Verwüstungen in vier Wiener Kirchen

Die Einordnung beginnt schon in der Überschrift: „Vandalenakte“. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber spricht von einem „Wahnsinnigen“, der „psychotisch verengt“ sei. Der 37-jährige Ibrahim A. aus Ghana, so ist zu erfahren, habe die Inneneinrichtung von vier Wiener Kirchen beschädigt, Statuen zerstört, Taufbecken demoliert, um gegen die Statuenverehrung vorzugehen.

Den finanziellen Schaden haben die Pfarrgemeinden, die nun wieder viel Geld für die Renovierung der zerstörten Kunstwerke oder die Beschaffung neuer aufwenden müssen. Vom Täter ist aufgrund seines Status als Asylwerber wohl kein Ersatz zu erwarten. Vielmehr hat die Polizei ihn wieder auf freien Fuß gesetzt, damit er weiteres Unheil anrichten kann.

Die einen sagen: Verwirrt. Ja, wenn die Bilderstürmer in Arabien, Byzanz oder den Niederlanden auch alle verwirrt waren.

Ich denke daher eher: Überzeugungstäter. Und nicht der einzige, wie eine Reihe weiterer solcher Verbrechen zeigen, die in Österreich in letzter Zeit verübt wurden. Antichristliche Gewalttaten sind im Steigen begriffen; die christlichen Kirchen verhalten sich aber in etwa so wie Herr Biedermann angesichts der Brandstifter und spielen die Gefahr herunter.

Öffentlich hat sich bis jetzt nur der Wiener ÖVP-Obmann Manfred Juraczka hervorgetan, der erinnert, dass Übergriffe auf religiöse Stätten kein Kavaliersdelikt sind, sondern Ausdruck massiver Intoleranz: „Auch und gerade jene, die manche von der Kirche vertretenen Positionen ablehnen, könnten jetzt manifestieren, dass ihnen Toleranz, Meinungs- und Religionsfreiheit Anliegen sind.“

Darauf kann man freilich lange warten. Wenn jemand mehrere Moscheen verwüstet hätte, wäre wohl überall von einem besorgniserrengenden Klima des Extremismus und Hass zu lesen. Richtigerweise. Kirchen? Da fragen sich die Betroffenheitsspezialisten wohl eher, warum der Täter sie nicht effizienterweise gleich abgefackelt hat.

Infantizid und der Kreis der Menschheit

Die moralische Rechtfertigung „nachgeburtlicher Abtreibung“ — die Tötung kleiner Kinder — wird immer wieder diskutiert. In der utilitaristischen Philosophe eines Peter Singer gehört sie quasi zum Kanon dazu, vor einiger Zeit haben Giubilini und Minerva die Debatte wieder angefacht. Es klingt widerlich; aber was ist mir ihren Argumenten? Ich habe dazu ein interessantes Zitat von Ramesh Ponnuru gefunden:

Was aber wohl das Schrecklichste an dieses Apologien des Kindermords ist, ist, das sie nicht ganz Unrecht haben. Sie haben unrecht in bezug auf die Rechtfertigbarkeit des Infantizids; aber sie haben recht, dass, wenn Abtreibung gerechtfertigt ist, dann auch Infantizid. Menschen, die das erste Mal von Peter Singers Ansichten hören, sind geneigt zu antworten, er sei einfach verrückt. Aber wenn die Philosophen des Infantizids wahnsinnig sind, dann nur in Chesterton’schen Sinne: Sie sind keine Menschen, die ihren Verstand verloren haben, sondern Menschen, die alles verloren haben außer ihrem Verstand. (Im Englischen ein Wortspiel: „They are not people who lost their reason, but people who have lost everything but their reason.“) Sie argumentieren fehlerlos von äußerst fehlerhaften Prämissen, die sie mit vielen Menschen teilen, die es vermeiden, Kindstötungen zu unterstützen, indem sie mangelhaft von diesen Prämissen argumentieren.

Singer und die anderen haben einfach die Prämissen hinter der Abtreibung angenommen und danach getrachtet, sie konsistent anzuwenden. Die Ideen, dass es ein moralisches Recht gebe, eine Abtreibung durchzuführen, und dass es ein gesetzliches Recht dazu geben sollte, basieren auf der Annahme, dass einige Menschen kein Recht haben, nicht getötet zu werden. Versucht man, Kriterien zu finden, die den Entzug des Schutzes von Menschen in der embryonalen und fötalen Entwicklungsstufe vernünftig erklären, stellt sich unvermeidlich heraus, dass diese Kriterien den Entzug des Schutzes von zumindest einigen Menschen in späteren Entwicklungsstufen auch rechtfertigen.

Darauf erfolgt die unvermeidliche Antwort: Irgendwo muss man eben einmal eine Grenze ziehen. Aber nein, muss man nicht. Man muss keine Grenze ziehen, die Menschen mit Rechten und Persönlichkeit von denen ohne trennt. Man kann stattdessen einen Kreis um die ganze Klasse der Menschen ziehen, und sagen, dass keiner darin willentlich getötet werden soll, wenn er friedlich handelt.

Zum Amoklauf in Niederösterreich

Die Tragödie, bei der gestern drei Polizisten und ein freiwilliger Sanitäter in Ausübung ihres Dienstes gestorben sind, ist für mich nicht fassbar. Welche Tiefen gibt es bei manchen Menschen auszulosten, welche finsteren Seiten? Was ist das für ein Gefühl, wenn der Vater am Abend nicht heimkommt, sondern stattdessen ein Anruf die Nachricht seines Todes überbringt? Warum tut man das jemand anderem an?

Im Kopf sind solche Dramen meist unter „weit weg“ katalogisiert, am ehesten unter „USA“. Dann geschieht es in unmittelbarer Nähe, in Annaberg, in Großpriel, und heimtückisch: Nach dem erstem Schuss ist der Täter nicht etwa geflohen, sondern hat auf das Kommen des Rettungswagens gewartet und etwa den Fahrer mit einem gezielten Kopfschuss durch die Windschutzscheibe getötet.

Christoph Kardinal Schönborn hat in seiner Stellungnahme gestern betont, „wie aufopferungsvoll der Dienst an der Gesellschaft für Polizisten, aber auch für Sanitäter sein kann. Wenn sich auch ihr Alltag weniger dramatisch abspielt, trägt ihr Dienst doch immer die Bereitschaft, für die Mitmenschen alles einzusetzen – bis hin zum eigenen Leben – in sich“. In diesem Sinn: Mein Dank an all die Polizisten, Rettungs- und Feuerwehrleute. Das nächste Mal, wenn ich mich über einen ärgern sollte, denke ich daran, in welche Situationen und Gefahren sie sich für mich zu begeben bereit sind. Und meine Gebete für die Verstorbenen und ihre Angehörigen.

Syrien: Ex-Geisel Piccinin zweifelt an Urheberschaft des Giftgasangriffs

Die Berichterstattung über Syrien war in den letzten Tagen und Wochen davon dominiert, ob die USA nun Syrien bombardieren werden oder nicht, ob es ein „großer“ oder ein „kleiner“ Einsatz sein wird, usw.. Mit der Rede von US-Präsident Obama haben die USA de facto von ihren Angriffsplänen Abstand genommen – die im US-Kongress voraussichtlich ohnehin keine Mehrheit gefunden hätten, um einem russischen Plan zur Kontrolle und Zerstörung syrischer Chemiewaffen zu folgen.

Doch woher wissen wir über die Vorgänge in Syrien selbst Bescheid? Abgesehen von den mehr oder minder geschickt lancierten Propagandamitteilungen der Rebellengruppen und Regierung? Einer derjengen, der aus Syrien über den Bürgerkrieg berichtet hat, ist der Belgier Pierre Piccinin da Prata, der z.B. ein Buch über die „Schlacht von Aleppo“ geschrieben hat. Er war seit Beginn der Kämpfe mehrfach in Syrien, und unterhielt dabei enge Kontakte zu Kommandeuren der sogenannten „Freien Syrischen Armee“. Trotzdem wurde er am 8. April des Jahres durch Verrat eines FSA-Kommandanten von Islamisten entführt, und seither gemeinsam mit dem Journalisten Domenico Quirico als Geisel gehalten. In dieser Zeit wurden sie auch gefoltert und zweimal eine Scheinhinrichtung Quiricos inszeniert. Eine Freilassung schien unmöglich; Pater Paolo dall’Oglio verschwand selbst, als er versuchte, darüber zu verhandeln. Nun gelang es – vermutlich gegen Lösegeld –, die beiden in Sicherheit zu bringen.

Schon im Jänner 2013 berichtete er, dass die FSA-Kämpfer dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne, und stattdessen Islamisten, die von Akteuren aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien bestens ausgerüstet werden, immer mehr an Boden gewinnen.

Nach seiner Freilassung hält Piccinin es nach eigenen Angaben für seine moralische Pflicht zu berichten, dass die Regierung kein Giftgas um Damaskus eingesetzt hätte. Quirico ergänzt, dass sie ein entsprechendes Skype-Gespräch als Gefangene mitgehört hätten. Ob es stimme, könnten sie freilich nicht verifizieren. Das passt zu einem anderen Bericht, wonach der Vorfall durch unsachgemäßes Hantieren von Rebellengruppen mit Giftgas entstanden sein soll. Das belegt nicht, dass es so war, aber zumindest, dass dieses Gerücht unter bestimmten Rebellengruppen die Runde macht.

Menschenverachtende Aktenspiele Wiener Art

Der Umgang der Stadt Wien mit den Missbrauchsopfern in den städtischen Kinderheimen spottet derart jeder Beschreibung, das Kommentare schwierig werden. Zwar wurde als Feigenblatt ein Untersuchungskommission eingesetzt, deren Ergebnis aber recht harm- und folgenlos war. Dabei kamen schreckliche Tatsachen ans Licht, wie etwa die regelrechte Prostitution von Kindern an SPÖ-Funktionäre, doch wurden sie kaum bekannt.

Nun will die Stadt den Missbrauchsopfern auch so wenig Entschädigung wie möglich zahlen und verwendet von den Tätern verfasste Aktenvermerke als Begründung für ausbleibende Wiedergutmachung, wie der Kurier berichtet. Der zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) meint nur lapidar:„Es steht jedem frei, zu klagen, wenn man mit den Entschädigungen nicht zufrieden ist.“

Der Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen kann durch diese Fälle in weltlichen Einrichtungen weder relativiert noch beschönigt werden; eines aber muss man zugeben: Diese Kaltschneuzigkeit gegenüber den Opfern wäre nicht tragbar. Im Falle der Stadt Wien sieht das offenbar – mit Ausnahme des Kurier – anders aus.

[Update] Wenigstens ein Politiker hat sich der Sache angenommen: Gemeinderätin Isabella Leeb (ÖVP) hat sich in der Sache zu Wort gemeldet und Partei für die Opfer ergriffen:

Bedauerlich genug, dass sich die Stadt bis dato weigert, sich in einer offiziellen Zeremonie bei den Opfern zu entschuldigen, werden die Opfer nunmehr auch verhöhnt und beleidigt (selbst wenn das Opfer von Seiten der Stadt über den Weißen Ring bereits eine Entschädigung erhielt – sprich der Weiße Ring den Missbrauch als gegeben annimmt).

Und Stadtrat Christian Oxonitsch will sich – wenig überraschend – wieder einmal „nicht äußern“ so Leeb, sieht sich wieder einmal nicht zuständig.

Abschließend mahnt Leeb Stadtrat Oxonitsch, sein Vorgehen gegenüber Opfern der Wiener Jugendwohlfahrt noch einmal dringend zu überdenken: „Wie der Bericht der Helige-Kommission gezeigt hat, waren der SPÖ die Vorkommnisse in den Wiener Kinderheimen seit Jahrzehnten bekannt. Und sie wurden jahrzehntelang vertuscht und unter den Teppich gekehrt. Höchste Repräsentanten des roten Wien waren Teil des Systems. Umso verständlicher, dass die Opfer über das nunmehrige Verhalten der Stadt Wien erzürnt sind. Zumal man versprochen hat, an einer vollkommenen und aufrichtigen Aufklärung interessiert zu sein. Stadtrat Oxonitsch ist aufgefordert, endlich Würde und Anstand der Opfer zu achten – nicht nur mit Worten, sondern auch durch Taten“.

Algerien: Kann man mit Fanatikern verhandeln?

Die Geiselnahme in Algerien hat wieder einmal die Verwundbarkeit der Zivilisation gegenüber Terroristen aufgezeigt, aber auch, wie sehr wir in der modernen Medienwelt zu schnellen Schlüssen ohne Information neigen.

Zuerst wurde bei uns ja nur über die nicht-algerischen Geiseln berichtet, die von den Islamisten genannten Opferzahlen übernommen, unterschwellig der algerischen Armee die Schuld an Todesopfern untergeschoben. Nun erfährt man, daß in der Gasförderanlage in In Amenas rund 700 Menschen gearbeitet haben, davon der Großteil Algerier. Von diesen konnte die überwältigende Mehrheit befreit werden, ebenso ein großer Teil der ausländischen Geiseln.

Die Überlegungen der algerischen Regierung sind jedenfalls nach deren langjährigen Erfahrungen mit Islamisten nachvollziehbar: Wenn sie mit den Geiselnehmern verhandeln würden, so gäben sie ihnen die öffentliche Bühne, die diese wünschen. Damit würde es sich auch in Zukunft für Islamisten lohnen, ähnliche Aktionen durchzuführen, für die es im riesigen, rohstoffreichen und menschenarmen Wüstenteil Algeriens genügend Ziele geben dürfte. Darüberhinaus haben die Islamisten nicht den Ruf, sich an Vereinbarungen zu halten, und gehen mit Geiseln äußerst brutal um. Das liegt daran, daß ihre Verhandlungspartner in ihren Augen ohnehin nur „ungläubige Hunde“ sind (auch wenn es sich dabei um Moslems handelt!), und daher keine moralische Verpflichtung auf Pakttreue bestünde. Es hätte also wahrscheinlich auch keinen besonderen Sinn, mit ihnen zu verhandeln, weil das „Verhandlungsergebnis“ nichts wert wäre.

Symptomatisch dafür ist ja, daß die Forderungen der Geiselnehmer durch Algerien gar nicht erfüllt werden konnten: Nämlich ein Ende der Unterstützung Frankreichs für die Regierung in Mali gegen die islamistischen Rebellen. Tragfähigen Frieden mit den Islamisten der al-Kaida-nahen Gruppierungen gibt es nur bei deren Sieg oder deren Marginalisierung, da ihre pseudognostische Ideologie pragmatischen Überlegungen nicht zugänglich ist.

Nebenbei seltsam, wie viele Leserkommentare im Zusammenhang mit der Terroraktion in Algerien Frankreich dafür geißeln, daß es in Mali auf einen Hilferuf der Regierung hin gegen eine hauptsächlich ausländische Rebellentruppe vorgeht. Einen legitimeren Fall ausländischer Hilfe kann es nicht geben. Ebenso seltsam, warum viele westliche Länder in Syrien den Vormarsch islamistischer Gruppen mit Wohlwollen betrachten, die grausame Verbrechen an Christen, Alawiten, Kurden und moderaten Sunniten verüben und immer mehr die anderen Rebellengruppen an den Rand drängen.

Zum Durchdenken 13

La philosophie des lumières aboutit alors à l’Europe du couvre-feu

— Albert Camus, L’homme révolté

„Couvre-feu“ ist wörtlich das Bedecken des Feuers, kann aber auch als Verdunkelung übersetzt werden, und bezeichnet eine Ausgangssperre, wie sie z.B. im Zweiten Weltkrieg während der Besatzungszeit in Frankreich verhängt wurde. Das Wortspiel mit Erleuchtung (lumière) und Licht-Verhüllung (couvre-feu) kommt im Deutschen nicht ganz zur Geltung:

Die Philosophie der Aufklärung mündet im Europa der Ausgangssperre.

Albert Camus reflektiert in seinem Werk L’homme révolté die europäische Ideengeschichte der letzten Jahrhunderte und spannt einen Bogen von der Aufklärung zu den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts, deren Schrecken Camus unmittelbar bewußt waren, und kommt zu dem Schluß, daß erstere und letztere untrennbar zusammenhängen.

Eine kurze Einführung in das Werk gibt es hier bei den „Sozialistischen Positionen“ zu lesen. Die deutsche Übersetzung ist bei Rowohlt erschienen.