Fronleichnam: Das Fest des heiligen Kurzurlaubs? Nein: Etwas noch Provokanteres.

Eucharistie im Blumenkranz (Jan Anton van der Baren). © KHM-Museumsverband <a href="http://www.khm.at/typo3conf/ext/objectdb/Resources/Public/AGB_Bilddatenbank.pdf />Nutzungsbedingungen</a>

Eucharistie im Blumenkranz (Jan Anton van der Baren). © KHM-Museumsverband Nutzungsbedingungen

Wieviele Menschen wissen in Österreich, worum es beim Fest Fronleichnam geht? Es ist halt einer dieser netten Donnerstag-Feiertage, die man mit ein paar Gleitstunden oder einem Urlaubstag zu einem langen Wochenende nutzen kann. Vielleicht einem Kurzurlaub?

Aber das hat — neben der erfolgreichen Selbstaufgabe der großen christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum — auch mit dem eher unverständlichen Namen zu tun. „Fronleichnam“ heißt bekanntlich „Leib des Herren“ oder „Körper des Herren“. „Fron“ ist die männliche Form zu „Frau“, und der „Leichnam“ musste früher nicht unbedingt tot sein. Aber so wirklich klar wird die Bedeutung des Festes damit auch nicht.

Wenn man den liturgischen Namen verwendet — „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ –, kommt man der Sache schon näher, auch wenn wohl viele Menschen in Österreich damit auch nichts anfangen können. Von der Kommunion in der Kirche mag der eine oder andere immerhin schon gehört haben.

Nun ist das Geheimnis der Eucharistie tatsächlich nicht so einfach zu erfassen. Heuer wird zu Fronleichnam ein Ausschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem sich Jesus selbst mit dem Manna vergleicht, mit dem die Israeliten beim Zug durch die Wüste genährt wurden:

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

Als Antwort auf die gesamte Rede sagen einige seiner Jünger: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Und viele verließen Jesus und zogen nicht mehr mit ihm mit, obwohl sie seine machtvollen Taten und geistvollen Predigten erlebt hatten.

Ja, die Debatte um die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie während der Reformation zeigt uns, wie sehr selbst in christlich durchwirkten Zeiten die Verheißung Jesu, dass er „wirklich eine Speise“ sei, für viele Provokation war. Calvin etwa konnte damit nichts anfangen und sah die Kommunion daher bloß als ein Zeichen an.

Umso wichtiger ist dieses Fest, an dem einmal im Jahr die Würde und Bedeutung der heiligen Eucharistie im Mittelpunkt steht. So oft wird Kommunion gespendet und empfangen, aber wie oft vergegenwärtigt man sich das schier unglaubliche Versprechen, das dahintersteckt? „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ Nicht auf magische Weise, sondern weil diese Eucharistie die Konsumation des Glaubens ist. Sinnfällige Hinwendung Gottes.

In einem Land, in dem der christliche Glaube schon weitgehend verdunstet ist, ohne, dass es vielen bewusst ist, da ist es vielleicht ganz gut, einmal im Jahr über so ein Fest zu stolpern. Vielleicht wird ja heuer ein Kurzurlaub vor dem Allerheiligsten daraus?

Pfingsten: Der Geist wirkt

Fr. Juan Bautista Maíno: Pfingsten. © Museo Nacional del Prado

Fr. Juan Bautista Maíno: Pfingsten. © Museo Nacional del Prado

Das Pfingstfest ist ein wahrhaft wunderbares Ereignis: Zehn Tage, nachdem Christus in den Himmel aufgestiegen ist, um als unser Beistand im Himmel zu sein, senkt sich nun der von Christus verheißene Beistand auf Erden auf die Apostel herab. Und zwar nicht still und heimlich, sondern mit einem Knalleffekt. Die zu Schawuot versammelten Gläubigen, die aus den verschiedenen Teilen der hellenistischen Welt nach Jerusalem geströmt waren, hörten die Apostel in ihrer jeweiligen Muttersprache von Jesu Auferstehung predigen, wie die Apostelgeschichte anschaulich erzählt.

Dieses Ereignis stellt den eigentlichen Beginn der Apostelgeschichte dar, in dem sie die zu Christi Himmelfahrt empfangene Sendung nun in die Tat umsetzen können. Und damit ergibt sich schon etwas, das den Geist auszeichnet: Was er bewirkt, ist sehr oft sinnfällig und erkennbar. Daher ist das Konzept des Heiligen Geistes auch schon im Judentum angelegt, wenn es auch theologisch ganz anders erfüllt ist. Schon im Altertum war das Wirken des Geistes vielen aufgefallen. Vielleicht hat sich mancher fromme Jude zu Pfingsten daher auch gedacht: „Der Geist weht, wo er will.“ Das merken wir immer wieder — vielleicht mit ähnlicher Überraschung — auch heute. Aber nicht überall, wo man ihn will, weht er auch.

Ohne Himmelfahrt kein offener Himmel

Himmelfahrt Christi (Ende 10. Jh) © KHM-Museumsverband <a href="http://www.khm.at/typo3conf/ext/objectdb/Resources/Public/AGB_Bilddatenbank.pdf">Nutzungsbedingungen</a>

Himmelfahrt Christi (Ende 10. Jh) © KHM-Museumsverband Nutzungsbedingungen

Christi Himmelfahrt ist ein Fest, das durch Fantasyfilme der letzten Jahrzehnte manchen etwas verdorben wurde. Nicht wenige Menschen machen sich nun sehr genau Gedanken darüber, mit welchem „Spezialeffekt“ Jesus den „in den Himmel aufgefahren“ sein könnte. Dazu benötigt man freilich auch ein etwas kindliches Verständnis, was mit dem Himmel gemeint ist. Aber gut.

Das Fest heißt ja eigentlich auch die Aufnahme (griechisch) oder der Aufstieg (lateinisch) des Herren und steht vordergründig für das Ende der physischen Präsenz Jesu in dieser Welt. Seine Gegner hatten gehofft, mit der Kreuzigung sei sein Wirken nun zu Ende.

Doch mit der Auferstehung durchkreuzt er die Pläne seiner Widersacher und durchbricht die festgefügte Ordnung der Welt. Er steigt ins Reich des Todes und kehrte daraus zurück; noch mehr: er rettet selbst aus diesem Ort Menschen zum Leben, wie bereits der erste Brief des Petrus (1 Petr 3,19) und der Brief des Paulus an die Epheser beschreiben (Eph 4,8).

Auf diese Auferstehung und die Begegnung mit den Jüngern folgt die Himmelfahrt, als deren Schilderung üblicherweise die Erzählung in der Apostelgeschichte herangezogen wird (Apg 1,9-11), doch die Einordung fällt leichter, wenn man das Evangelium nach Johannes bzw. den ersten Brief des Johannes heranzieht.

Im Prolog steigt Jesus zur Erde herab, das Wort wird Fleisch. Und dort, wo er herkommt, wird er auch wieder hingehen, wie Jesus seinen Jüngern sagt (Joh 6,62; Joh 14,28). Dort wird er einen Platz für uns vorbereiten, bis er uns holt, damit auch wir dort sind, wo er ist. (Joh 14,3) Ähnlich bei Joh 12,32: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“

Der Auferstandene hat den Tod besiegt; aber erst der Aufgefahrene ist unser Beistand (1 Joh 2,1) dafür, dass dieser individuelle Sieg über ihn hinauswirkt.

Wechseln wir wieder zu Paulus. Im Brief an die Hebräer wird das Geheimnis der Bedeutung der Himmelfahrt in Sprachbildern des jüdischen Tempels ausgedrückt:

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. (Hebr 4,14-16)

Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. (Hebr 9,24-28)

Ohne den Aufstieg Jesu in den Himmel wäre das Geschehen der Auferstehung Stückwerk geblieben. Auch Lazarus wurde wieder zum Leben erweckt, ebenso die Tochter des Jairus. Erst die Auffahrt und Erhöhung Jesu macht daraus ein allgemeines Heilsgeschehen, das bis heute wirkt.

Der 1. Petrusbrief

In der Osterzeit werden im Lesejahr A durchgehend Abschnitte aus dem 1. Petrusbrief gelesen, einem dichten und poetischen Text. So auch heute, wo Vers 22 des Psalm 117 (118) auf Jesus Christus gedeutet wird:

Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde1. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,2 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde3, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Den Psalmvers über den Stein, den die Bauleute verwarfen, hat nach der Apostelgeschichte Petrus auf Jesus Christus bezogen4, als er sich vor dem Sanhedrin verteidigten. Wie später die historisch-kritischen Exegeten staunen da auch die Hohenpriester darüber, wie verständig die „ungelehrten und ungebildeten“ Apostel vor ihnen sprechen.

Petrinisch oder nicht?

Die sogenannten „Katholischen Briefe“ fristen trotz mancher in ihnen zu hebenden Schätzen neben dem paulinischen Werk ein wenig ein Schattendasein. Dazu kommen Zweifel an der Identität der Verfasser. So stellt das Portal der Deutschen Bibelgesellschaft, bibelwissenschaft.de, fest:

Der 1Petr erhebt im Präskript den Anspruch, vom Apostel Petrus verfasst worden zu sein. Dieser Anspruch ist in der Alten Kirche auch weithin anerkannt worden. […] Trotzdem sollte der pseudepigraphe Charakter des Briefes nicht bezweifelt werden, denn er bietet mehrfach Anachronismen für die Zeit des Apostels Petrus.

Die äußeren Indizien sprechen deutlich dafür, dass der Brief von Petrus autorisiert wurde. Aus dem Brief wurde schon von den frühen kirchlichen Autoren zitiert, so von Irenäus von Lyon oder Clemens von Alexandrien. Wenn ein Urheber genannt wird, dann immer Petrus, wie im 30. Canon des Hippolyt.

Der Brief selbst beginnt ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus und endet mit der Erwähnung, dass Silvanus der Schreiber des Briefes war; auch Markus sendet einen Gruß an die Adressaten. Silvanus war wiederum ein Begleiter des Paulus.

Nun war das Autorenverständnis der Antike anders als unser heutiges. Doch ein Brief, der ausdrücklich mit einem Gruß des Petrus beginnt, musste auch nach antikem Verständnis petrinisch sein — auch wenn ihn Silvanus aufgesetzt haben mag und Petrus vielleicht nur ein Gerüst vorgegeben und das Ergebnis abgenommen hat. Dieses — in Chefetagen bis zum Beginn des Computerzeitalters übliche — Vorgehen erklärt auch leicht, warum das verwendete Griechisch so stilvoll ist.

Anachronismen liegen im Auge des Betrachters

Da also keine antiken Quellen an der Urheberschaft des Petrus zweifeln und der Brief selbst sich eindeutig Petrus zuordnet und sogar seinen Schreiber nennt, so werden doch Zweifel auf Grund von „Anachronismen“ erhoben.

Dabei besteht grundsätzlich das Problem, dass die Beurteilung, ob etwas zur Zeit der Abfassung des Briefes ein Anachronismus war oder nicht, kaum aus zeitgenössischen Quellen geschöpft werden kann, sondern aus der jeweiligen Rekonstruktion der Entwicklung christlichen Gemeindenlebens gefolgert wird.

So wird die Nennung einer Gemeindeleitung in 1 Petr 5 im erwähnten Artikel als Anachronismus bezeichnet, obwohl natürlich sich in jeder Gemeinschaft rasch Strukturen bilden, damit sie funktioniert. Die Paulusbriefe legen davon beredt Zeugnis ab.

Ebenso ist die frühe Verbreitung des Christentums in Kleinasien durch Paulus bezeugt, aber auch durch andere frühchristliche Autoren wie Papias von Hierapolis. Durch die Nähe zu Israel, insbesondere auf dem Schiffsweg, und die Klammer des Griechischen als Verkehrssprache war das ein naheliegendes Missionsgebiet.

Schließlich ist auch die Verfolgung kein Anachronismus, sondern Begleiter der frühen Christen von Anfang an, wie wiederum die Apostelgeschichte erzählt. Stephanus wird gesteinigt, Paulus zieht zur Verfolgung aus. Petrus wird gefangengenommen, kann aber wunderbar entkommen. Später müssen die Apostel aus Jerusalem fliehen. Paulus wiederum wird wiederholt festgesetzt. Das junge Christentum war eine Provokation!

Deswegen rät ja auch Paulus ständig, im Lebenswandel keinen Anstoß zu erregen, siehe z.B. den zweiten Korintherbrief. Genauso der erste Brief des Petrus, in dem die Christen aufgefordert werden, als vorbildliche Mitbürger zu wirken, damit „selbst die überzeugt werden, die euch bösartig verleumden.“ Einige heute gern kritisierte Verhaltensregeln werden ja explizit damit argumentiert, nicht zusätzlichen Unwillen hervorzurufen. Christsein war schon so gefährlich genug.

Es ist auch heute vielerorts gefährlich genug, sich zu Christus zu bekennen. Und so sind die Mahnungen und Ermunterungen des 1. Briefs des Apostels Petrus auch darin aktueller, als es mir lieb ist.


  1. Jesaja 28,16 
  2. Psalm 117,22 
  3. Exodus 19,5-6. In der Auferzählung werden noch weitere Stellen des Pentateuch referenziert. 
  4. Apostelgeschichte 4,11 

Der Ruf des Hirten ist stärker als wir glauben

Hirten und Schafe waren im Israel der Antike so allgegenwärtig, dass sie in den Psalmen und bei den Propheten des Alten Testaments gerne als leicht verständliches Bild eingesetzt wurden. „Der Herr ist mein Hirte“, heißt es etwa ganz plakativ in Psalm 22 (23). Aber auch die Führer des Volks können so gemeint sein: „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“ steht im Buch Ezechiel (Ez 34,2). Auch die Folge des schlechten Hirtendienstes wird nicht verschwiegen: „Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere.“ (Ez 34,5). Der Prophet Micha, der die Bedeutung Bethlehems als Geburtsstadt des Messias verkündet, vergleicht diesen Heiland ebenfalls mit einem Hirten: „Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.“ (Mi 5,3)

Die Aufgaben eines solchen Hirten kann man auch aus der negativen Liste des Propheten Sacharja ermessen: „Um das Vermisste kümmert er sich nicht, das Verlorene sucht er nicht, das Gebrochene heilt er nicht, das Gesunde versorgt er nicht. Stattdessen isst er das Fleisch der gemästeten Schafe und reißt ihnen die Klauen ab.“ (Sach 11,16)

Im Neuen Testament ist das Bild des Hirten ebenfalls häufig anzutreffen, so auch am heutigen 4. Sonntag der Osterzeit:

Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Das erste Gleichnis ist direkt dem Leben der Hirten entnommen. Der Hirte nennt die Schafe beim Namen, er kennt jedes einzelne davon. Sie vertrauen ihm, weil er sich tagein, tagaus um sie kümmert. Der Räuber hat keinen Schlüssel; er bricht einfach ein und holt sich die Tiere, die freilich vor ihm fliehen. Nun ist Jesus selbst die Tür, die zur Weide führt, zum Leben in Fülle. Wer also nicht durch Jesus zu den Menschen kommt, der führt sie nicht zum himmlischen Vater, sondern in die Irre.

Freilich ist Jesus durchaus optimistisch: Die Schafe fliehen vor den Dieben und Räubern. Sie können Erfolg haben, aber es würde die Schafe doch viel lieber zum guten Hirten ziehen, der ein Bild für Gott selbst ist. Man könnte sagen: Unser innerer Antrieb, Gott zu suchen, ist grundsätzlich stark genug, auch so manchen Irrlehrer zu überwinden. Wir sind auf die Stimme des Hirten geeicht, wir müssen uns nur für sie öffnen und uns von den „Dieben und Räubern“ loseisen. Eigentlich sehr tröstlich.

Philippus und Jakobus

Der dritte Mai ist seit 1969 der Festtag der Apostel Philippus und Jakobus des Jüngeren. Jahrhundertelang war es der 1. Mai, doch schuf Papst Pius XII. das Fest für Josef den Arbeiter für den 1. Mai, so dass die Apostel auf den elften Mai ausweichen mussten. Mit der Kalenderreform 1969 wurden sie schließlich so nah wie möglich an ihren alten Festtermin verlegt, also auf den 3. Mai.

Warum gerade diese beiden Apostel zusammen gefeiert werden, weiß ich nicht.

Philippus stammte aus Betsaida, dem gleichen Ort wie die Brüder Petrus und Andreas. Er wird im Evangelium nach Johannes häufiger genannt — ein Hinweis, dass er bzw. seine Schüler zu den Quellen des Evangelisten gehörten. So wird er zum frühen Zeugen Jesu (Joh 1,45-46), ist der Jünger, der für die Speisung der 5.000 Brot kaufen soll, aber eingestehen muss, dass das Geld dafür bei weitem nicht reichen würde (Joh 6,7-8), und an den sich griechische Pilger wenden, die Jesus sehen wollen (Joh 12,20-21). In seiner großen Abschiedsrede muss Jesus Philippus rügen, der ihn immer noch nicht erkannt hat (Joh 14,9).

Jakobus der Jüngere ist der Sohn des Alphäus (Mt 10,3; Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13). Seine Mutter war bei Kreuzigung, Grablegung und Besuch des Grabs am Ostermorgen anwesend (Mt 27,56; Mt 27,61; Mt 28,1; Mk 15,40; Mk 15,47; Mk 16,1; Lk 24,10) und ist wahrscheinlich mit der Verwandten Mariens ident, die Johannes nennt (Joh 19,25).1

Während seine Bedeutung in den Evangelien gering ist, erscheint er in der Apostelgeschichte. Nach der Hinrichtung des Jakobus des Älteren wird auch Petrus verhaftet; als er auf wunderbare Weise entkommt, trägt er an seinem Fluchort den Freunden auf, seine Flucht dem Jakobus mitzuteilen. (Apg 12,17) Auf dem Apostelkonzil spricht Jakobus mit Autorität (Apg 15,13-22) Als Paulus nach einer langen Reise wieder nach Jerusalem kommt, besucht er Jakobus. (Apg 21,18) Es gibt in der ganzen Apostelgeschichte keinen Hinweis darauf, dass dieser Jakobus jemand anderer als der Apostel sein soll.

Der einzige Grund, warum gerne zwischen einem „Herrenbruder“ und dem Apostel unterschieden wird, ist eine Stelle im Galaterbrief, in der Paulus schreibt: „Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn.“ Damit stellt er klar, dass es sich nicht um Jakobus, den Sohn des Zebedäus gehandelt hat. Der Text macht aber deutlich, dass Jakobus und Petrus eben die einzigen Apostel waren, die er gesehen hat.

Eine kleine Schwierigkeit bereitet, dass die Mutter die des „Jakobus und des Josef“ genannt wird, doch von dem Josef nicht weiter berichtet wird. Ein Blick zurück löst die Angabe auf, denn genau die gleiche Formulierung begegnet uns bei der Nennung der Verwandten Jesu. Dagegen ist der Apostel Judas Thaddäus „der des Jakob“. Der scheinbare Widerspruch ist aber leicht aufgelöst, wenn wir uns vor Augen führen, dass die Bezeichnung „καὶ Ἰούδαν Ἰακώβου καὶ Ἰούδαν Ἰσκαριώθ“ in Lk 6,16 die beiden Judas auseinanderhalten soll. Der leibliche Bruder des Jakobus wird er (trotz Jud 1,1) nicht gewesen sein, sonst wäre er wohl eher als „Ἰούδαν Ἁλφαίου“ benannt worden. Aber sein Cousin oder Schwager? Das wäre auch hier eine elegante Lösung. Richard Bauckham schlägt dagegen vor, dass es sich ganz einfach um ein Patronymikon handelt, und Judas Thaddäus der Sohn eines Jakobs war. Die Namen Judas und Jakobus waren zu jener Zeit übrigens sehr häufig, so dass sogar beides zutreffen kann: Entfernte Verwandtschaft mit dem Apostel und ein Vater gleichen Namens.


  1. „Schwester“ und „Bruder“ benennt im biblischen Kontext durchaus auch verschwägerte Personen oder Cousins und Cousinen. Daher muss eine „Schwester seiner Mutter“ auch nicht unbedingt eine leibliche Schwester im Sinne der deutschen Sprachverwendung sein. 

Markus – das Verklärungsevangelium

Der 25. April ist der Gedenktag des Evangelisten Markus, dem Verfasser des kürzesten der vier kanonischen Evangelien. Er bietet einen kompakten Bericht, der mit dem öffentlichen Auftreten Johannes’ des Täufers beginnt, zur Verklärung führt, die einen zentralen Platz einnimmt, um dann nach eindringlichen Lehren den Einzug in Jerusalem und die Leidensgeschichte zu schildern. Markus endet mit der Himmelfahrt Jesu.1

Bei Markus wird die Geschichte Johannes des Täufers eng mit dem Auftreten Jesu verwoben: Der Täufer wird anfangs gesandt, um dem Herrn den Weg zu bereiten (Mk 1,2-4), wie es schon Jesaja prophezeit hatte. Der Täufer weist schon auf den hin, der nach ihm mit dem Heiligen Geist taufen wird — da kommt Jesus, lässt sich taufen, und der Geist schwebt auf ihn herab. (Mk 1,9-11) Mit der Einkerkerung des Johannes des Täufers beginnt Jesu eigentliches öffentliches Wirken, das sich sogleich in drei Heilungswundern als vom Herrn erfüllt erweist.

Später wird die Enthauptung des Täufers geschildert (Mk 6,14-29). Herodes glaubt in der Folge, Jesus sei der wiedererstandene Johannes. Damit ist auch ein Motiv angedeutet, warum Herodes Jesu’ Hinrichtung später wohlwollend gegenüberstehen wird.

In der Mitte des Evangeliums steht die Verklärung, in der sich die Gottheit Jesu manifestiert. Wenige Verse zuvor erzählen die Apostel Jesus, dass viele Menschen ihn für Elija, Johannes den Täufer oder sonst einen Propheten halten würden; Petrus bekennt ihn aber ausdrücklich als den Messias. (Mk 8, 27-30). Jesus sagt als Erfüllung seines Messiaswegs sein Leiden und seine Auferstehung voraus, was bei Petrus noch auf Unverständnis stößt. (Mk 8,31-33) Jesus ruft zur Nachfolge auf und verkündet das nahe Heranbrechen des Reiches Gottes. (Mk 8,34-9,1)

Und dieses nahe Heranbrechen wird nun unmittelbar erlebbar für Petrus, Jakobus und Johannes, die sehen, wie Jesus als Erfüllung des Gesetzes und der Propheten mit Mose und Elija spricht. Eine Stimme aus den Wolken verkündet Jesus als den geliebten Sohn Gottes. Das menschliche Messiasbekenntnis des Petrus wird durch das göttliche Messiasbekenntnis bei der Verklärung als richtig bestätigt und erweitert.

Gleich danach wird wiederum auf Elija rekurriert und die Beziehung zu Johannes dem Täufer hergestellt. (Mk 9,11-13)

Mit der Austreibung eines offenbar mächtigen Dämonen wird die Sendung Jesu neuerlich bezeugt, wobei es symbolisch zupass kommt, dass ein Vater seinen besessenen Sohn bringt, der schon aus Feuer und Wasser gerettet werden musste.

Man kann das Markusevangelium auf Grund der zentralen Stelle der Verklärung mit Fug und Recht Verklärungsevangelium nennen. Gottes Reich bricht schon heran, die Herrlichkeit des Vaters ist schon spürbar. Es ist programmatisch, dass auf die Ankündigung des nahen Reich Gottes die Verklärung folgt. Es ist ebenso programmatisch, dass im Sendungsauftrag am Schluss des Markusevangeliums Wundertaten genannt werden, die auf die Realisierung des Reiches Gottes hinweisen.

Das Reich Gottes ist eben keine ferne Vertröstung, sondern kann in der Kirche Realität werden.


  1. Das Ende scheint manchen unrund, was moderne Bibelexegeten zu verschiedenen Annahmen geführt hat. Viele halten den Schlussteil Mk 16,9-20 aus stilistischen Gründen für eine spätere Ergänzung, die entweder durch den Verlust des originalen Schlusses oder weil Markus sein Evangelium nicht vollenden konnte notwendig geworden war. Nicholas P. Lunn hat in einem umfangreichen Werk 2008 die Debatte zusammengefasst und dafür plädiert, die überlieferte kanonische Fassung als das vorgesehene Ende des Werkes zu betrachten.