Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz

Am 7. Oktober ist im Kalender das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz vermerkt, das früher in Österreich in wichtiges Marienfest war, ist es doch mit dem Sieg über die türkische Bedrohung bei der Seeschlacht von Lepanto 1571 verbunden. Dieser Zusammenhang wurde dann auch von Kaiser Karl VI. nach der Schlacht von Peterwardein 1716 bemüht, um eine Rangerhöhung des Festes zu erreichen.

Das Fest wird missverständlicherweise oft auch einfach „Rosenkranzfest“ genannt. Unter diesem Namen ist damit auch eine große Kundgebung des Widerstands gegen das Dritte Reich verbunden: Als sich am 7. Oktober 1938 7.000 Jugendliche im Stephansdom zu einem auf abenteuerliche Weise organisierten Gebetstreffen zusammenfanden. Der Wiener Erzbischof Theodor Kardinal Innitzer entschuldigte sich bei den Jugendlichen für sein Verhalten im März und April 1938 und predigte in deutlichen Worten; u.a. rief er ihnen zu: „Einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus, wenn ihr Ihm die Treue haltet, werdet ihr niemals verloren gehen.“ Postwendend stürmte die Hitlerjugend das Erzbischöfliche Palais, verwüstete es und warf u.a. Domkurat Johann Krawarik aus dem Fenster. Gauleiter Bürckel hielt bei einer extra als Antwort organisierten
Großkundgebung Schmähreden gegen den Kardinal („Innitzer und Jud, eine Brut“). Da Friedenszeit war und bald auch viele ausländische Medien darüber berichteten, waren schlimmere Reaktionen dann aber ausgeblieben.

So, wie die Gebete der Rosenkranz-Bruderschaften nach der Überzeugung vieler wesentlichen Anteil am Sieg in Lepanto hatten, so war schließlich 1955 die Überzeugung groß, dass der Rosenkranz-Sühnekreuzzug von P. Petrus Pavlicek für Österreichs Weg zur Freiheit große Bedeutung hatte. Pavlicek, dessen Lebensgeschichte schon für sich interessant genug ist, konnte bis zu einer halben Million Österreicher für das gemeinsame Gebet mobilisieren, darunter auch Leopold Figl und Julius Raab. Zwar begehen die Beter des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs das Maria-Namen-Fest, nicht das Fest unserer Lieben Frau vom Rosenkranz in besonderer Weise. Doch die innere Verbindung ist offensichtlich.

Von der Geschwisterlichkeit

Oft wird heute in Kirchendiskussionen das Schlagwort einer „geschwisterlichen Kirche“ bemüht; besonders dann, wenn es um die Organisation der Kirche oder gegen die Moraltheologie geht. Was mich an diesem Wort immer irritiert hat, war, dass es im Alltag eigentlich nicht vorkommt. Es bedeutet auch eigentlich nichts.

Über Kulturen und Generationen hinweg wurde davon gesprochen, dass Menschen sich wie Brüder zueinander verhalten sollen. Gemeint war: Untereinander herzlich, unterstützend, so verbunden, dass Rang und Stand sie nicht trennen können. So, wie es durch Jahrhunderte hindurch in Familien notwendig war, einfach, um zu überleben. Die Brüder werden dabei aus drei Gründen genannt: Zum einen in generischer Weise, da es im Deutschen lange gar kein eigenes Wort für „Schwestern und Brüder“ gab; zum anderen, weil in vielen Kulturen die Schwestern den Familienverband durch Hochzeit verlassen. Die vorbildhafte Eintracht war daher unter den Brüdern leichter zu finden. (Das Gegenbeispiel ist mit Kain und Abel aber bereits urbiblisch.) Zum dritten, weil Brüder und Schwestern wiederum durch die jeweiligen Bündel von Rechten und Pflichten unterschieden waren, die dem Ausdruck der Gleichheit zuwiderliefen.

Heutzutage sind Rechte und Pflichte der Schwestern und Brüder gleich; man wird freilich konzedieren müssen, dass sich Brüder und Schwestern deswegen nicht gleich verhalten. Geschwister müssen bei uns aber auch nicht mehr zusammenhalten, damit sie durchs Leben kommen. In zerfallenden Familien, bei einem immer größeren Anteil von Einzelkindern beschreibt „Geschwisterlichkeit“ kein besonderes Ideal, erst recht keine Realität, sondern ist mehr oder weniger eine „Kirchensprech“-Phrase. Außerhalb der Kirche habe ich den Begriff auch noch selten gehört.

Was ist also eine „geschwisterliche Kirche“? Eine Gemeinschaft von Experten des kircheninternen Selbstdiskurses?

Gib dem Schutzengel eine Chance

Beim Thema Schutzengel denkt man heute oft eher an kitschige Kinderbücher und kleine Putten, die irgendwie herumschweben. Oder Esoteriker, die mit Energiesteinen und sonstigen herumhantieren. Doch der Glaube an Schutzengel ging einmal und geht bei vielen Menschen auch heute noch tiefer. Nicht umsonst steht im liturgischen Kalender für den 2. Oktober das Schutzengelfest eingetragen.

Engel, Boten Gottes, kommen im Alten Testament mehrfach vor, vom Buch Genesis bis zum viel späteren Buch Daniel. Im Psalm 90 (MT: 91) wird davon gesprochen, dass Engel Gottes den Beter auf all seinen Wegen beschützen. Die Idee, dass jeder Mensch einen eigenen Schutzengel haben könnte, wurde etwa vom Kirchenvater Hieronymus vertreten und von Thomas von Aquin [in der Summa Theologiae](http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel114-2.htm “Summa der Theologie: I, 113) diskutiert. Dabei spielt die folgende Stelle aus dem Evangelium nach Matthäus eine besondere Rolle:

Ὁρᾶτε μὴ καταφρονήσητε ἑνὸς τῶν μικρῶν τούτων· λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οἱ ἄγγελοι αὐτῶν ἐν οὐρανοῖς διὰ παντὸς βλέπουσιν τὸ πρόσωπον τοῦ πατρός μου τοῦ ἐν οὐρανοῖς. > — Mt 18,10

Seht zu, dass ihr nicht über einen der kleinen dieser gering denkt; denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Antlitz meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist. (eigene Übersetzung)

Die gesonderte Fürsprache bei Schutzengeln ist bereits früh nachweisbar. Die Idee eines eigenes Festes wurde aber erst im 16. Jahrhundert populär. 1579 soll das Bistum von Cordoba ersucht haben, ein Schutzengelfest feiern zu dürfen, kurz darauf auch Toledo und Valencia. Auf Bitte der Habsburger wurde das Fest die habsburgischen Lande obligatorisch; ansonsten war es ad libitum am ersten freien Tag nach St. Michael zu feiern. Schließlich wurde es 1670 allgemein obligatorisch und auf den 2. Oktober gelegt. Das Fest ist in gewisser Weise eine Aufdopplung zum Michaelsfest, bei dem ja auch der anderen Engel gedacht wird.

Der Schutzengel ist Manifestation eines wichtigen Gedanken: Gott lässt uns nie allein. Seine Hilfe ist immer bei uns. Ob wir sie aber annehmen, auf uns wirken lassen — das ist eine andere Frage. Im Salzkammergut gibt es zur Warnung für Motorradfahrer Plakate mit dem Spruch: „Gib Deinem Schutzengel eine Chance!“ Genauso ist es.

Kirche und Asyl: Eine miese Tour der Politik

Eine miese Tour: Der Landtagsklub der niederösterreichischen Volkspartei hat also wieder einmal Pfarrer und Köster angeschrieben, ob sie nicht Asylwerber aufnehmen wollen. Dann wird süffisant von niedrigen Rückmeldungen berichtet, um kirchliche Kritik an mangelnder Solidarität mit denjenigen, die Flüchtlinge aufnehmen, unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Schließlich waren die Medien in den jetzten Wochen ja voll von Versuchen diverser Landes- und Gemeindepolitiker, nach dem Florianiprinzip die Unterbringung von Flüchtlingen gerade bei ihnen auf Biegen und Brechen zu verhindern. Da will man natürlich zeigen, „dass die anderen auch nicht besser sind.“

Aber natürlich erhält der Landtagsklub kaum Rückmeldungen: Er ist für Fragen der Grundversorgung von Asylwerbern überhaupt nicht unzuständig. Ein Brief von Kardinal Schönborn und Caritas-Präsident Landau an Pfarren, ob sie angesichts des Aufnahmestopps in Traiskirchen vorübergehende Quartiere bereitstellen können, hat dagegen bereits Resonanz gefunden; über die Caritas besteht ja auch eine Schnittstelle zur Grundversorgung. Manche Pfarren betreuen übrigens schon seit Jahren Flüchtlinge, ohne großes Aufheben davon zu machen.

Aber wenn Gemeinden keine Flüchtlinge beherbergen wollen — zum Teil auf Grund des Missverhältnisses zwischen Ortsgröße und geplanter Flüchtlingszahl auch sehr verständlich –, warum sollen diese Gemeinden die gleichen Flüchtlinge willkommen heißen, wenn sie im Pfarrhof wohnen?

Wobei es ja tatsächlich eine Frage ist, ob es rechtstaatlich vernünftig ist, Asylwerber durch caritative Organisationen versorgen zu lassen, die sich häufig auch als Anwalt der betreuten Personen sehen und an der Länge von Asylverfahren oft nicht unbeteiligt sind. Der Betreuer sollte selbst ja eigentlich kein Interesse am Ausgang des Verfahrens haben und den Gang des Rechtsstaats nicht behindern. Doch gerade kirchlichen Einrichtungen fällt es aus verständlichen Gründen schwer, jemanden wieder deportieren zu lassen, weil eben sein Asylantrag abgelehnt wurde. Insofern weiß ich nicht, ob die niederösterreichischen Landespolitiker wirklich wissen, was sie sich da wünschen.

Der Papst in Albanien, dem Musterland

Die kurze Reise von Papst Franziskus nach Albanien ist medial etwas untergegangen, obwohl sie viele wichtige Hinweise auch für den Rest der Welt enthalten hat.

Albanien war jahrelang offiziell ein „atheistischer Staat“, womit gemeint war, dass der Kommunismus und der Kult um Staatschef Enver Hoxha Staatsreligion waren. Im Einklang damit gab es eine intensive Verfolgung der gläubigen Menschen. Wie in Albanien oder im Rahmen der Französischen Revolution, so bedeutet auch sonst aufgezwungener Atheismus nichts anderes als den gewaltsamen Versuch, den Glauben der Menschen durch eine andere Religion zu ersetzen.

Da es hier um das Innerste des Menschen geht, genauso um sein äußerstes Ziel, widersetzten sich viele mutig diesem Zwang offen; noch mehr andere zumindest heimlich. Die Begegnung des Papstes mit Überlebenden der Verfolgung ist wohl der berührendste Teil der Reise gewesen. Menschen, die jahrzehntelang inhaftiert waren, deren Todesurteil durch eine Fügung nicht vollstreckt war, die ihre Geschichte jetzt der Welt erzählen konnten. Viele andere mussten ihr Leben lassen, weswegen der Papst die Albaner als Volk der Märtyrer gewürdigt hat.

Die ganze Verfolgung erwies sich glücklicherweise als fruchtlos. Vor der Schreckensherrschaft des Hoxha-Regimes sollen etwa 70% der Albaner Moslems, 20% orthodox und 10% katholisch gewesen sein. Offiziell sind heute knapp 60% der Albaner Moslems, wiederum 10% katholisch und etwas weniger orthodox. Die übrigen Albaner neigen in der Praxis aber wohl einer der genannten Glaubensrichtungen zu, ausgenommen die ewiggestrigen Hoxha-Anhänger.

In dieser Praxis zeichnet sich Albanien durch ein friedliches Miteinander der Religionen aus. So sind auch viele Moslems in Tirana auf den Beinen gewesen, um den Papstbesuch mitzuerleben. „Papst Franziskus macht Albanien stolz“, schreibt die Deutsche Presseagentur (und in Gefolge die APA) zurecht. Zu diesem Miteinander trägt wohl auch die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung bei.

Papst Franziskus hat der Religionsfreiheit bei der Begegnung mit den Führern anderer Religionen und christlicher Konfessionen breiten Raum gewidmet. Der ganze Text ist sehr interessant, ich möchte aber folgende Stelle besonders herausgreifen:

[…] Ich erlaube mir, auf zwei Haltungen hinzuweisen, die besonders nützlich sein können bei der Förderung dieser Grundfreiheit.

Die erste besteht darin, in jedem Mann und jeder Frau – auch in denen, die nicht der eigenen religiösen Tradition angehören – nicht Rivalen und noch weniger Feinde zu sehen, sondern Brüder und Schwestern. Wer sich seiner eigenen Überzeugungen sicher ist, hat es nicht nötig, sich durchzusetzen und Druck auf den anderen auszuüben: Er weiß, dass die Wahrheit ihre eigene Strahlkraft besitzt. Im Grunde sind wir alle Pilger auf dieser Erde, und auf dieser unserer Reise leben wir in unserer Sehnsucht nach Wahrheit und Ewigkeit nicht als autonome Wesen, die sich selbst genügen – weder als Einzelne noch als nationale, kulturelle oder religiöse Gruppen –, sondern hängen voneinander ab, sind gegenseitig der Sorge der anderen anvertraut. Jeder religiösen Tradition muss es von innen her gelingen, dem Dasein des anderen Achtung zu zollen.

Eine zweite Haltung ist das Engagement zugunsten des Gemeinwohls. Jedes Mal, wenn die Zugehörigkeit zur eigenen religiösen Tradition einen überzeugteren, großzügigeren und selbstloseren Dienst an der gesamten Gesellschaft hervorbringt, ist das eine authentische Ausübung und Entwicklung der Religionsfreiheit. Dann erscheint diese nicht nur als ein rechtmäßig eingeforderter Raum der Unabhängigkeit, sondern als eine Möglichkeit, die mit ihrer fortschreitenden Ausübung die Menschheitsfamilie bereichert. Je mehr man den anderen zu Diensten ist, umso freier ist man! […]

Und dann möchte ich etwas ansprechen, das immer ein Phantom ist: der Relativismus, „alles ist relativ“. In diesem Zusammenhang müssen wir einen klaren Grundsatz berücksichtigen: Man kann keinen Dialog führen, wenn man nicht von der eigenen Identität ausgeht. Ohne Identität kann es keinen Dialog geben. Das wäre ein Scheindialog, ein Dialog in den Wolken – er ist nutzlos. Jeder von uns hat seine religiöse Identität und ist ihr treu. Aber der Herr weiß, wie die Geschichte voranzubringen ist. Gehen wir ein jeder von seiner eigenen Identität aus, und tun wir nicht so, als hätten wir eine andere, denn das nützt nichts und ist nicht hilfreich, das ist Relativismus. Was uns verbindet, ist der Weg des Lebens, ist der gute Wille, von der eigenen Identität auszugehen, um den Brüdern und Schwestern Gutes zu tu. Gutes tun! Und so gehen wir miteinander als Geschwister. Jeder von uns bietet dem anderen das Zeugnis der eigenen Identität an und
kommt mit dem anderen ins Gespräch. Dann kann der Dialog über theologische Fragen weitergeführt werden, aber wichtiger und schöner ist, miteinander zu gehen, ohne die eigene Identität zu verraten, ohne sie zu verschleiern, ohne Heuchelei. Mir tut es gut, so zu denken.

Es gibt freilich viele Glaubensüberzeugungen, denen die Idee völlig fremd ist, in anderen Menschen Bruder und Schwester zu sehen. Man braucht nur Friedrich Nietzsche lesen, um das ganz ausdrücklich vor Augen geführt zu bekommen. Doch in einer pluralistischen Gesellschaft ist die Akzeptanz des Anderssein des Anderen Grundvoraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben. Das auch die Akzeptanz des Eigenseins dazugehört, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht, weswegen Papst Franziskus die Nebelwolke des Relativismus ansprechen muss, die auch heute noch gerne zur Tarnung von Gegnern der organisierten Religion versprüht wird.

Mariä Geburt

Der 8. Dezember ist in Österreich als Marienfeiertag durchaus präsent, haben doch die meisten Berufstätigen frei und erledigen Weihnachtseinkäufe, weswegen leider viele im Handel arbeitende Menschen den Feiertag nicht genießen dürfen. Maria Empfängnis, das in Österreich 1955 auch als Dank für die wiedererlangte Freiheit nach Anschluss, Weltkrieg und Besatzung wieder als Feiertag eingeführt worden war, hat aber neun Monate später eine notwendige Doppelung, nämlich Mariä Geburt.

Das Fest kam ursprünglich aus der Ostkirche — manche vermuten den Weihetag der St.-Anna-Kirche in Jerusalem als Ursprung des Datums –, wurde aber jedenfalls im 7. Jahrhundert auch in Rom gefeiert. Für Österreich ist das Fest eng mit dem Patrozinium von Mariazell verknüpft, wo sich das Gnadenbild der Magna Mater Austriae befindet.

Der Eröffnungsvers dieses Festes fasst das Festgeheimnis prägnant zusammen:

Voll Freude feiern wir das Geburtsfest der Jungfrau Maria,
aus ihr ist hervorgegangen die Sonne der Gerechtigkeit,
Christus, unser Gott.

Maria, Kind von Mann und Frau; Kind Gottes; Mutter eines Kindes; Mutter Gottes — das ist nicht immer leicht zu verstehen. Aber ein wunderbares Zeichen der Gnade, die Gott uns Menschen immer wieder von Neuem gewährt.

Die Pflicht des Ezechiel

An diesem Sonntag wird in der ersten Lesung eine Stelle aus dem Buch Ezechiel gelesen, die es in sich hat:

So spricht der Herr: Du Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen. Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.
— Ez 33,7-9

Nun ergeht dieser Auftrag hier ausschließlich an den Propheten Ezechiel, der eben zum Wächter, zum Seelsorger für das Haus Israel bestellt wird. In der Übersetzung von Henne-Rösch ist übrigens nicht von Menschen, die sich schuldig gemacht haben, sondern direkt von „Gottlosen“ die Rede, wie auch in der Luther-Bibel; in der Grünewald-Bibel von Frevlern.

Es geht also direkt darum, dass sich Menschen von Gott abwenden, die es eigentlich besser wissen müssten. Sie haben von Gottes Taten gehört, sein Licht könnte ihren Pfad erleuchten, um ein Bild aus den Psalmen zu verwenden. Doch sie wenden sich vom Licht ab.

Ezechiel soll sie also warnen. Mehr noch: Er trägt Verantwortung dafür, dass sie noch einmal davor gewarnt werden, was die Abwendung von Gott bedeutet, welche Folgen der Frevel hat. „Du musst sterben!“ — in der gottfernen Dunkelheit, in der Abwesenheit des schöpfenden Gottes wartet das Gegenteil von Schöpfung und Leben, nämlich der Tod.

Warum überträgt Gott Ezechiel so eine schwere Bürde? Warum fordert Gott von Ezechiel Rechenschaft für jeden, den er hätte warnen können, es aber unterließ? Weil Ezechiel weiß, was der Frevel für Folgen haben kann. Unterlässt er die Warnung, so lässt er den Menschen gleichsam absichtlich ins Verderben rennen. Daher ist die Pflicht des Ezechiel eigentlich eine Pflicht aller Christgläubigen. Wir warnen im Alltag Menschen immer wieder vor drohenden Gefahren, seien es heranfahrende Autos oder kommende Unwetter. Wir sollten auch Menschen, die sich offensichtlich ins seelische Unheil stürzen, davor warnen, was sie sich antun und was sie sich entgehen lassen.

Freilich, und das macht die Pflicht des Ezechiel leichter: Wer trotzdem unbeirrt ins Unheil läuft — und das kommt häufiger vor, als man glaubt –, den müssen wir uns nicht zurechnen lassen. Man macht sich dann gerne Vorwürfe: Hätte ich es nur intensiver versucht, vielleicht ein anderes Wort gefunden. Mag auch sein. Doch jeder Mensch hat auch eine Verantwortung für sich selbst, wie in dieser Stelle klar herausgearbeitet wird.

Leider gehört der folgende Umkehrruf nicht mehr zur Perikope; doch aus diesem will ich (nach der Henne-Rösch-Übersetzung) diesen tröstlichen Teil zitieren:

[I]ch habe kein Wohlgefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, daß sich der Gottlose von seinem Weg bekehre und lebe. […] Wenn ich aber zu dem Gottlosen sage: Du mußt sterben!, – und er bekehrt sich von seiner Sünde und übt Recht und Gerechtigkeit, gibt das Pfand zurück, erstattet das Geraubte wieder, wandelt nach den Geboten, die zum Leben führen, und begeht kein Unrecht mehr, – soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
— Ez 33, 11b;14-15

Assumpta est Maria

Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist ein besonderes Fest der Hoffnung, das daher schon früh die Phantasie der Menschen angeregt hat. Legenden begannen, sich um Maria Himmelfahrt zu ranken; und viele Künstler beschäftigten sich ebenfalls mit dem Motiv des Festes.

So selbstverständlich auch der große Giovanni Pierluigi da Palestrina, der die sechsstimmige Motette „Assumpta est Maria“ zu Ehren der leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel komponiert hat. Offenbar zu allgemeinem Wohlgefallen, denn auf Grundlage der Motette schuf Palestrina auch eine Messe gleichen Namens. Mehr zur Motette kann man z.B. [hier bei Luis C.F. Henriques nachlesen](http://luiscfhenriques.com/giovanni-p-da-palestrinas-assumpta-est-maria/ “Luis C.F. Henrique: Giovanni P. da Palestrina’s Assumpta Est Maria”). Und anhören kann man sie natürlich auch:

Der Text dieses ersten Teils der Motette lautet:

Assumpta est Maria in caelum, gaudent angeli,
laudantes benedicunt Dominum.
Gaudete et exsultate omnes recti corde.
Quia hodie Maria virgo
cum Christo regnat in aeternum

Aufgenommen ist Maria in den Himmel, freuen sich die Engel,
lobend preisen sie den Herrn.
Freut euch und frohlockt alle mit aufrichtigem Herzen.
Denn heute herrscht die Jungfrau Maria
mit Christus in Ewigkeit.

Der Papst in Südkorea

Heute, am Nachmittag des 13. August, ist also Papst Franziskus zu einer Reise in die Republik Korea aufgebrochen, die bis Montag dauern wird. Auf einer Übersichtsseite zur Papstreise sind schon die wesentlichen Punkte zu finden. Das genaue Programm des Besuchs in Südkorea kann ebenso auf der Website des Vatikan nachlesen.

In Südkorea gibt es eine blühende katholische Gemeinde mit etwa 5,5 Millionen Gläubigen, etwas mehr als 10% der Gesamtbevölkerung. Der Glauben dieser Menschen strahlt aber weit über ihre eigene Gruppe hinaus. Und er manifestiert sich in Südkorea auch in Schulen, Krankenhäusern bis hin zur Katholischen Universität, die auch von Nicht-Katholiken geschätzt werden. Dass die Lage der Christen in Südkorea nicht immer so rosig war, daran wird am Samstag die Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und 123 weiterer Märtyrer erinnern.

Und wie schnell sich alles wieder zum Schlechten ändern kann, daran erinnert Nordkorea jeden Tag. Gerade in Pjöngjang gab es viele Katholiken, bei Tokwon auch eine Benedikterabtei. Durch die brutale Unterdrückung jeder anderen Religion als des kommunistischen Staatskults wurden die Katholiken aber in den Untergrund gedrängt. Der letzte Bischof von Pjöngjang verschwand in einem Lager, wo er vermutlich umgebracht wurde. Der Besitz von Bibeln ist bei Todesstrafe verboten. Es gibt allerdings eine staatlich kontrollierte priesterlose Mini-Gemeinde in Pjöngjang, die 1988 wohl für Propagandazwecke gestattet wurde.

Machen beschweren sich, wie der Papst angesichts des Mordens im Nahen Osten der Einladung der Südkoreaner nur folgen könne. Das ist zu politisch gedacht; verkennt, wie enttäuscht Millionen Menschen wären, die sich schon lange auf diesen Besuch vorbereitet haben; verkennt noch mehr, dass in Ostasien Christen in vielen Gebieten unterdrückt werden und Unterstützung brauchen. Unterstützung, die ihnen auch ein Besuch des Papstes in Ostasien geben wird.

Zum Dreifaltigkeitssonntag

Der Dreifaltigkeitssonntag stellt schwere Kost dar, weil die Dreifaltigkeit selbst schwere Kost darstellt. In welchem Verhältnis stehen Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, die doch ein und dasselbe sind, vollkommen eins, und doch übereinander sprechen können, wie Jesus etwa über den Heiligen Geist als Beistand spricht oder über seine Rückkehr zum Vater im Himmel. Andererseits –– das Johannesevangelium ist hier vielleicht am deutlichsten — finden sich viele Hinweise auf diese Einheit bereits in der Heiligen Schrift selbst. So heißt es ja im Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Oder bei Lukas: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“

Augustinus versucht es im „Gottesstaat“ so darzustellen:

Wir halten im Glauben fest und verkünden unentwegt, daß der Vater das Wort erzeugt hat, d. i. die Weisheit, durch die alles erschaffen worden ist, den eingeborenen Sohn, der Eine den Einen, der Ewige den gleich Ewigen, der unerreichbar Gute den gleich Guten; und daß der Heilige Geist zumal sowohl des Vaters als auch des Sohnes Geist ist; auch er gleichwesentlich und gleichewig den beiden; und daß dieses Ganze einerseits eine Dreifaltigkeit ist wegen der Besonderheit der Personen, andrerseits der eine Gott wegen der untrennbaren Gottheit, sowie der eine Allmächtige wegen der untrennbaren Allmacht, jedoch so, daß auch, wenn man nach dem einzelnen fragt, die Antwort lautet: Jeder von ihnen ist sowohl Gott als auch allmächtig; und wenn nach allen zumal: Es gibt nicht drei Götter oder drei Allmächtige, sondern nur einen allmächtigen Gott; so vollständig ist hier in dreien die untrennbare Einheit, und so will sie verkündet werden.

Diese Dreifaltigkeit findet sich mit etwas gutem Willen bereits im Alten Testament, wie Augustinus in den „Bekenntnissen“ an Hand der Schöpfungsgeschichte erläutert:

Sieh, geheimnisvoll tritt mir entgegen die Dreifaltigkeit, und die bist du, mein Gott; denn du, o Vater, hast im Anfange unserer Weisheit, die deine, aus dir geborene, dir gleiche und gleichewige Weisheit ist, d, h. in deinem Sohne, Himmel und Erde geschaffen. Viel haben wir bereits vom Himmel des Himmels, von der gestaltlosen und leeren Erde und dem finsteren Abgrunde mit Bezug auf die haltlose und irrende Gestaltlosigkeit der geistigen Schöpfung gesagt; und diese wäre ja darin verblieben, hätte sie sich nicht zu dem hingewandt, von dem jegliches Leben herrührt; jetzt erst wurde sie durch die Erleuchtung zu einem Leben voll Schönheit und zu dem Himmel des Himmels, der später zwischen Wasser und Wasser gesetzt ward. In dem Namen „Gott“ fand ich bereits den Vater, der dieses geschaffen, und den S o h n in jenem „Anfang“, in dem er es geschaffen. Und da ich an die Dreifaltigkeit meines Gottes glaubte, suchte ich diesem Glauben gemäß weiter in seiner Heiligen Schrift, und siehe: „Dein G e i s t schwebte über den Wassern“. Siehe, da ist ja mein dreifaltiger Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der Schöpfer der gesamten Schöpfung.

An der Wesenseinheit Jesu Christi mit dem Vater hängt die Bedeutung des Kreuzesopfers und der Kommunion: Gott selbst, der eine, vollkommene, wird Mensch (etwas Partikuläres, Unvollkommenes!), nimmt Leiden und Tod auf sich. Gott selbst schenkt sich uns in der Eucharistiefeier durch Jahrhunderte in Verbindung mit dem letzten Abendmahl. Das ist ein Geheimnis des Glaubens: Nicht, weil es geheim gehalten wird, sondern weil es unseren beschränkten Verstand übersteigt.