Das BIP und unbezahlte Arbeit oder: Sind wir nicht so viel reicher geworden, wie wir glauben?

Das Bruttoinlandsprodukt ist schon aus vielen Gründen als Wohlstandsindikator kritisiert worden. Aber auch in seiner ureigensten Eigenschaft als Meßgröße ökonomischer Aktivität gibt es ein ganz großes Loch: Jene Aktivitäten, die nicht als Marktransaktion geleistet werden, sondern im Haushalt, werden nicht abgebildet.

Gerade in aufstrebenden Ländern bilden diese Haushaltsaktivitäten einen bedeutenden Teil der wirtschaftlichen Tätigkeiten, doch auch in den sogenannten Industrieländern sind sie nicht unbedeutend. Doch wie bewertet man die Pflege des Vaters nach einem Schlaganfall, die Betreuung der Kinder, das Kochen für die ganze Familie, die Handwerksleistungen der Heimwerker?

In den USA wurde versucht, anhand von Studien über die Zeitverwendung sich der Haushaltsproduktion anzunähern. Den hochgerechneten Stunden, die von den Amerikanern für verschiedene Tätigkeiten der Haushaltsproduktion verwendet werden, wurde das gängige Gehalt für vergleichbare Markttätigkeiten zugeordnet. Näheres (mit weiteren Verweisen) und einigem Hintergrund dazu kann man bei Timothy Taylor lesen, der sich wiederum auf Benjamin Bridgman bezieht (pdf).

Mit dieser Methode wird die Haushaltsproduktion von 1965 mit 37% des regulären BIP bewertet, 2014 mit 23%. Ein Teil des zwischenzeitlichen Wirtschaftswachstums war also Scheinwachstum, da nicht bewertete Haushaltsproduktion durch Marktproduktion ersetzt wurde. Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt geschätzt, dass 2013 die Bruttowertschöpfung aus der Haushaltsproduktion etwa 39% der Bruttowertschöpfung im regulären BIP beträgt; 1992 wären es noch 45% gewesen. Gudrun Biffl hat 1989 für Österreich eine Bewertung in der Höhe von 30-38% des regulären BIP vorgenommen.

Das ist jetzt keine Neuigkeit und war in vielen Fällen für die Betroffenen oft ein Gewinn: Haushaltsproduktion ist in der Regel „Allround“-Produktion, Marktproduktion erfolgt spezialisiert und damit effizienter. Für viele hat der Tausch also mehr Freizeit gebracht, aber sicher nicht allen. Anekdotisch fallen mir selbst Fälle ein, bei denen die reine Haushaltsproduktion ein flexibleres, selbständigeres Leben ermöglicht hat, als es bei Wechsel in die Berufswelt und Zukauf der gleichen Leistungen möglich gewesen wäre.

Das ist auch einer der Gründe, warum der Trend zur Teilzeit bei so vielen Menschen zieht: Durch die Teilzeit hat man mehr Zeit, Aufgaben für den Haushalt selbst zu erledigen, die man sonst zukaufen müsste — und möglicherweise nicht in der Qualität, die man selbst bereitstellen kann. Von der gewonnen Flexibilität gar nicht zu reden.

So gilt über das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, was Tyler Cowen anmerkt: „Die große Stagnation war schlimmer, als du gedacht hast“. Passt gut zu seinem Lieblingssatz: „Wir sind nicht so wohlhabend, wie wir gedacht haben, dass wir es wären.“

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„Gender Pay Gap“ oder „Family Pay Gap“?

Jedes Jahr veröffentlicht die Statistik Austria eine Mitteilung zum sogenannten „Gender Pay Gap“. Dabei werden die Bruttostundenlöhne von allen Frauen und allen Männern in verglichen, die in Unternehmen mit mehr als zehn Arbeitnehmern beschäftigt sind.

Die Ermittlung dieses Werts ist schon mit einigen Fallstricken behaftet, da eine korrekte Aufzeichnung und Übermittlung der Stundenlöhne und Entgelte erforderlich ist. Gäbe es etwa eine Branche, in der überdurchschnittlich viele Männer bzw. Frauen arbeiten, in der es entweder korrekter als üblich oder — was wahrscheinlicher ist — weniger korrekt als allgemein üblich zugeht, oder einfach die klare Abgrenzung von Arbeitsstunden schwierig ist, kann das die Statistik schon einmal ordentlich „zamhaun“, wie man so schön sagt.

Dann werden die Ergebnisse der Erhebung über einige Parameter regressiert: Die Wirtschaftstätigkeit, die Berufsgruppe, die höchste abgeschlossene Bildung, das Alter, die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, ob Vollzeit oder Teilzeit vorliegt, die Art des Arbeitsvertrags, die Unternehmensgröße und das Bundesland. Alles, was nicht durch diese Parameter erklärt wird, gilt als „unerklärter Anteil“.

Wie „unerklärt“ ist der „unerklärte Anteil“?

Dieser „unerklärte Anteil“ ist aber nicht so unerklärt.

Zum einen sind da die Erwerbsbiographien: Entscheidend ist nicht die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, sondern die ununterbrochene Erwerbstätigkeit. Arbeitslosigkeit, Sabbaticals, Karenzzeiten sind allesamt in der Folge Gehaltsdämpfer. Siehe dazu z.B. ein interessanes Paper von Jill Kearns und Ken Troske, in dem Unterbrechungen alle als ähnlich gehaltsdämpfend erkannt werden. Für Deutschland haben Dennis Gorlich und Andries de Grip geforscht, wie sich familienbedingte Erwerbsunterbrechungen auf das Gehalt auswirken, und festgestellt, dass viele Frauen eher Beschäftigungen auswählen, in denen der kurzfristige Humankapitalverlust durch eine Auszeit geringer eingeschätzt wird, während viele Männer in Berufen arbeiten, in denen längere Auszeiten und der damit verbundenen Humankapitalverlust zu empfindlichen Einkommensverlusten führen.

Entsprechend ist in US-Studien im Vergleich kinderloser, unverheirateter Frauen und Männer de facto kein „Pay Gap“ auszumachen. (In Österreich wird auf Grund der Karenzbestimmungen, die ja ein inhärentes Auszeitrisiko ausmachen, das wohl nicht ganz der Fall sein.)

Sozialleistungen und Flexiblität haben ihren Preis

Zum anderen schätzen gerade viele weibliche Beschäftigte geldwerte Zusatzleistungen des Arbeitgebers sowie erhöhte Flexiblität bei den Arbeitszeiten mehr als es bei einem großen Teil der Männer der Fall ist bzw. sein darf. So haben Eric Solberg und Theresa Laughlin — wiederum für die USA — festgestellt, dass Frauen eher in Sektoren mit großzügigeren betrieblichen Sozialleistungen arbeiten.

Eine australische Studie wiederum bekräftigt nicht nur, dass viele Frauen Gleitzeit und andere Formen selbstbestimmter flexibler Arbeit bevorzugen, sondern auch, dass sie in Berufen, in denen das möglich ist, zufriedener und karrieretechnisch erfolgreicher sind. Zudem wird Frauen Gleitzeit und ähnliche Arrangements auch viel öfter gewährt als Männern, bei denen es vergleichsweise hohe Ablehnungsraten bei Ansuchen um mehr Flexibilität gibt.

Selbstbestimmte Flexibilität hat aber wiederum einen Preis, der sich im Lohngefüge ausdrückt.

Ein Uni-Abschluss ist kein Jobticket

Kritisch möchte ich wohl noch anmerken, dass der höchste abgeschlossene Bildungsgrad heute nur ein sehr ungenügendes Instrument für das Arbeitsmarktpotential der eigenen Ausbildung ist.

Es wird wohl im einzelnen niemand verwundern, dass der durchschnittliche Politikwissenschafter in Lohn ausgedrückt weniger gefragt ist als der durchschnittliche Installateur.

Das wird durch das Gehaltsschema im Öffentlichen Dienst vernebelt, das strikt am Bildungsgrad ansetzt. Auch ist der Öffentliche Dienst für viele Akademiker weniger gefragter Fachrichtungen ein Rettungsanker. Jedenfalls ist ein Uni-Abschluss kein Jobticket. Hier sind die Sozialwissenschaften allgemein um aussagekräftigere alternative Parameter für empirische Studen gefragt.

Ein „Family Pay Gap“?

Es stellt sich aber allgemein die Frage, ob der sogenannte „Gender Pay Gap“ nicht eine rein willkürliche Größe ist. Er ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das nach der heutigen Gender Theory noch dazu ein soziales Konstrukt und frei wählbar ist, ökonomisch signifikant ist.

Doch die Sozialwissenschaften deuten darauf hin, dass die Bruchlinie vielmehr zwischen Familien und Nicht-Familien verläuft. Innerhalb der Frauen gibt es scharfe Unterschiede zwischen dem „Mommy Track“ und den Kinderlosen. Erstere treffen ganz andere Arrangements in der Aufteilung der Arbeit, insbesondere der Domestikal- und Erwerbsarbeit, haben andere Bedürfnisse am Arbeitsmarkt (Stichworte Sicherheit, Bildung und Betreuung der Kinder) als letztere, die allerdings im Alter von der Leistung der Familien mitprofitieren (Stichworte Pension, Pflege). Ein „Family Pay Gap“ wäre also vielleicht eine aussagekräftigere Statistik.

Geburten: Wenn die Statistik nicht alles weiß

Im Standard findet sich ein interessanter, wenn auch inhaltlich tendenziöser Bericht zur Geburtenentwicklung in Österreich. Nach statistischen Auswertungen wurden 2015 41.783 Kinder (49,5%) von katholischen Müttern geboren, 2.595 (3,1%) von evangelischen, 119 (0,14%) von jüdischen und 10.760 (12,8%) von muslimischen Müttern. Daraus ließen sich schon deutliche Bevölkerungstendenzen ableiten, die je nach Sichtweise nicht unbedingt erfreulich sein müssen.

Der Artikel will aber etwas anderes herausarbeiten: Dass allgemein die Bedeutung der Religion abnehme und konfessionslose Mütter eine immer größere Rolle spielten, denn immerhin sei deren Anteil in den letzten Jahren sprungartig gewachsen.

Nun ist anzunehmen, dass der Trend — Säkularisierung der früheren Christen, deutliche Zunahme des moslemischen Bevölkerungsanteils — korrekt ist. Die sprunghaften Anstiege „konfessionsloser“ Mütter der letzten Jahre haben aber auch sehr viel damit zu tun, dass das Religionsbekenntnis der Mütter offenbar immer seltener korrekt angegeben wird. So waren beispielsweise die katholischen Taufen bis 2010 stark rückläufig, sind seit damals aber stabil (2010: 48.781, 2015: 48.587). Dabei gibt es einen Trend zur späteren Taufe: Laut katholischer Kirchenstatistik 2015 wurden 43.174 Kinder vor dem ersten Geburtstag getauft, 2010 waren es noch 43.973.

Bei aller Unschärfe kann man davon ausgehen, dass da eine Diskrepanz von mehreren tausend Kindern zwischen der Krankenhausstatistik und der faktischen Religionszugehörigkeit allein bei den Katholiken vorliegt, die 2014 und 2015 besonders deutlich gestiegen ist. Es wäre interessant, ob es da eine Änderung in der Erfassung gegeben hat, oder einfach mehr Menschen der Meinung sind, es geht den Staat eben nichts an, welche Konfession man hat.

Wahlanalyse: Nicht jedes Land ist gleichviel wert #nrw13

Nun liegt das Wahlergebnis einschließlich aller Wahlkarten vor. Eigentlich wäre erst jetzt der richtige Zeitpunkt für Analysen gekommen, doch das hält natürlich niemand solange aus. Stattdessen wird am Wahlabend selbst schon munter kommentiert, obwohl sie da gegenüber dem endgültigen Wahlergebnis noch erhebliche Verschiebungen ergeben können.

So ist die Wahlbeteiligung nun mit 74,9% leider niedrig, aber nicht so niedrig, wie es ernste Stimmen am Wahlabend befürchtet haben. Nach dem BZÖ (-357.187 Stimmen) ist die SPÖ (-171.601 Stimmen) großer Verlierer der Wahl; auch die ÖVP hat allerdings keinen Grund zum Jubel (-143.780 Stimmen). FPÖ (+105.284 Stimmen) und Grüne (+72.721 Stimmen) konnten zusammen gerade einmal soviele Wähler dazugewinnen, wie die SPÖ alleine verloren hat. Das Wahlbündnis NEOS/LiF konnte 130.697 Stimmen mehr erzielen als das LiF 2008 alleine. Ein kleiner Wahlsieger ist die KPÖ, die immerhin 10.813 Stimmen mehr erhielt als vor fünf Jahren.

Bei den Wahlen gab es diesmal erhebliche regionale Effekte. So konnte die ÖVP in Tirol an Stimmen zulegen, was auch darin begründet war, dass die Liste Fritz 2008 bei der Nationalratswahl ein sehr gutes Ergebnis hatte, aber diesmal nicht mehr antrat. In Kärnten gab es für SPÖ, ÖVP und FPÖ durch das Wegfallen des Haider-BZÖ einen ähnlichen, noch viel deutlicheren Effekt. In Vorarlberg ist für die NEOS ein Heimatbonus für Matthias Strolz spürbar. Und in der Steiermark hat Frank Stronach tatsächlich viele Arbeitsplätze geschaffen und erhalten, ein Umstand, den die Wähler honorierten.

Ich habe mir die Verteilung der Stimmen nach Bundesländern angesehen, und dabei werden die regionalen Hochburgen besonders deutlich. Für die Bundeswahl ist es dabei weniger wichtig, wie hoch der Anteil unter den Wählern eines Bundeslandes ingesamt ist, sondern, wieviel Stimmen von dort für das Gesamtergebnis beitragen.

Dabei zeigt sich, dass Niederösterreich für die SPÖ wichtiger als Wien geworden ist: 22,25% aller SPÖ-Stimmen stammen aus Niederösterreich, aber nur 19,99% aus Wien. Zwar ist die SPÖ in Wien relativ stärker, aber dafür ist die Wahlbeteiligung auch deutlich niedriger. Mit Kärnten zusammen reichen diese drei Bundesländer für 50% der SPÖ-Stimmen. Eine echte Hochburg ist noch das Burgenland, das mehr SPÖ-Stimmen als etwa Salzburg oder auch Tirol aufweisen kann.

Jede vierte ÖVP-Stimme stammt aus Niederösterreich, dessen innerparteiliches Gewicht wohl gerechtfertigt ist. Oberösterreich stellt 18,9% der ÖVP-Wähler. An Stimmen folgt die Steiermark, doch ist die ÖVP dort unterdurchschnittlich stark. Tirol dagegen ist wieder zu einer Hochburg geworden. Zählt man Niederösterreich, Oberösterreich und Tirol zusammen, kommen 56,7% aller ÖVP-Wähler aus diesen drei Ländern. Das Wiener Ergebnis muss die ÖVP aber sehr schmerzen, immerhin kommen die drittmeisten gültigen Stimmen aus Wien, doch im ÖVP-Ranking nimmt Wien Platz 5 ein. Es kommen ebensoviele ÖVP-Stimmen aus Tirol wie aus dem viel größeren Wien.

Die FPÖ verfügt zwar ebenfalls über Hochburgen, diesmal besonders die Steiermark, und unterdurchschnittliche Bundesländer (Kärnten, Burgenland), doch längst nicht so dramatisch wie für ÖVP und SPÖ.

Für das BZÖ ist es dagegen deutlich: Jede 5. Stimme kam aus Kärnten, wo man ja auch im Landtag sitzt, gefolgt von Oberösterreich, der Steiermark und Niederösterreich. Die schwachen Ergebnisse in Vorarlberg und Wien brachen der Organisation letztlich das Genick – interessanterweise die Hochburgen der Neos, die ja eigentlich etwas andere Wähler als das BZÖ ansprechen.

Das Grüne Ergebnis in Wien wird gerne belächelt, da hätte mehr drin sein müssen. Faktum ist aber, dass 22,4% aller Grün-Stimmen aus Wien kommen, insgesamt 130.492. Auch in Vorarlberg, Tirol und Salzburg gab es überdurchschnittliche Ergebnisse. Freilich: 2006 hatten die Grünen in Wien sogar rund 140.000 Stimmen erzielt.

Beim Team Stronach stechen zwei Fakten ins Auge: Das Wiener Ergebnis ist besonders schwach, und das steirische besonders stark. Jeder vierte Frank-Wähler ist ein Steirer, genau 26,84% aller Stronach-Wähler. In Oberösterreich, Niederösterreich und besonders in Wien war die Performance aber schwach. Nur 11,55% aller Frank-Wähler kommen aus Wien, obwohl die Stadtbewohner 16,94% aller gültigen Stimmen abgegeben haben.

Die NEOS/LiF haben besonders deutliche Hochburgen: 26,11% der Stimmen sind aus Wien, 9,83% aus Vorarlberg, beide male deutlich über dem Anteil dieser Länder an den gültigen Stimmen insgesamt (16,94% bzw. 3,73%). Dafür war man im Burgenland, Kärnten und Oberösterreich außerordentlich schwach. Wenn die Partei also Landesstrukturen aufbauen will, werden das vielleicht nicht die ersten Ziele sein.

Diese Polarisierung ist bei der KPÖ noch deutlicher, die in Wien und der Steiermark zusammen 54,34% aller ihrer Wähler geholt hat. Das scheinen die einzigen Landesorganisationen zu sein, die Mobilisierungskraft besitzen.

Diese Hochburgen und Beiträge zur Bundeswahl erklären auch einiges der Macht bestimmter Landesorganisationen. Wenn z.B. Niederösterreich bei SPÖ und ÖVP auslässt, schaut es für die jeweiligen Bundesparteien bei Wahlen düster aus.

Warum wird der Club der 115jährigen nicht größer?

Erfreulicherweise steigt die Lebenserwartung der Menschen in den meisten Ländern der Erde. In Österreich betrug die mittlere Lebenserwartung eines neugeborenen Buben laut Statistik Austria 1970 66,5 Jahre, eines neugeborenen Mädchens 73,4 Jahre. 2012 sind es bereits 78,3 Jahre für Buben und 83,3 Jahre für Frauen. In vierzig Jahren haben die Österreich mehr als eine Dekade an Lebenserwartung dazugewonnen.

Es lässt sich aber international beobachten, dass die Zunahme der Lebenserwartung in hochentwickelten Ländern abnimmt. Ökonomisch gesehen: Die Bemühungen, noch ein paar Tage mehr zu erreichen, benötigen immer höhere Kosten für immer geringeren Grenzertrag, und diese sind viele Menschen etwa in ihrer Lebensführung (Sport, Ernährung, …) nicht zu tragen bereit.

In Großbritannien hat man beispielsweise bei der letzten Volkszählung beobachtet, dass die Zahl der über 90jährigen Personen geringer war, als früher prognostiziert. Der Zuwachs an Lebenserwartung hatte sich anders verhalten als erwartet.

Es ist aber noch ein interessantes Phänomen feststellbar: Die Zahl der besonders alten Personen, derjenigen über 110, verändert sich praktisch nicht, stellt etwa Matt Ridley fest. Offenbar erreicht man da ein Alter, in dem der Körper an seine absoluten biologischen Grenzen stößt und bereits geringen Belastungen nicht mehr gewachsen ist. Und irgendeine Belastung — Atemwegserkrankung, Blutverdickung, Blutdruckprobleme — kommt mit höchster Wahrscheinlichkeit eben auf einen zu.

Ridley mahnt deswegen: Älter als 120, 125 können Menschen wohl nur durch Eingriffe in die Keimbahn werden, die ethisch höchst problematisch sind. Und praktisch irrelevant sein könnten, da ohnehin Unfälle, schwere Erkrankungen und ungesunde Lebensweise die meisten Menschen dahinraffen, bevor eine Verlängerung der Lebenserwartung durch einen Eingriff überhaupt zum Tragen kommt. Ein Eingriff, der den Menschen in seinem Wesen ändert, das natürlich auch durch das Erbgut bestimmt ist. Ist das vertretbar, damit vielleicht ein paar Handvoll statt hundertzehn zehn Jahre älter werden können?

über Marginal Revolution

Armut ist nicht Armut

Kurzer Link: Rolf Gleissner erklärt (ausgerechnet im Standard), warum Armut nicht gleich Armut ist und warum etwa ausgerechnet in der Wirtschaftskrise die „Armutsgefährdung“ gesunken ist. Das liegt nämlich an der Definition. Ein Zitat:

Und als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommen bezieht. Die slowakische Familie mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro ist nicht „armutsgefährdet“, weil sie über dem niedrigen Medianeinkommen in der Slowakei liegt. Die österreichische Familie mit einem Monatseinkommen von 2000 Euro ist „armutsgefährdet“, weil sie unter dem heimischen Durchschnitt liegt. Die Folge: Nach der Statistik gibt es in der Slowakei weniger „Armutsgefährdete“ als in Österreich.

Auch sonst hat die Definition der Armut über das Medianeinkommen einige seltsame, wohl beabsichtigte Effekte. So sinkt bei extremer Ungleichverteilung der Einkommen die Zahl der Armutsgefährdeten, wenn nur das Medianeinkommen, also das Einkommen der mittleren Person, noch zu den Schlechterverdienenden gehört. Umgekehrt kann ein allgemeiner Aufschwung die statistische Armutsgefährdung nicht reduzieren, da sich ja in Prozent des Medianeinkommens nichts geändert hat.  Armutsstatistiken sind also wohl nur mit Vorsicht zu lesen, will man aus ihnen ernsthafte Schlüsse etwa für politische Arbeit ziehen.

Wie Anne Hathaway die Börsen steuert

Die zierliche Schauspielerin Anne Hathaway könnte durchaus einiges Gewicht auf dem Börsenparkett haben, wie ich der Financial Times entnommen habe: Wenn immer sie in den Nachrichten vorkommt, soll das den Aktienkurs von Warren Buffets Berkshire Hathaway-Holding in die Höhe treiben. Die Geschichte hat der Regisseur und Schauspieler Dan Mirvish in seinem Blog bei Huffington Post ins Rollen gebracht, natürlich eher als lustige Beobachtung. Schließlich sagt so eine kurze Zahlenreihe wenig aus. Und die Aktien von Berkshire Hathaway sind in letzter Zeit ganz ohne schauspielerische Unterstützung oft in etwa dem Ausmaß gestiegen, dass Mirvish für bestimmte Tage festgestellt hat, an denen Anne Hathaway positiv in den Nachrichten vorgekommen ist.

Alexis Madrigal ist der Idee im Atlantic trotzdem weiter nachgegangen, und dabei in die Welt automatischer Handelsprogramme vorgestoßen, die heutzutage riesige Nachrichtenmengen ständig nach Schlüsselwörtern durchforsten.

Dabei werden alle möglichen Korrelationen herausgesucht und ausprobiert. Wie es in Madrigals Artikel heißt:

„The interesting, thing, though, is that it’s all statistics, removed from the real world. It’s not as if a hedge fund’s computers would spit the trading strategy as a sentence: ‘When Hathway news increases, buy Berkshire Hathaway.’ In fact, traders won’t always know why their algorithms are doing what they’re doing. They just see that it’s found some correlation and it’s betting on Buffett’s company.“

Traditionellerweise werden die Korrelationen zwar in den Wirtschaftsnachrichten gesucht, aber mittlerweile werfen einige Fonds das Netz wohl weiter aus, weil eben auch Einflüsse außerhalb des Wirtschaftsteils auf die Erwartungen der Marktteilnehmern und damit die Kurse wirken.

Der Punkt ist dabei nicht, dass tatsächlich wegen solcher Handelsprogramme der Preis von Berkshire Hathaway steigt, wenn Anne Hathaway positiv in den Nachrichten vorkommt – dafür ist die statistische Suppe zu dünn. Es ist aber durchaus möglich, dass nach einigen solchen zufälligen Korrelationen Investitionsprogramme diesen Zusammenhang als gegeben annehmen und so dafür sorgen, dass aus der zufälligen Korrelation kurzfristig eine tatsächliche Korrelation wird.

Oder, wie es Madrigal im Schlussabsatz schreibt:

And, in any case, we’re going to see a lot of strange trading strategies as hedge fund managers’ computing resources grow ever more powerful and they are actually able to “correlate everything against everything.” Oh, it’s raining in Kazakhstan? Buy pork bellies in Brazil! And sell wheat in Kansas! Dump Apple stock! Why? Because the computer says that the 193 out of the last 240 times it rained in Kazakhstan, pork bellies in Brazil went up, and wheat prices and Apple shares went down.

Das klingt jetzt skurril, ist aber doch nicht so weit vom „Bauchgefühl“ eines erfahrenen Händlers entfernt, der ebenfalls vordergründig irrationale Kaufentscheidungen trifft, die auf langjährigen Erfahrungen über gewisse Zusammenhänge beruhen.