Trumps Steuerreformpapier ist noch sehr vage

Viele Tintenpatronen und schwarze Pixel wurden verwendet, um über eine geplante Reform der US-Unternehmenssteuern zu debattieren, die Gewinne nach dem Bestimmungslandprinzip besteuern wollte. Doch der neue Grundriss einer Steuerreform, den das Weiße Haus nun als Ausgangspunkt für den Beginn der tatsächlichen Diskussion vorgelegt hat, hält sich an ein bewährtes Muster: Weniger Steuerabsetz- und freibeträge, weniger Steuerbegünstigungen und dafür niedrigere Steuersätze. (Hier ein pdf mit dem kurzen Papier auf washington.edu.)

In diese Richtung geht es in der OECD seit Jahrzehnten. Damit konnten die Steuersätze zum Teil drastisch gesenkt werden, ohne substantiell an Steueraufkommen zu verlieren. Das wird von Gegnern solcher Maßnahmen gerne als ein „Wir zahlen uns unsere Steuerreform selber“ bezeichnet. Das ist natürlich falsch: Es ist eine Umverteilung von denen, die durch steuerliche Regelungen weniger zu zahlen hatten, zu den „Vollzahlern“. Ob diese Umverteilung sinnvoll ist oder nicht, kann man von Fall zu Fall diskutieren. Aus Effizienzgründen ist ein einfaches Steuersystem mit wenigen Sonderregeln aber jedenfalls zu begrüßen.

Es wäre natürlich nicht Trump, ginge er nicht mit Maximalforderungen in die Verhandlungen. Das ist eine von ihm bevorzugte Technik, die im Geschäftsleben ihre Vorteile haben mag, politisch aber nicht unumstritten ist. Einige Punkte aus dem Papier:

Einkommensteuer

  • Derzeit haben die USA einen progressiven Steuertarif mit sieben Steuerstufen. Die Grenzsteuersätzen betragen 10%, 15%, 25%, 28%, 33%, 35% und 39,6%. Stattdessen soll es nur mehr drei Stufen mit 10%, 25% und 35% geben.
  • Die pauschalierten Werbungskosten, die man ansetzen kann, wenn man keine konkret aufgelisteten Werbungskosten stattdessen ansetzt, sollen verdoppelt werden.
  • Kinderbetreuungskosten sollen steuerlich berücksichtigt werden.
  • Zahlreiche unspezifizierte Steuerabsetz- und freibeträge sollen gestrichen werden. Ausdrücklich ist die Absetzbarkeit von Gemeinde- und Landessteuern im Visier.
  • Abschaffung der „alternativen Mindesteinkommensteuer“, die bisher zum Tragen kommt, wenn die regulär berechnete Einkommensteuer niedriger als der alternative Tarif ausfallen würde.
  • Abschaffung der Erbschaftssteuer.
  • Die Kapitalzuwachssteuer soll wieder auf 20% gesenkt werden, d.h. der Obamacare-Aufschlag von 3,8% abgeschafft werden.

Unternehmensteuern

  • Die Körperschaftsteuer soll auf 15% gesenkt werden und nicht bloß Körperschaften, sondern auch Personengesellschaften und Einzelunternehmern zugänglich sein.
  • Ein „territorial tax system“, das angeblich die meisten anderen Länder schon hätten, soll eingeführt werden. Ein in den USA populärer Irrtum, weil sie die Regelung der sachlichen Steuerbefreiung von Gewinnen aus internationalen Schachtelbeteiligungen nicht kennen.
  • Wiederum unspezifizierte Abschaffung von Steuerabsetz- und freibeträgen.
  • Möglichkeit der günstigen Besteuerung bereits steuerhängiger Gewinne ausländischer Töchter bei der Ausschüttung in die USA.

Weiteres Vorgehen

  • Die Regierung will die Steuerreform mit verschiedenen betroffenen Gruppen im Mai diskutieren, dann mit dem Kongress an einer mehrheitsfähigen Version arbeiten.

Das wird auch der eigentliche Grund für die vielen fehlenden Details sein: Flexibilität für die Verhandlungen. So heißt es dann nicht, die Regierung habe Punkt X nicht durchgebracht, der ihr doch so wichtig gewesen sei. Gleichzeitig ist mit der Veröffentlichung ein offizieller Startschuss für eine Steuerreform gegeben worden und nun ein gewisser Druck da, etwas zustandezubringen.

Wenn die Absetzbarkeit von Gemeinde- und Landessteuern tatsächlich fallen sollte, würde das übrigens den Spielraum für Steuersenkungen spürbar erhöhen. 2015 wurden über 340 Mrd. Dollar an Bundesstaats-Einkommensteuer entrichtet, knapp 40 Mrd. an regionaler Kapitalzuwachssteuer, über 50 Mrd. an regionaler Körperschaftsteuer abgeführt. Die abzugsfähigen Grundsteuern betrugen sogar fast 500 Mrd. Dollar. Bei Einkommen-, Kapitalzuwachs- und Körperschaftsteuern des Bundes in der Höhe von etwa 1.900 Mrd. Dollar (2015) ist das nicht zu vernachlässigen.

Es gab vor zwei Tagen übrigens ein Pressebriefing mit Finanzminister Steven Mnuchin und dem Direktor des National Economic Councils, Gary Cohn, das vor allem zeigt, wie wenig man sich noch festlegen will.

Völkerrecht ist immer nur etwas für die anderen

Völkerrecht ist immer nur etwas für die anderen. Der Angriff der USA auf eine syrische Militärbasis ist ein klarer Bruch des Völkerrechts, erhält aber breite Zustimmung aus Europa, einschließlich sogenannter neutraler Staaten. Dafür lesen wir: „Präsident Wladimir Putin werte den US-Einsatz als Verstoß gegen internationales Recht, sagte sein Sprecher Dimitri Peskow am Freitag.“

Das hat natürlich seine eigene Komik, siehe Südossetien oder die Krim. Doch nur, weil der Trickbetrüger von einem Taschendieb entlarvt wird, wird der Betrüger nicht unschuldig.

Aber wie soll man dem einen Völkerrechtsverletzungen vorwerfen, wenn man sie beim anderen als entschlossenes Handeln feiert?

Und wo ist, nebenbei, die europäische Außenpolitik, die wieder einfach der USA hinterstolpert? Zwischen der russischer Assad-Verteidigung und Trumps US-Kraftmeierei wäre doch noch viel Platz für eine eigenständige, am Völkerrecht orientierte Linie gewesen. Gerade angesichts vieler anderer in Europa schwelender Konflikte wäre das ein wichtiges Signal.

Doch das Vakuum, das die schwächere US-Außenpolitik hinterlässt, wurde von Europa nicht genutzt, sondern eher als Bedrohung empfunden. Man scheint richtig froh, doch nicht selbst internationale Verantwortung übernehmen zu müssen.

Es ist allerdings passend, dass die USA diesen Schritt einhundert Jahre nach dem Eintritt des Staats in den Ersten Weltkrieg gesetzt haben. Damals hatte Präsident Wilson sich als Friedenspräsident wählen lassen und drang auf die Lösung von Konflikten durch internationale Schiedsgerichte.

Doch wie schreibt Rosa Luxemburg in einer Attacke auf die Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft?

Hier erfolgt aber einer der gelungensten Witze der Weltgeschichte: Kaum hatte die „Arbeitsgemeinschaft“ eine sorgfältige Kopie des Friedensprogramms des amerikanischen Präsidenten ausgefertigt, als dieser, der eben den Mund zu einer dritten Friedensbotschaft aufgetan hatte, einen Moment schwieg und dann plötzlich erklärte: „Meine Herrschaften, ich habe mir’s überlegt: Ich mache nicht mehr Frieden, ich mache Krieg!“ […] Eine neue Verschärfung des Krieges, eine neue Ausdehnung der Rüstungen, eine neue Auflage des Massenmordes – und das gerade durch den Friedensapostel Wilson –‚ das sind die diplomatischen „Abrüstungsabkommen“ und internationalen „Schiedsgerichte“, auf die die Arbeitsgemeinschaft ihre Friedenspolitik als auf einen steinernen Felsen basiert!

Nun präferierte Rosa Luxemburg blutige Aufstände, in die sie die Arbeiter schicken wollte. Als Freundin des Friedens taugt sie wenig. Und doch entlarvt sie, wie rasch Wilson nach seiner Wiederwahl Kurs wechselt. Viele von Trumps Unterstützern fühlen sich ebenfalls düpiert, wie man lesen kann.

Nach Rosa Luxemburg kann ich jetzt den aktuellen Vorsitzenden von UKIP zitieren, Paul Nuttall, offenbar auch ein Trumpist:

„Too often rash responses to horrific situations are about the conscience of the attacker, rather than a clear-headed response to an awful situation. There are currently no good options in Syria. Assad or Isis is not a choice anyone would wish to make. But firing off missiles in an enraged response shows weakness not strength in the face of horror. I hoped for better from this administration.“

PS Nun wird sich vielleicht jemand fragen, warum ich zwar zur US-Attacke schreibe, nichts aber zum furchtbaren Einsatz von Chemiewaffen, der dem vorausging? Weil ich zu letzterem nichts beitragen kann. Die Fakten sind für jemanden, der sich aus Österreich heraus informiert, schwer zu greifen, alle Quellen von starken Eigeninteressen getrieben.

100 Jahre Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Heute vor 100 Jahren, am Karfreitag des Jahres 1917, haben die USA dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und damit den Ersten Weltkrieg entschieden. 1916 war Woodrow Wilson noch unter dem Motto „He kept us out of war“ gewählt worden, als Garant für den Frieden.

„Geld ist die schlimmste aller Kontrebande“

Doch waren die USA schon vor ihrem Kriegseintritt ein wichtiger Partner der Entente. So wurden Großbritanniens Einschränkung des Handels mit Deutschland akzeptiert, während Großbritannien uneingeschränkt beliefert wurde. Auch gestattete Wilson Kredite an kriegsführende Staaten, wovon in erster Linie Großbritannien profitierte. Dabei handelte er 1914 gegen die ausdrücklichen Befürchtungen seines damaligen Außenministers William Jennings Bryan, der sagte: „Geld ist die schlimmste aller Kontrebande1, weil es alles andere befehligt.“

So war es auch: Großkredite an Frankreich und Großbritannien erhöhten das Interesse der USA an einem Sieg der Entente gegen die Mittelmächte. Dieser Zusammenhang war so offensichtlich, dass man ihn beispielsweise in der „Reichspost“ vom 7. April 1917 nachlesen kann:

„So sieht also die Gelegenheit aus, die erforderlich ist, damit ein sich ultrapazifistisch geberdender [!] Staat, der sich feierlich verpflichtet hat, alle Streitigkeiten mit anderen Mächten nur auf schiedsgerichtlichem Wege auszutragen, die ‚ganze Kraft der Nation‘ in einen Krieg werfe, an dessen Ausgang er nur als Lieferant der einen Partei Interesse hat. […] Das amerikanische Kapital braucht den Sieg des Vierverbandes, seines Schuldners, für den es sich mit riesigen Beträgen festgelegt hat. Die unmittelbare finanzielle Unterstützung des Vierverbands durch Amerika soll bereits mehr als fünfundzwanzig Milliarden Kronen betragen […]. Diese Summen sind zum größten Teil verloren, wenn der Vierverband unterliegt und ebenso befürchten die Amerikaner in diesem Fall auch eine schwere Unterbindung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, da eine Reihe der besten Abnehmer der amerikanischen Produkte bei einem Zusammenbruch des Vierverbands mit einem Male ausscheiden würden.“

Zwei entscheidende Fehler

Freilich hatte das Deutsche Reich selbst zwei entscheidende Fehler gemacht: Das sogenannte „Zimmermann-Telegramm“, in dem Deutschland Mexiko eine Allianz gegen die USA vorschlägt, sollten die USA in den Krieg eintreten. Nun war Mexiko aber überhaupt nicht in der Lage, die USA ernsthaft bedrohen. Erst kurz zuvor war eine US-Strafexpedition in das von Bürgerkriegen geschwächte Land ungehindert eingedrungen. Das einzige Ergebnis war eine empörte amerikanische Öffentlichkeit.

Der zweite betraf den sogenannten „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg, bei dem der zusätzliche Nutzen die politischen Kosten bei weitem übertraf. Nicht nur, dass er der US-Führung einen Vorwand zum Kriegseintritt gab, hatte er auch bei weitem nicht den gewünschten Effekt, die Versorgung Großbritanniens entscheidend zu behindern.

Woodrow Wilsons Kriegspräsidentschaft wird in den USA heute kritischer gesehen. Bei aller verständlicher Bewunderung für die Opfer und Erfolge des eigenes Landes wird bemerkt, dass Wilson den Krieg innenpolitisch als Vorwand benutzt hat, um weitreichende Eingriffe des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft durchzuführen. Tausende wurden interniert, ein aggressive Stimmung gegen Immigranten, insbesondere solche mit deutschen Wurzeln, geschürt, die Meinungsfreiheit drastisch eingeschränkt.

Es ist kein Wunder, dass Wilsons Demokraten die Wahlen 1920 haushoch verloren haben: Der demokratische Präsidentschaftskandidat James M. Cox erhielt nur 34,2% der Stimmen, im Repräsentantenhaus verfügten sie nur noch über 131 der 435 Sitze.

Doch wenn das der Preis war, der für Wilsons Politik zu zahlen war, so konnte Wilson doch dafür der Ordnung der ganzen Welt seinen Stempel aufdrücken.


  1. Bezeichnung für den Schmuggel verbotener Güter an kriegsführende Parteien über den Seeweg; auch für die Schmuggelwaren selbst. 

Wenn Trump eine Frau wäre …

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Normalerweise hüte ich mich vor der medialen Trumpmanie, auch als Trump Derangement Syndrome bezeichnet. Doch diese Geschichte ist wirklich interessant: Eine Professorin an der New York University, Maria Guadalupe, hatte die Idee, Teile der Präsidentschaftsdebatten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump mit vertauschten Rollen nachzustellen: Eine Frau würde mit Trumps Worten und Gestik gegen einen Mann antreten, der in die Rolle Clintons schlüpfen würde.

In zwei ausverkauften Vorstellungen traten also zwei Uni-Kollegen und Schauspieler gegeneinader an: Rachel Tuggle Worton als weiblicher Donald Trump unter dem Namen „Brendan King“, Daryl Embry als männliche Hillary Clinton unter dem Namen „Jonathan Gordon“. Beide hatten nicht bloß die Worte memoriert, sondern Tonfall, Gestik und Mimik zu imitieren versucht. Vor und nach der Vorstellung wurden die Zuschauer, überwiegend aus dem Umfeld der Universität und zum allergrößten Teil Clintonwähler, um ihre Beobachtungen zu den echten und den nachgestellten Debatten gebeten.

Die Erwartung von Guadalupe war, dass der männliche Clinton als überzeugend wahrgenommen würde und der weibliche Trump als nicht auszuhalten, weil bei einer Frau Trumps Verhalten nicht geduldet würde. Es kam aber anders: Viele Zuschauer hielten den weiblichen Trump für überzeugender als den echten. Die einfache, verständliche Ausdrucksweise wurde positiv wahrgenommen, während die männliche Clinton als eher uninteressant und langweilig empfunden wurde und durch ihr Dauerlächeln Aggressionen hervorrief.

Für die Macher war es ein Schock, ihre eigenen Stereotypen („Clinton hätte als Mann sicher gewonnen …“) so widerlegt zu sehen. Freilich ist zu bedenken, dass die Zuschauer die Vorstellung der beiden Schauspieler wahrscheinlich offener aufgenommen haben als die echten Debatten, bei denen die eigene Beurteilung durch die gefestigte Einstellung zu den beiden Kandidaten geprägt war.

Ein Ausschnitt aus den Proben:

(über Marginal Revolution)

USA: Gebundene Bücher überholen E-Books

Ein gebundenes BuchAls ich zu bloggen begonnen habe, waren E-Books gerade die Zukunft des Lesens. Jetzt sind sie ein Teil der Gegenwart des Lesens, doch das gedruckte Buch hat sich allen Unkenrufen zum Trotz gut gehalten.

In den USA, quasi dem Mutterland des elektronischen Buches, waren 2016 die Verkäufe gebundener Bücher erstmals seit 2012 wieder höher als diejenigen an E-Books. Hardcover-Verkäufe legten um 5% auf 188 Millionen zu, während E-Book-Verkäufe um 16% auf unter 180 Millionen zurückgingen. Das berichtet Publisher’s Weekly.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist ein Buch grundsätzlich ein gutes Produkt: Sofort einsatzbereit, haptisch, lagerfähig, stromlos. Allerdings kann es schwer sein.

E-Books-Käufer schwören aber, soweit man weiß, weniger auf das Gewicht, sondern vor allem auf den niedrigeren Preis bei E-Books. Das ist in Deutschland und Österreich wegen der Buchpreisbindung ohnehin kein Thema. In den USA waren E-Books dagegen deutlich günstiger als gedruckte Bücher, was ja auch angesichts deutlich niedrigerer Produktionskosten logisch erscheint.

Doch Amazon hat mittlerweile den Großteil des US-E-Book-Marktes in der Hand und nutzt seine Stellung für entsprechende Preise. Der Preisunterschied ist also deutlich zurückgegangen, insbesondere gegenüber Taschenbüchern, die dank der Fortschritte in Gestaltungs- und Produktionstechnik ebenfalls günstiger herzustellen sind als noch vor einigen Jahren.

Es können allerdings viele Buch- und E-Book-Verkäufe von den Marktforschern gar nicht mitgezählt werden, nämlich die vielen im „Eigenverlag“ über Amazon und andere Quellen vertriebenen Werke. Die Zahlen sind mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

Trotzdem kann man schon sagen, dass das E-Book eine Ergänzung der Medienkanäle gebracht hat, aber offenbar (noch?) weit davon entfernt ist, das Buch vollständig zu ersetzen.

Die Bestseller der Vergangenheit

Wie gut sind die erfolgreichen Romane der Vergangenheit gealtert? Dieser Frage stellt sich Linda Aragoni in ihrem Projekt „Great Penformances“. Darin nimmt sie sich die Jahresbestseller der USA von 1900 bis 1969 vor, wie sie im Branchenblatt „Publisher’s Weekly“ veröffentlicht wurden. Insgesamt wohl rund 800 Romane1.

Ihre kurzen, natürlich sehr subjektiven Buchkritiken machen tatsächlich Lust, sich mehr mit den Erfolgsbüchern vergangener Tage zu beschäftigen. Darunter ab und zu ein noch heute bekanntes Werk wie „Im Westen nichts Neues“, „Vom Winde verweht“ oder „Der Pate“. Und dazwischen vieles, das im Wesentlichen vergessen ist. Das sind sie spannendsten Besprechungen!

Übrigens finden sich in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg mit Büchern von Erich Maria Remarque, Hans Fallada und Franz Werfel auch ursprünglich deutschsprachige Werke in den Bestsellerlisten. Nach dem zweiten Weltkrieg haben es nur noch vereinzelt im Original fremdsprachige Werke wie Dr. Schiwago oder Der Leopard auf die vorderen Verkaufsplätze geschafft.

Heuer wird Aragoni ihr 2007 begonnenes Projekt voraussichtlich mit den Besprechungen der Bestseller der Jahre 1907, 1917, 1927 und 1967-1969 abschließen können.

Für Österreich wäre so ein Projekt weitaus schwerer durchzuführen. Es mangelt schon einmal an entsprechend weit zurückliegenden Verkaufslisten des Buchhandels. Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg liegen als schwerer Schatten auf mehreren Jahren, die wohl auszuscheiden wären. Trotzdem wäre es nicht uninteressant, ob nicht auch im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches realisierbar wäre.


  1. Manche Romane waren in mehreren Jahren Jahresbestseller, weswegen die Gesamtzahl der Bücher weniger als 840 beträgt. 

Trump Derangement Syndrome

In den USA hat sich ein Ausdruck dafür eingebürgert, wenn das Ereifern über einen politischen Gegner pathologische Züge bekommt: „Derangement Syndrome“. So litten in den Nuller Jahren etliche Demokraten unter dem Bush Derangement Syndrome, das damals Charles Krauthammer scherzhaft diagnostizierte:

Der akute Ausbruch von Paranoia in ansonsten normalen Menschen als Reaktion auf die politischen Entscheidungen, die Präsidentschaft — nein — die bloße Existenz von George W. Bush.

Damals hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, und jeder kleine (oder vermeintliche) Fehltritt des Präsidenten wurde ins Unermessliche gesteigert und breitgetreten. Das sagt wenig über seine Präsidentschaft aus, aber viel über seine Kritiker. Viele konnten nicht ertragen, dass er ins Weiße Haus eingezogen war, das doch rechtmäßigerweise einem aufgeklärten linksliberalen Demokraten hätte zufallen müssen. Seine Wiederwahl war dann für manche noch unerträglicher, weil der Sieg eindeutig und unumstritten war.

Nun sind solche „Derangement Syndromes“, zu deutsch wohl Umnachtungssyndrom, nicht auf eingefleischte Linke beschränkt. Hillary Clinton ist z.B. seit geraumer Zeit ebenso ein Magnet für Verschwörungstheorien.

Nun eben Trump

Und nun eben Donald Trump. Natürlich ist die Delegitimierung des politischen Gegners keine neue Waffe. Doch die apokalyptischen Bilder, die bei jeder Äußerung Trumps bemüht werden, die oft rein atmosphärische Kritik, die maßlose Übertreibung, das sind schon bedenkliche Entwicklungen. Wer Witze darüber reißt, ob nicht der „tiefe Staat“ durch einen Mord die Sache „bereinigen“ könnte, oder wie der ehemalige Popstar Madonna davon träumt, das Weiße Haus zu sprengen, sät den Samen für politische Gewalt (über die man sich dann natürlich betroffen zeigt) und erweist sich schließlich auch als schlechter Demokrat.

In Rumänien soll das Delikt des Amtsmissbrauch de facto abgeschafft werden, um den korrupten Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, zu schützen. In der Türkei entmachtet sich das Parlament selbst, um der Präsidialdiktatur Erdogans die Bahn frei zu machen. Beides ist natürlich nur von untergeordnetem Interesse, während sich die Medien obsessiv mit der Frage beschäftigen, ob der Pressesprecher Trumps gelogen hat, als er von hohen Besucherzahlen bei der Amtseinführung berichtete.

Wer die üblichen Diskrepanzen zwischen verschiedenen Teilnehmerzahlen kennt, und die beiderseitige Manipulation mit sorgsam ausgewählten Bildern, wird übrigens bald feststellen, dass viele Medien sich der gleichen Art von — sagen wir es höflich — „Übertreibung“ wie der Pressesprecher schuldig gemacht haben, nur in die andere Richtung. Allerdings: Es ist der Job eines Pressesprechers, seinen Chef in gutem Licht erscheinen zu lassen. An Journalisten würde man doch andere Maßstäbe anlegen.

Eine tiefe kognitive Dissonanz

Das Trump Derangement Syndrome ist Ausdruck einer tiefen kognitiven Dissonanz, die der Cartoonist und Autor Scott Adams so beschreibt:

  1. Die Betroffenen halten sich selbst für gebildet und gut informiert.
  2. Sie haben durch ihr gutes Urteilsvermögen erkannt, dass Trump ein Faschist, ein bösartiger Clown oder etwas anderes Furchtbares ist.
  3. Millionen von Menschen haben Trump trotzdem zumindest für das geringere Übel gehalten und ihn ins Amt gewählt.

Nun ist es durchaus plausibel, dass Trump als Präsident problematische Entscheidungen trifft. Aber als protofaschistisches Schreckbild taugt er nicht. Bis zu seiner Kandidatur war er bei demokratischen wie republikanischen Kandidaten als Unterstützer wohlgelitten. Die Clintons waren bei seiner Hochzeit zu Gast. Nichts deutet in seinem wohldokumentiertem Leben auf irgendwelche revolutionären Absichten hin.

Was also tun? Entweder gibt man zu, dass man vielleicht im Wahlkampf den Gegner etwas zu sehr dämonisiert hat — womit aber eingestehen würde, nicht so gut informiert und gebildet zu sein, wie man glaubt. Oder man redet sich ein, Trumps Wähler würden ihn mehrheitlich ebenso als Protofaschisten sehen und das auch noch gut finden. Daher müsse man nun mit großen Demonstrationen und allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihn und seine Wähler arbeiten. Würde man ihn zum Rücktritt zwingen oder sonstwie seine Amtszeit beenden, wäre die Beseitigung der Demokratie quasi die Rettung der Demokratie. Ein Dialektiker kriegt das argumentativ schon hin.

Für uns Beobachter heißt das vor allem, dass es noch viel schwerer wird, halbwegs seriöse Informationen über Trumps Präsidentschaft zu bekommen, da es nur extrem gefilterte Nachrichten gibt. Siehe etwa den Zwischenfall, als CNN berichtete, Nancy Sinatra hätte sich verärgert gezeigt, dass Trump bei der Amtsübergabe u.a. ein Lied ihres vaters verwenden ließe. Über CNN war Nancy Sinatra dann wirklich verärgert, weil der Bericht erlogen war. Wenn selbst bei solchen Kleinigkeiten falsch berichtet wird, wie sollen wir je ein halbwegs stimmiges Bild bekommen?