„Der Pate“ unterm Turban

Nach all den ernsten Themen der letzten Tage etwas Leichteres: Der türkische Graphiker und Künstler Murat Palta hat sich die Frage gestellt, wie eine Verbindung traditioneller osmanischer Miniaturmalerei mit moderner Filmkunst aussehen könnte. Also hat er Schlüsselmotive in dieser Technik zu neuen Pastichen zusammengestellt.

Das ganze kann man sich auf behance.net ansehen. Dabei hat sich Palta bemüht, den Eindruck alter und abgegriffener Bilder zu erwecken. Dabei kann man übrigens auch eine gewisse Verwandtschaft zu mittelalterlichen Buchminiaturen aus Europa erkennen.

Mit seinen Tableaus, angefangen von „Star Wars“ mit Darth Vader als Großwesir bis zu „Alien“ hat er für Aufsehen im Netz gesorgt. Ich bin eher der Letzte als der Erste, der sie verlinkt. Bei Mehreen Kasana kann man ein Interview mit dem Künstler lesen, der die Bilder für seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule gemalt hat.

(über kottke.org)

Jan Vermeer und die Camera Obscura

Hat Jan Vermeer mit der Camera obscura gearbeitet oder nicht? War er auch ein Erfinder, oder war das alles künstlerische Gabe?

Vom niederländischen Maler Jan Vermeer (* 1632 † 1675) ist nur ein Oeuvre von 37 Werken erhalten, die z.B. in der Wikipedia mit Bild aufgelistet sind. Doch einige davon, wie das Mädchen mit dem Perlohrring, sind weltberühmt.

Bei einigen Szenen, die der Maler komponiert hat, fällt eine Licht- und Schattenwirkung, ein Farbverlauf auf, wie er auch auf modernen Photographien zu sehen ist, aber nicht dem entspricht, was man mit freiem Auge sehen würde. Beim Landschaftsbild „Ansicht von Delft“ zeigt detailgetreue Dachkonstruktionen entfernter Häuser, die man mit freiem Auge so nicht gesehen hätte. Seit den 1890er Jahren wird darüber diskutiert, ob Vermeer Hilfsmittel wie die Camera obscura benutzt hat.

Dieses Hilfsinstrument besteht aus einem Kasten, der an einer Seite ein kleines Loch aufweist, in dem seit dem Mittelalter oft eine Linse montiert wird. Auf die Rückseite des Kastens wird nun das gebüdelte Licht geworfen, so dass ein Abbild dessen entsteht, was man durch das Loch sehen könnte. Mit einem Spiegel konnte man dieses Abbild nun zum Beispiel auf eine Leinwand projizieren, wo es zwar nur schwach, aber doch sichtbar war und somit als Hilfe für Skizzen dienen konnte. So benutzte z.B. im 18. Jahrhundert Canaletto bei seinen Veduten die Camera obscura für exakte Zeichnungen, die als Vorlage für das spätere Bild dienen würden.

Aber wurde diese Technik auf im 17. Jahrhundert schon angewandt? Wie Vanity Fair etwas effekthascherisch berichtet, hat nun der Texaner Tim Jenison eine solche Camera obscura mit Spiegel in einer Weise nachgebaut, wie sie technisch zur Zeit Vermeers möglich gewesen wäre. Und zu Testzwecken hat er einen Raum mit großem Aufwand etwa so hergerichtet, wie er in Vermeers „Musikstunde“ dargestellt wird. Danach wollte er testen, ob er mit Hilfe der Camera ein Bild mit ähnlichen Qualitäten in Licht und Farbe — nicht von der künstlerischen Qualität her – zustandebringen würde. Die entsprechenden Bilder kann man bei Vanity Fair sehen. Man muss zugeben: Dafür, dass Jenison kein Maler ist, hat er mit Hilfe des Apparats ein passables Ergebnis geliefert. Keinen Beweis, aber einen starken Hinweis, dass Vermeer sich solcher Hilfsmittel bedient haben könnte.

Der Widerstand gegen die bloße Idee, dass Vermeer und andere Maler technische Hilfsmittel erfunden und benutzt haben, liegt wohl in einer Art von Übermenschen-Sicht, wie seit dem 19. Jahrhundert in der Kunstwelt Platz greift, und die technische Hilfe quasi als unfairen Trick ansieht. Eine Sicht der Dinge, die dem 17. Jahrhundert völlig fremd war: Damals waren Maler selbstverständlich Handwerker, bei denen man etwas bestellt hat und die dann mit ihrem Werkzeug und Können diese Bestellung zu erfüllen versuchten. Und nebenbei wissen wir etwa von Leonardo da Vinci, dass er z.B. ständig nach technischen Verbesserungen für die Malkunst geforscht hat, z.T. mit deaströsen Folgen für das Kunstwerk, wie die Episode rund um Leonardos Gemälde der Anghiarischlacht zeigt. Und sein Interesse an Neuerungen war, wie die technischen Fortschritte in der Malerei der Renaissance und des Barock zeigen, kein Einzelfall.

Wenn Vermeer also keine abnormen Augen gehabt hat, so spricht vieles dafür, dass er mit Spiegel und Camera bewaffnet gearbeitet hat, um noch glaubwürdigere Eindrücke erzeugen zu können.

Jan Vermeer: Der Soldat und das lächelnde Mädchen

Jan Vermeer: Der Soldat und das lächelnde Mädchen

Kinder rund um die Welt und ihr Spielzeug

Was verbindet alle Kinder der Welt? Sie spielen gerne. Erwachsene übrigens auch, aber sie dürfen nicht so. Spielzeug gibt es daher im Prinzip so lange, wie es Menschen gibt. Manchmal ist es ein schöner Kieselstein, ein Ast, der Samen von Löwenzahn. Heutzutage ist es meist etwas komplizierteres.

Der italienische Photograph Gabriele Galimberti hatte die Idee, bei eienr Reise um die Welt in verschiedensten Länder Kinder mit ihren Spielzeugen abzulichten. Und zwar zum Großteil in deren eigener Wohnung. Das sagt mehr über das Verbindende und Trennende, über die eigene Sicht der Welt aus als vieles andere.

In einem kurzen Interview mit Nick Fancher bei FStoppers erzählt er, wie es dazu gekommen war:

Das erste Photo, das ich von der Serie geschossen hatte, machte ich in der Toskana – das Mädchen mit den Kühen im Hintergrund. Eine Freundin bat mich, ihr Kind zu photographieren. […] Ich mochte das Ergebnis dieses Photos wirklich sehr und einige Monate später, als ich die Möglichkeit hatte, meine Weltreise zu beginnen, entschloß ich mich, ein ähnliches Photo in jedem Land zu machen, das ich besuchen würde.

Bei den Bildern zeigt sich übrigens die Tendenz, das die meisten Kinder (oder ihre Eltern) möglichst viele Spielsachen herzeigen wollen, und damit auch ihren Wohlstand demonstrieren. Und: Galimberti inszeniert die Bilder mit Bedacht; man sollte daher nicht den Fehler begehen, den Photographen vom Bildinhalt zu trennen. Wie er inszeniert ist aber sehenswert.

Wer die Bilder ansehen will, tut das am besten auf Galimbertis Homepage; der Spiegel hat vor Monaten eine kleine Auswahl online veröffentlicht.

Die Zahnräder des Greifen

Diego Mazzeo macht detailverliebte Collagen, Zeichnungen und Illustrationen, spielt mit Erwartungen und Popkultur-Referenzen. Und stellt einen Teil seinens Oeuvres auf der Website diegografico.com.ar der Öffentlichkeit vor, wie den mechanischen Greifen.

Wer in das Bild genauer hineinschaut, wird seltsame Apparaturen entdecken, verwegen schillernde Metalle bestaunen und stundenlang über das Ineinandergreifen der Zahnräder nachdenken können.

(Hinweis dank kottke.org)

Altes Gemälde trifft auf moderne Ideale

Die Schönheitsideale, die wir aus Fernsehen, Filmen und Hochglanzmagazinen kennen, sind wir mittlerweile fest gewohnt. Doch bekanntlich haben sich diese Ideale im Laufe der Jahrhunderte kräftig gewandelt, und werden sich wohl auch wieder wandeln. Denn im Grunde geht es immer um das Signal des Besonderen, Besseren, und das Besondere von gestern ist das Ordinäre von heute.

Nazareno Crea hat 2009 das Projekt unternommen, mehrere klassische Bilder mit Photoshop so nachzubearbeiten, daß die abgebildeten Damen den Idealen der Modewelt entsprechen würden. „Alpha Beauties“ nannte er das, und die 45 Retuschen wurde seither etwa im Royal College of Arts oder auf der Biennale in Venedig ausgestellt.

Man kann die bearbeiteten Bilder auch kaufen – passenderweise mit dem unbeschränkten Recht, sie selbst zu bearbeiten und danach zu verwenden.

Hier ein kleines Beispiel an Hand der Bocca Baciata (1859) von Dante Gabriel Rossetti, gedacht als Darstellung der Sinnlichkeit und Lust. Links das Original, rechts die Bearbeitung, die auch vor den Fingern und dem Hals (der geradezu grotesk aussieht) nicht halt gemacht hat. Wer sich einmal die Fotos in Modezeitschriften angesehen hat, wird dort allerdings einige solche groteske Momente entdecken,wie sie Crea in seinen Bildbearbeitungen imitiert hat.

Bocca Baciata: Links von Dante Gabriel Rossetti, rechts in der Bearbeitung von Nazareno Crea.

(über kottke.org)

Otfried Preußler

Otfried Preußler war einer jener Autoren, die gezeigt haben, warum die immer noch populäre Einschätzung, Kinderbücher seien Literatur zweiter Klasse, Unsinn ist. Gute Kinderbücher sind schwierig zu schreiben, ziehen dafür selten bloß die eigentliche Zielgruppe in ihren Bann. Viele seiner Werke sind mit Recht bald Klassiker geworden — und ein überaus lesenswerter, schöner Nachruf Tilman Spreckelsens in der FAZ bringt es auf den Punkt:

Preußler hat oft beschrieben, wie seine frühen Texte in der Auseinandersetzung mit Schülern entstanden seien, aus genauer Kenntnis der jungen Zuhörerschaft, und aus dem Respekt vor deren Horizont. Das ist sicher richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die veritablen Meisterwerke, die damals entstanden, verdanken sich nicht nur dem Sagenschatz von Preußlers böhmischer Heimat, sondern auch der vollkommenen Sicherheit, die Preußler in allen Fragen der sprachlichen Verarbeitung an den Tag legte. Es dürfte kaum einen zweiten deutschen Autor unserer Zeit geben, der derart funkelnde Satzperioden für ein junges Publikum geformt hat, der Mündlichkeit, wie sie im Unterricht gefordert ist, so ohne jede Einbuße in Schriftlichkeit überführt hat, und das ohne einen Schatten von Anbiedern. Wer Kinder ernst nimmt, so könnte man sich das übersetzen, wer dieses überwältigend begeisterungsbereite und unerbittlich kritische Publikum auf seine Seite ziehen will, der darf in seiner Diktion weder Moden folgen noch irgendein pädagogisches Programm über die Köpfe der Kinder hinweg verfolgen.

Es ist nebenbei ein Treppenwitz, daß ausgerechnet an Preußlers Werk, das von so viel Respekt vor Kindern und ihrer Auffassungsgabe geprägt ist, die mächtige political correctness vor kurzem ein Exempel statuierte. Die Zeiten des Selberdenkens scheinen wieder vorbei.

Preußler war die Arbeit als Kinderbuchautor keineswegs in die Wiege gelegt; Jahre im Krieg und Kriegsgefangenschaft, Verlust seiner böhmischen Heimat, Neuaufbau einer Existenz. Eine bittersüße Geschichte darin auch, wie er nach fünf Jahren Gefangenschaft seine Verlobte wie durch ein Wunder in Oberbayern wiederfand. Seine Lust am Geschichtenerzählen, am Zeichnen und Schreiben, blieb durch die Wirrnisse hindurch aber erhalten. So hatte er schon einige kleine Geschichten geschrieben, bevor er seinen Durchbruch dreiunddreißigjährig 1956 mit dem „kleinen Wassermann“ hatte; wenige Jahre später erschien mit dem „Räuber Hotzenplotz“ sein wohl bekanntestes Werk und 1971 mit „Krabat“ vielleicht sein persönlichstes. In den letzten Jahren war es altersbedingt etwas ruhiger um ihn geworden. Nun ist Preußler also neunundachtzigjährig in Prien am Chiemsee gestorben.

Danke an Otfried Preußler, daß er uns so viele Geschichten geschenkt hat. Sie werden hoffentlich noch viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch ihr Leben begleiten.

Wohltemperierte Musik

Aus der Ferne mag es vielleicht seltsam scheinen, daß eine Sammlung kurzer Klavierstücke des hochfürstlich anhalt-köthenischen Kapellmeisters zu den großen Meisterwerken der Musikgeschichte gehören soll. Wer aber in die Welt des „Wohltemperiertern Klaviers“ von Johann Sebastian Bach, so der Name des Kapellmeisters, bewußt eintaucht, wird daran nicht lange zweifeln.

Die Sammlung, im Original „Das Wohltemperirte Clavier“, besteht aus „Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia, so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend.“ Also vierundzwanzig Präludien, – Vorspielen – und Fugen, die Meisterform des Kontrapunkts, auf jeder Tonstufe der Oktav je ein Paar in Dur und in Moll aufgebaut. Damit spielt schon der Haupttitel, denn im Original hat dieser eben vierundzwanzig Buchstaben.

Das war eine technische Besonderheit, die erst durch die Erfindung neuer (annähernd) gleichschwebender Stimmungen möglich geworden war, bei denen zwar alle Terzen leicht unrein sind, aber dafür auch die entlegensten Tonarten spielbar sind. Bach war nicht der erste, der Stücke in allen dadurch möglichen Tonarten vorlegte, seine Sammlung fand aber schon zu Lebzeiten und darüber hinaus die größte Aufmerksamkeit.

Doch was den Zuhörer und Leser vielmehr als die Technik bezaubert, ist die Raffinesse, die Vielfalt kompositorischer Einfälle, die Bach in dieses Werk verpackt hat. Es fängt scheinbar harmlos mit dem bekannten C-Dur-Präludium an – mit seinem Einfall, quasi als Vorspiel des Buches einmal alle Tasten des Klaviers auszuprobieren, die Stimmung sorgfältig zu testen. Was für andere Schätze verbergen sich! Die prickelnde D-Dur-Fuge, das rasante, chromatische Spiel der e-moll-Fuge, den ruhigen Strom der cis-moll-Fuge — kurze Tanzsätze, ariose Passagen, wucherndes Rankenwerk, schlichte Majestät: Wer genauer hineinhört, wird merken, daß es hier ständig etwas zu entdecken gibt. Ein Mikrokosmos barocker Ausdruckskraft.

Da bekommt der Ausdruck „wohltemperiert“ eine zweite Bedeutung. Nicht bloß die Stimmung des Instruments ist gemeint, sondern die Stimmung der Stücke selbst, ihre Spannung und Balance – im gesamten betrachtet, von den fröhlichen zu den trauernden, den aufgeregten zu den trägen Stücken, ergibt sich das Bild einer wohltemperierten Sammlung von Musik.

Wer die Fugen des Wohltemperierten Klaviers selbst erforschen will, dem möchte ich die Seite des US-Musikwissenschafters Tim Smith empfehlen, der alle 24 Fugen des ersten Bandes und fast alle des späteren zweiten Bandes eingehend mit Musik, mitlaufenden Noten und einer Analyse der Struktur näherbringt. Sehr anschaulich, zu Recht schon als vorbildliches Online-Lernprojekt ausgezeichnet. Hier die Multimedia-Version, wenn einen plötzliche Musik aus dem Computer nicht schreckt.

Die Noten des „Wohltemperierten Klaviers“ sind dank des „Internationales Notenbibliothek-Projekts“ dort in der alten Ausgabe von Breitkopf & Härtel zu finden. Dank des Projekts „Bach Digital“ ist eine Handschrift Bachs mit den Werken des wohltemperierten Klaviers ebenfalls online.

Im Regen und im Trockenen

Links ist Regen, rechts ist Regen, vorne ist Regen, hinten ist Regen, man hat keinen Schirm und bleibt trotzdem trocken. Geht das?

Es geht in der Londoner Kunsthalle Barbican Centre, wo die Künstlergruppe rAndom International genau das möglich gemacht hat. In einem hundert Quadratmeter großen Raum regnet es unaufhörlich von der Decke. Mit Hilfe einer Reihe von Sensoren wird dann festgestellt, ob und wo sich ein Objekt im Raum befindet, und an den passenden Stellen des Düsengitters der Wasserauslaß gestoppt.

Das ist ein Kunstwerk, das nur in der Interaktion mit dem Besucher existieren kann. Denn der Weg, den man durch den Regen sucht, die Erfahrung des Regens, den man scheinbar steuern kann, oder dann auch wieder nicht – man kann die Sensoren auch ein wenig austricken –, ist selbst Teil des Regenraums.

Die sechs Personen von rAndom International, Stuart Wood, Florian Ortkrass, Hannes Koch, Heloise Reynolds, Peter Dalton und Dev Joshi, haben schon einige Projekte hinter sich, in denen die Beziehung zwischen Objekt und Betrachter im Mittelpunkt steht, wie etwa den Lichtschwarm Swarm Study III oder die „Temporary Printing Machine“. In einem Guardian-Artikel zum Regenraum verrät Ortkrass:

Das beste daran ist sich anzuschauen, was die Leute machen. Es ist entweder völlig verrückt oder total banal, aber niemals das, was wir erwarten.

Auch die Beobachtung der anderen Beobachter gehört zum Projekt, ebenso wie die Meta-Beobachtung durch die nicht zu beobachtenden Künstler. So kooperieren sie mit dem Kognitionswissenschafter Philip J. Barnard zur Analyse der menschlichen Reaktionen auf ihre Arbeit. Nebenbei würde die Äußerung Ortkrass’ – zweifellos eine Übertreibung – bedeuten, daß die Künstler ein äußerst realitätsfremdes Bild ihrer Mitmenschen haben …

Da verständlicherweise die Zahl der Besucher beschränkt ist – sonst stehen alle nur im Trockenen –, muß man beim Besuch mit 90 Minuten Wartezeit und mehr rechnen. Man hat allerdings noch bis 3. März 2013 Zeit.

(via kottke.org)

Eine traurige, schöne, große Welt

Der Webcomic xkcd ist dafür bekannt, daß sich trockene Witze mit tiefsinnigen Gedanken abwechseln oder vereinen, je nachdem; und daß er, obwohl er eigentlich nur Strichmanderln darstellt, immer wieder überraschende Details parat hält. So auch diesmal mit einem Webcomic, der einen ein riesiges Bild mit Hochhaus, Höhlensystem und vielem mehr wie durch ein kleines Guckloch betrachten läßt. Nur durch Drücken und Ziehen der Maus kommt man mühsam in dieser Welt voran. Hier ein kleines Beispiel aus dem linken Bereich:

xkcd click and drag, © Randall Munroe

xkcd click and drag, © Randall Munroe

Wer das mehrere Meter breite Bild lieber in größerem Rahmen betrachten möchte, kann das hier tun. Bleibt immer noch genug außerhalb des Bildschirms übrig, um den Eindruck der Unüberschaubarkeit unserer Welt zu vermitteln – und nebenbei zu zeigen, daß Munroe sehr viel mehr als Strichfiguren zeichnen kann, wenn es denn sein muß.

Zu Ernst Hinterberger

Ernst Hinterbergers Tod kam nicht überraschend; er war schon lange von Krankheit gezeichnet. Aber er ist doch eine Zäsur. Hinterberger kam noch aus der Zeit, als in der Linken ein Kulturbegriff verwendet wurde, der die breite Bevölkerung einschloss. Jene Zeit, aus der etwa die Idee stammte, das gewerkschaftsnahe Wiener Volkstheater als „Volkstheater in den Außenbezirken“ den Menschen näher zu bringen. Und so waren Hinterbergers Geschichten, deren Figuren er aus dem Alltag schöpfte, so geschrieben, daß sie für die verschiedensten Menschen zugänglich waren, und bei jedem dieser Zugänge sich etwas anderes finden ließ. Und die Hinterberger’schen Alltagsfiguren waren keine Deix-Karikaturen, in denen der Autor seine eigene Überlegenheit auslebt; vielmehr wurden sie immer mit Anstand behandelt, wenn Hinterberger ihre Schwächen humorvoll oder bitter (je nachdem) vorführte. Gerade deswegen konnte man sich mit diesen Figuren identifizieren, und deswegen waren sie lebendig. Anfangs war diese „Alltäglichkeit“ noch provokant, bald aber geschätzt, schließlich museal, als sich Hinterbergers Erfahrungen nicht mehr in gleicher Weise mit denen der folgenden Generationen deckten.

Hinterberger war immer von der Suche nach Gerechtigkeit und Erlösung getrieben. Zuerst folgte er der Heilslehre des Sozialismus, die damals noch eine Erlösung im diesseits versprach, um sich später als Buddhist zu bezeichnen, was seinem persönlichen asketischen Ideal entsprach, wie es ja auch in der Arbeiterbewegung früher hochgehalten wurde. Vielleicht auch eine Konsequenz der Erkenntnis, daß auf Erden keine vollkommene Gerechtigkeit erreicht werden kann. Das Erlöschen und Aufgehen im Einheitlichen, die Aufgabe des Ich-Bewussteins, entspricht wohl besser einem kollektivistisch geprägten Menschen, und so hat Hinterberger in den letzten Jahren darin einen Lebensweg gesehen, wenn auch seine immer noch große Bitterkeit insbesondere in bezug auf die Sozialdemokratie darauf hinweist, daß er nicht die Ruhe gefunden hat, die er gesucht hat. Vielleicht findet er sie jetzt, wenn auch nicht dort, wo er es vermutet hat.