vor, hoffentlich keiner zurück

Die Aufarbeitung der Griechenlandkrise ist noch lange nicht beendet. Zwar hat konnte ein Kollaps Griechenlands verhindert werden, doch die dafür notwendigen Schritte haben trotzdem tiefe Spuren hinterlassen. Laut Eurostat betrug die griechische Wirtschaftsleistung im 1. Quartal 2008 knapp 80% der österreichischen, im 1. Quartal 2017 waren es nicht einmal 50%. Den hohen Wert von 2008 darf man natürlich nicht ganz ernst nehmen — die griechischen Statistiken vor der Krise sind cum grano salis zu genießen und spiegeln außerdem einen Zustand wieder, der nur durch exzessive staatliche Verschuldung ermöglicht wurde, die z.T. nur durch Fälschung der Zahlen über die Staatsfinanzen überhaupt möglich war.

Vor diesem Hintergrund ist die Leistung der griechischen Politik nicht hoch genug einzuschätzen, einen Primärüberschuss zu erzielen und etliche Sparmaßnahmen durchzubringen. Das hat nach dem Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza noch ganz anders gesehen, dass noch dazu bei seinem Referendum gegen die Sparauflagen mit einer „harten Landung“ Griechenlands spekuliert hat. Man muss im Rückblick sagen, dass sich glücklicherweise nicht der Varoufakis-Flügel durchgesetzt hat, sondern die Pragmatiker, die in einem Geben und Nehmen eine sinnvollere Verhandlungsstrategie sahen als darin, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

So erhält Griechenland nun neuerlich Mittel aus dem ESM zu günstigen Konditionen, um Altschulden tilgen zu können. Mit einem in Aussicht gestellten Zahlungsaufschub von 15 Jahren für bestimmte Kredite würde Griechenland noch dazu erheblich entlastet und könnte es so wohl tatsächlich bald wieder schaffen, auf dem Kapitalmarkt Gelder aufzunehmen. Dazu sind keine neue Bedingungen zu erfüllen, sondern einfach die bereits bekannten Programme umzusetzen.

Formell wird mit dem neuen Paket die Bedingung des IWF, Griechenlands Schuldenquote deutlich zu verringen, nicht erfüllt. Mit den im Statement der Eurogruppe genannten Werkzeugen würde sie allerdings materiell sehr wohl deutlich sinken. Schulden, die erst in langer Frist und/oder zu vernachlässigbarer Verzinsung zu tragen sind, wiegen wohl anders als solche zu marktüblichen Konditionen. So hat Christine Lagarde sich auch bereiterklärt, dem IWF-Vorstand eine weitere Beteiligung am Griechenland-Programm in Höhe von zwei Milliarden Dollar vorzuschlagen.

Der Zustand Griechenlands ist zwar mittlerweile stabil, auch die Wirtschaft hat wieder Boden unter den Füßen, doch für eine Entwarnung ist es trotzdem noch zu früh. Eine politische Krise, eine schwere Rezession oder ein anderer negativer Schock können Griechenland wieder zurück an den wirtschaftlichen Abgrund führen.

Griechenland wächst wieder

Die Griechenland-Krise hat Europa über Jahre in Atem gehalten, und ist in Wahrheit noch längst nicht vorbei. Schuldenschnitt und die Übernahme der Gläubigerposition durch die öffentliche Hand anderer EU-Mitgliedstaaten oder durch gemeinsame Einrichtungen auf der einen Seite, Spar- und Reformmaßnahmen in Griechenland auf der anderen Seite sollten die Situation unter Kontrolle bringen und vor allem wieder eine Zukunftsperspektive eröffnen.

Letzteres ist nach vielen Jahren der Tränen in Griechenland der Fall. Die Wirtschaft wächst wieder. In der Frühjahrsprognose hat die EU-Kommission für Griechenland 2017 ein BIP-Wachstum von 2,1% prognostiziert. Die Prognose der griechischen Regierung liegt etwas darunter. Jedenfalls wäre das ein höherer Wachstumswert, als er für viele andere EU-Staat vorhergesagt wird, z.B. Italien (0,9%), Österreich (1,7%) oder Deutschland (1,6%).

Das ist umso bemerkenswerter, als die griechischen Staatsausgaben seit Jahren rückläufig sind und momentan de facto stagnieren. Weitere Kürzungen sind bereits paktiert. Durch die Sparmaßnahmen konnte 2016 ein Primärüberschuss — also die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung des Staates vor Berücksichtigung des Schuldendienstes — von 0,7% des BIP erzielt werden, also höher, als ursprünglich vereinbart.

Hauptverantwortlich für die Rückkehr des Wachstums ist der Tourismus, wenn man der Analyse der Kommission glauben darf. Dieser einzig nennenswerte „Export“ Griechenlands profitiert sehr von der Türkeikrise und Terrorwarnungen in anderen Ländern. Vielerorts hofft man aber offenbar auch, das Schlimmste überwunden zu haben. Der private Konsum zieht wieder an (+1,4%) und nach Jahren schrumpfender Kapitalstöcke wird auch wieder investiert (+6,3%).

Wenn jetzt noch Regierung und Geldgeber die Unsicherheit darüber, wie man nach dem Auslaufen des Hilfsprogramms weiter vorgehen wird, beseitigen könnten, würde einer langsamen Erholung Griechenlands nichts im Wege stehen.

Die Globalisierungsgewinner des 13. Jahrhunderts vor Christus

Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus standen in Griechenland, Kleinasien und Syrien mächtige, luxuriös ausgestattete Paläste, die über geschäftigen Städten thronten. Feine Keramik, edle Schmiedearbeiten oder prächtige Stoffe wurden zwischen den Städten in Karawanen oder in großen Handelsflotten über teils große Distanzen geliefert. Waren, die in spezialisierten Werkstätten mit zum Teil hunderten Arbeitern hergestellt wurden, und deren Rohstoffe mitunter ebenso von weither kamen.

Um 1200 vor Christus bricht diese Welt zusammen. Eric H. Cline hat diesem Kollaps des bronzezeitlichen Reichtums mit „1177. Der erste Untergang der Zivilisation“ eine vielbeachtete Monographie gewidmet. (Hier die Buchbesprechung in der „Welt“.)

Der genaue Hergang dieses Zusammenbruchs wird immer noch heftig diskutiert. Eine unheilvolle Melange aus Invasionen äußerer Feinde, inneren Fehden, Naturkatastrophen und schließlich dem Ende des überregionalen Handels wird regelmäßig genannt, mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Faktoren. Momentan scheint etwa der Klimawandel auch zur Erklärung historischer Ereignisse sehr en vogue. Der Handel ist auch insofern bedeutend, als die weitreichenden Handelsnetzwerke es ermöglichten, dass in einigen Städten mehr Menschen wohnen konnten, als das unmittelbare Umland ernährt hätte.

In Griechenland schrumpfte die Bevölkerung im Zuge der Ereignisse — mancherorts um 90%! –, und konnte erst Jahrhunderte später wieder die damalige Zahl erreichen, um sie schließlich in hellenistischer Zeit deutlich zu übertreffen. Die bronzezeitlichen Reiche scheinen der malthusianischen Falle entkommen zu sein, die früheisenzeitlichen Griechen waren fest in ihr gefangen.

Wie aber war das möglich?

Ein Teil des Puzzles liegt in der Palastwirtschaft, wie sie im östlichen Mittelmehr und im Zweistromland vorherrschte. Die Paläste verwalteten Rohstoffe und Lebensmittel und beherbergten große, spezialisierte Manufakturen, die vor allem Waren für den Export produzierten. Auf diese Weise konnten Skalenerträge (durch große Produktionseinheiten) erzielt werden. Die Möglichkeit, Rohstoffe auch von weiter her zu beziehen, eröffnete außerdem das Feld für die Spezialisierung bestimmter Paläste auf Produkte, die Vorprodukte aus verschiedensten Quellen benötigten.

Die Mängel der Planwirtschaft der Paläste wurden dadurch gemildert, dass die jeweiligen Einheiten relativ überschaubar waren und durch den Handel, der in der Regel über private Kaufleute abgewickelt wurde, einer Marktdisziplinierung ausgesetzt waren. Eine Gleichsetzung der Paläste mit Großunternehmen ginge wohl nicht ganz fehl.

Ein zweiter Teil des Puzzles liegt in der weit entwickelten Diplomatie und großen Hegemonialsphären, die einen einigermaßen sicheren Handel im östlichen Mittelmehr und Zweistromland ermöglichten und die Transaktionskosten gegenüber späterer Zeit deutlich niedriger halten konnten.

Doch höhere Produktivität durch Arbeitsteilung und Skalenerträge erklärt noch nicht allein den höheren Wohlstand der späteren Bronzezeit gegenüber der folgenden frühen Eisenzeit. Nach der gängigen malthusianischen Theorie werden solche Produktivitätsgewinne durch eine wachsende Bevölkerung wieder aufgesogen, bis wieder ein Leben auf Subsistenzniveau erreicht ist. Nur in Zeitabschnitten, in denen die Produktivität schneller als die Bevölkerung wächst, könnte daher der Wohlstand pro Kopf kurzfristig steigen.

Diese Annahme ist aber durch den archäologischen Befund für das klassische Griechenland oder das Römische Reich nicht gedeckt, wie Josiah Ober für ersteres, Paul Erdkamp für letzteres diskutiert.

Dafür gibt es einenn einfachen Grund: Die Bevölkerung kann ja nur wachsen, wenn die Geburten die Todesfälle übersteigen. Das heißt z.B., dass durch gute Ernährung oder durch Fortschritte in der Medizin oder Hygiene die Kindersterblichkeit sinkt — und damit mehr Kinder erwachsen werden und Familien gründen. (Die Annahme, dass eine besonders gute Ernährungslage zu signifikant steigenden Geburtenraten selbst führen würde, gilt als widerlegt.) Verzierte Vasen und bunte Stoffe dagegen machen das Leben schöner und angenehmer, tragen aber nichts zum Bevölkerungswachstum bei.

Einen einfachen Ansatz dafür zeigt Lemin Wu in einem Working Paper. Wu unterscheidet einfach zwischen zwei Sektoren, „Subsistenz“ und „Luxus“. „Luxus“ sind bei Wu alle Güter, die dem persönlichen Nutzen dienen, aber die Überlebensfähigkeit der Gruppe nicht erhöhen. Die Wirtschaft hat in dem Punkt ein Gleichgewicht erreicht, in dem sich die Grenze der Produktionsmöglichkeiten, die Menge der für die Menschen gleichwertigen Güterbündel (Indifferenzkurve) und die Menge der Güterbündel, die zu einer konstanten Bevölkerung führen, berühren. Wenn die Produktivität im Luxussektor stärker steigt als im Subsistenzsektor, steigt der Wohlstand pro Kopf. Steigt die Produktivität im Subsistenzsektor, wächst die Bevölkerung. Große landwirtschaftliche Innovationen haben in diesem Modell daher langfristig negative Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf. Welche Güterbündel aus Subsistenzgütern und Luxusgütern als gleichwertig gesehen werden, ist freilich auch kulturell bedingt.

Umgelegt auf die Bronzezeit: Die Produktivität im Bereich der Handelswaren stieg viel stärker als die der Landwirtschaft; zudem wurden der Warenproduktion in den Palästen massiv Ressourcen zugeführt und standen damit auch nicht der ernährenden Landwirtschaft zur Verfügung. Produktionsstrukturen und soziale Präferenzen haben in Wus Terminologie zu einer „Luxusexpansion“ geführt, die zu einem höheren Wohlstand pro Kopf führt.

Es gibt allerdings auch eine Gegenkraft in Wus Modell. Gesellschaften, die einen komparativen Vorteil im Subsistenzsektor haben, sind ärmer, doch ihre Technologien verbreiten sich durch steigenden Bevölkerungsdruck, der in friedlicher Wanderung oder kriegerischer Invasion mündet. In Wus simplem Modell — das keinen Anspruch stellt, die komplexe Wirtschaftsgeschichte des Altertums allein erklären zu können — würde hier wohl wieder die Invasionstheorie ins Spiel kommen …

Auch ohne Invasion kann man den Kollaps zum Ende der Bronzezeit innerhalb dieses Rahmens erklären: Durch den Zusammenbruch des Handels und die Zerstörung von Palästen sank die Produktivität des Luxussektors stark, aber auch die Produktivität des Subsistenzsektors, der von fachmännisch hergestellten Gerätschaften und durch Handel ermöglichter Spezialisierung wohl ebenfalls profitiert hatte. Die Produktionsmöglichkeiten gehen also zurück, das erreichbare Güterbündel, das den höchsten Nutzen verspricht, wird deutlich kleiner und subsistenzlastiger, die Güterbündelmenge bei konstanter Bevölkerung geht zurück. Voi là: Frühe Eisenzeit — samt malthusianischer Bevölkerungsentwicklung.

Die Geldfalken liegen daneben: Deflation ist für Spanien kein Rezept

Inflation mag irgendwie fast niemand. Und wäre es nicht sogar toll, wenn das Geld immer mehr wert würde? Und doch wird die Deflation, also die negative Inflation in einigen Ländern der Eurozone von der EZB als großes Problem gesehen. Für Anhänger einer Hartwährungspolitik, klassische Liberale etc. ist diese Position oft unverständlich, wie man z.B. an Hand zwei Links des österreichischen Journalisten Christian Ortner (hier zur NZZ und hier zum Ludwig von Mises-Institut) nachlesen kann.

Nun sind sinkende Preise kein Problem, wenn sie nicht mit sinkenden Einkommen einhergehen, sondern Ausdruck gestiegener Produktivität sind, wie George Selgin schon vor längerer Zeit argumentiert hat. Er plädiert dabei für eine „Produktivitätsnorm“ der Geldpolitik, die seiner Meinung nach Parallelen mit dem Nominaleinkommen als geldpolitischem Ziel aufweisen würde.

Doch in Spanien und Griechenland ist die Situation eine andere:

  • Die sinkenden oder stagnierenden Preise sind Ausdruck kollabierender Nominaleinkommen. In beiden Ländern sind nicht nur der Staat, sondern auch die privaten Haushalte verschuldet, und können auf Grund dieser sinkenden Einkommen ihre Schulden auch immer schwerer bedienen, deren Konditionen ja unter anderen inflationären Bedingungen vereinbart wurden.
  • Dann schlägt auch noch der gemeinsame Währungsraum zu, der zwar zu keiner homogenen Zinslandschaft, aber zumindest zu vergleichbaren Zinsen mit gemeinsamer Basis geführt hat. Daher — siehe die Fisher-Gleichung — bedeutet das große Inflationsdifferential zwischen Spanien und etwa Österreich, dass die Realzinsen in Spanien deutlich höher sind. Kreditfinanzierte Investitionen sind schon wegen der unsicheren Wirtschaftslage eher unwahrscheinlich; die Zinssituation benachteiligt die Investitionen ebenfalls.
  • Der Wert des Geldes ist im Endeffekt Vertrauenssache (egal ob Gold, Silber oder Papier); Geldpolitik funktioniert daher sehr stark über Erwartungskanäle. Die EZB hatte jahrelang eine Inflationsrate von 2% als ihr Ziel vorgegeben und kommuniziert, so dass auch viele Verträge eine solche Inflation eingepreist haben. Nicht nur für Spanien hat die EZB dieses Ziel aber seit Jänner 2013 verfehlt. Momentan wird der Harmonisierte Verbraucherpreisindex für Dezember 2013 mit 0,8% angegeben. Das relativiert auch alle Behauptungen, die EZB flute den Markt mit Geld. Vielmehr stützt sie hauptsächlich die Banken durch Liquidität, die in der Doppelmühle strengerer Vorschriften der Bankenaufsicht bezüglich Eigenkapital einerseits und Bilanzbereinigung wegen der Krise andererseits gefangen sind. Dieses Geld kommt aber am Markt auf Grund der drastisch gesunkenen Geldschöpfung der Banken gar nicht an. Übers Jahr sind die Kredite an private Haushalte in der Eurozone 2013 um 2,3% zurückgegangen, es findet eine Verschiebung weg von langfristigen Anlagen hin zu Bargeld und Sichteinlagen statt.

Das ändert nichts daran, dass Österreichs Inflationsrate hausgemacht 1,2 Prozentpunkte über der europäischen lag — und das aus verschiedenen Gründen nicht zu begrüßen ist. Aber dazu vielleicht ein andermal.

EU: Budgetkritik nicht mehr erlaubt?

Eine seltsame Debatte: Wie jedesmal, wenn um das EU-Budget gerungen wird, gibt es ein Raunen über ein Scheitern der Verhandlungen, hagelt es Veto-Drohungen, und den Briten wird der Austritt nahegelegt. So auch diesmal. Immerhin geht es um eine Menge Geld, die zu einem bedeutenden Teil aus den nationalen Haushalten finanziert wird. In Großbritannien, wo die Regierung zumindest rhetorisch einen Sparkurs eingeschlagen hat, hat das Parlament mit den Stimmen der Sozialdemokraten (Labour) und einiger konservativer Abgeordneten seiner Meinung den Ausdruck verliehen, daß angesichts der Sparbemühungen in allen Ländern auch das EU-Budget getrimmt werden müsse. Gegenüber dem generösen Vorschlag der Kommission, der ein Budget von insgesamt 1.083 Mrd. Euro in sieben Jahren – mit einer spürbaren Steigerung gegenüber der Vorperiode – sind übrigens viele Länder, angefangen von Deutschland, Schweden bis zu den Niederlanden und eben Großbritannien, äußerst skeptisch und verlangen Kürzungen. Zypern hat als Vorsitzland einen Gegenvorschlag erstellt, der ebenfalls bescheidener ausgefallen wäre, aber von der Kommission rundweg abgelehnt wurde.

Doch natürlich trifft die Briten der Zorn des EU-Budgetkommissars, denen er quasi empfiehlt, entweder den Vorschlag der Kommission anzunehmen oder auszutreten. Alexandra Föderl-Schmied übernimmt im „Standard“ unkritisch diese Erzählung des Budgetkommissars, die ohnehin politisch gesehen nur dem Aufbau eines psychologischen Drucks auf die britische Regierung dient. Wobei es zuweilen skurril wird, wenn Föderl-Schmied plötzlich den längst vergangenen Irakkrieg als Ausschlußgrund hervorkramt, oder andeutet, ein Ja zu mehr Europa bedeute automatisch eine Unterstützung für die Politik, die von der Kommission vorgeschlagen wird. So, als ob man nur dann ein guter Österreicher sein könne, wenn man die Bundesregierung gutfinde. So, also ob man jedenfalls ein schlechter Österreicher wäre, wenn man Budgetkürzungen im Bund vorschlagen würde. Oder, anders gesagt: Wenn ein Tiroler Landeshauptmann meint, daß der Bund zuviel Geld ausgibt – muß dann Tirol der Austritt aus Österreich nahegelegt werden?

Besonders realitätsfremd aber folgender Satz:

Es gibt nur die Wahl zwischen einer Rückkehr zum Nationalismus und einer Transferunion.

Wer die Debatte in Spanien erlebt, wo durchaus intelligente Leute in alte nationalistische Muster verfallen, die seit langem brüchige Situation in Belgien, wer die Stimmung in anderen Ländern mitverfolgt, wird bemerken, daß gerade die Krise und laufende institutionalisierte Transfers dem Nationalismus zu neuer Blüte verhelfen. Nicht nur aus ökonomischem Kalkül, sondern auch aus tiefsitzenden, identitätsstiftenden Überzeugungen über das Wir und die Anderen. Eine Transferunion ist geradezu das Rezept für ein Wiedererstarken des Nationalismus auf beiden Seiten, bei Gebern und Nehmern. Siehe nur unter Griechenland, Eurokrise.

Wieviel Steuern werden in Griechenland hinterzogen?

Daß die Steuerehrlichkeit in Griechenland nicht zu intensiv ausgeprägt ist, scheint heute ein Allgemeinplatz zu sein. Es stimmt auch, liegt allerdings nicht in irgendwelchen besonderen Eigenschaften der Griechen begründet, sondern in der Geschichte des Landes, wobei der Bürgerkrieg nach dem Zweiten Weltkrieg und der Sturz des Königs durch die Militärdiktatur wesentliche Marken dabei waren. Wie sehr es stimmt, zeigt eine neue Studie von Nikolaos Artavanis, Adair Morse und Margarita Tsoutsoura, drei Griechen, die allerdings in den USA an der Universität von Chicago bzw. am Virgina Polytechnic Institute and State University arbeiten. Ihr Ergebnis: 2009 wurden zumindest 28 Milliarden Euro an Einkommen in Griechenland nicht deklariert; das Defizit wäre bei Besteuerung wohl um 31% niedriger ausgefallen.

Das unversteuerte Einkommen ist bei Selbständigen durchschnittlich fast noch einmal so hoch wie das versteuerte Einkommen. Interessanterweise sind die Branchen mit der höchsten Rate an Steuerhinterziehung diejenigen, die im Parlament am besten vertreten sind: Rechtsanwälte,  Ärzte, Steuerberater, Ziviltechniker und Ingenieure und in der Bildung tätige Personen.

Griechenland: Steuerhinterziehung nach Vermögen, aus: Tax Evasion Across Industries: Soft Credit Evidence from Greece

Griechenland: Steuerhinterziehung nach Vermögen

Wie kommen sie zu den Zahlen? Die drei Ökonomen haben angenommen, daß in einem Land, in dem Steuerhinterziehung weit verbreitet ist, Banken ihre Kredite nicht nach steuerlich deklariertem Einkommen vergeben, sondern sich selbst ein Bild von der Zahlungskraft ihres Klienten machen. Daher haben sie sich Haushaltsdaten einer (zumindest früher) großen griechischen Bank angeschaut: Daten über Kreditkarten, Darlehen, Hypotheken, Überziehungsrahmen und Zahlungsmoral, verbunden mit der Postleitzahl. Als Benchmark dienen ihnen unselbständige Arbeitnehmer, bei denen eine geringere Spanne zwischen deklariertem und tatsächlichem Einkommen angenommen wird. Für die Berechnungen wird sogar die unrealistische Annahme der Identität der beiden Einkommen bei Unselbständigen angenommen; die Studienautoren betonen daher, daß ihre Berechnungen insgesamt sicher zu niedrig sind, da ja Unselbständige ebenfalls häufig pfuschen. Jedenfalls gehen sie davon aus, daß das Verhältnis von wahren Einkommen und Schulden im wesentlichen gleich ist, mit branchenspezifischen Abweichungen. Daraus können sie nun vermutete Einkommen schätzen.

Dabei zeigt sich z.B., daß Steuerberater durchschnittlich höhere Kreditraten für Verbraucherkredite zahlen, als sie offiziell verdienen, wobei sie sich hier in Gesellschaft mit Ärzten und Rechtanwälten befinden. Ihre Ausfallswahrscheinlichkeit ist aber nicht größer als die der Landwirte, die unter den untersuchten Branchen vergleichsweise steuerehrlich sind.

Alles in allem eine sehr interessante Studie mit einer gut nachvollziehbaren Methode, die auch für andere Länder durchaus interessant wäre.

(via FT Alphaville)

Austerität? Welche Austerität?

Eine gängige Analyse der Wahlen in Frankreich, Griechenland und Italien war, daß die Wähler genug von den harten Ausgabenkürzungen hätten, die auch massiv zur wirtschaftlichen Malaise der Euroländer beitrügen. Aber: Hat es überhaupt harte Ausgabenkürzungen in der Eurozone gegeben? Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach.

Veronique de Rugy hat die Staatsausgaben mehrerer Euroländer zu laufenden Preisen verglichen, die gewöhnlich mit Einsparungen in Verbindung gebracht werden: Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien und Spanien. Dabei zeigt sie, daß im wesentlichen nur Griechenland seine Ausgaben deutlich reduziert hat, bei den meisten Euroländern davon aber keine Rede sein kann. Wo keine Ausgabenkürzung, da auch keine kontraktive Wirkung einer solchen.

Diese Interpretation ruft natürlich Widerspruch hervor. So argumentiert Ryan Avent im „Economist“ mit der Veränderung der Budgetsalden und der Staatsausgaben in Prozent der Wirtschaftsleistung, bei denen sich z.T. deutliche Veränderungen zeigen. Warum das für eine kurzfristige Betrachtung möglicherweise irreführend ist, illustriert wiederum Tyler Cowen. Denn die Staatsausgaben in % des BIP hängen ja auch von der Entwicklung des BIP ab; verändert sich das BIP bei konstanten Staatsausgaben, so suggeriert die Angabe der Höhe in % des BIP eine Änderung, die es gar nicht gegeben hat. Außerdem hängt die Wirkung der Staatsausgaben kurzfristig von der Entwicklung zu laufenden Preisen ab, nicht von Umrechnungen zu verketteten Preisen etc. Wie Cowen schreibt:

[…W]hen judging whether fiscal policy is contractionary or expansionary in macroeconomic terms, we do not automatically adjust for percentage of gdp and inflation. Start instead by looking at nominal government spending, and then perhaps take a glance at nominal gdp or related measures. The theory, after all, is about nominal values, most of all in the short run.

Gibt es also gar keine „Sparpolitik“? In Griechenland, Irland oder Portugal gibt es sie ohne Zweifel; diese Länder sind aber für die Performance der europäischen Wirtschaft nur von untergeordneter Bedeutung. In den anderen Ländern nimmt Defizitreduktion aber vor allem die Form von Steuererhöhungen an. Die wirken schneller als strukturelle Maßnahmen und sind wegen der Logik gemeinsamen Handelns bis zu einem gewissen Grad auch leichter durchzusetzen. Doch sind sie empirisch belegbar nicht so nachhaltig wie Einsparungen und – außer für Jünger des Haavelmo-Theorems – mindestens ebenso kontraktiv. Besonders die in der EU beliebten Mehrwertsteuererhöhungen wirken konjunkturdämpfend und verstärken die wirtschaftliche Wirkung tatsächlicher Kürzungen.

In der Debatte spielt interessanterweise die Definition des Wortes „Austerität“ eine große Rolle, und ob schon eine gebremste Dynamik der Ausgaben als Maßnahme gilt, die das Wirtschaftswachstum belastet. Die Rolle der Erwartungen wird dagegen kaum thematisiert, obwohl das für Verfechter der These, daß schon zu viel der Austerität herrscht, eine elegante Verteidigungslinie wäre.