Manchester

Anschläge wie das Bombenattentat in Manchester oder das Lastwagenattentat in Berlin zeigen die Verwundbarkeit unseres täglichen Lebens. Das sollen sie wohl auch.

Unerträglich, dass es Leute gibt, die so voll Menschenhass und so viel Todesliebe sind, dass sie die Menschen vor sich, um sich einfach töten. Die sich am Schmerz der Freunde, den Todesschreien der Opfer erfreuen. Der Zyniker in mir wendet ein, dass das freilich keine Neuigkeit ist — siehe nur das noch gut in Erinnerung bleibende Morden in Ruanda oder in Bosnien, oder die Gräuel des Syrienkriegs. Aber das scheint gefühlsmäßig weit weg. Ein Konzert, vielleicht von den eigenen Kindern oder Freunden besucht, das ist ganz nah. Dass es diesmal vor allem viele junge Menschen, z.T. noch Kinder, getroffen hat, die sonst noch so viel vor sich gehabt hätten, ist besonders schmerzvoll.

Unerträglich auch die Worthülsen der Politik. Wenn Theresa May beschwört, dass „unsere Werte siegen werden“, muss man bitter lachen. Gerade in Großbritannien werden die mühsam errungenen bürgerlichen Freiheiten seit Jahren zurückgedrängt, bis zu Plänen einer strikten Internetzensur unter dem Vorwand, extremistische Inhalte und „Fake News“ bekämpfen zu wollen. Oder wenn die „feigen Attacken“ verurteilt werden. Man kann einem Selbstmordattentäter viel unterstellen, aber Feigheit?

Ausgerechnet Donald Trump hat es in seinen Worten wesentlich direkter angesprochen: Es handle sich doch meist um „evil losers“, Versager in ihrem bisherigen Leben, die mit „glorreichen Taten“ einschließlich ihres Selbstmords ihr Scheitern zudecken wollen.

Ein indonesischer Gouverneur als Gotteslästerer? Eher ein Fanal eines wachsenden Islamismus.

Gouverneur Basuki „Ahok“ Tjahaja Purnama (offizielles Bild)

Gouverneur Basuki „Ahok“ Tjahaja Purnama (offizielles Bild)

Das Urteil gegen den Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, wegen Gotteslästerung ist eine Farce. Aber leider eine sehr schmerzhafte: Denn er sitzt nun im Gefängnis, weil er zu zwei Jahre für Blasphemie verurteilt wurde.

Der christliche Politiker mit chinesischen Wurzeln hatte sich 2012 gegen alle Vorurteile bei der Wahl zum Vizegouverneur von Jakarta durchgesetzt. Als sein Listenführer Joko Widodo 2014 Präsident wurde, rückte er nach und galt alsbald ob seiner innovativen, unbestechlichen und volksnahen Amtsführung als populär. Er hatte beste Chancen auf die Wiederwahl zum Gouverneur und errang im ersten Wahlgang bereits 43% und den ersten Platz. Doch mit dem Blasphemie-Verfahren wurden viele Wähler verunsichert, mit gefälschten Videosequenzen gegen ihn aufgehetzt, seine chinesische Abstammung erschien damit plötzlich in noch finstererem Licht. So erreichte er bei der Stichwahl nicht einmal das Ergebnis des ersten Durchgangs.

Eine Falle

Islamistische Proteste gegen Basuki. Foto: Cahaya Maulidian

Islamistische Proteste gegen Basuki. Foto: Cahaya Maulidian

Im Wahlkampf hatte die radikal-islamische Front Pembela Islam des Muhammad Rizieq Shihab gegen Basuki mobilisiert und dabei auch mit Vers 51 der Sure 5 (al-Māʾida) argumentiert: „O ihr Gläubige, nehmet weder Juden noch Christen zu Freunden; denn sie sind nur Einer dem Andern Freund. Wer aber von euch sie zu Freunden nimmt, der ist Einer von ihnen. Wahrlich, ein ungerechtes Volk leitet Gott nicht.“

Dabei wurde argumentiert, dass es nicht bloß Freund, sondern eigentlich Führer heißt. Während man über die Bedeutung des Freundes diskutieren kann, macht die zweite Interpretation für Rizieq Shihab klar, dass ein rechtgläubiger Moslem niemals einen Christen als Gouverneur akzeptieren kann.

Es wird jetzt wenig überraschen, dass Rizieq Shihab den Dschihad-Aufrufen der al-Kaida positiv gegenübersteht, die Durchsetzung einer streng interpretierten Scharia befürwortet und die Errichtung eines weltweiten Kalifats unterstützt.

Basuki hatte nun die Wahl, auf die Kampagne zu reagieren, mit der Gefahr, als Herabwürdiger des Islam dazustehen, oder sie unwidersprochen wirken zu lassen. Er wählte ersteres und erklärte, dass es verständlich sei, wenn manche Menschen ihn nicht wählen würden, weil sie von Gruppen bedroht und irregeführt würden, die den Vers 51 missbrauchten.

Das hat seinen Widersachern genügt. Sie bearbeiteten ein Video der Rede des Gouverneurs so, dass es nach einer Abwertung des Koran klang. Rizieq Shihabs Front Pembela Islam zeigte Basuki wegen Beleidung der Religion an. Die Staatsanwaltschaft schlug — offenbar als Kompromiss für die Islamisten — eine zweijährige Bewährungsstrafe wegen Beleidigung moslemischer Anführer vor. Eine Strafe wegen Blasphemie schien selbst der Anklage nicht gerechtfertigt, da er ja nicht den Koran, sondern lediglich eine bestimmte Interpretation kritisiert hatte.

Den Richtern war das nicht genug. Ahok, wie Gouverneur Basuki auch genannt wird, habe Unruhe gestiftet, den Islam verletzt und moslemische Gruppen gespalten. Offenbar hatten die Islamisten aus Sicht der Richter recht, dass ein Moslem keinen Christen wählen darf, sonst wäre Basukis Kritik ja keine Lästerung des Islam.

Die Globalisierung des Islam

Das hat viel mit der „Globalisierung des Islams“ zu tun. Vor zehn, fünfzehn Jahren wäre das scharfe Urteil in Indonesien noch undenkbar gewesen. Doch mittlerweile werden auch in den Ländern, die bisher einen toleranteren Islam praktiziert haben, enge Auslegungen des Islams Mainstream-Gedankengut. So weit, dass die früher dominanten Auslegungen unter Häresieverdacht stehen.

Das ist in Indonesien, in dem es durchaus große christliche, hinduistische und buddhistische Minderheiten gibt, besonders explosiv.

Mittlerweile sind seit 1999 schon 10.000 Menschen der Gewalt gegen Christen zum Opfer gefallen. Auch die anderen Minderheiten, insbesondere in Westpapua, werden ohne besondere Konsequenzen von islamistischen Banden bedrängt. Durch die höhere Geburtenrate der Moslems, den steigenden Druck durch Terror und Gewalt und die sich ändernde politische Landschaft ist davon auszugehen, dass die Minderheiten bis zur Auslöschung marginalisiert werden.

Das Urteil gegen Bukasi ist ein Fanal für ein immer islamistischeres Indonesien und für weitere Wellen der Gewalt, die vom politischen Islam in Ostasien ausgehen werden.

Terror ist keine Naturgewalt

Der Londoner Bürgermeister twitterte vor vielen Monaten, dass Leben mit Terror untrennbar zu einer Großstadt dazugehöre. Natürlich betonte er, dass man sich darauf vorbereiten müsse, die Sicherheit ausbauen usw., doch ein gewisser Defätismus war da schon herauszuhören.

Nach jedem Terroranschlag, ob nun Stockholm oder — höchstdramatisch — Alexandria und Tanta, wird beschworen, dass die Attentäter ihr Ziel nicht erreichen dürften und alle näher zusammenrücken sollten. Aber man ringt sich selten dazu durch, die Dinge beim Namen zu benennen, und gar nicht, offensiv gegen den Terrorismus vorzugehen.

Im Spectator versucht Douglas Murray gar nicht mehr, der Situation neue Seiten abzugewinnen, weil sich doch alles wiederhole. Ebenso, dass man die Motive der Täter ausblende oder wegrede, wie er anhand der Trauerpredigt für die Opfer von London vorexerziert.

Wie man mit entschlossenem Handeln auch andere Ergebnisse erzielen kann, das kann man nun in Spanien sehen. Dort streckte die baskische Terrororganisation ETA die Waffen: Sie legte ihre letzten Waffenlager offen (zumindest behauptet sie das), ohne dafür eine Generalamnestie erwarten zu dürfen. Durch gründliche Polizei- und Geheimdienstarbeit und internationale Kooperation konnten große Fahndungserfolge erzielt werden; die Finanzquellen der ETA konnten nahezu trockengelegt werden; die Justiz konnte auf Grund entsprechender Regelungen auch die Infrastruktur der ETA zerschlagen.

Nun war der Kampf gegen die ETA nicht einfach, hat lange gedauert und viele Opfer erfordert. Doch offenbar muss man Terror doch nicht einfach als Naturgewalt hinnehmen.

Der Judogriff gegen das Kreuz in der Klasse

Es ist ein verlässliches Muster: Wenn gegen Erscheinungen des Islamismus vorgegangen werden soll, wird das von Teilen der Linken als Judogriff gegen sichtbare christliche Zeichen benutzt. Oft wird das mit der „weltanschaulichen Neutralität“ des „säkularen Staats“ begründet, die eine sichtbare Privilegierung eines Religionssymbols ausschließe. In dieser Argumentation sind mehrere offensichtliche Denkfehler eingebaut.

  1. Ein Staat ist natürlich nie weltanschaulich neutral. Seine ganze Rechtsordnung ist Ausdruck der Wertungen der Personen, die Einfluss auf die Rechtssetzung haben, und daher von bestimmten Weltanschauungen geprägt. Es ist ein heute beliebter Kunstgriff, die eigene Weltanschauung als „weltanschaulich neutral“ darzustellen, quasi als eigentliche Konsenssicht vernünftiger Menschen. Es wird dadurch nicht richtiger.

  2. Die „Säkularisierung“ war Programm für eine Trennung der staatlichen Ordnung von einer christlichen Fundierung. Dies ist aber mit keinem anderen Zweck geschehen als Platz für andere Weltanschauungen zu machen, die den Platz der christlichen Fundierung einnehmen wollten und wollen. Daher ist es kein Zufall, dass z.B. viele prononcierte Sozialisten eine Verdrängung des Christlichen aus dem öffentlichen Raum fordern: Im Kern soll ihre eigene Ideologie an dessen Stelle treten.

  3. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist mehr oder weniger christlich geprägt. Das Kreuz ist Ausdruck dieser weltanschaulichen Prägung, die z.B. für den Begriff der Menschenwürde von entscheidender Bedeutung ist. Das heißt nicht, dass Österreich ein christlicher Staat ist. Aber man kann relativ leicht zeigen, dass in einem genuin marxistisch oder nietzscheanisch oder islamisch geprägten Land viele Gesetze, Regeln und Gewohnheiten anders wären als hier in Österreich.

  4. Daher ist es höchst demokratisch, wenn diese weltanschauliche Mehrheit beschlossen hat, dieser Prägung zeichenhaft Ausdruck zu verleihen.

  5. Die radikale Ideologie des Islamismus steht dagegen weit außerhalb der Wertordnung, die Österreich zur Zeit prägt. Es ist daher kein Widerspruch, Symbole dieser Ideologie zu verbieten, wie auch Symbole anderer radikaler Ideologien verboten werden können. Freilich gilt es hier, sorgfältig abzuwägen, um nicht die Religionsfreiheit zu gefährden, die ein hohes Gut in unserer Rechtsordnung ist.

  6. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass weder alle Religionen noch alle Weltanschauungen in letzter Konsequenz gleich sind. Hans Küng ist mit seinem Projekt „Weltethos“ in ungeheurer Naivität an diesem Irrtum gescheitert. Ideen haben Konsequenzen. Es würde ja auch kaum jemand behaupten, zwischen Rechtsliberalen, Christkonservativen, Altmarxisten, ökologischer Linker und Neonazis bestünde in letzter Konsequenz kein Unterschied und wenn man gegen Neonazis vorgehe, müsse man alle anderen Gruppen auch verbieten.

Solange Österreich ein mehrheitlich christlich geprägtes Land ist, solange hat das Kreuz seinen Platz vor Gericht und in der Klasse. Als Hinweis auf die Wertordnung, Tradition und Überzeugung, die dieses Land und seine Menschen trägt. Kein Zeichen gegen andere, sondern eine Erinnerung u.a. daran, dass die meisten Menschen überzeugt sind, dass es über sie hinaus noch jemanden gibt, dem wir Rechenschaft ablegen sollen, der aber auch in seiner Liebe und Barmherzigkeit eine Gerechtigkeit herstellt, die wir auf Erden nicht herstellen können.

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Charlie Hebdo: Lassen wir die Terroristen ihr Ziel erreichen?

Es ist einfach grauslich, wie viele den Angriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdomadaire“ implizit rechtfertigen. Die Mohammed-Karikaturen seien ja oft recht derb gewesen, geschmacklos. Die Sachen seien schon irgendwie arg gewesen. Hätten Sie es so herausfordern müssen, so die implizite Frage. Hier wurde ein paar Beispiele der Relativierung zusammengetragen.

Ja, viele der Karikaturen waren geschmacklos. (Auch Christen fänden übrigens ausreichend Material, um sich über Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ zu beschweren.) Aber Meinungsfreiheit gehört zu den Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Und die Auslotung der Grenzen dieser Freiheit ist geradezu Aufgabe der Satire! Ja, der Diskurs über diese Grenzen kann in eklatanten Fällen auch vor Gericht geführt werden müssen. Auch die „verletztendste“ Satire kann aber nicht herangezogen werden, um in irgendeiner Form Mord zu rechtfertigen.

Die Opfer des Massakers in Paris, etwa Chefredakteur Stephane Charbonnier oder die Zechner Cabu, Tignous und Wolinski, sind den aufrechten Gang gegangen. Charbonnier hat bekanntlich gemeint, er würde lieber sterben als auf Knien leben. Die Redakteuere haben ihre Aufgabe ernst genommen, sind nicht den leichten Weg des Appeasements gegangen. Vielfach wird ja gerade im Umgang mit dem Islam eine unterwürfige Vorwegzensur vorgenommen, die so weit geht, dass wohl auch so mancher europäischer Moslem dafür kein Verständnis mehr hat.

Ob der feige Angriff der schwerbewaffneten Islamisten auf die höchstens mit Buntstiften bewaffneten Satiriker Erfolg hat, hängt jedenfalls nicht von kurzfristigen Solidaritätsbekundungen ab. Sondern davon, ob die Vorwegzensur noch weiter um sich greift — nicht nur bezüglich des Islams! –, ob vielleicht sogar mittels Hetzparagraphen kritische Stimmen mundtot gemacht werden sollen, oder ob doch gilt, was Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ doziert: Dass es im Kampf gegen die islamistischen Banden kein Zurückweichen geben darf, gerade nicht, was die Freiheit der Presse und der Meinung betrifft.

Es ist aber eher zu befürchten, dass die Wirkung des Anschlags genau diejenige sein wird, die sich die Terroristen gewunschen haben.

Leon de Winter diskutiert ISIS

Der niederländische Schriftsteller Leon de winter hat den modernen Islamismus schon lange als Bedrohung benannt. Den Waffen der Dschihadisten des „Islamischen Staats“ setzt er die Feder entgegen: Im August hat er in der FAZ die Akte der Islamisten als Bruch der zivilisatorischen Beschränkungen, als Freisetzen der inneren Barbarei beschrieben. Menschen, „die sich ganz offen wie Bestien aufführen“, wie er in einem Vergleich mit dem Film „Andrej Rubljow“ formuliert. Nun hat er in der „Welt“ noch eins draufgesetzt und festgestellt: „Die Mörder des IS nehmen Mohammed eben wörtlich.“

Nun ist de Winters Text nicht unproblematisch. Religionshistoriker ist an ihm keiner verlorengegangen. Doch er spricht einen wichtigen Punkt an: Es fällt den radikalen Predigern des IS leicht, sich bei ihren Greueltaten auf den Religionsstifter Mohammed zu berufen, da eine entsprechende Interpretation des Islam in sunnitischen Kreisen schon lange diskutiert wird. Schließlich war Mohammed selbst auch ein Krieger und Feldherr, vertrieb z.B. die jüdischen Banu al-Nadir oder ließ nach historischen Quellen den ebenfalls jüdischen Stamm der Banu Qurayza massakrieren. Was liegt da näher, als selbst als Krieger und Feldherr zu vollenden, was er begonnen haben soll?

Es ist wenig sinnvoll, die Taten der ISIS pauschal als Abkehr vom wahren Islam zu bezeichnen: Es ist nicht die Aufgabe von Nicht-Muslimen zu unterscheiden, welche Konfession nun dem Ursprung am ehesten gerecht wird, so, wie es seltsam anmutet, wenn Nicht-Christen urteilen wollten, ob Katholiken, Orthodoxe oder Calviner eher als „wahre Christen“ zu bezeichnen wären. Daher spielt es auch keine Rolle, ob die Barbarei der ISIS von de Winter zurecht als logische Folgerung des Koran und der Hadith-Sammlungen gesehen wird. Wichtiger ist, dass es eine erkleckliche Zahl sunnitischer Rechtsgelehrter und Geistlicher gibt, die schon lange Interpretationen des Islam vertreten, die denen der ISIS nicht unähnlich sind und es sich daher nicht um eine verrückte Minderheit handelt, wie es sie überall gibt, sondern um die Kulmination einer breiteren Strömung. Es ist ein wichtiger Schritt, wenn man das einmal auch so benennen kann. Solange man noch kann.