Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Man löscht ja auch nicht Feuer mit Feuer …

In der am Sonntag zitierten Stelle der Bergpredigt wird auf das Schadenersatzrecht der Tora rekurriert. Im Buch Exodus heißt es nämlich:

Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen. Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. […] Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.

Nun ist die genaue Auslegung dieser Stelle schon im antiken Judentum umstritten gewesen und schwankt zwischen einem Schadenersatzkatalog und einer tatsächlichen lex talionis, die Gleiches mit Gleichem vergelten soll. Letzteres wäre im Zeitkontext nicht ungewöhnlich; jedoch finden sich im Alten Testament keine Beispiele eines angewandten Talionsprinzips. Für das Verständnis der Bergpredigt tut das ohnehin nichts zur Sache. Dort heißt es:

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Will jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit mitzugehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib; wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute, und es regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur jene liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das gleiche nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das gleiche nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Schon antiken Kommentatoren war klar, dass hier nicht christliches und jüdisches Gesetz gegeneinander ausgespielt werden sollen. Jesus sagt ja, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er schärft vielmehr den Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien. Der Jurist würde sagen: er klebt nicht an der Wortinterpretation, sondern fordert die systematische und teleologische Interpretation ein.

Der hl. Johannes Chrysostomos († 407) hat in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums in Predigtform dazu interessante Gedanken geäußert:

Durch die Androhung von Strafe hat er nämlich unsere Lust zu Gewalttätigkeiten etwas gedämpft. Auf diese Weise also streut er langsam den Samen seiner großen Weisheit aus, indem er nicht will, dass der, dem ein Unrecht geschehen, in gleicher Weise Vergeltung übe.

An sich hätte ja der Urheber dieses Unrechts eine größere Strafe verdient. Das verlangt der Begriff von Gerechtigkeit. Da er aber wollte, dass mit der Gerechtigkeit sich auch die Liebe paare, so verurteilt er den, der eigentlich mehr gefehlt hat, zu einer geringeren Strafe, als er verdient hätte. Damit gibt er uns die Lehre, dass wir auch dann, wenn wir Unrecht erfahren, große Milde und Nachsicht üben sollen.

Nachdem er also das alte Gesetz erwähnt und es im Wortlaut angeführt hatte, zeigt er auch hier wieder, dass es nicht der Bruder ist, der solches tut, sondern der Böse. Deshalb setzt er auch bei: „Ich aber sage euch, widersetzt euch dem Bösen nicht.“Er sagte nicht: Widersetzt euch nicht eurem Bruder, sondern: „dem Bösen“. Er deutet damit an, dass er es ist, der zu solchen Missetaten verleitet. Dadurch zügelt und beseitigt er schon den größten Teil des Zornes, den man gegen den empfindet, der uns Böses tut, indem er nämlich die Schuld daran auf einen anderen schiebt.

Aber wie! Sollen wir wirklich dem Bösen keinen Widerstand leisten? Ja, gewiß; aber nur nicht in dieser Weise, vielmehr so, wie er es uns befohlen; du sollst nämlich das Unrecht willig ertragen; denn gerade so wirst du Herr über dasselbe werden. Man löscht ja auch Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser.

Schon im Alten Bund galt Jesu’ Regel

Damit du aber siehst, dass auch schon im Alten Bunde derjenige Sieger blieb und den Siegespreis erhielt, der geduldig litt, so prüfe nur, was damals geschah, und du wirst bemerken, dass der leidende Teil bei weitem den Vorrang erhält.

[…] Im Alten Bunde sagte also der Herr: „Wer seinem Bruder mit Unrecht zürnt, wer ihn einen Narren schilt, der wird des höllischen Feuers schuldig sein“; hier verlangt er aber schon größere Tugend, da er demjenigen, der Unrecht leidet, nicht bloß befiehlt, die Ruhe zu bewahren, sondern seinem Gegner sogar zuvorzukommen und ihm die andere Wange darzubieten. Diese Weisung bezieht sich aber nicht bloß auf solche Faustschläge, sondern er will uns damit anleiten, auch in allen anderen Dingen Unrecht geduldig zu ertragen.

Da der Herr sagt: „Wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist der Hölle verfallen“, dachte er auch nicht bloß an diesen Ausdruck, sondern an jede Art von Beleidigung. Ebenso bestimmt er hier nicht, dass wir bloß Faustschläge mannhaft ertragen, sondern dass wir uns überhaupt durch kein Unrecht aus der Fassung bringen lassen sollen. Darum wählte er auch dort gerade die schwerste Beschimpfung, hier einen Schlag, der unter allen als der beschämendste und entehrendste gilt, den ins Gesicht.

Seine Weisung bezieht sich aber sowohl auf den, der schlägt, als auch auf den, der geschlagen wird. Der Mißhandelte, der eine solche Höhe der Tugend erreicht hat, wird gar nicht denken, dass ihm ein Unrecht widerfahren. Er wird ja schon gar nicht das Gefühl einer Beschimpfung empfinden, da er eigentlich viel eher kämpft, als geschlagen wird.

Sanftmut ist wirksamer als Vergeltung

Der Angreifer hingegen wird beschämt werden und keinen zweiten Schlag mehr führen, und wäre er auch schlimmer als das wildeste Tier. Ja, er wird sogar seinen ersten Schlag selbst gar sehr mißbilligen. Nichts hält ja die Bösen so sehr zurück, als wenn man das geschehene Unrecht sanftmütig erträgt; und zwar hält es sie nicht bloß von weiterer Gewalttätigkeit zurück, sondern es bewirkt auch, dass sie das frühere eher bereuen, die Sanftmut des Beleidigten bewundern und abstehen. Ja, es macht sie aus Feinden und Gegnern nicht bloß zu Freunden, sondern zur Hausgenossen und gegenseitigen Dienern.

Übt man dagegen Widervergeltung, so erreicht man in allem das Gegenteil. Es bringt beiden Schaden, macht die schlechter, als sie waren, und entfacht die Zornesflamme nur um so mehr: ja, wenn das Unheil noch weiter geht, hat es oft sogar den Tod im Gefolge. Aus diesem Grunde befahl der Herr, nicht bloß keinen Zorn aufkommen zu lassen, wenn jemand dich schlägt, du sollst sogar dieses Verlangen befriedigen, damit es nicht den Anschein habe, als hättest du den ersten Schlag nur wider Willen ertragen. Auf diese Weise kannst du auch dem Beleidiger einen viel passenderen Schlag versetzen, als wenn du ihn mit der Hand schlügest, und dazu wirst du aus einem gewalttätigen Menschen ein sanftmütiges Lamm machen.

In einer heutigen Standardpredigt wäre wohl von der „Spirale der Gewalt“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Chrysostomus ist da wesentlich direkter: Vergeltung verändert einen selbst, während es den anderen kaum zur Einsicht bewegt. Der wahre Gegenschlag ist erfolgt, wenn der Gegner sein Unrecht einsieht und bereut.

Lichtmess: Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Am 2. Februar wird in der Kirche ein Fest gefeiert, das traditionell „Maria Lichtmess“ genannt wird und zwei Festgeheimnisse kennt: die „Darstellung des Herrn“ im Tempel und die „Reinigung Mariens“, beides Handlungen, die durch das jüdische Gesetz vorgeschrieben waren.

Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Festtags habe ich hier schon einmal versucht. Wunderbar auch die Lichtmesspredigt des Beda Venerabilis, deren Thema in vielen Predigten zu Lichtmess variiert wurde: Die makellose Mutter geht zur Reinigung, der Quell der Heiligkeit selbst lässt sich im Tempel präsentieren. Beide unterwerfen sich demütig dem Gesetz.

Früher war an diesem Fest ein Graduale vorgesehen, also ein Gesang nach der Lesung, in dem an diesem Tag der Eröffnungsvers wieder aufgenommen und erweitert wurde. Die im Introitus verwendeten Verse 10 und 11 aus Psalm 47 werden durch Vers 9 und einen zusammenfassenden Vers zur Begegnung mit Simeon ergänzt1, in der Praxis vieler Jahrhunderte ist es dabei mit dem folgenden Halleluja und einer Sequenz verschmolzen:

Missale Romanum Übersetzung
Suscepimus Deus misericordiam tuam in medio templi tui. secundum nomen tuum Deus ita et laus tua in fines terræ. Wir haben, Gott, Deine Barmherzigkeit inmitten Deines Tempels auf uns genommen. Entsprechend Deinem Namen, Gott, so ist auch Dein Lob bis an die Enden der Erde.
Sicut audivimus, ita et vidimus in civitate Dei nostri, in monte sancto eius. So, wie wir gehört haben, so haben wir es auch gesehen in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berg.
Alleluia, alleluia! Halleluja, halleluja!
Senex Puerum portabat; puer autem senem regebat. Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.
Alleluia! Halleluja!
Post Partum Virgo inviolata permansisti. Dei Genitrix, intercede pro nobis. Nach der Geburt bleibst Du unversehrte Jungfrau. Mutter Gottes, bitte für uns!

„Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.“ Wieder eine der scheinbaren Paradoxien dieses Festes! Ein kleines, mehrere Wochen altes Kind, völlig angewiesen auf die sorgenden Eltern, das sogar ein hochbetagter Mensch wie Simeon ohne Probleme halten könnte, ist das Heil, auf das er sein Leben lang gewartet hat. Ein kleines Kind, in dessen Hand aber die Welt ist.

Diesen wunderbaren Vers gibt es in einer leicht erweiterten Fassung und geänderten als eigene Antiphon, hier in einer Fassung von Tomás Luis de Victoria:

Für Freunde alter Musik: Vor einigen Jahre habe ich zu Maria Lichtmess die Antiphon Adorna thalamum tuum besprochen, die zur Kerzenprozession gesungen wurde.


  1. Ich folge hier dem Missale, das 1481 von Franz Renner in Venedig gedruckt wurde und hier einzusehen ist. Der Text ist aber noch im Missale von 1962 bis auf den letzten Vers gleich. Mit der Liturgiereform des Tridentinums wurden nämlich die meisten Sequenzen entfernt. 

Die Perser in Bethlehem

Am 6. Jänner werden in vielen Krippen die Sterndeuter dazugestellt, die μάγοι, die Matthäus in seinem Evangelium erwähnt. Der Begriff war im Griechischen zur Zeit Matthäus zweideutig. Er bezeichnete einerseits persische Weise und Priester, andererseits aber allgemein Zauberer und besonders Scharlatane, die vorgeben, über Zauberkräfte zu verfügen. Wie ich schon einmal diskutiert habe, dient wohl Matthäus’ Referenz ἀπὸ ἀνατολῶν „aus dem Osten“ genau dieser Differenzierung: Nicht irgendwelche Zauberer kommen da, sondern Mager aus dem Osten.

Die Mager waren die Priester der Perser, ursprünglich wie die Leviten durch Abstammung verbunden. Später werden zoroastrische Priester im Griechischen so bezeichnet; ob es sich dabei immer noch um Abkömmlinge der medischen Mager handelt, ist umstritten. Es ist sogar umstritten, wie zoroastrisch der Glaube der Mager wirklich war. Es hat jedenfalls durchaus eine Bedeutung, dass Matthäus diesen Ausdruck verwendet und nicht etwa χαλδαῖοι („Chaldäer“), womit damals nicht bloß ethnische Chaldäer, sondern auch Astrologen im allgemeinen gemeint sein konnten.

Plutarch, ein Zeitgenosse des Matthäus, beschreibt in seiner Schrift „Über Isis und Osiris“ nicht nur die Religion der Ägypter, sondern streift auch die persische Religion des Zoroaster (oder Zarathustra). Dort beschreibt er sie in einer Diskussion über die Wurzeln des Guten und Bösen in der Welt als monotheistisch: „Einige meinen, es gebe zwei einander entgegen arbeitende Götter, einen Bildner des Guten, einen des Bösen. Einige hingegen nennen den besseren, Gott, Dämon; dies tut auch Zoroaster, der Mager …“ (Kap. 46) Auch die besondere Rolle der Sterne erwähnt er: „Dann vermehrte Horomazes sich selbst drei Mal, entfernte sich so weit von der Sonne als die Sonne von der Erde absteht, und zierte den Himmel mit Gestirnen. Einen Stern vor allen setzte er gleichsam als Wächter und Vorhut, den Sirius.“ (Kap. 47) Von den Magern unterscheidet er dabei die Chaldäer, die Planeten als Geburtsgötter bezeichnen, zwei gute, zwei böse, drei unentschiedene.

Zweihundert Jahre nach Matthäus weist Origenes noch einmal darauf hin, dass Mager und sterndeutende Chaldäer zwei verschiedene Gruppen sind: „Man beachte nun hier den Irrtum dieses Menschen, der ‚Magier‘ und ‚Chaldäer’ nicht auseinander zu halten weiß, ihre verschiedene Berufstätigkeit nicht in Betracht zieht und deshalb den evangelischen Bericht entstellt und verleumdet.“

Auch wenn die Chaldäer als Sterndeuter wohlbekannt waren, während die Mager weder Astronomen noch Astrologen waren, so spielten die Sterne auch bei den Persern bzw. den Magern jener Zeit eine Rolle, wie schon angedeutet. So wird in der jüngeren Avesta (siehe die Tir Yašt) einer Sternenverehrung das Wort gesprochen; Planeten und Sterne werden z.T. mit bestimmten Gottheiten oder Eigenschaften verknüpft. (siehe Carsten Colpe)

Die Juden kannten außerdem die persischen Verhältnisse wohl ganz gut — und umgekehrt: Seit der Babylonischen Gefangenschaft gab es eine große jüdische Gemeinde im Zweistromland; in Persien gab es ebenfalls jüdische Gruppen. Und der kulturelle und religioäse Einfluss Persiens reichte weit nach Westen, wie etwa das große Hierothiesion des König Antiochos I. von Kommagene mit seinen Darstellungen aus persischer und griechischer Mythologie zeigt, oder die Tatsache, dass der armenische König Tiridates aus dem parthischen Königshaus stammte, Zoroastrier war — und mit einem Mager zu Kaiser Nero nach Rom reiste. Schließlich gab es von Magern betreute Kultstätten sogar im kleinasiatischen Kappadokien, wie der griechische Geograph Strabon um Christi Geburt schreibt.

Die persischen Könige werden im Alten Testament generell positiv erwähnt: Immerhin ließ Großkönig Kyros die Juden aus dem Exil zurück nach Israel ziehen, sein Nachfolger Dareios erlaubte den Wiederaufbau des Tempels. Trotz der vielen niederen Gottheiten, die im Zoroastrismus jener Zeit verehrt wurden und Plutarch erwähnt, war die Religion der Perser zumindest eschatologisch monotheistisch und damit dem Judentum näher als irgendeine andere Religion jener Zeit. Auch ihre ethischen Implikationen waren dem Judentum nicht so fremd wie die Imperative anderer Glaubensrichtungen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Evangelist, der aus Israel kommt, den Begriff der Mager — der noch dazu außerhalb seiner engsten Bedeutung eher abwertend verwendet wurde — sonst einsetzen würde, wenn er nicht an so einen persischen Mager denken würde.

Die genannten Mager müssen dabei keineswegs direkt aus Persien kommen. Traditionen wie die des Justin des Märtyrers, der sie in „Arabien“ verortet, sind daher nicht zwangsläufig im Widerspruch. Der Begriff „Arabien“ beschrieb in seiner Zeit neben der arabischen Halbinsel auch das südliche Syrien, das transjordanische Gebiet, den südlichen Teil der Wüste Negev und das Sinaigebiet. Justin nennt ausdrücklich Damaskus als Teil Arabiens. Wobei Justin der Märtyrer die Zuschreibung offensichtlich aus exegetischen Gründen wählt. Aber selbst in Damaskus soll es jedenfalls eine zoroastrische Gemeinde gegeben haben.

Die Gründe dafür, dass die μάγοι tatsächlich Mager waren, sind also alles andere als mager.

Zum Dreifaltigkeitssonntag

Der Dreifaltigkeitssonntag stellt schwere Kost dar, weil die Dreifaltigkeit selbst schwere Kost darstellt. In welchem Verhältnis stehen Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, die doch ein und dasselbe sind, vollkommen eins, und doch übereinander sprechen können, wie Jesus etwa über den Heiligen Geist als Beistand spricht oder über seine Rückkehr zum Vater im Himmel. Andererseits –– das Johannesevangelium ist hier vielleicht am deutlichsten — finden sich viele Hinweise auf diese Einheit bereits in der Heiligen Schrift selbst. So heißt es ja im Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Oder bei Lukas: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“

Augustinus versucht es im „Gottesstaat“ so darzustellen:

Wir halten im Glauben fest und verkünden unentwegt, daß der Vater das Wort erzeugt hat, d. i. die Weisheit, durch die alles erschaffen worden ist, den eingeborenen Sohn, der Eine den Einen, der Ewige den gleich Ewigen, der unerreichbar Gute den gleich Guten; und daß der Heilige Geist zumal sowohl des Vaters als auch des Sohnes Geist ist; auch er gleichwesentlich und gleichewig den beiden; und daß dieses Ganze einerseits eine Dreifaltigkeit ist wegen der Besonderheit der Personen, andrerseits der eine Gott wegen der untrennbaren Gottheit, sowie der eine Allmächtige wegen der untrennbaren Allmacht, jedoch so, daß auch, wenn man nach dem einzelnen fragt, die Antwort lautet: Jeder von ihnen ist sowohl Gott als auch allmächtig; und wenn nach allen zumal: Es gibt nicht drei Götter oder drei Allmächtige, sondern nur einen allmächtigen Gott; so vollständig ist hier in dreien die untrennbare Einheit, und so will sie verkündet werden.

Diese Dreifaltigkeit findet sich mit etwas gutem Willen bereits im Alten Testament, wie Augustinus in den „Bekenntnissen“ an Hand der Schöpfungsgeschichte erläutert:

Sieh, geheimnisvoll tritt mir entgegen die Dreifaltigkeit, und die bist du, mein Gott; denn du, o Vater, hast im Anfange unserer Weisheit, die deine, aus dir geborene, dir gleiche und gleichewige Weisheit ist, d, h. in deinem Sohne, Himmel und Erde geschaffen. Viel haben wir bereits vom Himmel des Himmels, von der gestaltlosen und leeren Erde und dem finsteren Abgrunde mit Bezug auf die haltlose und irrende Gestaltlosigkeit der geistigen Schöpfung gesagt; und diese wäre ja darin verblieben, hätte sie sich nicht zu dem hingewandt, von dem jegliches Leben herrührt; jetzt erst wurde sie durch die Erleuchtung zu einem Leben voll Schönheit und zu dem Himmel des Himmels, der später zwischen Wasser und Wasser gesetzt ward. In dem Namen „Gott“ fand ich bereits den Vater, der dieses geschaffen, und den S o h n in jenem „Anfang“, in dem er es geschaffen. Und da ich an die Dreifaltigkeit meines Gottes glaubte, suchte ich diesem Glauben gemäß weiter in seiner Heiligen Schrift, und siehe: „Dein G e i s t schwebte über den Wassern“. Siehe, da ist ja mein dreifaltiger Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der Schöpfer der gesamten Schöpfung.

An der Wesenseinheit Jesu Christi mit dem Vater hängt die Bedeutung des Kreuzesopfers und der Kommunion: Gott selbst, der eine, vollkommene, wird Mensch (etwas Partikuläres, Unvollkommenes!), nimmt Leiden und Tod auf sich. Gott selbst schenkt sich uns in der Eucharistiefeier durch Jahrhunderte in Verbindung mit dem letzten Abendmahl. Das ist ein Geheimnis des Glaubens: Nicht, weil es geheim gehalten wird, sondern weil es unseren beschränkten Verstand übersteigt.

„In Ihnen bin ich verherrlicht“

Der Sonntag nach Christi Himmelfahrt bringt einen Text aus dem Johannesevangelium, der den Abschied Jesu von seinen Schülern, seinen Jüngern, noch einmal reflektiert — diesmal chronologisch nach dem letzten Abendmahl verortet.

Warum bleibt der auferstandene Herr nicht ständig auf Erden? Warum verabschiedet er sich, wo er doch den den Tod so glorreich überwinden wird? Johannes’ Antwort ist einfach: Weil die Aufgabe seiner leiblichen Präsenz erfüllt ist, kann er sie aufgeben. Weil der Abschied kein echter Abschied sein wird, sondern eher eine Änderung der Art der Anwesenheit, ist er kein Schlussakkord, sondern die Eröffnung des nächsten Akts des Heilsgeschehens.

So heißt es im Johannesevangelium: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. […] Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. […] Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.“

Jesus hat lange genug gewirkt und gepredigt, dass seine Jünger den wahren Glauben gefunden, erkannt und angenommen haben. Sie haben dies schon vor Tod und Auferstehung Jesu getan! Folter, Kreuzigung und Sterben werden ihren Glauben schwer prüfen, und die unglaubliche Auferstehung ebenfalls; doch sie werden die Prüfung bestehen. In ihnen, in ihrem Wirken wird Jesus verherrlicht sein, der so zwar selbst zum Vater hinübergeht, aber doch auf Erden sicht- und spürbar bleibt.

Diese Rede ist im Johannesevangelium wohl mit Bedacht zu finden, denn sie gilt nicht nur den unmittelbaren Schülern Jesu, sondern der Kirche durch die Zeit. Und wie wird Jesus in uns verherrlicht? Die Leseordnung hat klugerweise einen Abschnitt aus dem 1. Brief des Petrus zur Erhellung dieses Umstands gewählt:

„Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr selig zu preisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch. Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt.“

Nein, wir müssen uns nicht alle in Gefahr begeben. Wir sollen auch gar nicht (schließlich sollen wir uns ausdrücklich nicht in fremde Angelegenheiten mischen!). Sondern durch unsere Worten und Taten uns zu Christus bekennen. Leider ist es nicht ganz so einfach, wie es klingt.

Jesus, der Weg zu sich selbst

Letzte Woche verglich sich Jesus mit der Tür zum Schafpferch, die der einzige Weg zwischen Gatter und Weide ist, diesen Sonntag wird er noch deutlicher.

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Noch mehr: Wer ihn sieht, der sieht auch den Vater. Wie schon im Johannesprolog ist auch in dieser Stelle der Kern der Dreifaltigkeitslehre zum Greifen nahe: Vater und Sohn sind eigentlich eins, und doch verschieden. Das ist freilich für die Jünger noch starker Tobak. „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke!“ sagt Jesus dem Apostel Philippus daher auch.

Damit betont der Bericht des Johannesevangeliums auch, dass die Wunder Jesu nicht Selbstzweck sind, und dass es umgekehrt kein Widerspruch zur Liebe Gottes ist, dass diese Wunder nicht zum Massenphänomen des Christentums geworden sind. Denn sie sind vor allem Zeichen, die Gottes Liebe und Hinwendung, Jesu Vollmacht bezeugen sollen. Momente, in denen der Himmel schon auf die Erde reicht.

Der berühmte Ausspruch „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist im Kontext besonders interessant. Denn Jesus befindet sich in Jerusalem und bereitet seine Jünger in einer Abschiedsrede auf sein bevorstehendes Leiden und Sterben vor. Sein Weg ist auch unser Weg, die imitatio Christi nimmt uns in Leiden, in Auferstehung, in die beim Vater bereiteten Wohnungen hinein. Und wieder kommen wir zum Gleichnis mit der Tür zurück. Dort sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Wenn er die Tür ist, durch die man Weide findet, ist er genauso der Weg, durch den man zum Leben kommt. Wenn er und der Vater aber in Wahrheit eins sind, und der Vater alles lebendig macht, so ist auch Jesus selbst das Leben. Er ist also paradoxerweise der Weg zu sich selbst. Klingt eigentlich ziemlich modern.