Das lachende Rijksmuseum

Wie kann an sich seinen Museumsbesuch interessanter machen? Der Brite Olly Gibbs hat bei einem Besuch im Amsterdamer Rijksmuseum eine Möglichkeit gefunden: Er photographiert Bilder und Skulpturen, die besonders grantig dreinschauen, und legt einen Filter darüber, der für ein strahlendes Lächeln sorgt. Die Ergebnisse sind überraschend:

Nun schwören ja Photographen schon länger darauf, dass man durch die Kamera Kunstwerke ganz anders anschauen würde. Wenn man sie dann noch etwas verändern kann, macht das die Auseinandersetzung noch einmal intensiver. Ein kleines Beispiel von Olly Gibbs:

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Olly Gibbs: FaceApp im Rijksmuseum © Olly Gibbs

Nebenbei staunenswert, wie gut die Fotofilter heute schon (unter den richtigen Bedingungen) arbeiten. Manche Münder passen richtig ins Bild hinein.

Man kann die Bilder wunderbar beim Daily Telegraph ansehen. Auch BBC hat berichtet, und die niederländische Website trouw.nl.

Wenn Holz-Kolibris durch buntes Wasser pflügen

Etwas, das zum Frühling passt, wenn auch nicht ganz zum heutigen Wetter: Der mexikanischer Designer und Professor für angewandte Kunst Moisés Hernández stellt wunderschöne sanft-farbige Vögel her: Aus Holz werden minimalistisch stilisierte Tukane, Kolibris und Quetzals gefräst und dann in gefärbtes Wasser getaucht. Je nach Tauchtiefe und Tauchdauer ergeben sich interessante, charmante Farbkombinationen.

Kolibri - Moisés Hernández

Kolibri – Moisés Hernández

Quetzal - Moisés Hernández

Quetzal – Moisés Hernández

Tukan, Quetzal und Kolibri - Moisés Hernández

Tukan, Quetzal und Kolibri – Moisés Hernández

Da die Vögel mit Werkzeugmaschinen automatisch aus dem Holz geschnitten werden, die Färbung aber per Hand vorgenommen wird, sieht Hernández darin einen „ausgewogenen Dialog“ zwischen handgefertigt und maschinell hergestellt. Ob man das jetzt für den in Kunstkreisen üblichen Versuch hält, zusätzliche Bedeutungsschwere zu inszenieren, oder für einen bedenkenswerten Aspekt moderner Fertigung: Die entstehenden Vögel sind jedenfalls eindrucksvoll.

Mehr, wie gesagt bei Moisés Hernández. Hinweis über This is Colossal, dort gibt es ebenfalls viele Bilder.

Kondakow: Wenn Renaissance-Gesandte in einer Kiewer Bar stehen …

Die Menschen auf den Portraits aus vergangenen Jahrhunderten scheinen uns manchmal fremd. Mit einem kleinen Trick zeigt uns der Ukrainer Alexej Kondakow, dass diese Bilder aus dem Leben gegriffen sind, auch aus unserem Leben: Er lässt die Figuren berühmter Gemälde in moderner Umgebung erscheinen. Damit hat er schon vor Jahren ein breites Echo losgelöst. So läßt er die „Gesandten“ aus dem berühmten Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren in einer etwas heruntergekommenen Bar zusammentreffen:

Kondakow: Zwei Herren in einer Bar

Kondakow: Zwei Herren in einer Bar

Hier zum Vergleich das Original:

Hans Holbein d.J: Die Gesandten (Google Art Project)

Hans Holbein d.J: Die Gesandten (Google Art Project)

2016 war er „Artist in Residence“ in Neapel, wo er weitere 16 Collagen diesen Stils als Kommentare des heutigen Neapels schuf. Die Website der Ausstellung mit weiteren Beispielen kann man auf http://kondakovnapoli.tumblr.com/ ansehen. Ein Beispiel, das mich besonders in seinen Bann gezogen hat, ist der Mann in einer Trattoria. Hier verschwimmt klassisches Bild und moderne Umgebung zu einer untrennbaren Einheit:

Kondakow: Ein Mann in der Trattoria

Kondakow: Ein Mann in der Trattoria

Kondakow setzt die Figuren aus Renaissance, Barock und Klassizismus raffiniert in sorgfältig ausgewählte Umgebungen, die manchmal einen Kontrast, manchmal eine überraschende Harmonie darstellen. Damen räkeln sich am Strand, die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist in der U-Bahn anzutreffen, eine junge Frau trinkt lächelnd einen Becher Wein in einem Café, oder Apollo weilt in einer Unterführung. Weitere schöne Bildstrecken kann man in einem Bericht auf designboom.com sehen, oder auf trendland.com.

Maria Lassnig (1919-2014)

„Grande Dame“ nennt man im Kulturbetrieb gerne weibliche Künstler, die in Würde gealtert sind und kraft alters gewürdigt werden. Maria Lassnig ist nun 94jährig in Wien gestorben — und wird posthum als eine solche „Grande Dame“ gewürdigt Sie hätte darüber vielleicht geschmunzelt, denn sie war alles mögliche andere. Und das war auch gut so.

Lassnig war eine neugierige Frau, die alles mögliche in der Welt und an sich selbst kennenlernen wollte. Ihre Kunst erforscht und reflektiert in weiten Strecken sie selbst; ehrlicher kann es nicht sein. Sie experimentierte mit Film, Graphik, Malerei. Billige Schockwirkung oder das Kratzen an vermeintlichen Tabus — deren „Brechen“ meist gerade der Code für den In-Künstler ist — waren nicht ihr Thema. Auch sonst hat sie sich den üblichen Strategien der Kunstvermarktung verweigert und das zur eigenen, erfolgreichen Strategie erhoben.

Mitten im Krieg ging die junge Kärntner Lehrerin an die Kunstakademie, lernte nach ihrem Rausschmiss bei Herbert Boeckl — was in ihren Bildern deutliche Spuren hinterlassen hat –, hatte mit 28/29 Jahren ihre erste Einzelausstellung in Klagenfurt, stieß mit knapp über 30 zum Kreis um Monsignore Otto Mauer und seine Galerie St. Stephan, um dann nach Paris zu gehen, mit fast 50 nach New York. 1980 kehrte sie dank der Hartnäckigkeit von Wissenschaftsministerin Herta Firnberg nach Österreich zurück, um eine Professur an der Akademie für angewandte Kunst anzunehmen. Auch in dem Alter, in dem andere in Pension gehen, hat sie das Interesse für das Neue nicht verlassen. In den letzten Jahren durfte sie auch noch zahlreiche Ehrungen entgegennehmen, deren Altersbezug ihr freilich nicht verborgen blieb. Den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk konnte sie dann nicht mehr persönlich entgegennehmen, dafür reichte die Kraft nicht mehr.

Familie, ein treuer Mann — das hatte in ihrem Leben keinen Platz gefunden, was sie in Interviews auch im hohen Alter noch beklagt und vor sich selbst gerechtfertigt hat. Ihre Kinder, das waren dann die Bilder, die sie ungern weggab und deren Verbleib sie sehr beschäftigte.

In der Sammlung Essl kann man viele Werke von ihr sehen, solange es das Museum noch gibt. Das Joanneum Graz hat 2012 eine Werkschau auf die Beine gestellt, von der noch einige Fotos auf deren Homepage zu sehen sind. Diese Ausstellung war so interessant, dass sie mittlerweile über Hamburg und Deurle ihren Weg in die Dependance PS1 des New Yorker Museum of Modern Art gefunden hat. Das Joanneum hat es in den letzten Jahren auch unternommen, ein Werkverzeichnis der Künstlerin anzulegen.

Andrea Schurian interviewte die Künstlerin letztes Jahr für den „Standard“. Das „profil“ war zum Neunziger dran. Ö1 hat zum Neunziger ein Portrait gesprochen.

„Der Pate“ unterm Turban

Nach all den ernsten Themen der letzten Tage etwas Leichteres: Der türkische Graphiker und Künstler Murat Palta hat sich die Frage gestellt, wie eine Verbindung traditioneller osmanischer Miniaturmalerei mit moderner Filmkunst aussehen könnte. Also hat er Schlüsselmotive in dieser Technik zu neuen Pastichen zusammengestellt.

Das ganze kann man sich auf behance.net ansehen. Dabei hat sich Palta bemüht, den Eindruck alter und abgegriffener Bilder zu erwecken. Dabei kann man übrigens auch eine gewisse Verwandtschaft zu mittelalterlichen Buchminiaturen aus Europa erkennen.

Mit seinen Tableaus, angefangen von „Star Wars“ mit Darth Vader als Großwesir bis zu „Alien“ hat er für Aufsehen im Netz gesorgt. Ich bin eher der Letzte als der Erste, der sie verlinkt. Bei Mehreen Kasana kann man ein Interview mit dem Künstler lesen, der die Bilder für seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule gemalt hat.

(über kottke.org)

Jan Vermeer und die Camera Obscura

Hat Jan Vermeer mit der Camera obscura gearbeitet oder nicht? War er auch ein Erfinder, oder war das alles künstlerische Gabe?

Vom niederländischen Maler Jan Vermeer (* 1632 † 1675) ist nur ein Oeuvre von 37 Werken erhalten, die z.B. in der Wikipedia mit Bild aufgelistet sind. Doch einige davon, wie das Mädchen mit dem Perlohrring, sind weltberühmt.

Bei einigen Szenen, die der Maler komponiert hat, fällt eine Licht- und Schattenwirkung, ein Farbverlauf auf, wie er auch auf modernen Photographien zu sehen ist, aber nicht dem entspricht, was man mit freiem Auge sehen würde. Beim Landschaftsbild „Ansicht von Delft“ zeigt detailgetreue Dachkonstruktionen entfernter Häuser, die man mit freiem Auge so nicht gesehen hätte. Seit den 1890er Jahren wird darüber diskutiert, ob Vermeer Hilfsmittel wie die Camera obscura benutzt hat.

Dieses Hilfsinstrument besteht aus einem Kasten, der an einer Seite ein kleines Loch aufweist, in dem seit dem Mittelalter oft eine Linse montiert wird. Auf die Rückseite des Kastens wird nun das gebüdelte Licht geworfen, so dass ein Abbild dessen entsteht, was man durch das Loch sehen könnte. Mit einem Spiegel konnte man dieses Abbild nun zum Beispiel auf eine Leinwand projizieren, wo es zwar nur schwach, aber doch sichtbar war und somit als Hilfe für Skizzen dienen konnte. So benutzte z.B. im 18. Jahrhundert Canaletto bei seinen Veduten die Camera obscura für exakte Zeichnungen, die als Vorlage für das spätere Bild dienen würden.

Aber wurde diese Technik auf im 17. Jahrhundert schon angewandt? Wie Vanity Fair etwas effekthascherisch berichtet, hat nun der Texaner Tim Jenison eine solche Camera obscura mit Spiegel in einer Weise nachgebaut, wie sie technisch zur Zeit Vermeers möglich gewesen wäre. Und zu Testzwecken hat er einen Raum mit großem Aufwand etwa so hergerichtet, wie er in Vermeers „Musikstunde“ dargestellt wird. Danach wollte er testen, ob er mit Hilfe der Camera ein Bild mit ähnlichen Qualitäten in Licht und Farbe — nicht von der künstlerischen Qualität her – zustandebringen würde. Die entsprechenden Bilder kann man bei Vanity Fair sehen. Man muss zugeben: Dafür, dass Jenison kein Maler ist, hat er mit Hilfe des Apparats ein passables Ergebnis geliefert. Keinen Beweis, aber einen starken Hinweis, dass Vermeer sich solcher Hilfsmittel bedient haben könnte.

Der Widerstand gegen die bloße Idee, dass Vermeer und andere Maler technische Hilfsmittel erfunden und benutzt haben, liegt wohl in einer Art von Übermenschen-Sicht, wie seit dem 19. Jahrhundert in der Kunstwelt Platz greift, und die technische Hilfe quasi als unfairen Trick ansieht. Eine Sicht der Dinge, die dem 17. Jahrhundert völlig fremd war: Damals waren Maler selbstverständlich Handwerker, bei denen man etwas bestellt hat und die dann mit ihrem Werkzeug und Können diese Bestellung zu erfüllen versuchten. Und nebenbei wissen wir etwa von Leonardo da Vinci, dass er z.B. ständig nach technischen Verbesserungen für die Malkunst geforscht hat, z.T. mit deaströsen Folgen für das Kunstwerk, wie die Episode rund um Leonardos Gemälde der Anghiarischlacht zeigt. Und sein Interesse an Neuerungen war, wie die technischen Fortschritte in der Malerei der Renaissance und des Barock zeigen, kein Einzelfall.

Wenn Vermeer also keine abnormen Augen gehabt hat, so spricht vieles dafür, dass er mit Spiegel und Camera bewaffnet gearbeitet hat, um noch glaubwürdigere Eindrücke erzeugen zu können.

Jan Vermeer: Der Soldat und das lächelnde Mädchen

Jan Vermeer: Der Soldat und das lächelnde Mädchen

Kinder rund um die Welt und ihr Spielzeug

Was verbindet alle Kinder der Welt? Sie spielen gerne. Erwachsene übrigens auch, aber sie dürfen nicht so. Spielzeug gibt es daher im Prinzip so lange, wie es Menschen gibt. Manchmal ist es ein schöner Kieselstein, ein Ast, der Samen von Löwenzahn. Heutzutage ist es meist etwas komplizierteres.

Der italienische Photograph Gabriele Galimberti hatte die Idee, bei eienr Reise um die Welt in verschiedensten Länder Kinder mit ihren Spielzeugen abzulichten. Und zwar zum Großteil in deren eigener Wohnung. Das sagt mehr über das Verbindende und Trennende, über die eigene Sicht der Welt aus als vieles andere.

In einem kurzen Interview mit Nick Fancher bei FStoppers erzählt er, wie es dazu gekommen war:

Das erste Photo, das ich von der Serie geschossen hatte, machte ich in der Toskana – das Mädchen mit den Kühen im Hintergrund. Eine Freundin bat mich, ihr Kind zu photographieren. […] Ich mochte das Ergebnis dieses Photos wirklich sehr und einige Monate später, als ich die Möglichkeit hatte, meine Weltreise zu beginnen, entschloß ich mich, ein ähnliches Photo in jedem Land zu machen, das ich besuchen würde.

Bei den Bildern zeigt sich übrigens die Tendenz, das die meisten Kinder (oder ihre Eltern) möglichst viele Spielsachen herzeigen wollen, und damit auch ihren Wohlstand demonstrieren. Und: Galimberti inszeniert die Bilder mit Bedacht; man sollte daher nicht den Fehler begehen, den Photographen vom Bildinhalt zu trennen. Wie er inszeniert ist aber sehenswert.

Wer die Bilder ansehen will, tut das am besten auf Galimbertis Homepage; der Spiegel hat vor Monaten eine kleine Auswahl online veröffentlicht.