Justin der Märtyter: Die Verschmelzung von Philosophie und Christentum

Justin der Märtyrer (Berg der Seligpreisungen) (Quelle: Wikimedia/Deror Avi)

Justin der Märtyrer (Berg der Seligpreisungen) (Quelle: Wikimedia/Deror Avi)

Das Christentum war von Anfang an eine Religion des Diskurses, des Arguments und vor allem der Schrift. Es gibt schon aus dem frühen Christentum außerhalb des Kanons des Neun Testaments vergleichsweise viele Quellen. Es sei an den Barnabasbrief und den ersten Klemensbrief erinnert, die beide in der Antike an manchen Orten in den Kanon aufgenommen worden sind. An die Didache, die Zwölfapostellehre, mit einer frühen Beschreibung der Eucharistie. Um 100 schrieb Papias von Hierapolis ein fünfbändiges Werke über Aussprüche Jesu, das zumindest in Fragmenten noch erhalten ist. Ebenfalls in diese Zeit fallen die sieben Briefe des Ignatius von Antiochien, eines Schülers des Apostels Johannes, und der Brief des Polycarp von Smyrna an die Gemeinde von Philippi.

Diese Werke waren aber alle eigentlich an Christen gerichtet. Die intensive geistige Auseinandersetzung mit Gegnern und Kritikern des jungen Christentums brauchte eine andere Form und fand sie in einem neuen Genre, als dessen erster großer Vertreter Justin der Märtyrer († ~ 165) gelten kann: Die Apologie.

Justin stammte zwar aus dem heutigen Nablus (Flavia Neapolis) in Samarien, war aber wohl griechischer Abstammung und Heide. Bald trieb ihn die Sinnsuche und Wissbegierigkeit zu verschiedenen philosophischen Schulen, wie er in seinem Dialog mit den Juden Trypho erzählt. Eine zufällige Begegnung am Strand führte ihn zur Lektüre der jüdischen Propheten und von dort direkt zum Glauben der Christen.

Die erste Apologie ist an Kaiser Antoninus Pius adressiert, dem er darlegen will, warum die Christen „zu Unrecht gehaßt und verleumdet werden“. Die Apologie ist in ihrer Verbindung philosophischer Argumentation und christlicher Theologie bedeutend; ihre Betonung der Vernunftmäßigkeit des Glaubens wird die katholische Theologie auf Dauer beeinflussen. Der Blick in die Liturgie jener Zeit, der in einigen Kapiteln gewährt wird, ist von großem Wert. Den Zweck, die Christenverfolgungen zu beenden, erreichte die Schrift leider nicht.

Die zweite Apologie ist eine Ergänzung zur ersten, ausgelöst durch eine brutale Christenverfolgung in der Stadt Rom durch den Präfekten Urbicus. Er hatte mehrere Menschen bloß daraufhin hinrichten lassen, dass sie sich als Christen bekannt hatten. In der Schrift weist Justin z.B. darauf hin, dass auch andere Lehren, die „vermöge des dem gesamten Menschengeschlechte eingepflanzten Logoskeimes“ zumindest Teile der Wahrheit enthielten, Verfolgung ausgesetzt waren. Er verteidigt den freien Willen und damit auch die Bestrafung der Ungerechten. So sagt er im 9. Kapitel:

Damit aber niemand das nachspreche, was die vermeintlichen Philosophen einzuwenden pflegen, daß es nur Prahlerei und Schreckmittel sei, wenn wir von der Bestrafung der Ungerechten in ewigem Feuer sprechen, und daß wir verlangen, die Menschen sollten aus Furcht tugendhaft leben und nicht, weil es schön und beglückend sei, so will ich kurz darauf antworten. Wenn jene unsere Behauptung nicht zutrifft, so gibt es entweder keinen Gott, oder, wenn es einen gibt, kümmert er sich nicht um die Menschen; Tugend und Laster sind dann leere Worte und die Gesetzgeber bestrafen dann, wie wir schon sagten, mit Unrecht die Übertreter ihrer guten Anordnungen. Aber da weder diese ungerecht sind noch ihr Vater, der durch den Logos dasselbe zu tun lehrt, was er selbst tut, so sind auch die, welche diesen folgen, nicht ungerecht. Sollte aber jemand die Verschiedenheit der menschlichen Gebräuche geltend machen und sagen, bei den einen Menschen gelten gewisse Dinge als löblich, die bei anderen als schimpflich betrachtet werden, gewisse Dinge aber als schimpflich, die bei anderen hinwiederum als löblich angesehen werden, so mag er hören, was wir hierüber zu sagen haben. Einerseits wissen wir, daß die bösen Engel Gebräuche eingeführt haben, die ihrer eigenen Bosheit entsprechen; andererseits erweist die rechte Vernunft nicht alle Lehrmeinungen und Satzungen, an die sie herantritt, als gut, sondern die einen als schlecht, die andern als gut.

Ach, wie aktuell dünken sich die Proponenten von „Froh- statt Drohbotschaft“, und wie alt ist die Debatte!

Justin wurde im der Zuge der Christenverfolgung unter Mark Aurel hingerichtet. Diese brach vielleicht im Gefolge der Antoninischen Pest los, als ähnlich wie unter Nero Sündenböcke für das Unheil gebraucht wurden. Gesichert ist das Ansteigen der Verfolgungen, nicht aber die Ursache. Auch, in wieweit der Kaiser selbst für die größere Intensität der Verfolgungen verantwortlich war, ist umstritten.

Die Märtyrerakten des Justinus und seiner Gefährten werden jedenfalls allgemein als zeitgenössisch anerkannt und geben ein Bild von den „Prozessen“, die den Christen gemacht wurden.

Justins Gedenktag ist der 1. Juni.

Karl Marx und die soziale Gerechtigkeit

In Österreich und Deutschland stehen im Herbst wieder Parlamentswahlen bevor. Und damit kommt auch wieder die Zeit, in der das Wort von der sozialen Gerechtigkeit vor allem von SPÖ und SPD intensiv bemüht wird. Lassen wir einmal die bewusste Schwammigkeit dieses Begriffs dahingestellt — man wird auf einschlägigen Parteiseiten kaum brauchbare Definitionen des Begriffs finden –, so zeigt sich aber darin auch gut, wie sehr sich die heutige Linke vom ursprünglichen Marxismus gelöst hat — auch wenn Marx als „Gründungsmythos der Linken“ weiterhin herhalten muss.

Jedenfalls hätte Karl Marx mit dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit keine Freude gehabt. Zwar nahm auch er das Wort der „Gerechtigkeit“ in den Mund, wenn es der Wirkung zuträglich war, hielt aber z.B. wenig von Forderungen nach „gerechter Verteilung der Güter“. In seiner Kritik am Gothaer Programm wird er recht deutlich:

Was ist „gerechte“ Verteilung?

Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte“ Verteilung?

Und später:

Ich bin weitläufiger auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“ einerseits, „das gleiche Recht“, „die gerechte Verteilung“ andrerseits eingegangen, um zu zeigen, wie sehr man frevelt, wenn man einerseits Vorstellungen, die zu einer gewissen Zeit einen Sinn hatten, jetzt aber zu veraltetem Phrasenkram geworden, unsrer Partei wieder als Dogmen aufdrängen will, andrerseits aber die realistische Auffassung, die der Partei so mühvoll beigebracht worden, aber Wurzeln in ihr geschlagen, wieder durch ideologische Rechts- und andre, den Demokraten und französischen Sozialisten so geläufige Flausen verdreht.

Karl Marx wehrte sich dagegen, den Kommunismus als Ergebnis moralischer Überlegungen zu sehen. Als (abtrünniger) Hegelianer ersetzte er die Wirkung der Moral nämlich durch den Glauben an eine zielgerichtet und sinnvoll ablaufende Geschichte. Der Kommunismus beschreibt eine notwendige Entwicklung auf Grund der inneren Widersprüche des Kapitalismus, keine moralische Forderung. Ideen von „Gerechtigkeit“ würden zum Überbau gehören, der aus dem praktischen Leben der Menschen, aus den Produktionsverhältnissen erwüchsen. So formuliert Marx schon früh in der Deutschen Ideologie:

Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hier — mit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein.

Die deutsche Sozialdemokratie hat allerdings — zum Spott Marx’ – schon sehr früh Forderungen nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, eine gerechten Güterverteilung erhoben. Damit blieb sie für Marx in der „bürgerlichen“ Gedankenwelt hängen.

Als in der deutschen Sozialdemokratie diese nichtmarxistische Fraktion immer mehr an Boden gewann, hat [Rosa Luxemburg den Wunsch nach Gerechtigkeit scharf gegeißelt], der aus allen Poren dieser sogenannten Revisionisten troff:(https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/kap2-2.htm „marxists.org: Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?“):

Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts andres heimzubringen als ein blaues Auge.

Marx und Luxemburg haben dabei eines klar gesehen: In einer strikt materialistischen und säkularen Weltanschauung hat Rede von „Gerechtigkeit“ keinen Platz, die ja doch ein metaphysischer Begriff ist.

Tipp: Bringen Sie einen Politiker, der von „sozialer Gerechtigkeit“ erzählt, ins Schwitzen, in dem sie genauer nachfragen, was damit gemeint ist. Erwähnen Sie noch Karl Marx und beobachten Sie die folgenden Verwicklungen.

Der therapeutische Stoiker

Jetzt wird also wieder einmal die Stoa als erfüllende Philosophie beworben. Vor ein paar Jahren war es ein gräßlich entstellter Buddhismus, zwischendurch war in Hollywood auch die Kabbala modern. In Europa wurde der Stoizismus schon vor ein paar Jahren in den Medien breitgetreten. Über England und die USA wird die Stoa nun als „therapeutische Philosophie“ wiederentdeckt.

Dabei wird die Stoa zu einem Ratgeber abgeschliffen. Etwa der Art: Die Vernunft müsse die Gefühle beherrschen. Man dürfe sich nicht von den Gefühlen im Inneren und den Gütern des Äußeren beherrschen lassen. Daher soll die Vernunft die Gefühle dominieren, und das Erdulden des Unabwendbaren und des Verzichts eingeübt werden.

Das ist alles nicht wirklich falsch dargestellt, aber auch nicht richtig.

Eine umfassende Bewegung

Die Stoa war eine philosophische Bewegung mit umfassendem Anspruch. Ihre Ethik — auf die sie reduziert wird — ist ohne ihr Menschen- und Weltbild nicht denkbar, ohne die Gedanken zur Beschaffenheit der Natur oder zum freien Willen. Dazu gibt es in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen freundlichen, übersichtlichen Artikel.

Der Materialismus, der sanfte Determinismus — bis zur Schicksalsergebenheit — und das Wort, „im Einklang mit der eigenen Natur“ leben zu wollen, klingen für heutige Menschen auch sehr verlockend, auch wenn sich dahinter jedesmal etwas anderes verbirgt, als man nach modernen Begrifflichkeiten vermuten möchte. So verbindet sich der Materialismus mit der Überzeugung, dass Gott in der Welt immanent wirkt.

Aus ihrem Weltbild ergibt sich auch, dass nur die Weisen, die wahrhaft tugendhaft leben, wahrhaft frei und wahrhaft gut sind. Alle anderen Menschen sind Sklaven der Innen- und Außenwelt und moralisch allesamt gleichermaßen verwerflich. (In diesem Punkt sollten spätere Stoiker etwas milder werden).

Eine „freudlose Weltanschauung“?

Interessanter Gegenpol zum eher positiven Text der Stanford-Enzyklopädie das Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, in dem Friedrich Kirchner schreibt:

Stoizismus heißt zunächst die Philosophie der Stoiker, die durch Zenon (ca. 350-268) begründet, durch Kleanthes, Chrysippos, Panaitios, Poseidonios u. a. fortgebildet worden ist. Der Stoizismus ordnet die Logik und die Physik der Ethik unter. In der Logik knüpft er an Aristoteles an und entwickelt einen erkenntnistheoretischen Sensualismus. In der Physik steht er auf dem Standpunkt des Materialismus (Stoff und Kraft); in der Ethik ist er idealistisch; das vernunftgemäße Leben ist ihm das oberste Lebensziel. Die Tugend (praktische Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit) scheint ihm zur Glückseligkeit ausreichend. Sie ist allein gut; das Laster ist schlecht; alles mindere ist weder gut noch schlecht, sondern ein Mittleres, Gleichgültiges (adiaphoron). – Auf dem Gebiete der grammatischen Forschung ist der Stoizismus grundlegend gewesen. Auf ihm beruht bis heute die grammatische Terminologie. — Allgemeiner genommen, bedeutet Stoizismus eine herbe, freudlose, nur moralisierende Weltanschauung.

Eine „herbe, freudlose, moralisierende Weltanschauung“! Die im übrigen in der Antike in heftige Kontroversen verstrickt war. Den Grundannahmen, aus denen die Stoiker ihre Lehre entwickelten, wurde ebenso wie ihren Schlussfolgerungen deutlich widersprochen. Eine Sammlung antiker Kritik ist bei Tusculum erschienen, Rainer Nickel hat ausgewählt und übersetzt.

Eine typische, aber modern formulierte Kritiklinie kann man unter der Überschrift „The Inadequacies of the Invincible“ lesen. Dieser Text schildert an Hand eines Soldaten mit stoischer Vorbildung — des späteren Kandidat zum US-Vizepräsidenten James Stockdale –, wie in einem Gefangenenlager nicht Stoik, sondern das gemeinsame Gefühl von Zusammenhalt, Scham, Sühne und Läuterung das seelische Überleben ermöglicht haben. Mit folgender Schlussfolgerung:

Der Aufstieg des Stoizismus ist das Zeichen einer Zivilisation im Niedergang. Es ist etwas Dekadentes an einer Gesellschaft, die ihrem eigenen Verlust durch eine Philosophie, der die Trauben zu hoch hängen. Lasst uns der Realität ins Auge schauen. Die Antwort ist nicht ein Klick im Geist.

Im Stoizismus sind durchaus interessante Gedankengänge enthalten. Doch der moderne „Theraphie-Stoiker“ ist eher Produkt einer Mentalität, die sich aus dem Bauchladen der Angebote das passendste raussucht — ohne Rücksicht auf Plausibilität und Wahrheitgehalt. Es mag zwischenzeitlich tröstlich sein, doch wie sieht es mit dem Trost sein, wenn man dahinterschaut?

Middlebury oder: Die Modernen glauben, ohne zu wissen, dass sie es glauben

Gilbert Keith Chesteron hat einmal notiert: „Das besondere Zeichen der modernen Welt ist nicht, dass sie skeptisch ist, sondern dass sie dogmatisch ist, ohne es zu wissen. Sie sagt, in Verspottung der alten Gläubigen, dass sie geglaubt haben ohne zu wissen, warum sie geglaubt hätten. Doch die Modernen glauben, ohne zu wissen, was sie glauben — und sogar ohne zu wissen, dass sie es glauben.“

Warum nur kommen mir diese Zeilen beim Geschehen in Middlebury in den Sinn, als linke Studenten einen öffentlichen Vortrag des Soziologen Charles Murray nicht nur durch Rufen und Klopfen verhindern wollten, sondern offenbar vor hatten, ihn und seine Begleiter zu verprügeln. Charles Murray beschreibt die absurden Ereignisse lebhaft. Es wird in den USA immer häufiger, was Murray so beschreibt:

Mitte der Neunziger konnte ich auf Studenten zählen, die zuhören wollten, dass sie nach einem gewissen Punkt den Störern zuzurufen anfangen würden: „Setzt euch und seid ruhig, wir wollen hören, was er zu sagen hat.“ Diese Art des Gegenprotests hatte einen Effekt. Sie erinnerte die Demonstranten daran, dass sie in der Minderheit waren. Mir wurde von den Leuten in Middlebury versichert, dass ihre Protestgruppen ebenfalls in der Minderheit sind. Aber sie sind eine Minderheit, die die Mehrheit eingeschüchtert hat. Die Leute im Publikum, die mich reden hören wollten, waren völlig verschreckt. Das darf nicht zugelassen werden. Ein Campus, an dem die Mehrheit der Studenten Angst hat, offen zu sprechen, weil sie weiß, dass eine Minderheit auf sie losgehen wird, ist kein intellektuell freier Campus in irgendeiner sinnvollen Art und Weise.

Das ist natürlich der Sinn dieser „Proteste“: Die Spannweite des akzeptablen Diskurses soweit einschränken, dass quasi nur mehr die eigene Meinung übrigbleibt. Zuerst waren es nur „Safe Spaces“ für Menschen, die andere Meinungen nicht aushalten; dann kam die „Trigger-Warnung“. Nach dem Niederbrüllen bleibt nur noch rohe Gewalt über. Diese Praxis greift in den USA immer mehr um sich und wird in europäischen Medien in der Regel wohlwollend zur Kenntnis genommen, da meist Konservative zum Schweigen gebracht werden sollen. In den USA aber wächst das Unbehagen auch unter vielen Linksliberalen wie etwa Jonathan Haidt über die geistige Verengung und Diskursunfähigkeit an vielen US-Unis.

So analysiert William Deresiewicz, sicher kein Konservativer, im American Scholar, dass viele liberale Colleges zu „religiösen Schulen“ geworden wären:

Was bedeutet es zu sagen, dass diese Institutionen religiöse Schulen sind? Erstens, dass sie ein Dogma besitzen, ungeschrieben, aber von allen angenommen: Ein Satz „korrekter“ Meinungen und Glaubenssätze, oder im besten Falle eine schmale Bandbreite, innerhalb der Uneinigkeit erlaubt ist. Es gibt eine richtige Art zu denken und eine richtige Art zu sprechen, und auch eine richtige Auswahl von Gegenständen, über die man nachdenkt und spricht. Säkularismus wird für selbstverständlich gehalten. Umweltschutz ist eine heilige Sache. Themen der Identität — im wesentlichen die heilige Dreifaltigkeit von Rasse, Gender und Sexualität — stehen im Zentrum der Debatte. […] Die grundsätzlichen Fragen, die eine College-Erziehung stellen sollte — Fragen der einzelnen und kollektiven Tugend, was es meint, eine gute Person und eine gute Gemeinschaft zu sein — werden für entschieden gehalten. […]

Deresiewicz berichtet von Studenten, die Angst haben, Fragen zu stellen, weil sie nur bei einem Verdacht, politisch unkorrekt zu sein, zum Paria werden; von der Suche nach Häresien, die von eifrigen Studenten ausgemerzt werden; vom Wettlauf, noch korrekter zu sein als die anderen. Studenten würden an manchen Universitäten nicht mehr über ein Thema diskutieren, sondern nur mehr, warum diese oder jene politisch korrekte Position als einzige vertreten werden dürfe.

Hier geht es nicht um wehleidiges Gejammere irgendwelcher Randständiger — hier geht es bereits um den Kern des freien Denkens, das in den mittelalterlichen Universitäten von Paris und Bologna mehr gefördert wurde, als sich ein Student von Middlebury für seine Uni überhaupt vorstellen kann. Freilich halten sich die Gläubigen dieser modernen Dogmen oft für ungemein kritisch, säkular und vernunftbasiert. Womit wir wieder beim Eingangszitat von Chesterton wären.

(via Steven A. Pinker)

Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Hätte Luther nur Thomas von Aquin besser gekannt …

Provokant könnte man sagen: Hätten die deutschen Theologen des ausgehenden 15. Jahrhunderts mehr Thomas von Aquin und weniger Wilhelm von Ockham gelesen, wäre uns die Reformation in dieser Form vielleicht erspart geblieben. Martin Luther ist aus katholischer Sicht wohl auch ein Produkt einer unglücklichen Lehrtradition.

Während Thomas die Harmonie von Glaube und Wissen vertritt und überzeugt ist, dass die Vernunft ein Werkzeug der Gotteserkenntnis ist, wird im spätmittelalterlichen Deutschland dieses Bild verworfen. Ein aus menschlicher Sicht willkürlicher, unendlich ferner Gott tritt an seine Stelle. Die philosophische Durchdringung des Glaubens wird rigoros abgelehnt. Luther übernimmt viele Aspekte seiner Lehrer und denkt sie zu ihrem Ende, wobei ihn die Frage der Rechtfertigung vor einem scheinbar willkürlichen Gott besonders umtreibt. Ähnlich bei Calvin, der diese Willkür ins Zentrum seines Glaubens nimmt. August Franzen stellt diese Problematik in seiner Kirchengeschichte schön dar.

Dagegen waren beide Reformatoren offenbar recht schwach in der Kenntnis der Kirchenväter und anderer frühchristlicher Literatur, die sie wohl ins Grübeln gebracht hätte, warum sich darunter niemand mit ihren Positionen findet. Und vielleicht hätte das die Erkenntnis reifen lassen, dass ohne die Autorität der Kirche völlig unklar wäre, was überhaupt der Inhalt der Heiligen Schrift wäre, deren Kanon ja erst im Laufe der Spätantike geklärt wurde.

Ganz anders Thomas, der z.B. in seiner Catena Aurea ganz mühelos Zitate der Kirchenväter und anderer Quellen aus verschiedensten Jahrhunderten aneinanderreiht. Nur, wer die Tradition kennt, kann auch die Geschichte und Argumentationen verschiedener theologischer Debatten abschätzen und verhindern, die Sackgassen der Vergangenheit neuerlich aufzusuchen.