Wieder einmal die Ratingagenturen


Die Zurückstufung der Bonität zahlreicher Länder der Eurozone durch Standard & Poor’s hat die vertrauten, erwarteten Reaktionen ausgelöst. Die österreichische Regierungsspitze ist sich zum Beispiel einig, daß die Herabstufung „unverständlich“ ist, obwohl die Ratingagentur wieder einmal nur nachvollzieht, was die Investoren längst selbst denken. Das suggeriert zumindest der hohe Abstand zwischen den Zinsen für deutsche und österreichische Staatsanleihen.

Eine beliebte These ist die „anglo-amerikanische Verschwörung“, wegen der ja auch unbedingt eine „europäische Ratingagentur“ nötig sei. Der Pixelökonom analysiert dazu in einem insgesamt lesenwerten Beitrag zur gerade von Politikern gern geäußerten Verschwörungstheorie:

[…] Was man nicht darf: Ihr [das der Politiker] Spiel mitspielen. Ein Spiel, bei dem die Politik versucht, sich schadfrei zu halten, auf Kosten anderer. In dem Fall, auf Kosten der Marktwirtschaft. Ein Spiel, bei dem so getan wird, als seien Politik und Wirtschaft Feinde. Und letztere dabei, sich erstere einzuverleiben. Das Primat der Politik müsse zurückgeholt werden, sagen dann Politiker wie Leitartikler. Damit die Bürger nicht unter die Räder und wieder zu ihrem Recht kämen.

Der Pathos hält der nüchternen Betrachtung nicht stand. Staaten geben gerne mehr Geld aus als sie sich von ihren Bürgern holen, weil, wer mehr verspricht als er fordert, gewählt wird. Staaten müssen sich deshalb Geld leihen. Sich Geld zu leihen, kostet Geld. Wie viel Geld es kostet, hängt entscheidend davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass jene die Geld verleihen, es wieder zurück bekommen werden. Ratingangenturen bewerten diese Wahrscheinlichkeit. […]

In weitere Folge beschäftigt er sich mit den Problemen und Anreizen, denen sich Ratingagenturen gegenübersehen, wie etwa Interessenskonflikte, um schließlich zur Idee einer von der Politik gewünschten „Europäischen Ratingagentur“ bündig zu schließen:

Das wäre so, als wenn in Zukunft alle Schüler ihre eigenen Arbeiten benoten würden. Der Notendurchschnitt würde sich drastisch verbessern, gleichzeitig der Lernaufwand zurückgehen.

Das Aufregung über die Ratingagenturen ist aber auch aus einem anderen Grund wenig glaubwürdig, den Ha-Joon Chang im „Guardian“ beschreibt. Gerade im Hinblick auf die Euroländer haben die meisten Investoren zum jetzigen Zeitpunkt auch ohne Ratingagentur einen guten Blick aufs wirtschaftliche Geschehen. Die Gründe für die Herabstufung sind ja kein Geheimnis und leicht nachzuvollziehen. Doch die große Bedeutung der Ratings resultiert daher, dass die europäischen Gesetzgeber diese Ratings zum Herzstück der Finanzmarktregulierung gemacht haben:

First, over this period they have installed a financial regulatory structure that is highly dependent on the credit ratings agencies. So we measure the capital bases of financial institutions, which determine their abilities to lend, by weighting the assets they own by their respective credit ratings. We also demand that certain financial institutions (eg pension funds, insurance companies) cannot own assets with below a certain minimum credit rating. All well intentioned, but it is no big surprise that such regulatory structure makes the ratings agencies highly influential.

Wenn die Arbeit der Ratingagenturen so abzulehnen ist, wie es Teile der Politik vertreten, warum streicht man nicht die Bestimmungen, nach denen Ratings zur Bewertung heranzuziehen sind? Ach, es ist eben doch nicht so einfach.

Sein zweiter Punkt: Immer komplexere Finanzmarktprodukte machen es für die einzelnen Akteure immer schwieriger, das Risiko selbst einzuschätzen. Daher lagern sie dieses Problem an die Ratingagenturen aus. Bei manchen komplexen Produkten ist aber auch der Spezialist der Ratingagentur mit seinem Latein am Ende, wie wir in der Finanzkrise schmerzlich erfahren haben.

Ratingagenturen haben, wie jeder andere Teilnehmer am öffentlichen Geschehen auch, natürlich ihren eigenen Auftrag und ihre eigenen Interessen. Ihre Fehleinschätzungen mögen an der Finanzkrise 2008 nicht unbeteiligt gewesen sein. Doch an der Dimension der jetzigen Schuldenkrise sind kaum die beobachtenden Agenturen, sondern vielmehr die Politik selbst schuld, die auf die Herausforderungen der Krise keine tragfähige Antwort gefunden haben.

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