Very British Villains

Wer US-amerikanische Filme öfter im Original gehört hat, dem wird die allgemeine Liebe zum britischen Akzent wohl schon aufgefallen sein. Insbesondere zum sogenannten „Queen’s English“. Und das ist insbesondere für zwei Arten von Personen reserviert: Raffinierte Bösewichte oder als Personifikation von Bildung, Eleganz und gutem Benehmen. Das hängt natürlich zusammen — der Bösewicht ist oft ebenfalls gebildet und elegant.

Das akademische Archiv JStor hat auf seinem Blog einen informativen Eintrag dazu, der auch allgemein darauf eingeht, wie der Dialekt und Akzent eines Sprechers unsere Einschätzung desselben maßgeblich beeinflussen. So hielt in einem Experiment der gleiche Vortragende den gleichen Vortrag einmal im Birminghamer Dialekt, einmal in der „Received Pronounciation“. Nach dem Vortrag im Dialekt wurden seine Intelligenz und der Gehalt seines Vortrags weit niedriger eingestuft als nach dem Vortrag in Received Pronounciation.

Aber zurück zu den Filmbösewichten. Ein anderer Blogger hat einige Gründe zusammengetragen, warum selbst in Disney-Zeichentrickfilmen die bösen Tiere oft einen britischen Akzent haben. Neben der Geschichte der USA selbst tragen dazu wohl noch zwei Umstände bei: Received Pronounciation klingt deutlich anders als das typische Amerikanisch, ist aber trotzdem für den amerikanischen Zuseher verständlich. Und: Niemand wird des Rassismus verdächtigt, wenn alle Bösewichte Briten sind. Das ist im politisch sensiblen Hollywood nicht zu verachten.

Zum Trost: Es gibt ja noch James Bond. Kein Bösewicht, trotzdem britisch.

Im JStor-Artikel ist ein passendes Video u.a. mit Sir Ben Kingsley eingebettet, dass so köstlich mit den Klischees jongliert, dass ich es auch gleich zeigen muss:

Je gebildeter, desto sinnloser?

Dominic Cummings war der Wahlkampfleiter der Vote Leave-Kampagne für den Brexit, zuvor Berater des damaligen Unterrichtsministers Michael Gove. Im „Spectator“ schreibt er in einem langen, aber sehr anregenden Text über seine Erfahrungen in der Brexit-Kampagne, insbesondere, warum die Abstimmung für den Austritt aus der EU ausgegangen ist.

Ein Abschnitt daraus hat mich besonders zum Nachdenken angeregt:

I’ve learned over the years that ‘rational discussion’ accomplishes almost nothing in politics, particularly with people better educated than average. Most educated people are not set up to listen or change their minds about politics, however sensible they are in other fields.

Ich habe mit der Zeit gelernt, dass „vernünftige Diskussionen“ in der Politik fast nichts erreichen, insbesondere mit überdurchschnittlich gebildeten Leuten. Die meisten gebildeten Leute sind nicht darauf eingestellt, beim Thema Politik hinzuhören oder ihre Meinung zu ändern, wie verständig sie auch in anderen Bereichen sein mögen.

Wenn ich darüber nachdenke, wieviele Diskussionen ich schon geführt habe, ohne dass ich oder mein Gegenüber etwas an der eigene Position geändert hätten; wie oft bei einer allfälligen Wiederholung dann doch wieder die gleichen Argumente hervorgeholt werden — dann glaube ich gerne, dass Cummings da irgendwie recht hat.

Je gebildeter man ist, desto leichter kann man eben wegrationalisieren, dass die eigenen Argumente eigentlich widerlegt wurden. i

Hongkong kämpft um seine Freiheit – vergebens?

Der Sonderstatus von Hongkong ist ohne die britischen Kolonialherren seiner Existenzgrundlage beraubt. Das war eigentlich schon 1997 klar, als die Briten die blühende Handelsstadt an die Volksrepublik China abtraten, da der 99jährige Pachtvertrag mit dem Kaiserreich China auslief, der den größten Teil der Kolonie zum Gegenstand hatte.

Die chinesische Zentralregierung hat Hongkong formal weite Freiheiten gelassen, weil es sich dazu bei der Übernahme für 50 Jahre verpflichtet hat. Doch de facto werden diese Stück für Stück beschnitten. Die Sonderwirtschaftszone in Shenzhen oder das aufstrebende Shanghai zeigen, dass man auch in der Volksrepublik gute Geschäfte machen kann und der Wohlstand wächst. Und ein funktionierendes demokratisches Experiment kann Peking auf keinen Fall brauchen. Wie der Schweizer Tagesanzeiger süffisant vermeldet, hat das kommunistische Regime in den großen Unternehmern wichtige Verbündete in Hongkong:

Die Solidarität mit Chinas Führern demonstrieren in diesen Tagen vor allem Hongkongs milliardenschwere Unternehmer. Es hat schon seinen Grund, warum sich Peking die Milliardäre zu Partnern gemacht hat; sie haben alle Geschäftsinteressen in China, sind im Zweifelsfall käuflich und erpressbar.

Das Demonstrieren ist daher hauptsächlich der Jugend überlassen, die sich dagegen wehrt, dass bei den nächsten Wahlen 2017 nur handverlesene Kandidaten antreten dürfen, wie in einem „Reformplan für Hongkong“ verkündet wurde. Und was das für das Land bedeutet, konnte man in den letzten Jahren bereits spüren, als das einst mustergültige Hongkong dank Herrschaft von KP-Günstlingen immer mehr in Korruption versunken ist. Auch die einst so gerühmte unabhängige Justiz der Kolonie ist in Gefahr.

Die Gewalt, mit der gegen die Demonstranten vorgegangen wurde, und die eiserne Haltung der chinesischen Zentralregierung deuten darauf hin, dass jede Hoffnung auf eine Lockerung der Wahlvorschriften vergebens ist. Hier geht es auch um das Prinzip: Es darf keineswegs er Eindruck entstehen, dass lokale Willensbildungen der Menschen einen Einfluss auf die Entscheidungen der Zentrale haben, die somit als schwach erscheinen würde. Doch, wie „Foreign Policy“ schreibt, die wirkliche Schlacht ist die um die Herzen der Menschen in Hong Kong. Und darum, wie rasch China die de facto Angleichung Hong Kongs an die Volksrepublik vorantreibt.

Mit etwas Glück können die jetzigen Proteste die folgenden Schritte zumindest verlangsamen — und da niemand weiß, was die Zukunft so genau bringt, kann jede Verlangsamung der Schlüssel dazu sein, die Freiheit der Menschen Hongkongs für längere Zeit zu erhalten.

Better together?

Jetzt haben die schottischen Wahlberechtigten also entschieden, und ein klares Votum für ein Vereinigtes, aber wohl auch bundesstaatlicheres Königreich abgegeben. Nur 45% haben für die Unabhängigkeit gestimmt. Der Abstand zwischen „Ja“ und „Nein“ ist mit 10 Prozentpunkten recht deutlich.

Dabei hatte der schottische Premier Alex Salmond dank etlicher taktischer Fehler David Camerons mehrere Trümpfe in der Hand. Da war einmal das psychologische Moment: Ein positives „Ja“ für die Unabhängigkeit vermittelt ein besseres Gefühl. Die Kampagne für die Unabhängigkeit hieß simpel „Yes Scotland“. Salmond hatte in der Hand, die Wahlberechtigten für das Referendum zu definieren und eine einmalige Wahlaltersenkung durchzusetzen, weil er sich unter den Jugendlichen mehr Unterstützung für die Trennung erhofft hatte. Die zuweilen tolpatschige britische Regierung ist nicht sehr populär; auf sie könnte wohl mancher Schotte leicht verzichten.

Bessere Bedingungen hätte man für so ein Referendum nicht vorfinden können. Aber Salmond hat es mit seinen Einschüchterungsversuchen, von denen in den letzten Tagen immer mehr bekannt wurden, seiner unverschämten Nutzung des schottischen Staatsapparates und offensichtlich unerfüllbaren Versprechen offenbar verbockt. Dafür sollte er eigentlich den Hut nehmen.

Jetzt bahnt sich dafür in Großbritannien eine konstitutionelle Revolution an, wie die BBC beschreibt. Die Rechte von Wales, Nordirland und Schottland sollen gestärkt werden; England soll zwar kein eigenes Parlament bekommen, aber in den Rechtsgebieten, die in den devolvierten Landesteilen autonom geregelt werden können, sollen in Westminster Beschlüsse nur noch durch die englischen Abgeordneten getroffen werden. So zumindest der Vorschlag der Konservativen. Das ist zwar eine etwas ungeschickte Lösung, die dazu führen wird, dass es gegensätzliche Mehrheiten im Gesamtparlament und im englischen Rumpf geben wird; aber es ist ein erster Schritt.

Die Schwierigkeiten, die man in Großbritannien mit dem Konzept eines Bundesstaates hat, sind mir ja nicht ganz verständlich. Hätte man im Zuge der Devolution eine komplette Föderalisierung nach deutschem Vorbild gewählt — bei der man England vielleicht in mehrere „Länder“ wie etwa Greater London (8 Millionen Einwohner!) aufteilen könnte –, so wäre die Debatte in Schottland vielleicht ohnehin ganz anders verlaufen.

Denn es ist ja zweifellos so, dass es Gebiete gibt, wie Verteidigung oder das Privatrecht, in denen eine größere Einheit viele Vorteile bietet und Kosten senkt; und andere, in denen unterschiedliche regionale Bedürfnisse regionale Lösungen erfordern. Nur, wenn diese Kompetenzaufteilung sinnvoll erfolgt, ist man wirklich „better together“.

[Update] Salmond ist mittlerweile tatsächlich zurückgetreten. Respekt! Dass er allerdings auswählen lässt, welche Journalisten überhaupt zu seiner Abschiedspressekonferenz kommen dürfen: Kein Respekt.

Französische Kolonie — schlechte Schulbildung?

„Wer nicht weiß, woher er kommt, kann auch nicht wissen, wohin er geht, weil er nicht weiß, wo er steht.“
— Otto von Habsburg

Die vorangegangenen Jahrhunderte formen und bestimmen die Gegenwart viel stärker, als man in unserer jetzt-verliebten Zeit gerne annimmt. Ein Beispiel dafür erleben wir jetzt in der Ukraine. Ein anderes haben Denis Cogneau und Alexander Moradi für Afrika erforscht: Wie die Entscheidung, ob ein Land britisch oder französisch kolonialisiert wurde, bis heute auf die Schulbildung der Bevölkerung wirkt.

Die britische Kolonialverwaltung hat den Aufbau von Schulen außerhalb traditionell islamischer Gebiete weitgehend christlichen Missionsgesellschaften überlassen, die in der Volksschule den Unterricht in einheimischen Sprachen abhielten. Die französische Kolonialverwaltung dagegen sah Bildung als integralen Motor der Identifikation der Kolonialbevölkerung mit Frankreich, setzte Französisch als einzige Unterrichtssprache fest und versuchte schon auf Grund des in Frankreich propagierten Laizismus, ein Netz staatlicher Schulen zu errichten.

Das Ergebnis ist angesichts beschränkter staatlicher Ressourcen allerdings anders ausgefallen, als es die Franzosen gedacht haben. Das flexible britische Modell führte schon zu Kolonialzeiten zu höherer Schuldichte und stärkerem Schulbesuch als das französische, und dieser Effekt wirkt bis heute nach. Nun könnte man einwenden, dass für die Unterschiede weniger der Kolonialherr als andere Umstände (z.B. Klima, Kultur, …) verantwortlich wären. Das lässt sich an Hand des Falles Togo allerdings gut untersuchen. Denn die deutsche Kolonie Togo wurde im Ersten Weltkrieg in einen französischen und einen britischen Teil gespalten, in denen sich die Unterschiede im Bildungssystem bald manifestierten: Viele Missionsschulen im südlichen Teil der britischen Kolonie, wenige staatliche Schulen im französischen Togo, die dafür übers ganze Land verteilt waren.

Iran: Verzögerte Aufrüstung als Abrüstungserfolg

Thomas Vieregge bringt in der in der „Presse“ das Problem mit dem Iran-Deal unabsichtlich auf den Punkt: „Israel schwebte für den Iran ein Modell à la Libyen und nicht à la Nordkorea vor – die komplette Aufgabe des Atomprogramms, wie sie Muammar al-Gaddafi vor zehn Jahren vorexerziert hatte. Barack Obama muss nun mit Engelszungen auf Benjamin Netanjahu, seinen ungeliebten Partner auf israelischer Seite, einreden, um dessen Misstrauen zu überwinden. Worte allein werden den aufgebrachten Premier nicht von der wundersamen Wandlung des Regimes überzeugen, das Israel seit jeher mit Auslöschung droht.“

Das Modell á la Nordkorea endete bekanntlich mit dem Aufstieg des Landes zur Atomwaffenmacht und machte das dortige Regime unangreifbar. Ähnlich sieht der Iran die Atombombe wohl als Rückversicherung. Und hier rächt sich auch die Libyen-Politik USA, Großbritanniens und Frankreichs: Denn Gaddafis Entgegenkommen in Sachen Atomwaffen machte seine Absetzung leichter, wurde im Endergebnis nicht honoriert und hat sich damit als schwerer Fehler des Diktators erwiesen. Die Iraner haben sich das sicher gut gemerkt und wissen: Wer wirklich abrüstet, ist selbst schuld.

Mit der Genfer Einigung wird wohl das regionale Wettrüsten weitergetrieben. Schon will sich auch Saudi-Arabien Atombomben verschaffen, in dem sie im Falle des Falles einfach aus Pakistan angekauft werden. Mit dieser Information haben wiederum die Iraner noch einen Anreiz weniger, auf ihr eigenens Programm zu verzichten.

Faktum ist: Umso mehr Länder Atombomben besitzen, umso größer die Gefahr, dass sie auch eingesetzt werden. Die jetzige Einigung scheint nach bisherigen Erfahrungen de facto eine reine Verzögerung, keine Verhinderung der Atomwaffenfähigkeit des Iran zu bedeuten. Und ist daher ein Signal an die andere Mächte der Region, dass sie ein eigenes Atomwaffenarsenal aufbauen oder ausbauen sollten. Was gibt es schöneres als einen Nahen Osten voller Atombomben?

Für einen differenzierten Blick sei auch der Kommentar von Andreas Ross in der FAZ empfohlen.

C.S. Lewis: Zum 50. Todestag

Am 22. November 1963 starb der Schriftsteller C.S. Lewis, dessen Werke bis heute im englischsprachigen Raum gerne gelesen werden und bei uns in den letzten Jahren wieder größere Verbreitung finden.

Dazu trägt der anhaltende Zauber seiner „Narnia“-Reihe bei, die charmante Bosheit der „Dienstanweisung an einen Unterteufel“ oder die anhaltende Kraft seiner Glaubensschriften, wie „Christentum schlechthin“.

Interessanterweise stammen alle literarischen Texte von Lewis’, die heute noch gerne gelesen werden, aus der Zeit nach seiner Konversion zum christlichen Glauben. Und der Glaube ist auch in vielen thematisch eingewoben, wird wiederholt allegorisch verarbeitet. Was Lewis übrigens in Konflikt mit seinem Kollegen J.R.R. Tolkien brachte, der die Verwendung von Allegorien ablehnte.

Tolkien und er waren in mehrfacher Hinsicht Kollegen. Lewis arbeitete als Literaturwissenschafter am Magdalen College (Oxford) und erhielt 1954 einen Lehrstuhl für Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge. Tolkien war seit 1925 Professor für Angelsächsisch am St. John’s College (Oxford), 1945 erhielt er eine Professur für englische Sprache und Literatur am Merton College (Oxford). Beide waren auch Mitglied der „Inklings“, einer Runde, in der viel über Literatur gesprochen und die neuesten Werke der Teilnehmer vorgelesen wurden.

Ein berührender Teil seiner Lebens ist seine Ehe mit der Schriftstellerin Joy Davidman, mit der er 1956 zunächst eine staatsrechtliche Verbindung einging, damit sie mit ihren Kindern eine Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien erhalten würde. Doch aus dieser Zweckgemeinschaft, in die Lewis freilich durch seine Freundschaft mit Davidman geraten war, wurde mehr.

Schließlich heiratete er die mittlerweile schwer an Krebs erkrankte Frau 1957 im Krankenhaus; völlig überraschend erholte sich Joy wieder. Die beiden konnten schließlich sogar gemeinsame Reisen unternehmen. Schließlich siegte aber die Erkrankung und sie starb 1960 mit 45 Jahren. In einer freien Form wird diese Geschichte im Film „Shadowlands“ mit Anthony Hopkins und Debra Winger nachgezeichnet. Lewis selbst hat den Verlust seiner Ehefrau in einem ursprünglich pseudonym veröffentlichten Werk verarbeitet, „Über die Trauer“. Der englische Titel ist nicht so allgemein: „A Grief Observed“.

Drei Jahre nach seiner Frau stirbt auch C.S. Lewis.

Wer mehr über ihn wissen will, kann dazu zum Beispiel die deutschsprachige Website cs-lewis.de aufsuchen, das Webangebot der C.S. Lewis-Stiftung oder das der Oxforder C.S. Lewis-Gesellschaft.

Update: In der Westminster Abbey wurde an diesem 50. Todestag eine Gedenktafel für C.S. Lewis im sogenannten „Poet’s Corner“ angebracht, in dem schon andere Größen angelsächsischer Literatur wie Charles Dickens und Samuel Johnson geehrt wurden. Hauptredner war kein geringerer als der emeritierte anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, der selbst auch schriftstellerisch tätig ist.