Salomon Ritter von Mosenthal: Ein erfolgreich vergessener Dramatiker

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)


Wer kennt heute noch Salomon Hermann Ritter von Mosenthal (*1821 † 1877)? Träger des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone, Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, im 19. Jahrhundert einer der international erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. 140 Jahre nach seinem Tod ist der einst vielgespielte Dichter weitgehend vergessen. Und doch ist er immer noch auf den Bühnen präsent, denn das Libretto der „Lustigen Weiber von Windsor“ stammt aus seiner Feder. Dieses von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, vertonte Werk erfreut sich weiterhin einiger Beliebtheit auch über den deutschen Sprachraum hinaus, wie man etwa der Operabase entnehmen kann.

Und noch ein zweites Werk wird wieder öfter gelesen, seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben“. Diese schöpfen aus den Erinnerungen an seiner Kinder- und Jugendzeit in Kassel und schildern kleine und größere Begebenheiten in einer eingängigen Sprache. Mosenthal wendet sich dabei an Nichtjuden, sodass man auch ohne tiefere Kenntnisse des Judentums die Geschichten lesen kannm, und hat mit diesen schon zu seiner Zeit gut aufgenommenem Buch ein wertvolles Zeugnis jüdischer Lebensart in den Kleinstädten hinterlassen. Der Wallstein-Verlag hat dieses Buch 2001 dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Der jüdische Literat und Dramatiker stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. „Er hat sich aus kümmerlichen Verhältnissen heraufgearbeitet“, beschrieb es der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick nicht ohne Wohlwollen. Trotz der Armut konnte er auf Initiative der Mutter hin das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Kassel besuchen, später auch das polytechnische Institut Karlsruhe, den Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Schon als Schüler versuchte er sich schriftstellerisch, wie uns das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreichs blumig wissen lässt:

Bereits als Gymnasialschüler dichtete er, und diese Erstlinge seiner Muse hat M. in die später erschienene Sammlung seiner Gedichte als „Primula veris“ aufgenommen. Als Zögling des Karlsruher Polytechnicums kam er mit mehreren Sängern der schwäbischen Schule, mit Justinus Kerner und Gustav Schwab, in nähere Berührung, so daß es dem strebsamen talentvollen Jünglinge auf der betretenen poetischen Bahn an Ermunterung nicht fehlte; auch öffneten ihm zwei der besten schöngeistigen Blätter jener Periode, Dingelstedt’s „Salon“ und Lewald’s „Europa“, ihre Spalten, und eine in letzterer anonym abgedruckte Novelle: „Die kleine Amaryll [!] und der blonde Ruprecht“, welche des damals in Athen lebenden Dichters Geibel Interesse erweckte, bildete den Anknüpfungspunct späterer freundlicher Beziehungen zwischen beiden Poeten.

Die genannte Novelle des 19jährigen, die in Wahrheit „Die schöne Almaril und der blonde Rupprecht“ heißt, kann man dank Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek heute wieder recht einfach lesen.

Mehr Schöngeist denn Techniker, verließ Mosenthal das Polytechnikum und kam 1841/42 als Erzieher im Hause Goldschmidt nach Wien. Dort knüpfte er bald wieder Kontakte zu Schriftstellern, glänzte in kleinerem Rahmen durch Gedichte und andere Werke und bekam schließlich die Gelegenheit, für Otto Nicolai Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ für ein Libretto einzurichten und im Theater an der Wien sein Bühnenstück „Der Holländer Michel“ zu platzieren. Seine Arbeit wurde geschätzt, und er konnte in rascher Folge weitere Theatererfolge feiern.

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

Dabei ist besonders das Volksstück „Deborah“ hervorzuheben. Am Burgtheater zuerst abgelehnt, wurde das Drama um eine vor Pogromen fliehende, neuerlich in eine gefährliche Situation geratende Jüdin Deborah von Hamburg ausgehend ein durchschlagender internationaler Erfolg. Mosenthal gelang eine Figurenzeichnung und Handlungsführung, die beim überwiegend nichtjüdischen Publikum Anteilnahme und Interesse für die Situation der Minderheit wecken konnte. Das Stück wurde in New York und Kapstadt gespielt, in Russland und Frankreich, wie das Biographische Lexikon festhält. Auch „Deborah“ ist übrigens im Wallstein-Verlag neu aufgelegt worden.

Mosenthal verfasste mehrere Opernlibretti, wofür ihm besonderes Geschick attestiert wurde. „Die lustigen Weiber“ wurden schon erwähnt. Es sei auch „Die Königin von Saba“ genannt, deren Buch er für Karl Goldmark schrieb. Die Oper war bis zur NS-Zeit auf den Spielplänen präsent, wurde durch deren Kulturpolitik aber offenbar erfolgreich aus dem Opernleben getilgt. In Budapest gibt es übrigens von 18. bzw. 20. Mai 2017 eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk zu sehen — da Goldmark ein Ungar war, wird sein Erbe dort noch gepflegt. Die Aufführung erfolgt in deutscher Sprache mit ungarischen Übertiteln. Auch das „Goldene Kreuz“, zu dem Mosenthal das Libretto und Ignaz Brüll die Musik schrieb, war ein großer Erfolg.

Obwohl aus Kassel, erwies er sich übrigens als echter österreichischer Autor, indem er ab 1850 im Staatsdienst arbeitete. Nämlich im Unterrichtsministerium, wo er 1864 die Leitung der Bibliothek übernehmen durfte und im Laufe seiner Karriere zum Regierungsrat befördert wurde. Dass das Ministerium für Unterricht und Kultus den Juden Mosenthal eine Stelle gab, war durchaus eine kleine Sensation, wie das Biographische Lexikon vermerkte, und zeigt, welche Wertschätzung seine Arbeit damals genoß. Damit konnte er wohl auch seiner Frau Lina die nötige Sicherheit bieten, so dass er 1851 heiraten konnte. Die von ihm überaus geliebte Gattin verstarb überraschend 1862; diesen Schmerz hat er nicht mehr überwunden und blieb alleinstehender Witwer, wie Eduard Hanslick eindrücklich schildert: Offenbar flüchtete er sich u.a. in übermäßigen Zigarettenkonsum, da er sich dann nicht allein vorgekommen sei.

Mosenthal starb mit 56 Jahren. Sein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1885 schließt daher eindringlich: „Manches konnte man von M. noch erwarten, seine Laufbahn war nicht durchmessen, er ist vorzeitig abberufen worden.“

Seine Zeitgenossen hatten sogar noch mehr erhofft — wir müssen erst wieder entdecken, was der effektvolle Dramatiker und Librettist hinterlassen hat.

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Zu Herbert Rosendorfer

Zum Tod von Herbert Rosendorfer haben schon viele etwas geschrieben, so hier die Süddeutsche. Daher möchte ich nur ein paar persönliche Einwürfe ergänzen. Der geborene und gestorbene Südtiroler sowie Wahl-Bayer hat mit einem scharfen Sinn für den Übergang von der Banalität in die Absurdität, von der Realität in die Phantasie Szenen beschrieben, die einerseits aus einer anderen Welt waren und doch von hier. Da hat dem Schriftsteller Rosendorfer vielleicht auch der Richter Rosendorfer geholfen, denn so mancher Streit, der vor Gericht ausgetragen wird, bewegt sich auf eben jener feinen Linie.

Freilich, das Weltbild Rosendorfers kann einem heute zurecht verstaubt vorkommen; er kämpfte Schlachten anderer Zeiten nach, seine kritisch-pessimistische Haltung verstellte ihm manchmal den Blick auf das Ganze. Doch vielleicht hat ihn gerade dieser Pessimismus zu so einem Schelm gemacht. Wenn die Welt schon schlecht ist, wollen wir wenigstens darüber lachen können. Feine Parodie, phantastische, witzige Geschichten, die bei genauer Analyse umso bitterer die Wirklichkeit erzählen, das wurde sein Metier im Roman wie am Theater.

Als kleines Beispiel: Er hat bekanntlich die Geschichte vom deuschen Komponisten Otto Jägermeier mitgesponnen, dessen frei erfundene Vita sich auch in Musiklexika nachlesen lässt und dort von einem absurden Lebenslauf – der Künstler soll z.B. viele Jahre in Madagaskar verbracht haben –  begleitet wird. Einige vorgebliche Stücke des deutschen Spätromantikers sollen sogar im Sender Freies Berlin gespielt worden sein. Diese eigene Geschichte hat Herbert Rosendorfer in seinem Spätwerk „Die Meister“, einer köstlichen Auseinandersetzung mit der Musikwissenschaft, Fälschungen und Plagiaten, dann offensichtlich wiederum als Inspiration gedient. Sein Bestseller „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ über die Abenteuer eines zeitreisenden Chinesen im Bayern der Achtziger Jahre ist auch heute in vielen Buchhandlungen zu finden und immer noch gut zu lesen. Man könnte jetzt noch fortsetzen, doch der Werke und Talente Rosendorfers sind für einen Blogeintrag einfach zu viele.

Auf der Homepage der Familie Habermehl kann man viel zu Herbert Rosendorfer erfahren, findet Links zu Rezensionen und Informationen über erfundene und echte Gestalten aus Rosendorfers Werk, wobei auch da die Grenze zwischen den Kategorien fließend ist. Sicher eine interessante Reise.

Towje Kleiner

Nun ist also der Schauspieler Towje Kleiner gestorben, wie die Münchener TZ meldete. Einerseits war er schon aus meinem Blickfeld verschwunden, ich war überrascht, wieder von ihm zu lesen. Kein Wunder, hatte er sich doch 2002 von der aktiven Schauspielerei zurückgezogen, wenn er auch noch Schauspielunterricht in Israel gab. Andererseits aber sind mit ihm untrennbar wunderbare Rollen verbunden, die ohne ihn vielleicht überhaupt nicht wunderbar gewesen wären. Und so denke ich gerne an seine Arbeit zurück.

Towje Kleiner wurde 1948 in Bayern geboren – schon da steckt sicher eine spannende Geschichte dahinter, denn 1945-1949 sind in Deutschland wohl nur wenige Kinder jüdischen Bekenntnisses auf die Welt gekommen. Er lebte dann als Kind in Israel und vielen weiteren Ländern. 1967 trat er anscheinend in Israel erstmals als Schauspieler auf, kam dann nach Deutschland, wo er Anfang der 70er in z.T. äußerst zweifelhaften Produktionen mitspielte, darunter ein übler Propagandaschinken, bevor ihm mit den Münchner Geschichten von Helmut Dietl der Durchbruch zu besseren Rollen gelang. In seinen frühen Filmen wurde er übrigens als Wolfgang T. Kleiner geführt. Danach spielte er in vielen guten und weniger guten Streifen mit, darunter mehreren sehr erfolgreichen Fernsehserien, wie der „ganz normale Wahnsinn“, „Der Sonne entgegen“, „Wenn das die Nachbarn wüßten“ oder der „Salzbaron“. Von Märchenfilmen fürs Kinderfernsehen bis zum finsteren Krimi war alles in seinem Repertoire enthalten. Er hatte ein großes Talent fürs Komödiantische, und konnte doch den groben Choleriker genauso auf die Bühne stellen.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erzählte Kleiner 2008 auf die Frage, ob er Sehnsucht nach der Zeit von damals (um 1980) hätte:

Kleiner: Nein, keine Sehnsucht. Ich höre immer, dass das Leben so schnell vorbei geht. Doch das geht gar nicht so schnell vorbei. Wenn man zurückschaut, dann ist schon viel passiert, in meinem Leben ganz besonders. Ich muss das nicht noch einmal leben.

Und über seine Vorhaben:

Kleiner: Ich mach jetzt mal Pause. Eigentlich schon seit 2001. Vielleicht halte ich das noch ein paar Jahre durch. Ab und zu bin ich in Israel und unterrichte.

Er hat durchgehalten, und es war vielleicht eine überaus weise Entscheidung, diese Lebensjahre, die seine letzten sein sollten, bei seinen Lieben zu verbringen.