Antonio Salieri: Ein paar Streifzüge in die „Schule der Eifersucht“

Antonio Salieri wird als bedeutender Meister der Musikerziehung, aus dessen Unterricht viele berühmte Komponisten und Sänger hervorgingen — man denke nur an Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Giacomo Meyerbeer oder auch Catarina Cavalieri — sehr geschätzt. Es war ihm eben nicht bloß eine Gelegenheit, sein Salär aufzubessern, sondern ein echtes Anliegen, wie sich auch in seinem späteren Engagement für die Gründung eines Musikkonservatoriums in Wien zeigte.

Doch das wäre alles nicht möglich gewesen, hätte er sich nicht zuvor schon einen glänzenden Ruf als Komponist erarbeitet. Einige Beispiele dafür konnte man in letzter Zeit wieder hören. Vor allem seine komischen Opern werden wieder entdeckt.

So spielte das Wiener „Theater an der Wien“ vor kurzem seinen Falstaff. Bereits 2015 erarbeitete Werner Ehrhardt mit „L’arte del mondo“ das erfolgreiche Dramma giocoso La scuola de’ gelosi, die „Schule der Eifersüchtigen“, wie es auf Deutsch genannt wurde, in einer konzertanten Fassung, die auch auf CD erhältlich ist. Hier die Sinfonia, sprich: die Opernovertüre, gespielt von „L’arte del mondo“:

Wie es in Barock und Klassik gang und gäbe war, wurde auch diese Oper je nach Aufführungsort und vorhandenem Ensembe adaptiert und einzelne Nummern geändert. Das schwungvolle Stück wurde in Venedig uraufgeführt, aber für Aufführungsserien in Wien umgearbeitet. Für Änderungen des Librettos — ursprünglich von Caterino Mazzolà — zeichnete in Wien wahrscheinlich Lorenzo da Ponte verantwortlich. Ein Amalgam der verschiedenen Wiener Fassungen zeigt derzeit die Kammeroper in Wien. Die Chancen auf eine spätere Veröffentlichung auf Video stehen ziemlich gut.

Cecilia Bartoli hat die Arie Ah sia gia de‘ miei sospiri der Wiener Fassung eingespielt — ein bewegtes Stück einer betrogenen, aber hoffenden Ehegattin. Dass sich ein solches Stück nahtlos in den Rahmen einer komischen Oper einfügt, ist der Meisterschaft Salieris geschuldet.

Die Oper ist zudem für ein bezauberndes Quintett berühmt, das von keinem geringerem als Johann Wolfgang von Goethe als „anbetungswürdig“ bezeichnet wurde und Adolph Freiherr Knigge in höchsten Tönen lobte: „Harmonie, ohne Schwulst, mit klarem, reinen Gesange verbunden, Kunst mit Klarheit und Deutlichkeit und eine eigene Instrumentalbegleitung, die sich ganz von den Singstimmen entfernt, aber doch dieselben mehr erhebt als verdunkelt, finden wir hier vereint, und in ein meisterhaftes Ganzes verwebt. Dies Quintett ist mehr wert, als hundert ohne Sinn Ausdruck und Leben, auch nach den strengsten Regeln ängstlich hingeschriebene Fugen.“

In diesem Quintett — Ah la rabbia mi divora — vermischen sich auf komische Weise die verschiedenen Intrigen, die von den Protagonisten gesponnen werden. So gibt sich der eifersüchtige Ehemann gut gelaunt, als ob er eine Geliebte hätte („la lan la“), der umtriebige Graf versucht mit einem Kartenspiel die Gattin des Eifersüchtigen zu verführen, die das Spiel ihrerseits zur Bestrafung des eifersüchtigen Gatten mitspielt. Die Gräfin wiederum gibt sich gleichgültig ob der Untreue des Grafen, um ihn selbst eifersüchtig zu machen. Und der alle Intrigen koordinierende Leutnant kommentiert und greift immer wieder ein. Ein herrlicher Spaß, wieder in der Aufnahme von „L’arte del mondo“:

Das Autograph dieses Quintetts kann man übrigens digitalisiert einsehen.

Im Dezember 2016 konnte man die Oper übrigens erstmals in moderner Zeit tatsächlich auf der Bühne sehen, mit Kostümen, Dekoration und Regie. Jacopo Cacco und Giovanni Battista Rigon transkribierten dazu das Autograph aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Es spielten die Virtuosi Italiani unter Rigon, Regie führte Italo Nunziata. Es existiert offenbar ein Mitschnitt, mit einer Veröffentlichung ist wohl zu rechnen. Hier eine Arie des Leutnants, gesungen von Manuel Amati, die in Wien ersetzt wurde:

Salomon Ritter von Mosenthal: Ein erfolgreich vergessener Dramatiker

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)


Wer kennt heute noch Salomon Hermann Ritter von Mosenthal (*1821 † 1877)? Träger des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone, Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, im 19. Jahrhundert einer der international erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. 140 Jahre nach seinem Tod ist der einst vielgespielte Dichter weitgehend vergessen. Und doch ist er immer noch auf den Bühnen präsent, denn das Libretto der „Lustigen Weiber von Windsor“ stammt aus seiner Feder. Dieses von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, vertonte Werk erfreut sich weiterhin einiger Beliebtheit auch über den deutschen Sprachraum hinaus, wie man etwa der Operabase entnehmen kann.

Und noch ein zweites Werk wird wieder öfter gelesen, seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben“. Diese schöpfen aus den Erinnerungen an seiner Kinder- und Jugendzeit in Kassel und schildern kleine und größere Begebenheiten in einer eingängigen Sprache. Mosenthal wendet sich dabei an Nichtjuden, sodass man auch ohne tiefere Kenntnisse des Judentums die Geschichten lesen kannm, und hat mit diesen schon zu seiner Zeit gut aufgenommenem Buch ein wertvolles Zeugnis jüdischer Lebensart in den Kleinstädten hinterlassen. Der Wallstein-Verlag hat dieses Buch 2001 dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Der jüdische Literat und Dramatiker stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. „Er hat sich aus kümmerlichen Verhältnissen heraufgearbeitet“, beschrieb es der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick nicht ohne Wohlwollen. Trotz der Armut konnte er auf Initiative der Mutter hin das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Kassel besuchen, später auch das polytechnische Institut Karlsruhe, den Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Schon als Schüler versuchte er sich schriftstellerisch, wie uns das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreichs blumig wissen lässt:

Bereits als Gymnasialschüler dichtete er, und diese Erstlinge seiner Muse hat M. in die später erschienene Sammlung seiner Gedichte als „Primula veris“ aufgenommen. Als Zögling des Karlsruher Polytechnicums kam er mit mehreren Sängern der schwäbischen Schule, mit Justinus Kerner und Gustav Schwab, in nähere Berührung, so daß es dem strebsamen talentvollen Jünglinge auf der betretenen poetischen Bahn an Ermunterung nicht fehlte; auch öffneten ihm zwei der besten schöngeistigen Blätter jener Periode, Dingelstedt’s „Salon“ und Lewald’s „Europa“, ihre Spalten, und eine in letzterer anonym abgedruckte Novelle: „Die kleine Amaryll [!] und der blonde Ruprecht“, welche des damals in Athen lebenden Dichters Geibel Interesse erweckte, bildete den Anknüpfungspunct späterer freundlicher Beziehungen zwischen beiden Poeten.

Die genannte Novelle des 19jährigen, die in Wahrheit „Die schöne Almaril und der blonde Rupprecht“ heißt, kann man dank Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek heute wieder recht einfach lesen.

Mehr Schöngeist denn Techniker, verließ Mosenthal das Polytechnikum und kam 1841/42 als Erzieher im Hause Goldschmidt nach Wien. Dort knüpfte er bald wieder Kontakte zu Schriftstellern, glänzte in kleinerem Rahmen durch Gedichte und andere Werke und bekam schließlich die Gelegenheit, für Otto Nicolai Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ für ein Libretto einzurichten und im Theater an der Wien sein Bühnenstück „Der Holländer Michel“ zu platzieren. Seine Arbeit wurde geschätzt, und er konnte in rascher Folge weitere Theatererfolge feiern.

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

Dabei ist besonders das Volksstück „Deborah“ hervorzuheben. Am Burgtheater zuerst abgelehnt, wurde das Drama um eine vor Pogromen fliehende, neuerlich in eine gefährliche Situation geratende Jüdin Deborah von Hamburg ausgehend ein durchschlagender internationaler Erfolg. Mosenthal gelang eine Figurenzeichnung und Handlungsführung, die beim überwiegend nichtjüdischen Publikum Anteilnahme und Interesse für die Situation der Minderheit wecken konnte. Das Stück wurde in New York und Kapstadt gespielt, in Russland und Frankreich, wie das Biographische Lexikon festhält. Auch „Deborah“ ist übrigens im Wallstein-Verlag neu aufgelegt worden.

Mosenthal verfasste mehrere Opernlibretti, wofür ihm besonderes Geschick attestiert wurde. „Die lustigen Weiber“ wurden schon erwähnt. Es sei auch „Die Königin von Saba“ genannt, deren Buch er für Karl Goldmark schrieb. Die Oper war bis zur NS-Zeit auf den Spielplänen präsent, wurde durch deren Kulturpolitik aber offenbar erfolgreich aus dem Opernleben getilgt. In Budapest gibt es übrigens von 18. bzw. 20. Mai 2017 eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk zu sehen — da Goldmark ein Ungar war, wird sein Erbe dort noch gepflegt. Die Aufführung erfolgt in deutscher Sprache mit ungarischen Übertiteln. Auch das „Goldene Kreuz“, zu dem Mosenthal das Libretto und Ignaz Brüll die Musik schrieb, war ein großer Erfolg.

Obwohl aus Kassel, erwies er sich übrigens als echter österreichischer Autor, indem er ab 1850 im Staatsdienst arbeitete. Nämlich im Unterrichtsministerium, wo er 1864 die Leitung der Bibliothek übernehmen durfte und im Laufe seiner Karriere zum Regierungsrat befördert wurde. Dass das Ministerium für Unterricht und Kultus den Juden Mosenthal eine Stelle gab, war durchaus eine kleine Sensation, wie das Biographische Lexikon vermerkte, und zeigt, welche Wertschätzung seine Arbeit damals genoß. Damit konnte er wohl auch seiner Frau Lina die nötige Sicherheit bieten, so dass er 1851 heiraten konnte. Die von ihm überaus geliebte Gattin verstarb überraschend 1862; diesen Schmerz hat er nicht mehr überwunden und blieb alleinstehender Witwer, wie Eduard Hanslick eindrücklich schildert: Offenbar flüchtete er sich u.a. in übermäßigen Zigarettenkonsum, da er sich dann nicht allein vorgekommen sei.

Mosenthal starb mit 56 Jahren. Sein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1885 schließt daher eindringlich: „Manches konnte man von M. noch erwarten, seine Laufbahn war nicht durchmessen, er ist vorzeitig abberufen worden.“

Seine Zeitgenossen hatten sogar noch mehr erhofft — wir müssen erst wieder entdecken, was der effektvolle Dramatiker und Librettist hinterlassen hat.