Karl Marx und die soziale Gerechtigkeit

In Österreich und Deutschland stehen im Herbst wieder Parlamentswahlen bevor. Und damit kommt auch wieder die Zeit, in der das Wort von der sozialen Gerechtigkeit vor allem von SPÖ und SPD intensiv bemüht wird. Lassen wir einmal die bewusste Schwammigkeit dieses Begriffs dahingestellt — man wird auf einschlägigen Parteiseiten kaum brauchbare Definitionen des Begriffs finden –, so zeigt sich aber darin auch gut, wie sehr sich die heutige Linke vom ursprünglichen Marxismus gelöst hat — auch wenn Marx als „Gründungsmythos der Linken“ weiterhin herhalten muss.

Jedenfalls hätte Karl Marx mit dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit keine Freude gehabt. Zwar nahm auch er das Wort der „Gerechtigkeit“ in den Mund, wenn es der Wirkung zuträglich war, hielt aber z.B. wenig von Forderungen nach „gerechter Verteilung der Güter“. In seiner Kritik am Gothaer Programm wird er recht deutlich:

Was ist „gerechte“ Verteilung?

Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte“ Verteilung?

Und später:

Ich bin weitläufiger auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“ einerseits, „das gleiche Recht“, „die gerechte Verteilung“ andrerseits eingegangen, um zu zeigen, wie sehr man frevelt, wenn man einerseits Vorstellungen, die zu einer gewissen Zeit einen Sinn hatten, jetzt aber zu veraltetem Phrasenkram geworden, unsrer Partei wieder als Dogmen aufdrängen will, andrerseits aber die realistische Auffassung, die der Partei so mühvoll beigebracht worden, aber Wurzeln in ihr geschlagen, wieder durch ideologische Rechts- und andre, den Demokraten und französischen Sozialisten so geläufige Flausen verdreht.

Karl Marx wehrte sich dagegen, den Kommunismus als Ergebnis moralischer Überlegungen zu sehen. Als (abtrünniger) Hegelianer ersetzte er die Wirkung der Moral nämlich durch den Glauben an eine zielgerichtet und sinnvoll ablaufende Geschichte. Der Kommunismus beschreibt eine notwendige Entwicklung auf Grund der inneren Widersprüche des Kapitalismus, keine moralische Forderung. Ideen von „Gerechtigkeit“ würden zum Überbau gehören, der aus dem praktischen Leben der Menschen, aus den Produktionsverhältnissen erwüchsen. So formuliert Marx schon früh in der Deutschen Ideologie:

Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hier — mit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein.

Die deutsche Sozialdemokratie hat allerdings — zum Spott Marx’ – schon sehr früh Forderungen nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, eine gerechten Güterverteilung erhoben. Damit blieb sie für Marx in der „bürgerlichen“ Gedankenwelt hängen.

Als in der deutschen Sozialdemokratie diese nichtmarxistische Fraktion immer mehr an Boden gewann, hat [Rosa Luxemburg den Wunsch nach Gerechtigkeit scharf gegeißelt], der aus allen Poren dieser sogenannten Revisionisten troff:(https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/kap2-2.htm „marxists.org: Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?“):

Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts andres heimzubringen als ein blaues Auge.

Marx und Luxemburg haben dabei eines klar gesehen: In einer strikt materialistischen und säkularen Weltanschauung hat Rede von „Gerechtigkeit“ keinen Platz, die ja doch ein metaphysischer Begriff ist.

Tipp: Bringen Sie einen Politiker, der von „sozialer Gerechtigkeit“ erzählt, ins Schwitzen, in dem sie genauer nachfragen, was damit gemeint ist. Erwähnen Sie noch Karl Marx und beobachten Sie die folgenden Verwicklungen.

Der therapeutische Stoiker

Jetzt wird also wieder einmal die Stoa als erfüllende Philosophie beworben. Vor ein paar Jahren war es ein gräßlich entstellter Buddhismus, zwischendurch war in Hollywood auch die Kabbala modern. In Europa wurde der Stoizismus schon vor ein paar Jahren in den Medien breitgetreten. Über England und die USA wird die Stoa nun als „therapeutische Philosophie“ wiederentdeckt.

Dabei wird die Stoa zu einem Ratgeber abgeschliffen. Etwa der Art: Die Vernunft müsse die Gefühle beherrschen. Man dürfe sich nicht von den Gefühlen im Inneren und den Gütern des Äußeren beherrschen lassen. Daher soll die Vernunft die Gefühle dominieren, und das Erdulden des Unabwendbaren und des Verzichts eingeübt werden.

Das ist alles nicht wirklich falsch dargestellt, aber auch nicht richtig.

Eine umfassende Bewegung

Die Stoa war eine philosophische Bewegung mit umfassendem Anspruch. Ihre Ethik — auf die sie reduziert wird — ist ohne ihr Menschen- und Weltbild nicht denkbar, ohne die Gedanken zur Beschaffenheit der Natur oder zum freien Willen. Dazu gibt es in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen freundlichen, übersichtlichen Artikel.

Der Materialismus, der sanfte Determinismus — bis zur Schicksalsergebenheit — und das Wort, „im Einklang mit der eigenen Natur“ leben zu wollen, klingen für heutige Menschen auch sehr verlockend, auch wenn sich dahinter jedesmal etwas anderes verbirgt, als man nach modernen Begrifflichkeiten vermuten möchte. So verbindet sich der Materialismus mit der Überzeugung, dass Gott in der Welt immanent wirkt.

Aus ihrem Weltbild ergibt sich auch, dass nur die Weisen, die wahrhaft tugendhaft leben, wahrhaft frei und wahrhaft gut sind. Alle anderen Menschen sind Sklaven der Innen- und Außenwelt und moralisch allesamt gleichermaßen verwerflich. (In diesem Punkt sollten spätere Stoiker etwas milder werden).

Eine „freudlose Weltanschauung“?

Interessanter Gegenpol zum eher positiven Text der Stanford-Enzyklopädie das Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, in dem Friedrich Kirchner schreibt:

Stoizismus heißt zunächst die Philosophie der Stoiker, die durch Zenon (ca. 350-268) begründet, durch Kleanthes, Chrysippos, Panaitios, Poseidonios u. a. fortgebildet worden ist. Der Stoizismus ordnet die Logik und die Physik der Ethik unter. In der Logik knüpft er an Aristoteles an und entwickelt einen erkenntnistheoretischen Sensualismus. In der Physik steht er auf dem Standpunkt des Materialismus (Stoff und Kraft); in der Ethik ist er idealistisch; das vernunftgemäße Leben ist ihm das oberste Lebensziel. Die Tugend (praktische Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit) scheint ihm zur Glückseligkeit ausreichend. Sie ist allein gut; das Laster ist schlecht; alles mindere ist weder gut noch schlecht, sondern ein Mittleres, Gleichgültiges (adiaphoron). – Auf dem Gebiete der grammatischen Forschung ist der Stoizismus grundlegend gewesen. Auf ihm beruht bis heute die grammatische Terminologie. — Allgemeiner genommen, bedeutet Stoizismus eine herbe, freudlose, nur moralisierende Weltanschauung.

Eine „herbe, freudlose, moralisierende Weltanschauung“! Die im übrigen in der Antike in heftige Kontroversen verstrickt war. Den Grundannahmen, aus denen die Stoiker ihre Lehre entwickelten, wurde ebenso wie ihren Schlussfolgerungen deutlich widersprochen. Eine Sammlung antiker Kritik ist bei Tusculum erschienen, Rainer Nickel hat ausgewählt und übersetzt.

Eine typische, aber modern formulierte Kritiklinie kann man unter der Überschrift „The Inadequacies of the Invincible“ lesen. Dieser Text schildert an Hand eines Soldaten mit stoischer Vorbildung — des späteren Kandidat zum US-Vizepräsidenten James Stockdale –, wie in einem Gefangenenlager nicht Stoik, sondern das gemeinsame Gefühl von Zusammenhalt, Scham, Sühne und Läuterung das seelische Überleben ermöglicht haben. Mit folgender Schlussfolgerung:

Der Aufstieg des Stoizismus ist das Zeichen einer Zivilisation im Niedergang. Es ist etwas Dekadentes an einer Gesellschaft, die ihrem eigenen Verlust durch eine Philosophie, der die Trauben zu hoch hängen. Lasst uns der Realität ins Auge schauen. Die Antwort ist nicht ein Klick im Geist.

Im Stoizismus sind durchaus interessante Gedankengänge enthalten. Doch der moderne „Theraphie-Stoiker“ ist eher Produkt einer Mentalität, die sich aus dem Bauchladen der Angebote das passendste raussucht — ohne Rücksicht auf Plausibilität und Wahrheitgehalt. Es mag zwischenzeitlich tröstlich sein, doch wie sieht es mit dem Trost sein, wenn man dahinterschaut?

Middlebury oder: Die Modernen glauben, ohne zu wissen, dass sie es glauben

Gilbert Keith Chesteron hat einmal notiert: „Das besondere Zeichen der modernen Welt ist nicht, dass sie skeptisch ist, sondern dass sie dogmatisch ist, ohne es zu wissen. Sie sagt, in Verspottung der alten Gläubigen, dass sie geglaubt haben ohne zu wissen, warum sie geglaubt hätten. Doch die Modernen glauben, ohne zu wissen, was sie glauben — und sogar ohne zu wissen, dass sie es glauben.“

Warum nur kommen mir diese Zeilen beim Geschehen in Middlebury in den Sinn, als linke Studenten einen öffentlichen Vortrag des Soziologen Charles Murray nicht nur durch Rufen und Klopfen verhindern wollten, sondern offenbar vor hatten, ihn und seine Begleiter zu verprügeln. Charles Murray beschreibt die absurden Ereignisse lebhaft. Es wird in den USA immer häufiger, was Murray so beschreibt:

Mitte der Neunziger konnte ich auf Studenten zählen, die zuhören wollten, dass sie nach einem gewissen Punkt den Störern zuzurufen anfangen würden: „Setzt euch und seid ruhig, wir wollen hören, was er zu sagen hat.“ Diese Art des Gegenprotests hatte einen Effekt. Sie erinnerte die Demonstranten daran, dass sie in der Minderheit waren. Mir wurde von den Leuten in Middlebury versichert, dass ihre Protestgruppen ebenfalls in der Minderheit sind. Aber sie sind eine Minderheit, die die Mehrheit eingeschüchtert hat. Die Leute im Publikum, die mich reden hören wollten, waren völlig verschreckt. Das darf nicht zugelassen werden. Ein Campus, an dem die Mehrheit der Studenten Angst hat, offen zu sprechen, weil sie weiß, dass eine Minderheit auf sie losgehen wird, ist kein intellektuell freier Campus in irgendeiner sinnvollen Art und Weise.

Das ist natürlich der Sinn dieser „Proteste“: Die Spannweite des akzeptablen Diskurses soweit einschränken, dass quasi nur mehr die eigene Meinung übrigbleibt. Zuerst waren es nur „Safe Spaces“ für Menschen, die andere Meinungen nicht aushalten; dann kam die „Trigger-Warnung“. Nach dem Niederbrüllen bleibt nur noch rohe Gewalt über. Diese Praxis greift in den USA immer mehr um sich und wird in europäischen Medien in der Regel wohlwollend zur Kenntnis genommen, da meist Konservative zum Schweigen gebracht werden sollen. In den USA aber wächst das Unbehagen auch unter vielen Linksliberalen wie etwa Jonathan Haidt über die geistige Verengung und Diskursunfähigkeit an vielen US-Unis.

So analysiert William Deresiewicz, sicher kein Konservativer, im American Scholar, dass viele liberale Colleges zu „religiösen Schulen“ geworden wären:

Was bedeutet es zu sagen, dass diese Institutionen religiöse Schulen sind? Erstens, dass sie ein Dogma besitzen, ungeschrieben, aber von allen angenommen: Ein Satz „korrekter“ Meinungen und Glaubenssätze, oder im besten Falle eine schmale Bandbreite, innerhalb der Uneinigkeit erlaubt ist. Es gibt eine richtige Art zu denken und eine richtige Art zu sprechen, und auch eine richtige Auswahl von Gegenständen, über die man nachdenkt und spricht. Säkularismus wird für selbstverständlich gehalten. Umweltschutz ist eine heilige Sache. Themen der Identität — im wesentlichen die heilige Dreifaltigkeit von Rasse, Gender und Sexualität — stehen im Zentrum der Debatte. […] Die grundsätzlichen Fragen, die eine College-Erziehung stellen sollte — Fragen der einzelnen und kollektiven Tugend, was es meint, eine gute Person und eine gute Gemeinschaft zu sein — werden für entschieden gehalten. […]

Deresiewicz berichtet von Studenten, die Angst haben, Fragen zu stellen, weil sie nur bei einem Verdacht, politisch unkorrekt zu sein, zum Paria werden; von der Suche nach Häresien, die von eifrigen Studenten ausgemerzt werden; vom Wettlauf, noch korrekter zu sein als die anderen. Studenten würden an manchen Universitäten nicht mehr über ein Thema diskutieren, sondern nur mehr, warum diese oder jene politisch korrekte Position als einzige vertreten werden dürfe.

Hier geht es nicht um wehleidiges Gejammere irgendwelcher Randständiger — hier geht es bereits um den Kern des freien Denkens, das in den mittelalterlichen Universitäten von Paris und Bologna mehr gefördert wurde, als sich ein Student von Middlebury für seine Uni überhaupt vorstellen kann. Freilich halten sich die Gläubigen dieser modernen Dogmen oft für ungemein kritisch, säkular und vernunftbasiert. Womit wir wieder beim Eingangszitat von Chesterton wären.

(via Steven A. Pinker)

Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Hätte Luther nur Thomas von Aquin besser gekannt …

Provokant könnte man sagen: Hätten die deutschen Theologen des ausgehenden 15. Jahrhunderts mehr Thomas von Aquin und weniger Wilhelm von Ockham gelesen, wäre uns die Reformation in dieser Form vielleicht erspart geblieben. Martin Luther ist aus katholischer Sicht wohl auch ein Produkt einer unglücklichen Lehrtradition.

Während Thomas die Harmonie von Glaube und Wissen vertritt und überzeugt ist, dass die Vernunft ein Werkzeug der Gotteserkenntnis ist, wird im spätmittelalterlichen Deutschland dieses Bild verworfen. Ein aus menschlicher Sicht willkürlicher, unendlich ferner Gott tritt an seine Stelle. Die philosophische Durchdringung des Glaubens wird rigoros abgelehnt. Luther übernimmt viele Aspekte seiner Lehrer und denkt sie zu ihrem Ende, wobei ihn die Frage der Rechtfertigung vor einem scheinbar willkürlichen Gott besonders umtreibt. Ähnlich bei Calvin, der diese Willkür ins Zentrum seines Glaubens nimmt. August Franzen stellt diese Problematik in seiner Kirchengeschichte schön dar.

Dagegen waren beide Reformatoren offenbar recht schwach in der Kenntnis der Kirchenväter und anderer frühchristlicher Literatur, die sie wohl ins Grübeln gebracht hätte, warum sich darunter niemand mit ihren Positionen findet. Und vielleicht hätte das die Erkenntnis reifen lassen, dass ohne die Autorität der Kirche völlig unklar wäre, was überhaupt der Inhalt der Heiligen Schrift wäre, deren Kanon ja erst im Laufe der Spätantike geklärt wurde.

Ganz anders Thomas, der z.B. in seiner Catena Aurea ganz mühelos Zitate der Kirchenväter und anderer Quellen aus verschiedensten Jahrhunderten aneinanderreiht. Nur, wer die Tradition kennt, kann auch die Geschichte und Argumentationen verschiedener theologischer Debatten abschätzen und verhindern, die Sackgassen der Vergangenheit neuerlich aufzusuchen.

Peter Singer und der Wert des Menschen

Der Philosoph Peter Singer wird also den ersten Peter-Singer-Preis erhalten. Das ist für sich selbst schon grotesk genug. In der Einladung wird dies so begründet: „Prof. Peter Singer ist ein weltbekannter Bioethiker, der sich seit Jahren für die Minderung des Leids von Tieren und einen unserer Humanität angemessenen Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen einsetzt.“ Das steigert das Groteske ins Unerträgliche.

Sabine Mäser fasst in ihrer online abrufbaren Diplomarbeit zu Singers „Praktischer Ethik“ gleich zu Beginn zusammen, was Minderung des Leids bei Singer heißt: „‚Leiden‘ soll also verhindert werden, paradoxerweise durch die Verhinderung bzw. Tötung der ‚Leidenden‘ selbst. Die Beseitigung von minderwertigem Leben, um das aggregierte Glück zu erhöhen.

Singer ist Utilitarist. Das größte Glück der größten Zahl — das klingt ja fürs Erste nicht so schlecht. Der Mathematiker Rudolf Taschner arbeitet in seiner „Presse“-Kolumne die moderne Faszination mit diesem Utilitarismus heraus: In einer säkularen Welt bietet er eine scheinrationale Moralität, die noch dazu vordergründig mit ökonomischen Nutzenfunktionen verwandt scheint. Wir optimieren die Glücksfunktion der Welt — eine Mischung aus Hipster und Technokratie.

Mathematische Unmöglichkeit

Der Mathematiker geht nicht darauf ein, doch tatsächlich ist der Singer’sche Utilitarismus mathematisch zum Scheitern verurteilt. Der glückstiftende Nutzen ist nicht quantifizierbar, nicht messbar und nur in extremis vergleichbar.

Dieses Problem hat schon den großen Ökonomen Alfred Marshall umgetrieben, der es als unbefriedigend empfand, dass die ökonomische Nutzenfunktion lediglich die persönlichen Präferenzen der Menschen darstellt, wie sie mit den vorhandenen Mitteln ihre Bedürfnisse möglichst gut befriedigen wollen. Das sind Wünsche, Vorlieben, Bedürfnisse — aber nicht das daraus resultierende Glück! Selbst wenn ich die Präferenzen der Menschen der Welt kennen würde, würde mir das nicht genügen, um meine ethische Optimierungsaufgabe zu lösen.

Der reine Handlungsutilitarismus ist also eine zutiefst unpraktische Ethik, weil sie Handlungen nach Maßstäben beurteilen will, die seriöserweise gar nicht angelegt werden können. Das gleiche gilt für Singers Präferenzutilitarismus, der aus dem Handlungsutilitarismus entwickelt wurde. Er wird auch amüsant, wenn man ihn ins Selbstreferentielle wendet. Eine Handlung wird ja danach beurteilt, ob sie der größten Zahl nützt. Nun ist es so, dass das, was einen Menschen glücklich macht, sehr von seinen Werten abhängt, seiner Erziehung, seinem Umfeld. Daraus würde sich eigentlich ergeben, dass es von der weltanschaulichen Prägung meiner Mitmenschen abhängt, welche Handlungen tatsächlich glücksmaximierend wären. Diese Schlussfolgerung wird von Singer zwar angedeutet, aber nicht ernsthaft durchgezogen.

Der Wert des Lebens

Singers Auftritte sind in Deutschland besonders umstritten, weil er Leben abstrakt und aus der Beziehung herausgelöst bewertet. Dabei unterscheidet er strikt zwischen Personen und Menschen, zwei überlappende Mengen. Menschen, die vernunftbegabt und selbstbewusst sind, die Wünsche für die Zukunft haben können, sind Personen. Ihr Leben dürfe nur beendet werden, wenn ihre Präferenz des Weiterlebens durch entgegengesetzte Präferenzen anderer ausgeglichen werde.

Im Kalkül Singers, das immer wieder ökonomisch eingefärbt wird, gibt es auch Menschen, deren Leben nur eine Belastung für die Allgemeinheit sind und daher entfernt werden sollten. Menschen mit Behinderungen hätten z.B. nie das volle Potential der übrigen Menschen, daher sollte man ihr Leben rasch beenden. Freilich, sollten die Eltern so „unsozial“ gewesen sein, ihr behindertes Kleinkind solange überleben zu lassen, dass es Singers Personen-Kriterien erfülle, dürfe es nicht mehr so ohne weiteres getötet werden.

Sabine Mäser bringt es in ihrer Arbeit auf den Punkt:

Was ist aber mit denjenigen, die nichts wussten und nach Singers Definition keine „Personen“ waren, also gar keinen Willen äußern konnten? Auch Singer versucht „nichtfreiwillige“ Euthanasie zu rechtfertigen.

Als die Nazis begannen, Menschen mit geistiger Behinderung in den Anstalten zu töten, taten sie das ebenfalls unter dem Vorwand von Mitleid (Gnadentod). Sie wollten den Menschen angeblich das Leiden und „Dahinvegetieren“ ersparen.

Dahinter steckte aber, wie bei Singer heute, die Utopie einer leidfreien Gesellschaft, in der nur „gesunde“ Menschen leben sollten, die rational und autonom, und somit produktiv waren (sind). Auch die Kostenfrage spielt hier eine Rolle. In den nationalsozialistischen Propagandafilmen wird vorgerechnet, was einzelne „schwachsinnige“ Menschen in Heimen den Staat kosten. In ähnlicher Weise zeigt dies Singer etwa an Komapatienten oder schwer behinderten Menschen auf[.]

Den australischen Philosophen ficht das nicht weiter an: Nur, weil die Nazis Straßen gebaut hätten, müsse man nicht aufhören, Straßen zu bauen. Ebensowenig sei die Euthanasie zu verurteilen, nur, weil sie von den Nationalsozialisten durchgeführt worden sei. So argumentiert er sinngemäß in seiner „Praktischen Ethik“. Allerdings führt er damit in die Irre, denn so wird dieses Argument ja von praktisch niemandem verwendet. Es führt lediglich vor Augen, welche Konsequenze Singers ethisches Projekt konkret hätte. Und welche unglaubliche Hybris darunter verborgen ist.

Ich frage mich jedenfalls: Das ist also einer „unserer Humanität angemessener Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen“?

[Update] In der Neuen Zürcher Zeitung hat Peter Singer ein Interview gegeben, das Teile seiner Philosophie kompakt wiedergibt. Michael Schmidt-Salomon, der die Laudatio auf Peter Singer hätte halten sollen, sagte seine Teilnahme an der eingangs erwähnten Preisverleihung wegen dieses Interviews ab. Überraschend, da Singer darin eigentlich keine neuen Positionen — höchstens etwas anders nuancierte — vertritt als bisher. Ich nehme einmal an, dass einfach auf Grund der anhaltend scharfen Kritik quer durch die politischen Lager die ganze Sache etwas zu heiß geworden war, denn Singer widerlegt in klarer Sprache Schmidt-Salomons eigene Behauptung, dass die linken Kritiker einfach auf entstellte Zitate hereingefallen wären, die ihnen von christlichen Menschenrechtsaktivisten (er nennt sie freilich Reaktionäre) serviert worden wären. Nein, Singer denkt wirklich so, wie es ihm seine Kritiker etwa aus den Behindertenverbänden unterstellen.