Ohne Zweifel? Irenäus, die Tradition der Apostel und Papst Franziskus

Zu Kathedra Petri habe ich einen alten Blogtext von mir wieder gelesen, in dem ich den heiligen Irenäus von Lyon zitiert habe — und habe mich dabei gefragt, was Irenäus wohl mit „sine dubiis“ angefangen hätte, einem Aufruf zu unbedingter Loyalität gegenüber Papst Franziskus.

In einem Kapitel, in dem er den Begriff der kirchlichen Überlieferung erläutert und sich gegen diejenigen wendet, die sich im Besitz angeblicher christlicher Geheimlehren wähnen, schreibt er:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.1

Der besondere Vorrang der römischen Kirche gründet sich für Irenäus auf ihren besonderen apostolischen Ursprung: Petrus und Paulus haben sie gegründet; sie ist die „sehr große und sehr alte und allbekannte“. Schließlich verfügt sie über eine klare Sukzession, mit der die sichere Weitergabe des überlieferten christlichen Glaubens bezeugt war. Zudem kommen Christen von überall her nach Rom; die Gefahr einer Entwicklung lokalen Sonderguts ist also geringer als anderswo.

Irenäus geht es nicht um bedingungslose Akzeptanz dessen, was immer der jeweilige Papst zu sagen hat, sondern um ein Kriterium, was überlieferter Glaube ist und was es offensichtlich nicht ist. Denn auch rechtgläubige Bischöfe in apostolischer Sukzession dürfen einander widersprechen und kritisieren, wie es in der Antike zum Teil recht lebhaft der Fall war, insbesondere in den turbulenten Zeiten des 4. Jahrhunderts. Oder denken wir an den Monotheletismus-Streit, bei dem der Bischof von Rom nicht immer eine glückliche Figur gemacht hat.

Das besondere allerdings ist, dass sich schon in den frühesten Zeiten der Bischof von Rom in der Debatte vielleicht nicht immer klar auf der Seite der Orthodoxie befunden hat, jedoch am Schluss immer die Überlieferung hochgehalten hat. Und selbst die verbrecherischsten Gestalten auf den Stuhl Petri haben wohl im einzelnen höchst problematische Entscheidungen gefällt, doch niemals die überlieferte Lehre selbst in Frage gestellt.

Das entspricht Jesu Versprechen an Petrus (Mt 16). An Petrus, der von Paulus bekanntlich im Galaterbrief heftig kritisiert wurde! Das ist im wesentlichen auch der Inhalt des oft missverstandenen „Unfehlbarkeitsdogmas“, bei der es ja um die Sicherung des überlieferten Glaubensgutes durch den Nachfolgers Petri geht. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und geht nicht auf die menschlichen Eigenschaften der Päpste zurück, die im Laufe der Geschichte in einer großen moralischen Bandbreite aufgetreten sind.

Päpste sind eben grundsätzlich auch nur Menschen, möchte man sagen. Papst Franziskus würde das sicher bestätigen. Und sich wohl auch wundern, dass man ihm „ohne Zweifel“ in allem folgen soll.


  1. Sie ist übrigens nicht der einzige Bischofssitz, der Zeugnis der apostolischen Tradition legen kann; vielmehr der wichtigste unter einen großen Zahl. Er erwähnt in der Folge auch als leuchtende Beispiele Polycarp von Smyrna und die Kirche von Ephesos. Polycarp, der heute am 23. Februar seinen Gedenktag hat, war noch selbst mit den Aposteln verkehrt. Die Kirche von Ephesos geht auf Paulus selbst zurück; der Apostel Johannes hat lange dort gelebt. 

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Sankt Agnes vor den Mauern

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Apsis in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch


Die heilige Agnes muss eine sehr beeindruckende Person gewesen sein. Nach ihrem Martyrium im 3. Jh. im Zuge der römischen Christenverfolgungen wurde sie sehr bald verehrt, wie z.B. der hl. Ambrosius berichtet. In Rom zeugen zwei Kirchen besonders von der Verehrung der hl. Agnes. Die bekanntere ist Sant’Agnese in Agone, am Ort ihres Martyriums an der heutigen Piazza Navona, dem früheren Circus Agonalis. Sie geht zumindest auf das frühe Mittelalter zurück. Doch weitaus ältere Wurzeln hat Sant’Agnese fuori le mura. Ganz in der Nähe stehen Reste einer konstantinischen Agnes-Basilika, die gewaltige Ausmaße besessen haben muss. Die Basilika wurde von der Kaisertochter Constantia gestiftet, die daneben auch ihr heute noch erhaltenes Mausoleum errichten ließ.

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Spolien in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In den Wirren der Völkerwanderungszeit verfiel die Basilika, so dass Papst Honorius (625-638) eine kleinere Kirche daneben errichten ließ – direkt über dem Grab der hl. Agnes und den Katakomben, in denen viele weitere Menschen begraben sind. Die Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten umgestaltet, doch kann man mit dem wunderbaren Mosaik in der Apsis, dass Papst Honorius, die hl. Agnes im Gewand einer Prinzessin und eine weiteren Papst zeigt, ein Blick in die Entstehungszeit der Kirche geworfen werden. Auch die Säulen, die aus verschiedenen römischen Gebäuden zusammengestellt wurden, sogenannte Spolien, tragen schon seit dem 7. Jahrhundert die Emporen.

Decke in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

Decke aus dem Jahr 1606 in Sant’Agnese fuori le mura © Hollerbusch

In Sant’Agnese werden jedes Jahr zum 21. Jänner, dem Gedenktag der hl. Agnes, zwei Lämmer durch den Papst gesegnet, deren Wolle für die Pallien verwendet wird, die der heilige Vater den Erzbischöfen als Zeichen ihres Amtes verleiht. Diese Pallien werden dann in Santa Cecilia in Trastevere von den dortigen Nonnen unter Beifügung weiterer Wolle — es gibt einfach schon zu viele Erzbischöfe für zwei Lämmer — gewoben.

Der Zusammenhang Agnes und Agnus (lateinisch für Lamm) ist dabei klanglich offensichtlich. Schon im Apsismosaik wird Agnes mit dem Lamm dargestellt — sie soll auch wie ein Lamm getötet worden sein, nachdem die anderen Tötungsversuche misslangen. Ihre Ziehschwester Emerentiana wurde wenige Tage später gesteinigt, als sie vom Pöbel dabei überrascht wurde, wie sie am Grab der Agnes betete. Ihr Grab ist in der gleichen Kirche, ihr Gedenktag der 23. Jänner.

Hilarius von Poitiers, der Hammer der Arianer

Der 13. Jänner ist der Gedenktag des heiligen Hilarius von Poitiers († 367/368). Ursprünglich war er Beamter des Römischen Reiches, dabei offenbar gut gebildet. Wie er in seinen zwölf Büchern über die Dreieinigkeit schreibt, führten ihn auf der Suche nach der „Aufgabe, die dem Menschenleben von ihm selbst und von Gott her eigne“, die Bücher des Alten Testaments auf die Spur des Christentums:

„Ich bin, der ich bin“; und wiederum: „Dies sage den Kindern Israels: der da ist, hat mich zu euch gesandt“. Geradezu bewundert habe ich eine so endgültig-eindeutige Gottesbezeichnung, die die unfaßliche Erkenntnis des göttlichen Wesens in einer für menschliche Fassungskraft höchst geeigneten Sprechweise angab.

Er wurde später Bischof — vielleicht der erste — in Poitiers, das damals Pictavium hieß. Der hl. Martin hat ihn nach seinem Militärdienst aufgesucht, wie sein Biograph Sulpicius berichtet, und Hilarius hat ihn zum sogenannten „Exorzisten“ geweiht, einem niederen Weihegrad. Eigentlich wollte Hilarius den frommen Mann zum Diakon machen, doch Martin hielt sich für unwürdig, dieses Amt zu bekleiden.

Der hl. Hilarius von Poitiers heilt ein Kind. Illustration aus dem Weißenauer Passionale

Der hl. Hilarius von Poitiers heilt ein Kind. Illustration aus dem Weißenauer Passionale

Der Hammer der Arianer

Martin hatte wahrscheinlich einen guten Grund, gerade Hilarius aufzusuchen. Denn dieser gehörte zu den Verteidigern der Kirche gegen den Arianismus, eine auch heute verbreitete Irrlehre, nach der Jesus Christus nicht selbst Gott ist, sondern ein geschaffenes, von ihm verschiedenes Wesen. Es geht im Kern um den Monotheismus und die Rolle Jesu.

Die Arianer genossen zu dieser Zeit kaiserliche Unterstützung; viele Bischöfe unterwarfen sich gehorsam. Nicht so Hilarius, der die Dreifaltigkeit verteidigte und die bewusste Trennung der rechtgläubigen Bischöfe vom arianischen Bischofs Saturninus von Arles und seinen engsten Vertrauten betrieb.

Darauf kam es zur Synode von Biterrae (Béziers), bei der die arianischen Bischöfe die inhaltliche Auseinandersetzung vermieden und sich Hilarius’ entledigten: Er wurde auf kaiserlichen Befehl nach Phrygien verbannt — offenbar unter falschen Anschuldigungen. Hilarius selbst schreibt:

Als ich nachher durch die Partei jener Pseudoapostel zur Synode zu Bitterae zu kommen gezwungen wurde, machte ich ihnen das Anerbieten, diese Ketzerei aufzudecken und zu widerlegen. Aber diese fürchteten die öffentliche Kundmachung und wollten die von mir vorgebrachten Beschuldigungen nicht anhören, weil sie glaubten, sie könnten Christo ihre Unschuld vorlügen, wenn sie absichtlich nicht wüßten, was sie nachher mit Wissen tun wollten.

In einem anderen Buch deutet er an, dass er aufgrund falscher Anschuldigungen des Arianers Saturninus verbannt wurde:

[…] so freute ich mich im Herrn, daß ihr unbefleckt und unangetastet von aller Ansteckung der verabscheuungswürdigen Ketzerei geblieben seid, daß ihr Teil nehmet an meiner Verbannung, in welche mich Saturninus aus Furcht vor seinem eigenen Gewissen, mit Hintergehung des Kaisers, verstoßen hatte, […]

Er schreib in der Verbannung mehrere Bücher, darunter das erste bekannte Traktat zur Dreifaltigkeit. Gleichzeitig legte er Wert darauf, weiter mit den Arianern ins Gespräch zu kommen, um den Frieden und die geistige Umkehr der Arianer zu fördern. Er nennt sie auch weiterhin Brüder, auch wenn sie sich nicht gerade brüderlich verhalten. Seine klare Argumentation konnte jedenfalls viele überzeugen, zum nicänischen Glauben zurückzukehren, weswegen er auch der Hammer der Arianer (malleus arianorum) genannt wurde.

Der Kaiser schlägt zurück

Wen er nicht überzeugen konnte, war Kaiser Constantius II.. Dieser lehnte das nicänische Glaubensbekenntnis ab; er wollte ein neues, einheitliches christliches Glaubensbekenntnis erreichen und den arianischen Streit entscheiden. Auf einem Konzil von Sirmium wurde daher ein Entwurf für eine Formel vorgelegt, nach der der Sohn „in allem wie der Vater“ ist, und die Verwendung des Begriffes „Wesen“ streng abgelehnt wird.

Damit sollen die Vertreter verschiedener Schattierungen des „Semi-Arianismus“ zufriedengestellt werden. Die sogenannten Anomoier, die vertraten, Vater und Sohn seien verschieden, waren damit zwar ausgebootet worden, und der reine Arianismus in der Minderheit geblieben. Ebenso war damit aber das nicänische Glaubensbekenntnis von 325 hinfällig, in dem Gott Sohn „eines Wesens mit dem Vater“ genannt wird. Der Text von Sirmium war allerdings nur ein Vorschlag.

Hilarius berichtet in einer Schrift „De Synodis“ an seine gallischen Freunde über diese Entwicklungen. Er schlägt darin auch eine Brücke zwischen Griechen und Lateinern, in dem er demonstriert, dass im Westen mitunter kritisierte Glaubensbekenntnisse aus sprachlichen Missverständnissen heraus abgelehnt werden. Das wird später eine wichtige Rolle spielen, um die kirchliche Einheit wiederherzustellen.

Die von Hilarius hier skizzierte Verständigung will der Kaiserhof verhindern und setzt zwei getrennte Synoden für Ost und West an, eine in Ariminium (Rimini) und eine in Seleucia in Isaurien. Letztere hätte ursprünglich in Nicomedien stattfinden sollen, musste aber auf Grund eines Erdbebens verlegt werden.

Die Bischöfe in Ariminium sahen keinen Grund, vom Glaubensbekenntnis von Nicäa abzuweichen. Daher wurde ihre Gesandtschaft, die sie mit einem entsprechenden Brief zum Kaiser gesandt hatte, zuerst aufgehalten, dann nach Nike in Thrakien verbracht, wo sie eine Formel zu unterzeichnen hatten, nach der der Sohn dem Vater ähnlich sei — auch das „in allem“ wurde gestrichen. Die westlichen Bischöfe wurden nun zur Unterzeichnung gezwungen oder verbannt.

An der östlichen Synode in Seleucia nahm auch der exilierte Hilarius teil, dessen Ruf als gebildeter, versierter Theologe und Disputant ihm offenbar vorauseilte. Auch hier erfolgte — trotz der starken arianischen Tendenzen im Osten — keine Einigung auf die Formel von Sirmium. Auf Wunsch des Kaisers mussten zehn Delegierte nach Konstantinopel zur Berichterstattung kommen, mit ähnlichem Ergebnis wie für den Westen.

Eine „Synode von Konstantinopel“ schloss aus Sicht des Kaisers den Prozess ab. Ihr Glaubensbekenntnis ist uns überliefert, und lässt weiten arianischen Spielraum.

Hilarius kehrt zurück

Hilarius durfte oder musste 360 wieder nach Poitiers reisen — er war den arianischen Hofbischöfen im Osten so lästig geworden, dass sie ihn lieber im fernen Gallien sehen wollten. Dort wurde er jubelnd empfangen. Bald konnte er den gallischen Bischöfen zeigen, dass die Formel von Konstantinopel nur ein Deckmantel für den Arianismus sei. In einer Regionalsynode wurde schließlich der Arianer Saturninus von Arles abgesetzt. Hilarius versuchte allerdings auch, die Hardliner von einer konzilianteren Haltung zu überzeugen, was er erfolgreich und überzeugend tat.

Mit dem Aufstand Julians gegen Kaiser Constantius’ und dem Tod des Letzteren wurde auch die Macht der Arianer merklich schwächer. So erklärte Papst Liberius die erzwungenen Beschlüsse von Ariminium für ungültig.

Schließlich unternahm Hilarius es 364, den Bischof Auxentius von Mailand als Arianer zu entlarven und seine Umkehr oder Absetzung zu erreichen. Auxentius aber stand beim Kaiser offenbar in hoher Gunst und es war vielmehr Hilarius, der Mailand verlassen musste.

Der hl. Hilarius wirkte bis zu seinem Tod in Poitiers, der heute allgemein mit 367 angegeben wird. Übrigens spornte er in dieser Zeit auch den hl. Martin an, ein Kloster in Ligugé zu gründen. Er gilt als Kirchenlehrer und wird auch in der Ostkirche geschätzt und verehrt.

Eine Epiphanie haben

Im Englischen wird das Wort Epiphanie heute noch für eine plötzliche Erkenntnis verwendet, einen „Heureka“-Moment, in dem z.B. sich überraschend die Lösung eines drängenden Problems ergibt. Das passt zum griechischen Wort ἐπιφάνεια, das eine Erscheinung bezeichnet, wenn sich etwas sehen lässt oder zeigt. Im übertragenen Sinn kann damit auch das Sich-Zeigen einer göttlichen Macht oder der Amtsantritt bzw. die festliche Ankunft eines Kaisers gemeint sein.

Dreikönig heißt ja eigentlich „Erscheinung des Herrn“, was wiederum eine bloße Übersetzung des griechischen Epiphanie ist: Gott zeigt sich den Menschen. Er erscheint, wie ein König in seine Stadt einzieht.

Und das ist jetzt der besondere Witz an diesem alten kirchlichen Fest: Der Einzug des großen Königs gestaltet sich in Form eines kleinen Kindes im Stall; oder in der Form des Untertauchens im Fluss Jordan; oder als bloßer Gast bei einer Hochzeit. Bestimmte Zeichen schenken dann in diesen Momenten den anwesenden Menschen die Epiphanie, dass sich hier Gottes Wirken manifestiert: Der vorherziehende Stern; die herabfliegende Taube; der verwandelte Wein.

Wer nach langem Tüfteln eine Epiphanie hat, der hat sie oft Ereignissen oder Wahrnehmungen zu verdanken, die den Knopf im Kopf gelöst haben. Oder, wie es P. Heinz Schneider, SVD, schreibt:

Wir brauchen auch heute verstehbare Zeichen, damit wir die Wahrheit entdecken und ausdrücken können.

Und warum?

Wir sind Menschen mit Sinnen, die spüren, schmecken, riechen, sehen, hören wollen. Das gesprochene Wort allein reicht uns nicht.

Es ist nur angemessen, dass Gott sich dem Menschen, der ein Sinneswesen ist, in einer Weise offenbart, die mit seinen Sinnen erfassbar ist. Und uns dabei immer die Gelegenheit zu unser persönlichen Epiphanie gibt.

Twelve Days of Christmas

Im angelsächsischen Raum wird das Lied „Twelve Days of Christmas“ zu Weihnachten rauf und runter gespielt, musiziert, gesungen. Und, wie schon der Name andeutet, über Weihnachten hinaus. Zwölf Tage lang bring der Geliebte laut Liedtext Geschenke, vom Rebhuhn am Christtag bis zu zwölf springenden Herrn am 5. Jänner, dem zwölften Tag nach Weihnachten.

Die Reihenfolge der Geschenke variiert ein wenig, so gibt es am zwölften Tag bei den Muppets trommelnde Trommler als Geschenk (hier in einer Aufnahme mit John Denver):

Twelvetide

Die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag wird im Englischen auch Twelvetide genannt. Auf Grund des Winters und der Dunkelheit konnten ohnehin nicht viele Arbeiten erledigt werden, und so verband man in England die vielen Feste der Weihnachtszeit bald zu einer Zeit ununterbrochenen Feierns. Diese endete erst mit der zwölften Nacht, dem Vorabend von Dreikönig. Shakespeares Stück „Was ihr wollt“ heißt im Original auch „Twelfth Night“ und bringt das turbulente Treiben dieser Nacht burlesk zum Ausdruck.

Eine etwas freundlichere Interpretation dieser Tage als die heimischen Rauhnächte!

Ein katholisches Lied?

Zurück zum Lied: „Twelve Days of Christmas“ ist ein einfaches Merklied: In jeder Strophe kommt ein Geschenk dazu, und alle anderen müssen in der richtigen Reihenfolge wiederholt werden. Man kann sich leicht ein Spiel ausmalen, bei dem z.B. für jeden Fehler ein Stamperl getrunken werden muss … . Die einzelnen Geschenke wären dann auch Ausdruck der immer ausgelasseneren Feiern.

Aber das Lied könnte früher auch eine tiefere Bedeutung gehabt haben. Es ist naheliegend, dass Jesus die angesprochene „wahre Liebe“ sein könnte, und es ist recht einfach, die Zahlen mit katechetischen Inhalten zu verbinden.

Eine der ersten bekannten Drucke des Liedes stammt zudem aus dem nordenglischen Newcastle, und im Norden Englands hielt sich trotz aller Repression eine größere katholische Gemeinschaft. Es wird für möglich gehalten, dass es sich bei diesem Lied um ein „Untergrundlied“ von Katholiken gehandelt haben könnte oder es zumindest als solches verwendet wurde. In einfacher und für misstrauische Nachbarn unverdächtiger Form hätte man sich so bestimmte geistliche Inhalte merken können.

Eine mögliche Zuordnung:

Tag Geschenk Vermutete Bedeutungen
1. partridge in a pear tree So wie der Rebhahn Bodenfeinde durch scheinbare Verletzung verleitet und so Küken beschützt, habe Christus sich für die Menschen am Kreuz (Birnbaum) hingegeben
2. turtle dove Altes und Neues Testament
3. french hens Die Geschenke der Weisen aus dem Morgenland; die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung
4. colley birds oder calling birds Die vier Evangelien oder Evangelisten; die vier großen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel
5. gold rings Der Pentateuch.
6. geese a-laying Die sechs Tage der Schöpfung.
7. swans a-swimming Die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die sieben Werke der Barmherzigkeit.
8. maids a-milking Die acht Seligpreisungen.
9. drummers drumming Die neun Früchte des Heiligen Geistes; die neun Chöre der Engel.
10. pipers piping Die zehn Gebote.
11. ladies dancing Die elf treuen Apostel.
12. lords a-leaping Die zwölf Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die zwölf Apostel.

Alternative Deutungen

Diese vermuteten Bedeutungen haben allerdings zwei gravierende Nachteile: Es findet sich darunter kaum etwas, das Anlass für eine „Untergrund-Katechese“ böte, und sie sind z.T. von späteren Umreihungen der Geschenke beeinflusst. Eine Übersicht einiger in den letzten 200 Jahren nachgewiesenen Varianten bietet die Website Hymns and Carols of Christmas. Die wirkmächtigste davon war die Neufassung durch den britischen Komponisten Frederic Austin, dessen abwechslungsreicher gestaltete Melodie sich weitgehend durchgesetzt hat. Auch der Text folgt heute meist seiner Version.

Mir haben sich nach Lesen der alten nordenglischen Textfassung einige Alternativen aufgedrängt. Wenn die drei Hennen Glaube, Liebe und Hoffnung repräsentieren, dann sollten die vier Amseln wohl die weltlichen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung repräsentieren. Alternativ können die schwarzen Vögel farbsymbolisch auch die Nägel des Kreuzes darstellen.

Es gibt Spekulationen, dass die fünf goldenen Ringe keine Ringe sein sollten, sondern wie in den Strophen davor und danach Vögel, Stieglitze etwa (goldfinch oder goldspink). Der Stieglitz wurde jahrhundertelang wegen seines rot-schwarzen Kopfes und seiner Vorliebe für Disteln als Symbol für die Passion Christi verwendet. Daher ist es naheliegend, die fünf goldenen Ringe mit den fünf Wundmalen Christi in Verbindung zu bringen.

Gänse sind Symbole der Vorsicht und Wachsamkeit. Das Legen der Eier kann man freilich mit den Schöpfungstagen in Verbindung bringen, die auch im Nachtwächterlied zum Sechser bemüht werden.

Schwäne gelten auf Grund ihrer weißen Farbe als Symbole der Reinheit und Schönheit und werden auch als marianischen Zeichen genutzt. Hier bieten sich viele verschiedene Deutungen an, von den sieben Sakramenten bis hin zu den weihnachtlich geprägten sieben Freuden Mariens.

Acht Mägde könnten auf die acht großen Marienfeste verweisen, die Ende des 16. Jh. laut Generalkalender gefeiert wurden – mit ein wenig Kreativität kann man aber auch die elf tanzenden Damen auf Marienfeste beziehen. Es gibt ja nicht so wenige kleinere Feste. Acht kann aber auch ein Symbol der Aufstehung sein, oder sich simpler auf die acht Teile der Heiligen Messe beziehen (einschließlich Vorbereitung des Priesters).

Die neun Chöre der Engel bieten sich für die Neunzahl ebenso an wie die neun guten Helden. Doch ist neun allgemein eine symbolisch eher schwach besetzte Zahl. Eventuell die neun Tage einer Novene? Die Todesstunde Jesu?

Dass die zwölf hüpfenden Herren die Apostel sind, ist nun relativ naheliegend.

Ob diese Überlegungen alle nur Ergebnis des menschlichen Strebens sind, überall Muster und Ordnungen zu erkennen, wo vielleicht nur blödelnde Kinder waren — wir werden es wohl nie erfahren.

Wenn am 2. Jänner Neujahr ist …

Am 2. Jänner wird im Mozarabischen Ritus des Jahresanfangs gedacht – passenderweise mit dem Prolog des Johannesevangeliums als Evangelium. Mozarabischer Ritus? Ja, das ist einer der liturgischen Riten der katholischen Kirche, der etwa in der Kathedrale von Toledo, einigen Klöstern und wenigen anderen Orten gepflogen wird. Der Name ist ein wenig irreführend, denn es handelt sich nicht um einen arabischen Ritus, sondern einen autochthon spanischen. Er ist aus lokalen Traditionen gewachsen ist; deswegen wird der Ritus auch „liturgia hispánica“ oder „liturgia hispano-mozárabe“ genannt, auf deutsch auch altspanischer Ritus. Es sind aber natürlich auch Einflüsse aus anderen Riten zu merken, so aus gallikanischen und orientalischen Traditionen.

Ein Rest des Westgotischen Reiches

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Eine besondere Rolle bei der Ausprägung dieses Ritus spielte wohl die Katholisierung des Westgotischen Reiches, dessen Königshaus 589 den katholischen Glauben annahm und in der Folge eine selbständige Entwicklung der Kirche des Landes förderte. Nachdem die islamischen Eroberungsfeldzüge Spanien erreichten und das Westgotenreich vernichteten, war der Kontakt und Austausch zwischen den lokalen Christen und Rom noch schwieriger, die Entwicklung entsprechend divergent. Während man sich im unbesetzten Nordteil Spaniens ab dem 11. Jahrhundert der römischen Liturgie zuwandte, wurde im Süden die mozarabische Liturgie weitergepflogen: Die Liturgie, die „unter den Arabern“ gefeiert wurde. Mit der Rückeroberung Spaniens breitete sich die römische Liturgie ebenfalls aus, wofür sich unter anderem Reformpapst Gregor VII. einsetzte. Damit wollte er die Einheit der Kirche und des Glaubens sichern.

In Toledo, der alten Königsstadt der Westgoten, war der Widerstand gegen die Einführung des römischen Ritus allerdings sehr groß und heftig. Sei es, dass König Alfons VI. von Léon aus Dankbarkeit für das Festhalten der Toledaner am Glauben ihnen die Feier des altspanischen Ritus in sechs Kirchen weiter gestattete, sei es, dass die dramatische Geschichte von einem doppelten Gottesurteil zugunsten des mozarabischen Ritus historisch ist – jedenfalls überlebte der Ritus.

Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) gilt als Retter des Ritus, da er ein Missale und Brevier erstellen und drucken sowie eine Kapelle in der Kathedrale von Toledo bauen ließ, die ausdrücklich dem täglichen Messopfer im mozarabischen Ritus gewidmet ist, das dort auch tatsächlich bis heute gefeiert wird. 1991 wurde das aktuelle „Missale Hispano-Mozarabicum“ publiziert. Der hl. Papst Johannes Paul II. zelebrierte nach der Promulgation des Messbuchs als erster Papst überhaupt eine Messe im mozarabischen Ritus.

Einige Besonderheiten

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Der Ritus kennt einige Besonderheiten, die ihn vom römischen Ritus unterscheiden. So dauert der Advent wie auch im ambrosianischen Ritus sechs Wochen. Die Festtage zu Weihnachten sind teilweise anderes angeordnet: Auf Weihnachten folgt Stephanus, Eugenia, der Apostel Jakobus der Jüngere, der Apostel Johannes, der Apostel Jakobus der Ältere und zum Jahreswechsel die heilige Columba. Am Oktavtag von Weihnachten wird der Beschneidung Jesu gedacht, zwei Tage nach Erscheinung des Herrn folgt das Gedenken an die von Herodes in Bethlehem ermordeten Kinder. Verkündigung des Herrn und Kathedra Petri werden nur gefeiert, wenn sie nicht in die Fastenzeit fallen. Diese beginnt dafür erst mit dem ersten Fastensonntag. Die Unterschiede im Kalendarium ließen sich noch fortsetzen.

Der Grundaufbau der heiligen Messe ist dem römischen Ritues ähnlich, doch im Detail gibt es erhebliche Abweichungen. So wird das Glaubensbekenntnis nicht im Wortgottesdienst, sondern nach dem Hochgebet gesprochen; der Friedensgruß dagegen erfolgt bereits vor dem Hochgebet. Das Erbarmen Gottes wird mehrfach erbeten, ein eigenständiges Schuldbekenntnis, wie es seit dem 10./11. Jahrhundert im römischen Ritus nach der Eröffnung üblich ist, gibt es nicht. Das ist schon aus historischen Gründen wenig überraschend. Das Schuldbekenntnis war außerdem ursprünglich eine Vorbereitung des Klerus, und im Eröffnungsgebet des Priesters bittet dieser ebenfalls um Verzeihung seiner Sünden; allerdings wird währenddessen von einem Chor ein Eingangsgesang gesungen, so dass die Gemeinde dieses Gebet nicht hört.

Die heilige Messe

Stefan Kiesewetter beschreibt den Messablauf in seiner Diplomarbeit ausführlich. Die Messfeier besteht aus den großen Teilen des Wortgottesdienstes, des Hochgebets und des Kommunionritus, die durch verschiedene andere Teile verbunden werden. Die Sprache des Messbuchs ist wie im römischen Ritus Latein.

Eröffnung

Während des Einzugs des Priesters und eines Gebetes des Priesters vor dem Altar erklingt mit Ausnahme der Fastenzeit und der Wochentagsmessen ein dem Introitus vergleichbarer Gesang („Praelegendum“). Es folgt mit den nämlichen Ausnahmen das Gloria. Zu Weihnachten, Dreikönig, Ostern und Pfingsten schließt sich das Trishagion an. Dieser Abschnitt wird, sofern das Gloria nicht zu entfallen hatte, durch die „Oratio post Gloriam“ ergänzt, ein feierliches Gebet.

Wortgottesdienst

Nach einer Begrüßung („Der Herr sei mit euch“) wird aus einem Propheten des Alten Testaments gelesen. An Wochentagen und Sonntagen der Fastenzeit wird die Lesung stattdessen Weisheits- und Geschichtsbüchern des Alten Testamens entnommen; zudem sind in dieser Zeit gleich zwei Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. In der Osterzeit wird statt der Lesung(en) aus dem Alten Testament aus der Offenbarung des Johannes gelesen.

Nach der ersten Lesung wird das Psallendum gesungen, einige Verse aus den Psalmen, mit Ausnahme von Mittwoch und Freitag in der Fastenzeit, an denen stattdessen das Threni gesungen wird, Verse, die Jesaja und Ijob entnommen sind.

An bestimmten Gedenktagen folgen die Benedictiones, ein Ausschnitt aus dem Dank des Asarja für die Errettung aus dem Feuerofen.

Die zweite Lesung ist den Episteln entnommen; ohne Zwischengesangt schließt daran das Evangelium an, das vom Diakon verlesen wird. Nach der Predigt wird das Halleluja gesungen, wobei der liturgische Name Laudes ist. In der Fastenzeit entfällt dieser Gesang, der eine preisende Antwort auf das gehörte Wort Gottes ist.

Gabenbereitung

Die Gläubigen treten zum Altar und bringen die Gaben, während der Chor das Sacrificium singt. Der Diakon breitet ein Tuch auf dem Altar aus, legt darauf die Patene mit dem Brot, gießt Wein und Wasser in einen Kelch und stellt diesen auf den Altar, worauf der Priester ein für sich ein Gebet zur Bereitung der Gaben spricht. Nach Möglichkeit inzensiert nun der Priester die Gaben auf dem Altar. Dann wäscht er still an der Seite des Altars seine Hände.

Der Prieser beginnt dann das Hochgebet mit der Oratio Admonitionis, einem an die Gläubigen gerichteten Gebet oft katechetischen Inhalts, das vom Volk mit „Amen“ beantwortet wird. Dann ruft der Priester zum Gebet auf („Lasset uns beten“), was im mozarabischen Ritus nur zweimal geschieht, einmal hier, dann vor dem Vater unser. Der Chor ruft nun eine Akklamation an den dreimal heiligen Gott.

Diptychen

Die Diptychen sind Erinnerungen und Fürbitten für bestimmte Personen und Personengruppen. Zuerst betet der Diakon für die heilige katholische Kirche, dann für die Sünder, Gefangene, Kranke und Fremde. Der Priester reiht nun andere Diptychen an – deswegen heißt dieser Teil auch Alia, in denen Gott um Annahme der Gebete der Gläubigen angerufen wird.

Der Diakon setzt fort mit Diptychen für den Papst, Bischöfe bis zum Volk Gottes allgemein, es wird auch um Fürsprache der Heiligen gebeten. So drückt sich die Gemeinschaft der Kirche in Gegenwart und Vergangenheit, in Himmel und Erde aus.

Mit der Oratio post Nomina, dem Gebet nach den vielen in den Diptychen genannten Namen, wird Gott um Annahme des Messopfers angerufen und sein Verzeihen erbeten.

Friedensgruß

Der Friedensgruß nimmt breiteren Raum ein. In einer Oratio ad Pacem, einem Gebet zum Frieden, wird Gott als der wahre Frieden und unerschöpfliche Liebe vorgestellt. Der Diakon ruft das Volk auf, Frieden zu schließen. Die Gläubigen sollen daher im Friedensgruß ein sichtbares Zeichen des Friedens untereinander setzen, etwa durch einen Friedenskuss. Dazu singt der Chor den feststehenden Cantus ad Pacem.

Hochgebet

Das Hochgebet wird durch eine Wechselrede zwischen Priester, Diakon und Volk eröffnet, ähnlich den Hochgebeten des römischen Ritus, allerdings mit etwas anderem Text. Nach dieser Eröffnung folgt die Illatio, so genannt, weil sie zur Wandlung hinführt. Sie entspricht der Präfation des römischen Ritus, allerdings gab es schon seit jeher eine große Zahl verschiedener Illationes.

An sie schließt, analog zum Römischen Ritus, das Sanctus und das Benedictus an, wenn auch in leicht veränderter textlicher Gestalt und mit altgriechischer Schlussakklamation.

Die folgende Oratio post Sanctus beginnt immer mit den Worten „Vere Sanctus“, wie sie etwa auch im Zweiten und Dritten Hochgebet des aktuellen römischen Ritus verwendet werden, und weist, so Kiesewetter, auf die „Sammlung der Kirche durch Christus, das Wirken Christi an seiner Kirche und die Christus als Erlöser der Menschen“ hin.

Damit ist das Feld für den am Korintherbrief orientierten Einsetzungsbericht aufbereitet, der jeweils nach den Worten über dem Brot und dem Kelch mit „Amen“ mit beantwortet wird. Schließlich spricht der Priester eine leicht erweiterte Form von 1 Kor 11,26. Das Volk antwortet: „So glauben wir, Herr, Jesus“.

In der Oratio post Pridie wird nach verschiedenen Vergegenwärtigungen und Anrufungen der Heilige Geist um Wandlung der Gaben gebeten. Zusammen mit der Oratio post Sanctus und dem Einsetzungsbericht bildet die Oratio post Pridie in organischer Einheit die Wandlung. Eine Doxologie beendet das Hochgebet, während der der Priester die Gaben mit einem Kreuz bezeichnet.

Kommunionritus

Das Glaubensbekenntnis wird an völlig anderer Stelle als im römischen Ritus gebetet, nämlich nach dem Hochgebet. Seit der Bekehrung der Westgoten zum katholischen Glauben ist dabei das Credo in jeder Messe zu beten, um die Einheit der Kirche und des Glaubens zu betonen. Damit folgte man damals ostkirchlichen Vorbildern. Das Glaubensbekenntnis weist zahlreiche kleine sprachliche Abweichungen von der im römischen Ritus verwendeten lateinischen Fassung des Nicäno-Konstantinopolitanums auf, was auf eine alte, eigenständige Übersetzung hinweist. Aufällig ist die Übernahme des griechischen Begriffs ὁμοούσιον (wesensgleich), der mit dem Zusatz „das ist, desselben Wesens mit dem Vater“ erklärt wird. Die Weglassung des „für uns gekreuzigt“ und die Hinzufügung „im Himmel und auf Erden“ zu „durch ihn ist alles geschaffen“ zeugen vom Einfluss des älteren Nicänums. Übrigens wird das Glaubensbekenntnis als „Credimus“ gebetet, Ausdruck gemeinsamen Bekenntnisses: „Wir glauben“.

Anschließend wird das konsekrierte Brot gebrochen, begleitet vom Cantus ad Confractionem, kurzen, gesungenen Versen, die aus einem festen Repertoire meist frei gewählt werden können. Die Teile der gebrochenen Hostie werden in Form eines Kreuzes angeordnet; da das von der Gemeinde kaum zu bemerken ist, benennt er laut die einzelnen Teile beim Ablegen nach Stationen aus Jesu Leben, von der Fleischwerdung bis zur Auferstehung. Zweite weitere Teile rechts neben dem Kreuz deuten an, wie Jesus nach der Auferstehung „zur rechten Gottes“ sitzt.

Zum Vater unser fordert der Priester mit dem zweiten „Lasset uns beten“ der Messe auf und spricht ein einleitendes Gebet, das deutlich länger als sein Widerpart im römischen Ritus ist. Danach ruft der Priester jeweils eine Zeile des Vater unsers, worauf die Gemeinde mit „Amen“ antwortet. Ein weit ausgebauter Embolismus, der mit einer Erweiterung der letzten Bitten des Vater unser beginnt, schließt sich an.

Der Priester erhebt nun Patene und Kelch und ruft feierlich „Sancta sanctis“, „das Heilige den Heiligen“. Das Heilige ist Leib und Blut Christi; die Heiligen sind die Mitfeiernden, die durch die Teilhabe am Leib Christi geheiligt sind. Einen bestimmten Hostenteil legt der Priester nun in den Kelch und symbolisiert damit die Verbindung von Leib und Blut, wie es auch ein dazu vorgesehenes leises Gebet des Priesters aussagt. Nun fordern Diakon und Priester im Wechselgesang mit dem Volk zur Segnung auf, die in einem wechselnden, dem jeweiligen Festgeheimnis angepassten Text erfolgt. Dieser Segen entspricht weitgehend dem Schlusssegen des römischen Ritus.

Nun bittet der Priester leise darum, dass das Messopfer den Makel der Sünde tilge und die Gläubigen würdig werden, zur Gemeinschaft der Heiligen gezählt zu werden. Er kommuniziert nun selbst, dann der Diakon, schließlich die Gläubigen. Der Priester teilt das Brot mit den Worten „Corpus Christi sit salvátio tua“ aus, also „Der Leib Christi sei dein Heil“, der Diakon den Wein mit den Worten „Sanguis Christi máneat tecum redémptio vera“, d.h. „Das Blut Christi bleibe mit dir als wahre Erlösung“.

Der Empfang der Kommunion wird vom feststehenden Kommunionsgesang Cantus ad Accedentes begleitet, einem von zahlreichen Halleluja-Rufen geprägten Text, den der Chor singt. In der Fastenzeit gibt es eigene Formulare dafür, die der Prägung der Zeit entsprechen.

In der Antiphona post Communionem dankt der Chor nach der Kommunion: „Erneuert durch Leib und Blut Christi loben wir Dich, Herr – Halleluja!“ Hernach beschließt die Oratio Completuria den Kommunionritus, ein kurzes Dankgebet für den Empfang der heiligen Kommunion.

(Video dank des Blogs New Liturgical Movement)

Schluss

Zum Schluss ruft der Priester: „Der Herr sei immer mit euch!“, worauf das Volk antwortet: „Und mit deinem Geiste.“ Der Diakon verkündet das Ende der Messe: „Die Feier ist vollendet. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sei unser Gebet mit Frieden angenommen.“ Die Gemeinde antwortet mit „Dank sei Gott“, worauf der Priester den Altar küsst, Priester, Diakone und Altardiener sich vor dem Kreuz verbeugen und die Kirche verlassen. Mit diesem Auszug ist die Messe beendet.