Hat die EZB Irland in den Rettungsschirm getrieben?

Irland wird heute gerne als Musterknabe der Länder hergezeigt, die in der Krise unter den Rettungsschirm flüchten mussten. Trotzdem war die Krise für Irland ein enormer Einschnitt. So sank die Wirtschaftsleistung zu laufenden Preisen 2008 um 5%, 2009 um 10%, und hat bis heute das Vorkrisenniveau nicht mehr erreicht. Bereinigt man um die Inflation, dann sieht es noch düsterer aus.

Daher stößt ein Brief des damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet an den dortigen Finanzminister in Irland auf großes Interesse, der nun aufgetaucht ist: Schreibt doch Jean-Claude Trichet darin klipp und klar, dass die irische Notenbank den Banken nur dann weiterhin Liquidität zur Verfügung stellen dürfe, wenn Irland Staatshilfe akzeptiert, seine Banken mit diesen Mitteln auffängt und rekapitalisiert und alle Liquiditätshilfen der Notenbank staatlich garantiert.

Die Aufregung in Irland war groß genug, dass die EZB nun diesen Brief und weitere Unterlagen veröffentlicht hat, um den Vorwurf zu entkräften, die EZB habe Irland in den Rettungsschirm gezwungen. Der Eindruck ändert sich allerdings durch das Studium der übrigen Briefe nicht.

Es ist aber der EZB auch nicht übelzunehmen, dass sie einen Missbrauch des Instruments der Notfalliqudität ELA gesehen hat. Mittels ELA kann eine EZB-Nationalbank einer illiquiden, aber mit Eigenkapital ausgestatteten Bank vorübergehend Mittel gegen geeignete Sicherheiten gewähren. In Irland wurden damit aber über Monate hinweg Banken mit enormer Schieflage am Leben erhalten.

Der Kardinalfehler Irlands war jedoch nicht die Annahme des Bailouts, sondern die allgemeine staatliche Garantie für Bankeinlagen, Pfandbriefe, vorrangige Schulden und ältere nachrangige Schulden bei sechs irischen Finanzinstutionen. Die damit verbundenen Kapitalflüsse an die betroffenen irischen Banken waren von Irland so oder so nicht zu stemmen. Freilich hat die EZB in der Folge Versuche Irlands blockiert, diese Bürde zu mildern, weil ein Dominoeffekt für das europäische Bankensystem befürchtet wurde. Das wurde von Trichet auch ziemlich deutlich angesprochen.

Man kann zu Gunsten der EZB konzedieren, dass im Moment viele Angst vor einem Kollaps des Finanzsystems hatten. Und: So leicht, wie sich das viele vorstellen, ist eine Bankenpleite nicht abzuwickeln. Unzählige Zahlungsströme können davon betroffen sein, von kurzfristigen Kreditlinien zur Unternehmensfinanzierung bis zum Gehaltskonto. Bei einem ordentlich abgewickelter Konkurs können viele dieser Beträge auf Monate hin eingefroren sein, bis man sich ein Bild der Lage gemacht hat. Wenn die größten Banken eines Landes, vielleicht sogar mehrerer Länder betroffen sind, kann das auch für viele Menschen außerhalb des Finanzsystems katastrophale Folgen haben.

Es bleibt aber dabei: Die EZB hat Irland „ein Angebot gemacht, das es nicht ablehnen konnte“. Vielleicht war es in diesem Moment die richtige Strategie; es ist aber unseriös, wenn die EZB jede Verantwortung abstreitet.

Hinweis dank Dominik Meisinger:

Irland: Austerität ist hier das falsche Thema

Irland gilt als der Musterschüler unter den Krisenländern der Eurozone. Es konnte nach großen Sparanstrengungen den Rettungsschirm als erstes Land verlassen. Anders als etwa in Portugal oder Griechenland gab es über die prinzipielle Notwendigkeit der Sparpolitik auch einen weitgehenden nationalen Konsens.

Jetzt wird mancherort angeführt, die irische Erfahrung beweise, dass der Rettungsschirm und eine konsequente Sparpolitik funktioniere. Andernorts wird mit Verve das Gegenteil behauptet. Angesichts der irischen Zahlen sind beide Interpretationen möglich.

Nur ein paar Daten von Eurostat: Der öffentliche Schuldenstand Irlands ist von 24,9% des BIPs im Jahr 2007 in drei Jahren auf 104,1% des BIPs gestiegen und hat 2012 bereits 117,4% betragen. Das Defizit soll heuer aber bereits Maastricht-konform sein. Die Zahl der Beschäftigten ist von 1,77 Millionen im 1. Quartal 2008 auf 1,51 Mio. im 1. Quartal 2013 gesunken. Im gleichen Teitraum ist der durchschnittliche Bruttowochenlohn von 704 auf 676 Euro zurückgegangen. Typisches Zeichen einer „realen Abwertung“. Der Anteil der Arbeitslosen 15-24jährigen an ihrer Alterskohorte hat sich auf 12,3% mehr als verdoppelt. Der private Schuldenstand ist dank schrumpfender Wirtschaftsleistung und dem Versuch, Einkommensausfälle zu glätten, von 218,6% im Jahr 2007 auf über 300% des BIP gestiegen.

US-Ökonom Tyler Cowen hält die jetzige Debatte über den Erfolg der Austerität aber für einen schweren logischen Fehler: Denn das auslösende Moment der irischen Krise sei ja die unbegrenzte Garantie von Schulden irischer Banken durch den Staat gewesen. Sobald sich der Staat zur Übernahme dieser Verpflichtungen bereiterklärt hat, war eine einschneidende Sparpolitik die einzig logische Folge. Selbst die Frage, wie rasch man einsparen sollte, beantwortete sich angesichts steigender Refinanzierungskosten des Staates dann von selbst.

Cowen hat meiner Meinung nach völlig recht: Anders als bei über Jahre wachsenden Staatsschulden war es hier im wesentlichen eine einzige politische Entscheidung, die Irland tief verschuldet hat und eine rigide Sparpolitik notwendig gemacht hat. Daher ist eine Debatte, ob die irische Sparpolitik erfolgreich war oder nicht, verfehlt, die nicht das singuläre Ereignis berücksichtigt, ohne die es diese Politik nicht gegeben hätte. Sie war insofern erfolgreich, als Irland es geschafft hat, die gewaltige Verpflichtung, die es eingegangen ist, irgendwie zu stemmen, und damit ihr Hauptziel auch erreicht. Über Sinn und Unsinn fiskalpolitischer Vorsicht und einer Austeritätspolitik sagt es aber wenig.

C.S. Lewis: Zum 50. Todestag

Am 22. November 1963 starb der Schriftsteller C.S. Lewis, dessen Werke bis heute im englischsprachigen Raum gerne gelesen werden und bei uns in den letzten Jahren wieder größere Verbreitung finden.

Dazu trägt der anhaltende Zauber seiner „Narnia“-Reihe bei, die charmante Bosheit der „Dienstanweisung an einen Unterteufel“ oder die anhaltende Kraft seiner Glaubensschriften, wie „Christentum schlechthin“.

Interessanterweise stammen alle literarischen Texte von Lewis’, die heute noch gerne gelesen werden, aus der Zeit nach seiner Konversion zum christlichen Glauben. Und der Glaube ist auch in vielen thematisch eingewoben, wird wiederholt allegorisch verarbeitet. Was Lewis übrigens in Konflikt mit seinem Kollegen J.R.R. Tolkien brachte, der die Verwendung von Allegorien ablehnte.

Tolkien und er waren in mehrfacher Hinsicht Kollegen. Lewis arbeitete als Literaturwissenschafter am Magdalen College (Oxford) und erhielt 1954 einen Lehrstuhl für Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge. Tolkien war seit 1925 Professor für Angelsächsisch am St. John’s College (Oxford), 1945 erhielt er eine Professur für englische Sprache und Literatur am Merton College (Oxford). Beide waren auch Mitglied der „Inklings“, einer Runde, in der viel über Literatur gesprochen und die neuesten Werke der Teilnehmer vorgelesen wurden.

Ein berührender Teil seiner Lebens ist seine Ehe mit der Schriftstellerin Joy Davidman, mit der er 1956 zunächst eine staatsrechtliche Verbindung einging, damit sie mit ihren Kindern eine Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien erhalten würde. Doch aus dieser Zweckgemeinschaft, in die Lewis freilich durch seine Freundschaft mit Davidman geraten war, wurde mehr.

Schließlich heiratete er die mittlerweile schwer an Krebs erkrankte Frau 1957 im Krankenhaus; völlig überraschend erholte sich Joy wieder. Die beiden konnten schließlich sogar gemeinsame Reisen unternehmen. Schließlich siegte aber die Erkrankung und sie starb 1960 mit 45 Jahren. In einer freien Form wird diese Geschichte im Film „Shadowlands“ mit Anthony Hopkins und Debra Winger nachgezeichnet. Lewis selbst hat den Verlust seiner Ehefrau in einem ursprünglich pseudonym veröffentlichten Werk verarbeitet, „Über die Trauer“. Der englische Titel ist nicht so allgemein: „A Grief Observed“.

Drei Jahre nach seiner Frau stirbt auch C.S. Lewis.

Wer mehr über ihn wissen will, kann dazu zum Beispiel die deutschsprachige Website cs-lewis.de aufsuchen, das Webangebot der C.S. Lewis-Stiftung oder das der Oxforder C.S. Lewis-Gesellschaft.

Update: In der Westminster Abbey wurde an diesem 50. Todestag eine Gedenktafel für C.S. Lewis im sogenannten „Poet’s Corner“ angebracht, in dem schon andere Größen angelsächsischer Literatur wie Charles Dickens und Samuel Johnson geehrt wurden. Hauptredner war kein geringerer als der emeritierte anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, der selbst auch schriftstellerisch tätig ist.

Hat Halloween einen katholischen Kern?

Halloween ist in Österreich in den letzten Jahren immer populärer geworden. Dazu hat einerseits die wirkmächtige US-Populärkultur beigetragen – was wären etwa die „Simpsons“ ohne ihre Halloween-Folgen –, andererseits das handfeste wirtschaftliche Interesse, das sich mit einem weiteren Fest im Jahreskalender verbindet. Da Elemente des „wohligen Schauers“ heutzutage überwiegen und gerne diverse Horrorfilme als Vorlage für Halloween-Kostüme herhalten, ist der Ursprung dieser Festivität aber weitgehend in Vergessenheit geraten und durch moderne Folklore ersetzt worden.

Halloween ist in den späteren Vereinigten Staaten wohl als Amalgam irischer und französischer Bräuche entstanden, die sich jeweils um das katholische Festdoppel von Allerheiligen und Allerseelen, das ja in dieser Form erst seit 998 existiert, gruppiert haben. Augustine Thompson beschreibt das in einem Artikel auf beliefnet.com recht ausführlich.

Wie ich letztes Jahr bereits geschrieben habe, ist die allgemeine Verbreitung des Allerheiligentermins vom 1. November eine angelsächsisch-fränkisch-römische Koproduktion, während die Iren dafür ursprünglich einen anderen Termin vorgesehen hatten. Als unter Kaiser Ludwig dem Frommen im Jahr 835 das Fest für das ganze Frankenreich proklamiert wurde, setzte es sich bald in der gesamten katholischen Kirche durch, so schließlich auch in Irland. Doch der Bezug zu den Verstorbenen im allgemeinen wurde erst durch Odilo von Cluny hergestellt, der in Cluny ein Allerseelenfest für den 2. November einführte; ähnliche Feste waren vorher regional zu unterschiedlichen Zeiten begangen worden.

In Irland soll sich nach dem Einzug des cluniazensischen Festes eine Vorfeier der Seelen eingebürgert haben, an die man weder zu Allerheiligen noch zu Allerseelen denkt. In Frankreich wiederum hatten sich im Zuge der Großen Pest makabre Verkleidungen für Allerseelen durchgesetzt, ähnlich dem Totentanz. In früheren Zeiten waren ausgelassene Feste eng mit kirchlichen Feiertagen verbunden, und das memento mori oft mit einem Sinnesrausch auf Erden verknüpft. Die irischen und französischen Bräuche wurden von katholischen Auswanderern in die USA mitgebracht, wo sie sich mit englischem Brauchtum vermischt haben. Ein Grund mehr, warum Robert Barron betont, dass das US-Brauchtum rund um Halloween einen katholischen Kern habe.

Das Element des „trick or treat“ könnte vielleicht auf den mittlerweile verschwundenen englischen Brauch zurückgehen, dass Kinder zum „Guy-Fawkes-Day“ von Haus zu Haus zogen um einen „penny for the Guy“ zu erfragen. Es soll auch einen dunkleren Hintergrund in der Auspressung bekannter Dissidenten – also Menschen, die nicht der anglikanischen Staatskirche zugehörten – haben, die also in der Nacht des Guy-Fawkes-Day vor die Wahl gestellt wurden, etwas herzugeben oder übel zugerichtet zu werden.

Wahrscheinlicher ist aber, dass der ausufernde Halloween-Vandalismus in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Idee führte, durch das geordnete, gemeinsame Sammeln von kleinen Zuwendungen die Energie der Kinder und Jugendlichen zu bündeln. Nach einer Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg wurde der organisierte Halloween-Zug der Kinder in der Nachkriegszeit schließlich zum durchschlagenden Erfolg in den USA.

Die Hexen und andere Zauberwesen kamen übrigens erst in der Publizistik des 19. Jahrhunderts zu Halloween dazu, als man interessante Postkarten- und Illustrationsmotive suchte.

Barron erzählt auch, woher die Idee kommt, Halloween in die Nähe des Heidentums zu rücken: Aus dem Konflikt zwischen protestantischen und katholischen Gläubigen in England und später den USA. Wie er schreibt:

The Protestant reformers were concerned about the practices of medieval Christianity that to them seemed contrary to what they believed the Church should be. They knew that these practices had clear precedents in the history of the Church, but insisted that they represented a corruption of the original form of Christianity that had become degraded over time. The degradation was explained as a regression into cultural forms that the Protestants described as pagan.

Ausschweifende Bräuche waren rund um das aus protestantischem Verständnis her sinnlose Fest Allerheiligen natürlich suspekt – man erklärte die Wurzeln des Fests daher für heidnisch, um im Umkehrschluss zu zeigen, dass sich ein braver Christenmensch daran nicht beteiligen sollte. Mit dem letzten Teil sind sie freilich nicht sehr erfolgreich gewesen.

Berndnaut Smilde: Wenn der Himmel in der Erde gefangen ist

Nimbus II – eine Wolke in einer Kapelle (Berdnaut Smilde; Photo: Cassander Eeftinck Schattenkerk)

Nimbus II (Berdnaut Smilde; Photo: Cassander Eeftinck Schattenkerk)

Der niederländische Künstler Berndnaut Smilde betrachtet sorgsam die Welt um sich, um dann Begegnungen zu schaffen, die einerseits raffiniert konstruiert sind, andererseits auf den notwendigen Lauf der Dinge hinweisen. So hat er im HotelMariaKapel, einem Ausstellungsort in einem ehemaligen Waisenhaus mit Kapelle, am 23. Februar dieses Jahres für wenige Minuten mit Rauch, Dampf und Lichteffekten eine Wolke in den Raum gestellt, eine flüchtige Skulptur, die surreal anmutet, und doch dabei Realität zeigt. Das Photo hat Cassander Eeftinck Schattenkerk geschossen, der selbst mit seinen Photographien wundersame Reisen durch das Baugerüst der Welt unternimmt.

Smilde hat schon 2011 für Project Probe einen Wolkenraum ersonnen, bei dem er auf Grund der Vorgaben des Ausstellungsortes den Raum aus neun Perspektiven photographieren ließ – was auch neun Wolken bedeutet hat. Smilde erklärt seine Motivation für Nimbus I bei Project Probe so:

Ich habe mir vorgestellt, ich spaziere in den Raum eines Museums, nur mit leeren Wänden. Der Ort schaut eigentlich verlassen aus. Auf der einen Seite wollte ich eine ominöse Situation schaffen. Man könnte die Wolke als Zeichen des Unglücks sehen. Man könnte sie aber auch als Element aus einem niederländischen Landschaftsbild in physischer Form in einem klassischen Ausstellungsraum sehen. Gleichzeitig wollte ich einmal ein sehr klares Bild schaffen, eine fast cliché- und comicartige Visualisierung des Pechhabens: ,Tatsächlich ist nichts hier und Mist! Es fängt zu regnen an!‘

Hier noch eine andere auch über das Internet leicht zugängliche Idee Smildes, bei der er mit Google Street View spielt und einen Stadl eines Ortes in den USA in einem namensgleichen irischen Ort an einem sorgfältig ausgewählten Platz nachstellt, in den Googles Fahrzeuge noch nicht gekommen waren, damit in beiden Orten ein gleiches Haus steht:

Berdnaut Smilde: Until Askeaton has Street View – eine Attrappe an der Hauptstraße imitiert ein Bauwerk einer namensgleichen Ortschaft

Berdnaut Smilde: Until Askeaton has Street View

Warum heimische Banken wichtig sind

Warum ist es eigentlich vielen so wichtig, daß es heimische Banken gibt? Oder ist es bloß eine Ausrede? In Irland etwa lag der Verdacht nahe, daß die Banken wegen der großen Nähe der Spitzen der Finanzinstitute zu denen der Politik so großzügig gerettet werden sollten, daß schließlich der ganze Staat an den Rande des Bankrotts geriet.

Doch gerade in Krisensituationen beginnt ein anderer Mechanismus zu wirken, wie Andrea F. Presbitero, Gregory F. Udell und Alberto Zazzaro in einem neuen Paper festgestellt haben: Wenn die Lage unsicher wird und die Banken erhebliche Risken für ihre Liquidität oder sogar Solvenz sehen, dann wird die Kreditvergabe der Banken, die in mehreren Märkten tätig sind, zuerst abseits des Heimmarkts restriktiv. Wie es die Autoren prägnant formulieren:

Functionally distant banks shy away from lending in provinces which are at a distance from their headquarters irrespective of borrowers’ characteristics.

Die Leitung der Banken ist doch am besten über die Lage im eigenen Umfeld informiert, und kann die Risken dort auch besser einschätzen. Daher werden dort auch dann noch Kredite vergeben, wenn man überall sonst schon die Kreditlinien gekappt hat. Dieser Rückzug auf die Heimmärkte ist derzeit überall zu beobachten, und wird in Österreich sogar von der Finanzmarktaufsicht (FMA) verordnet, womit sich Österreich in Mitteleuropa wohl nicht gerade beliebter machen wird. So gesehen ist es für Irland vielleicht ganz vernünftig, dafür zu sorgen, daß es zumindest einige heimische Finanzinstitute gibt. Ob man deswegen gleich den Staatsbankrott riskieren soll, ist aber eine andere Geschichte.

Die verhängnisvolle Nähe zur weltlichen Macht

In Irland werden die Angriffe auf die katholische Kirche schriller, bis zum bizarren und menschenrechtswidrigen Vorschlag des irischen Ministerpräsidenten, das Beichtgeheimnis de facto abzuschaffen. George Weigel analysiert die Situation im National Review, und kommt dabei zu dem Schluß, dass gerade die frühere enge Verbindung des Klerus mit der Staatsmacht in Ländern wie Irland, Spanien und Portugal innerlich und äußerlich die jetzige Situation herbeigeführt oder zumindest verschärft hat:

[…] Dann kam die Flut: Die Flut des Zweiten Vatikanums, die Flut, die Europäer als „1968“ bezeichnen, und die Flucht der „Stillen Revolution“ in la Belle Province [Québec]. Einmal durchbrochen, bröckelten Befestigungen des gegenreformatorischen Katholizismus in Spanien, Portugal, Québec und Irland rasch. Und ohne die geistigen Quellen, um den Sturmfluten des Säkularismus zu widerstehen, drehten sich diese einst hyperkatholischen Länder um 180 Grad, in dem sie einen beschleunigten Kurs radikaler Säkularisierung einschlugen, der jetzt in jedem dieser Länder Christophobie zu einem ernsten Problem gemacht hat: Nicht einfache Indifferenz gegenüber der Kirche, sondern aktive Feindseligkeit ihr gegenüber, die sich nicht selten in einer [den Glauben] einschränkenden Staatsmacht ausdrückt.

Das ist daher die unverblümte Tatsache, der sich Bischöfe, Priester und katholische Laien ins Auge sehen müssen, wenn sie die Kirche des Zweiten Vatikanums, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – die Kirche der Neuevangelisierung – aus den Trümmern der jüngsten irischen Vergangenheit heraus aufbauen wollen: In Irland, wie in den anderen drei Fällen, verstärkte die Nähe der Kirche zur weltlichen Macht innere Muster des Klerikalismus und mangelnder Verantwortung, die junge Menschen gefährdet haben, die die Verkündigung des Evangeliums behindert haben und die die Kirche in diesen Länder zur leichten Beute für säkulare kulturelle (und politische) Wölfe werden ließen, als diese auf der Bildfläche erschienen.

Er schlägt dann vor, das komplette irische Episkopat auszutauschen, und dabei auch auf ausländische Bischöfe zurückzugreifen, die eben nicht aus den irischen Strukturen stammen. Zu viel sei hier beschädigt, um eine Erneuerung nur von innen heraus zu bewerkstelligen.

Griechenland zwischen Skylla und Charybdis

„Greece’s Choices in Debt Crisis Are All Daunting“, betitelt der US-Ökonom Tyler Cowen seinen Essay zur Griechenland-Krise in der New York Times. Cowen bietet einen kühlen Blick von außen, und benennt die allesamt unschönen Alternativen beim Namen. Zum Beispiel:

If you are a euro optimist, you might believe that the day of reckoning for Greece will be stalled long enough for Portugal, Ireland, Spain and possibly Italy and Belgium to recapitalize their banks and trim their government budgets You might believe that of the Greeks will eventually default, but that by the time the contagion effects are checked, the Greeks will have pulled in some aid, and the global impact will be a mere hiccup instead of a new financial crisis. But that still will leave Greece with no clear economic path forward. For a best-case scenario, that’s not very good.

If you are a pessimist, you might see such a response as an unworkable plan of naïve technocrats. Here’s your line of reasoning: At some point along the way, democracy is likely to intervene: either Greek voters will refuse further austerity and foreign domination, or voters from northern Europe will send a clear electoral message that they don’t support bailouts. And there’s a good chance one or both of those events will happen before a broader European bank recapitalization can be achieved.If you are a euro optimist, you might believe that the day of reckoning for Greece will be stalled long enough for Portugal, Ireland, Spain and possibly Italy and Belgium to recapitalize their banks and trim their government budgets. You might believe that of the Greeks will eventually default, but that by the time the contagion effects are checked, the Greeks will have pulled in some aid, and the global impact will be a mere hiccup instead of a new financial crisis. But that still will leave Greece with no clear economic path forward. For a best-case scenario, that’s not very good.

If you are a pessimist, you might see such a response as an unworkable plan of naïve technocrats. Here’s your line of reasoning: At some point along the way, democracy is likely to intervene: either Greek voters will refuse further austerity and foreign domination, or voters from northern Europe will send a clear electoral message that they don’t support bailouts. And there’s a good chance one or both of those events will happen before a broader European bank recapitalization can be achieved. […] In the meantime, who wants to put extra capital into those ailing Irish, Portuguese, and Spanish banks anyway? In an even bleaker scenario, bank recapitalization won’t be realized anytime soon and those same economies will show few signs of growing out of their debts. A broader financial crash will result, and it won’t be contained by an easily affordable bailout.

Kurz und anschaulich auf den Punkt gebracht. Trotzdem denke ich, dass eine Spielart des ersten Szenarios noch unsere beste Chance ist, halbwegs heil aus dem Schlamassel zu kommen. Eine Chance, die allerdings täglich kleiner wird.

Der irische Zug fährt gegen die Wand

Irland, einst ein Land mit soliden Staatsfinanzen, wies im Zuge der Wirtschaftskrise im allgemeinen und der Bankenrettung im besonderen 2009 ein Defizit von etwa 14% der Wirtschaftsleistung, 2010 von rund 32% der Wirtschaftsleistung auf. Ohne teilweisen Schuldenerlass und ein Ende der staatlichen Haftungen für irische Banken wird Irland in kürze bankrott sein. Und trotzdem sind wesentliche Kräfte, von der EZB inklusive dem irischen Notenbank-Gouverneur über die EU-Kommission bis zur USA (!) nicht bereit, Irland einen Ausweg aus der Schuldenkrise zu öffnen. Warum, beschreibt der irische Ökonom Morgan Kelly in einem Artikel, der mit viel Herzblut geschrieben worden ist. Ein Auszug:

The one thing you need to understand about the Irish bailout is that it had nothing to do with repairing Ireland’s finances enough to allow the Irish Government to start borrowing again in the bond markets at reasonable rates: what people ordinarily think of a bailout as doing.

The finances of the Irish Government are like a bucket with a large hole in the form of the banking system. While any half-serious rescue would have focused on plugging this hole, the agreed bailout ostentatiously ignored the banks, except for reiterating the ECB-Honohan view that their losses would be borne by Irish taxpayers. Try to imagine the Bank of England’s insisting that Northern Rock be rescued by Newcastle City Council and you have some idea of how seriously the ECB expects the Irish bailout to work.

Instead, the sole purpose of the Irish bailout was to frighten the Spanish into line with a vivid demonstration that EU rescues are not for the faint-hearted. And the ECB plan, so far anyway, has worked. Given a choice between being strung up like Ireland – an object of international ridicule, paying exorbitant rates on bailout funds, its government ministers answerable to a Hungarian university lecturer – or mending their ways, the Spanish have understandably chosen the latter.

Passend dazu hier ein Beitrag von John Whittaker (Universität von Lancaster) über die massiven Mittel aus dem System europäischer Zentralbanken, die nach Irland insbesondere zur Bankenrettung gepumpt wurde. Hier ein Kommentar von Kevin O’Rourke, dass die EZB einen späteren Staatsbankrott Irlands einem jetzigen Bankenbankrott offenbar vorzieht, und damit alle Sparbemühungen ad absurdum führt. Auch für Griechenland gibt es übrigens gerade durch die diversen Rettungspakete momentan keinen Pfad aus der Schuldenmisere; offenbar spielt man aber noch auf Zeit.

Ein finsteres Kirchenkomplott

Wenn es um die Kirche geht, gibt es in den Medien einige einfache Stereotypen, die liebevoll gepflegt werden. Einer davon ist die mächtige, verbrecherische Kirche, die alles tut, um ihr scheußliches Treiben zu vertuschen. Wichtig dabei ist, die Kollektivschuld der Katholiken zu betonen (Alles ein Bund Hadern!), und weitere finstere Komplotte anzudeuten.

So wieder einmal geschehen in der Kleinen Zeitung und der Presse, die sich auf Agenturberichte über eine irische TV-Dokumentation stützten, die angeblich beweisen soll, dass die Kirchenführung in Rom die Aufklärung des Missbrauchsskandals in Irland behindert haben soll. Der Vatikan reagierte diesmal schnell – die Geschichte war ja nicht wirklich neu – und stellte klar:

Absicht der Kirchenspitze sei es damals gewesen, dass die irischen Bischöfe sich präzise an die Vorgaben des Kirchenrechts halten. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass Täter im Klerus oder unter kirchlichen Beschäftigten keine Handhabe bekämen, einer Kirchenstrafe zu entgehen.

Diese Sicht wird auch durch das inkriminierte Dokument selbst gestützt, dessen entscheidende Stellen man hier inklusive ausführlichem Kommentar und Auszügen aus dem Text der irischen Bischofskonferenz, auf den sich der Brief der Kongregation für den Klerus bezieht, lesen kann. In gewisser Weise möchte ich aber die Zeitungen bei ihrer Entstellung der Sache in Schutz nehmen, denn das irische Staatsfernsehen kampagnisiert schon seit einiger Zeit gegen die Kirche, was einem Agenturredakteur nicht unbedingt bekannt ist, schließlich steht das irische Staatsfernsehen nicht wirklich im Zentrum des weltweiten medialen Interesses.

(Dank an Sensuum Defectui)