Das Kreuz mit dem Kreuz im Gerichtssaal

Manchmal komme ich mir wie eine alte Schallplatte vor, die immer wieder das gleiche wiedergibt. Aber anscheinend muss es sein, weil man auch immer wieder der gleiche Unsinn quasi unausrottbar aus allen möglichen Orten hervorquillt.

So fordert Nikolaus Scherak von den NEOS wieder einmal, alle religiösen Symbole in der Justiz strikt verbieten zu wollen und jeden religiösen Bezug zu eliminieren, da das mit einem säkularen Staat nicht vereinbar sei. Insbesondere die Ablegung des Eides mit religiöser Form ist ihm ein Dorn im Auge.

Nun hat er die Besonderheit dieses Eides anscheinend nicht verstanden, aber das ist nur ein Nebenschauplatz.

Der Hauptschauplatz ist die Behauptung, dadurch wäre die Justiz weltanschaulich neutral. Das ist so offensichtlicher Humbug, dass man sich nur an den Kopf greifen kann.

Wie ich schon andernorts ausgeführt habe, sind die Gesetze immer Ausdruck der vorherrschenden Weltanschauungen, deren Wertungen sie widerspiegeln. Nun kann man sagen: Im heutigen Österreich dominieren längst andere Weltanschauungen, weswegen wir uns der christlichen Symbole entledigen sollten. Damit wird es aber nicht weltanschaulich neutral, nur anders. Und der Richter kann sich seiner Weltanschauung nicht entledigen — kann man ohne Weltanschauung überhaupt Urteile irgendeiner Art fällen? –, nur weil er etwas nicht tragen darf, ebenso der Schöffe. Was ihm richtig erscheint, wird sich dadurch nicht ändern.

Letztendlich geht es in der Symbolik natürlich um die Frage: Gibt es über das gesatzte Recht hinaus irgendeinen höheren Maßstab. Streng säkular gesprochen: Nein. Recht ist, was diejenigen, die wir als Gesetzgeber anerkennen (müssen), dazu machen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Dieser strikte Rechtspositivismus ist aber schon seit den Greueln des NS-Regimes diskreditiert — in Deutschland war hier die Radbruch’sche Formel gegen eklatant gerechtigkeitswidrige Gesetze wirkmächtig. Eine Formel, die übrigens keinen Sinn ergibt, wenn jede Moral, jede Vorstellung von Gerechtigkeit nur ein beliebiges Konstrukt ist.

Das Kreuz im Gerichtssaal erinnert daran, dass menschliche Justiz zwar nur menschlichen Maßstäben folgt, es aber über dem gesatzten Recht stehende Prinzipien von Gerechtigkeit gibt (aber auch Barmherzigkeit, würde Papst Franziskus sicher ergänzen). Nicht der schiere Wille des Gesetzgebers bestimmt, was Gerechtigkeit ist. Und jeder, der ein Urteil fällt, eine Zeugenaussage trifft, verteidigt oder anklagt, trägt dabei eine Verantwortung. Doch vor wem verantwortet er sich?

Ja, vor wem?

Staatsbürgerschaft: Diener zweier Herren?

Kann man der Diener zweier Herren sein? In Goldonis Komödie [„Der Diener zweier Herren“](http://www.dieterwunderlich.de/Goldoni_diener.htm „Dieter Wunderlich: Carlo Goldoni: Ein Diener zweier Herren“) geht das nur unter großen Verwicklungen, die darin gipfeln, dass der Diener vor jedem der beiden Herrschaften, Florindo und Beatrice, den Tod seines jeweils anderen Herren fingiert. Am Schluss muss der Diener trotz aller gefinkelten Charaden sein Doppelspiel eingestehen.

[Im Lukasevangelium](https://www.bibleserver.com/text/EU/Lukas16%2C13 „Lukas 16,3“) ist Jesus ebenso fest überzeugt: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten.“

Mit Doppelstaatsbürgern ist das nach Meinung etwa der Grünen Abgeordneten Berivan Aslan und Alev Korun offensichtlich anders. Der Trend gehe in die Richtung Mehrfachstaatsbürgerschaft, „weil viele Menschen heutzutage Verbindungen in verschiedene Länder haben.“ [So laut Kurier](https://kurier.at/politik/inland/in-der-tuerkischen-community-herrscht-panik/251.929.051 „Kurier: In der türkischen Community herrscht Panik“).

Die angeführten Beispiele sind aber wenig angetan, doppelte Staatsbürgerschaften argumentativ zu stützen:

> Aslan sagt, es gebe beispielsweise „viele Türken, die im Alter wieder in die Türkei zurückgehen wollen. Es gibt aber auch junge Leute, die in Österreich studiert haben und in der Türkei arbeiten.“ Da sei eine Doppelstaatsbürgerschaft sinnvoll.

„Sinnvoll“? Es mag ja bequem sein, die doppelte Staatsbürgerschaft zu haben, wenn man die Staatsbürgerschaft nur als Bündel von Rechten sieht. Ja, immer den passenden Pass zücken zu können, hat natürlich Vorteile. Doch die Staatsbürgerschaft ist auch ein Bündel an Pflichten, die die Wurzel der Rechte sind. Pflichten, die nicht teilbar sind.

Wir erleben gerade eindrucksvoll, dass doppelte Staatsbürger wie der Diener zweier Herren immer wieder vor der Entscheidung stehen können, welchen ihrer Herren sie für tot erklären, welchen sie lieben, zu wem sie halten und zu wem nicht. In ruhigen Zeiten mag die Diskussion akademisch sein, doch sie wird schnell und unvermittelt ernst.

Wer also im Alter gerne in sein Ursprungsland zurückkehrt, mag das tun, doch er ist innerlich offenbar dieser alten Heimat vielmehr zugewandt als seiner neuen, falls es für ihn überhaupt Heimat ist. Wer auf Dauer in seinem Ursprungsland arbeiten will und kann, bei dem wäre eine Staatsbürgerschaft seines Ausbildungslandes keine Abbildung seiner eigenen Haltung. Die Doppelstaatsbürgerschaft wäre bei so klar unterschiedlichen Loyalitäten nicht sinnvoll, sondern völlig verfehlt.

Natürlich schwärmen gerade bei den Grünen viele von der völligen Auflösung der Grenzen und der Einheit aller Menschen. Damit würden Staatsbürgerschaften dann überflüssig, man sei „Weltbürger“. Doch auch, wem das gefällt: Es entspricht jedenfalls nicht der Realität. Und es lässt sich auch nicht durch die Ausweitung der Staatsbürgerschaft auf jeden, der nicht rechtzeitig davonläuft, erzwingen. Denn das Grundproblem bleibt: Man kann eben nicht der Diener zweier Herren sein.

Die Stalinisten der „Volksstimme“? Eh ganz brav.

Die Erforschung, Sichtung und Sammlung der Biographien der Redakteure des kommunistischen Parteiorgans „Die Volksstimme“ in den Jahren 1945 bis 1956 durch Maria Bianca Fanta ist mit Sicherheit eine Fundgrube für alle an der Geschichte Nachkriegsösterreichs Interessierte.

Der zugehörige Artikel auf science.orf.at ist allerdings ein Beispiel für die Gefahr der Geschichtsvergessenheit. Der Eröffnungsabsatz allein mag dafür schon genügen:

„Keine andere Zeitung in Österreich war nach 1945 so antifaschistisch wie die „Volksstimme“. Ihre Redakteure waren oft Nazi-Vertriebene und überzeugte Kommunisten, deren Glaube erst 1956 erschüttert werden sollte.

Sie waren nicht bloß überzeugte Kommunisten: Sie waren linientreue Stalinisten, die ein verbrecherisches Regime nicht nur unterstützt haben, sondern am liebsten auf Österreich ausgeweitet hätten. Wohl mit aller blutiger Konsequenz, wie sie ja auch in den späteren Warschauer Pakt-Staaten im Zuge der jeweiligen Machtergreifungen durchgezogen wurde.

Die „Volksstimme“ war antifaschistisch im Sinne der von der KPdSU ausgehend geprägten Diktion. Natürlich wurde der Begriff des Antifaschismus in der Zwischenkriegszeit vor allem in Italien tatsächlich als Sammelbegriff für Gegner des real existierenden Faschismus geprägt. Doch bereits in derselben Zeit wurde durch Kommunisten und manche Sozialdemokraten eine Ausweitung des Begriffs „Antifaschismus“ vorgenommen, die eine Gegnerschaft zum Kapitalismus miteinschloss. Dahinter stand die krude These, dass die totalitären Regime des Faschismus und die vom Liberalismus geprägte freie Marktwirtschaft ursächlich zusammengehören würden. Das bürgerliche Lager wird mit dem Faschismus in einen Topf geworfen, ja sogar die Sozialdemokraten, die „Sozialfaschisten“ genannt wurden. Diese Begriffsüberdehnung wurde erst verworfen, als in einigen Ländern ein Bündnis mit Sozialdemokraten opportun erschien. Trotzdem blieb die These, dass Faschismus und liberale Demokratie Erscheinungsformen des Kapitalismus seien. Wenn man diese Thesen teilt, kann man die „Volksstimme“ natürlich antifaschistisch nennen.

Hier hat wohl Kurt Schumacher klarsichtiger analysiert. Der erste Vorsitzender der Nachkriegs-SPD, der während der NS-Zeit viele Jahre in Haft war und schwerste Misshandlungen erlitt, meinte 1930 auf einer Rede:

„Die Nationalsozialisten geben sich schroff antikapitalistisch. Die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital ist unmöglich. […] Der Weg der leider ziemlich zahlreichen proletarischen Hakenkreuzler geht über die Kommunisten, die in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten sind. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für die Gewalt. Die Kommunisten zumal, die nur in ökonomisch und kulturell zurückgebliebenen Ländern Fortschritte machen konnten, sind die stehenden Heere der sowjetrussischen Außenpolitik.“

Dass die Kommunisten selbst am Vorabend der NS-Diktatur lieber die Sozialdemokraten als „Stütze der Kapitaldiktatur“ attackierten, hat Schumacher nicht verwunden. Der Hitler-Stalin-Pakt hat ihm endgültig bewiesen, wie wenig vom „Antifaschismus“ der Kommunisten zu halten ist. Deswegen verwarf 1945 auch Ideen einer sozialistischen Einheitspartei, die mit den Stalin-treuen Kommunisten eben nicht zu machen wäre.

Was Kurt Schumacher bemerkte, haben wohl auch die „Volksstimme“-Redakteure bemerkt. Trotzdem wird erst das Jahr 1956 als Schock vermerkt. Die Machtergreifungen in Ungarn und der Tschechoslowakei, die Blockade von Berlin, die Niederwerfung der Arbeiterunruhen in der DDR, ja, die selbst in Österreich spürbaren Unterschiede zwischen den Westzonen und der sowjetischen Zonen waren alle offenbar kein Grund, an der eigenen Position zu zweifeln. Im Text wird dies auch nicht problematisiert und ein Geschichtsbild entworfen, das in etwa dem der NS-Sympathisanten gleicht, die auch nach dem Krieg nichts gewusst haben wollen. Wie hätten die treuen Kader denn nur vor Chrustschows Geheimrede ahnen können, wie brutal Stalins Regime war, so scheint der Subtext zu lauten.

Österreich stand zwischen 1945 und dann wieder 1950 besonders in Gefahr, ein sowjetischer Satellit zu werden. Die gerade beginnende Einpflanzung der Demokratie in Österreich hätte ganz schnell auch wieder zu Ende sein können, wenn sich die KPÖ der Stalin-Ära durchgesetzt hätte. Wer sich als Proponent einer Entwicklung hin zur nächsten totalitären Diktatur geriert hat, sollte schon aus Respekt vor den Opfern des Totalitarismus nicht verharmlost oder gar glorifiziert werden.

Eine Kurzrezension des Buches gibt es übrigens beim Falter.

Wirtschaft: Das Burgenland holt auf, Wien ist Schlusslicht

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass jeweilige Politik eines Bundeslandes auch erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region hat, so bräuchte man nur einige Kennzahlen der letzten Jahre vergleichen. Die weisen nämlich auf eine stark divergierende Entwicklung einzelner Regionen hin. Alle im folgenden Zahlen stammen von der Statistik Austria, wobei die Werte für 2015 vorläufig sind.

Index des Bruttoregionalprodukts zu laufenden Preisen

Index des Bruttoregionalprodukts zu laufenden Preisen

Der Vergleich des Bruttoregionalprodukts zu laufenden Preisen weist Wien und Kärnten als Bundesländer mit dem niedrigsten Wachstum aus. Die Voraussetzungen dafür sind aber verschieden. In Kärnten schrumpft die Bevölkerung, in Wien wächst sie. Tirol, Vorarlberg, das Burgenland, Salzburg und Oberösterreich weisen ein recht einheitlichen Trend auf, der auch mit der soliden Standortpolitik in diesen Regionen zu erklären ist. Das Burgenland hat zudem die EU-Förderungen vergleichsweise gut zum Anschub der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung genutzt. Niederösterreich und die Steiermark folgen etwas dahinter, und dann mit deutlichem Abstand die Schlusslichter.

Index des Bruttoregionalprodukts pro Kopf

Index des Bruttoregionalprodukts pro Kopf

Berücksichtigt man die Bevölkerungsentwicklung, so ist das Ergebnis dramatischer. Das Burgenland erweist sich hier als besonders dynamisch, Wien fällt dagegen noch weiter zurück. Der Zuzug nach Wien besteht eben aus besonders unproduktiven Personen; Unternehmen wandern dagegen auf Grund der Belastungs- und Widmungspolitik ins Umland ab. Wäre nicht das Bruttoregionalprodukt, das ja die Schaffung von Gütern und Leistungen erfasst, sondern das verfügbare Einkommen pro Kopf die Maßzahl, stünde Wien übrigens noch schlechter da. Viele gut verdienende Menschen erwirtschaften nämlich ihre Einkommen in Wien, wohnen aber in Niederösterreich: Im Bruttoregionalprodukt wird das für Wien gezählt, bei der Einkommensstatistik für Niederösterreich.

Index der geleistetem Arbeitsstunden der Beschäftigten nach Bundesland.

Index der geleistetem Arbeitsstunden der Beschäftigten nach Bundesland

Dass die Wiener Wirtschaft vergleichsweise unproduktiver geworden ist, kann man der Graphik über die geleisteten Arbeitsstunden entnehmen. Diese — auf Grund von Erhebungsschwierigkeiten mit Vorsicht zu genießende — Maßzahl zeigt, dass Wirtschaftswachstum und geleistete Stunden keine perfekten Korrelate sind. Im Burgenland sind etwa die Stunden gesunken, die Wirtschaft aber kräftig gewachsen: Offenbar wurden produktivere, höherwertige Arbeitsplätze geschaffen, während einige weniger produktive Jobs verschwunden sind. In Kärnten spiegelt sich die Überalterung des Bundeslandes in der Arbeitsstatistik wieder. Dass Wien aber ein sehr verhaltenes Wachstum zeigte, wäre aus der Stundengraphik nicht ersichtlich, in der sich Wien im Mittelfeld platziert.

Index der Bruttoanlageinvestitionen nach Bundesländern

Index der Bruttoanlageinvestitionen nach Bundesländern

Wirtschaftswachstum kommt heutzutage selten aus einer Steigerung der puren Arbeitszeit, sondern aus Investitionen: Ausrüstung, durch die Menschen produktiver arbeiten können, von Maschinen über Gebäude bis zur Software, und Ausbildung. Die Investitionen in Anlagegüter geben ein gutes Bild davon, dass Wien ein ernstes Problem hat. Dabei sind darin die Gebäudeinvestitionen enthalten, die ja in Wien in den letzten Jahren eifrig forciert wurden. Steiermark und Kärnten sind hier ebenfalls zurückgefallen, die Steiermark dabei bereits seit vielen Jahren. Es stellt sich die Frage, ob nicht Teile der steirischen Wachstumsschwäche hausgemacht sind. Offenbar hat man sich auf den Lorbeeren ausgeruht: Nach der Verstaatlichtenkrise hat eine aktive Standort- und Innovationspolitik die Steiermark aus dem Gröbsten gerettet und zu einem sehr beachteten wirtschaftlichen und kulturellen Spieler gemacht.

Bei der Entwicklung des verfügbaren Einkommens pro Kopf gleicht der österreichische Sozialstaat vieles aus. Fast alle Bundesländer weisen in der Zeit von 2000 bis 2015 ein durchschnittliches Wachstum des verfügbaren Einkommens pro Kopf zwischen 2,46% (Tirol) und 2,52% (Kärnten [!]) auf. Lediglich Wien schert mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,34% p.a. deutlich nach unten aus, das Burgenland mit 2,80% p.a. nach oben. Wien ist damit von Platz 1 auf Platz 8 der Bundesländer gerutscht und wurde 2016 wahrscheinlich von Kärnten überholt. Und wenn nicht 2016, dann heuer. Übrigens hat der Abstieg Wiens schon lange vor der Flüchtlingskrise begonnen, falls jemand diesen Verdacht haben sollte. 2007 übernahm Niederösterreich die Führung, 2012 Vorarlberg. Wien rutschte schon 2010 auf Platz 3, 2011 auf Platz 4, 2012 auf Platz 5, 2013 auf Platz 7 und 2014 auf Platz 8.

Wien ist also auf dem Weg zum Schlusslicht. Doch auf Grund seiner schieren Größe ist das Versagen der Wiener Politik ein Problem für ganz Österreich, das auch die Menschen in den übrigen Bundesländern teuer zu stehen kommen wird.

Der Judogriff gegen das Kreuz in der Klasse

Es ist ein verlässliches Muster: Wenn gegen Erscheinungen des Islamismus vorgegangen werden soll, wird das von Teilen der Linken als Judogriff gegen sichtbare christliche Zeichen benutzt. Oft wird das mit der „weltanschaulichen Neutralität“ des „säkularen Staats“ begründet, die eine sichtbare Privilegierung eines Religionssymbols ausschließe. In dieser Argumentation sind mehrere offensichtliche Denkfehler eingebaut.

  1. Ein Staat ist natürlich nie weltanschaulich neutral. Seine ganze Rechtsordnung ist Ausdruck der Wertungen der Personen, die Einfluss auf die Rechtssetzung haben, und daher von bestimmten Weltanschauungen geprägt. Es ist ein heute beliebter Kunstgriff, die eigene Weltanschauung als „weltanschaulich neutral“ darzustellen, quasi als eigentliche Konsenssicht vernünftiger Menschen. Es wird dadurch nicht richtiger.

  2. Die „Säkularisierung“ war Programm für eine Trennung der staatlichen Ordnung von einer christlichen Fundierung. Dies ist aber mit keinem anderen Zweck geschehen als Platz für andere Weltanschauungen zu machen, die den Platz der christlichen Fundierung einnehmen wollten und wollen. Daher ist es kein Zufall, dass z.B. viele prononcierte Sozialisten eine Verdrängung des Christlichen aus dem öffentlichen Raum fordern: Im Kern soll ihre eigene Ideologie an dessen Stelle treten.

  3. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist mehr oder weniger christlich geprägt. Das Kreuz ist Ausdruck dieser weltanschaulichen Prägung, die z.B. für den Begriff der Menschenwürde von entscheidender Bedeutung ist. Das heißt nicht, dass Österreich ein christlicher Staat ist. Aber man kann relativ leicht zeigen, dass in einem genuin marxistisch oder nietzscheanisch oder islamisch geprägten Land viele Gesetze, Regeln und Gewohnheiten anders wären als hier in Österreich.

  4. Daher ist es höchst demokratisch, wenn diese weltanschauliche Mehrheit beschlossen hat, dieser Prägung zeichenhaft Ausdruck zu verleihen.

  5. Die radikale Ideologie des Islamismus steht dagegen weit außerhalb der Wertordnung, die Österreich zur Zeit prägt. Es ist daher kein Widerspruch, Symbole dieser Ideologie zu verbieten, wie auch Symbole anderer radikaler Ideologien verboten werden können. Freilich gilt es hier, sorgfältig abzuwägen, um nicht die Religionsfreiheit zu gefährden, die ein hohes Gut in unserer Rechtsordnung ist.

  6. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass weder alle Religionen noch alle Weltanschauungen in letzter Konsequenz gleich sind. Hans Küng ist mit seinem Projekt „Weltethos“ in ungeheurer Naivität an diesem Irrtum gescheitert. Ideen haben Konsequenzen. Es würde ja auch kaum jemand behaupten, zwischen Rechtsliberalen, Christkonservativen, Altmarxisten, ökologischer Linker und Neonazis bestünde in letzter Konsequenz kein Unterschied und wenn man gegen Neonazis vorgehe, müsse man alle anderen Gruppen auch verbieten.

Solange Österreich ein mehrheitlich christlich geprägtes Land ist, solange hat das Kreuz seinen Platz vor Gericht und in der Klasse. Als Hinweis auf die Wertordnung, Tradition und Überzeugung, die dieses Land und seine Menschen trägt. Kein Zeichen gegen andere, sondern eine Erinnerung u.a. daran, dass die meisten Menschen überzeugt sind, dass es über sie hinaus noch jemanden gibt, dem wir Rechenschaft ablegen sollen, der aber auch in seiner Liebe und Barmherzigkeit eine Gerechtigkeit herstellt, die wir auf Erden nicht herstellen können.

1.500 Euro Mindestlohn? Klingt gut, wirkt schlecht.

Es ist schon ein besonderes Gustostück, bei hoher Arbeitslosigkeit, geringer Inflation und einem Zuwachs gerade in der Gruppe der Minderqualifizierten (Stichwort Flüchtlinge) einen deutlich erhöhten Mindestlohn zu fordern, wie es SPÖ-Vorsitzender Christian Kern in seinem „Plan für A“ getan hat. Die Gewerkschaft versucht die Vorschläge Kerns für einen sogar gesetzlich verankerten Mindestlohn durch einen Offensive für einen einheitlichen Mindestlohn in den Kollektivverträgen abzufangen. Traditionell reagieren die Sozialpartner auf Versuche, ihre Tarifhoheit einzuschränken, sehr empfindlich.

In einer kleinen, offenen Volkswirtschaft, wie es Österreich ist, ergeben Argumente wie die Ankurbelung der Binnennachfrage wenig Sinn, da diese Nachfrage naturgemäß zu großen Teilen in anderen Volkswirtschaften ankommt. Das andere im „Standard“ zitierte Argument, dass es aus Gründen des Anreizes, Arbeiten zu gehen, einen Mindestlohn geben müsse, ist in der österreichischen Arbeitsmarktsituation und Sozialpartnerschaft nicht stichhaltig. Die Tarifpartner einigen sich ja auf bestimmte Mindestlöhne für bestimmte Branchen, weil höhere Mindestlöhne für beschäftigungsschädlich gehalten werden. Es kann ja nicht Ziel von Gehaltsverhandlungen sein, die Arbeitnehmer aus ihrem Arbeitsplatz hinauszupreisen. Und gerade im unqualifizierten Bereich ist das Arbeitsangebot sicher größer als die Arbeitsnachfrage. Hier muss man nicht motivieren, um arbeiten zu wollen, sondern, um Arbeitsplätze anzubieten.

Natürlich hat die Mindestsicherung vor allem im Bereich von Beziehern mit mehreren Kindern eine problematische Situation herbeigeführt, in der sich für manche die Arbeitssuche einfach nicht auszahlt. Die Leidtragenden sind hier aber nicht die Unternehmen, die darauf — wenn es sich auszahlen würde — ansonsten mit höheren Löhnen reagieren würden, sondern der Steuerzahler.

Ein Mindestlohn ist nicht per se schlecht: Richtig dimensioniert, kann er als Schutz der schwächeren Vertragspartei bei Arbeitsverträgen eine Rolle spielen. Im dichtmaschigen Netz der österreichischen Kollektivverträge ist aber ein solcher Schutz nicht notwendig, da sich fast alle Arbeitnehmer bereits auf einen kollektivvertraglichen Mindestlohn berufen können. Und dieser hat sich bisher aus gutem Grund an Branchengegebenheiten orientiert und nicht nach der Rasenmähermethode funktioniert. Es warat wegen der Arbeitsplätze.

Severin von Noricum

Der 8. Jänner ist der Gedenktag des hl. Severin von Norikum († 8. Jänner 482), eines der traditionellen Patrone1 Österreichs. Er war im fünften Jahrhundert inmitten des zusammenbrechenden (west)römischen Reiches für die Menschen Norikums nicht nur seelsorgerisch tätig, sondern verhandelte für sie mit den Mächtigen, organisierte Nahrungsmittel, Umsiedlungen, Verteidigungsmaßnahmen und vieles mehr.

Dabei war das ursprünglich nicht seine Absicht, wie sein Biograph Eugippius festhielt: Nach einem Aufenthalt im Osten wollte er sich eigentlich einem Leben der Askese und Kontemplation widmen. Doch es sollte anders kommen, wie Severin erzählt: „Wisse aber dennoch, dass Gott, der vertrat, Dich zum Priester zu machen, mir selbst vorschrieb, diesen gefährdeten Menschen beizustehen.“

Nun war es im fünften Jahrhundert nicht selten der Fall, dass Bischöfe als Lückenfüller die Aufgaben des untergehenden Staats übernahmen, insbesondere, wenn sie selbst einen entsprechenden Hintergrund hatten und z.B. früher als Statthalter, lokale Kommandanten etc. gedient hatten. Ob Severin so einen Hintergrund hatte, ist umstritten — Friedrich Lotter nennt allerdings gute Gründe dafür –; unbestritten ist aber, dass er jedenfalls kein Bischof war, trotzdem in zivilen wie militärischen Belangen zumindest von Bedeutung gewesen ist und für die Mächtigen der Region ein geschätzter Ansprechpartner war.

Über seine Herkunft und Vorgeschichte wissen wir trotzdem wenig, denn Eugippius schweigt sich mit Berufung auf Severin selbst aus. Der soll nämlich auf Nachfragen zuerst gescherzt haben, ob er wohl ein entlaufener Sklave sei. Dann aber habe er geantwortet: „Wofür ist dem Diener Gottes die Bezeichnung seines Rangs oder Standes gut, wenn er besser durch Verschweigen dessen eine Prahlerei leichter vermeiden kann, wie nämlich eine linke Seite, durch deren Nichtwissen er jedes gute Werk mt Christi Gabe zu vollbringen wünscht, wodurch er würdig werde, ein Genosse der rechten Seite (Christi) zu werden und den Bürgern des himmlischen Vaterlandes zugeschrieben zu werden? Wie wenn Du mich unwürdigen als wahrhaft Sehnenden erkennst, was ist es für dich notwendig, das irdische zu erkennen, wie du erfragst?“2

Zwei kleine Lehren möchte ich daher aus dem Leben des hl. Severin ziehen:

  1. Im Reich Gottes gibt es eben keinen Stand, keine Abkunft und keine Nationalität, einen Umstand, den ja etwa das habsburgische Begräbniszeremoniell so eindrucksvoll darzustellen versucht. Es gibt aber Menschen, die sich danach sehnen, Bürger des himmlischen Reiches sein zu wollen, um mit Severin und Augustin zu sprechen, und solchen, die das nicht tun. Das Wollen und das Vollbringen machen uns Menschen aus, und danach sollte man auch die anderen beurteilen.

  2. Wo Gott uns hinstellt, wo er meint, dass wir gebraucht werden, ist oft ganz woanders, als wir es vermuten würden. Daher müssen wir, so wie Severin, offen sein für Gottes Ruf und die Welt um uns, in der wir gerufen werden.

Einige Hinweise:


  1. Seit dem 16. Jahrhundert wurden als Patrone Österreichs die folgenden Heiligen gezählt: Quirinus, Maximilian von Lorch, Florian, Severin, Koloman, Leopold III., Poppo von Trier und Otto von Freising. 

  2. Quid prodest, inquit, servo Dei significatio sui loci vel generis, cum potius id tacendo facilius possit evitare iactantiam, utpote sinistram, qua nesciente cupit omne opus bonum Christo donante perficere, quo mereatur dextris socius fieri et supernae patriae civis adscribi? Quam si me indignum veraciter desiderare cognoscis, quid te necesse est terrenam cognoscere, quam requiris?