Livermorium macht das Smartphone zum Mini-Laptop

Für Smartphone-Benutzer, die gerne eine richtige Tastatur verwenden würden, tut sich etwas. Kürzlich habe ich vom Blackberry KEYone, einem gut ausgestatteten Gerät mit Android 7.1, Achtkern-Prozessor und einer klassischen Blackberry-Tastatur, geschrieben, nun kann man bereits bei Mediamarkt in Deutschland Vorbestellungen abgeben. Österreichische Anbieter, die Vorbestellungen annehmen, gibt es auch, die verlangen aber bis zu 100 Euro mehr als dem empfohlene Verkaufspreis von 599 Euro entspricht. Da wartet man doch besser noch ein wenig.

Moto Z mit Tastatur (Livermorium)

Moto Z mit Tastatur (Livermorium)

Oder schaut sich ein anderes Projekt an, auf das mich Sven Lübke in den Kommentaren aufmerksamgemacht hat: Eine ausschiebbare Tastatur im Querformat für das Moto Z. Das Moto Z hat nämlich auf der Rückseite einen Stecker für Erweiterungen, sogenannte „Moto Mods“, die wie eine Gehäuseabdeckung montiert werden. Darunter gibt es bessere Lautsprecher, eine zusätzliche Batterie oder einfach schön gestaltete Rückseiten.

Ein Team rund um Liangchen Chen mit dem klingenden Namen „Livermorium“ sammelt nun auf Indiegogo seit Anfang März Bestellungen für eine vollständige Schreibmaschinentastatur, die nicht nur herausgeschoben werden kann, sondern mit der man wie beim legendären Nokia 97 den Bildschirm schräg stellen kann. Es wird eigene Nummerntasten geben, Pfeiltasten, viele Sonderzeichen. Nicht zuletzt ist auch eine QWERTZ-Variante für den deutschen Sprachraum vorgesehen.

Das Design ist mittlerweile abgeschlossen, bald soll das Modul von Motorola geprüft werden. Vielleicht mag mancher auch warten, bis ein fertiger Prototyp gezeigt werden kann, damit man nicht die Katze im Sack kauft.

Tastaturen gibt es ab $60; wer will, kann auch zur türkis eingefärbten „Starter Edition“ um $200 greifen. 34% des Zielbetrags von 100.000 US-Dollar sind bislang erreicht, etwa ein Monat bleibt noch, um den restlichen Betrag aufzutreiben. Ansonsten wird das Projekt nicht verwirklicht, aber auch kein Geld eingezogen. Das Entwicklungsrisiko trägt das Team um Liangchen Chen selbst. Nun ist die Moto Z-Serie vielleicht nicht jedermanns Geschmack, doch wer ein modernes Smartphone mit QWERTZ-Tastatur im Querformat sucht, hat sonst am Markt praktisch keine Alternativen.

Blackberry KEYone: Das Comeback des QWERTZ-Handys

Blackberry KEYone (Pressephoto)

Blackberry KEYone (Pressephoto)

Langjährige Leser meines Blogs kennen meine Liebe für Handys mit Schreibmaschinen-Tastatur. Eine seltene Spezies, die nun wieder einen interessanten Nachwuchs erfahren hat: Blackberrys Kooperation mit dem großen Smartphone-Produzenten TCL hat mit dem Blackberry KEYone vielversprechende Früchte getragen. TCL hat in Wahrheit schon die letzten beiden Blackberry-Geräte entwickelt und wird nun selbst offiziell zum Entwickler und Hersteller, wie es bei den sogenannten „Alcatel“-Handys schon länger der Fall ist.

Vorweg: Das KEYone ist, wie schon die letzten drei Blackberry-Geräte, ein Android-Handy. Es läuft mit der neuesten Android-Version, womit sich Blackberry einiges an Entwicklungskosten spart. Statt eines kompletten Betriebssystems plus einer Android-Kompatibilitätsbox wie beim — meiner Meinung nach exzellenten! — „Blackberry 10“ müssen nur noch diejenigen Programme entwickelt werden, die für die Kernkompetenzen von Blackberry notwendig sind: Rasche, effiziente Kommunikation und hohe Sicherheit. So die Nachrichtenzentrale Blackberry Hub, das Sicherheitsprogramm DTEK oder die fortgeschrittene Einbindung der Tastatur zur Steuerung eines Android-Systems. Die Hardware stammt von TCL, wurde aber mit Blackberry koordiniert.

Dazu gibt es eine Tastatur, die gleichzeitig als Trackpad wie am Notebook zur Steuerung verwendet werden kann und nach ersten Berichten dem gewohnten Blackberry-Standard entspricht. Besonderer Wert wurde offenbar auf eine lange Betriebsdauer gelegt. Nicht das schlankste Gerät aller Zeiten wurde da kreiert, sondern eines mit achtbarer Akkugröße (3505 mAH — ein iPhone 7 hat gerade einmal 1960 mAH), einem sehr energieeffizienten Mainboard und einem Schelllademodus.

Das Smartphone ist rundum ausgestattet, von der 3,5mm-Kopfhöherbuchse bis zu Bluetooth 4.2 und USB-On-The-Go, mit dem man sogar externe Festplatten und andere USB-Geräte an den Blackberry anschließen könnte, es hat Platz für eine microSD-Speicherkarte (bis zu 2 Terabyte große Karten könnten theoretisch verwendet werden) und verfügt über einen 4,5-Zoll-Bildschirm mit 1620×1080 Bildpunkten Auflösung.

Ob die Kamera hält, was sie verspricht, müssen erst die Tester herausfinden. Der Preis verspricht leider hoch zu werden. Für die Markteinführung werden € 599 avisiert. Allerdings: Blackberry erstes Android-Handy, der Blackberry Priv, hat anfangs in Österreich 800 Euro gekostet und ist nun um die Hälfte zu haben. Wer ein wenig Geduld hat, wird sich wohl ein wenig Geld sparen können.

Mehr Infos gibt es beim Hersteller auf www.blackberrymobile.com. Erste Eindrücke vermittelt das bekannte Handyportal GSMArena. Die Blackberry-Nachrichtenseite Crackberry bietet ein Video der Vorstellung auf dem Mobile World Congress in Barcelona und auch sonst einige Meldungen dazu. Es ist halt, na ja, nicht die kritischste Seite, was Blackberry betrifft.

Von österreichischen Berichten über das neue Handy muss ich vorerst eher abraten. Wie ein kürzlich kursierende Artikel über Marktanteile am Smartphone-Markt verraten hat, können österreichische Qualitätsmedien nicht einmal Hersteller und Betriebssystem auseinanderhalten.

Drei Links zur Whatsapp-Übernahme durch Facebook

Die Übernahme des populären Chat-Programmes Whatsapp durch Facebook ist für viele Whatsapp-User wohl ein Schock. Dort der Social-Network-Gigant, der vor allem von der Verwertung von Benutzerdaten lebt, dort ein Programm mit der strikten Regel „Keine Werbung. Keine Spiele. Keine Spielereien.“, das für einen niedrigen Jahresbetrag ungestörte Kommunikation verspricht. Drei Links dazu:

Einer der Investoren in Whatsapp, Sequoia Capital, erklärt den Wert von Whatsapp aus seiner Sicht. Ein Wert, den Facebook immerhin in 4 Mrd. US$ in bar, Facebook-Aktien im Wert von 12 Mrd. US$ und weiteren 3 Mrd. US$ für die Whatsapp-Mitarbeiter bemisst.

Beim US-Branchenmedium Re/code analysiert Kara Swisher, dass das der Preis Facebooks dafür sei, um im mobilen Geschäft relevant zu sein. Facebook wolle so etwas ähnliches werden wie Disney im Medienbereich: Die Programme zur Verfügung stellen, die von den mobilen Anwendern gewünscht würden, um im mobilen Bereich relevant zu bleiben — auch, wenn Facebook selbst an Bedeutung verlieren sollte.

Wird das Thema Sicherheit und Vertrauen den Erfolgslauf von WhatsApp nun bremsen? Eher nicht, glaubt Gerhard Reischl bei der Futurezone. Auch andere Dienste würden trotz schwerer Sicherheitsbedenken und Servern im direkten NSA-Zugriff florieren, die User das Problem ignorieren.

Aus den Kommentaren: Ein QWERTZ-Handy in „Eigenregie“

Die Idee, dass das Handy wie ein Mini-Notebook in der Hosentasche funktionieren könnte, mit vollständiger Tastatur, ist in den letzten Jahren einen sanften Tod gestorben, über den ich schon öfter in diesem Blog lamentiert habe. Christian Wiesner, der für die Markteinführung eines Android-Smartphones mit vollständiger QWERTZ-Tastatur auch eine Petition intiiert hat, hat dazu in einem Kommentar eine spannende Information, die ich gerne breiter weitergeben will:

Ich nutze nun seit knapp 2 Monaten ein umgebautes MOTOROLA Photon Q (sogenannter SIM card mod, vom Entwickler des Umbaus persönlich durchgeführt, Tomas Prochazka aus Prag = CornholioGSM). Zunächst hatte ich die Original-Software von SPRINT damit verwendet (Stock ROM), erst 4.0.4 und dann 4.1.2, bin jetzt aber wegen fortdauernder Probleme (Bluetooth-Abbrüche, kein mobiler Hotspot, etc) auf Cyanogenmod (CM11 = Android 4.4 ‘KitKat’) umgestiegen. Das Telefon hat auch QWERTZ statt QWERTY, das lässt sich sehr leicht ändern da die Tasten nur aufgeklebt sind.

Was soll ich sagen, obwohl mich alle meine Kollegen für verrückt erklärt haben, läuft das Gerät jetzt erstklassig, ich bin echt super zufrieden. Das Telefon macht alles was ich wollte, läuft flüssig und stabil, bucht sich schnell und zuverlässig in die verschiedensten Netze ein, speziell in alle CDMA-Netze wenn ich in China bin (der Umbau hat sich wohl über die Zeit verbessert). Ist zwar verrückt, dass man in Europa so einen Aufwand betreiben muss, um an einen leistungsfähigen Androiden mit Tastatur zu kommen, aber es funktioniert.

Als nächstes werde ich spaßeshalber mein altes SONY Xperia Pro auch mal mit CyanogenMod [Eine alternative Android-Distribution, die man selbst installieren kann.] ausstatten, mal sehen welchen Performance-Sprung man damit erreichen kann. Das Pro ist ja eigentlich ein tolles Handy, nur halt leider mit einem sehr schwachen Prozessor und wenig RAM ausgestattet. Letzteres kann man mit Link2SD und einer 2.Partition auf der SD-Karte relativ gut lösen (unter root), ersteres sollte sich durch CM deutlich verbessern lassen, allein weil ja schon die ganze unnütze Bloatware (Facebook, etc.) fehlt die SONY dummerweise fest auf das Telefon packt, und die sich auch nur unter root wieder entfernen lässt. CM scheint insgesamt weniger CPU zu nutzen als das Stock-ROM,das lässt hoffen.

Ich bin jetzt gespannt wann ein junger Unternehmer auf die Idee kommt sich etwas Geld zu organisieren, SPRINT auf einen Schlag 10.000 neue Motorola Photon Q zu einem günstigen Preis abkauft (die haben zu viele davon, da die Verkäufe in den USA unter den Erwartungen lagen), diese in Serie mit einem SIM-Kartenslot ausstattet, das aktuelle CM11 aufspielt und die Geräte hier in Europa professionell anbietet. Die beiden anderen Photon Q die ich umbauen ließ, habe ich über Ebay verkauft, sie brachten zusammen 840,- € ein, also im Schnitt 420,- € je Telefon, und das für ein gebrauchtes Gerät ohne Garantie !!

Dennoch würde ich für die Zukunft noch nicht aufgeben was das Tastatur-Handy betrifft. MOTOROLA wurde ja von Google geschluckt, und die wollen in Zukunft einige NEXUS-Geräte rausbringen. Mit dem Photon Q besteht eine Plattform die eigentlich nur mit einem aktuellen Prozessor und mehr Speicher ausgestattet werden muss, sonst ist das Telefon mit NFC und LTE auf der Höhe der Zeit. Es sollte ein leichtes für Google sein, auf dieser Basis ein Nexus mit Keyboard zu launchen, um Blackberry den Todesstoss zu geben.

Mehr Informationen zum Motorola Photon Q gibt es auf der Seite von Motorola, über den SIM card mod von Tomas Prochazka im Forum xda developers. Ich selbst habe diesen Mod nicht getestet und übernehme keinerlei Gewähr oder Haftung dafür, dass er irgendein brauchbares Ergebnis liefert.

Die hohen Preise für gebrauchte QWERTZ-Geräte – ein originalverpacktes Nokia N97 mini (Vorstellung: Herbst 2009) um 200 Euro, ein Sony Xperia Pro (Vorstellung: Frühling 2011) um ein wenig mehr – zeigen ja, dass es einen Bedarf nach solchen Smartphones gibt, wenn auch vielleicht nur für eine kleine Nische. Ob man mit Nischen Geld verdienen kann, werden die nächsten Monate des Jolla-Projekts ja zeigen. Vielleicht macht das auch anderen Mut.

Das QWERTZ-Handy: Ein Marketingproblem?

Wie Stammleser meines Blogs schon wissen, bin ich ein treuer Anhänger des Handys mit vollständiger Tastatur, über die ich in diversen Einträgen schon geschrieben habe. Doch der Markt ist praktisch leergeräumt: Es gibt, abgesehen vom Blackberry Q10 und Q5, nicht einmal mehr Mittelklasse-Smartphones mit QWERTZ-Tastatur. Woran liegt das? Dem ist Sean Hollister von „The Verge“ nachgegangen. Er ist selbst begeisterter Nutzer eines Smartphones mit ausschiebbarer Tastatur, das er als Mini-Laptop benutzt. Doch sein Handy zeigt deutliche Zeichen von Altersschwäche; Ersatz gibt es kaum.

Also befragt er Netzbetreiber und Hersteller, warum das so ist. Ein spannender Artikel, der auch einiges über die Dynamik des Markts verrät. Es liegt nämlich kaum an konkreten Konsumentenentscheidungen, mit der Ausnahme, dass die Wahl des Betriebssystems de facto bei den meisten Kunden höhere Priorität als die Tastatur genießt. Vielmehr ist es eine Marketingentscheidung: Konzentration auf ein Flaggschiff; alle anderen Modelle können dann als günstigere, abgespeckte Varianten zu diesem Gerät begriffen und beworben werden. Die Experten konzedieren aber: Würde ein Hersteller ein Flaggschiff-Gerät in einer Tastaturvariante herausbringen, würde es sich schon gut verkaufen.

Es ist aber momentan jedem zu riskant, diese Nische wieder zu besetzen: Samsung und Apple streichen den Löwenanteil der Gewinne ein, während die meisten anderen Hersteller in den roten Zahlen sind und daher ihre Ressourcen fokussieren müssen. Dass alle den gleichen Fokus wählen, ist dann ein anderes Problem.

(über OSNews)

Forbes: Wie Nokia es Elop schmackhaft machte, das Unternehmen zu ruinieren

Die Strategie Nokias unter der Führung Stephen Elops wurde hier und andernorts schon mehrfach heftig kritisiert. Das Ergebnis seiner Tätigkeit ist bekanntlich, dass sich Nokia aus dem Privatkundengeschäft zurückzieht und seine Mobilgerätesparte an Microsoft verkauft — zu einem Bruchteil des Wertes, den diese Sparte bei Amtsantritt Elops hatte.

Nun wurden Details von Elops Vertrag als CEO Nokias bekannt, die nicht nur „Forbes“ die Frage stellen lassen: Wie unfähig war Nokias Verwaltungsrat eigentlich?. Denn im Unterschied zu Elops Vorgängers enthielt sein Vertrag eine Klausel, dass er im Falle einer Änderung der Eigentumsverhältnisse etwa durch Verkauf eines Teils Nokias einen sofortigen Bonus auf Grund steigender Aktienkurse erhalten würde. Dieser beträgt nun 25 Millionen US$, die angesichts seines eher bescheidenen Erfolgs als Geschäftsführer sehr üppig sind.

Tero Kuittinen berichtet für Forbes, dass diese Klausel dann den besten Ertrag versprach, wenn der Aktienkurs zuerst deutlich fiele(wohl im Zuge einer Unternehmenskrise), dann ein Unternehmensteil zur Lösung dieser Krise verkauft würde, und deswegen der Aktienkurs wieder deutlich stiege. Aus der Differenz zwischen dem niedrigen Aktienkurs vor Verkauf und dem anschließenden Anstieg berechnet sich dann der Bonus.

Die eigentliche Recherchearbeit haben finnische Zeitungen geleistet, besonders „Helsingin Sanomat“, doch sind meine Finnisch-Kenntnisse einfach nicht vorhanden. Interessanterweise behauptet übrigens der Vorsitzende des Verwaltungsrats, die Änderung des Vertrags gegenüber Elops Vorgängern nicht bemerkt zu haben. Es sei ja nur ein geringfügiger Unterschied.

Ein geringfügiger Unterschied, der die Anreize für den CEO allerdings völlig veränderte. Nicht mehr der Turnaround, sondern der Verkauf war nun für ihn ein naheliegendes Vehikel zur Gehaltsoptimierung. Um Kuittinen zu zitieren:

As BlackBerry’s disastrous August quarter demonstrates, the handset industry is growing inhospitable to minor operating systems. Apple and Samsung continue increasing their dominance. Nokia always did face an uphill battle in the spring of 2011. But thanks to its board of directors, it entered that battle with a general who was promised a king’s ransom should he happen to lose. Nokia’s directors will go down in the European business history as one of the most perverse crews to lead a major corporation in the post-war era

Microsoft kauft halb Nokia: Ein gutes Geschäft?

Nun verkauft also Nokia seine gesamte Mobiltelephon-Sparte an Microsoft. Und zwar — womit ich nicht gerechnet haben — einschließlich der Asha-Linie und normaler „Featurephones“. Nokia wird dann im wesentlichen aus der Netzwerksparte, dem Kartendienst und ortsbezogenen Diensten auf Basis der Tochter NAVTEQ und der Forschungs- und Entwicklungsabteilung (siehe z.B. Nokia Research Center) bestehen.

Nokia verkauft im Prinzip seinen halben Umsatz für 3,79 Milliarden Euro, das sind etwa 5 Mrd. US$. Weitere 1,65 Milliarden erhält Nokia für eine 10-Jahres-Lizenz für Patente und einer Option für Microsoft, diese Lizenz für immer (!) zu verlängern. Microsoft wird außerdem den Markennamen Nokia für 10 Jahre lizenzieren und für Produkte der S30 und S40-Systeme weiter einsetzen können. Die Windows-Phone-Linie wird dagegen wohl nicht mehr Nokia heißen. Nokia selbst darf den Markennamen erst nach Ablauf von 30 Monaten an andere Hersteller lizenzieren und ab 1.1.2016 für eigene Mobilgeräte nutzen, von denen aber ohnehin nicht auszugehen ist.

Offenbar sind die Finanzierungsbedingungen für Nokia derzeit schwierig. Zwar hat das Unternehmen einen positiven Cash Flow und konnte seine verfügbaren Mittel gut managen, hatte aber wegen der unsicheren Zukunft der Smartphone-Sparte ein relativ schlechtes Rating. Im kapitalintensiven Mobilgerätegeschäft werden aber immer wieder Finanzierungen benötigt, da die eigenen Mittel gebunden sind. Im Deal ist daher eine Übergangsfinanzierung zu günstigen Zinssätzen in der Höhe von 1,5 Mrd. Euro enthalten. Mit dem Verkauf der Telephonssparte sollte sich dann das Rating und damit die Finanzierungskonditionen verbessern.

Aus Sicht des Nokia-Aufsichtsrat ist die Entscheidung verständlich, und die Eigentümer werden wohl auch bei der Hauptversammlung zustimmen: Man behält die erfolgreichen Sparten und muss deren Gewinne nicht mehr zum Ausgleich der Verluste des Rests verwenden. Ähnlich wie Ericsson, das ja den Mobilgerätemarkt mit dem Verkauf seiner Anteile am Joint-Venture mit Sony an diese vor kurzem endgültig verlassen hat, konzentriert sich das deutlich geschrumpfte Unternehmen auf seine Kernkompentenzen und kann mit den frischen Mitteln vielleicht auch neue Chancen nutzen.

Aus Microsofts Sicht ist es schon weniger verständlich. Viele sprechen davon, was für hervorragende Geräte integrierte Hersteller wie Apple machen, die Hard- und Software aus einer Hand bieten. Doch Microsoft hat in diesem Spiel bislang nicht brilliert (Kin, Zune, Surface … – Ausnahme: XBox); sein Markenname wird daher nicht damit in Verbindung gebracht. Nun muss Microsoft wiederum Mittel für eine Integration der Unternehmensteile aufwenden und in einer Marketingkamapgne einen Imagetransfer von Nokia auf die Microsoft-eigene Smartphonereihe versuchen. Und das, nachdem es Nokia in einigen Märkten in mühsamer Arbeit gelungen war, ein halbwegs positives Image für Nokias Windows-Phone-Linie aufzubauen.

Die bisherigen Probleme bei Windows Phone 8, wo Nokia durch eigene Lösungen fehlende Funktionsupdates von Microsofts überbrückt hat, lassen ebenfalls nichts gutes für die Zukunft vermuten. Und wie unter diesen Auspizien eine Partnerschaft Microsofts mit anderen Herstellern bei Windows Phone noch funktioneren soll, wie es das Unternehmen behauptet, bleibt rätselhaft. Google und Motorola ist ein schlechtes Beispiel, da Android erstens quelloffen ist, und Motorola zweitens nur ein kleiner Fisch im Androidbecken ist. Bei Windows Phone dagegen ist Nokia mit etwa 80% Anteil der Hauptlieferant. Mit der Übernahme werden sich wohl die anderen Hersteller von Windows-Phone-Geräten de facto zurückziehen.

Microsoft gibt in einer schönen Präsentation und in anderen Texten folgende Gründe für den Kauf an:

  • Einheitliche Marke würde die Marktchancen für Windows Phone verbessern. (Wie ist das jetzt mit den Hardware-Partnern?)
  • Schnellere Innovation da Hard- und Software aus einer Hand
  • Effektive Alternative zu Google durch Integration von Microsoft- und Nokiadiensten (Diese Integration gab es bisher aber auch schon …)
  • Microsoft will die Feature-Phones als Einstieg Richtung Windows Phone positionieren und so auch in Schwellen- und Entwicklungsländern besser Fuß fassen.
  • Zugriff auf ein umfangreiches Patent-Portfeuille durch die Lizenzierung.

Für Microsoft wäre da meiner Meinung nach ein reiner Lizenzdeal und eine strategische Beteiligung sinnvoller und wohl auch billiger gewesen. Diese Option wurde anscheinend auch laut AllThingsD diskutiert. Daher teile ich die wütenden Reden von Nokia-CEO Stephen Elop als „trojanisches Pferd“ nicht. Zwar hat er Nokias Probleme 2011 unnötig beschleunigt, die Erfolge der letzten Monate sind aber ebenfalls beachtlich. Vor allem ist aber zu bedenken: Die wenigsten Hersteller von Mobiltelephonen arbeiten derzeit mit merkbaren Gewinnen. Lediglich Apple und Samsung sind wirklich profitabel, die anderen operieren mit schwarzen Nullen oder sind in den roten Zahlen. Auch bei einer erfolgreichen Zukunft für Nokias Mobilgeräte wären nur magere Gewinne aus dem Bereich zu erwarten gewesen. Keine guten Aussichten für einen Unternehmenseigentümer.

Einziger Kritikpunkt ist vielleicht der Preis. Google hat Motorola, das zum Kaufzeitpunkt eine schwächere Marktposition hatte, einschließlich Patenten um 12,5 Mrd. US$ erworben. Nokias Mobilgerätesparte ist Microsoft dagegen rund 5 Mrd. US$ wert, allerdings ohne Patente. Freilich sind viele heute überzeugt, dass Google einfach zuviel bezahlt hat und Motorolas Patente nicht so viel wert waren, wie man geglaubt hat.

Steve Ballmer tritt auch zurück (oder mußte gehen, je nach Sichtweise), weil Microsoft unter seiner Führung im Mobilbereich versagt hat. Microsoft war mit Windows Mobile früh am Start und hatte eine vielversprechende Position im Smartphonerennen, die vergeudet wurde. Microsoft war schon vor Jahren im Tabletbereich aktiv, doch erst durch Apples iPad wurde das Tablet massentauglich. Weitere Aktivitäten im Mobilbereich wie die tragbaren Musikgeräte Zune oder die Kin-Telephone waren kostspielig, aber erfolglos. Microsoft muss daher irgendetwas tun, um im Mobilbereich relevant zu sein; anscheinend hofft die Firmenleitung, durch den Kauf von Nokia die nötige Expertise und Marktdurchdringung zu bekommen. Ob das nicht eine riskante Kalkulation ist …