Angus Deaton, Nobelpreisträger

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften1 geht also an Angus Deaton, Universitätsprofessor für Wirtschaftswissenschaften und Internationale Angelegenheiten in Princeton. Gerade rechtzeitig zu seinem siebzigsten Geburtstag, den er am 19. Oktober begehen darf.

Das ist schon ein wenig eine Überraschung, wirft aber ein Licht auf einen bedeutenden Teil der Mikroökonomie, der in der öffentlichen Debatte zu wenig beachtet wird. Wie es auf der offiziellen Seite der Nobelpreise heißt: „Für die Analyse des Konsums, der Armut und der Wohlfahrt.“

Diese drei Punkte hängen innerlich zusammen.

Deaton hat zusammen mit John Muellbauer in den Siebziger Jahren hat an einer Möglichkeit geforscht, Konsumentscheidungen zwischen Gütern in Abhängigkeit von Preisen elegant, aber realitätsnah zu modellieren. Denn die bisherigen Modelle mit repräsentativen Konsumenten stimmten mit der Empirie nicht überein. Ein großes Problem war dabei die Aggregierung, d.h. das Zusammenführen der einzelnen Nutzenfunktionen der Konsumenten zu einer einzigen Funktion, die das Konsumverhalten der betrachteten Menschen gemeinsam abbildet. Das „Almost Ideal Demand System“ von Muellbauer und Deaton erlaubt, dass Konsumenten verschiedene Güter bevorzugen, in dem die einheitliche Konsumfunktion um einen Parameter ergänzr wird, der nach demographischen Indikatoren variiert.

Aggregierung ist auch das Schlüsselwort für die Betrachtung des Konsums im Zeitablauf. Man muss kein Ökonom sein, um zu wissen, dass sich das Konsumverhalten im Laufe eines Lebens ändert. Dazu haben sich in den Siebziger Jahren Modelle mit rationalen Erwartungen etabliert, bei denen die Betroffenen ihren Konsum über den Zeitablauf hinweg glätten. Dazu muss man allerdings auch handfeste Erwartungen über das Einkommen haben, um entsprechend dieser Erwartungen zu sparen bzw. sich zu verschulden. Deaton zeigte nun, dass unvorhergesehen Einkommensänderungen über die veränderten Erwartungen über die Zukunft großen Einfluss auf das gegenwärtige Konsumverhalten haben. Da ökonomische Schocks Menschen in verschiedenen Stadien ihres Lebenzyklus treffen, kann die aggegierte Auswirkung des Schocks auch anders ausfallen, als eine Betrachtung der Einzeldaten ergeben würde. Um also die Gestaltung der Konsums besser zu verstehen, arbeitete Deaton an Querschnittsstudien über Haushalte bzw. wie man sich echten Längsschnittstudien mit einfacheren Mitteln (mit sogenannten „Pseudo-Panels“) annähern könnte. Diese Untersuchungen sind grundlegend für die statistische Arbeit auf der ganzen Welt geworden.

Schließlich widmete sich Deaton der praktischen Frage, wie man Armut, Konsummöglichkeiten und Wohlfahrt in sich entwickelnden Ländern misst. Hier steht man einerseits vor großen statistischen Problemen, andererseits vor solchen der Vergleichbarkeit der Daten. Werden Güter in Land A nicht nachgefragt, weil sie zu teuer sind – oder weil sie dort im Unterschied zu Land B keiner will? Wie gehe ich damit um, dass einige Güter in Land A, andere in Land B vergleichsweise günstiger sind? Wie sensibel sind Messergebnisse? Die Erkenntnisse aus entsprechenden Arbeiten haben die Messung von Armut in einigen Ländern verändert.

Seine Beschäftigung mit Entwicklungsländern hat ihn auch zu einem großen Kritiker der Entwicklungshilfe gemacht. Sie würde dazu beitragen, dass Staatsgewalt der Empfängerstaaten sich überhaupt nicht für die eigene Bevölkerung verantwortlich fühlt. Es gibt dort keinen „Vertrag“ zwischen Staat und Bürgern; die Finanzierung des Staats hängt vielmehr nur vom Wohlverhalten gegenüber den Geldgebern ab. Dann funktionieren oft nicht einmal die grundlegendsten Staatsfunktionen, mit fatalen Folgen. Deaton:

„Arme Menschen brauchen eine Regierung, um ein besseres Leben führen zu können. Die Regierung aus dem Spiel zu lassen, könnte die Lage kurzfristig verbessern, aber das eigentliche Problem würde nicht gelöst. Arme Länder können ihr Gesundheitssystem nicht ewig vom Ausland betreiben lassen. Die Hilfe unterminiert, was arme Menschen am meisten benötigen: eine effektive Regierung, die heute für eine bessere Zukunft mit ihnen zusammenarbeitet.“

Ein weites, spannendes Feld, das Deaton bestellt.


  1. Eigentlich Sveriges Riksbank Preis für Wirtschaftswissenschaften in Erinnerung an Alfred Nobel. Bevor dass jemand unvermeidlicherweise in den Kommentaren postet. 
Advertisements

Gary S. Becker (1930-2014)

Mit Gary S. Becker ist ein Revolutionär unter den Ökonomen gestorben, der das Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften für viele Praktiker gewandelt hat. Seit Carl Menger ist die moderne Wirtschaftswissenschaft, insbesondere die Mikroökonomie, eine Wissenschaft vom Handeln der Menschen. Becker hat erkannt, dass der ökonomische Werkzeugkasten allgemein für sozialwissenschaftliche Fragestellungen verwendet werden kann. Nicht, weil er alleinseligmachend wäre. Doch er bringt neue Perspektiven ins Spiel und hilft, Phänomene zu erklären, bei denen andere Werkzeuge unpassend sind.

Methodischer Eklektizismus ist heute nichts aufregendes mehr. Das war einmal anders. Beckers Methode wurde anfangs von Soziologen als Imperialismus der Ökonomie denunziert, seine Analyse scheinbar irrationaler Handlungen als nutzenmaximierende, individuell (schein)rationale Aktionen mit Unverständnis aufgenommen. Das sollte sich freilich bald ändern. 1992 erhielt er schließlich sogar den Nobelpreis1.

Anwendungsfälle sind etwa Drogenmissbrauch, der auch ökonomisch analysiert werden kann — wie in seinem berühmten Paper „A Theory of Rational Addiction“ mit Kevin M. Murphy.

Oder der Einfluss des Staates auf die Familie, der z.B. auch in Gesetzen über Heirat oder Vorschriften über die Behandlung von Kindern besteht. Darin prognostiziert er im übrigen das Scheitern einfach gestrickter „kompensatorischen“ Bildungsprogrammen, mit denen Bildungsdefizite bei Kindern bestimmter Gesellschaftsschichten ausgeglichen werden sollen. Denn wenn der Staat Ressourcen (über Steuern etc.) in Anspruch nimmt und damit z.B. Schulen finanziert, reduzieren die Eltern (bzw. andere unterstützende Mitglieder des Familiennetzwerks) ihre Ausgaben, ihren Aufwand für die Bildung der Kinder. Dafür gibt es auch empirische Hinweise. Die Frage der Bildung beschäftigte ihn überhaupt sehr intensiv.

Gary S. Becker wandte sich auch der Frage zu, wie sich irrationales Verhalten und ökonomische Theorie vertragen. Durchaus interessant!

Bis zuletzt arbeitete er an der Universität von Chicago; seine entsprechende Homepage ist noch online. Die NZZ hat einen kompakten Nachruf auf Becker veröffentlicht, der auch eine kleine Einführung in seine Bedeutung darstellt. Dabei haben sie sich vielleicht an einem etwas längeren, sehr lesenswerten Artikel des Jahres 2000 der „Zeit“ bedient — Titel und Anfang ähneln sich frappant. Auf den Seiten des Nobelpreiskomitees gibt es eine Kurzbiographie zu lesen.


  1. offiziell: Preis der Schwedischen Reichsbank im Andenken an Alfred Nobel 

Die Ökonomie von Barbie und den Power Rangers

Wer vor Ostern Kinderspielzeug einkaufen musste, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass Spielzeug und Kinderbücher heute viel stärker als vor zehn, zwanzig Jahren nach Geschlechtern stereotypisiert. Sogar Legosteine gibt es in quietschrosa Packungen für Mädchen und eher dunkleren Packungen für Buben. Den Kinderdetektiven der drei Fragezeichen (Buben) werden drei „Ausrufezeichen“ (Mädchen) entgegengesetzt. Bereits bei Kleinstkindgewand gibt es eine scharfe Trennung in rosa Töne einerseits, blau und schlammfarben andererseits. Woher diese größere Polarisierung — und das gerade in Zeiten, in denen unter dem Stichwort „Gender“ von der Auflösung der Geschlechter gesprochen wird?

Die Grundantwort ist simpel: Weil es sich für die Hersteller von Spielzeug, Büchern oder Gewand offenbar auszahlt. Aber warum zahlt es sich aus?

Dem versucht Joshua Gans in einem Blogeintrag auf den Grund zu gehen. Seine drei Erklärungsversuche:

  1. Kinder bestimmen heute wesentlich mit, was gekauft wird. Selbst, wenn das Kind nur eine leichte Präferenz für das stereotypische Spielzeug hat, so vergrößert der Hersteller durch entsprechendes Maßschneidern seines Produktes die Chance darauf, verkaufen zu können. Das Argument kann ähnlich angewandt werden, wenn Dritte für das Kind ein Geschenk einkaufen. Sie werden auf der sicheren Seite sein wollen, und daher typischerweise zum Stereotyp-getreuen Spielzeug greifen.
  2. In Familien mit Geschwistern bzw. mit weiteren Kindern in nächster Verwandtschaft geben Spielzeug weiter, das dank heutiger Sicherheitsvorschriften etc. oft mehrere Kinder aushält. Geschlechtstypisches Spielzeug erhöht die Wahrscheinlichkeit, das für das nächste Kind große Teile des Spielzeugs neu angeschafft werden müssen.
  3. Durch die Schaffung von Marktsegmenten kann man auch höhere Preise verlangen. Deswegen sind ja auch Lizenzprodukte mit bekannten Marken so wichtig, wie etwa die Star-Wars-Franchise für Lego etc.. Gerade, wenn es teilweise Marktmacht gibt (weil man eben Exklusivanbieter gewisser Spielzeugarten, zugkräftiger Lizenzware etc. ist), erhöht sich nun der Anreiz, weiter nach Geschlecht zu differenzieren und diese differenzierten Produkte eher zu vermarkten. Warum? Weil man ebenfalls davon profitiert, dass für Geschwister etc. möglicherweise alles neu gekauft werden muss.

Wer Spielzeugmarken oder etwa Buchreihen etablieren kann, hat zusätzlich einen Lock-In-Effekt: Für das eine Kind wird z.B. eine ganze Batterie an „Mädchenbüchern“ angeschafft — und für das andere dann eine solche von „Bubenbüchern“, jeweils aus klar positionierten Serien der Verlage. Daher sollte ceteris paribus die Differenzierung umso deutlicher sein, je größer die Marktmacht des Herstellers. Da heißt: Je unaustauschbarer das Produkt aus Sicht der Konsumenten ist.

Stimmt es? Das wäre nachzuprüfen. Jedenfalls etwas zum Nachdenken.

(über Tim Harford)

Die Habsburgermonarchie als Handelsexperiment

In der wissenschaftlichen Literatur wird schon lange der sogenannte „Border Effect“ diskutiert. Grenzen haben einen großen Einfluss auf Handelsströme, selbst wenn zwischen den Ländern geringe Handelsbarrieren bestehen. So wurde für den Handel zwischen USA und Kanada ein solcher Effekt empirisch nachgewiesen, wenn auch in geringerer Höhe als zwischen anderen Ländern. Gemeinsame Sprache und die Zugehörigkeit zur gleichen Freihandelszone sollten sich ja auswirken.

Die Habsburgermonarchie war nicht nur eine Freihandelszone, sondern auch eine Zoll- und Währungsunion, mit der das Wirtschaftsleben von über 50 Millionen Menschen nach gemeinsamen Regeln abgewickelt werden konnte. Beste Bedingungen, um die Auswirkungen von Sprache und Nationalität auf den Handel zu prüfen. Genau das haben Nikolaus Wolf und Max-Stephan Schulze getan. Und zwar an Hand des lokalen Getreidepreises in zwanzig Großstädten. Ihr Ergebnis: Schon vor dem Zerfall der Monarchie lassen sich Nationalitäten-bedingte Marktdifferenzierungen feststellen, die umso deutlicher zu Tage treten, je mehr andere Handelshemmnisse etwa durch bessere Verkehrsinfrastruktur oder neue rechtliche Rahmenbedingungen beseitigt wurden. Freilich behinderte auch der steigende Nationalismus den Handel gegen Ende immer stärker. Das zeigt auch die Grenzen des EU-Binnenmarkts auf: Sprachbarrieren bleiben Sprachbarrieren.

Ganz überzeugt mich ihr Ansatz aber nicht, denn es ist unbestritten, dass der Zusammenbruch der Monarchie und die Errichtung von Zollgrenzen, protektionistischen Regimen etc. für den ganzen Raum zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führte. Das war sogar damals vielen Akteuren bewusst, doch die nationalistischen Zwänge und der Druck einflussreicher Branchen waren stärker als die Vernunft. Folglich muss die Marktsegmentierung durch Sprache und Nationalität vor dem Zerfall bei weitem geringer gewesen sein als der Grenzeffekt der neuen, durch St. Germain & Co. errichteten neuen Grenzen.

Einfache Steuern verwirren uns nur

Wir beschweren uns gerne über hohe und komplizierte Steuern, doch eine neue Arbeit von Martin Fochmann und Joachim Weimann lässt daran zweifeln, ob die einfachsten Steuern wirklich die besten sind.

In einer Versuchsanordnung mit 118 Personen — davon keine Studenten — erhielten diese für die Erledigung gewisser Aufgaben Geld, wovon wiederum Abgaben einbehalten werden. Dabei zeigt sich rasch, dass einfache genauso wie hochkomplexe Steuersysteme darunter leiden, dass man die eigene Steuerbelastung nicht durchschaut. Bei einem einfachen einheitlichen Steuersatz wird der Steuereffekt unterschätzt, weil man den Eindruck hat, man muss sich eh nicht damit beschäftigen. Bei ein wenig komplexeren Steuern, die man ein wenig studieren muss, hatten die Studienteilnehmer ein besseres Gefühl für den verbleibenden Nettolohn. Hochkomplexe Systeme wie das österreichische sind freilich schon so vielschichtig, dass man sich wohl mit der Einschätzung persönlich wiederum schwertut.

Das baut auf einer früheren Arbeit von Fochmann und Weimann auf, die sie gemeinsam mit Blaufus, Hundsdörfer und Kiesewetter veröffentlicht haben. Dabei haben sie ebenfalls Studienteilnehmer arbeiten lassen — Briefe falten –, und verschiedene Steuerraten ausgetestet. Aber mit einem Trick: Der Nettolohn war immer gleich, der Bruttolohn variierte aber je nach Steuersatz. In der Realität ist es ja der Nettolohn, der sich mit dem Steuersatz ändert. Der Effekt: Obwohl die angewandten Steuersätze einfach waren — 0%, 25% oder 50% –, und sich jeder leicht selbst ausrechnen konnte, dass der Nettolohn eben immer der gleiche war, strengten sich die Studienteilnehmer beim höheren Bruttolohn mehr an. Menschen lassen sich also wider besseres Wissen vom höheren Bruttolohn täuschen.

Ein Working Paper, das eine Vorstufe zur zitierten Arbeit war, kann man im Falle der Nettolohn-Illusion bei SSRN finden, für das darauf aufbauende Experiment mit progressiver Besteuerung bei IZA.

Ein ähnliches Ergebnis haben Iwan Djanali und Damien-Sheehan-Connor publiziert. Sie interpretieren das Ergebnis, dass Personen bei gleichem Nettolohn bei Besteuerung, aber zum Ausgleich höherem Bruttolohn deswegen mehr arbeiten, weil sie einen Nutzen aus den Steuerzahlen ziehen. Die These dahinter, dass viele Menschen grundsätzlich verstehen, dass Steuern zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben notwendig sind, die sie selbst für richtig halten, und daher das Bezahlen von Steuern nicht grundsätzlich für sinnlos halten. In Djanalis Diplomarbeit kann man mehr dazu lesen.

Meiner Einschätzung nach muss man beide Erklärungsansätze kombinieren. Wir unterliegen mit Sicherheit einer Bruttolohnillusion, doch bei aller Steuervermeidung, die man so anstrebt, ist der subjektive Nutzen des Steuerzahlens wahrscheinlich bei den meisten Menschen nicht Null. Und wenn es nur deswegen ist, weil man sonst die kognitive Dissonanz zwischen Steuerzahlen und Geldbehaltenwollen nicht aushalten würde.

Schweden 1650. Erstheiratsalter der Frauen: 26,7 Jahre. Warum? Darum.

Durch den Schwarzen Tod, die Große Pest, die im 14. Jahrhundert Europa verwüstete und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung das Leben kostete, erfuhr Europa tiefgreifende Veränderungen.

Kultivierbares Land ist plötzlich im Überfluß vorhanden — mehr, als die Verbliebenen intensiv bewirtschaften können. Daher nimmt die extensive Weidewirtschaft zu, was wiederum auch den Speiseplan der Europäer verändert. Weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß.

In der Folge kommt es zu einem überraschenden Effekt: Das Heiratsalter verschiebt sich nach oben und verringert damit auch die Kinderzahl. In Deutschland liegt im 17. Jahrhundert das Erstheiratsalter für Frauen bei über 26 Jahren, in Schweden detto. Gerade in einer Situation, die zu einer höheren Fruchtbarkeit führen sollte, tritt das Gegenteil ein. Warum? Und warum tritt dieser Effekt in West-, Mittel- und Nordeuropa auf, aber nicht in Osteuropa und den östlichen Teilen Mitteleuropas?

Nach dem Soziologen Hajnal ist die sogenannte Hajnal-Linie benannt, die etwa von Triest Richtung Nordosten nach St. Petersburg verläuft und die beiden Regionen trennt, die entweder dem „Europäischen Heiratsmuster“ eines hohen Heiratsalters und eines relativ hohen Anteils Unverheirateter folgen oder eben östlich davon nicht. Niederösterreich und die Steiermark folgen beispielsweise noch dem europäischen Heiratsmuster, Ungarn schon nicht mehr.

Nico Voigtländer und Hans Voth haben nun eine mögliche Erklärung untersucht. Sie gehen davon aus, dass das Europäische Heiratsmuster dort stark ausgeprägt ist, wo die Große Pest des 14. Jahrhunderts besonders gewütet hat.

Denn dort verändert sich durch die Pest, wie geschildert, das Verhältnis von Arbeitskraft und Land: Die Arbeitskraft ist relativ knapper und damit wertvoller geworden, das Land dagegen relativ reichlicher und wertloser. Damit stiegen die Opportunitätskosten bei einer Hochzeit. Frauen waren in der Landwirtschaft nicht so sehr im Ackerbau, sondern in der Weidewirtschaft oder im Gartenbau tätig. Als Mägde waren sie meistens unverheiratet; es war in vielen Ländern gesellschaftlicher Konsens, dass mit einer Hochzeit das Dienstverhältnis der Magd beendet wäre.

Frauen, die mit Kindererziehung und der Arbeit im Haus und zu Hause beschäftigt waren, hätten nicht mehr die zeitliche Verfügbarkeit gehabt, um als Mägde etc. zu arbeiten. Die übliche Aufnahme zu Kost und Logis für eine ganze Familie wäre außerdem natürlich weitaus teurer gewesen als für eine unverheiratete Magd.

In späteren Jahrhunderten sinkt das Erstheiratsalter wieder: Frauen hätten durch das sich ausweitende Verlagssystem auch Möglichkeiten vorgefunden, als Verheiratete bezahlte Arbeit zu finden. Je nach Erholung der Bevölkerungszahl kehrt sich auch das Faktorverhältnis wieder um: Das Land bleibt gleich, doch die Arbeitskraft nimmt zu. Steigende Getreidepreise führten zu einer Verdrängung der Weidewirtschaft durch Ackerbau, in dem weibliche Arbeitskraft statistisch gesehen einen komparativen Wettbewerbsnachteil hat.

Es gibt übrigens nach Voth und Voigtländer neben zwei besondere Faktoren, die eine Ausbildung des „Europäischen Heiratsmusters“ in bestimmten Gegenden verhindert haben sollen: Entweder eine hohe Produktivität des Ackerbaus, oder eine weit ausgreifende Wander-Weidewirtschaft. Letztere ist in Europa eher mit männlichen Hirten verbunden. In der stationären Weidewirtschaft waren dagegen bereits im 14./15. Jahrhundert oft Frauen tätig.

Effekt des Europäischen Heiratsmusters ist jedenfalls für Jahrhunderte ein gestiegender Wohlstand, der schließlich durch bessere Ernährung etc. zum Motor für weitere Verbesserungen wird. Als die Bevölkerungszahlen wieder hoch sind, sorgen in der Zwischenzeit erfolgte technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen dafür, dass der Wohlstand in Europa auch pro Kopf 1750 deutlich über dem vor der Großen Pest liegt. Freilich gibt es für die Innovationen selbst einige interessante Erklärungen, die den Rahmen dieses Beitrags spengen würden.

Die Ehe als Aufstiegshilfe

In den USA wird schon lange beobachtet, dass Alleinerzieherhaushalte vor allem ein Phänomen der ärmeren Schichten sind, die auch eine kürzere Ausbildung genossen haben. Da es in den USA anders als bei uns bis zum Maturaalter im Prinzip lediglich eine Gesamtschule gibt, ist das für diejenigen, die nicht einmal diese abschliessen konnten, tatsächlich ein Problem. Menschen mit höherem Einkommen und höheren Bildungsabschlüssen tendieren eher zur Heirat und weisen auch niedrigere Scheidungsraten auf. Diese stabilere Beziehung färbt auch auf die Kinder ab: Kinder aus stabilen Familien weisen signifikant bessere Bildungsergebnisse und Einkommen auf und haben ein deutlich geringeres Risiko, straffällig zu werden.

Dieser Trend hat dazu geführt, dass etwa 2008 unter den Dreißigjährigen erstmals bei den College-Absolventen ein höherer Anteil verheiratet war als unter den Nicht-College-Absolventen, obwohl erstere durch die längere Ausbildungszeit tendenziell auch später heiraten.

Nun kann das zu einer Teufelsspirale werden: Gerade Menschen aus ärmeren Schichten würden von den sozialen und ökonomischen Vorteilen der Ehe besonders profitieren. Stattdessen ist aber dort die Rate der unehelichen Kinder besonders hoch. Die gesellschaftliche Kluft zwischen den Schichten steigt dadurch, obwohl empirisch gesehen für Menschen aus ärmeren Schichten die Ehe geradezu eine Aufstiegshilfe wäre.

Interessanterweise glauben manche wie etwa Isabel Sawhill am Brookings Institut, durch einen stärkeren Fokus auf Verhütung und eine Verlagerung der Zeugung von Kindern nach hinten dem entgegenwirken zu können. Das scheinen aber eher technokratische Maßnahmen zu sein. Stattdessen ginge es wohl eher um die Struktur des Beziehungsmarkts selbst, der je nach Bildungssituation und sozialer Schicht unterschiedlich funktioniert. Und um ein Phänomen, dass Ross Douthat so beschreibt:

a world where the short-term rational self-interest of both sexes — the understandable female desire to have children without taking on the burden of husbands who are often basically children themselves, and the understandable male desire not to take a steady but low-paying job when they can work part-time, goof off on the XBox, and still find willing sexual partners — conspires to keep some of the crucial ingredients of long-term happiness out of reach for a larger and larger share of the population.

Der eigentliche Schlüssel scheint in Impulskontrolle, Reflektion und der Fähigkeit zur langfristigen Perspektive zu liegen. Das sind halt ähnliche Eigenschaften, die auch für die positive Absolvierung langer Bildungswege von Vorteil sind.