Cyrill von Jerusalem: Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft!

Cyrill von Jerusalem

Cyrill von Jerusalem

Der hl. Cyrill von Jerusalem (* ~ 315, † 386) litt wie sein Zeitgenosse Hilarius von Poitiers unter den Versuchen der Arianer, mit Hilfe des Kaiserhofs die Orthodoxie niederzuringen. So wurde Cyrill zwar 350 zum Bischof von Jerusalem geweiht, musste aber 357, 360 und 367 jeweils ins Exil gehen. Die letzte Verbannung dauert gar bis 378, erst dann durfte er wieder zurück nach Jerusalem.

Seine eigene Position in den kirchlichen Wirren jener Zeit ist nicht restlos geklärt; unbestritten ist, dass das Werk, das er uns hinterlassen hat, von höchstem Wert ist: Neunzehn Katechesen für die Taufkandidaten; fünf Katechesen für die Getauften; ein Brief an Kaiser Constantius II. über eine Vision des Kreuzes Christi in Jerusalem.

Seine Katechesen sind klar und verständlich. Auch wenn uns der Stil und sprachliche Kontext jener Zeit völlig fremd scheinen mag, kann uns Cyrill auch heute noch mitten ins Herz treffen. Sie bezeugen uns auch, dass die hl. Messe schon in jener Zeit fast genauso gefeiert wurde wie Jahrhunderte später, wie man insbesondere in der fünften mystagogischen Katechese über die Opfermesse lesen kann.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus der ersten Katechese, in der er die Taufkandidaten am Beginn der Fastenzeit zu geistlichen Übungen und zur Beichte anregt:

Jetzt ist die Zeit zu beichten. Beichte, was du in Wort und Tat, bei Nacht und bei Tag begangen hast! Beichte zur rechten Zeit und nimm hin am Tage des Heiles den himmlischen Schatz! Empfange fleißig die Exorzismen! Wohne eifrig den Katechesen bei und merke dir, was man da sagt! Die Worte sind nicht bloß fürs Ohr, sie sollen vielmehr von dir im Glauben versiegelt werden. Alle menschliche Sorge lege beiseite! Der Seele wegen läufst du. Von dem, was zur Welt gehört, nimmst du vollständig Abschied. Was du verabschiedest, ist gering; groß ist, was dir der Herr schenkt.

Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft! Während deines wertlosen Dienstes für die Welt haben schon so viele Jahre ihren Kreislauf vollendet, und nicht willst du vierzig Tage der Seele widmen? „Gönnet euch Ruhe und erkennet, daß ich Gott bin!“ sagt die göttliche Schrift1. Vermeide das viele unnütze Sprechen! Verleumde nicht, höre auch nicht Verleumdungen gerne an, sei vielmehr bereit zum Gebet! Deine geistlichen Übungen mögen zeigen, wem du gestorben bist. Reinige dein Gefäß, damit du noch mehr Gnade erhaltest! Nachlassung der Sünden wird allen in gleicher Weise verliehen, der Hl. Geist aber wird dem einzelnen seinem Glauben entsprechend zuteil. Wer sich wenig plagt, erhält wenig; wer viel arbeitet, hat großen Lohn. Laufe du für dich, schaue auf deinen Nutzen!

Hast du etwas gegen jemanden, so verzeihe ihm! Du kommst, um Nachlassung der Sünden zu erhalten: auch du mußt dem Sünder vergeben. Wie willst du denn zum Herrn sagen: „Vergib mir meine vielen Sünden!“ wenn du deinerseits dem Mitknechte nicht einmal seine wenigen Sünden verzeihest?2

Finde dich eifrig bei den Versammlungen ein! Nicht bloß jetzt, da die Geistlichen dich zum Eifer antreiben, sondern auch später, wenn du die Gnade schon empfangen hast. Ist etwas gut, ehe man etwas erhält, sollte es denn nicht auch nach dem Empfange gut sein? Wenn es vor dem Einpfropfen ratsam war, zu gießen und den Boden zu pflegen, ist es nach dem Verpflanzen nicht noch viel besser?

Kämpfe für deine Seele, vor allem in solchen Tagen! Weide deine Seele mit göttlicher Lektüre! Geistlichen Tisch hat dir der Herr bereitet. Sprich auch du mit dem Psalmisten: „Der Herr weidet mich, nichts wird mir fehlen. Auf Weideplätzen läßt er mich lagern, an erfrischenden Wassern zieht er mich groß, meine Seele führt er zu sich“3.

Die Engel sollen sich mit euch freuen, und Christus selbst, der große Hohepriester, möge in Anerkennung eurer guten Gesinnung euch alle dem Vater vorstellen und zu ihm sagen: „Hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat“4. Möge er euch alle in seinem Wohlgefallen erhalten! Ihm sei Ehre und Macht in die endlose Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.

Da spricht Cyrill auch zu uns in der Fastenzeit: Jetzt ist die Zeit — und wann, wenn nicht jetzt wollen wir vierzig Tage der Seele widmen?

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  1. Ps 45,11. Im Kontext: Kommt und schaut die Taten des Herrn, der Furchtbares vollbringt auf der Erde. / Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde. / ‚Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin, erhaben über die Völker, erhaben auf Erden.‘ / Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg. (Ps 45,9-12) 
  2. Vergleiche das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, Mt 18,23-35. 
  3. Ps 22,1-3. Einheitsübersetzung: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. / Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. / Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. 
  4. Jes 8,18; Hebr 2,13. 

Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Vom nutzlosen und rechten Fasten

Mit dem Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenzeit. Fasten ist dabei heute ja sehr modern. Es gibt „Fastenjoghurt“ und „Heilfasten“. Wenn einige Bekannte abnehmen wollen, dann reden sie nicht mehr von einer Diät — das ist anscheinend nicht mehr en vogue –, sondern vom „Fasten“. Manche suchen richtiggehend nach Mitleid für ihr „aufopferungsvolles“ „Fasten“. Doch mit dem Fasten der Bibel hat das wenig zu tun.

Schon der Prophet Jesaja erinnert seine Mitbürger daran, dass die Zeichen des Fastens nicht um ihrer selbst willen getan werden sollen. Die Zurückhaltung bei Speise und Trank und Prunk unterstützt etwas anderes:

Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht?

Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.

In die gleiche Kerbe schlägt die frühchristliche Schrift „Der Hirte des Hermas“. In einem Gleichnis wird dort das rechte Fasten ausgelotet. Nur auf Speisen zu verzichten, das ist nutzloses Fasten. Vielmehr tut das rechte Fasten etwas für die Gerechtigkeit. Und dazu wird folgendes Gleichnis erzählt:

Ein reicher Großgrundbesitzer vertraut einem treuen und geschätzten Sklaven die Sorge um einen frisch angepflanzten Weinberg an, den er mit einem Zaun umgeben soll. Als Lohn winkt die Freiheit. Der Sklave zäunt den Weinberg ein, gräbt aber dann auch noch den Weinberg um und jätet alles Unkraut. Daher wuchsen die Weinstöcke nun besonders gut. Der Besitzer kommt zurück und ist über die Arbeit des Sklaven entzückt. Begeistert erzählt er seinem Sohn und seinen Freunden von der Leistung des Sklaven und verspricht, ihn zum Miterben einzusetzen, „weil er den guten Gedanken nicht von sich gewiesen, sondern ihn ausgeführt hat.“ Der Sohn stimmt zu. Bei einem folgenden Festmahl bedenkt der Hausherr diesmal auch den Sklaven, doch der lässt einen Teil seinen Mitknechten zukommen, die daraufhin für ihn beten, dass er beim Hausherrn noch mehr Gnade finde. Das hört der Besitzer wiederum, der es Sohn und Freunden erzählt. Alle sehen die Miterbenschaft des Sklaven bestätigt.

Man soll also die Gebote des Herrn halten, der unschwer in dem Großgrundbesitzer zu erkennen ist. Schon das ist genug. Wer darüberhinaus Gutes tut, wird aber besonders gepriesen werden. Im „Hirten des Hermas“ wird daher folgender Rat gegeben:

Das Fasten, welches du beobachten willst, halte also: Fürs allererste hüte dich vor jedem schlechten Worte, jeder bösen Begierde und halte dein Herz rein von allen Eitelkeiten dieser Welt! Wenn du dies beobachtest, wird dein Fasten vollkommen sein. Dabei sollst du es also machen: Zunächst erfülle, was geschrieben steht; dann sollst du an diesem Tage nur Wasser und Brot essen; von den Speisen, die du sonst an diesem Tage genießen würdest, sollst du sodann die Höhe der Auslagen für den in Betracht kommenden Tag berechnen und diese einer Witwe oder einer Waise oder einem Bedürftigen geben und so dich bescheiden, auf dass der, welcher durch deine Bescheidenheit etwas bekommen hat, sein Herz erfülle und für dich zum Herrn bete. Wenn du also so, wie ich es angegeben habe, das Fasten hältst, wird dein Opfer angenehm sein bei Gott, und dies dein Fasten wird eingeschrieben werden, und ein Gottesdienst, der so geübt wird, ist gut, erfreulich und wohlgefällig beim Herrn.

Das klingt ja eigentlich recht vertraut. Das Rezept für den Familienfasttag ist nicht viel anders! Aus dem Verzicht soll etwas Gutes wachsen können. Das kann ein innerer Beitrag sein, wenn man durch das Loslassen freier für Gott wird, oder ein äußerer Beitrag, wie ihn im „Hirten des Hermas“ eine Witwe oder Waise erhalten soll. Aber es darf kein Fasten um des Fastens willen sein, bei dem in Wahrheit nur das eigene Ego im Vordergrund steht.

Zum Thema Fasten würde mir noch mehr einfallen. Wenn man ein Blog schon länger betreibt, hat man aber mitunter den Luxus, auf ältere Texte zurückgreifen zu können. Über die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Joël, die zu Aschermittwoch vorgesehen ist, habe ich 2010 ein paar Gedanken zusammengetragen. Über Sinn und Zweck der Buße habe ich 2011 einen kurzen Text geschrieben. „Warum Fasten sinnvoll ist“ — dazu habe ich 2013 einige Gedanken beigesteuert. Zu Aschermittwoch beginnt eine neue Gelegenheit, denWeg zu Jesus zu nehmen, wie ich meinen Aschermittwoch-Text 2014 betitelt habe.

Ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn

Die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier und die folgende „Babylonische Gefangenschaft“ war für das jüdische Volk, ja für das Judentum als solches ein zutiefst traumatisches Erlebnis. In vielen Texten hören wir von der Verzweiflung der Menschen, dem Elend, der Zerstörung. Wir hören aber auch von Trost, Zuversicht und Treue, die schlußendlich auch unter dem Perserkönig Kyros belohnt wird.

So auch in der ersten Lesung dieses Sonntags, einem Abschnitt aus dem 49. Kapitel des Buches Jesaja:

Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn.

Was für eine Zusage mitten im Elend der Verwüstung und des Exils, in der tiefsten Verlassenheit! Davor wird vom Gottesknecht gesprochen, der nicht bloß die Stämme Jakobs wieder aufrichten soll, sondern ein Licht für die Völker sein wird. Wir wissen aus anderen Texten Jesajas, dass dieser Gottesknecht viel erleiden muss. So wird er selbst das Gefühl haben, dass Gott ihn verlassen hat.

Aber genau in diese Momente hinein spricht der Herr diese liebevolle, zärtliche Verheißung. Seine Kinder vergißt Gott gerade in ihren dunkelsten Augenblicken nicht. Freilich, wie das Beispiel der Babylonischen Gefangenschaft zeigt, sind es oft überraschende Umwege, in denen sich Gottes Fürsorge offenbart.

Ohne Zweifel? Irenäus, die Tradition der Apostel und Papst Franziskus

Zu Kathedra Petri habe ich einen alten Blogtext von mir wieder gelesen, in dem ich den heiligen Irenäus von Lyon zitiert habe — und habe mich dabei gefragt, was Irenäus wohl mit „sine dubiis“ angefangen hätte, einem Aufruf zu unbedingter Loyalität gegenüber Papst Franziskus.

In einem Kapitel, in dem er den Begriff der kirchlichen Überlieferung erläutert und sich gegen diejenigen wendet, die sich im Besitz angeblicher christlicher Geheimlehren wähnen, schreibt er:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.1

Der besondere Vorrang der römischen Kirche gründet sich für Irenäus auf ihren besonderen apostolischen Ursprung: Petrus und Paulus haben sie gegründet; sie ist die „sehr große und sehr alte und allbekannte“. Schließlich verfügt sie über eine klare Sukzession, mit der die sichere Weitergabe des überlieferten christlichen Glaubens bezeugt war. Zudem kommen Christen von überall her nach Rom; die Gefahr einer Entwicklung lokalen Sonderguts ist also geringer als anderswo.

Irenäus geht es nicht um bedingungslose Akzeptanz dessen, was immer der jeweilige Papst zu sagen hat, sondern um ein Kriterium, was überlieferter Glaube ist und was es offensichtlich nicht ist. Denn auch rechtgläubige Bischöfe in apostolischer Sukzession dürfen einander widersprechen und kritisieren, wie es in der Antike zum Teil recht lebhaft der Fall war, insbesondere in den turbulenten Zeiten des 4. Jahrhunderts. Oder denken wir an den Monotheletismus-Streit, bei dem der Bischof von Rom nicht immer eine glückliche Figur gemacht hat.

Das besondere allerdings ist, dass sich schon in den frühesten Zeiten der Bischof von Rom in der Debatte vielleicht nicht immer klar auf der Seite der Orthodoxie befunden hat, jedoch am Schluss immer die Überlieferung hochgehalten hat. Und selbst die verbrecherischsten Gestalten auf den Stuhl Petri haben wohl im einzelnen höchst problematische Entscheidungen gefällt, doch niemals die überlieferte Lehre selbst in Frage gestellt.

Das entspricht Jesu Versprechen an Petrus (Mt 16). An Petrus, der von Paulus bekanntlich im Galaterbrief heftig kritisiert wurde! Das ist im wesentlichen auch der Inhalt des oft missverstandenen „Unfehlbarkeitsdogmas“, bei der es ja um die Sicherung des überlieferten Glaubensgutes durch den Nachfolgers Petri geht. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und geht nicht auf die menschlichen Eigenschaften der Päpste zurück, die im Laufe der Geschichte in einer großen moralischen Bandbreite aufgetreten sind.

Päpste sind eben grundsätzlich auch nur Menschen, möchte man sagen. Papst Franziskus würde das sicher bestätigen. Und sich wohl auch wundern, dass man ihm „ohne Zweifel“ in allem folgen soll.


  1. Sie ist übrigens nicht der einzige Bischofssitz, der Zeugnis der apostolischen Tradition legen kann; vielmehr der wichtigste unter einen großen Zahl. Er erwähnt in der Folge auch als leuchtende Beispiele Polycarp von Smyrna und die Kirche von Ephesos. Polycarp, der heute am 23. Februar seinen Gedenktag hat, war noch selbst mit den Aposteln verkehrt. Die Kirche von Ephesos geht auf Paulus selbst zurück; der Apostel Johannes hat lange dort gelebt. 

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Sankt Agnes vor den Mauern

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch


Die heilige Agnes muss eine sehr beeindruckende Person gewesen sein. Nach ihrem Martyrium im 3. Jh. im Zuge der römischen Christenverfolgungen wurde sie sehr bald verehrt, wie z.B. der hl. Ambrosius berichtet. In Rom zeugen zwei Kirchen besonders von der Verehrung der hl. Agnes. Die bekanntere ist Sant’Agnese in Agone, am Ort ihres Martyriums an der heutigen Piazza Navona, dem früheren Circus Agonalis. Sie geht zumindest auf das frühe Mittelalter zurück. Doch weitaus ältere Wurzeln hat Sant’Agnese fuori le mura. Ganz in der Nähe stehen Reste einer konstantinischen Agnes-Basilika, die gewaltige Ausmaße besessen haben muss. Die Basilika wurde von der Kaisertochter Constantia gestiftet, die daneben auch ihr heute noch erhaltenes Mausoleum errichten ließ.

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In den Wirren der Völkerwanderungszeit verfiel die Basilika, so dass Papst Honorius (625-638) eine kleinere Kirche daneben errichten ließ – direkt über dem Grab der hl. Agnes und den Katakomben, in denen viele weitere Menschen begraben sind. Die Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten umgestaltet, doch kann man mit dem wunderbaren Mosaik in der Apsis, dass Papst Honorius, die hl. Agnes im Gewand einer Prinzessin und eine weiteren Papst zeigt, ein Blick in die Entstehungszeit der Kirche geworfen werden. Auch die Säulen, die aus verschiedenen römischen Gebäuden zusammengestellt wurden, sogenannte Spolien, tragen schon seit dem 7. Jahrhundert die Emporen.

Decke in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Decke aus dem Jahr 1606 in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In Sant’Agnese werden jedes Jahr zum 21. Jänner, dem Gedenktag der hl. Agnes, zwei Lämmer durch den Papst gesegnet, deren Wolle für die Pallien verwendet wird, die der heilige Vater den Erzbischöfen als Zeichen ihres Amtes verleiht. Diese Pallien werden dann in Santa Cecilia in Trastevere von den dortigen Nonnen unter Beifügung weiterer Wolle — es gibt einfach schon zu viele Erzbischöfe für zwei Lämmer — gewoben.

Der Zusammenhang Agnes und Agnus (lateinisch für Lamm) ist dabei klanglich offensichtlich. Schon im Apsismosaik wird Agnes mit dem Lamm dargestellt — sie soll auch wie ein Lamm getötet worden sein, nachdem die anderen Tötungsversuche misslangen. Ihre Ziehschwester Emerentiana wurde wenige Tage später gesteinigt, als sie vom Pöbel dabei überrascht wurde, wie sie am Grab der Agnes betete. Ihr Grab ist in der gleichen Kirche, ihr Gedenktag der 23. Jänner.