Österreich: Auf dem Weg zum Lifestyle-Baby

Hinter dem sperrigen Titel des „Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetzes 2015“ verbirgt sich Sprengstoff: Die endgültige gesetzliche Betrachtung des Kindes als bloßes Lifestyle-Produkt, auf dessen Erhalt jeder ein Recht hat, der es will, welche Hindernisse dem auch immer im Wege stehen mögen. Und was immer das für den so gezeugten Nachwuchs bedeuten mag, der bei unerwünschten Eigenschaften auch schon einmal ausselektiert werden kann. Die Rechte der Kinder werden dabei natürlich völlig ausgeblendet — zum Jubiläum der Kinderrechtskonvention besonders pikant.

Justizminister Wolfgang Brandstetter trägt hier die Hauptverantwortung, stammt der Entwurf ja aus seinem Ressort. Das schlechte Gewissen scheint zu drücken, wie die extrem kurze Begutachtungsfrist von etwa über zwei Wochen zeigt. Sie wird damit gerechtfertigt, dass das VfGH-Erkenntnis G16/2013 ua vom 10. Dezember 2013 Teile des Fortpflanzungsmedizingesetzes mit 1. Jänner 2015 außer Kraft setzt. Diese Frist ist allerdings nicht vom Himmel gefallen, das Vorgehen des Justizministeriums kann also wohl nur als vorsätzlich bezeichnet werden.

Wie Matthias Beck aufzeigt, enthalten die Gesetzesmaterialien naturwissenschaftliche Irrtümer, um zum erwünschten Rechtsergebnis zu kommen. Ethische Überlegungen oder auch medizinische — von den Risken der Eizellspenden bis zur wachsenden Bedeutung des Wissens um Erkrankungen der genetischen Verwandtschaft — werden zu Gunsten eines „Rechts auf Erfüllung des Kinderwunsches“ ausgeblendet.

Einige mutige ÖVP-Abgeordnete wie Franz-Joseph Huainigg haben ihre Kritik an dem Entwurf kundgetan, worauf Vizekanzler Reinhold Mitterlehner einen besondern zynischen Schachzug ins Spiel gebracht hat: Die Abstimmung „freizugeben“. Denn, so sein Kalkül, das Gesetz würde natürlich trotzdem eine Mehrheit erzielen. Unterstützung aus dem Grünen Lager und dem Team Stronach bringt die nötigen Stimmen, ohne dass auch nur eine Konzession an die Gesetzeskritiker notwendig geworden wäre.

Wer ein Zeichen setzen will: Die Lebenskonferenz hat eine Petition gegen das Fortpflanzungsmedizingesetz online gestellt. Der Text ist nicht ganz geglückt, aber das Anliegen unterstützenswert. E-Mails an Justizminister Wolfgang Brandstetter unter minister.justiz@bmj.gv.at, ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka unter reinhold.lopatka@oevpklub.at und ÖVP-Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner unter reinhold.mitterlehner@bmwfw.gv.at sind ebenfalls empfehlenswert. Natürlich werden die von den dreien nicht selbst gelesen, aber zumindest von ihren Mitarbeitern überflogen, die damit ein Stimmungsbild erhalten.

Ach ja: Wie wichtig Wolfgang Brandstetter die Einbindung kritischer Stimmen war und ist, zeigt folgendes: In den „Salzburger Nachrichten“ ist zu lesen, der Minister habe auch schon bei Familienbischof — und Mediziner — Klaus Küng um Verständnis geworben. Im „Standard“ antwortet Klaus Küng trocken: „Wir hatten nur bei einem Empfang in Grafenegg einen Smalltalk.“ Soviel zur Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, mit der ein Justizminister in dieser Angelegenheit vorgeht.

Die tödliche Angst vor Kindern mit Behinderung

In der „Zeit“ stellt Denise Linke eine gute Frage: „Warum haben wir so große Angst vor behinderten Menschen?“ Warum werden viele Menschen abgetrieben, weil eine Behinderung bei ihnen diagnostiziert wurde? Obwohl sie mit dieser Behinderung durchaus lebensfähig wären? Man muss nun Linkes Ethik nicht teilen — ich tue es nicht –, doch für einen Artikel in der „Zeit“ ist das so nahe am Problem, wie es in so einem Blatt nur möglich ist.

Linke ist Autistin. Und sie ahnt, dass Menschen mit dieser Behinderung noch ein Glück haben, dass Autismus noch nicht pränatal festgestellt werden kann:

Ich bin Autistin, und weil wir keine Ahnung haben, welche Gene für Autismus verantwortlich sind, können wir ihn nur durch Fragebögen feststellen. Ich wage die Prognose, dass die Abtreibungszahlen bei einer Autismusdiagnose dramatisch hoch wären. Wie ich darauf komme: Weil immer wieder behauptet wird, Autismus hätte etwas mit Impfungen zu tun, hören Mütter auf, ihre Kinder zu impfen. In meinen Ohren klingt dieser Impfverzicht gefährlicher als Autismus. Und in meinen Augen zeigt es, dass ein Autismusgentest nicht dazu führen würde, dass werdende Mütter sich für das Kind entscheiden würden. Sie würden sie abtreiben, genauso, wie sie ihnen lebensrettende Impfungen vorenthalten, nur um ihnen Autismus zu ersparen.

Ist es deswegen, weil bestritten wird, das Leben dieser Menschen sei lebenswert? Diese Argumentation hört man tatsächlich oft, und Linke entgegnet:

Niemand sollte sich anmaßen, überhaupt darüber zu urteilen, wie lebenswert das Leben eines anderen Menschen sein wird, war oder ist.

Standard-Redakteurin Saskia Jungnikl, dank deren Tweet ich auf Linkes Text gestoßen bin, verweist darauf, dass betroffenen Eltern positive Beispiele fehlen würden. Vielleicht hätten sie Angst vor dem Ungewissen.

Das ist wohl richtig. Es gibt etwa mit dem Nationalratsabgeordneten Franz-Joseph Huainigg und anderen zwar solche Vorbilder; zum Teil richtige Mutmacher! Doch ist der gesellschaftliche Konsens gegen Menschen mit Behinderung so stark, dass die meisten betroffenen Eltern wohl nicht einmal auf die Idee kommen würden, solche Mutmacher zu suchen und anzuhören.

Es gibt freilich noch eine Komponente: Kinder sind heute für viele Eltern quasi eine Luxusware. Die kann man vielleicht sogar bestellen, wenn man eine Leihmutter findet. Und diese Ware soll möglichst perfekt sein. Wenn nicht, wird sie „zurückgeschickt“, wie es in spektakulärer Weise kürzlich einer indischen Leihmutter geschehen ist, oder abgetrieben. Nicht, weil das Leben des Kindes nicht lebenswert gewesen wäre. Sondern weil die „mangelhafte Ware“ den „Lebensentwurf“ der Eltern beeinträchtigt hätte.

Diese Einstellung ist subkutan häufiger zu finden, als man glaubt. Mutmacher und Rollenvorbilder sind sicher eine Komponente, um diese Einstellung zu ändern. Doch muss man es wohl viel grundsätzlicher angehen.

NÖ: Verbot christlicher Lieder in der Schule?

Es ist einer der Grotesken der modernen Zeit, dass Intoleranz und Fundamentalismus im Gewand der behaupteten „Diskriminierung“ daherkommt. Ein krasser Fall davon beschäftigt seit Tagen den „Standard“, der sich ja immer mehr zum Zentralorgan der Gegner organisierter Religionsausübung mausert.

Aber der Reihe nach. In Volksschulen werden Lieder gesungen; der Lehrplan sieht auch vor, dass ein Teil der Stunden des Gesamtunterrichts dafür verwendet wird. In einer Schule in Tulln hat man das Vorgeschriebene mit dem Praktischen verbunden und angesichts der bevorstehenden Erstkommunionfeier der überwältigenden Mehrheit der Klasse einige dort vorgesehene Lieder auch gemeinsam gesungen. Der „Standard“ schreibt das gewichtigere „einstudiert“ — wer die Praxis kennt, kann da freilich nur schmunzeln.

Die Eltern eines Mädchen haben sich darüber beschwert, weil sie sich darin „religiös diskriminiert“ sahen. Liedgut religiösen Inhalts — oder, wenn man es genau nimmt, irgendeines weltanschaulichen Inhalts — ist offenbar verpönt. Womit außer Liedern über bunte Blumen wohl nicht mehr viel überbleibt. Die meisten Weihnachtslieder kann man z.B. vergessen.1

Aber so wird meist gar nicht argumentiert; meist sind es lediglich christliche Ausdrucksformen, die also aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollen, im Visier solcher Beschwerden. Anscheinend haben die Eltern mit der „Indoktrinierung“ ihrer Kinder durch andere Weltanschauungen kein Problem.

Ein zuständiger Bediensteter des Landes Niederösterreichs war sich nicht dumm genug, die Beschwerde der Eltern auch noch für berechtigt zu halten. Seine folgenreiche Fehlentscheidung wird im „Standard“ wortreich begrüßt, seine Versetzung tränenreich beklagt.

Und natürlich gab Heinz Mayer, Verfassungsexperte für jede Lebenslage, eine Wortspende ab, in dem er von einem Grundrecht schwadronierte, nicht mit Religion behelligt zu werden. Dieses Grundrecht gibt es freilich nicht, weil es kein Recht geben kann, mit einer Meinung oder Weltanschauung nicht konfrontiert werden zu dürfen. Es stünde in direktem Widerspruch zur Meinungsfreiheit.

Wenn es ein solches Recht gäbe, könnte man übrigens jeden Unterricht für Politische Bildung, Philosophie oder Ethik gleich kübeln, weil man dort mit einem möglicherweise unangenehmen religiösen oder anderweitig weltanschaulichen Inhalten konfrontiert würde.

Pragmatisch sage ich einmal so: Wenn die Kinder auch keine Toleranzmusicals und Umweltschutztage mehr über sich ergehen lassen müssen, keine Geschenke für Mutter- oder Vatertag basteln sollen, alle Feiertage vom Nationalfeiertag über Ostern zum 1. Mai einfach kommentarlos an sich vorüberziehen lassen, dann hätten die beiden Eltern vielleicht einen Punkt. In einer solchen weltanschaulich völlig neutralen Schule lernen die Kinder außerhalb des reinen Lesens, Schreibens und Rechnens allerdings nicht viel. Und die dafür notwendigen nichtssagenden Texte müssen wohl auch erst gefunden werden.

Wobei: Es ist so wie mit der Kommunikation. Man kann nicht nicht kommunizieren. Man kann nicht ohne Weltanschauung kommunizieren. Einen wirklich völlig weltanschauungsfreien Text gibt es nicht.


  1. Aber vielleicht greift man dann ja wieder auf die Deutsche Weihnacht unseliger NS-Zeiten zurück — damals wurde ja schon einmal der Versuch unternommen, Weihnachtslieder von christlichem Bezug zu lösen. 

Die Ökonomie von Barbie und den Power Rangers

Wer vor Ostern Kinderspielzeug einkaufen musste, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass Spielzeug und Kinderbücher heute viel stärker als vor zehn, zwanzig Jahren nach Geschlechtern stereotypisiert. Sogar Legosteine gibt es in quietschrosa Packungen für Mädchen und eher dunkleren Packungen für Buben. Den Kinderdetektiven der drei Fragezeichen (Buben) werden drei „Ausrufezeichen“ (Mädchen) entgegengesetzt. Bereits bei Kleinstkindgewand gibt es eine scharfe Trennung in rosa Töne einerseits, blau und schlammfarben andererseits. Woher diese größere Polarisierung — und das gerade in Zeiten, in denen unter dem Stichwort „Gender“ von der Auflösung der Geschlechter gesprochen wird?

Die Grundantwort ist simpel: Weil es sich für die Hersteller von Spielzeug, Büchern oder Gewand offenbar auszahlt. Aber warum zahlt es sich aus?

Dem versucht Joshua Gans in einem Blogeintrag auf den Grund zu gehen. Seine drei Erklärungsversuche:

  1. Kinder bestimmen heute wesentlich mit, was gekauft wird. Selbst, wenn das Kind nur eine leichte Präferenz für das stereotypische Spielzeug hat, so vergrößert der Hersteller durch entsprechendes Maßschneidern seines Produktes die Chance darauf, verkaufen zu können. Das Argument kann ähnlich angewandt werden, wenn Dritte für das Kind ein Geschenk einkaufen. Sie werden auf der sicheren Seite sein wollen, und daher typischerweise zum Stereotyp-getreuen Spielzeug greifen.
  2. In Familien mit Geschwistern bzw. mit weiteren Kindern in nächster Verwandtschaft geben Spielzeug weiter, das dank heutiger Sicherheitsvorschriften etc. oft mehrere Kinder aushält. Geschlechtstypisches Spielzeug erhöht die Wahrscheinlichkeit, das für das nächste Kind große Teile des Spielzeugs neu angeschafft werden müssen.
  3. Durch die Schaffung von Marktsegmenten kann man auch höhere Preise verlangen. Deswegen sind ja auch Lizenzprodukte mit bekannten Marken so wichtig, wie etwa die Star-Wars-Franchise für Lego etc.. Gerade, wenn es teilweise Marktmacht gibt (weil man eben Exklusivanbieter gewisser Spielzeugarten, zugkräftiger Lizenzware etc. ist), erhöht sich nun der Anreiz, weiter nach Geschlecht zu differenzieren und diese differenzierten Produkte eher zu vermarkten. Warum? Weil man ebenfalls davon profitiert, dass für Geschwister etc. möglicherweise alles neu gekauft werden muss.

Wer Spielzeugmarken oder etwa Buchreihen etablieren kann, hat zusätzlich einen Lock-In-Effekt: Für das eine Kind wird z.B. eine ganze Batterie an „Mädchenbüchern“ angeschafft — und für das andere dann eine solche von „Bubenbüchern“, jeweils aus klar positionierten Serien der Verlage. Daher sollte ceteris paribus die Differenzierung umso deutlicher sein, je größer die Marktmacht des Herstellers. Da heißt: Je unaustauschbarer das Produkt aus Sicht der Konsumenten ist.

Stimmt es? Das wäre nachzuprüfen. Jedenfalls etwas zum Nachdenken.

(über Tim Harford)

Österreich: Land der Kinderlosen?

Das Österreichische Institut für Familienforschung hat eine neue Studie über Kinderwunsch und die Bildung von Familien unter dem etwas sperrigen Titel „Unsicherheiten im generativen Verhalten“ veröffentlicht, über den auch in den Medien berichtet wurde.

Die Berichterstattung konzentriert sich dabei auf die Frage der Kinderbetreuung und der Aufteilung der Familienleistungen. Meist wird suggeriert, freie und flächendeckende Kinderbetreuung ab dem Kleinstkindalter wäre der vielleicht teure, aber entscheidende Puzzleteil; eine Ansicht, die dank ständiger medialer Wiederholung nun auch bei den Menschen angekommen ist.

In der Studie wird aber gleich anfangs ein wichtiger Punkt angesprochen, den ich auch aus meinem persönlichen Umfeld bestätigen kann: Welche Schritte man in seinem Leben unternimmt, hängt von Erwartungshaltung, sozialen Werte und der Zuversicht, mit der neuen Situation umgehen zu können, ab. Man nennt das die „Theory of Planned Behaviour“. Tatsächlich merken viele Menschen, dass ihnen eine Familie fehlt — spätestens, wenn sie der nach hinten verschobenen Postadoleszenz entwachsen sind. Doch in weiten Bereichen unserer hedonistischen Gesellschaft werden Kinder als Luxusgut gesehen und behandelt, wenn man sozusagen „alles andere“ schon erreicht hat.

Menschen aus einem Umfeld, in dem in der Frage des Nachwuchses nicht die „Einschränkung“ im Vordergrund steht, sondern die Bereicherung, die gegenseitige Liebe; die aus einem Umfeld stammen, in dem Kinder einfach zur Normalität gehören, wo nicht überdramatisiert wird oder überspitzte Erwartungen herrschen, was ein Kind alles zu bekommen habe, der wird sich später leichter mit der Entscheidung für das Kind tun. Die wichtigste Änderung ist nicht eine der Betreuungsplätze — auch wenn diese nicht zu vernachlässigen sind –, sondern der Herzen. Österreich ist am Papier nämlich keine kinderfeindliche Gesellschaft — die Familienleistungen kann man optimieren, sind aber in vielen Ländern Europas schlechter als in Österreich. Doch aus einem Mix von Erwartungsdruck, kinderfeindlichen sozialen Normen und mangelnder Erfahrung und Zuversicht wird ein für den Kinderwunsch tödlicher Cocktail.

Die Ehe als Aufstiegshilfe

In den USA wird schon lange beobachtet, dass Alleinerzieherhaushalte vor allem ein Phänomen der ärmeren Schichten sind, die auch eine kürzere Ausbildung genossen haben. Da es in den USA anders als bei uns bis zum Maturaalter im Prinzip lediglich eine Gesamtschule gibt, ist das für diejenigen, die nicht einmal diese abschliessen konnten, tatsächlich ein Problem. Menschen mit höherem Einkommen und höheren Bildungsabschlüssen tendieren eher zur Heirat und weisen auch niedrigere Scheidungsraten auf. Diese stabilere Beziehung färbt auch auf die Kinder ab: Kinder aus stabilen Familien weisen signifikant bessere Bildungsergebnisse und Einkommen auf und haben ein deutlich geringeres Risiko, straffällig zu werden.

Dieser Trend hat dazu geführt, dass etwa 2008 unter den Dreißigjährigen erstmals bei den College-Absolventen ein höherer Anteil verheiratet war als unter den Nicht-College-Absolventen, obwohl erstere durch die längere Ausbildungszeit tendenziell auch später heiraten.

Nun kann das zu einer Teufelsspirale werden: Gerade Menschen aus ärmeren Schichten würden von den sozialen und ökonomischen Vorteilen der Ehe besonders profitieren. Stattdessen ist aber dort die Rate der unehelichen Kinder besonders hoch. Die gesellschaftliche Kluft zwischen den Schichten steigt dadurch, obwohl empirisch gesehen für Menschen aus ärmeren Schichten die Ehe geradezu eine Aufstiegshilfe wäre.

Interessanterweise glauben manche wie etwa Isabel Sawhill am Brookings Institut, durch einen stärkeren Fokus auf Verhütung und eine Verlagerung der Zeugung von Kindern nach hinten dem entgegenwirken zu können. Das scheinen aber eher technokratische Maßnahmen zu sein. Stattdessen ginge es wohl eher um die Struktur des Beziehungsmarkts selbst, der je nach Bildungssituation und sozialer Schicht unterschiedlich funktioniert. Und um ein Phänomen, dass Ross Douthat so beschreibt:

a world where the short-term rational self-interest of both sexes — the understandable female desire to have children without taking on the burden of husbands who are often basically children themselves, and the understandable male desire not to take a steady but low-paying job when they can work part-time, goof off on the XBox, and still find willing sexual partners — conspires to keep some of the crucial ingredients of long-term happiness out of reach for a larger and larger share of the population.

Der eigentliche Schlüssel scheint in Impulskontrolle, Reflektion und der Fähigkeit zur langfristigen Perspektive zu liegen. Das sind halt ähnliche Eigenschaften, die auch für die positive Absolvierung langer Bildungswege von Vorteil sind.

Belgien: Töten ist besser als Helfen.

Es ist ein dunkler Tag für die Menschenrechte und die Menschenwürde. Das belgische Abgeordnetenhaus hat mit breiter Mehrheit –- 86 Pro-Stimmen, 44 Kontra, 12 Enthaltungen — beschlossen, dass künftig Kindern ohne Altersbegrenzung das Leben genommen werden darf. Man nennt das euphemistisch Sterbehilfe — doch man hilft ihnen eben nicht im Sterben, sondern tötet sie lieber gleich. Kommt billiger. Und glücklicherweise wird man nie dahinterkommen, ob das Aufgeben jeder Hoffnung, jeder Begleitung, das Preisgeben jeder Möglichkeit, noch eine Minute miteinander zu verbringen, die richtige Entscheidung war. Wer tot ist, kann nicht mehr zweifeln, keine Fragen mehr stellen. Praktisch.

Es ist schon monströs, erwachsenen Menschen in krisenartiger Erkrankung ihrer selbst oder eines Angehörigen die Entscheidung über eine Tötung aufzubürden. Es ist perfide, diese Entscheidung nun auch noch Kindern jeden Alters aufzulasten. Kinder, die keine Verträge abschließen dürfen, nicht wählen dürfen, aber wissen sollen, ob sie sich wirklich keine Minute mehr unter den Lebenden wünschen und auch später nie darüber froh sein würden, dass sie noch mehr Zeit als Lebender verbringen durften. Es ist verlogen, wenn dafür menschliche Autonomie bemüht wird, die in dieser Radikalität ein Phantom ist und die Anderen ihrer Verantwortung der Liebe, Hilfe, Zuneigung, Zärtlichkeit enthebt.

Auf die unrühmliche Rolle von König Philipp weist der Blogger Bellfrell hin. Wenn er auch de facto nicht in der Lage ist, das Gesetz zu verhindern, erst recht nicht angesichts der parlamentarischen Zwei-Drittel-Mehrheit dafür, so ist es doch kein Ruhmesblatt, selbst zum Töten von Kindern keine Worte, kein Symbol des Widerstands zu finden.

Hier geht es zu einer Petition, damit der König der Belgier das Kindereuthanasiegesetz nicht unterschreibt. Jede Unterschrift ist ein Zeichen.