„Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt“

Am Weißen Sonntag wird immer derselbe Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen: Jesus erscheint den versammelten Jüngern am Osterabend und gießt den Heiligen Geist über sie aus; der Apostel Thomas fehlt in der Versammlung, zweifelt am Bericht der anderen Jünger, ruft aber von Ehrfurcht ergriffen „Mein Herr und mein Gott“, als er dann den Auferstandenen tatsächlich sieht. Daran schließt ein kurzer Abschnitt an, der die Berichte über das Leben Jesu (nicht aber das Evangelium!) zu einem Ende führt: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

In der Einheitsübersetzung wird behauptet, dass sei das ursprüngliche Schlusswort des Johannesevangeliums gewesen. Dafür gibt es in den alten Textzeugen keinen Hinweis. Auch der Stil bleibt der gleiche. Vor einer solchen Behauptung müssten doch gelindere Erklärungen vorgezogen werden. Aber sei’s drum, die Bemerkungen zur Einheitsübersetzung sind ja auch in vielen anderen Punkten eher fragwürdig.

Aber zurück zur Perikope. Der Text ist mit Bedacht zusammengestellt. Er schließt direkt an den Bericht der Maria Magdalena an, die den Jüngern von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt. Jesus bestätigt den Bericht, indem er selbst in der Mitte der Jünger erscheint. Darin werden sie ausgesandt, mit dem Heiligen Geist gestärkt und mit der Gabe der Sündenvergebung und der Verweigerung dieser Vergebung ausgestattet. Damit wird aus dem Einzelereignis der Auferstehung ein Geschehen, das sich fortsetzt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Interessant: Auch die Jünger glauben (erst?), nachdem sie die Wunden gesehen haben1: Es ist kein Totengeist, es ist der wahrhaft Auferstandene.

Dann also Thomas, dem Jesus zuruft: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Man darf das nicht als Schelte missverstehen. Im Johannesevangelium wirkt Jesus sieben großen Zeichen:

  1. Die Hochzeit von Kana.
  2. Die Heilung des Knechts des Beamten von Kafarnaum.
  3. Die Heilung des Gelähmten von Betesda
  4. Die Speisung der 5.000
  5. Der Gang Jesu auf dem Wasser
  6. Die Heilung des Blindgeborenen
  7. Die Auferweckung des Lazarus

Trotz dieser großen Zeichen glaubten viele nicht an ihn. Ja, auf Grund der Wiedererweckung des Lazarus wird gar sein Tod beschlossen! Thomas also zieht zumindest die richtigen Schlüsse aus dem, was er sieht. Sein Herz ist nicht verhärtet, sondern offen für die Wunder des Herrn. Und er ruft dabei ein Gottesbekenntnis aus, das in seiner Direktheit zeigt, wie erschüttert Thomas ist: „Mein Herr und mein Gott!“ Darin wird uns Thomas also zum Vorbild.

Aber schon das Zeugnis anderer genügt ihm anscheinend nicht. Hier darf sich nun der Hörer bzw. Leser des Evangeliums angesprochen fühlen. Denn er liest von den Zeichen, hört von den großen Taten Jesu, die im Evangelium bezeugt sind, und glaubt. Er vertraut dem glaubwürdigen Zeugnis derer, die „das Wort des Lebens“ mit den eigenen „Augen gesehen“ und „Händen angefasst“ haben, wie es im 1. Johannesbrief heißt.

Diese kompositorische Absicht erklärt auch leicht die Fortsetzung. Denn nun will der Evangelist kein Zeichen aufschreiben, damit wir zum Glauben an Jesus kommen, sondern eines, damit wir die Fülle der Kirche begreifen. Die Beauftragung des Petrus als Hirten ist dabei ein zentraler Moment. Die dreimalige Frage Jesu und sein folgender Anruf ist außerdem das nötige Gegengewicht zu Petrus’ dreimaliger Verleugnung Jesu.

Manche verweisen auch auf 1 Joh 5,13, in dem Johannes ebenfalls den Zweck seiner Ausführungen erklärt, ohne das Werk damit zu beenden.2 Auch im Johannesevangelium selbst gibt es mehrmals erläuternde Einschübe, die wie Schlusssätze klingen, aber keine sind.

Die Perikope führt uns jedenfalls tief in die bleibende Bedeutung des Ostergeschehens hinein. Wer sich recht darin vertieft, die Zeugnisse ernst nimmt, wird mit Thomas ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“


  1. Joh 20,20: „Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ 
  2. 1 Joh 5,13: „Dies schreibe ich euch, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt; denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ 

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 

Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Man löscht ja auch nicht Feuer mit Feuer …

In der am Sonntag zitierten Stelle der Bergpredigt wird auf das Schadenersatzrecht der Tora rekurriert. Im Buch Exodus heißt es nämlich:

Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen. Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. […] Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.

Nun ist die genaue Auslegung dieser Stelle schon im antiken Judentum umstritten gewesen und schwankt zwischen einem Schadenersatzkatalog und einer tatsächlichen lex talionis, die Gleiches mit Gleichem vergelten soll. Letzteres wäre im Zeitkontext nicht ungewöhnlich; jedoch finden sich im Alten Testament keine Beispiele eines angewandten Talionsprinzips. Für das Verständnis der Bergpredigt tut das ohnehin nichts zur Sache. Dort heißt es:

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Will jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit mitzugehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib; wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute, und es regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur jene liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das gleiche nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das gleiche nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Schon antiken Kommentatoren war klar, dass hier nicht christliches und jüdisches Gesetz gegeneinander ausgespielt werden sollen. Jesus sagt ja, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er schärft vielmehr den Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien. Der Jurist würde sagen: er klebt nicht an der Wortinterpretation, sondern fordert die systematische und teleologische Interpretation ein.

Der hl. Johannes Chrysostomos († 407) hat in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums in Predigtform dazu interessante Gedanken geäußert:

Durch die Androhung von Strafe hat er nämlich unsere Lust zu Gewalttätigkeiten etwas gedämpft. Auf diese Weise also streut er langsam den Samen seiner großen Weisheit aus, indem er nicht will, dass der, dem ein Unrecht geschehen, in gleicher Weise Vergeltung übe.

An sich hätte ja der Urheber dieses Unrechts eine größere Strafe verdient. Das verlangt der Begriff von Gerechtigkeit. Da er aber wollte, dass mit der Gerechtigkeit sich auch die Liebe paare, so verurteilt er den, der eigentlich mehr gefehlt hat, zu einer geringeren Strafe, als er verdient hätte. Damit gibt er uns die Lehre, dass wir auch dann, wenn wir Unrecht erfahren, große Milde und Nachsicht üben sollen.

Nachdem er also das alte Gesetz erwähnt und es im Wortlaut angeführt hatte, zeigt er auch hier wieder, dass es nicht der Bruder ist, der solches tut, sondern der Böse. Deshalb setzt er auch bei: „Ich aber sage euch, widersetzt euch dem Bösen nicht.“Er sagte nicht: Widersetzt euch nicht eurem Bruder, sondern: „dem Bösen“. Er deutet damit an, dass er es ist, der zu solchen Missetaten verleitet. Dadurch zügelt und beseitigt er schon den größten Teil des Zornes, den man gegen den empfindet, der uns Böses tut, indem er nämlich die Schuld daran auf einen anderen schiebt.

Aber wie! Sollen wir wirklich dem Bösen keinen Widerstand leisten? Ja, gewiß; aber nur nicht in dieser Weise, vielmehr so, wie er es uns befohlen; du sollst nämlich das Unrecht willig ertragen; denn gerade so wirst du Herr über dasselbe werden. Man löscht ja auch Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser.

Schon im Alten Bund galt Jesu’ Regel

Damit du aber siehst, dass auch schon im Alten Bunde derjenige Sieger blieb und den Siegespreis erhielt, der geduldig litt, so prüfe nur, was damals geschah, und du wirst bemerken, dass der leidende Teil bei weitem den Vorrang erhält.

[…] Im Alten Bunde sagte also der Herr: „Wer seinem Bruder mit Unrecht zürnt, wer ihn einen Narren schilt, der wird des höllischen Feuers schuldig sein“; hier verlangt er aber schon größere Tugend, da er demjenigen, der Unrecht leidet, nicht bloß befiehlt, die Ruhe zu bewahren, sondern seinem Gegner sogar zuvorzukommen und ihm die andere Wange darzubieten. Diese Weisung bezieht sich aber nicht bloß auf solche Faustschläge, sondern er will uns damit anleiten, auch in allen anderen Dingen Unrecht geduldig zu ertragen.

Da der Herr sagt: „Wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist der Hölle verfallen“, dachte er auch nicht bloß an diesen Ausdruck, sondern an jede Art von Beleidigung. Ebenso bestimmt er hier nicht, dass wir bloß Faustschläge mannhaft ertragen, sondern dass wir uns überhaupt durch kein Unrecht aus der Fassung bringen lassen sollen. Darum wählte er auch dort gerade die schwerste Beschimpfung, hier einen Schlag, der unter allen als der beschämendste und entehrendste gilt, den ins Gesicht.

Seine Weisung bezieht sich aber sowohl auf den, der schlägt, als auch auf den, der geschlagen wird. Der Mißhandelte, der eine solche Höhe der Tugend erreicht hat, wird gar nicht denken, dass ihm ein Unrecht widerfahren. Er wird ja schon gar nicht das Gefühl einer Beschimpfung empfinden, da er eigentlich viel eher kämpft, als geschlagen wird.

Sanftmut ist wirksamer als Vergeltung

Der Angreifer hingegen wird beschämt werden und keinen zweiten Schlag mehr führen, und wäre er auch schlimmer als das wildeste Tier. Ja, er wird sogar seinen ersten Schlag selbst gar sehr mißbilligen. Nichts hält ja die Bösen so sehr zurück, als wenn man das geschehene Unrecht sanftmütig erträgt; und zwar hält es sie nicht bloß von weiterer Gewalttätigkeit zurück, sondern es bewirkt auch, dass sie das frühere eher bereuen, die Sanftmut des Beleidigten bewundern und abstehen. Ja, es macht sie aus Feinden und Gegnern nicht bloß zu Freunden, sondern zur Hausgenossen und gegenseitigen Dienern.

Übt man dagegen Widervergeltung, so erreicht man in allem das Gegenteil. Es bringt beiden Schaden, macht die schlechter, als sie waren, und entfacht die Zornesflamme nur um so mehr: ja, wenn das Unheil noch weiter geht, hat es oft sogar den Tod im Gefolge. Aus diesem Grunde befahl der Herr, nicht bloß keinen Zorn aufkommen zu lassen, wenn jemand dich schlägt, du sollst sogar dieses Verlangen befriedigen, damit es nicht den Anschein habe, als hättest du den ersten Schlag nur wider Willen ertragen. Auf diese Weise kannst du auch dem Beleidiger einen viel passenderen Schlag versetzen, als wenn du ihn mit der Hand schlügest, und dazu wirst du aus einem gewalttätigen Menschen ein sanftmütiges Lamm machen.

In einer heutigen Standardpredigt wäre wohl von der „Spirale der Gewalt“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Chrysostomus ist da wesentlich direkter: Vergeltung verändert einen selbst, während es den anderen kaum zur Einsicht bewegt. Der wahre Gegenschlag ist erfolgt, wenn der Gegner sein Unrecht einsieht und bereut.

Lichtmess: Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Am 2. Februar wird in der Kirche ein Fest gefeiert, das traditionell „Maria Lichtmess“ genannt wird und zwei Festgeheimnisse kennt: die „Darstellung des Herrn“ im Tempel und die „Reinigung Mariens“, beides Handlungen, die durch das jüdische Gesetz vorgeschrieben waren.

Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Festtags habe ich hier schon einmal versucht. Wunderbar auch die Lichtmesspredigt des Beda Venerabilis, deren Thema in vielen Predigten zu Lichtmess variiert wurde: Die makellose Mutter geht zur Reinigung, der Quell der Heiligkeit selbst lässt sich im Tempel präsentieren. Beide unterwerfen sich demütig dem Gesetz.

Früher war an diesem Fest ein Graduale vorgesehen, also ein Gesang nach der Lesung, in dem an diesem Tag der Eröffnungsvers wieder aufgenommen und erweitert wurde. Die im Introitus verwendeten Verse 10 und 11 aus Psalm 47 werden durch Vers 9 und einen zusammenfassenden Vers zur Begegnung mit Simeon ergänzt1, in der Praxis vieler Jahrhunderte ist es dabei mit dem folgenden Halleluja und einer Sequenz verschmolzen:

Missale Romanum Übersetzung
Suscepimus Deus misericordiam tuam in medio templi tui. secundum nomen tuum Deus ita et laus tua in fines terræ. Wir haben, Gott, Deine Barmherzigkeit inmitten Deines Tempels auf uns genommen. Entsprechend Deinem Namen, Gott, so ist auch Dein Lob bis an die Enden der Erde.
Sicut audivimus, ita et vidimus in civitate Dei nostri, in monte sancto eius. So, wie wir gehört haben, so haben wir es auch gesehen in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berg.
Alleluia, alleluia! Halleluja, halleluja!
Senex Puerum portabat; puer autem senem regebat. Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.
Alleluia! Halleluja!
Post Partum Virgo inviolata permansisti. Dei Genitrix, intercede pro nobis. Nach der Geburt bleibst Du unversehrte Jungfrau. Mutter Gottes, bitte für uns!

„Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.“ Wieder eine der scheinbaren Paradoxien dieses Festes! Ein kleines, mehrere Wochen altes Kind, völlig angewiesen auf die sorgenden Eltern, das sogar ein hochbetagter Mensch wie Simeon ohne Probleme halten könnte, ist das Heil, auf das er sein Leben lang gewartet hat. Ein kleines Kind, in dessen Hand aber die Welt ist.

Diesen wunderbaren Vers gibt es in einer leicht erweiterten Fassung und geänderten als eigene Antiphon, hier in einer Fassung von Tomás Luis de Victoria:

Für Freunde alter Musik: Vor einigen Jahre habe ich zu Maria Lichtmess die Antiphon Adorna thalamum tuum besprochen, die zur Kerzenprozession gesungen wurde.


  1. Ich folge hier dem Missale, das 1481 von Franz Renner in Venedig gedruckt wurde und hier einzusehen ist. Der Text ist aber noch im Missale von 1962 bis auf den letzten Vers gleich. Mit der Liturgiereform des Tridentinums wurden nämlich die meisten Sequenzen entfernt. 

Die Perser in Bethlehem

Am 6. Jänner werden in vielen Krippen die Sterndeuter dazugestellt, die μάγοι, die Matthäus in seinem Evangelium erwähnt. Der Begriff war im Griechischen zur Zeit Matthäus zweideutig. Er bezeichnete einerseits persische Weise und Priester, andererseits aber allgemein Zauberer und besonders Scharlatane, die vorgeben, über Zauberkräfte zu verfügen. Wie ich schon einmal diskutiert habe, dient wohl Matthäus’ Referenz ἀπὸ ἀνατολῶν „aus dem Osten“ genau dieser Differenzierung: Nicht irgendwelche Zauberer kommen da, sondern Mager aus dem Osten.

Die Mager waren die Priester der Perser, ursprünglich wie die Leviten durch Abstammung verbunden. Später werden zoroastrische Priester im Griechischen so bezeichnet; ob es sich dabei immer noch um Abkömmlinge der medischen Mager handelt, ist umstritten. Es ist sogar umstritten, wie zoroastrisch der Glaube der Mager wirklich war. Es hat jedenfalls durchaus eine Bedeutung, dass Matthäus diesen Ausdruck verwendet und nicht etwa χαλδαῖοι („Chaldäer“), womit damals nicht bloß ethnische Chaldäer, sondern auch Astrologen im allgemeinen gemeint sein konnten.

Plutarch, ein Zeitgenosse des Matthäus, beschreibt in seiner Schrift „Über Isis und Osiris“ nicht nur die Religion der Ägypter, sondern streift auch die persische Religion des Zoroaster (oder Zarathustra). Dort beschreibt er sie in einer Diskussion über die Wurzeln des Guten und Bösen in der Welt als monotheistisch: „Einige meinen, es gebe zwei einander entgegen arbeitende Götter, einen Bildner des Guten, einen des Bösen. Einige hingegen nennen den besseren, Gott, Dämon; dies tut auch Zoroaster, der Mager …“ (Kap. 46) Auch die besondere Rolle der Sterne erwähnt er: „Dann vermehrte Horomazes sich selbst drei Mal, entfernte sich so weit von der Sonne als die Sonne von der Erde absteht, und zierte den Himmel mit Gestirnen. Einen Stern vor allen setzte er gleichsam als Wächter und Vorhut, den Sirius.“ (Kap. 47) Von den Magern unterscheidet er dabei die Chaldäer, die Planeten als Geburtsgötter bezeichnen, zwei gute, zwei böse, drei unentschiedene.

Zweihundert Jahre nach Matthäus weist Origenes noch einmal darauf hin, dass Mager und sterndeutende Chaldäer zwei verschiedene Gruppen sind: „Man beachte nun hier den Irrtum dieses Menschen, der ‚Magier‘ und ‚Chaldäer’ nicht auseinander zu halten weiß, ihre verschiedene Berufstätigkeit nicht in Betracht zieht und deshalb den evangelischen Bericht entstellt und verleumdet.“

Auch wenn die Chaldäer als Sterndeuter wohlbekannt waren, während die Mager weder Astronomen noch Astrologen waren, so spielten die Sterne auch bei den Persern bzw. den Magern jener Zeit eine Rolle, wie schon angedeutet. So wird in der jüngeren Avesta (siehe die Tir Yašt) einer Sternenverehrung das Wort gesprochen; Planeten und Sterne werden z.T. mit bestimmten Gottheiten oder Eigenschaften verknüpft. (siehe Carsten Colpe)

Die Juden kannten außerdem die persischen Verhältnisse wohl ganz gut — und umgekehrt: Seit der Babylonischen Gefangenschaft gab es eine große jüdische Gemeinde im Zweistromland; in Persien gab es ebenfalls jüdische Gruppen. Und der kulturelle und religioäse Einfluss Persiens reichte weit nach Westen, wie etwa das große Hierothiesion des König Antiochos I. von Kommagene mit seinen Darstellungen aus persischer und griechischer Mythologie zeigt, oder die Tatsache, dass der armenische König Tiridates aus dem parthischen Königshaus stammte, Zoroastrier war — und mit einem Mager zu Kaiser Nero nach Rom reiste. Schließlich gab es von Magern betreute Kultstätten sogar im kleinasiatischen Kappadokien, wie der griechische Geograph Strabon um Christi Geburt schreibt.

Die persischen Könige werden im Alten Testament generell positiv erwähnt: Immerhin ließ Großkönig Kyros die Juden aus dem Exil zurück nach Israel ziehen, sein Nachfolger Dareios erlaubte den Wiederaufbau des Tempels. Trotz der vielen niederen Gottheiten, die im Zoroastrismus jener Zeit verehrt wurden und Plutarch erwähnt, war die Religion der Perser zumindest eschatologisch monotheistisch und damit dem Judentum näher als irgendeine andere Religion jener Zeit. Auch ihre ethischen Implikationen waren dem Judentum nicht so fremd wie die Imperative anderer Glaubensrichtungen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Evangelist, der aus Israel kommt, den Begriff der Mager — der noch dazu außerhalb seiner engsten Bedeutung eher abwertend verwendet wurde — sonst einsetzen würde, wenn er nicht an so einen persischen Mager denken würde.

Die genannten Mager müssen dabei keineswegs direkt aus Persien kommen. Traditionen wie die des Justin des Märtyrers, der sie in „Arabien“ verortet, sind daher nicht zwangsläufig im Widerspruch. Der Begriff „Arabien“ beschrieb in seiner Zeit neben der arabischen Halbinsel auch das südliche Syrien, das transjordanische Gebiet, den südlichen Teil der Wüste Negev und das Sinaigebiet. Justin nennt ausdrücklich Damaskus als Teil Arabiens. Wobei Justin der Märtyrer die Zuschreibung offensichtlich aus exegetischen Gründen wählt. Aber selbst in Damaskus soll es jedenfalls eine zoroastrische Gemeinde gegeben haben.

Die Gründe dafür, dass die μάγοι tatsächlich Mager waren, sind also alles andere als mager.