Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Geburten: Wenn die Statistik nicht alles weiß

Im Standard findet sich ein interessanter, wenn auch inhaltlich tendenziöser Bericht zur Geburtenentwicklung in Österreich. Nach statistischen Auswertungen wurden 2015 41.783 Kinder (49,5%) von katholischen Müttern geboren, 2.595 (3,1%) von evangelischen, 119 (0,14%) von jüdischen und 10.760 (12,8%) von muslimischen Müttern. Daraus ließen sich schon deutliche Bevölkerungstendenzen ableiten, die je nach Sichtweise nicht unbedingt erfreulich sein müssen.

Der Artikel will aber etwas anderes herausarbeiten: Dass allgemein die Bedeutung der Religion abnehme und konfessionslose Mütter eine immer größere Rolle spielten, denn immerhin sei deren Anteil in den letzten Jahren sprungartig gewachsen.

Nun ist anzunehmen, dass der Trend — Säkularisierung der früheren Christen, deutliche Zunahme des moslemischen Bevölkerungsanteils — korrekt ist. Die sprunghaften Anstiege „konfessionsloser“ Mütter der letzten Jahre haben aber auch sehr viel damit zu tun, dass das Religionsbekenntnis der Mütter offenbar immer seltener korrekt angegeben wird. So waren beispielsweise die katholischen Taufen bis 2010 stark rückläufig, sind seit damals aber stabil (2010: 48.781, 2015: 48.587). Dabei gibt es einen Trend zur späteren Taufe: Laut katholischer Kirchenstatistik 2015 wurden 43.174 Kinder vor dem ersten Geburtstag getauft, 2010 waren es noch 43.973.

Bei aller Unschärfe kann man davon ausgehen, dass da eine Diskrepanz von mehreren tausend Kindern zwischen der Krankenhausstatistik und der faktischen Religionszugehörigkeit allein bei den Katholiken vorliegt, die 2014 und 2015 besonders deutlich gestiegen ist. Es wäre interessant, ob es da eine Änderung in der Erfassung gegeben hat, oder einfach mehr Menschen der Meinung sind, es geht den Staat eben nichts an, welche Konfession man hat.

Braucht der Islam einen Luther?

In der FAZ fragt Simon Wolfgang Fuchs: „Wo bleibt der muslimische Luther?“ Die einleitende Frage führt in die Irre, so die These. Das größere Problem sei die Delegitimierung der traditionellen, auf Ausgleich bedachten Gelehrten durch die Reformbewegung des Salafismus einerseits und machtbewußte Autokraten andererseits, die den Gelehrten die Rolle der Bestätigung der jeweiligen offiziellen Politik zugedacht haben.

Die einleitende Frage führt auch vor, wie mitunter die Reformation falsch verstanden wird. Sie sollte nicht Glaube und Vernunft versöhnen, im Gegenteil: Für Luther und Calvin war die Kirche zu säkular, zu diesseitig, zu entfernt von den Wurzeln, zu vernunftbetont und wissenschaftshörig. Die scholastische Theologie, die von der gegenseitigen Stütze von Glauben und Vernunft überzeugt war, diese Theologie war den Reformatoren ein Greuel.

Luther wandte sich zutiefst gegen die Vermengung von Philosophie mit christlicher Theologie. Wie Jan Rohls formuliert: „Zudem ist er der Meinung, dass selbst die Nominalisten, auch wenn sie betonen, dass die Theologie letztlich nur auf der Offenbarung beruht, der Vernunft und der Logik einen zu großen Raum innerhalb der Theologie zubilligen.“1 weiter: „Der Vernunft wird so über eine rudimentäre Gotteserkenntnis hinaus jede Berechtigung innerhalb der Theologie abgesprochen.“2 In seiner Disputation gegen die scholastische Theologie lässt er die These verteidigen: „Keine syllogistische Formel hält Stich bei Aussagen über göttliche Dinge.“3

Diese Trennung der Philosophie — de facto der Wissenschaft — vom Glauben war aber nicht als Verselbständigung der Wissenschaft gedacht, sondern als Befreiung des Glaubens. Luther, Calvin und Zwingli — die man freilich nicht über einen Leisten schlagen darf — betonten alle die Bedeutung der Offenbarung, die sich wiederum nur in der Heiligen Schrift erfahren lässt. Sola scriptura.

Hier schlägt Fuchs hinterlistig zu. Denn es gibt ja eine sehr erfolgreiche islamische Bewegung, die eine Abkehr von den Jahrhunderten der Tradition der Rechtsgelehrten will, um stattdessen allein auf Grundlage des Koran den Islam durch eine Rückkehr zu den Wurzeln zurück zu reformieren: Den Salafismus. Natürlich kann man Luther und die Salafiyya nicht vergleichen. Islam und Christentum sind dafür zu verschieden — und genau das ist der Grund, warum alle diese Vergleiche, der Islam müsse nur die „gleiche Entwicklung“ wie das Christentum nehmen, so völlig verkehrt (und gegenüber dem Islam auch ziemlich arrogant) sind.

Nebenbei: Es waren die 150 Jahre währenden Religionskriege, die dem Gedanken der religiösen Toleranz einen großen Schub gegeben und die Aufklärung befeuert haben. Würde man das jetzt so einfach umlegen können, würde dann so um das Jahr 2150 im Nahen Osten eine Ära der Toleranz beginnen …


  1. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 248 
  2. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 250 
  3. Martin Luther: Luther Deutsch. Die Anfänge. S. 358 

Die APA im Fieberwahn

Schon lange habe ich keinen seltsameren Gesundheitsartikel als diesen Text der Austria Presse Agentur gelesen, der leider zum Füllen von Zeitungsspalten verwendet wird. Im wesentlichen geht es einerseits darum, dass eine künstliche Senkung von Fieber Krankheiten verlängern kann, und dass am verbreiteten Wunsch nach Fiebersenkung „die Religionen“ Schuld seien.

Der News-Faktor der Meldung, der sich offenbar auf eine Rede des Wiener Infektiologen Christoph Wenisch beim Ärztekongress in Grado stützt, ist null, der Service-Charakter dürftig. Er gibt einfach die verbreitete Position der Wiener Infektiologen wieder.

Der Anti-Religions-Schlenkerer ist einfach nur skurril. In Zeiten, als man die Ursache von Fieber oft nicht erkennen konnte, ist es doch naheliegend, allgemein ein Ende des Fiebers herbeiführen zu wollen. Übrigens ist auch heute nicht bei allen Fiebererkrankungen die Ursache erkennbar. Und wenn Menschen um ein Ende des Fiebers beten, dann hoffen sie in der Regel auf ein Ende der auslösenden Krankheit; dieses kleine Detail scheint dem kämpferisch anti-religiösen Journalisten hinter dem Text entgangen zu sein.

Dass Menschen Fieber senken wollen, ist ebenfalls wenig überraschend: Es hängt ja damit zusammen, dass Fieber als enorme Belastung des Körpers wirkt. Nun mag es sein — je nach Studie gibt es hier widersprechende Ergebnisse –, dass das Senken von Fieber die darunterliegende Krankheit verlängert. Doch bei vielen Fiebererkrankungen ist es einem nun einmal lieber, den Tag halbwegs zu überstehen, als vielleicht (!) schneller gesund zu sein, aber dafür völlig daniederzuliegen.

Wie man so einen Artikel informativer und sachlicher gestaltet, kann man übrigens beim ARD nachlesen.

Diskriminierung: „Levelling up“ klingt gut, ist schlecht

Der Vorstoß der SPÖ zu einer Verschärfung des Gleichbehandlungsgesetzes klingt auf den ersten Blick einmal sympathisch. Wer ist schon dafür, dass Menschen diskriminiert werden? Die SPÖ nennt das auch nett „levelling up“ — das Niveau des Schutzes gegen Diskriminierungen würde eben angehoben.

Wobei die Begründung etwas grotesk ist. Der Sieg eines Travestiekünstlers beim Song Contest hätte auf Diskriminierungen aufmerksam gemacht. Das widerspricht ja diametral den Aussagen aus der gleichen Ecke, der erste Platz für Conchita Wurst sei ein Sieg der Toleranz gewesen. Entweder — oder. Es ist doch eigentlich so: Sozialminister Hundstorfer hat diese Novelle schon zweimal auf die Reise geschickt, und sieht einen willkommenen Anlass dafür, es ein drittes Mal zu versuchen. Er soll nur bitte dafür nicht ein erfolgreiches Musikprojekt vereinnahmen. Das ist unehrlich.

Der Vorschlag, dass man bei privaten Verträgen nun gegen eine vermutete Diskriminierung nach Weltanschauung, Alter, Familienstand oder sexueller Orientierung gerichtlich vorgehen können soll, ist aber nichts anderes als eine Einladung für Klagsdrohungen und ein tiefer Eingriff in die Privatautonomie. Denn die Beweislast soll den Unternehmer treffen — eine Schuldvermutung zu widerlegen ist aber bekanntlich sehr schwierig. In Ländern, in der diese schwerwiegenden Eingriffe Realität sind, ist es daher auch geübte Praxis, bei einem Vertragsabschluss besonders deutlich darauf hinzuweisen, dass man einer durch ein Gleichbehandlungsgesetz privilegierten Gruppe angehört, um bessere Konditionen rauszuschlagen oder bei Ablehnung gleich einmal auf eine außergerichtliche Entschädigungszahlung zu pochen. Wer will den schon die schlechte Presse haben, er habe jemanden diskriminiert?

Privilegiert habe ich mit Absicht geschrieben: Denn es sind ja nur einige Merkmale arbiträr in die Liste aufgenommen worden, während andere, wohl ebenso unsachliche Unterscheidungen weiter erlaubt sein sollen. Die Religion wurde aus dem letzten Entwurf beispielsweise gestrichen, was angesichts der Erwähnung der Weltanschauung sehr seltsam ist — ist nicht jede Religion auch eine Weltanschauung? Und wer im Geschäft nicht bedient wird, weil er „so ein schiaches Gfries hat“, der wird anscheinend nach Ansicht Hundstorfers nicht diskriminiert.

Kern der Vertragsfreiheit ist ja, dass man eben frei ist, mit jedem mündigen Partner einen Vertrag abzuschließen, mit dem man das eben tun will. Und wie der kürzlich verstorbene Gary S. Becker gezeigt hat, schaden sich Unternehmer, die unsachlich diskriminieren, in der Regel selbst mehr als dem Gegenüber. Noch etwas: Was ist mit dem Recht des Unternehmers, nicht wegen seiner Weltanschauung etc. diskriminiert zu werden? Darf man ein muslimisches Restaurant zwingen, ein Buffet mit Schweinefleisch herzurichten? Einen Hochzeitsfotografen, Bilder einer Art Ehezeremonie zwischen einem Mann und mehreren Frauen auf einmal zu fotografieren? Klingt alles absurd, ist aber in manchen Ländern so oder so ähnlich bereits Thema von Gerichtsverhandlungen gewesen.

Hoffentlich bleiben wir von solchen massiven Staatsinterventionen in unser Handeln, Leben und Denken verschont.

US-Supreme Court: Gebete vor staatlichen Sitzungen sind zulässig

Der Oberste Gerichtshof der USA hat entschieden, dass Gebete zur Eröffnung staatlicher Versammlungen keine Verletzung der Meinungsfreiheit seien, und hob eine gegenteilige Entscheidung des Berufungsgerichts auf. Diese Entscheidung kann auch in Europa von Bedeutung sein, da ähnliche Konflikte mit ähnlichen Argumenten ausgetragen werden.

Zur Vorgeschichte: In der Stadt Greece im Bundesstaat New York ist es seit 1999 üblich, Stadtratsversammlungen mit einem kurzen Gebet eines Repräsentanten einer Glaubensgemeinschaft zu beginnen. Dabei kamen im Lauf der Zeit verschiedene Gruppen zu Wort; da Greece christlich geprägt ist, überwiegend christliche Gemeinschaften. Zwei Atheisten sind dagegen gerichtlich vorgegangen und wollten ihren Mitbürgern das gemeinsame Gebet verbieten lassen.

Wie das US-Blog Volokh Conspiracy analysiert, waren sich alle neun Richter einig, dass solche Gebete in staatlichen Versammlungen grundsätzlich zulässig sind, da sie Ausdruck in der Bevölkerung verwurzelter Überzeugungen sind.

Allerdings trennten sie sich entlang parteipolitischer Linien in der Frage, ob die konkrete Praxis in Greece „inklusiv genug“ gewesen sei. Die linke Minderheit fordert Gebete, die weltanschaulich möglichst unverbindlich sind. Die rechte Mehrheit sieht als Grenze an, dass die Gebete andere Gruppen nicht herabwürdigen bzw. nicht zur Missionierung dienen dürften. Es sei aber keineswegs erforderlich, dass die Gebete einem allgemeinen Theismus folgen oder konfessionell neutral sein müssten — gerade das würde schwere Eingriffe in die Meinungsfreiheit bedeuten, da staatliche Stellen über den Gehalt religiöser Äußerungen bestimmten würden. Da die Meinungsfreiheit gerade Minderheitsäußerungen schützen wolle, sei es auch keineswegs notwendig, dass das Gebet einer Mehrheitsmeinung entsprechen müsse. Es sei jedoch geboten, im Laufe der Zeit alle relevanten Gruppen in nicht diskriminierender Weise einzubinden. Eine diskriminierende Absicht könne den Verantwortlichen in Greece aber nicht unterstellt werden.

Erwachsene würden oft Meinungsäußerungen hören, mit denen sie nicht übereinstimmten. (Das ist ja geradezu ein Grundsatz der Meinungsfreiheit!). Dass die beiden Beschwerdeführer sich durch die Gebete belästigt fühlten, sei daher kein hinreichender Grund, sie zu verbieten.

Andrew Brown zu Religion und Wissenschaft

Was ist eigentlich „Religion“? Das ist auf den ersten Blick eine seltsame Frage; jeder hat so seine Vorstellung, was damit gemeint ist. Im Lexikon gibt es natürlich eine Definition des Wortes. Und so weiter. Doch, so erzählt Andrew Brown im „Guardian“, täuscht das darüber hinweg, daß in Fachkreisen zahlreiche verschiedene Definitionen von Religion herumschwirren. Beschreibt man das Phänomen mehr an Hand seiner Funktionen? Kann man ein inneres Wesen der Religion festmachen? Manchmal stellen wir fest, daß für einige Fußballfans die Identifikation mit ihrer Mannschaft religiöse Züge annimmt. Kann auch Wissenschaft religiöse Züge annehmen? Was meinen wir damit?

Andrew Brown versucht in seiner Kolumne ein Kriterium aufzustellen, wie er Religion und Wissenschaft auseinanderhält:

Let’s imagine that some future alien archaeologist, poking around in the remains of the Earth, comes across the pyramids and also the great circular tunnel, stripped of its machinery, which once contained the Large Hadron Collider outside Geneva. Unless alien archaeology really is unimaginably alien, both of these giant structures, whose purpose is not immediately obvious, will at once be labelled “ritual structures”. They were both feats of engineering, which required huge co-ordinated efforts, inspired by a belief in some non-material, transcendent good. In both cases, the people served a priesthood whose knowledge they had to take on faith. So, is there any test that lets us say that the one enterprise is “scientific”, and the other “religious”? It seems to me that there is one.

If you were to work out the purposes of the two structures and try to build working models, the LHC tunnel would produce the same results in the alien future as it does now. The same experiments would produce the same evidence of the Higgs boson. The pyramids could not work like that. We could rebuild a pyramid, stock it with grave goods, and entomb some deserving, eviscerated and mummified world leader inside it. But at the end of these operations we still wouldn’t know what Egyptians believed, or how. We certainly wouldn’t know that the world leader had passed into the afterlife. If we did – if ritual actions had predictable, if inexplicable, results – that wouldn’t be religion, but magic.

Der Optimismus Browns bezüglich des Large Hadron Collider ist reichlich übertrieben. Später stellt er etwa für Stonehenge fest, daß die enormen Ressourcen, die für diesen Steinkreis zur Bestimmung der Sommersonnenwende notwendig waren, auf ihren besonderen Zweck schließen lassen. Doch das gleiche läßt sich wohl für den LHC sagen, dessen Aufwand sich rein rational kaum rechtfertigen läßt. Aber er deutet auf einen wichtigen Punkt: Mythen, sinnstiftende Erzählungen, gemeinsame Rituale, gemeinsame Hoffnungen, Ideen über die Ordnung des Seins, das alles gibt es nicht nur in den bekannten Religionsgemeinschaften. Die Funktion der Religion wird auf verschiedene Weise erfüllt. Ich würde soweit gehen und in Abwandlung Paul Watzlawicks sagen: Man kann nicht nicht religiös sein.

Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt

Man kann ruhig sagen: Seit es Menschen gibt, sind Menschen religiös. Die ältesten archäologischen Spuren des Glaubens lassen sich immerhin bis in die Altsteinzeit zurückverfolgen. (Als Christ kann man das als Bestätigung Augustinus’ berühmten Ausspruchs sehen: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“ [Hier vom Herzogenburger Propst Maximilian Fürnsinn ausgebreitet.] Es drängt uns einfach, nach dem verborgenen Gott zu suchen.)

Unter Religionswissenschaftern gibt es seit langem eine Diskussion, ob die Vereinigung von Menschen zu größeren Verbänden, insbesondere durch den Ackerbau, auch zu größeren religiösen Strukturen geführt hat, oder umgekehrt. Eine gängige These besagt, dass die organisierte Religion geholfen hat, das Zusammenleben der Ackerbauern zu strukturieren, und umgekehrt erst durch deren Ressourcen möglich wurde. Dazu ist in „National Geographic“ ein interessanter Artikel erschienen, der sich mit der Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts im türkischen Göbekli Tepe beschäftigt, das seit 1995 dort Grabungen durchführt.

Der älteste Tempel der Welt

Der Artikel ist natürlich etwas plakativ und heißt „The Birth of Religion“, doch weist er auf eine besondere Entdeckung des Archäologen Klaus Schmidt und seines Teams hin. Denn in Göbekli Tepe wurden riesige behauene und verzierte Steine gefunden, die vor über 11.000 Jahren bearbeitet und aufgestellt worden sind – eine uralte Tempelanlage, die älteste, die bislang bekannt geworden ist, und die jedenfalls vor der Einführung des Ackerbaus errichtet worden ist. Auf der Seite des DAI werden die bisherigen Erkenntnisse so zusammengefasst:

[…] Die seit 1995 jährlich durchgeführten Grabungskampagnen erbrachten keine Wohnbebauung oder Befestigungen, sondern bislang unbekannte, monumentale, megalithische Kreisanlagen, an deren religiöser Funktion kaum Zweifel anzumelden sind. Tonnenschwere monolithische Pfeiler werden von Mauerzügen, die „Innen“ und „Außen“ temenosartig abgrenzen, kreisförmig verbunden. Im Zentrum steht ein alles überragendes Pfeilerpaar. Die auf einigen dieser Pfeiler im Relief dargestellten Arme erlauben es, sie als menschengestaltig aufzufassen. Auf den Pfeilern angebracht sind großformatige Reliefs von wilden Tieren wie Raubkatzen und Stieren, von Keilern, Füchsen und Schlangen. Die Reliefs eröffnen den Blick auf eine Bildersprache, deren Ausdeutung zusammen mit der Gesamtbewertung der Befunde noch manch kontroversen Gelehrtendiskurs nähren wird.

Deutlich ist schon jetzt, dass die frühesten bislang fassbaren Architekturformen keinesfalls klein und unscheinbar, sondern in unerwartet monumentaler Ausgestaltung erscheinen. Erst in den jüngeren Bauschichten des Göbekli Tepe wird eine Transformierung der Kreisanlagen zu miniaturhafteren Formen, auch zur rechteckigen Grundrissgestaltung, sichtbar.

[…] Parallel zu den Grabungen werden paläozoologische und paläobotanische Untersuchungen durchgeführt, die zeigen, dass die Menschen, deren Wirken uns am Göbekli Tepe überliefert ist, noch einer wildbeuterischen Gesellschaftsstufe angehörten. Aus ihrer Sicht wird das neolithische Dorf, die altorientalische Stadt, erst in einer fernen Zukunft als Motor gesellschaftlicher Entwicklungen auf den Plan treten. Nur eine Versammlung der Jäger, die sich gleichsam zu „olympischen Treffen“ auf dem Berg einfand, kann die Arbeitsleistung, die zur Errichtung der Bauten notwendig war, erbracht haben. „Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt“, wäre plakativ die Folgerung, die sich hieraus ableiten lässt. Sie gilt es bei den zukünftigen Grabungen zu bestätigen oder aber zu modifizieren.

Der Fund in Göbekli Tepe sagt natürlich Weiterlesen

Steinigen ist eh irgendwie okay …

Ein seltsam relativistischer Artikel in der „Presse“ über „Moses, Mohammend und die Steinigung“ der ansonsten sehr kompetenten Journalistin Anne-Catherine Simon hat mich ratlos zurückgelassen. Darin wird im Prinzip die Steinigung, wie sie heute in vielen islamisch dominierten Ländern praktiziert wird, dadurch gerechtfertigt, dass Steinigungen in früheren Zeiten auch in anderen Kulturen gang und gäbe gewesen wären — insbesondere das Judentum wird bemüht — , und außerdem Mohammed eigentlich „im Vergleich zu seiner Zeit und Tradition fast milde“ wirke.

Aus dem Artikel selbst heraus erkennt man aber bald die zwei Trugschlüsse, die dem Artikel zu Grunde liegen:

  1. Phänomene verschiedener Jahrhunderte werden bunt durcheinander gewürfelt. Dass die Strafen des Altertums, ob im Codex Hammurabi oder im Zwölftafelgesetz, harsch waren, ist bekannt und hängt mit den Umständen der Rechtsfindung, des gesellschaftlichen Zusammenlebens etc. zusammen. Doch mit der Veränderung der Gesellschaft ging auch eine Veränderung des Rechts einher. So ist im Judentum bereits Jahrhunderte vor der Entstehung des Islams die Steinigung als offizielle Hinrichtungsart abgekommen, auch wenn sie in derLynchjustiz vorgekommen sein mag. Es ist daher für die Beurteilung, ob die Steinigung im 7. Jh. n. Chr. üblich war oder nicht, irrelevant, ob sie in anderen Rechtsvorschriften ein paar Jahrhunderte früher vorgeschrieben war. Zur Zeit Mohammeds selbst war sie weder im Judentum noch im Byzantinischen Reich eine offizielle Hinrichtungsart. Auch für das Sassaniden-Reich gilt, so weit man weiß, dasselbe.
  2. Der relevante Vergleichszeitpunkt ist aber ohnehin das Hier und Jetzt, wie Le Penseur auf den Punkt bringt:

    [D]er entscheidende Unterschied wird ausgeblendet. Und zwar der einzige, auf den es wirklich ankommt: Im einzigen Land der Welt mit jüdischer Mehrheitsbevölkerung, nämlich Israel, ist die Zahl der gesteinigten jüdischen Ehefrauen exakt wie hoch? Na, ist ja nicht so schwer! Sie ist nämlich exakt NULL. Seit der Gründung Israels! Ebenso gibt es im christlichen Europa schon seit Jahrhunderten keine Todesstrafe für Ehebruch. Dagegen werden in Staaten mit mohammedanischer Bevölkerung mit unschöner Regelmäßigkeit aus diesem Grund Steinigungen vorgenommen. Nicht in allen, aber noch immer in den allermeisten: in Afghanistan, Indonesien, Irak, Iran, Jemen, Nigeria, Pakistan, Somalia, Sudan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Daß irgendwann in grauen Vorzeiten höchst verwerfliche Rechtspraktiken bei Juden wie Nichtjuden üblich waren, ist bekannt. Es ist nur nicht die kleinste Entschuldigung dafür, daß sie heute noch immer — und zwar nur im Geltungsbereich der Scharia! — vorkommen. [Hervorhebung im Original]

Simons Artikel funktioniert eigentlich nur mit der Grundprämisse, dass die verschiedenen Moralsysteme der Welt ohnehin gleichberechtigt sind, und unser System daher in keiner Weise besser als das iranische wäre. Ob Steinigen oder nicht bleibt dann eine Frage des Geschmacks. Ob das aber wirklich war, was Simon gemeint hat?

Im Hamsterrad

Ich kannte den deutschen Politiker Mathias Brodkorb bis jetzt nicht, und ich werde seiner Laufbahn auch in Zukunft wahrscheinlich nicht folgen, aber er hat in einem Interview klar wie selten ein Politiker (und auch sonst jemand) angesprochen, wie wir uns immer und bewußt am Wesentlichen vorbeischummeln:

Mit der Anmaßung, anderen Ratschläge zu erteilen, sollte man sich aus gutem Grund zurück halten. Ich kann Ihnen aber gerne sagen, wie  das bei mir ist, auch wenn es vielleicht etwas ungewöhnlich klingt. Eigentlich gibt es, obwohl wir auch in der Politik ständig nur über das Wirtschaftswachstum und die Steuersätze diskutieren, in unserem Leben nur zwei wichtige Themen: unser Glück und unseren Tod. Und Beides hängt auch noch auf tragische Weise zusammen. Um so paradoxer ist es dann allerdings, dass Beides in der Politik keinerlei Rolle spielt. Aus der jüngeren Vergangenheit fällt mir nur eine Autorin ein, die diese Fragen überhaupt diskutiert hat: Hannah Arendt. Im Grunde kommt mir unsere Arbeits- und Konsumgesellschaft, das ewige Twittern etc. daher wie ein großes Ablenkungsmanöver vor den für uns eigentlich existenziellen Fragen vor. Wir alle laufen wie die Hamster im Rad vor der Sinnfrage davon und vielleicht gibt es auch einen strukturellen Zusammenhang zwischen der Krise des Religiösen und dem Boom des Konsums als einer Form der Ablenkung. Wenn Sie sich diese Perspektive hin und wieder vor Augen führen, schnurren die alltäglichen Frustrationen zu Petitessen zusammen. Stellen Sie sich einfach vor, Sie müssten in acht Wochen sterben und sollten nun entscheiden, was Sie in dieser Zeit noch unbedingt zu tun hätten. Sie setzten dann ganz andere Prioritäten als heute und es erschienen Ihnen die Probleme des Alltags plötzlich ganz unbedeutend.

(via Scipio, der den gleichen Ausschnitt gebloggt hat)

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