Córdoba: Streit um die Kathedrale

In Spanien wird offenbar heftig über die Kathedrale von Córdoba diskutiert, die auf eine Moschee zurückgeht: Eine Initiative fordert offenbar die Enteignung des berühmten Baus, da nichts das friedliche Zusammenleben der Religionen besser darstellen würde als ein Sakralbau, der gar keiner Religion dient. So legt es ein Bericht in der NZZ nahe.

Vor dem Hintergrund der Forderungen islamischer Gruppen, Sudspanien in ein Kalifat umzuwandeln und weitgehend christenfrei zu machen, wirken die Ideen der Initiative anachronistisch. Noch mehr, als sich die Geschichten vom angeblich toleranten Kalifat von Córdoba bei näherem Quellenstudium als Mythos entpuppen. 

Doch eigentlich geht es doch wieder nur um den Kampf der eingefleischten Linken gegen die Kirche, der in Spanien schon zu grausamen Verbrechen geführt hat. Ein Fernando Aguiar, der mit dem Begriff „Wissenschafter“ legitimiert wird, darf im Artikel es als „Erbe der Diktatur“ darstellen, dass die Kathedrale noch eine Kathedrale ist, und aufgeklärt hoffen:

Nur ein Generations- und Mentalitätswandel könne Konflikte wie den von Córdoba lösen, sagt er. „Erst wenn wir Entscheidungsträger haben, die allesamt in der Demokratie geboren und in Europa ausgebildet wurden, wird es eine Mehrheit geben, die die Trennung von Kirche und Staat unterstützt.“

Damit wäre dann die Katze aus dem Sack, worum es dieser Initiative eigentlich geht. Auf den antikatholischen Reflex der spanischen Linken ist eben Verlass.

Was heißt: Papsttreu?

In der Reformationszeit wurden Katholiken gerne als „Papisten“ verunglimpft. Man insinuierte damit, dass die Katholiken lieber dem Papst als Christus treu wären. Manche freikirchlichen Gruppen pflegen diesen Unsinn heute noch.

Umgekehrt hat schon der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert geschrieben:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.
Contra Haereses III, 3

Und der hl. Ambrosius hat bekanntlich ebenfalls deutlich geschrieben:1

Wo also Petrus ist, dort ist die Kirche; wo die Kirche ist, dort gibt es keinen Tod, nur ewiges Leben.

Leo der Große hat die Bedeutung der Nachfolge des Petrus in einer Predigt so erörtert:

Dieses Bekenntnis 2 werden die Pforten der Hölle nicht überwältigen und die Bande des Todes nicht umschlingen; denn dieses Wort ist ein Wort des Lebens. Wie es seine Anhänger zum Himmel erhebt, so stößt es seine Widersacher in die Hölle hinab. Um dieses Bekenntnisses willen sagt der Herr zu dem heiligen Petrus: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Und alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“3 Freilich ging auch auf die anderen Apostel das Recht über, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen; freilich gilt für alle Vorsteher der Kirche die in diesem Ausspruch enthaltene Bestimmung; aber nicht ohne Grund wird das, woran alle Anteil haben sollen, e i n e m anvertraut. Wird ja gerade deshalb diese Vollmacht dem Petrus gesondert übertragen, weil über allen Leitern der Kirche die Person des Petrus steht. Dieses Vorrecht des heiligen Petrus gilt auch für seine Nachfolger, sooft sie, von seinem Gerechtigkeitssinn erfüllt, ein Urteil sprechen. Von allzu großer Strenge oder Milde kann aber da nicht die Rede sein, wo nichts vorbehalten oder nachgelassen wird, was nicht auch vom heiligen Petrus nachgelassen oder vorbehalten worden wäre. Als das Leiden des Herrn nahte, das die Standhaftigkeit der Jünger auf eine harte Probe stellen sollte, sprach dieser: „Simon, Simon, der Satan hat nach euch verlangt, um euch zu sieben wie den Weizen! Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht nachlasse. Und wenn du einst bekehrt bist, so stärke deine Brüder, damit ihr nicht in Versuchung fallet!“4 Allen Aposteln drohte die gleiche Gefahr, der Furcht zu unterliegen. Unterschiedslos bedurften sie der Hilfe des göttlichen Schutzes, da der Teufel alle zu versuchen, alle zu verderben trachtete. Und doch ist der Herr besonders für Petrus besorgt und betet namentlich für des Petrus Glauben, gleich als ob die Haltung der anderen eine standhaftere wäre, wenn der Mut des Oberhauptes unbezwungen bliebe. In Petrus wird also die Kraft aller gefestigt und der Beistand der göttlichen Gnade so geregelt, dass die Stärke, die durch Christus dem Petrus verliehen wird, durch Petrus auf die Apostel übergeht.

Und doch wissen wir, dass im Lauf der Jahrhunderte die Standhaftigkeit der Nachfolger Petri oft zu wünschen übrig ließ. Vom „dunklen“ 10. Jahrhundert bis zu Papst Alexander VI. und darüber hinaus ließen sich der Beispiele genug aufzählen.

Was ist also Papsttreue? Und warum soll ein guter Christ papsttreu sein?

Die Predigt Leo des Großen wie der Ausspruch Irenäus’ von Lyon zeigen, warum. Die Kirche braucht das Amt des Nachfolgers Petri als sichtbares Zeichen und Bewahrer der Einheit, als Zeuge der apostolischen Tradition. Papsttreue ist nichts anderes als der Versuch, diese Einheit selbst zu bezeugen, dieser apostolische Tradition selbst zu folgen, dem Nachfolger des Apostels den gebotenen Gehorsam zu leisten und dabei in der Liebe zu bleiben und zu handeln, die Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat.

Petrus wird in den Evangelien sehr menschlich dargestellt: Von großer Liebe zum Herrn durchdrungen, doch manchmal aufbrausend, manchmal feig. Kein vollkommener Mensch. Leo der Große verweist darauf, dass auch Petrus der göttlichen Hilfe bedurfte, um nicht verdorben zu werden. Für seine Nachfolger gilt das noch viel mehr. Nicht umsonst sagt Papst Franziskus immer, man solle für ihn beten.

Die Päpste haben im Laufe der Jahrhunderte schon viel Widerspruch und Kritik ausgehalten, angefangen bei Petrus selbst (Gal 2,11ff). Das kann sogar zur Pflicht werden: Wer jemanden liebt, der kritisiert ihn auch, wenn der ins Verderben zu rennen droht. Aber dabei darf man nie vergessen, wie Christen miteinander umgehen sollten, und erst recht nicht, dass diese Kritik immer von Liebe und Sorge getragen werden und den Blick auf das Petrusamt selbst nicht verlieren sollte.

Papsttreue bewahrt einen jedenfalls vor einem Fehler: Sich selbst zum Papst zu machen, der unfehlbar darüber entscheidet, ob der echte Papst nun genügend katholisch ist.


  1. Zitiert nach Oliver Achilles, der die entsprechende Stelle auf seinem Blog auslegungssache.at übersetzt hat. Er selbst bezweifelt übrigens, dass die Stelle als Betonung des Petrusamts gelesen werden sollte, und verortet diese Interpretation in der Zeit der Gegenreformation. 
  2. Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes. 
  3. Mt 16,19 
  4. Lk 22,31f. 

Zum Weihetag der Lateranbasilika

Kathedra in der Apsis der Lateranbasilika

Kathedra in der Apsis der Lateranbasilika

Der Weihetag der Erzbasilika im Lateran, der „Mutter und des Haupts aller Kirchen“, fällt heuer auf einen Sonntag, und somit wird dieser Festtag wieder einmal breiter begangen. Der Rang der Kirche leitet sich daraus ab, dass sie ja der eigentliche Sitz des Bischofs von Rom und damit des Papstes ist. Wie es für eine Patriarchalbasilika der Brauch ist, ist sie dem Erlöser selbst geweiht, auch wenn der heilige Johannes der Täufer und der Evangelist Johannes später zu weiteren Patronen erhoben wurden.

Dieser Tag erinnert uns an die Verbundenheit der ganzen Weltkirche untereinander und mit ihrem Haupt in Rom. Eine Verbundenheit, die nicht auf der Person und Persönlichkeit des jeweiligen vicarius christi beruht, sondern in seiner Aufgabe als Nachfolger Petri. Eigentlich muss man da gar nicht mehr sagen, als in der Epistellesung aus dem 1. Korinterbrief steht:

Ihr seid Gottes Bau. 10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.

Übrigens kann man auf den Seiten des Vatikan eine virtuelle Tour durch die wunderschöne Basilika unternehmen.

Job zu Allerseelen

Alles verloren. Zuerst nur den Besitz. Dann sogar die eigenen Kinder. Zuletzt die Gesundheit des eigenen Leibes. Von den eigenen Verwandten geschnitten, sogar selbst für sein ganzes Unglück verantwortlich gesehen. Das ist Job oder Hiob. Und ausgerechnet am Allerseelentag kann er einem in der Liturgie wieder begegnen. Trotz aller furchtbaren Ereignisse, die er in seiner Rede auch anführt, proklamiert Job — ich zitiere etwas länger als die Perikope ist — voller Zuversicht:

14 Es meiden mich meine Verwandten, es vergessen mich meine Vertrauten. 15 Die Hausgenossen sehen mich wie einen Fremden an, in den Augen meiner Mägde ward ich zum Fremdling! 16 Ich rufe meinen Knecht – er gibt keine Antwort; flehentlich muß ich ihn bitten. 17 Zum Ekel ist meiner Frau mein Atem, mein Gestank den Söhnen meiner Mutter. 18 Es verachten mich sogar die Kinder, trete ich wo auf, verspotten sie mich. 19 Es verabscheuen mich meine Vertrauten, und die ich liebte, wenden sich gegen mich. 20 An meiner Haut, an meinem Fleisch klebt mein Gebein; es bleibt mir nur die Haut an meinen Zähnen. 21 Erbarmt euch! Meine Freunde, habt mit mir Erbarmen, denn getroffen hat mich die Hand Gottes. 22 Was verfolgt auch ihr mich wie Gott, werdet nicht satt, mich zu zerfleischen? 23 O, schriebe man doch meine Worte auf, trüge man sie doch in ein Buch ein; 24 wären sie doch in den Felsblock für immer eingemeißelt mit Eisengriffel und mit Blei! 25 Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Von der Erde werde ich am letzten Tage auferstehen. 26 Dann wird meine Haut wieder um mich sein, und schauen werde ich Gott in meinem Fleisch. 27 Ja, ich selber werde ihn schauen! – Doch werden ihn meine Augen nicht mehr sehen als Gegner! – Danach sehnen sich in mir meine Nieren. 28 Wenn ihr noch denkt Wir setzen ihm zu! – denn in mir sei der Grund des Schicksals zu finden -, 29 so seid vor dem Schwert auf der Hut; denn das Schwert ist Rächer der Schuld! Bedenkt, es lebt noch ein Richter!
— Ijob 19,14-28 nach der Henne-Rösch-Ausgabe

Er weiß, dass sein Erlöser lebt, obwohl er gerade diesen Erlöser selbst für sein Leid verantwortlich macht. Doch Jobs Glauben ist von unerschütterlich tiefer Zuversicht. Die Zuversicht, dass unser Erlöser lebt, trägt uns auch zu Allerseelen. Anders als Job ist diese Zuversicht vielleicht nicht so unerschüttlich. Und anders als Job sind wir selbst — und auch die Menschen, für die wir beten — oft mit klar benennbarer Schuld belastet.

Allerseelen ist ein Tag des Andenkens und des Gebets an die armen Seelen, die Menschen, die nach dem Tod einer Reinigung, Läuterung bedürfen. Wie wir wohl auch selbst einmal sein werden. Aber es ist dabei ein Tag der Freude: Denn Gott verstößt diese „armen Seelen“ eben nicht, obwohl die Betroffenen keine Heiligen waren, wie man so sagt.

Das Purgatorium oder Fegefeuer, ein Begriff, der die Reinigung der Seelen vorstellbar machen soll, ist keine Drohung, sondern eine Hoffnung, dass Gott uns trotz all unserer Fehler, unserer Sünden retten wird. Allerdings wird die Erkenntnis dieser Fehler, das Bekenntnis dieser Schuld wohl ein schmerzhafter Vorgang sein, wie es Selbsterkenntnis meistens ist. Das kann man übrigens im Buch Job ebenfalls nachlesen.

Daher wird unsere erhoffte Auferstehung vielleicht auch zuerst ein Tag der Tränen sein, wie es im berühmten „Dies irae“ heißt. Doch am Ende steht Gottes Barmherzigkeit, wie es in der Offenbarung des Johannes geschildert wird:

4ab Er wird jede Träne von ihren Augen wegwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, weder Trauer noch Klage noch Schmerz wird mehr sein.

Synode: Gestörte Kommunikation?

Wie stümperhaft die Öffentlichkeitsarbeit zur Familiensynode in Rom abläuft, kann man an den Zeitungsberichten ablesen, die etwa titelt: „Kirche korrigiert Kurs“ und von einer „Öffnung für Homosexuelle“ schreibt.1 Da wird ein Arbeitspapier präsentiert; auf Journalistenfragen dazu werden aber derart ausweichende Antworten gegeben, dass diesen gar nichts anderes überbleibt, als nach eigenem Ermessen zu interpretieren. Bischöfe protestieren gegen Passagen, und bald gilt das ganze nur mehr als Werk des Kardinal Erdö, aber (noch) nicht als Werk der Synode. Dann soll selbst Kardinal Erdö nicht hinter allen Teilen des Texts stehen.

Dabei sind die Kritiker des Papiers und die Autoren in vielen Fragen inhaltlich wahrscheinlich gar nicht so weit auseinander — so revolutionär ist der Text nicht. Vieles gibt Positionen wieder, die sich etwa auch im Katechismus finden. Vielmehr treibt viele die Sorge um gerade die (bewussten?) Missverständnisse, die jetzt so fröhliche Urständ’ feiern. Dass nicht die Heranführung der Menschen an die Wahrheit des Glaubens, sondern die Verwässerung der Wahrheit das praktische Ergebnis ist, auch wenn es eigentlich nicht intendiert war.

Offenbar ist aber auch die interne Kommunikation missglückt, wie die Verwirrung um das Arbeitspapier zeigt, die auch unter teilnehmenden Bischöfen zu herrschen scheint. Eine offene Diskussion sollte es werden — doch in der heutigen Mediengesellschaft kann so etwas auch leicht nach hinten losgehen und erst recht Gerüchte befeuern. Vielleicht wären Konsulenten, die einen Prozess begleiten, manchmal doch ihr Geld wert.


  1. Was ein völliger Kategorienfehler ist, denn das Christentum teilt Menschen nicht nach ihren vorübergehenden oder permanenten sexuellen Neigungen ein. Wie man damit umgeht, das ist der entscheidende Punkt. Und überhaupt: Katechismusleser wissen mehr. 

Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz

Am 7. Oktober ist im Kalender das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz vermerkt, das früher in Österreich in wichtiges Marienfest war, ist es doch mit dem Sieg über die türkische Bedrohung bei der Seeschlacht von Lepanto 1571 verbunden. Dieser Zusammenhang wurde dann auch von Kaiser Karl VI. nach der Schlacht von Peterwardein 1716 bemüht, um eine Rangerhöhung des Festes zu erreichen.

Das Fest wird missverständlicherweise oft auch einfach „Rosenkranzfest“ genannt. Unter diesem Namen ist damit auch eine große Kundgebung des Widerstands gegen das Dritte Reich verbunden: Als sich am 7. Oktober 1938 7.000 Jugendliche im Stephansdom zu einem auf abenteuerliche Weise organisierten Gebetstreffen zusammenfanden. Der Wiener Erzbischof Theodor Kardinal Innitzer entschuldigte sich bei den Jugendlichen für sein Verhalten im März und April 1938 und predigte in deutlichen Worten; u.a. rief er ihnen zu: „Einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus, wenn ihr Ihm die Treue haltet, werdet ihr niemals verloren gehen.“ Postwendend stürmte die Hitlerjugend das Erzbischöfliche Palais, verwüstete es und warf u.a. Domkurat Johann Krawarik aus dem Fenster. Gauleiter Bürckel hielt bei einer extra als Antwort organisierten
Großkundgebung Schmähreden gegen den Kardinal („Innitzer und Jud, eine Brut“). Da Friedenszeit war und bald auch viele ausländische Medien darüber berichteten, waren schlimmere Reaktionen dann aber ausgeblieben.

So, wie die Gebete der Rosenkranz-Bruderschaften nach der Überzeugung vieler wesentlichen Anteil am Sieg in Lepanto hatten, so war schließlich 1955 die Überzeugung groß, dass der Rosenkranz-Sühnekreuzzug von P. Petrus Pavlicek für Österreichs Weg zur Freiheit große Bedeutung hatte. Pavlicek, dessen Lebensgeschichte schon für sich interessant genug ist, konnte bis zu einer halben Million Österreicher für das gemeinsame Gebet mobilisieren, darunter auch Leopold Figl und Julius Raab. Zwar begehen die Beter des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs das Maria-Namen-Fest, nicht das Fest unserer Lieben Frau vom Rosenkranz in besonderer Weise. Doch die innere Verbindung ist offensichtlich.

Von der Geschwisterlichkeit

Oft wird heute in Kirchendiskussionen das Schlagwort einer „geschwisterlichen Kirche“ bemüht; besonders dann, wenn es um die Organisation der Kirche oder gegen die Moraltheologie geht. Was mich an diesem Wort immer irritiert hat, war, dass es im Alltag eigentlich nicht vorkommt. Es bedeutet auch eigentlich nichts.

Über Kulturen und Generationen hinweg wurde davon gesprochen, dass Menschen sich wie Brüder zueinander verhalten sollen. Gemeint war: Untereinander herzlich, unterstützend, so verbunden, dass Rang und Stand sie nicht trennen können. So, wie es durch Jahrhunderte hindurch in Familien notwendig war, einfach, um zu überleben. Die Brüder werden dabei aus drei Gründen genannt: Zum einen in generischer Weise, da es im Deutschen lange gar kein eigenes Wort für „Schwestern und Brüder“ gab; zum anderen, weil in vielen Kulturen die Schwestern den Familienverband durch Hochzeit verlassen. Die vorbildhafte Eintracht war daher unter den Brüdern leichter zu finden. (Das Gegenbeispiel ist mit Kain und Abel aber bereits urbiblisch.) Zum dritten, weil Brüder und Schwestern wiederum durch die jeweiligen Bündel von Rechten und Pflichten unterschieden waren, die dem Ausdruck der Gleichheit zuwiderliefen.

Heutzutage sind Rechte und Pflichte der Schwestern und Brüder gleich; man wird freilich konzedieren müssen, dass sich Brüder und Schwestern deswegen nicht gleich verhalten. Geschwister müssen bei uns aber auch nicht mehr zusammenhalten, damit sie durchs Leben kommen. In zerfallenden Familien, bei einem immer größeren Anteil von Einzelkindern beschreibt „Geschwisterlichkeit“ kein besonderes Ideal, erst recht keine Realität, sondern ist mehr oder weniger eine „Kirchensprech“-Phrase. Außerhalb der Kirche habe ich den Begriff auch noch selten gehört.

Was ist also eine „geschwisterliche Kirche“? Eine Gemeinschaft von Experten des kircheninternen Selbstdiskurses?

Gib dem Schutzengel eine Chance

Beim Thema Schutzengel denkt man heute oft eher an kitschige Kinderbücher und kleine Putten, die irgendwie herumschweben. Oder Esoteriker, die mit Energiesteinen und sonstigen herumhantieren. Doch der Glaube an Schutzengel ging einmal und geht bei vielen Menschen auch heute noch tiefer. Nicht umsonst steht im liturgischen Kalender für den 2. Oktober das Schutzengelfest eingetragen.

Engel, Boten Gottes, kommen im Alten Testament mehrfach vor, vom Buch Genesis bis zum viel späteren Buch Daniel. Im Psalm 90 (MT: 91) wird davon gesprochen, dass Engel Gottes den Beter auf all seinen Wegen beschützen. Die Idee, dass jeder Mensch einen eigenen Schutzengel haben könnte, wurde etwa vom Kirchenvater Hieronymus vertreten und von Thomas von Aquin in der Summa Theologiae diskutiert. Dabei spielt die folgende Stelle aus dem Evangelium nach Matthäus eine besondere Rolle:

Ὁρᾶτε μὴ καταφρονήσητε ἑνὸς τῶν μικρῶν τούτων· λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οἱ ἄγγελοι αὐτῶν ἐν οὐρανοῖς διὰ παντὸς βλέπουσιν τὸ πρόσωπον τοῦ πατρός μου τοῦ ἐν οὐρανοῖς. — Mt 18,10

Seht zu, dass ihr nicht über einen der kleinen dieser gering denkt; denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Antlitz meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist. (eigene Übersetzung)

Die gesonderte Fürsprache bei Schutzengeln ist bereits früh nachweisbar. Die Idee eines eigenes Festes wurde aber erst im 16. Jahrhundert populär. 1579 soll das Bistum von Cordoba ersucht haben, ein Schutzengelfest feiern zu dürfen, kurz darauf auch Toledo und Valencia. Auf Bitte der Habsburger wurde das Fest für die habsburgischen Lande obligatorisch; ansonsten war es ad libitum am ersten freien Tag nach St. Michael zu feiern. Schließlich wurde es 1670 allgemein obligatorisch und auf den 2. Oktober gelegt. Das Fest ist in gewisser Weise eine Aufdopplung zum Michaelsfest, bei dem ja auch der anderen Engel gedacht wird.

Der Schutzengel ist Manifestation eines wichtigen Gedanken: Gott lässt uns nie allein. Seine Hilfe ist immer bei uns. Ob wir sie aber annehmen, auf uns wirken lassen — das ist eine andere Frage. Im Salzkammergut gibt es zur Warnung für Motorradfahrer Plakate mit dem Spruch: „Gib Deinem Schutzengel eine Chance!“ Genauso ist es.

Kirche und Asyl: Eine miese Tour der Politik

Eine miese Tour: Der Landtagsklub der niederösterreichischen Volkspartei hat also wieder einmal Pfarrer und Köster angeschrieben, ob sie nicht Asylwerber aufnehmen wollen. Dann wird süffisant von niedrigen Rückmeldungen berichtet, um kirchliche Kritik an mangelnder Solidarität mit denjenigen, die Flüchtlinge aufnehmen, unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Schließlich waren die Medien in den jetzten Wochen ja voll von Versuchen diverser Landes- und Gemeindepolitiker, nach dem Florianiprinzip die Unterbringung von Flüchtlingen gerade bei ihnen auf Biegen und Brechen zu verhindern. Da will man natürlich zeigen, „dass die anderen auch nicht besser sind.“

Aber natürlich erhält der Landtagsklub kaum Rückmeldungen: Er ist für Fragen der Grundversorgung von Asylwerbern überhaupt nicht unzuständig. Ein Brief von Kardinal Schönborn und Caritas-Präsident Landau an Pfarren, ob sie angesichts des Aufnahmestopps in Traiskirchen vorübergehende Quartiere bereitstellen können, hat dagegen bereits Resonanz gefunden; über die Caritas besteht ja auch eine Schnittstelle zur Grundversorgung. Manche Pfarren betreuen übrigens schon seit Jahren Flüchtlinge, ohne großes Aufheben davon zu machen.

Aber wenn Gemeinden keine Flüchtlinge beherbergen wollen — zum Teil auf Grund des Missverhältnisses zwischen Ortsgröße und geplanter Flüchtlingszahl auch sehr verständlich –, warum sollen diese Gemeinden die gleichen Flüchtlinge willkommen heißen, wenn sie im Pfarrhof wohnen?

Wobei es ja tatsächlich eine Frage ist, ob es rechtstaatlich vernünftig ist, Asylwerber durch caritative Organisationen versorgen zu lassen, die sich häufig auch als Anwalt der betreuten Personen sehen und an der Länge von Asylverfahren oft nicht unbeteiligt sind. Der Betreuer sollte selbst ja eigentlich kein Interesse am Ausgang des Verfahrens haben und den Gang des Rechtsstaats nicht behindern. Doch gerade kirchlichen Einrichtungen fällt es aus verständlichen Gründen schwer, jemanden wieder deportieren zu lassen, weil eben sein Asylantrag abgelehnt wurde. Insofern weiß ich nicht, ob die niederösterreichischen Landespolitiker wirklich wissen, was sie sich da wünschen.

Der Papst in Albanien, dem Musterland

Die kurze Reise von Papst Franziskus nach Albanien ist medial etwas untergegangen, obwohl sie viele wichtige Hinweise auch für den Rest der Welt enthalten hat.

Albanien war jahrelang offiziell ein „atheistischer Staat“, womit gemeint war, dass der Kommunismus und der Kult um Staatschef Enver Hoxha Staatsreligion waren. Im Einklang damit gab es eine intensive Verfolgung der gläubigen Menschen. Wie in Albanien oder im Rahmen der Französischen Revolution, so bedeutet auch sonst aufgezwungener Atheismus nichts anderes als den gewaltsamen Versuch, den Glauben der Menschen durch eine andere Religion zu ersetzen.

Da es hier um das Innerste des Menschen geht, genauso um sein äußerstes Ziel, widersetzten sich viele mutig diesem Zwang offen; noch mehr andere zumindest heimlich. Die Begegnung des Papstes mit Überlebenden der Verfolgung ist wohl der berührendste Teil der Reise gewesen. Menschen, die jahrzehntelang inhaftiert waren, deren Todesurteil durch eine Fügung nicht vollstreckt war, die ihre Geschichte jetzt der Welt erzählen konnten. Viele andere mussten ihr Leben lassen, weswegen der Papst die Albaner als Volk der Märtyrer gewürdigt hat.

Die ganze Verfolgung erwies sich glücklicherweise als fruchtlos. Vor der Schreckensherrschaft des Hoxha-Regimes sollen etwa 70% der Albaner Moslems, 20% orthodox und 10% katholisch gewesen sein. Offiziell sind heute knapp 60% der Albaner Moslems, wiederum 10% katholisch und etwas weniger orthodox. Die übrigen Albaner neigen in der Praxis aber wohl einer der genannten Glaubensrichtungen zu, ausgenommen die ewiggestrigen Hoxha-Anhänger.

In dieser Praxis zeichnet sich Albanien durch ein friedliches Miteinander der Religionen aus. So sind auch viele Moslems in Tirana auf den Beinen gewesen, um den Papstbesuch mitzuerleben. „Papst Franziskus macht Albanien stolz“, schreibt die Deutsche Presseagentur (und in Gefolge die APA) zurecht. Zu diesem Miteinander trägt wohl auch die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung bei.

Papst Franziskus hat der Religionsfreiheit bei der Begegnung mit den Führern anderer Religionen und christlicher Konfessionen breiten Raum gewidmet. Der ganze Text ist sehr interessant, ich möchte aber folgende Stelle besonders herausgreifen:

[…] Ich erlaube mir, auf zwei Haltungen hinzuweisen, die besonders nützlich sein können bei der Förderung dieser Grundfreiheit.

Die erste besteht darin, in jedem Mann und jeder Frau – auch in denen, die nicht der eigenen religiösen Tradition angehören – nicht Rivalen und noch weniger Feinde zu sehen, sondern Brüder und Schwestern. Wer sich seiner eigenen Überzeugungen sicher ist, hat es nicht nötig, sich durchzusetzen und Druck auf den anderen auszuüben: Er weiß, dass die Wahrheit ihre eigene Strahlkraft besitzt. Im Grunde sind wir alle Pilger auf dieser Erde, und auf dieser unserer Reise leben wir in unserer Sehnsucht nach Wahrheit und Ewigkeit nicht als autonome Wesen, die sich selbst genügen – weder als Einzelne noch als nationale, kulturelle oder religiöse Gruppen –, sondern hängen voneinander ab, sind gegenseitig der Sorge der anderen anvertraut. Jeder religiösen Tradition muss es von innen her gelingen, dem Dasein des anderen Achtung zu zollen.

Eine zweite Haltung ist das Engagement zugunsten des Gemeinwohls. Jedes Mal, wenn die Zugehörigkeit zur eigenen religiösen Tradition einen überzeugteren, großzügigeren und selbstloseren Dienst an der gesamten Gesellschaft hervorbringt, ist das eine authentische Ausübung und Entwicklung der Religionsfreiheit. Dann erscheint diese nicht nur als ein rechtmäßig eingeforderter Raum der Unabhängigkeit, sondern als eine Möglichkeit, die mit ihrer fortschreitenden Ausübung die Menschheitsfamilie bereichert. Je mehr man den anderen zu Diensten ist, umso freier ist man! […]

Und dann möchte ich etwas ansprechen, das immer ein Phantom ist: der Relativismus, „alles ist relativ“. In diesem Zusammenhang müssen wir einen klaren Grundsatz berücksichtigen: Man kann keinen Dialog führen, wenn man nicht von der eigenen Identität ausgeht. Ohne Identität kann es keinen Dialog geben. Das wäre ein Scheindialog, ein Dialog in den Wolken – er ist nutzlos. Jeder von uns hat seine religiöse Identität und ist ihr treu. Aber der Herr weiß, wie die Geschichte voranzubringen ist. Gehen wir ein jeder von seiner eigenen Identität aus, und tun wir nicht so, als hätten wir eine andere, denn das nützt nichts und ist nicht hilfreich, das ist Relativismus. Was uns verbindet, ist der Weg des Lebens, ist der gute Wille, von der eigenen Identität auszugehen, um den Brüdern und Schwestern Gutes zu tu. Gutes tun! Und so gehen wir miteinander als Geschwister. Jeder von uns bietet dem anderen das Zeugnis der eigenen Identität an und
kommt mit dem anderen ins Gespräch. Dann kann der Dialog über theologische Fragen weitergeführt werden, aber wichtiger und schöner ist, miteinander zu gehen, ohne die eigene Identität zu verraten, ohne sie zu verschleiern, ohne Heuchelei. Mir tut es gut, so zu denken.

Es gibt freilich viele Glaubensüberzeugungen, denen die Idee völlig fremd ist, in anderen Menschen Bruder und Schwester zu sehen. Man braucht nur Friedrich Nietzsche lesen, um das ganz ausdrücklich vor Augen geführt zu bekommen. Doch in einer pluralistischen Gesellschaft ist die Akzeptanz des Anderssein des Anderen Grundvoraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben. Das auch die Akzeptanz des Eigenseins dazugehört, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht, weswegen Papst Franziskus die Nebelwolke des Relativismus ansprechen muss, die auch heute noch gerne zur Tarnung von Gegnern der organisierten Religion versprüht wird.