Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Michel Onfray und der Untergang des Abendlandes

Michel Onfray: Décadence

Michel Onfray: Décadence

Es mutet schon seltsam ein, wenn ein kämpferischer Atheist wie Michel Onfray zuerst jahrelang für die Ablösung des Christentums durch eine neue Weltanschauung predigt, und dann ein banges Buch darüber verfasst, wie ein seiner christlichen Zivilisation beraubtes Europa aussieht und aussehen wird.

Anne-Catherine Simon hat in der „Presse“ eine lesenswerte Kritik dieses Buches, „Décadence. De Jésus á Ben Laden“, geschrieben, das einen Vorgeschmack auf dieses zutiefst pessimistische Werk erlaubt.

Dabei stellt sie verwundert fest:

Dabei könnte man meinen, ein Kämpfer gegen alles Christliche (gleichgesetzt mit dem Katholizismus) wäre froh, den Tod der jüdisch-christlichen Zivilisation zu verkünden. Bald würden von ihr nur Ruinen übrig sein, schreibt Onfray. Doch der vom Philosophen seit Jahrzehnten gejagte Feind entpuppt sich nun als relativ harmlos gegenüber dem, was Onfray prophezeit: eine Diktatur, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie Tändeleien erscheinen lassen wird.

Eine Reihe schwarzer Legenden

Dabei breitet er eine Geschichte des Abendlandes aus, die von zwei Prinzipien zu leben scheint: Immer der schlimmsten denkbaren Interpretation geschichtlicher Ereignisse und Personen zu folgen — zumindest im jüdisch-christlichen Kontext –, und aus dem Zusammenhang gerissenene Zitate triumphierend als Argumente vorzubringen – „um vom Unwissen des Lesers zu profitieren, der staunen wird ob dieser Faschingsbelesenheit.“ So schreibt es der Philosoph und Literaturkritiker Rémi Lélian in einer beißenden Kritik des Werks. Onfray scheut sich auch nicht, allerlei „Schwarze Legenden“ zu bemühen, und greift auch zum Evergreen für Ahnunglose: „Jesus ist eine Fiktion.“

Wer die Kulturgeschichte seines eigenen Kontinents willentlich für so unrettbar verwerflich hält, dass jede Verfälschung zum Schlechteren gerechtfertigt ist, wird dann zum eigenartigen Zeugen des Wertes dieser jüdisch-christlichen Welt, wenn er ihrem Untergang apokalyptische Bilder folgen lässt, die den Leser sich bald nach diesem so schrecklich gezeichneten Abendland zurücksehnen lassen.

Denn zwei Barbareien, der Traum vom Kalifat der Islamisten und der Traum von der Überwindung der menschlichen Natur durch die Transhumanisten, werden nach Ansicht Onfrays das Antlitz Europas furchtbar verstümmeln – und das entchristlichte Abendland hat dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Wie Simon treffend schreibt:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Er steht eben selbst in der Kulturtradition, die er bekämpft.

Ein vorkonziliarer Atheist

Einen kleinen Einblick in den widersprüchlichen Charakter Onfrays gibt ein Interview, dass er dem „Figaro“ gegeben hat und auf seiner Website nachzulesen ist. Darin beklagt (!) er den Verlust der Transzendenz in der katholischen Kirche:

„Der Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum hat die katholische Religion laisiert, indem sie das gläubige Volk zu einer Macht der Wahrheit gemacht hat, quasi gleich zu ihrem Hirten. Das Heilige, die Transzendenz, das Mysterium sind oft verschwunden zugunsten einer Pfadfindermoral, die als Ersatz für vertragliche Spielregeln dient, ein Art katholischer Gesellschaftsvertrag. Benedikt XVI, der für eine gedämpfte Rückkehr zu dem plädierte, zu dessen Zerstörung er mit dem Zweiten Vatikanum beigetragen hatte, fand sich in der Position, zurücktreten zu müssen […] Wenn Papst Franziskust sagt, vor zwei Jahren genau, es war am 15. Jänner 2015: ‚Wenn ein guter Freund schlecht von meiner Mutter spricht, kann er einen Faustschlag erwarten’, weiß ich nicht mehr sicher, ob Rom noch in Rom sei.“

Er ist nicht der erste und einzige Atheist, der gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach einer katholischen Kirche hat, die das Mysterium der Transzedenz, den Hauch der Ewigkeit spürbar und erfahrbar macht, ohne sie zu trivialisieren. Eine Kirche, die er mit dem Zweiten Vatikanum für erloschen sieht. Das kann man auch aus dem Buch herauslesen, indem er das Zweite Vatikanum als einen der Wege zur Entchristlichung Europas sieht — eigentlich sogar brandmarkt. Jeder ziehe seine eigenen Schlüsse, was es bedeutet, wenn jemand ein vorkonziliarer Atheist ist.

Hätte Luther nur Thomas von Aquin besser gekannt …

Provokant könnte man sagen: Hätten die deutschen Theologen des ausgehenden 15. Jahrhunderts mehr Thomas von Aquin und weniger Wilhelm von Ockham gelesen, wäre uns die Reformation in dieser Form vielleicht erspart geblieben. Martin Luther ist aus katholischer Sicht wohl auch ein Produkt einer unglücklichen Lehrtradition.

Während Thomas die Harmonie von Glaube und Wissen vertritt und überzeugt ist, dass die Vernunft ein Werkzeug der Gotteserkenntnis ist, wird im spätmittelalterlichen Deutschland dieses Bild verworfen. Ein aus menschlicher Sicht willkürlicher, unendlich ferner Gott tritt an seine Stelle. Die philosophische Durchdringung des Glaubens wird rigoros abgelehnt. Luther übernimmt viele Aspekte seiner Lehrer und denkt sie zu ihrem Ende, wobei ihn die Frage der Rechtfertigung vor einem scheinbar willkürlichen Gott besonders umtreibt. Ähnlich bei Calvin, der diese Willkür ins Zentrum seines Glaubens nimmt. August Franzen stellt diese Problematik in seiner Kirchengeschichte schön dar.

Dagegen waren beide Reformatoren offenbar recht schwach in der Kenntnis der Kirchenväter und anderer frühchristlicher Literatur, die sie wohl ins Grübeln gebracht hätte, warum sich darunter niemand mit ihren Positionen findet. Und vielleicht hätte das die Erkenntnis reifen lassen, dass ohne die Autorität der Kirche völlig unklar wäre, was überhaupt der Inhalt der Heiligen Schrift wäre, deren Kanon ja erst im Laufe der Spätantike geklärt wurde.

Ganz anders Thomas, der z.B. in seiner Catena Aurea ganz mühelos Zitate der Kirchenväter und anderer Quellen aus verschiedensten Jahrhunderten aneinanderreiht. Nur, wer die Tradition kennt, kann auch die Geschichte und Argumentationen verschiedener theologischer Debatten abschätzen und verhindern, die Sackgassen der Vergangenheit neuerlich aufzusuchen.

Peter Singer und der Wert des Menschen

Der Philosoph Peter Singer wird also den ersten Peter-Singer-Preis erhalten. Das ist für sich selbst schon grotesk genug. In der Einladung wird dies so begründet: „Prof. Peter Singer ist ein weltbekannter Bioethiker, der sich seit Jahren für die Minderung des Leids von Tieren und einen unserer Humanität angemessenen Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen einsetzt.“ Das steigert das Groteske ins Unerträgliche.

Sabine Mäser fasst in ihrer online abrufbaren Diplomarbeit zu Singers „Praktischer Ethik“ gleich zu Beginn zusammen, was Minderung des Leids bei Singer heißt: „‚Leiden‘ soll also verhindert werden, paradoxerweise durch die Verhinderung bzw. Tötung der ‚Leidenden‘ selbst. Die Beseitigung von minderwertigem Leben, um das aggregierte Glück zu erhöhen.

Singer ist Utilitarist. Das größte Glück der größten Zahl — das klingt ja fürs Erste nicht so schlecht. Der Mathematiker Rudolf Taschner arbeitet in seiner „Presse“-Kolumne die moderne Faszination mit diesem Utilitarismus heraus: In einer säkularen Welt bietet er eine scheinrationale Moralität, die noch dazu vordergründig mit ökonomischen Nutzenfunktionen verwandt scheint. Wir optimieren die Glücksfunktion der Welt — eine Mischung aus Hipster und Technokratie.

Mathematische Unmöglichkeit

Der Mathematiker geht nicht darauf ein, doch tatsächlich ist der Singer’sche Utilitarismus mathematisch zum Scheitern verurteilt. Der glückstiftende Nutzen ist nicht quantifizierbar, nicht messbar und nur in extremis vergleichbar.

Dieses Problem hat schon den großen Ökonomen Alfred Marshall umgetrieben, der es als unbefriedigend empfand, dass die ökonomische Nutzenfunktion lediglich die persönlichen Präferenzen der Menschen darstellt, wie sie mit den vorhandenen Mitteln ihre Bedürfnisse möglichst gut befriedigen wollen. Das sind Wünsche, Vorlieben, Bedürfnisse — aber nicht das daraus resultierende Glück! Selbst wenn ich die Präferenzen der Menschen der Welt kennen würde, würde mir das nicht genügen, um meine ethische Optimierungsaufgabe zu lösen.

Der reine Handlungsutilitarismus ist also eine zutiefst unpraktische Ethik, weil sie Handlungen nach Maßstäben beurteilen will, die seriöserweise gar nicht angelegt werden können. Das gleiche gilt für Singers Präferenzutilitarismus, der aus dem Handlungsutilitarismus entwickelt wurde. Er wird auch amüsant, wenn man ihn ins Selbstreferentielle wendet. Eine Handlung wird ja danach beurteilt, ob sie der größten Zahl nützt. Nun ist es so, dass das, was einen Menschen glücklich macht, sehr von seinen Werten abhängt, seiner Erziehung, seinem Umfeld. Daraus würde sich eigentlich ergeben, dass es von der weltanschaulichen Prägung meiner Mitmenschen abhängt, welche Handlungen tatsächlich glücksmaximierend wären. Diese Schlussfolgerung wird von Singer zwar angedeutet, aber nicht ernsthaft durchgezogen.

Der Wert des Lebens

Singers Auftritte sind in Deutschland besonders umstritten, weil er Leben abstrakt und aus der Beziehung herausgelöst bewertet. Dabei unterscheidet er strikt zwischen Personen und Menschen, zwei überlappende Mengen. Menschen, die vernunftbegabt und selbstbewusst sind, die Wünsche für die Zukunft haben können, sind Personen. Ihr Leben dürfe nur beendet werden, wenn ihre Präferenz des Weiterlebens durch entgegengesetzte Präferenzen anderer ausgeglichen werde.

Im Kalkül Singers, das immer wieder ökonomisch eingefärbt wird, gibt es auch Menschen, deren Leben nur eine Belastung für die Allgemeinheit sind und daher entfernt werden sollten. Menschen mit Behinderungen hätten z.B. nie das volle Potential der übrigen Menschen, daher sollte man ihr Leben rasch beenden. Freilich, sollten die Eltern so „unsozial“ gewesen sein, ihr behindertes Kleinkind solange überleben zu lassen, dass es Singers Personen-Kriterien erfülle, dürfe es nicht mehr so ohne weiteres getötet werden.

Sabine Mäser bringt es in ihrer Arbeit auf den Punkt:

Was ist aber mit denjenigen, die nichts wussten und nach Singers Definition keine „Personen“ waren, also gar keinen Willen äußern konnten? Auch Singer versucht „nichtfreiwillige“ Euthanasie zu rechtfertigen.

Als die Nazis begannen, Menschen mit geistiger Behinderung in den Anstalten zu töten, taten sie das ebenfalls unter dem Vorwand von Mitleid (Gnadentod). Sie wollten den Menschen angeblich das Leiden und „Dahinvegetieren“ ersparen.

Dahinter steckte aber, wie bei Singer heute, die Utopie einer leidfreien Gesellschaft, in der nur „gesunde“ Menschen leben sollten, die rational und autonom, und somit produktiv waren (sind). Auch die Kostenfrage spielt hier eine Rolle. In den nationalsozialistischen Propagandafilmen wird vorgerechnet, was einzelne „schwachsinnige“ Menschen in Heimen den Staat kosten. In ähnlicher Weise zeigt dies Singer etwa an Komapatienten oder schwer behinderten Menschen auf[.]

Den australischen Philosophen ficht das nicht weiter an: Nur, weil die Nazis Straßen gebaut hätten, müsse man nicht aufhören, Straßen zu bauen. Ebensowenig sei die Euthanasie zu verurteilen, nur, weil sie von den Nationalsozialisten durchgeführt worden sei. So argumentiert er sinngemäß in seiner „Praktischen Ethik“. Allerdings führt er damit in die Irre, denn so wird dieses Argument ja von praktisch niemandem verwendet. Es führt lediglich vor Augen, welche Konsequenze Singers ethisches Projekt konkret hätte. Und welche unglaubliche Hybris darunter verborgen ist.

Ich frage mich jedenfalls: Das ist also einer „unserer Humanität angemessener Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen“?

[Update] In der Neuen Zürcher Zeitung hat Peter Singer ein Interview gegeben, das Teile seiner Philosophie kompakt wiedergibt. Michael Schmidt-Salomon, der die Laudatio auf Peter Singer hätte halten sollen, sagte seine Teilnahme an der eingangs erwähnten Preisverleihung wegen dieses Interviews ab. Überraschend, da Singer darin eigentlich keine neuen Positionen — höchstens etwas anders nuancierte — vertritt als bisher. Ich nehme einmal an, dass einfach auf Grund der anhaltend scharfen Kritik quer durch die politischen Lager die ganze Sache etwas zu heiß geworden war, denn Singer widerlegt in klarer Sprache Schmidt-Salomons eigene Behauptung, dass die linken Kritiker einfach auf entstellte Zitate hereingefallen wären, die ihnen von christlichen Menschenrechtsaktivisten (er nennt sie freilich Reaktionäre) serviert worden wären. Nein, Singer denkt wirklich so, wie es ihm seine Kritiker etwa aus den Behindertenverbänden unterstellen.

Zum Durchdenken 19

„Leute, die oft richtig gelegen sind, sind Leute, die oft ihre Meinung ändern.“
— Jeff Bezos

An dieser Aussage ist viel Wahres dran. Man muss bereit sein, zu lernen, offen dafür zu sein, dass neue Erkenntnisse die eigenen Annahmen ins Wanken bringen können. Es ist ja viel leichter, kognitive Dissonanzen durch Zurechtbiegen der Fakten zu bereinigen als durch Änderung der eigenen Meinung. Aber das letztere verspricht mehr Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Kurz gesagt: Jeder sollte ein wenig Popper beherzigen und sich bewusst werden, auf welch schlammigen Grund die eigenen Überzeugungen gebaut sind.

Bezos führte bei seinem Besuch bei 37signals diesen Gedanken anscheinend weiter:

Er hätte beobachtet, dass die klügsten Menschen ständig ihre Erkenntnisse revidieren, ein Problem noch einmal wälzen, von dem sie dachten, sie hätten es schon gelöst. Sie seien für neue Standpunkte offen, neue Informationen, neue Ideen, Widersprüche und Herausforderungen ihrer eigenen Denkart gegenüber.

Wie es John Maynard Keynes gemäß einer apokryphen Anekdote gesagt haben soll:

„Wenn sich meine Informationen wandeln, ändere ich meine Schlüsse. Was würden sie tun, Sir?“

Man mag von Amazon halten, was man will: Sein Gründer Jeff Bezos ist zweifellos ein erfolgreicher Unternehmer, der nicht nur den Weltmarktführer im Internet-Versandhandel aufgebaut hat, sondern auch vom E-Reader bis zur Auslagerung von Server-Infrastruktur, vom Musikdienst bis zum Betrieb von Handelsplattformen für andere Unternehmen (z.B. Marks & Spencer), vom eigenen Handy bis zum „Mechanical Turk“ eine breite Palette an Märkten bearbeitet. Man kann ihm nicht absprechen, dass er in seiner Kernkompetenz diese Flexiblität an den Tag gelegt hätte.

Allerdings gibt es auch Grenzen der Änderung der eigenen A-Priori-Annahmen. Ohne Rahmen, in den wir Erkenntnisse einordnen können, wäre ja alles nur sinnloses Gerausche. Und dieser Rahmen, zu dem auch unsere fundamentale Weltanschauung gehört, lässt sich nicht so einfach aus den Angeln heben.

(via Daring Fireball)

Alles ein Privileg? Dann Sozialismus.

Langjährige Beobachtung der öffentlichen Diskussionen in Österreich und anderen Ländern hat mich gelehrt, dass die große Debatte zwar überall gleich unehrlich geführt wird; sich aber anderswo leichter Stimmen finden lassen, welche die eigentlichen Argumente hinter einer Position klar formulieren.

So hat der Anglist Fredrik deBoer ein Schlüsselargument für Sozialismus auf den Punkt gebracht:

Gerade die Idee, jemand bekomme, was er verdient habe — die Idee, dass einige Menschen gerechtfertigte Erfolge erbracht haben, die wir begrüßen sollen weil sie einen „Verdienst“ aufzeigen, was immer das ist, unterschieden von ihren Privilegien, ist, was vergehen muss. Es gibt keinen Platz, wo das Privileg endet und gerechtfertigter Erfolg beginnt. Stattdessen ist die Welt von so multivariater Komplexität, dass wir nie wissen werden, wessen Erfolge verdient sind und wessen nicht. Stattdessen sollten wir die Torheit erkennen, materielle Sicherheit und Komfort mit unserer fehlerhaften Wahrnehmung des Wertes anderer Menschen zu verknüpfen, und stattdessen [3. Wortwiederholung! Bei einem Anglisten!] ein wirtschaftliches System einführen, das auf dem absoluten Recht aller Menschen auf Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsversorgung und Bildung beruht.

Weil jeder Mensch das Produkt seiner Gene und seiner Umwelt sei, habe niemand das verdient, was er positiv erreicht habe. Daher sollten sicherheitshalber alle das Gleiche erhalten — aus Erfahrung wissen wir: gleich wenig. Denn jeder verdiene bestimmte Güter einfach deswegen, weil er ein Mensch sei — obwohl auch das im strikten Sinn der „privileges“-Diskussion ja ebenfalls ein „unverdientes Privileg“ ist. Jedenfalls sei jede weitere besondere Leistung von einem Ergebnis ungerechtfertigter Privilegien nicht zu unterscheiden.

Der Ökonom Adam Ozimek kontert deBoers Schlussfolgerung: Das wir auch ein Produkt von Vererbung und Umwelt seien, treffe ja nicht nur auf die wirtschafliche Sphäre zu, sondern auch darauf, ob „wir spenden, viel Freiwilligenarbeit leisten, oder ein guter Vater und Ehemann sind, oder ehrlich sind, oder nett, etc.“

Sollten wir aufhören, Ehrlichkeit zu preisen, weil, wie die Arbeitsethik jemandes der Medizin absolviert hat, wir nicht präzise unterscheiden können, wenn Ehrlichkeit nur ein Ergebnis der Erziehung ist?

Der Sozialwissenschafter weiß: Wir Menschen reagieren auf Anreize. Sinnvollerweise! Wenn Ehrlichkeit gelobt wird, positiv gesehen wird, so werden sich die Menschen etwas ehrlicher verhalten also sonst. Wenn — und hier geht deBoer völlig in die Irre — Menschen etwas von ihrer wirtschaftlichen Leistung haben, werden sie mehr davon erbringen. Die Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsversorung und Bildung, die deBoer verteilen will, würden ohne diese Anreize wohl in deutlich geringerer Menge geschaffen, als er denkt.

Und eine Welt, die die Schaffung wirtschaftlicher Werte trotz der deutlich unterschiedlichen Neigungen der Menschheit belohnt, bedeutet, dass wir mehr ökonomischen Wert geschaffen haben und alle besser dastehen, einschließlich derer ohne solche Neigungen.

Selbst, wenn niemand selbst etwas dafür könnte, was er so alles geleistet hat, ist es in unser aller Interesse, dass es sich auszahlt, etwas zu leisten.

Selbstmord aus Selbstsucht?

Kann Selbstmord die Kulmination von Selbstsucht sein? Man denke an den Selbstmord in Wien, der ein Haus schwer beschädigte und durch glücklichen Zufall nur dem Täter das Leben kostete. Der junge Täter sei beschäftigungslos gewesen und hätte möglicherweise aus Liebeskummer gehandelt.

Wie ist es gerechtfertigt, nur deswegen, weil man nicht das bekommen hat, was man wollte, nicht nur sich selbst zu zerstören, sondern potientiell eine Zahl Dritter? Selbstzerstörung als Triumph der Selbstsucht?

In der Psychologie geht man heute in der Regel davon aus, dass Selbstmord Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist. In Fällen wie Depression ist dem wohl ausdrücklich zuzustimmen, auch wenn man etwa in den Niederlanden nicht davor zurückschreckt, Behandlungskosten von Depressionspatienten durch deren „freiwillige“ Euthanasierung zu senken.

Doch es gibt auch Selbstmorde, bei denen der Täter selbst willentlich handelt, von Vorstellungen geleitet wird, die sein Handeln rechtfertigen sollen. Émile Durkheim hat in 1897 in seinem Buch „Le suicide“ versucht, Selbstmord soziologisch aufzuarbeiten. Dabei hat er die Einflüsse sozialer Integration und moralischer Vorstellungen auf Selbstmord systematisiert. Eine seiner Kategorien ist der egoistische Selbstmord, in dem ein Individuum keine Bindung an die Gesellschaft mehr verspürt, und daher einerseits keinen Halt mehr hat, andererseits auch keine Rücksicht mehr nimmt.

Dieser Typus wird in manchen liberalen Kreisen durchaus verherrlicht, die vom Grundrecht des Menschen auf Selbstmord reden und dies mit einer naiven individual-utilitaristischen Argumentation unterstützen. Jeder Mensch solle seinen persönlichen, subjektiven Nutzen maximieren; wenn er glaubt, dies durch seinen Selbstmord verwirklichen zu wollen, so sei das eben so. Keine Bindungen, keine Rücksicht mehr. Manche gehen so weit, Selbstmordprävention als ungerechtfertigen Eingriff in die Freiheit zu werten.

Doch schauen wir uns den Fall des 19jährigen an: Was wäre noch alles vor ihm gelegen? Welche Möglichkeiten hätten sich allein aus seiner Jugend noch ergeben? Welchen dauernden Verlust, welchen Schmerz hat er sich und anderen wegen vorübergehender Probleme zugemutet? Ich rede da auch von seinem Umfeld, Bekannten, Freunden, Familie.

Durkheim hat, bei allem, was an der Studie mittlerweile überholt ist, damit recht: Ein belastbares Netzwerk von Familien und Freunden, auf die man sich verlassen kann, ein moralischer Kompass, der den Wert des Lebens anzeigt, reduzieren die Gefahr einer solchen Tat deutlich. Dazu gehört freilich auch, dass man die Signale des Betroffenen versteht. Man sollte es ernst nehmen, wenn jemand Selbstmordgedanken hegt, und ihm präventiv helfen, aus dieser Verfinsterung der Seele zu entkommen. Man rettet damit möglicherweise nicht nur ein Leben.

Infantizid und der Kreis der Menschheit

Die moralische Rechtfertigung „nachgeburtlicher Abtreibung“ — die Tötung kleiner Kinder — wird immer wieder diskutiert. In der utilitaristischen Philosophe eines Peter Singer gehört sie quasi zum Kanon dazu, vor einiger Zeit haben Giubilini und Minerva die Debatte wieder angefacht. Es klingt widerlich; aber was ist mir ihren Argumenten? Ich habe dazu ein interessantes Zitat von Ramesh Ponnuru gefunden:

Was aber wohl das Schrecklichste an dieses Apologien des Kindermords ist, ist, das sie nicht ganz Unrecht haben. Sie haben unrecht in bezug auf die Rechtfertigbarkeit des Infantizids; aber sie haben recht, dass, wenn Abtreibung gerechtfertigt ist, dann auch Infantizid. Menschen, die das erste Mal von Peter Singers Ansichten hören, sind geneigt zu antworten, er sei einfach verrückt. Aber wenn die Philosophen des Infantizids wahnsinnig sind, dann nur in Chesterton’schen Sinne: Sie sind keine Menschen, die ihren Verstand verloren haben, sondern Menschen, die alles verloren haben außer ihrem Verstand. (Im Englischen ein Wortspiel: „They are not people who lost their reason, but people who have lost everything but their reason.“) Sie argumentieren fehlerlos von äußerst fehlerhaften Prämissen, die sie mit vielen Menschen teilen, die es vermeiden, Kindstötungen zu unterstützen, indem sie mangelhaft von diesen Prämissen argumentieren.

Singer und die anderen haben einfach die Prämissen hinter der Abtreibung angenommen und danach getrachtet, sie konsistent anzuwenden. Die Ideen, dass es ein moralisches Recht gebe, eine Abtreibung durchzuführen, und dass es ein gesetzliches Recht dazu geben sollte, basieren auf der Annahme, dass einige Menschen kein Recht haben, nicht getötet zu werden. Versucht man, Kriterien zu finden, die den Entzug des Schutzes von Menschen in der embryonalen und fötalen Entwicklungsstufe vernünftig erklären, stellt sich unvermeidlich heraus, dass diese Kriterien den Entzug des Schutzes von zumindest einigen Menschen in späteren Entwicklungsstufen auch rechtfertigen.

Darauf erfolgt die unvermeidliche Antwort: Irgendwo muss man eben einmal eine Grenze ziehen. Aber nein, muss man nicht. Man muss keine Grenze ziehen, die Menschen mit Rechten und Persönlichkeit von denen ohne trennt. Man kann stattdessen einen Kreis um die ganze Klasse der Menschen ziehen, und sagen, dass keiner darin willentlich getötet werden soll, wenn er friedlich handelt.

Zum Durchdenken 16

Heute bin ich auf diesen Satz des großen Ökonomen Frank H. Knight gestoßen, der angesichts der kommenden Wahlen bedenkenswert ist:

The probability of the people in power being individuals who would dislike the possession and exercise of power is on a level with the probability that an extremely tender-hearted person would get the job of whipping master in a slave plantation.

— Frank H. Knight

Ich würde das so übersetzen:

Die Wahrscheinlichkeit, dass die machthabenden Personen Menschen sind, denen der Besitz und die Ausübung von Macht zuwider sind, ist etwa gleich hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein besonders weichherziger Mensch den Beruf eines Sklaventreibers auf einer Plantage erhält.

Knight war deswegen trotz seiner tiefen Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft ein Kritiker von staatlichen Machtanballungen. Zu überspitzt formuliert? Zu pessimistisch? Das muss ich selbst erst durchdenken.

Zum Durchdenken 15

Die meisten Europäer können die europäischen Werte nicht benennen, sie haben Angst davor. Sie sagen Demokratie, Rechte, Freiheit. Aber das sind keine Werte. Es sind nur Methoden, um Werte zu realisieren. […] Ein Wert ist eine Definition, wie man sein sollte. Wir sollten darüber diskutierten, was das Richtige ist.

— Der britische Philosoph Philipp Blond in einem Interview in der „Presse“