Forbes: Wie Nokia es Elop schmackhaft machte, das Unternehmen zu ruinieren

Die Strategie Nokias unter der Führung Stephen Elops wurde hier und andernorts schon mehrfach heftig kritisiert. Das Ergebnis seiner Tätigkeit ist bekanntlich, dass sich Nokia aus dem Privatkundengeschäft zurückzieht und seine Mobilgerätesparte an Microsoft verkauft — zu einem Bruchteil des Wertes, den diese Sparte bei Amtsantritt Elops hatte.

Nun wurden Details von Elops Vertrag als CEO Nokias bekannt, die nicht nur „Forbes“ die Frage stellen lassen: Wie unfähig war Nokias Verwaltungsrat eigentlich?. Denn im Unterschied zu Elops Vorgängers enthielt sein Vertrag eine Klausel, dass er im Falle einer Änderung der Eigentumsverhältnisse etwa durch Verkauf eines Teils Nokias einen sofortigen Bonus auf Grund steigender Aktienkurse erhalten würde. Dieser beträgt nun 25 Millionen US$, die angesichts seines eher bescheidenen Erfolgs als Geschäftsführer sehr üppig sind.

Tero Kuittinen berichtet für Forbes, dass diese Klausel dann den besten Ertrag versprach, wenn der Aktienkurs zuerst deutlich fiele(wohl im Zuge einer Unternehmenskrise), dann ein Unternehmensteil zur Lösung dieser Krise verkauft würde, und deswegen der Aktienkurs wieder deutlich stiege. Aus der Differenz zwischen dem niedrigen Aktienkurs vor Verkauf und dem anschließenden Anstieg berechnet sich dann der Bonus.

Die eigentliche Recherchearbeit haben finnische Zeitungen geleistet, besonders „Helsingin Sanomat“, doch sind meine Finnisch-Kenntnisse einfach nicht vorhanden. Interessanterweise behauptet übrigens der Vorsitzende des Verwaltungsrats, die Änderung des Vertrags gegenüber Elops Vorgängern nicht bemerkt zu haben. Es sei ja nur ein geringfügiger Unterschied.

Ein geringfügiger Unterschied, der die Anreize für den CEO allerdings völlig veränderte. Nicht mehr der Turnaround, sondern der Verkauf war nun für ihn ein naheliegendes Vehikel zur Gehaltsoptimierung. Um Kuittinen zu zitieren:

As BlackBerry’s disastrous August quarter demonstrates, the handset industry is growing inhospitable to minor operating systems. Apple and Samsung continue increasing their dominance. Nokia always did face an uphill battle in the spring of 2011. But thanks to its board of directors, it entered that battle with a general who was promised a king’s ransom should he happen to lose. Nokia’s directors will go down in the European business history as one of the most perverse crews to lead a major corporation in the post-war era

Zum Durchdenken 16

Heute bin ich auf diesen Satz des großen Ökonomen Frank H. Knight gestoßen, der angesichts der kommenden Wahlen bedenkenswert ist:

The probability of the people in power being individuals who would dislike the possession and exercise of power is on a level with the probability that an extremely tender-hearted person would get the job of whipping master in a slave plantation.

— Frank H. Knight

Ich würde das so übersetzen:

Die Wahrscheinlichkeit, dass die machthabenden Personen Menschen sind, denen der Besitz und die Ausübung von Macht zuwider sind, ist etwa gleich hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein besonders weichherziger Mensch den Beruf eines Sklaventreibers auf einer Plantage erhält.

Knight war deswegen trotz seiner tiefen Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft ein Kritiker von staatlichen Machtanballungen. Zu überspitzt formuliert? Zu pessimistisch? Das muss ich selbst erst durchdenken.

Vier Kontinente, eine kleine Getränkedose

Wenn man kurz innehält und die kleinen, selbstverständlichen Dinge des Alltags wieder einmal betrachtet, dann merkt man bald, daß sie eigentlich nicht so selbstverständlich sind. Da kann man auch wieder in das Staunen des kleinen Kindes über die wunderbare Welt verfallen.

So etwa bei einem Gebräu, daß mir persönlich zwar nicht besonders schmeckt, aber viele Millionen Fans auf der ganzen Welt hat. Und um deren Durst zu löschen, sind eine ganze Menge Leute auf mehreren Kontinenten beschäftigt, wie Kevin Ashton an Hand einer einzigen Dose US-amerikanischen Coca-Colas (das sich vom europäischen übrigens unterscheidet) in seinem Supermarkt zu berichten weiß.

(Link über kottke.org)

Die „Süddeutsche“ und das Elend der Eliten

Wer wissen will, warum so viele Länder von ihren eigenen Eliten in den Abgrund gefahren werden, der braucht nur einen Blick in die „Süddeutsche“ werfen. Dieses moderat-linke Blatt gibt in etwa das wieder, was in der „chattering class“ als salonfähig gilt, wacht über politische Korrektheit und ein klares Weltbild für seine Leser, ist innerhalb dieser Parameter aber durchaus bemüht.

Diese „Süddeutsche“ leitet einen Artikel über Spanien mit folgendem Text ein:

Spanien lebte fast 40 Jahre unter der Franco-Diktatur. Nun macht sich die Diktatur der Märkte breit. Manche Spanier fragen sich, was schlimmer ist. Tatsächlich wurzelt die Ursache für die heutigen Probleme tief in der Vergangenheit.

Dieser Absatz geht so an den Problemen und Problemursachen Spaniens vorbei, daß man nur hoffen kann, daß niemand diesen Text zu ernst nimmt. SZ-Journalist Sebastian Schoepp wagt dabei einen besonderen Kunstgriff: Er lobt die linke Gesellschaftspolitik in Spanien („Es entstand eines der sozial dynamischsten Gemeinwesen Europas, führend bei Reformen wie Homo-Ehe oder Geschlechtergerechtigkeit.“), während für die soziale Sicherheit und die strikten Arbeitsmarktgesetze nun allein Francisco Franco verantwortlich sein soll.

Das hätte Franco wohl nie zu hoffen gewagt: Er wird aus linker Perspektive für ein Zuviel an sozialer Gesetzgebung kritisiert! Interessant.

Die Lockerung dieser Gesetze ist dem Autor aber übrigens auch wieder nicht recht, sie erzeuge nur „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Schuld sei aber vor allem, daß Spanien „erzkatholisch“ und nicht „nordisch-protestantisch“ sei, wie es im Kapitalismus notwendig sei. Dieser Humbug, der zwar auf Max Weber zurückgeht, aber deswegen auch nicht richtiger wird, ist mittlerweile von Davide Cantoni sogar ökonometrisch widerlegt worden.

Es geht auch ohne Ökonometrie: Für die Weber’sche These muß man im Prinzip nur die richtigen Beispiele herauspicken. Umgekehrt geht es freilich genauso. Einer wissenschaftlichen Untersuchung hält dieses Rosinen-Picken für die eigene Linie aber nicht stand.

Die Diktion der „Diktatur des Marktes“ ist seltsam und bleibt unerklärt. Zuerst werden rigide staatliche Regelungen als Problem identifiziert – und gleichzeitig Unbehagen mit der Marktwirtschaft ausgedrückt, ohne genau zu benennen, was denn jetzt eigentlich stattdessen geschehen soll.

Das, was Schoepp schreibt, glauben in ähnlicher Form tatsächlich eine Menge Leute in Medien und Politik – und das ist durchaus gefährlich. Krude Konzepte in Wirtschaft und Anthropologie, sehr selektive historische Wahrnehmung und eine einwandfreie politische Einäugigkeit [Man bedenke: „dynamisch“ und „führend“ kann für Schoepp nur links heißen, während Spanien zu „stockkonservativ“ für die Moderne sei.] sind keine guten Rezepte für die Lösung der Probleme Spaniens und anderer Länder.

Musterland Schweden

Schweden gilt in Österreich gemeinhin als das Musterland, nach dem es zu streben gilt. Nicht nur in Österreich, zugegeben. Dabei schwingt ein gehöriges Maß an Nostalgie mit, denn in heimischen Diskussionen wird dabei meist noch an das Schweden der Siebziger und Achtziger Jahre mit hohen Steuern und umfassendem Wohlfahrtsstaat gedacht.

Doch das nordische Land hat sich gewandelt, und gilt genau deswegen auch in anderen Ländern mittlerweile in einigen Bereichen als Vorbild. Auch die Finanz- und Wirtschaftkrise wurde von Schweden weitaus passabler gemeistert als von vielen anderen europäischen Ländern. Warum? Davon gibt ein Artikel des schwedischen Ökonomen Anders Åslund im konservativen Salisbury Review ein etwas tendenziöses, aber durchaus interessantes Bild. Ein Auszug:

The changes have been dramatic. While Sweden’s public expenditure has fallen by one-fifth of gross domestic product since 1993, between 2000 and 2009 Britain’s public expenditure skyrocketed by 15 per cent. This has brought Swedish and British public spending to a similar level, but Sweden’s is still steadily falling.

Der Kollaps des alten schwedischen Modells um 1990 hat zu neuen Wegen geführt, wie man soziale Sicherheit, Freiheit und Wohlstand verbinden kann, von freier Schulwahl bis zur flexiblen Pension, einfachen (wenn auch hohen) Steuern bis zu soliden Budgets. Ist in Schweden alles zum besten? Nein. Aber es zeigt, wie erfolgreich Reformen, die bisweilen den Beinamen „neoliberal“ enthalten, in den kleinen offenen Volkswirtschaften Europas sein können. Da ist Schweden übrigens nicht das einzige Beispiel. Der ganze Artikel ist jedenfalls sehr interessant.

Wer sich übrigens wundert, warum die Austeritätspolitik der baltischen Länder oder Schwedens so erfolgreich war, den kann ich auf einen anderen Artikel Åslunds verweisen. Es ist nebenbei sehr intuitiv: In kleinen Ländern rinnen hohe Staatsausgaben in hohem Maße aus, führen nur zu einem kleinen Teil zu Beschäftigungseffekten im Land selbst. Viel wichtiger ist es daher, das Land selbst wettbewerbsfähig zu halten, so daß die Arbeitsmärkte halbwegs geräumt werden können, und dazu trägt auch Vertrauen in die langfristige Stabilität des Landes bei. Allerdings braucht es komplementär dazu eine liberale Arbeitsmarkt- und Gewerbepolitik, so daß sich steigendes Vertrauen rasch in mehr Beschäftigung auswirken kann.

Facebook: Großer Durchbruch oder das nächste Yahoo!?

Facebook ist ein Dienst, auf dem sich hunderte Millionen Menschen austauschen, Erlebnisse teilen und persönliche Informationen veröffentlichen. Jeder größere Unternehmen muß auf Facebook vertreten sein, jeder halbwegs bedeutende Politiker läßt sich einen Facebook-Auftritt basteln. Und tatsächlich gibt es viele Menschen, deren Online-Kommunikation sich völlig auf Facebook konzentriert. Also ein voller Erfolg.

Facebook ist aber auch ein Unternehmen, das seit dem verpatzten Börsestart nicht aus den Negativschlagzeilen herauskommt. Damals wurde die Facebook-Aktie hoffungslos überbewertet, jeder Kursverlust bedeutet nun eine neue unerfreuliche Meldung im Wirtschafteil. Facebook ist zwar grundsätzlich knapp profitabel, rechtfertigt aber seinen hohen Aktienkurs dadurch keineswegs.

Einen Grund dafür ist, daß Facebook noch immer keinen Weg gefunden hat, die Datenberge, die ihnen von Millionen Usern anvertraut wurden, so zu nutzen, daß sich damit Geld verdienen läßt, die Anwender aber weiterhin dem Netzwerk ihr Vertrauen schenken. Stattdessen dreht sich das bisherige Geschäftsmodell vor allem um herkömmliche Internet-Werbung mit Textzeilen und kleinen Photos, die zu vergleichsweise hohen Preisen verkauft werden.

Michael Wolff sieht daher im MIT Technology Review für Facebook ein schlimmes Ende nahen:

The growth of its user base and its ever-swelling page views mean an almost infinite inventory to sell. But the expanding supply, together with equivocal demand, results in ever-lowering prices. The math is sickeningly inevitable. Absent that earthshaking idea, Facebook will look forward to slowing or declining growth in a tapped-out market, and ever-falling ad rates, both on the Web and (especially) in mobile applications. Facebook isn’t Google; it’s Yahoo or AOL.

Ich muß zugegen: Facebook-Anzeigen waren für mich bis jetzt irrelevant, durchgeklickt habe ich nie. In der Google-Suche wurde ich im Gegenzug dazu durchaus schon mit nützlichen Anzeigen konfrontiert. Aber man soll sicht selbst nicht zum Maßstab machen. Und Facebook hat durch die Größe seines Netzwerks und die Fülle an Daten Möglichkeiten, Anzeigen maßzuschneidern und dadurch relevanter zu machen, die sicher noch nicht erschöpft sind.

Und damit kommen wir zum Kern der Beurteilung von Facebook: Wie unersetzbar ist sein soziales Netzwerk? Halten wir es für ein Quasi-Monopol, wie Adam Schwab im Power Index, so kann Facebook mit intensiver Datenverwertung oder auch Gebühren für Firmen- und Politikseiten Gelder lukrieren. Ist Facebook dagegen leicht ersetzbar, so muß der Netzwerkriese ständig eine Gratwanderung vollführen, um die User nicht durch allzu deutliche Fälle von Datenverwertung zu verprellen, andererseits aber fürs Marketing einen signifikanten Mehrwert zu generieren.

Facebook steht, ebenso wie Twitter, aber vor einem besonderen Problem, wollen sie rein werbefinanziert bleiben: Sie bieten kein Umfeld für spannende, interessante Werbung. Es gibt bekanntlich Werbungen, die man sogar absichtlich liest, weil die Neugier geweckt ist. Das geht bei den angebotenen Werbeformaten meiner Einschätzung nach nur schlecht. Google hat den Vorteil, daß die Anwender oft tatsächlich an dem Kauf eines Guts interessiert sind, daß in den Anzeigen entsprechend den Suchbegriffen dann beworben wird. Dadurch sind auch die eher unspektakulären Google-Anzeigen relevant. Denn es geht ja nicht bloß darum, irgendwie den Anwendern Werbung unterzujubeln – sie muß ja auch irgendwie so wahrgenommen werden, daß die Botschaft ankommt. Auch da hat Facebook noch keine Lösung gefunden.

So bleibt es spannend, ob Facebook tatsächlich der entscheidende Spieler im Online-Bereich wird, oder ob es ein Dienst mit knappen Margen bleibt, der so dahinwurstelt.

Kleines Loblied auf das Toilettenpapier

Es sind manchesmal die unscheinbaren Gegenstände des Lebens, an denen sich enorme Fortschritte vollziehen. Ein Beispiel dafür ist das Toilettenpapier. Eine Selbstverständlichkeit, über die niemand große Worte verliert. Und doch hat sich auf diesem Bereich viel getan. Heutzutage gibt es sie mit Düften versehen, hart oder weich, zwei- bis fünflagig, in bunten Farben, die trotzdem nicht den Allerwertesten colorieren, und so weiter. Vor einigen Jahren hat wiederum eine neue Papiertechnik beim Klopapier Einzug gehalten, wie die Stiftung Warentest für ein im Test erfolgreiches Produkt beschreibt:

Bei der neuen Technologie hingegen wird der Zellstoffbrei nicht ausgewalzt, sondern auf eine Art Gitter aufgesprüht und mit heißer Luft getrocknet. Dadurch entsteht von vornherein ein dreidimensionales Gebilde, das im Unterschied zum nachträglich mechanisch geprägten Papier im nassen Zustand und unter Druck länger in Form bleibt. Gleichzeitig wird der Papieraufbau geschichtet: Eine innere Lage aus langen, kräftigen Zellstofffasern sorgt für die nötige Festigkeit, während außen kurze und feine Fasern das Papier weich machen.

Dabei trat das Papier zum Saubermachen überhaupt erst Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug in der westlichen Welt an, als in den USA Joseph Gayetty Aloe-getränktes WC-Papier entwickelte und in Schachteln gestapelt feilbot. Nicht das erste Toilettenpapier der Welt – diese Ehre gebührt den Chinesen. Aber das erste industriell gefertigte und damit erschwingliche Produkt. Um 1880 wurden die aufgerollten, perforierten Papiere üblich, entweder von Scott oder den Albany Perforated Wrapping in den USA oder der British Perforated Paper Company in Großbritannien erfunden. In Mitteleuropa setzte sich das rauhe Kreppapier ebenso rasch durch wie in der angelsächsischen Welt, weil es eben einen gewaltigen Fortschritt zur Zeit davor darstellte. Und doch ist es mit den hochtechnischen Papieren von heute nicht zu vergleichen. Der nächste große Schritt zum jetzigen Komfort kam Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Erfindung des mehrlagigen Papiers und dann des weicheren Papiers. Und trotzdem war das Produkt noch nicht ausgereift und hat sich seither weiter verändert.

Diese Veränderungen an den kleinen Dingen des Alltags sind es übrigens, die den Wert einer Marktwirtschaft mit real existierendem Wettbewerb hervorstreichen. Kein Zentralplanungskomitee hätte je auch nur eine dieser Verbesserungen in die Tat umgesetzt. Sie sind im Bemühen, sich am Markt zu behaupten, erfunden und produziert worden. Manche haben sich durchgesetzt, andere wurden von den Käufern verworfen. Und so ist in 160 Jahren aus dem rauhen, nicht immer splitterfreien Papier ein Gegenstand alltäglichen Komforts geworden.

Fünf Gründe für die steigende Ungleichheit der Einkommen

Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise wird das Thema der Einkommensverteilung wieder stärker diskutiert. So von Robert Skidelsky, Ökonom, früherem Mitglied der britischen Labour Party, der Sozialdemokraten und dann der Konservativen, der sich in einem Essay bei Project Syndicate dafür ausspricht, hohe Einkommen zu reduzieren und anscheinend auf niedrige umzuverteilen. Seine Argumentation tastet sich entlang einer Unterscheidung von Preis und Wert, für den er anscheinend eine objektive Basis sieht, und einer nicht näher definierten Struktur einer „gerechten Einkommenspyramide“. Eine Umverteilung der Einkommen sei schließlich nötig, um den Konsum auf eine breite Basis zu stellen und den sozialen Zusammenhalt zu fördern.

Skidelskys Artikel ist schwer zu kritisieren, weil er vor allem eine Gefühlsbeschreibung ist. Woran sich eine gerechte Einkommensverteilung bemessen soll, kann er nicht sagen. Die Gründe steigender Lohnspreizung sind allerdings kein Geheimnis und sollten auch ihm bekannt sein, von denen einige in der Literatur diskutierte Punkte genannt seien:

  1. Das relativ zu qualifizierten Tätigkeiten abnehmende Grenzprodukt von Tätigkeiten, die von unqualifizierten oder wenig qualifizierten Personen erfüllt werden können. Das ist nicht mit Akademiker/Nicht-Akademiker gleichzusetzen; einige Handwerksberufe sind als hochqualifiziert einzustufen, und vieles, was heute akademisch genannt wird, ist nicht unbedingt als hochqualifiziert zu bewerten ist. Mit der relativ sinkenden Produktivität geht entweder das Lohngefüge auseinander oder es steigt, wenn es eine untere Lohnschranke gibt, die Arbeitslosigkeit im unqualifizierten Bereich.
  2. Damit hängt eng zusammen, daß die moderne Wirtschaft immer kapitalintensiver wird. Die entsprechenden Renten fließen einerseits den Werktätigen zu, die dieses Kapital zur Produktion einsetzen, und selbstverständlich den Kapitalgebern, die ja sonst auch keinen Anreiz hätten, das notwendige Kapital zur Verfügung zu stellen. Das ist einer der Gründe, warum der Gewinnanteil an der Wertschöpfung steigt. Wer mehr Kapital gespart und erwirtschaftet hat, dem fließt natürlich auch eine höhere Kapitalrente zu. Da wir zum Glück in den Industriestaaten schon einige Zeit keinen vernichtenden Krieg erleben mussten, konnten schon länger entsprechende Vermögen entstehen, die auch hohe Einkommen erzielen und damit die statistische Ungleichheit erhöhen.
  3. Die modernen Technologien erleichtern Superstar-Effekte, weil in vielen Bereichen die von den Kunden am höchsten geschätzten Anbieter einen praktisch weltweiten Markt bearbeiten können und daher einen größeren Teil der Einnahmen in diesem Bereich lukrieren. In der Musikbranche ist es offensichtlich: Während um 1920 Musikstars großteils nochh eine lokale Angelegenheit waren, können die großen Stars heute weltweit Einkommen generieren und schöpfen damit einen beträchtlichen Teil des Marktes ab. Für die zweite Reihe bleibt dadurch weniger übrig. Nun gibt es diesen Effekt nicht nur in der Unterhaltungsbranche, sondern auch in anderen Bereichen, wo man leichter als früher den (nach eigener Ansicht) Besten identifizieren kann, vom Sport bis zur Unternehmensleitung.
  4. Die Globalisierung hat die weltweite Ungleichheit reduziert, in dem Millionen Menschen sich aus der Armut befreien konnten. Das wird durch eine internationale Arbeitsteilung erreicht, die zwar per Saldo auch die Wohlfahrt der wohlhabenderen Länder erhöht, in diesen aber nicht auf alle Bevölkerungsteile gleich wirkt und dadurch die lokale Ungleichheit wachsen läßt.
  5. Die steigenden Migrationsströme in Industrieländer sind ebenfalls ein Weg, durch den viele Menschen ihren Wohlstand erhöhen konnten. Allerdings kann durch Auswanderung die Ungleichheit im Herkunftsland steigen, insbesondere, wenn der Auswanderer seine Familie im Heimatland finanziell unterstützt, und ebenso im Zielland, weil die Einwanderer überwiegend weniger qualifizierte Tätigkeiten verrichten.

Es ist aber eine gute Frage, ob die so beklagte „Einkommensungleichheit“ tatsächlich ein gesellschaftliches Problem darstellt. Sie ist heutzutage wesentlich geringer als etwa vor 80 oder 100 Jahren, und sie ist großteils nicht durch wertschöpfungsentziehende Institutionen, sondern durch Arbeitsteilung und Ergreifung von Marktchancen begründet, siehe Acemoglu und Robinson. Die Frage der Korruption des demokratischen Prozesses ist natürlich durchaus zu stellen, doch keineswegs so einfach zu beantworten. Schließlich ist die moderne Demokratie in Situationen extrem ungleicher Einkommensverteilungen entstanden, und man muß schon hartnäckig der marxistischen Lehre vom Klassenbewußtsein anhängen, um trotz gegenteiliger Fakten ein uniformes Verhalten und Interesse etwa der Wohlhabenden etc. anzunehmen. Klares Beispiel sind die USA, wo gerade die Demokraten die größere Unterstützung unter den reichsten Amerikanern erfahren, nicht die Republikaner, wie man es nach der politischen Propaganda vielleicht erwarten würde.

Jack White, Ökonom

Jack White III, wie er sich gerne nennt, ist ein durchaus erfolgreicher Musiker und Komponist, der auch ein eigenes Plattenlabel betreibt. Sein letztes Album „Blunderbuss“ war nicht nur in seinem Heimatland USA, sondern in vielen Ländern der Erde ein großer Erfolg. Daher ist es kein Wunder, daß Sammler und große Fans gerne Sonderausgaben seiner Alben, oder auch anderer Alben seines Plattenlabels Third Man Records, ihr eigen nennen würden. Und nun kommt die kleine Überraschung, über die Forbes in einem launigen Artikel berichtet: Jack White ist auch ein passabler Alltags-Ökonom. Während normale Sammleralben nach kurzer Zeit dank spezialisierter Händler zu viel höheren Preisen als dem ursprünglichen Ausgabepreis auf EBay gehandelt werden, will White diese Mittelsmänner ausschalten und versteigert diese Sondereditionen gleich selbst. Damit, so begründet er, würden die Künstler mehr vom endgültigen Preis erhalten, und nicht mehr die Händler, die die limitierte Edition zum günstigen Ausgabepreis erwerben und sofort weiterverscherbeln.

Wenig überraschend ist die Fanreaktion: Die Ausschaltung der Mittelsmänner wird nicht begrüßt, sondern beklagt. Denn für einige Fans, die nie vorhatten, die Sonderedition wieder zu verkaufen, bedeutet die Auktion wahrscheinlich eine Preissteigerung. Umgekehrt können zwar andere Kunden, die zahlungsbereiter sind, aber über weniger Zeit zum Suchen verfügen, durch die Verlagerung zur Online-Auktion eher eine solche Platte ersteigern (ja, es geht auch um Vinyl-Sammlereditionen); aber wer weiß schon, ob er zu dieser Gruppe gehören wird? Die wird also nicht sehr lautstark sein.

Schließlich geht es auch um eine Statusfrage. In vielen Fanzirkeln ist das Geldverdienen mit Musik als Kommerzialisierung ein schlimmes Schimpfwort, ohne daß der Widerspruch zu millionenschweren Stars  ins Gewicht fiele, deren Fan man gleichzeitig ist. Bestimmte Musikrichtungen werden mit dem Gefühl der Rebellion, des Andersseins, verknüpft, selbst wenn sie tatsächlich im Mainstream angekommen sind und diejenigen, die Rebellion zelebrieren wollen, selbst das Establishment stellen. Es geht hier um Signalling, und das Signal, das White hier aussendet, identifiziert ihn nicht mit dem, womit ihn seine Fans gerne identifizieren wollen. Man könnte es auch so ausdrücken: Sein Problem ist, daß er zu seinen Fans zu ehrlich ist.

(via Greg Mankiw)

Der Außenhandel als Lohnmotor?

Aus China, Brasilien und anderen aufstrebenden Ländern lesen wir oft von den scharfen Gegensätzen zwischen prosperierenden Industriestädten mit ihren neuen Eliten einerseits und fortbestehender Armut andererseits. Ein Team aus Elhanan Helpman, einem der Titanen der Außenhandelsökonomie, Oleg Izchoki, Marc Muendler und Stephen Redding hat sich der Frage gestellt, wie sich die Löhne bei wirtschaftlicher Öffnung eines Landes zueinander entwickeln. Eine Zusammenfassung ihrer Arbeit kann man hier auf VoxEU nachlesen.

Grob gesagt: In ihrem Modell sind die Lohnunterschiede nicht sektoren-, sondern unternehmensspezifisch. Erfolgreiche Unternehmen mit hohen Einnahmen sind dieselben, die ihre Mitarbeiter sorgfältiger aussuchen bzw. geringe Suchkosten haben und höhere Löhne zahlen. Diese Annahme ist auch empirisch für das untersuchte Land Brasilien nicht abwegig. Die Kosten, die zur Etablierung im Export zu tragen sind, können von diesen Unternehmen leichter getragen werden, so daß sie von einer Öffnung des Handels besonders profitieren. Durch den Zugang zu fremden Märkten steigen ihre Einnahmen, die sich auch in höheren Löhnen niederschlagen. Das führt zu einer quantitativen und qualitativen Ausweitung dieses Hochlohnbereichs, so daß die statistische Ungleichheit zunimmt. Bei Senkung der Kosten des Außenhandels wird irgendwann ein Wendepunkt erreicht, zu dem so viele Unternehmen im Exportbereich tätig werden, daß die Mehrheit der Beschäftigten in Unternehmen arbeitet, die im Export tätig sind, also in den Unternehmen mit relativ höheren Löhnen.

Das Modell zeigt zweierlei recht gut: Weshalb die Menschn grosso modo von der Abschaffung von Handelsbarrieren profitieren, und weshalb am Anfang dieser Öffnung immer eine scheinbare Verschärfung sozialer Gegensätze eintritt. Scheinbar, weil es dem „Niedriglohnbereich“ ja absolut gesehen nicht schlechter geht; da sich Menschen in der Regel aber statusorientiert an anderen Menschen messen, empfinden sie den Wohlstandszuwachs der anderen als eigenen Verlust.

Freilich ist es nicht notwendig, daß am Schluß alle Unternehmen im Export tätig sind, um die weitere Lohnanpassung zu erklären. Wenn in den exportorientierten Unternehmen mehr gezahlt wird, weil dort auch ein höheres Grenzprodukt erwirtschaftet wird, müssen mit der Zeit die Unternehmen in Bereichen nichthandelbarer Güter für die topqualifizierten Mitarbeiter ebenfalls mehr zahlen, um sie zu behalten. Diese Erhöhungen sickern dann langsam nach unten, bis schließlich die Löhne der Arbeitnehmer im Bereich der nichthandelbaren Güter allgemein aufschließen, der Reallohn in den exportorientierten Unternehmen damit sinkt und in den anderen Unternehmen steigt. Ein simples Beispiel: Ein tunesischer Busfahrer mag genauso produktiv sein wie ein norwegischer; trotzdem wird er real wesentlich weniger verdienen. Dieser Lohnunterschied wird aber von der Produktivität im Bereich der handelbaren Gütern gesteuert. Daher steigen in Ländern im Aufholprozess nach einiger Zeit auch die Löhne in den Sektoren, in denen kein Produktivitätsschub und keine Auslandsverflechtung festzustellen ist. Man nennt das den Balassa-Samuelson-Effekt; er ist empirisch gut abgesichert.