Niederlande: Ein Rechtsruck, der von Links gefeiert wird?

Stellen wir uns vor: Die Koalition aus SPÖ und ÖVP halbiert bei einer Nationalratswahl ihren Stimmenanteil und kommt zusammen auf vielleicht nur mehr 27%, ein Absturz, der in den Umfragen auch schon seit Jahren prophezeit wird. Medial wird vor der Wahl aber nur die Frage gewälzt, ob eine Partei, die bei der letzten Wahl 10% Prozent der Simmen errungen hat — sagen wir, so wie die FPÖ 2002 und 2006 –, 15% oder 20% erreichen könnte, wiewohl klar ist, dass eine Regierungsbildung unter Führung dieser Partei völlig ausgeschlossen ist.

Partei 2002 2003 2006 2010 2012 2017
PVV (n.k.) (n.k.) 5,9% 15,4% 10,1% 13,1%
VVD 15,5% 17,9% 14,7% 20,5% 26,6% 21,2%
CDA 27,9% 28,6% 26,5% 13,6% 8,5% 12,5%
D66 5,1% 4,0% 2,0% 6,9% 8,0% 12,0%
PvdA 15,1% 27,2% 21,2% 19,6% 24,8% 5,7%
SP 5,9% 6,3% 16,6% 9,8% 9,7% 9,2%
GL 7,0% 5,1% 4,6% 6,7% 2,3% 8,9%
andere 23,5% 10,9% 8,5% 7,5% 10,0% 17,4%

Das ist in etwa das mediale Szenario rund um die niederländischen Wahlen für die Zweite Kammer der Generalstaaten. Die Regierungsparteien mussten herbe Verluste einstecken, dennoch wird VVD-Chef Mark Rutte als der Wahlsieger gefeiert. Den Titel muss er sich wohl mit Wilders’ PVV, den Christdemokraten (CDA) und den Linksliberalen (D66) teilen, auch GrünLinks darf sich durchaus als Wahlsieger fühlen. Abgerechnet wird nun einmal nach Wahltagen, nicht nach Umfragen.

Nun ist es in der volatilen politischen Landschaft der Niederlande durchaus ein Kunststück, so wie Rutte zum dritten Mal in Folge eindeutig den Führungsanspruch stellen zu können. Gegen ihn wird es wohl keine Koalition geben. Das hat aber weniger mit Geert Wilders zu tun als mit der drastischen Verkleinerung des linken Lagers und der völligen Zersplitterung der politischen Landschaft. So haben die Kleinparteien zusammen über 17% der Stimmen errungen, darunter eine Tierrechtspartei, eine Pensionistenpartei und eine türkische Partei. Insgesamt werden 13 Parteien im Parlament vertreten sein.

„Links is weggevaagd“

„Die Linke ist hinweggefegt“ titelt die niederländische Tageszeitung Telegraaf. 1998 stellte die Arbeitspartei mit Wim Kok den Premierminister, zusammen mit der Sozialistischen Partei und GrünLinks hielt das linke Lager knapp 40% der Stimmen. Zwanzig Jahre später sind es knapp 24% — nicht viel mehr, als die rechtsliberale VVD von Mark Rutte allein hält.

Klarer Rechtsruck

Bedenkt man, dass Wilders’ PVV eigentlich eine Abspaltung von der VVD ist — hier hat sich sozusagen die FPÖ von einem bürgerlicheren Liberalen Forum abgespalten –, kann man daher von einer deutlichen Akzentverschiebung in den Niederlanden von Links nach Rechts sprechen. Übrigens hat Rutte ja 2010 bis 2012 eine Minderheitsregierung angeführt, die nur dank Wilders Unterstützung im Amt war und auch von Wilders gestürzt wurde. Ideologisch sind Wilders und Rutte eigentlich nur in der Europapolitik wirklich konträr.

Jedenfalls können die zentristischen Christdemokraten und die linksliberalen D66 trotz eigener passabler Ergebnisse in dieser Gesamtsituation kaum eine alternative Koalition ohne Rutte zusammenstellen.

Reiner Clickbait-Journalismus

Eines ist klar: Die Vorberichterstattung zu den niederländischen Wahlen war in den meisten Medien reiner Clickbait-Journalismus. Wilders wurde zum Popanz gemacht, der es irgendwie schaffen soll, mit selbst in den für ihn besten Umfragen vielleicht 20 Prozent ganz Europa in Gefahr zu bringen. Europa muss dann wohl ziemlich fragil sein.

Der gleiche Unernst herrscht vielerorts in der Nachwahlanalyse, die Gustostückerl hervorbringt wie die Freuden-Tweets des deutschen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, wo es doch seine Parteifreunde in den Niederlanden gerade geviertelt hat. Oder die Bezeichnung Mark Ruttes als „europäischen Helden“, weil er angeblich Wilders verhindert habe. Wenn also jemand anderer als Wilders quasi eine pragmatischere Ausgabe der Wilders-Politik macht, ist es eh wieder ok? Man kann sich nur noch an den Kopf greifen …

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Der Judogriff gegen das Kreuz in der Klasse

Es ist ein verlässliches Muster: Wenn gegen Erscheinungen des Islamismus vorgegangen werden soll, wird das von Teilen der Linken als Judogriff gegen sichtbare christliche Zeichen benutzt. Oft wird das mit der „weltanschaulichen Neutralität“ des „säkularen Staats“ begründet, die eine sichtbare Privilegierung eines Religionssymbols ausschließe. In dieser Argumentation sind mehrere offensichtliche Denkfehler eingebaut.

  1. Ein Staat ist natürlich nie weltanschaulich neutral. Seine ganze Rechtsordnung ist Ausdruck der Wertungen der Personen, die Einfluss auf die Rechtssetzung haben, und daher von bestimmten Weltanschauungen geprägt. Es ist ein heute beliebter Kunstgriff, die eigene Weltanschauung als „weltanschaulich neutral“ darzustellen, quasi als eigentliche Konsenssicht vernünftiger Menschen. Es wird dadurch nicht richtiger.

  2. Die „Säkularisierung“ war Programm für eine Trennung der staatlichen Ordnung von einer christlichen Fundierung. Dies ist aber mit keinem anderen Zweck geschehen als Platz für andere Weltanschauungen zu machen, die den Platz der christlichen Fundierung einnehmen wollten und wollen. Daher ist es kein Zufall, dass z.B. viele prononcierte Sozialisten eine Verdrängung des Christlichen aus dem öffentlichen Raum fordern: Im Kern soll ihre eigene Ideologie an dessen Stelle treten.

  3. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist mehr oder weniger christlich geprägt. Das Kreuz ist Ausdruck dieser weltanschaulichen Prägung, die z.B. für den Begriff der Menschenwürde von entscheidender Bedeutung ist. Das heißt nicht, dass Österreich ein christlicher Staat ist. Aber man kann relativ leicht zeigen, dass in einem genuin marxistisch oder nietzscheanisch oder islamisch geprägten Land viele Gesetze, Regeln und Gewohnheiten anders wären als hier in Österreich.

  4. Daher ist es höchst demokratisch, wenn diese weltanschauliche Mehrheit beschlossen hat, dieser Prägung zeichenhaft Ausdruck zu verleihen.

  5. Die radikale Ideologie des Islamismus steht dagegen weit außerhalb der Wertordnung, die Österreich zur Zeit prägt. Es ist daher kein Widerspruch, Symbole dieser Ideologie zu verbieten, wie auch Symbole anderer radikaler Ideologien verboten werden können. Freilich gilt es hier, sorgfältig abzuwägen, um nicht die Religionsfreiheit zu gefährden, die ein hohes Gut in unserer Rechtsordnung ist.

  6. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass weder alle Religionen noch alle Weltanschauungen in letzter Konsequenz gleich sind. Hans Küng ist mit seinem Projekt „Weltethos“ in ungeheurer Naivität an diesem Irrtum gescheitert. Ideen haben Konsequenzen. Es würde ja auch kaum jemand behaupten, zwischen Rechtsliberalen, Christkonservativen, Altmarxisten, ökologischer Linker und Neonazis bestünde in letzter Konsequenz kein Unterschied und wenn man gegen Neonazis vorgehe, müsse man alle anderen Gruppen auch verbieten.

Solange Österreich ein mehrheitlich christlich geprägtes Land ist, solange hat das Kreuz seinen Platz vor Gericht und in der Klasse. Als Hinweis auf die Wertordnung, Tradition und Überzeugung, die dieses Land und seine Menschen trägt. Kein Zeichen gegen andere, sondern eine Erinnerung u.a. daran, dass die meisten Menschen überzeugt sind, dass es über sie hinaus noch jemanden gibt, dem wir Rechenschaft ablegen sollen, der aber auch in seiner Liebe und Barmherzigkeit eine Gerechtigkeit herstellt, die wir auf Erden nicht herstellen können.

Córdoba: Streit um die Kathedrale

In Spanien wird offenbar heftig über die Kathedrale von Córdoba diskutiert, die auf eine Moschee zurückgeht: Eine Initiative fordert offenbar die Enteignung des berühmten Baus, da nichts das friedliche Zusammenleben der Religionen besser darstellen würde als ein Sakralbau, der gar keiner Religion dient. So legt es ein Bericht in der NZZ nahe.

Vor dem Hintergrund der Forderungen islamischer Gruppen, Sudspanien in ein Kalifat umzuwandeln und weitgehend christenfrei zu machen, wirken die Ideen der Initiative anachronistisch. Noch mehr, als sich die Geschichten vom angeblich toleranten Kalifat von Córdoba bei näherem Quellenstudium als Mythos entpuppen. 

Doch eigentlich geht es doch wieder nur um den Kampf der eingefleischten Linken gegen die Kirche, der in Spanien schon zu grausamen Verbrechen geführt hat. Ein Fernando Aguiar, der mit dem Begriff „Wissenschafter“ legitimiert wird, darf im Artikel es als „Erbe der Diktatur“ darstellen, dass die Kathedrale noch eine Kathedrale ist, und aufgeklärt hoffen:

Nur ein Generations- und Mentalitätswandel könne Konflikte wie den von Córdoba lösen, sagt er. „Erst wenn wir Entscheidungsträger haben, die allesamt in der Demokratie geboren und in Europa ausgebildet wurden, wird es eine Mehrheit geben, die die Trennung von Kirche und Staat unterstützt.“

Damit wäre dann die Katze aus dem Sack, worum es dieser Initiative eigentlich geht. Auf den antikatholischen Reflex der spanischen Linken ist eben Verlass.

Alles ein Privileg? Dann Sozialismus.

Langjährige Beobachtung der öffentlichen Diskussionen in Österreich und anderen Ländern hat mich gelehrt, dass die große Debatte zwar überall gleich unehrlich geführt wird; sich aber anderswo leichter Stimmen finden lassen, welche die eigentlichen Argumente hinter einer Position klar formulieren.

So hat der Anglist Fredrik deBoer ein Schlüsselargument für Sozialismus auf den Punkt gebracht:

Gerade die Idee, jemand bekomme, was er verdient habe — die Idee, dass einige Menschen gerechtfertigte Erfolge erbracht haben, die wir begrüßen sollen weil sie einen „Verdienst“ aufzeigen, was immer das ist, unterschieden von ihren Privilegien, ist, was vergehen muss. Es gibt keinen Platz, wo das Privileg endet und gerechtfertigter Erfolg beginnt. Stattdessen ist die Welt von so multivariater Komplexität, dass wir nie wissen werden, wessen Erfolge verdient sind und wessen nicht. Stattdessen sollten wir die Torheit erkennen, materielle Sicherheit und Komfort mit unserer fehlerhaften Wahrnehmung des Wertes anderer Menschen zu verknüpfen, und stattdessen [3. Wortwiederholung! Bei einem Anglisten!] ein wirtschaftliches System einführen, das auf dem absoluten Recht aller Menschen auf Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsversorgung und Bildung beruht.

Weil jeder Mensch das Produkt seiner Gene und seiner Umwelt sei, habe niemand das verdient, was er positiv erreicht habe. Daher sollten sicherheitshalber alle das Gleiche erhalten — aus Erfahrung wissen wir: gleich wenig. Denn jeder verdiene bestimmte Güter einfach deswegen, weil er ein Mensch sei — obwohl auch das im strikten Sinn der „privileges“-Diskussion ja ebenfalls ein „unverdientes Privileg“ ist. Jedenfalls sei jede weitere besondere Leistung von einem Ergebnis ungerechtfertigter Privilegien nicht zu unterscheiden.

Der Ökonom Adam Ozimek kontert deBoers Schlussfolgerung: Das wir auch ein Produkt von Vererbung und Umwelt seien, treffe ja nicht nur auf die wirtschafliche Sphäre zu, sondern auch darauf, ob „wir spenden, viel Freiwilligenarbeit leisten, oder ein guter Vater und Ehemann sind, oder ehrlich sind, oder nett, etc.“

Sollten wir aufhören, Ehrlichkeit zu preisen, weil, wie die Arbeitsethik jemandes der Medizin absolviert hat, wir nicht präzise unterscheiden können, wenn Ehrlichkeit nur ein Ergebnis der Erziehung ist?

Der Sozialwissenschafter weiß: Wir Menschen reagieren auf Anreize. Sinnvollerweise! Wenn Ehrlichkeit gelobt wird, positiv gesehen wird, so werden sich die Menschen etwas ehrlicher verhalten also sonst. Wenn — und hier geht deBoer völlig in die Irre — Menschen etwas von ihrer wirtschaftlichen Leistung haben, werden sie mehr davon erbringen. Die Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsversorung und Bildung, die deBoer verteilen will, würden ohne diese Anreize wohl in deutlich geringerer Menge geschaffen, als er denkt.

Und eine Welt, die die Schaffung wirtschaftlicher Werte trotz der deutlich unterschiedlichen Neigungen der Menschheit belohnt, bedeutet, dass wir mehr ökonomischen Wert geschaffen haben und alle besser dastehen, einschließlich derer ohne solche Neigungen.

Selbst, wenn niemand selbst etwas dafür könnte, was er so alles geleistet hat, ist es in unser aller Interesse, dass es sich auszahlt, etwas zu leisten.

17. Jänner 1988: Stasi inhaftiert Genossen wegen Rosa-Luxemburg-Zitaten

Es war tiefe Ironie, als vor 25 Jahren — am 17. Jänner 1988 — der Liedermacher Stephan Krawczyk in Ostberlin im Vorfeld der traditionellen, in der DDR pompös begangenen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration verhaftet wurde. Er war nicht der einzige, der an diesem kommunistischen Festtag abgeführt wurde. Knapp 30 Oppositionelle wurden „vorsorglich“ verhaftet, Dutzende mehr während der Demonstration, weil sie Rosa-Luxemburg-Zitate wie „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ auf mitgebrachte Plakate geschrieben hatten oder Zitate der kommunistischen Ikone skandierten und damit die offiziellen Sprüche konterkarierten.

Die zum Teil mit großer Brutalität durchgeführten Verhaftungen der Stasi geschehen zum Teil vor laufenden Kameras, da Teams von ARD und ZDF für Kurzberichte über die Demonstration — immerhin hatte die SED an die 200.000 Menschen für den Marsch zusammengebracht — vor Ort waren. Dadurch werden die Übergriffe auch im Westen weithin bekannt, die in scharfem Kontrast zum Programm des Glasnost in der Sowjetunion standen.

Die DDR-Führung war sich des PR-Desasters offenbar nicht bewusst, verhängte Haftstrafen oder ließ abschieben. Dabei hatten die Oppositionellen doch das Thema des Marsches nur wörtlich genommen! Krawczyk und seine Frau Freya Klier wurden vor die Wahl gestellt, auszureisen oder wegen Landesverrats inhaftiert zu werden. Dabei hätte es der SED-Spitze zu denken geben müssen, dass viele DDR-Oppositionelle glühende Kommunisten oder Sozialisten waren, darunter Personen, die in anderer Konstellation in den Fünfziger Jahren noch die blutigsten Übergriffe gerechtfertigt hätten. Das erstarrte DDR-Regime hatte 1988 zwar immer noch großen Rückhalt unter all jenen, die vom Regime profitierten, doch gerade bei denen, die an die Ideologie des Regimes auch glaubten, wurde es zunehmend schwieriger, die kognitive Dissonanz zwischen Lehre und Praxis zu überwinden.

Die Demonstration gibt es übrigens immer noch, und die Mitgehenden haben dank des Untergangs des realen Sozialismus kein Problem mehr mit dieser Dissonanz. Munter werden Stalin- und Leninportraits und Symbole der untergegangenen DDR mitgeführt. Der DDR, die zwar Luxemburg und Liebknecht zelebrierte, aber für die das bloße Skandieren Luxemburg’scher Zitate bereits ein Grund für Haft und Abschiebung war.

Venezuela: Der Präsident lässt ein wenig plündern

Wenn eine Regierung Plünderungen von Geschäften anordnet, dann ist vom Rechtsstaat tatsächlich nichts mehr über. So geschehen nun in Venezuela, wo Präsident Nicolás Maduro mit Waffengewalt Zwangsabverkäufe bei einem Elektronikhändler (!) erzwungen hat. „Essentielle Güter“ wie Flachbildschirme etc. mussten weit unter Wert abgegeben werden, wie Reuters berichtet. Es kam auch zur, sagen wir einmal: Mitnahme ohne Bezahlung.

Wer wird unter diesen Voraussetzungen bereit sein, solche Güter zu importieren und zu verkaufen, wenn er jederzeit willkürlich enteignet werden kann? Das Schicksal der Elektronikkette Daka wird ein Warnsignal sein. Ein kurzfristiges Wahlzuckerl für bevorstehende Kommunalwahlen wird über längere Frist die ohnehin mangelhafte Versorgung der Bevölkerung weiter verschlechtern.

Dass der venezolanische Staat selbst nicht in der Lage ist, Betriebe wirtschaftlich zu führen, ist angesichts der desolaten Erdölindustrie mehr als deutlich. Dass Chávez und sein Nachfolger Maduro alles daransetzen, auch das restliche Land so zu ruinieren, dass die Bevölkerung in Armut gefangen bleibt, ist dabei insofern ironisch, als sie es ja immer unter dem Jubel eines Teils dieser Bevölkerung tun und sich mit ihren populistischen Attacken gegen privates Unternehmertum Wählerstimmen kaufen. Freilich haben sie viele Probleme mit Geld aus den Erdöleinnahmen überdeckt.

Es gehört zum ökonomischen 1×1, dass Preiskontrollen über längere Zeit nur zu Knappheit führen, ein willkürlich agierender Staatsapparat die Korruption geradezu herausfordert, Rechtsunsicherheit und ein Versagen der Institutionen jedes Investieren lähmt.

Wenn der inoffizielle Dollarkurs ein vielfaches des offiziellen beträgt, funktioniert der Außenhandel zudem nur mehr am Schwarzmarkt. Das ist ja auch das Problem des geplünderten Elektronikhändlers gewesen. Er muss seine Ware in Dollar bezahlen, die er zum offiziellen Kurs kaum bekommt. Daher musste er seine Preise entsprechend kalkulieren; legt man aber den offiziellen Phantasiekurs zugrunde, wirken die Preise sehr hoch. Dafür tun sich andere interessante Arbitragemöglichkeiten auf: So kaufen Venezolaner Flugtickets, ohne wirklich fliegen zu wollen; dann dürfen sie nämlich zum offiziellen Kurs von 6,3 venezolanische Bolivars in Dollars eintauschen, um sie hernach am Schwarzmarkt zu 45-60 Bolivars je Dollar zurückzutauschen. Der Rebbach aus diesem Geschäft rechtfertigt den Ticketkauf.

Parallelen zu den Dreißiger Jahren

Die Geschichte Venezuelas stimmt traurig, weil der angerichtete Schaden wahrscheinlich eine ganze Generation ihrer Zukunft beraubt. Sie zeigt nebenbei auch, wie wohl das Endspiel einer NS-Wirtschaftspolitik ausgesehen hätte, wenn es keinen Krieg gegeben hätte.

Die deutsche Wirtschaft wurde ja im Laufe der Dreißiger Jahre immer stärker zentral gelenkt, selbst die Wirtshausmenüs wurden reguliert. Solange man dank Weltwirtschaftkrise brache Ressourcen mobilisieren konnte, ging das eine zeitlang gut. Doch auch Deutschland musste bereits vor dem Weltkrieg auf Devisen- und Preiskontrollen zurückgreifen. Mit Einnahmen aus Arisierungen und Enteignungen von Regimegegnern hätte man wohl auch bei Frieden die restliche Bevölkerung noch ein wenig bei der Stange halten können. Dann hätte man wohl zu den Verschwörungstheorien greifen müssen, die auch Maduro bemüht.

Was ich damit sagen will: Vor solch abenteuerlich-katastrophalen Politikabenteuern sind auch wir Europäer nicht gefeit. Sie sind keine lateinamerikanische Spezialität. Gerade in Zeiten einer langanhaltenden Krise haben solche selbsterklärten Volkstribunen Hochkonjunktur. Da heißt es achtsam sein.

Schulze-Delitzsch: Hilfe zur Selbsthilfe

Der Morgenländer, der glücklicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, erinnert an den Todestag von Hermann Schulze-Delitzsch (*1808 † 1883), einen der Begründer des modernen Genossenschaftswesens. Die Volksbanken, in Österreich durch die ÖVAG-Krise momentan ins Strudeln geraten, sind ursprünglich ebenso von seiner Idee geprägt wie etwa die Frastanzer Brauerei-Genossenschaft oder die ADEG Einkaufsgenossenschaft der Kaufleute, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kommunen-Romantik könnte bei manchen den Eindruck erwecken, Genossenschaften seien ein ursprünglich „linkes“ Anliegen. Doch das Gegenteil ist der Fall; denn sie gehen von einem anderen Menschenbild aus, wie sich etwa in den Grundsätzen des Österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitsch) ausdrückt:

Die Genossenschaften und der ÖGV fordern den Staat auf, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Einzelnen die Freiheit im Gebrauch seiner Kräfte sichern. […] Eines der wesentlichsten Prinzipien der Genossenschaften und des ÖGV ist die gemeinschaftliche Selbsthilfe. Der Genossenschafter […] fühlt sich für seine Existenz selbst verantwortlich. Die Genossenschaften und der ÖGV bekennen sich zum Grundsatz, daß Freiheit und Verantwortung untrennbar verbunden sind. Wer die Verantwortung von sich weist, weist auch die Freiheit von sich.

Schulze-Delitsch hat erkannt, daß sich der einzelne durch Zusammenschlüsse einige Vorteile des Großbetriebs sichern kann. Heute würde man sagen: Positive Skalenerträge erzielen kann. So können sich auch Kleingewerbetreibende, Freiberufler etc. behaupten, Arbeiter die Kaufkraft ihres Lohns etwa durch Konsumgenossenschaften erhöhen. Die damals befürchtete Konzentration des Wirtschaftslebens auf einige Großkapitalisten sei nicht zwangsläufig.

Durch die Vorschuss- und Kreditvereine schuf er die Grundlage dafür, daß auch Kleinbetriebe Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen bekommen konnten. Er löste damit gleichzeitig ein Informations- und Skalenproblem, denn die kleine Volksbank-Genossenschaft vor Ort kannte die Risken ihrer Kreditnehmer sehr gut, da aber auch ihre Einleger vor Ort zu Hause waren und sogar Eigentümer der Bank, war sie doch nicht übermäßig risikobereit. Einkaufsgenossenschaften ermöglichten es auch kleinen Handwerkern, zu günstigen Konditionen Roh- und Betriebsstoffe einzukaufen. Produktionsgenossenschaften veredeln Produkte der Mitglieder und vermarkten sie gemeinsam. Schulze-Delitzsch befürwortete auch Produktivgenossenschaften, doch konnte sich dieses Modell nicht durchsetzen.

Daß der preußische Jurist Hermann Schulze-Delitzsch mit seinem Programm der „Hilfe durch Selbsthilfe“ Erfolg hatte, ist dabei vor allem seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Es galt, für die ersten Genossenschaften eine funktionierende Ordnung zu finden, in der Folge schließlich sichere rechtliche Grundlagen zu schaffen und dafür parlamentarische Mehrheiten zu finden. Das gelang ihm gegen den Widerstand verschiedenster Gruppierungen von links bis rechts. Das Genossenschaftsgesetz, das er für Deutschland erreichte, wurde übrigens kurz darauf (1873) bereits in Österreich eingeführt.

Hier bei Wikisource findet man eine Zusammenstellung von Internet-Quellen, bei denen man Schriften von Schulze-Delitzsch lesen kann. Er hat durchaus einiges verfaßt, und sich dabei auch immer wieder ausdrücklich an die Arbeiter gewandt, deren Fortbildung ihm ein großes Anliegen war. Er hoffte, seine Genossenschaftsidee könnte auch einen Schlüssel zur Lösung der sogenannten „sozialen Frage“ liefern. Und in gewisser Weise hat sie ihren Beitrag dazu geleistet.