„Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt“

Am Weißen Sonntag wird immer derselbe Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen: Jesus erscheint den versammelten Jüngern am Osterabend und gießt den Heiligen Geist über sie aus; der Apostel Thomas fehlt in der Versammlung, zweifelt am Bericht der anderen Jünger, ruft aber von Ehrfurcht ergriffen „Mein Herr und mein Gott“, als er dann den Auferstandenen tatsächlich sieht. Daran schließt ein kurzer Abschnitt an, der die Berichte über das Leben Jesu (nicht aber das Evangelium!) zu einem Ende führt: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

In der Einheitsübersetzung wird behauptet, dass sei das ursprüngliche Schlusswort des Johannesevangeliums gewesen. Dafür gibt es in den alten Textzeugen keinen Hinweis. Auch der Stil bleibt der gleiche. Vor einer solchen Behauptung müssten doch gelindere Erklärungen vorgezogen werden. Aber sei’s drum, die Bemerkungen zur Einheitsübersetzung sind ja auch in vielen anderen Punkten eher fragwürdig.

Aber zurück zur Perikope. Der Text ist mit Bedacht zusammengestellt. Er schließt direkt an den Bericht der Maria Magdalena an, die den Jüngern von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt. Jesus bestätigt den Bericht, indem er selbst in der Mitte der Jünger erscheint. Darin werden sie ausgesandt, mit dem Heiligen Geist gestärkt und mit der Gabe der Sündenvergebung und der Verweigerung dieser Vergebung ausgestattet. Damit wird aus dem Einzelereignis der Auferstehung ein Geschehen, das sich fortsetzt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Interessant: Auch die Jünger glauben (erst?), nachdem sie die Wunden gesehen haben1: Es ist kein Totengeist, es ist der wahrhaft Auferstandene.

Dann also Thomas, dem Jesus zuruft: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Man darf das nicht als Schelte missverstehen. Im Johannesevangelium wirkt Jesus sieben großen Zeichen:

  1. Die Hochzeit von Kana.
  2. Die Heilung des Knechts des Beamten von Kafarnaum.
  3. Die Heilung des Gelähmten von Betesda
  4. Die Speisung der 5.000
  5. Der Gang Jesu auf dem Wasser
  6. Die Heilung des Blindgeborenen
  7. Die Auferweckung des Lazarus

Trotz dieser großen Zeichen glaubten viele nicht an ihn. Ja, auf Grund der Wiedererweckung des Lazarus wird gar sein Tod beschlossen! Thomas also zieht zumindest die richtigen Schlüsse aus dem, was er sieht. Sein Herz ist nicht verhärtet, sondern offen für die Wunder des Herrn. Und er ruft dabei ein Gottesbekenntnis aus, das in seiner Direktheit zeigt, wie erschüttert Thomas ist: „Mein Herr und mein Gott!“ Darin wird uns Thomas also zum Vorbild.

Aber schon das Zeugnis anderer genügt ihm anscheinend nicht. Hier darf sich nun der Hörer bzw. Leser des Evangeliums angesprochen fühlen. Denn er liest von den Zeichen, hört von den großen Taten Jesu, die im Evangelium bezeugt sind, und glaubt. Er vertraut dem glaubwürdigen Zeugnis derer, die „das Wort des Lebens“ mit den eigenen „Augen gesehen“ und „Händen angefasst“ haben, wie es im 1. Johannesbrief heißt.

Diese kompositorische Absicht erklärt auch leicht die Fortsetzung. Denn nun will der Evangelist kein Zeichen aufschreiben, damit wir zum Glauben an Jesus kommen, sondern eines, damit wir die Fülle der Kirche begreifen. Die Beauftragung des Petrus als Hirten ist dabei ein zentraler Moment. Die dreimalige Frage Jesu und sein folgender Anruf ist außerdem das nötige Gegengewicht zu Petrus’ dreimaliger Verleugnung Jesu.

Manche verweisen auch auf 1 Joh 5,13, in dem Johannes ebenfalls den Zweck seiner Ausführungen erklärt, ohne das Werk damit zu beenden.2 Auch im Johannesevangelium selbst gibt es mehrmals erläuternde Einschübe, die wie Schlusssätze klingen, aber keine sind.

Die Perikope führt uns jedenfalls tief in die bleibende Bedeutung des Ostergeschehens hinein. Wer sich recht darin vertieft, die Zeugnisse ernst nimmt, wird mit Thomas ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“


  1. Joh 20,20: „Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ 
  2. 1 Joh 5,13: „Dies schreibe ich euch, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt; denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ 

Palmsonntag: Wer sind wir?

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Der Palmsonntag vereinigt die Freude über den Einzug Jesu in Jerusalem, seine festliche Begrüßung, mit den düsteren Ereignissen der Kartage. In der außerordentlichen Form des Ritus drückt sich das sinnfällig aus, denn da wechselt der Priester von roten Paramenten dann vor der eigentlichen Meßfeier, in der die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird, zu violett. Zum Einzug hören wir den Ruf der jubelnden Menge:

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!

Es werden Lobgesänge auf Gott gesungen, ein Hymnus auf Christus als König. Nach dem Evangelium zur Palmprozession ruft der Priester dazu auf, die Jesu preisenden Massen nachzuahmen. Auf Deutsch heißt es:

Wie einst das Volk von Jerusalem Jesus zujubelte, so begleiten auch wir jetzt den Herrn und singen ihm Lieder.

Doch das lateinische Original ist deutlicher. Eine wortgetreuere Übersetzung wäre wohl:

Liebe Brüder, ahmen wir die Mengen nach, die Jesus zujubelten, und gehen wir in Frieden los.

Das wirft auch ein Licht auf uns selbst. In der Menge, die Jesus zujubelte, waren wohl auch solche, die nur wenige Tage später ihn ans Kreuz wünschen würden. Aber auch solche, die sich aus Furcht vor den Mächtigen dann verstecken, lieber ruhig verhalten oder ihren Jubel verleugnen würden. Vielleicht auch jemand, der verzweifelt nachdenken würde, wie er Jesus helfen könnte. Wer sind wir, wenn der Jubel in Hass und Verfolgung umschlägt? Wer sind wir, wenn der Glaube verspottet, Christus aus der Öffentlichkeit verbannt wird?

Viele glauben von sich, sie wären Helden, wenn es darauf ankommt. Der Palmsonntag erzählt uns nüchtern, wie schnell aus Jubel Not werden kann, und wie einsam es in dieser Not aussieht. Freilich: Ostern und Pfingsten eröffnen uns neue Möglichkeiten. Und so hören wir in der Apostelgeschichte wiederum, dass viele aus der Menge in Jerusalem nach Pfingsten zu Christen wurden. Viele, denen Petrus in seiner Predigt vorhalten konnte, dass sie an Jesu Tod mitschuldig seien.

Isidor von Sevilla

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla wird heute gerne als „Schutzpatron des Internets“ bemüht, besonders an seinem Gedenktag, dem 4. April. Nun, einige der Möglichkeiten des Internets täten dem langjährigen Erzbischof von Sevilla vielleicht gefallen. Wie Josef Bordat darstellt, ist der hl. Isidor aber vor allem ein wesentlicher Mittler von Wissen und Bildung. Isidor kompilierte z.B. eine zwanzigbändige Enzyklopädie, die sogenannten Etymologiae, oder ein Buch über die Natur, De Natura Rerum. Gemeinsam mit Beda Venerabilis, der in England ebenfalls wichtige Kompilationen und Zusammenfassungen überlieferten Wissens schuf, konnten so Sammlungen erstellt werden, die angesichts knapper Ressourcen und unsicherer Zeiten einen vertretbarem Umfang hatten und daher weite Verbreitung fanden. Beiden spielten z.B. bei der Vermittlung der Kugelgestalt der Erde eine Rolle — siehe eine Dissertation von Klaus Anselm Vogel.

Der hl. Isidor war auch als Historiker aktiv, gestaltete aber auch selbst Geschichte in mehreren Synoden. Sein Einsatz für den Aufbau von Schulen und die Erstellung fester Bildungsinhalte war wegweisend. Es soll aber auch nicht sein Antijudaismus verschwiegen werden, der sich in einer eigenen Schrift über die Juden ausdrücken sollte.

Nicht zuletzt war er ein Theologe und Seelsorger. Darüber hat Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz gesprochen und dabei darauf hingewiesen, wie Isidor die richtige Balance im Glaubensleben zwischen Versenkung und aktivem Tun betont, die für ein erfülltes Leben so wichtig ist:

Die endgültige Bestätigung einer rechten Lebensorientierung sucht Isidor im Vorbild Christi und sagt: ‚Jesus, der Erlöser, bot uns das Vorbild des aktiven Lebens, wenn er sich tagsüber dem Wirken von Zeichen und Wundern in der Stadt hingab, aber er zeigte das kontemplative Leben, wenn er sich auf den Berg zurückzog und dort im Gebet die Nacht verbrachte‘ (op. cit., 134: ebd.). Im Licht dieses Beispiels des göttlichen Meisters kann Isidor mit dieser klaren moralischen Lehre schließen: ‚Deshalb widme sich der Diener Gottes in Nachahmung Christi der Kontemplation, ohne dem aktiven Leben zu entsagen. Sich anders zu verhalten, wäre nicht recht. Denn wie man Gott mit der Kontemplation lieben muß, so muß man den Nächsten mit dem Handeln lieben. Es ist also unmöglich, ohne das gleichzeitige Vorhandensein der einen und der anderen Lebensform zu leben, noch ist es möglich zu lieben, wenn man nicht die Erfahrung sowohl der einen wie der anderen macht.‘

Gerade in der Fastenzeit kann also der hl. Isidor in manchem zum Wegweiser werden.

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 

4. Sonntag der Fastenzeit: Seid fröhlich zusammen mit ihr!

Missale Salisburgensis

Missale Salisburgensis

Der 4. Sonntag der Fastenzeit heißt bekanntlich Sonntag „Laetare“ und lässt Ostern schon vorleuchten, wie schon an den rosafarbenen Paramenten erkennbar sein kann, sofern man welche hat. Die Halbzeit der Quadragesima, der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern, ist geschafft, das Ziel rückt näher. Das hört man auch im Introitus, der in der deutschen Übersetzung des Messbuchs allerdings etwas verstümmelt ist:

Introitus (Js 66, 10-11; Ps 121,1)1 Eingangsvers2
Laetare, Ierusalem, Freue dich, Stadt Jerusalem!
et convetum facite, omnes qui diligitis eam; Seid fröhlich zusammen mit ihr,
gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis, alle, die ihr traurig wart.
ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.
Lætatus sum in his, quæ dicta sunt mihi: (Ich freute mich, als man mir sagte:
in domum Domini ibimus. „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“)

Der Eingangsvers lautet in der Einheitsübersetzung etwas anders:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!

Das Sprachbild der mater lactans war wohl den Übersetzern der deutschen Ausgabe — im Unterschied zum Vatikan und den Übersetzern anderer Sprachen — zu gewagt. Schade, denn hier wird die tröstende Verheißung des neuen Jerusalem wortgewaltig spürbar. Nach der Trauer, die uns oft in dieser Welt überkommt, ist uns im Bild des „neuen Jerusalem“ (Offb 21,10-27) ein Zeichen dafür gegeben, welche Fülle uns Jesus schenken will. Eine Fülle, gegenüber der wir wie ein Kind sind, das von seinen Eltern umsorgt und getröstet wird.

Traditionell wurde an diesem Sonntag die wunderbare Brotvermehrung nach Johannes gelesen. Diese Perikope bot sich aus mehreren Gründen an: Gleich zu Beginn vermerkt der Evangelist, dass das Paschafest nahe war. Wie aus den fünf Broten und zwei Fischen mehr als genug für die große Menschenmenge wird, so schenkt Jesus die Fülle des Lebens. Die Brotteilung weist zudem auf die Eucharistie voraus. Schließlich zieht sich Jesus zurück, als er ahnt, dass ihn die Menschen zum irdischen König machen wollen — eine Vorahnung der Geschehnisse am Palmsonntag und ihrer bitteren Konsequenz.

So entsprachen sich Eingangsvers und Evangelium im Hinweis auf die verheißene Fülle des Lebens. Entsprechend wurde als Epistel ein Abschnitt aus dem Galaterbrief gelesen, der ebenso auf das himmlische Jerusalem bezugnimmt: „Das himmlische Jerusalem aber ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter.“

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, doch auch eine Zeit der Vorfreude. In diesem Fall ist Vorfreude zwar nicht die schönste Freude, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird.


  1. Nach dem Missale Salisburgense, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Cyrill von Jerusalem: Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft!

Cyrill von Jerusalem

Cyrill von Jerusalem

Der hl. Cyrill von Jerusalem (* ~ 315, † 386) litt wie sein Zeitgenosse Hilarius von Poitiers unter den Versuchen der Arianer, mit Hilfe des Kaiserhofs die Orthodoxie niederzuringen. So wurde Cyrill zwar 350 zum Bischof von Jerusalem geweiht, musste aber 357, 360 und 367 jeweils ins Exil gehen. Die letzte Verbannung dauert gar bis 378, erst dann durfte er wieder zurück nach Jerusalem.

Seine eigene Position in den kirchlichen Wirren jener Zeit ist nicht restlos geklärt; unbestritten ist, dass das Werk, das er uns hinterlassen hat, von höchstem Wert ist: Neunzehn Katechesen für die Taufkandidaten; fünf Katechesen für die Getauften; ein Brief an Kaiser Constantius II. über eine Vision des Kreuzes Christi in Jerusalem.

Seine Katechesen sind klar und verständlich. Auch wenn uns der Stil und sprachliche Kontext jener Zeit völlig fremd scheinen mag, kann uns Cyrill auch heute noch mitten ins Herz treffen. Sie bezeugen uns auch, dass die hl. Messe schon in jener Zeit fast genauso gefeiert wurde wie Jahrhunderte später, wie man insbesondere in der fünften mystagogischen Katechese über die Opfermesse lesen kann.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus der ersten Katechese, in der er die Taufkandidaten am Beginn der Fastenzeit zu geistlichen Übungen und zur Beichte anregt:

Jetzt ist die Zeit zu beichten. Beichte, was du in Wort und Tat, bei Nacht und bei Tag begangen hast! Beichte zur rechten Zeit und nimm hin am Tage des Heiles den himmlischen Schatz! Empfange fleißig die Exorzismen! Wohne eifrig den Katechesen bei und merke dir, was man da sagt! Die Worte sind nicht bloß fürs Ohr, sie sollen vielmehr von dir im Glauben versiegelt werden. Alle menschliche Sorge lege beiseite! Der Seele wegen läufst du. Von dem, was zur Welt gehört, nimmst du vollständig Abschied. Was du verabschiedest, ist gering; groß ist, was dir der Herr schenkt.

Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft! Während deines wertlosen Dienstes für die Welt haben schon so viele Jahre ihren Kreislauf vollendet, und nicht willst du vierzig Tage der Seele widmen? „Gönnet euch Ruhe und erkennet, daß ich Gott bin!“ sagt die göttliche Schrift1. Vermeide das viele unnütze Sprechen! Verleumde nicht, höre auch nicht Verleumdungen gerne an, sei vielmehr bereit zum Gebet! Deine geistlichen Übungen mögen zeigen, wem du gestorben bist. Reinige dein Gefäß, damit du noch mehr Gnade erhaltest! Nachlassung der Sünden wird allen in gleicher Weise verliehen, der Hl. Geist aber wird dem einzelnen seinem Glauben entsprechend zuteil. Wer sich wenig plagt, erhält wenig; wer viel arbeitet, hat großen Lohn. Laufe du für dich, schaue auf deinen Nutzen!

Hast du etwas gegen jemanden, so verzeihe ihm! Du kommst, um Nachlassung der Sünden zu erhalten: auch du mußt dem Sünder vergeben. Wie willst du denn zum Herrn sagen: „Vergib mir meine vielen Sünden!“ wenn du deinerseits dem Mitknechte nicht einmal seine wenigen Sünden verzeihest?2

Finde dich eifrig bei den Versammlungen ein! Nicht bloß jetzt, da die Geistlichen dich zum Eifer antreiben, sondern auch später, wenn du die Gnade schon empfangen hast. Ist etwas gut, ehe man etwas erhält, sollte es denn nicht auch nach dem Empfange gut sein? Wenn es vor dem Einpfropfen ratsam war, zu gießen und den Boden zu pflegen, ist es nach dem Verpflanzen nicht noch viel besser?

Kämpfe für deine Seele, vor allem in solchen Tagen! Weide deine Seele mit göttlicher Lektüre! Geistlichen Tisch hat dir der Herr bereitet. Sprich auch du mit dem Psalmisten: „Der Herr weidet mich, nichts wird mir fehlen. Auf Weideplätzen läßt er mich lagern, an erfrischenden Wassern zieht er mich groß, meine Seele führt er zu sich“3.

Die Engel sollen sich mit euch freuen, und Christus selbst, der große Hohepriester, möge in Anerkennung eurer guten Gesinnung euch alle dem Vater vorstellen und zu ihm sagen: „Hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat“4. Möge er euch alle in seinem Wohlgefallen erhalten! Ihm sei Ehre und Macht in die endlose Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.

Da spricht Cyrill auch zu uns in der Fastenzeit: Jetzt ist die Zeit — und wann, wenn nicht jetzt wollen wir vierzig Tage der Seele widmen?

as


  1. Ps 45,11. Im Kontext: Kommt und schaut die Taten des Herrn, der Furchtbares vollbringt auf der Erde. / Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde. / ‚Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin, erhaben über die Völker, erhaben auf Erden.‘ / Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg. (Ps 45,9-12) 
  2. Vergleiche das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, Mt 18,23-35. 
  3. Ps 22,1-3. Einheitsübersetzung: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. / Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. / Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. 
  4. Jes 8,18; Hebr 2,13.