Ohne Zweifel? Irenäus, die Tradition der Apostel und Papst Franziskus

Zu Kathedra Petri habe ich einen alten Blogtext von mir wieder gelesen, in dem ich den heiligen Irenäus von Lyon zitiert habe — und habe mich dabei gefragt, was Irenäus wohl mit „sine dubiis“ angefangen hätte, einem Aufruf zu unbedingter Loyalität gegenüber Papst Franziskus.

In einem Kapitel, in dem er den Begriff der kirchlichen Überlieferung erläutert und sich gegen diejenigen wendet, die sich im Besitz angeblicher christlicher Geheimlehren wähnen, schreibt er:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.1

Der besondere Vorrang der römischen Kirche gründet sich für Irenäus auf ihren besonderen apostolischen Ursprung: Petrus und Paulus haben sie gegründet; sie ist die „sehr große und sehr alte und allbekannte“. Schließlich verfügt sie über eine klare Sukzession, mit der die sichere Weitergabe des überlieferten christlichen Glaubens bezeugt war. Zudem kommen Christen von überall her nach Rom; die Gefahr einer Entwicklung lokalen Sonderguts ist also geringer als anderswo.

Irenäus geht es nicht um bedingungslose Akzeptanz dessen, was immer der jeweilige Papst zu sagen hat, sondern um ein Kriterium, was überlieferter Glaube ist und was es offensichtlich nicht ist. Denn auch rechtgläubige Bischöfe in apostolischer Sukzession dürfen einander widersprechen und kritisieren, wie es in der Antike zum Teil recht lebhaft der Fall war, insbesondere in den turbulenten Zeiten des 4. Jahrhunderts. Oder denken wir an den Monotheletismus-Streit, bei dem der Bischof von Rom nicht immer eine glückliche Figur gemacht hat.

Das besondere allerdings ist, dass sich schon in den frühesten Zeiten der Bischof von Rom in der Debatte vielleicht nicht immer klar auf der Seite der Orthodoxie befunden hat, jedoch am Schluss immer die Überlieferung hochgehalten hat. Und selbst die verbrecherischsten Gestalten auf den Stuhl Petri haben wohl im einzelnen höchst problematische Entscheidungen gefällt, doch niemals die überlieferte Lehre selbst in Frage gestellt.

Das entspricht Jesu Versprechen an Petrus (Mt 16). An Petrus, der von Paulus bekanntlich im Galaterbrief heftig kritisiert wurde! Das ist im wesentlichen auch der Inhalt des oft missverstandenen „Unfehlbarkeitsdogmas“, bei der es ja um die Sicherung des überlieferten Glaubensgutes durch den Nachfolgers Petri geht. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und geht nicht auf die menschlichen Eigenschaften der Päpste zurück, die im Laufe der Geschichte in einer großen moralischen Bandbreite aufgetreten sind.

Päpste sind eben grundsätzlich auch nur Menschen, möchte man sagen. Papst Franziskus würde das sicher bestätigen. Und sich wohl auch wundern, dass man ihm „ohne Zweifel“ in allem folgen soll.


  1. Sie ist übrigens nicht der einzige Bischofssitz, der Zeugnis der apostolischen Tradition legen kann; vielmehr der wichtigste unter einen großen Zahl. Er erwähnt in der Folge auch als leuchtende Beispiele Polycarp von Smyrna und die Kirche von Ephesos. Polycarp, der heute am 23. Februar seinen Gedenktag hat, war noch selbst mit den Aposteln verkehrt. Die Kirche von Ephesos geht auf Paulus selbst zurück; der Apostel Johannes hat lange dort gelebt. 

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Was heißt: Papsttreu?

In der Reformationszeit wurden Katholiken gerne als „Papisten“ verunglimpft. Man insinuierte damit, dass die Katholiken lieber dem Papst als Christus treu wären. Manche freikirchlichen Gruppen pflegen diesen Unsinn heute noch.

Umgekehrt hat schon der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert geschrieben:

Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.
Contra Haereses III, 3

Und der hl. Ambrosius hat bekanntlich ebenfalls deutlich geschrieben:1

Wo also Petrus ist, dort ist die Kirche; wo die Kirche ist, dort gibt es keinen Tod, nur ewiges Leben.

Leo der Große hat die Bedeutung der Nachfolge des Petrus in einer Predigt so erörtert:

Dieses Bekenntnis 2 werden die Pforten der Hölle nicht überwältigen und die Bande des Todes nicht umschlingen; denn dieses Wort ist ein Wort des Lebens. Wie es seine Anhänger zum Himmel erhebt, so stößt es seine Widersacher in die Hölle hinab. Um dieses Bekenntnisses willen sagt der Herr zu dem heiligen Petrus: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Und alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“3 Freilich ging auch auf die anderen Apostel das Recht über, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen; freilich gilt für alle Vorsteher der Kirche die in diesem Ausspruch enthaltene Bestimmung; aber nicht ohne Grund wird das, woran alle Anteil haben sollen, e i n e m anvertraut. Wird ja gerade deshalb diese Vollmacht dem Petrus gesondert übertragen, weil über allen Leitern der Kirche die Person des Petrus steht. Dieses Vorrecht des heiligen Petrus gilt auch für seine Nachfolger, sooft sie, von seinem Gerechtigkeitssinn erfüllt, ein Urteil sprechen. Von allzu großer Strenge oder Milde kann aber da nicht die Rede sein, wo nichts vorbehalten oder nachgelassen wird, was nicht auch vom heiligen Petrus nachgelassen oder vorbehalten worden wäre. Als das Leiden des Herrn nahte, das die Standhaftigkeit der Jünger auf eine harte Probe stellen sollte, sprach dieser: „Simon, Simon, der Satan hat nach euch verlangt, um euch zu sieben wie den Weizen! Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht nachlasse. Und wenn du einst bekehrt bist, so stärke deine Brüder, damit ihr nicht in Versuchung fallet!“4 Allen Aposteln drohte die gleiche Gefahr, der Furcht zu unterliegen. Unterschiedslos bedurften sie der Hilfe des göttlichen Schutzes, da der Teufel alle zu versuchen, alle zu verderben trachtete. Und doch ist der Herr besonders für Petrus besorgt und betet namentlich für des Petrus Glauben, gleich als ob die Haltung der anderen eine standhaftere wäre, wenn der Mut des Oberhauptes unbezwungen bliebe. In Petrus wird also die Kraft aller gefestigt und der Beistand der göttlichen Gnade so geregelt, dass die Stärke, die durch Christus dem Petrus verliehen wird, durch Petrus auf die Apostel übergeht.

Und doch wissen wir, dass im Lauf der Jahrhunderte die Standhaftigkeit der Nachfolger Petri oft zu wünschen übrig ließ. Vom „dunklen“ 10. Jahrhundert bis zu Papst Alexander VI. und darüber hinaus ließen sich der Beispiele genug aufzählen.

Was ist also Papsttreue? Und warum soll ein guter Christ papsttreu sein?

Die Predigt Leo des Großen wie der Ausspruch Irenäus’ von Lyon zeigen, warum. Die Kirche braucht das Amt des Nachfolgers Petri als sichtbares Zeichen und Bewahrer der Einheit, als Zeuge der apostolischen Tradition. Papsttreue ist nichts anderes als der Versuch, diese Einheit selbst zu bezeugen, dieser apostolische Tradition selbst zu folgen, dem Nachfolger des Apostels den gebotenen Gehorsam zu leisten und dabei in der Liebe zu bleiben und zu handeln, die Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat.

Petrus wird in den Evangelien sehr menschlich dargestellt: Von großer Liebe zum Herrn durchdrungen, doch manchmal aufbrausend, manchmal feig. Kein vollkommener Mensch. Leo der Große verweist darauf, dass auch Petrus der göttlichen Hilfe bedurfte, um nicht verdorben zu werden. Für seine Nachfolger gilt das noch viel mehr. Nicht umsonst sagt Papst Franziskus immer, man solle für ihn beten.

Die Päpste haben im Laufe der Jahrhunderte schon viel Widerspruch und Kritik ausgehalten, angefangen bei Petrus selbst (Gal 2,11ff). Das kann sogar zur Pflicht werden: Wer jemanden liebt, der kritisiert ihn auch, wenn der ins Verderben zu rennen droht. Aber dabei darf man nie vergessen, wie Christen miteinander umgehen sollten, und erst recht nicht, dass diese Kritik immer von Liebe und Sorge getragen werden und den Blick auf das Petrusamt selbst nicht verlieren sollte.

Papsttreue bewahrt einen jedenfalls vor einem Fehler: Sich selbst zum Papst zu machen, der unfehlbar darüber entscheidet, ob der echte Papst nun genügend katholisch ist.


  1. Zitiert nach Oliver Achilles, der die entsprechende Stelle auf seinem Blog auslegungssache.at übersetzt hat. Er selbst bezweifelt übrigens, dass die Stelle als Betonung des Petrusamts gelesen werden sollte, und verortet diese Interpretation in der Zeit der Gegenreformation. 
  2. Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes. 
  3. Mt 16,19 
  4. Lk 22,31f. 

Zum Weihetag der Lateranbasilika

Kathedra in der Apsis der Lateranbasilika

Kathedra in der Apsis der Lateranbasilika

Der Weihetag der Erzbasilika im Lateran, der „Mutter und des Haupts aller Kirchen“, fällt heuer auf einen Sonntag, und somit wird dieser Festtag wieder einmal breiter begangen. Der Rang der Kirche leitet sich daraus ab, dass sie ja der eigentliche Sitz des Bischofs von Rom und damit des Papstes ist. Wie es für eine Patriarchalbasilika der Brauch ist, ist sie dem Erlöser selbst geweiht, auch wenn der heilige Johannes der Täufer und der Evangelist Johannes später zu weiteren Patronen erhoben wurden.

Dieser Tag erinnert uns an die Verbundenheit der ganzen Weltkirche untereinander und mit ihrem Haupt in Rom. Eine Verbundenheit, die nicht auf der Person und Persönlichkeit des jeweiligen vicarius christi beruht, sondern in seiner Aufgabe als Nachfolger Petri. Eigentlich muss man da gar nicht mehr sagen, als in der Epistellesung aus dem 1. Korinterbrief steht:

Ihr seid Gottes Bau. 10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.

Übrigens kann man auf den Seiten des Vatikan eine virtuelle Tour durch die wunderschöne Basilika unternehmen.

Der Papst in Albanien, dem Musterland

Die kurze Reise von Papst Franziskus nach Albanien ist medial etwas untergegangen, obwohl sie viele wichtige Hinweise auch für den Rest der Welt enthalten hat.

Albanien war jahrelang offiziell ein „atheistischer Staat“, womit gemeint war, dass der Kommunismus und der Kult um Staatschef Enver Hoxha Staatsreligion waren. Im Einklang damit gab es eine intensive Verfolgung der gläubigen Menschen. Wie in Albanien oder im Rahmen der Französischen Revolution, so bedeutet auch sonst aufgezwungener Atheismus nichts anderes als den gewaltsamen Versuch, den Glauben der Menschen durch eine andere Religion zu ersetzen.

Da es hier um das Innerste des Menschen geht, genauso um sein äußerstes Ziel, widersetzten sich viele mutig diesem Zwang offen; noch mehr andere zumindest heimlich. Die Begegnung des Papstes mit Überlebenden der Verfolgung ist wohl der berührendste Teil der Reise gewesen. Menschen, die jahrzehntelang inhaftiert waren, deren Todesurteil durch eine Fügung nicht vollstreckt war, die ihre Geschichte jetzt der Welt erzählen konnten. Viele andere mussten ihr Leben lassen, weswegen der Papst die Albaner als Volk der Märtyrer gewürdigt hat.

Die ganze Verfolgung erwies sich glücklicherweise als fruchtlos. Vor der Schreckensherrschaft des Hoxha-Regimes sollen etwa 70% der Albaner Moslems, 20% orthodox und 10% katholisch gewesen sein. Offiziell sind heute knapp 60% der Albaner Moslems, wiederum 10% katholisch und etwas weniger orthodox. Die übrigen Albaner neigen in der Praxis aber wohl einer der genannten Glaubensrichtungen zu, ausgenommen die ewiggestrigen Hoxha-Anhänger.

In dieser Praxis zeichnet sich Albanien durch ein friedliches Miteinander der Religionen aus. So sind auch viele Moslems in Tirana auf den Beinen gewesen, um den Papstbesuch mitzuerleben. „Papst Franziskus macht Albanien stolz“, schreibt die Deutsche Presseagentur (und in Gefolge die APA) zurecht. Zu diesem Miteinander trägt wohl auch die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung bei.

Papst Franziskus hat der Religionsfreiheit bei der Begegnung mit den Führern anderer Religionen und christlicher Konfessionen breiten Raum gewidmet. Der ganze Text ist sehr interessant, ich möchte aber folgende Stelle besonders herausgreifen:

[…] Ich erlaube mir, auf zwei Haltungen hinzuweisen, die besonders nützlich sein können bei der Förderung dieser Grundfreiheit.

Die erste besteht darin, in jedem Mann und jeder Frau – auch in denen, die nicht der eigenen religiösen Tradition angehören – nicht Rivalen und noch weniger Feinde zu sehen, sondern Brüder und Schwestern. Wer sich seiner eigenen Überzeugungen sicher ist, hat es nicht nötig, sich durchzusetzen und Druck auf den anderen auszuüben: Er weiß, dass die Wahrheit ihre eigene Strahlkraft besitzt. Im Grunde sind wir alle Pilger auf dieser Erde, und auf dieser unserer Reise leben wir in unserer Sehnsucht nach Wahrheit und Ewigkeit nicht als autonome Wesen, die sich selbst genügen – weder als Einzelne noch als nationale, kulturelle oder religiöse Gruppen –, sondern hängen voneinander ab, sind gegenseitig der Sorge der anderen anvertraut. Jeder religiösen Tradition muss es von innen her gelingen, dem Dasein des anderen Achtung zu zollen.

Eine zweite Haltung ist das Engagement zugunsten des Gemeinwohls. Jedes Mal, wenn die Zugehörigkeit zur eigenen religiösen Tradition einen überzeugteren, großzügigeren und selbstloseren Dienst an der gesamten Gesellschaft hervorbringt, ist das eine authentische Ausübung und Entwicklung der Religionsfreiheit. Dann erscheint diese nicht nur als ein rechtmäßig eingeforderter Raum der Unabhängigkeit, sondern als eine Möglichkeit, die mit ihrer fortschreitenden Ausübung die Menschheitsfamilie bereichert. Je mehr man den anderen zu Diensten ist, umso freier ist man! […]

Und dann möchte ich etwas ansprechen, das immer ein Phantom ist: der Relativismus, „alles ist relativ“. In diesem Zusammenhang müssen wir einen klaren Grundsatz berücksichtigen: Man kann keinen Dialog führen, wenn man nicht von der eigenen Identität ausgeht. Ohne Identität kann es keinen Dialog geben. Das wäre ein Scheindialog, ein Dialog in den Wolken – er ist nutzlos. Jeder von uns hat seine religiöse Identität und ist ihr treu. Aber der Herr weiß, wie die Geschichte voranzubringen ist. Gehen wir ein jeder von seiner eigenen Identität aus, und tun wir nicht so, als hätten wir eine andere, denn das nützt nichts und ist nicht hilfreich, das ist Relativismus. Was uns verbindet, ist der Weg des Lebens, ist der gute Wille, von der eigenen Identität auszugehen, um den Brüdern und Schwestern Gutes zu tu. Gutes tun! Und so gehen wir miteinander als Geschwister. Jeder von uns bietet dem anderen das Zeugnis der eigenen Identität an und
kommt mit dem anderen ins Gespräch. Dann kann der Dialog über theologische Fragen weitergeführt werden, aber wichtiger und schöner ist, miteinander zu gehen, ohne die eigene Identität zu verraten, ohne sie zu verschleiern, ohne Heuchelei. Mir tut es gut, so zu denken.

Es gibt freilich viele Glaubensüberzeugungen, denen die Idee völlig fremd ist, in anderen Menschen Bruder und Schwester zu sehen. Man braucht nur Friedrich Nietzsche lesen, um das ganz ausdrücklich vor Augen geführt zu bekommen. Doch in einer pluralistischen Gesellschaft ist die Akzeptanz des Anderssein des Anderen Grundvoraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben. Das auch die Akzeptanz des Eigenseins dazugehört, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht, weswegen Papst Franziskus die Nebelwolke des Relativismus ansprechen muss, die auch heute noch gerne zur Tarnung von Gegnern der organisierten Religion versprüht wird.

Der Papst in Südkorea

Heute, am Nachmittag des 13. August, ist also Papst Franziskus zu einer Reise in die Republik Korea aufgebrochen, die bis Montag dauern wird. Auf einer Übersichtsseite zur Papstreise sind schon die wesentlichen Punkte zu finden. Das genaue Programm des Besuchs in Südkorea kann ebenso auf der Website des Vatikan nachlesen.

In Südkorea gibt es eine blühende katholische Gemeinde mit etwa 5,5 Millionen Gläubigen, etwas mehr als 10% der Gesamtbevölkerung. Der Glauben dieser Menschen strahlt aber weit über ihre eigene Gruppe hinaus. Und er manifestiert sich in Südkorea auch in Schulen, Krankenhäusern bis hin zur Katholischen Universität, die auch von Nicht-Katholiken geschätzt werden. Dass die Lage der Christen in Südkorea nicht immer so rosig war, daran wird am Samstag die Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und 123 weiterer Märtyrer erinnern.

Und wie schnell sich alles wieder zum Schlechten ändern kann, daran erinnert Nordkorea jeden Tag. Gerade in Pjöngjang gab es viele Katholiken, bei Tokwon auch eine Benedikterabtei. Durch die brutale Unterdrückung jeder anderen Religion als des kommunistischen Staatskults wurden die Katholiken aber in den Untergrund gedrängt. Der letzte Bischof von Pjöngjang verschwand in einem Lager, wo er vermutlich umgebracht wurde. Der Besitz von Bibeln ist bei Todesstrafe verboten. Es gibt allerdings eine staatlich kontrollierte priesterlose Mini-Gemeinde in Pjöngjang, die 1988 wohl für Propagandazwecke gestattet wurde.

Machen beschweren sich, wie der Papst angesichts des Mordens im Nahen Osten der Einladung der Südkoreaner nur folgen könne. Das ist zu politisch gedacht; verkennt, wie enttäuscht Millionen Menschen wären, die sich schon lange auf diesen Besuch vorbereitet haben; verkennt noch mehr, dass in Ostasien Christen in vielen Gebieten unterdrückt werden und Unterstützung brauchen. Unterstützung, die ihnen auch ein Besuch des Papstes in Ostasien geben wird.

Franziskus: „Friede ist Handarbeit“

Die Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Angefangen schon mit der historischen Begegnung des Papstes mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., die gerade an der Wiege des Christentums stattfand. Dabei ging es nicht nur um ein Zeichen der gemeinsamen Wurzeln und des ökumenischen Miteinanders, sondern auch um ein Zeichen der Solidarität mit den Christen im Nahen Osten, die in den letzten Jahren großen Verfolgungsdruck ausgesetzt sind, wie beide in einer gemeinsamen Erklärung betont haben.

Die Einladung von Israels Präsident Shimon Peres und dem amtierenden Leiter der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, bietet nun zu Pfingsten die Gelegenheit für ein gemeinsames Friedensgebet, das man ebenso historisch nennen darf. Im Unterschied zu unzähligen Vermittlungsrunden steht hier nicht im Vordergrund, was man für die jeweils eigene Seite herausschlagen kann, sondern vielmehr, dass man sich miteinander zum Frieden bekennt, gleichzeitig aber auch anerkennt, dass nicht alles in der eigenen Macht steht.

Wie Franziskus schon in einer resümierenden Generalaudienz gesagt hat: „Demut, Brüderlichkeit, Versöhnung – der Heilige Geist macht es uns möglich, diese Haltungen im täglichen Leben einzuüben, mit Menschen verschiedener Kulturen und Religionen, um so zu Handwerkern des Friedens zu werden. Denn der Friede ist Handarbeit; es gibt ja keine Friedens-Industrie, nein. Man muss ihn jeden Tag in Handarbeit herstellen, und mit einem offenen Herzen, damit Gott ihn schenkt.“ Das gemeinsame Friedensgebet wird keine Umwälzung des Nahen Ostens bringen — aber ein Schritt zur Öffnung der Herzen sein.

Ein wichtiges Zeichen der Reise lautet ohnehin: Gewaltopfer darf man nicht gegeneinander aufrechnen, eigene Verbrechen durch Hinweise auf andere Verbrechen oder gar göttlichen Auftrag rechtfertigen. Auch das unsägliche Vergleichen und Abwägen von Opferzahlen ergibt letztlich keinen Sinn. So kann man die Spirale der Gewalt nicht durchbrechen.

Der Text, den Papst Franziskus beim Besuch in der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem gesprochen und gebetet hat, ist wuchtig und berührend: „,Adam, wo bist du?‘ Da sind wir, Herr, mit der Scham über das, was der als dein Abbild und dir ähnlich erschaffene Mensch zu tun fähig gewesen ist. Denk an uns in deiner Barmherzigkeit.“ — Wer nicht im Stande ist, das Unrecht seiner Gewalt zu erkennen, wer sich selbst zum Herrn über Leben und Tod erhebt, betrügt seine Würde und das in ihm angelegte Gute. (Gottes)Erkenntnis ist der Weg zum Frieden.