Halleluja!

Der Stein, den die Bauleute verwarfen,
er ist zum Eckstein geworden.
Das hat der Herr vollbracht,
vor unseren Augen geschah dieses Wunder.
Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat;
wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.
Ps 117 (H 118), 22-24

Allen ein gesegnetes, frohes und friedliches Osterfest!

Die sieben Kreuz-Worte

Kreuzigung Christi. (Limoges Émail, KGM Berlin)

Kreuzigung Christi. (Limoges)

  1. O Jesu, deine Sieben Wort,
    Mit denen du am Kreuze dort
    Hast gute Nacht gegeben,
    Die lass einst selig führen fort
    Auch mich aus diesem Leben.

  2. Lass mich vergeben meinem Feind
    Und sterben aller Menschen Freund,
    Von gutem Herzen bitten
    Vor jeden, der es bös gemeint,
    Dies waren deine Sitten.

  3. Lass mich bestellen wohl mein Haus,
    Mein Gut den meinen teilen aus,
    Versorgt sie hinterlassen,
    Vorsorgen auch um eine Klaus,
    Den Leib ins Grab zufassen.

  4. Gib, dass nach deinem Paradeis
    Im Ende meiner Lebensreis
    Mög’ meine Seel’ verlangen.
    lass nach dem Tod am Himmelskreis
    Mich als ein Sternlein prangen.

  5. Dein Geist mir schreien helf’ im Tod:
    Lass mich nit in der letzten Not
    Von Gott verlassen werden.
    Der Tod mir rufe als dein Bot
    Gen Himmel von der Erden.

  6. Alsdann, wann meine Sünd’ in mir
    Sich reget und mich dürst’ nach dir,
    So lass mich nicht verzagen.
    Tröst’ mich durch deinen Diener hier,
    lass mich die Not ihm klagen.

  7. Kommt aller meiner Tage Nacht,
    So lass mich dein „Es ist vollbracht“
    Mit Freuden dir nachsprechen.
    Gib mir auch, dass fein sanft und sacht
    Mir Herz und Augen brechen.

  8. Den Geist, wann er nun reisen soll,
    Dein Geist mir helf’ empfehlen wohl
    Zu deines Vaters Händen.
    Die Seel’ dein Engel zu dir hol,
    So kann ich selig enden.

  9. Wann ich mit dir stimm’ also an,
    Werd’ ich dir nach mich als ein Schwan
    Gen Himmel können schwingen.
    Lass, Jesu, auf der Todesbahn
    Mich zu dem Leben dringen.

– Sigmund von Birken (*1626, † 1681)
(Quelle: zeno.org)

Die Karwoche, das ist hier und jetzt

Wer bin ich vor dem Herrn?, fragt Papst Franziskus. Wer bin ich in den Tagen des feierlichen Einzugs, in den Tagen des Leidens und Sterbens, am Tag der Auferstehung?

In Elsas Nacht(b)revier finden sich dazu sehr schöne Gedanken, ausgehend von der „Gebrechlichkeit der menschlichen Natur“.

Diese Gebrechlichkeit war Jesus vertraut, ist der Kirche vertraut. Deswegen bedürfen wir der Vergebung, Liebe, Barmherzigkeit. Deswegen ist die Vergebung der Sünden eine so wichtige Vollmacht, die Jesus seinen Jüngern erteilt. Deswegen ist das Sakrament der Buße ein so kostbares: Kostbar erkauft, kostbar für uns selbst.

Die Geschehnisse der Karwoche und die Auferstehung sind daher keine abgeschlossenen, vergangenen Dinge; sie sind Gegenwart, wirken hier und jetzt. Am Gründonnerstag sagt der Priester im I. Hochgebet nicht ohne Grund: „Am Abend, bevor er für unser Heil und das Heil aller Menschen das Leiden auf sich nahm – das ist heute -,“

Wer immer wir in den Geschehnissen der Karwoche sind, so ist uns aber die Umkehr zu Gott nicht versperrt.

Einer der Schächer, ein verurteilter Verbrecher, bekehrte sich noch am Kreuz. Einer der Soldaten, die ja mit Jesu ihren Spott trieben, bekannte Jesu’ Gottheit nach der Kreuzigung. Petrus verleugnet den Herrn in jener Nacht dreimal, und wird doch von Jesus nachher aufgefordert, seine Herde zu führen. Die mutlosen Jünger werden bald mutvoll in die ganze Welt ausgesandt, um von der Auferstehung zu berichten. Aus dem Volk, das Jesu’ Kreuzigung gefordert hatte, ließen sich zu Pfingsten und danach viele taufen.

Einzig über den römischen Statthalter und die verantwortlichen Hohepriester weiß die Schrift kein Bekehrungserlebnis zu berichten; freilich gibt es eine ostkirchliche Tradition einer solchen. All den Beispielen ist gemeinsam, dass sich die Betroffenen schließlich von Jesus anrühren ließen, dass sie nachdenklich geworden sind, ihr eigenes Handeln neu bewertet haben.

Jesus betet am Kreuz, in der dunkelsten Stunde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Als sie aber wussten, was sie getan hatten, bekehrten sie sich. Wer aber weiß und sich nicht bekehrt –

Das bringt mich noch zu einem kurzen Gedanken. Mit Kreuzigung und Auferstehung ist auch die Symbolik des Jüngsten Gerichts verwoben, wenn Recht und Gerechtigkeit wieder eins werden. Dieses Gericht wurde lange nicht unbedingt als Drohung empfunden, sondern als erlösendes Versprechen angesichts des Ungerechtigkeit in der Welt. Diese Ungerechtigkeit kann man aber nicht durch noch mehr Ungerechtigkeit bekämpfen.

Im 1. Petrusbrief heißt es: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.“ Denn so heißt es schon bei Jesus Sirach: „Wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen?“

Jesus durchbricht die Spirale der sich gegenseitig steigernden Gehässigkeiten und Ungerechtigkeiten. Und er lädt zu einem Gericht, das alle Ungerechtigkeit beseitigen wird. „Herrlich ist das für all seine Frommen.“ (Ps 149,9)

Es kommt der König der Herrlichkeit

Nach Wochen des Weges kommen wir nun, am Beginn der letzten Woche der Fastenzeit, endlich nach Jerusalem. Das Ziel scheint erreicht, Zeit für ein großes Fest, eine große Freude. Im Matthäus-Evangelium wird berichtet: „Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“

Je nach Dauer der Palmprozession können nun die Psalmen 23 (masoretisch 24) und 46 (47) gebetet werden, in denen der Einzug des Herrn in sein Heiligtum gepriesen, und Gott als König aller Völker gefeiert wird. Aus Psalm 23 stammen etwa die berühmten Worte:

Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr, stark und gewaltig, der Herr, mächtig im Kampf.
Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.

Jesus wird als Sohn Davids gefeiert, als Angehöriger des Königshauses, der kommt „im Namen des Herrn“, und nun in seiner Stadt einzieht. Beim Prophet Jesaja und anderen kann man schon nachlesen, dass der Gesandte Gottes nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen werden wird. Man musste freilich kein Prophet sein, um Konflikte mit den Mächtigen in Jerusalem vorherzusagen, Wunder hin, Vollmacht her. Auch Jesus selbst weiß darum, weswegen er seine Jünger schon vor dem Einzug in Jerusalem immer wieder darauf vorbereitet.

Und so wird es aus dem prächtigen Einzug des „Königs der Herrlichkeit“ bald ein bitterer Leidensweg. Dass sich an dessen Ende dieser Jesus als ein ganz besonderer „König der Herrlichkeit“ erweisen sollte, der den Tod selbst besiegt — das ahnt am Palmsonntag wohl kaum jemand.

Zum Passionssonntag: Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit hieß jahrhundertelang Passionssonntag oder Sonntag „Iudica“ nach dem Eröffnungsvers: „Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta : ab homine iniquo et doloso erue me. Quia tu es, Deus, fortitudo mea.“ — im jetzigen Messbuch übersetzt als: „Verschaff mir Recht, o Gott, / und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk! / Rette mich vor bösen und tückischen Menschen, / denn du bist mein starker Gott.

An diesem Sonntag wurde der Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, welcher der Heilung des Blinden vorangeht. Jesus redet im Tempel; dabei gerät er in eine Konfrontation mit ihm feindlich gesinnten Personen, die ihm vorwerfen, ein Samariter und ein Besessener zu sein. Es steht bereits im Raum, dass er getötet werden solle; am Schluss der Szene wollen ihn einige steinigen. Die kommende Passion ist schon spürbar.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Erzählung der Ehebrecherin, die kurz zuvor ins Evangelium eingeflochten ist, zusätzlichen Sinn. Jesus entlarvt da die Heuchelei der Steiniger, die doch selbst Sünden auf sich geladen haben. Um wieviel seltsamer ist es, dass sie nun ihn steinigen wollen, dem sie keine Sünde nachweisen können. Ja, sie tun es wohl, weil sie ihm Gotteslästerung vorwerfen; doch sind sie es nicht selbst, die Gott lästern? Sie sehen Gottes Taten durch ihn, sie hören seine Worte, und wollen ihn trotzdem nicht annehmen. Eigentlich sind sie „widerlegte Zeugen“, die nach Ansicht vieler Schriftgelehrten — nicht aber der Sadduzäer — bei einer Anklage, die den Tod fordert, selbst so bestraft werden sollen wie der von ihnen beschuldigte. Abgesehen davon übertreten sie mit ihrer Lynchjustiz ja das jüdische Gesetz, selbst wenn Jesus schuldig wäre.

Nun spricht Jesus im Tempel [die Last der Sünde direkt an](http://www.bibleserver.com/text/EU/Johannes8,31-36 “Bibel: Johannes 8,31-36), die er schon in der Geschichte der Ehebrecherin angesprochen hatte: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien. […] Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer im Haus. Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.“

Die Perikope des Passionssonntags bringt in der außerordentlichen Form einen Ausschnitt aus dieser dichten Stelle, in dem nicht bloß die Passion, sondern auch schon die spätere Auferstehung thematisiert wird. Jesus sagt: „Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.“ Die mit ihm streiten, scheinen nicht an die auch im Judentum jener Zeit durchaus verbreitete Vorstellung einer Auferstehung der Toten zu sein, denn bei freundlicher Interpretation hätte man diesen Satz ja wohl so verstehen können. Bekanntlich lehnten aber die Sadduzäer, die den Tempel dominierten, den Glauben an die Auferstehung ab. Und so erinnert ihre Argumentation auch ein wenig an jene der Sadduzäer, die Jesus den Irrtum der Auferstehung beweisen wollen. Abraham und die Propheten seinen gestorben, wie könne er da ewiges Leben versprechen. Sei er größer als Abraham? Jesus legt ein Bekenntnis in Analogie zum Johannesprolog ab: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Im Anfang war das Wort.

Dieses Wort will befreien, doch dieses Wort wird oft nicht erkannt, nicht aufgenommen. Wo es aber aufgenommen wird, da macht es frei. Eine tiefe, grundlegende Freiheit. Die Freiheit der Kinder Gottes: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“

Verwüstungen in vier Wiener Kirchen

Die Einordnung beginnt schon in der Überschrift: „Vandalenakte“. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber spricht von einem „Wahnsinnigen“, der „psychotisch verengt“ sei. Der 37-jährige Ibrahim A. aus Ghana, so ist zu erfahren, habe die Inneneinrichtung von vier Wiener Kirchen beschädigt, Statuen zerstört, Taufbecken demoliert, um gegen die Statuenverehrung vorzugehen.

Den finanziellen Schaden haben die Pfarrgemeinden, die nun wieder viel Geld für die Renovierung der zerstörten Kunstwerke oder die Beschaffung neuer aufwenden müssen. Vom Täter ist aufgrund seines Status als Asylwerber wohl kein Ersatz zu erwarten. Vielmehr hat die Polizei ihn wieder auf freien Fuß gesetzt, damit er weiteres Unheil anrichten kann.

Die einen sagen: Verwirrt. Ja, wenn die Bilderstürmer in Arabien, Byzanz oder den Niederlanden auch alle verwirrt waren.

Ich denke daher eher: Überzeugungstäter. Und nicht der einzige, wie eine Reihe weiterer solcher Verbrechen zeigen, die in Österreich in letzter Zeit verübt wurden. Antichristliche Gewalttaten sind im Steigen begriffen; die christlichen Kirchen verhalten sich aber in etwa so wie Herr Biedermann angesichts der Brandstifter und spielen die Gefahr herunter.

Öffentlich hat sich bis jetzt nur der Wiener ÖVP-Obmann Manfred Juraczka hervorgetan, der erinnert, dass Übergriffe auf religiöse Stätten kein Kavaliersdelikt sind, sondern Ausdruck massiver Intoleranz: „Auch und gerade jene, die manche von der Kirche vertretenen Positionen ablehnen, könnten jetzt manifestieren, dass ihnen Toleranz, Meinungs- und Religionsfreiheit Anliegen sind.“

Darauf kann man freilich lange warten. Wenn jemand mehrere Moscheen verwüstet hätte, wäre wohl überall von einem besorgniserrengenden Klima des Extremismus und Hass zu lesen. Richtigerweise. Kirchen? Da fragen sich die Betroffenheitsspezialisten wohl eher, warum der Täter sie nicht effizienterweise gleich abgefackelt hat.

Mit Leib und Seele sehen

Die Halbzeit der Fastenzeit ist schon überschritten, wie uns der Sonntag Laetare ankündigt. Rosa Paramente zeige die freudigere Grundstimmung an.

Darauf stimmt uns eine lange Passage aus dem Johannes-Evangelium ein, in der Jesus einen Blinden heilt — der dafür viel Kritik von den Schriftgelehrten einstecken muss. Schon der Anfang ist bemerkenswert. Jesus sieht, nachdem er am Sabbat den Tempel in Jerusalem verlassen hat, den Blinden an. Offenbar deutlich genug, dass seine Jünger ihn danach fragen, wer die Sünde zu verantworten habe, wegen der er blind sei. Jesus lehnt diese Deutung aber ab: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Solange es Tag ist, müssen wir die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Und dann heilt der den Blinden, der gar nicht darum gebeten hatte. Zumindest aber folgt er Jesu Anweisung, den Teig aus Erde und Speichel auf seinen Augen im Teich Schiloah wieder herunterzuwaschen, worauf er wieder sieht. Gott erwartet nicht allzuviel von uns, damit uns seine Hilfe zuteil wird. Auf sein gutes Wort hören, das genügt schon.

Jetzt kommt es zu einer geradezu köstlichen Szene: Niemand kann sich vorstellen, dass der Blinde beim Tempel geheilt wurde; daher muss es wohl jemand sein, der ihm ähnlich sieht. Er bestätigt nun, dass er es selbst ist, und erzählt die Geschichte seiner Heilung. Auch die Pharisäer interessieren sich für die Heilung, die für sie aber kein Beleg dafür ist, dass Jesu’ Anspruch, den er zuvor im Tempel formuliert hatte, irgendwie Gehalt hätte. Einige sind überzeugt: Da die Heilung am Sabbat stattfand, muss sie vom Bösen initiiert sein. Jesus ist in ihren Augen ein Sünder, ein Abgefallener. Andere halten die Geschichte überhaupt für einen Schwindel, und befragen die Eltern und den Geheilten selbst noch einmal intensiv. Das wird dem ehemals Blinden langsam zu dumm, und er antwortet schließlich: „Ich habe es euch schon gesagt. Aber ihr habt nicht darauf gehört. Warum wollt ihr es nochmals hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ Das bringt sie in Rage — und macht deutlich: Bei aller ihrer Gelehrtheit, bei all ihrem Wissen sind sie doch blind für Gottes Wirken.

Der ehemals Blinde wird nun aus der Synagoge ausgestoßen; als Jesus dies hört, trifft er ihn wieder, und gibt sich ihm als der Menschensohn, der Messias zu erkennen. Während ihn dieser Mensch nun bekennt, an ihn glaubt, erkennen die Pharisäer nichts. Und so sagt Jesus hintergründig: „Wäret ihr blind, so würdet ihr ohne Sünde sein. Nun aber sagt ihr: Wir sehen! – Darum bleibt eure Sünde.“ Wie es in der „Catena Aurea“ dazu heißt: „Oder auch: ‚Wenn ihr blind wärt‘, das bedeutet der Schriften unkundig, dann würde keine so große Sünde auf euch lasten, so wie bei denen, die aus Unwissenheit sündigen. Nun aber, da ihr ja weise und Gesetzeslehrer seid, seid ihr durch euch selbst verurteilungswürdig.“

Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, sich die geistigen Augen von Gott reinigen zu lassen, klarer zu sehen. Dabei kommt es nicht unbedingt auf tiefgründige theologische Gelehrtheit an; sie führt etwa die Pharisäer im genannten Text sogar in die Irre. Das ist nicht weiter verwunderlich: Gerade umso gebildeter man ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es, kognitive Dissonanzen erfolgreich wegzurationalisieren. Wir sollen aber weder den Wider- noch den Zuspruch Gottes wegrationalisieren, sondern uns von ihm anrühren lassen. So wie der Blinde, der um Gottes Hilfe vielleicht nicht einmal gebeten hatte, und doch von ihm zu einem leiblich und seelisch Sehenden gemacht wurde.

Freu Dich, Begnadete!

Das eine Schwangerschaft etwa neun Monate dauert, das war schon in der Antike gesichertes Wissen. Und so feiern wir neun Monate vor Weihnachten am 25. März das Fest der Verkündigung des Herrn, oder Mariä Verkündigung. Ähnliche Dopplungen gibt es für Maria (Unbefleckte Empfängnis Mariens am 8. Dezember) und in der Ostkirche für Johannes den Täufer (24. September).

Das Thema dieses Festes hat die Kunst schon seit Jahrhunderten beflügelt. Es ist ja auch eine unerhörte Begebenheit: Zur jungen, unverheirateten Maria kommt plötzlich jemand, erzählt ihr von ihrer besonderen Rolle in Gottes Heilsplan, verkündet ihr einen Sohn, der „über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen“ wird. Obwohl sie doch noch Jungfrau war! Das klingt einmal sehr befremdlich. Sie aber sagt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Dieser Gehorsam, dieses Hören und Vertrauen auf Gott, hat Maria über die Jahrhunderte zum Vorbild für viele werden lassen.

Die Verkündigung geschieht teilweise in Gedichtform; dieses besteht aus 4×2 und 2×3 Zeilen, insgesamt als 14, die von Lukas kunstvoll als 1+(1+6)+6 in die Erzählung eingeflochten werden, und zusammen mit dem Magnificat, dem Benedictus und dem Nunc dimittis ein Beweis der hohen literarischen Qualität des Textes und der tiefen Verwurzelung Lukas’ in der jüdischen Tradition ist. Dabei verwendet der Evangelist Parallelismen, wie sie für biblische Dichtung, wie etwa in den Psalmen, üblich sind, und durch die sich die Rede des Engels und auch Mariens vom erzählenden Text abhebt.

χαῖρε, κεχαριτωμένη, / ὁ κύριος μετὰ σοῦ […]
μὴ φοβοῦ, Μαριάμ, / εὗρες γὰρ χάριν παρὰ τῷ θεῷ.

καὶ ἰδοὺ συλλήμψῃ ἐν γαστρὶ / καὶ τέξῃ υἱὸν
καὶ καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ / Ἰησοῦν.
οὗτος ἔσται μέγας / καὶ υἱὸς ὑψίστου κληθήσεται
καὶ δώσει αὐτῷ κύριος ὁ θεὸς / τὸν θρόνον Δαυὶδ τοῦ πατρὸς αὐτοῦ,
καὶ βασιλεύσει ἐπὶ τὸν οἶκον Ἰακὼβ / εἰς τοὺς αἰῶνας
καὶ τῆς βασιλείας αὐτοῦ / οὐκ ἔσται τέλος. […]

πνεῦμα ἅγιον / ἐπελεύσεται ἐπὶ σὲ
καὶ δύναμις ὑψίστου / ἐπισκιάσει σοι·
διὸ καὶ τὸ γεννώμενον / ἅγιον κληθήσεται υἱὸς θεοῦ.
καὶ ἰδοὺ Ἐλισάβετ ἡ συγγενίς σου / καὶ αὐτὴ συνείληφεν υἱὸν ἐν γήρει αὐτῆς
καὶ οὗτος μὴν ἕκτος ἐστὶν / αὐτῇ τῇ καλουμένῃ στείρᾳ·
ὅτι οὐκ ἀδυνατήσει / παρὰ τοῦ θεοῦ πᾶν ῥῆμα.

Freue dich, Begnadete, / der Herr ist mit dir. […]
Fürchte dich nicht, Maria; / denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

Siehe, du wirst empfangen /und einen Sohn gebären:
dem sollst du den Namen geben: / Jesus.
Er wird groß sein / und Sohn des Allerhöchsten genannt werden,
Und Gott, der Herr, wird ihm / den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob herrschen / in Ewigkeit,
und seines Reiches / wird kein Ende sein. […]

Heiliger Geist / wird über dich kommen,
und Kraft des Allerhöchsten / wird dich überschatten.
Darum wird auch das Kind, das geboren wird, / heilig und Sohn Gottes genannt werden.
Siehe, auch Elisabeth, deine Verwandte, / hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen,
und sie, die als unfruchtbar galt, / ist schon im sechsten Monat.
Denn bei Gott / ist kein Ding unmöglich.

Beispielsweise grüßt der Engel Maria in einer Dopplung, denn der Nachsatz verdeutlicht nur, das sie „voll der Gnade“ ist. Im folgenden Text — griechisch bei bibelwissenschaft.de zu finden — wird dies noch deutlicher, siehe z.B. den Parallelismus am Schluß der Rede, in der im griechischen Text zwei Mal ein Wort mit dem Stamm βασιλ- steht, und beide Sätze mit Bezeichungen für die Ewigkeit enden, oder in der Doppelzeile davor, in der der Satzteil „Sohn des Allerhöchsten“ mit „Thron seines Vaters David“ übereinstimmt und die Abstammung Jesu aus dem Hause David sowie von Gott selbst her hervorhebt. Die Zeile, in der Jesu Name genannt wird, war möglicherweise so konzipiert, dass der Name für sich allein nach einer Zäsur vorgelesen würde und so mehr Gewicht erhält.

Die Schlußzeile endet im Original mit dem Wort „ῥῆμα“, das heißt: „Wort“ oder „Sprechakt“. Kein Wort Gottes ist ohne Kraft, so heißt es wörtlich. Das ist nicht nur ein Programm für die Verkündigung, sondern auch ein Programm für das Evangelium selbst!

Die Frau am Jakobsbrunnen

Duccio di Buoninsegna: Jesus Christus und die Samariterin

Duccio di Buoninsegna: Jesus Christus und die Samariterin

Die Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen ist eine überaus spannende Perikope. Gut, dass wir in der Fastenzeit Gelegenheit bekommen, sie ein wenig näher zu betrachten.

Jesus quert bei seiner Reise Samarien, eine Gegend, die in großer Spannung mit Judäa steht. Die Samaritaner als Nachfahren des Nordreichs sahen sich als Hüter der wahren Tradition; die Judäer im Süden wiederum betrachteten die Samaritaner als durch fremde Einflüsse abtrünnig gewordene. Heute haben wir wegen des barmherizgen Samariters mit diesem Begriff positive Assoziationen, doch die Parabel schöpft ihre Kraft daraus, dass ein Samariter so ziemlich der letzte gewesen wäre, den man sich als Retter des überfallenen Juden vorgestellt hätte.

Jesus kommt ausgerechnet zum Jakobsbrunnen, benannt nach dem Stammvater Jakob, am Fuße des heiligen Bergs der Samaritaner. Um die sechste Stunde, also um die heiße Mittagszeit, sitzt Jesus beim Brunnen, auf seine einkaufenden Jünger wartend, und trifft eine Frau, die wohl aus gutem Grund erst um diese Zeit zum Brunnen geht. Immerhin läuft sie nach ihrer Unterhaltung mit den Worten „Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe.“ ins Dorf.

Die beiden beginnen aber ein Gespräch. Damit hat die Frau, die vielleicht selbst in ihrer Gemeinde gemieden wird, wohl nicht gerechnet. Noch mehr: Obwohl er ein Jude und sie ein Samaritanerin ist, obwohl ein fremder Mann eine fremde Frau damals nicht anzusprechen hatte, ja, obwohl er um ihre Vergangenheit bescheid weiß, spricht er mit ihr. Das allein ist schon eine bemerkenswerte Wendung, die viel über die liebevolle Zuwendung Jesu zu den Menschen sagt.

Im Verlauf des Gesprächs gibt sich Jesus als der Messias zu erkennen, auf den auch die Samaritaner warten. Die Unterschiede zwischen Samaritanern und Juden, die sich auch am Ort der Verehrung entzünden, werden nach seinen Worten bald an Bedeutung verlieren: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Das Heil kommt also von den Juden, wird aber weit darüber hinausgreifen.

Schließlich bekennt der ganze Ort Jesus als Messias, nachdem die herbeigerufenen Bewohner ihn selbst gehört haben — das Zeugnis der fünfmal verheirateten Frau, die nun im Konkubinat lebte, reichte nicht aus.

Es gibt beim Kirchenvater Hieronymus eine interessante Deutung der fünf ehemaligen Männer: „Sie verließ die fünf Männer des mosaischen Pentateuches und den sechsten, den sie zu besitzen sich rühmte, nämlich die Irrlehre des Dositheus, und fand den wahren Messias und den wahren Erlöser.“ Dositheus war nämlich ein jüdischer Irrlehrer, der sich selbst als samaritanischer Messias ausgab. Eine Deutung der Fünfzahl als den Pentateuch ist jedenfalls nicht abwegig.

Die Geschichte der Frau am Jakobsbrunnen zeigt, was mit offenem Herzen möglich ist: Denn Gott begegnet uns an unerwarteten Stellen, spricht uns direkt an, auch wenn wir uns von ihm abgewandt hätten, will uns berühren und verwandeln. Wenn wir uns berühren lassen, erfahren wir die umfassende Zuwendung des Messias.

Verklärung: Wenn zwei oder drei Zeugnis geben, hat jedes Wort Bestand.

An diesem Zweiten Sonntag der Fastenzeit wird im Evangelium der Verklärung Christi am Berg Tabor gedacht: Mose und Elija begegnen Jesus, und die drei anwesenden Apostel Petrus, Jakobus und Johannes sind vor allem ratlos. Die Verklärung fand vielleicht zum Laubhüttenfest (Sukkot) statt — daher vielleicht auch der Hinweis Petri auf das Bauen der Hütten.

Ein passender Text zur Fastenzeit: Die Apostel erhalten bereits während der Verkündigung ein deutliches Zeichen der heilsgeschichtlichen Rolle Jesu, doch erst nach Passion und Auferstehung können sie es richtig deuten. Auch wir können vieles nur mit und von Ostern her verstehen, was uns in den Fastenzeiten unseres Lebens geschieht.

Papst Leo der Große hat in einer Predigt sieht die Verklärung vor allem als Stärkung des Glaubens:

„Bei dieser Verklärung handelte es sich in erster Linie darum, aus den Herzen der Jünger das Ärgernis zu entfernen, das sie an seinem Kreuze nahmen. Auch sollte die Unterwürfigkeit, mit der er sein freiwilliges Leiden auf sich nahm, die nicht in ihrem Glauben wankend machen, denen er seine verborgene Hoheit und Würde geoffenbart hätte, zeigte sich Jesus aber auch ebenso dafür besorgt, die Hoffnung seiner heiligen Kirche auf sicheren Grund zu stellen, damit der ganze Leib Christi wüsste, welche Umgestaltung seiner wartet, und all seine Glieder fest darauf bauten, dass sie der Glorie teilhaftig würden, die bereits im voraus an ihrem Haupte zutage getreten sei. […] “

„Um die Apostel zu stärken und sie über alles aufzuklären, wurden sie bei jenem Wunder auch noch von anderer Seite belehrt. Es erschienen nämlich Moses und Elias, das heißt das Gesetz und die Propheten, und redeten mit Christus. So bewahrheitete sich also in der Gegenwart jener fünf Männer der Ausspruch: ‚Wenn zwei oder drei Zeugnis geben, hat jedes Wort Bestand.‘ Was wäre denn dauernder und bleibender als eben dieses ‚Göttliche Wort‘, bei dessen Verkündigung die Posaunen des Alten und des Neuen Testamentes harmonisch zusammenklingen und sich die Zeugnisse des Alten Bundes mit der Lehre des Evangeliums decken? Sind sich doch die Schriften beider Testamente gegenseitig eine Stütze. Er, der durch Vorbilder unter dem Schleier verschiedener Geheimnisse verheißen war, zeigte sich jetzt klar und deutlich bei seiner glorreichen Verklärung. ‚Das Gesetz‘, sagt der selige Johannes ‚wurde durch Moses gegeben, die Gnade und die Wahrheit aber ist durch Christus geworden‘. In Christus also ging in Erfüllung, was die Vorbilder der Propheten verheißen und die Vorschriften des Gesetzes beabsichtigt hatten: Durch seine Gegenwart bestätigt er die Richtigkeit der Weissagungen und durch seine Gnade ermöglicht er die Befolgung der Gebote.“

Wie einfach sich bei Leo alles zusammenfügt: Durch Gesetz und Propheten leuchtet uns schon der entgegen, der am Berg Tabor selbst verklärt wurde.