Eostre, Ostara und Ostern

In vielen Sprachen ist der Bezug zwischen dem jüdischen Pessachfest und dem christlichen Ostern klar hörbar. Im Französischen heißt es pâques, im Niederländischen pasen, auf Italienisch pasqua, auf Gälisch cáisc 1. Andere haben umschreibende Namen. So heißt das Fest im Tschechischen velikonoce, also „Große Nacht“. Im Englischen aber heißt es easter, und von dort könnte auch unser Ostern stammen, waren doch etliche angelsächsische Missionare an der Christianisierung Deutschlands beteiligt, während im Nordwesten Deutschlands sich die Bezeichnung nach dem Paschafest hielt.

Im 19. Jahrhundert war es sehr beliebt, alle möglichen Bräuche und Namen auf uralte Wurzeln zurückzuführen. Daher stammt etwa die Vorstellung, der Osterhase wäre Ausdruck uralter Frühlingsbräuche, obwohl er erst seit der Neuzeit bezeugt ist und lange Zeit in enger Konkurrenz zu Osterfuchs, Osterstorch und anderen Tieren als Eierlieferant stand.

Damals wurde auch von Jakob Grimm eine germanische Frühlingsgöttin namens „Ostara“ rekonstruiert, und zwar aus einer flüchtigen Bemerkung beim Kirchenlehrer und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis über die alten angelsächsischen Monatsnamen. Beda vermutet dort hinter dem Monatsnamen Eosturmonath eine Göttin Eostre, deren Fest in diesem Monat gefeiert worden sein soll.

Es ist passend, dass der Rassenfanatiker und Verschwörungstheoretiker Adolf Lanz, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Jörg Lanz zu Liebenfels“, ausgerechnet den Namen „Ostara“ für seine Zeitschrift verwendete. Eine gleichsam erfundene Göttin für eine erfundene Ideologie.

Nun ist es durchaus möglich, dass Beda tatsächlich eine Überlieferung referenziert, die ihm selbst nur vielleicht nicht mehr so vertraut war. Manche vermuten z.B. einen Beinamen einer anderen Göttin, da in den überlieferten germanischen Sagen keine Göttin des Namens Eostre oder in ähnlicher Weise auftaucht. Auch ist seine knappe Ausdrucksweise manchmal missverständlich. So berichtet er, der Solmonath, im Februar, könne „Monat der Kuchen“ genannt werden, weil man den Göttern Kuchen geopfert hätte. Viele rätseln, wie man vom Adjektiv „sol“ für „Schlamm“ auf „Kuchen“ kommen könnte. Aber vielleicht will Beda gar nicht den Monatsnamen erklären, sondern sagen: Man könnte ihn direkt Kuchenmonat nennen, weil eben Kuchen geopfert wurde. Das war vielleicht die lebendigste Erinnerung.

Es wäre unfair, Beda Ungenauigkeiten anzukreiden. Seine Quellen waren in diesem Fall wohl oft eigene Erinnerung und die seiner Umgebung, denn es ist kaum anzunehmen, dass dieser Kalender der Angeln zuvor schriftlich dokumentiert worden ist. Und Beda weist selbst darauf hin, dass dieser Kalender keine aktuelle Relevanz mehr besitzt:

Aber das alte Volk der Angeln (denn es scheint mir nicht passend, die Folge des Jahres der anderen Völker zu nennen, und meines zu verschweigen) hat seine Monate nach dem Lauf des Mondes berechnet; daher nahmen sie auch vom Mond nach Sitte der Hebräer und Griechen den Namen. Wenn also bei diesen der Mond „mona“, wurde der Monat „monath“ genannt.

Man beachte die durchgehende Verwendung von Vergangenheitsformen, während er bei der Schilderung des griechischen Kalenders die Gegenwart verwendet. Beda erzählt auch ganz bewußt die Verbindung zu Götternamen und zu Opfern — z.B. dem Blutopfer im „Blutmonat“ November –, wie sein Schlußsatz in der Schilderung der anglischen Monate nahelegt:

Dank sei Dir, guter Jesus, der Du uns, der wir uns von diesen Eitelkeiten abwenden, geschenkt hast, Dir das Opfer des Lobes anzutragen.

Die in den Monatsbeschreibungen geschilderten Opfer sind also nicht mehr notwendig und wurden vom Lob Gottes abgelöst.

Wir können aus Bedas Text aber durchaus erschließen, dass es zumindest bei den Angeln im April ein Frühlingsfest gegeben haben muss, dessen Name dann bei der Christianisierung der Angeln auf das Osterfest übertragen wurde:

mit dessen Namen sie nun zusätzlich die Osterzeit bezeichnen, indem sie mit dem gewohnten Wort des alten Dienstes die Freuden der neuen Feierlichkeit nennen.

Mit der angelsächsischen Mission — es seien nur Bonifatius, Wunibald und Willibrord genannt — und Gelehrten wie Alkuin ist dieser Name in den deutschen Sprachraum gekommen, wie Richard Sermon nachzeichnet. Eine deutsche Göttin Ostara hat es dafür nicht gebraucht, die entsprechend auch nirgends bezeugt ist.


  1. Aus dem lateinischen pascha; das anlautende p wird im Irische dann zu c

Sollten Deutschlands Löhne schneller steigen?

Heiner Flassbeck brachte in einem Gespräch mit „Standard“-Chefin Alexandra Föderl-Schmid einige Vorschläge zur Krisenbewältigung, die heute in Europa oft zu hören sind:

Mit der Forderung nach einem höheren Lohnniveau in Deutschland ist er nicht allein. Der ehemalige EU-Sozialkommissar Lászlo Andor schlug etwa letztes Jahr in die gleiche Kerbe. Ungeachtet dessen, dass die Löhne in Deutschland in den letzten Jahren schneller als im Durchschnitt der Eurozone gestiegen sind.

Der Pferdefuss an der Sache ist einfach: Das heißt im Umkehrschluss höhere Arbeitslosigkeit. Das hat Deutschland um die Jahrtausendwende erlebt und sich mit schmerzhaften Reformen und Lohnzurückhaltung herausgearbeitet. Mit dem gesetzlichen Mindestlohn hat man bereits einen Politikwechsel vollzogen, der anscheinend steigende Arbeitslosigkeit billigend in Kauf nimmt. Die Folgen dieser und anderer wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen sind am mageren deutschen Wirtschaftswachstum bereits ablesbar.

Trotzdem ist es zweifelhaft, ob die deutsche Politik eine Rückkehr in die Zeit des „kranken Manns“ Mitteleuropas aushalten würde — und worin der Nutzen für Europa liegen sollte. Ja, die deutsche Wirtschaft würde weniger wettbewerbsfähig werden. Doch nur in primitiv-merkantilistischem Denken wäre das makroökonomisch vorteilhaft. (Hinweis: Günstigere Preise nutzen den Konsumenten im allgemeinen.) Außerdem würde Deutschland in gleichem Zug weniger nachfragen, weil ja — dank geringerer Beschäftigung — viele Menschen Einkommen verlieren, während die Menschen mit den höheren Löhnen diesen Lohnzuwachs zum guten Teil in die Vorsichtskasse legen werden. Schließlich könnten sie die nächsten ohne Job sein.

Besser, man lässt die Lohnpolitik dort, wo sie hingehört. In Österreich machen das die Sozialpartner grosso modo recht erfolgreich, und die deutschen Tarifpartner haben mit Ausnahmen (ähm … Lokführerstreik) auch eine ganz gute Bilanz vorzuweisen.

Bessere Bildung durch Ganztagsschule? Eher nein.

Es ist interessant, wenn ein österreichischer Spitzenpolitik just jetzt meint, der „widerstand gegen die Ganztagsschule“ sei ein Fehler gewesen. So war es in einem „Standard“-Interview mit Reinhold Mitterlehner zu lesen.

Erstens, weil sich gerade jetzt, wo es schon zahlreiche Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und verschränktem Unterricht gibt, zeigt, dass es schulisch wenig bringt. In einer Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung, die Ganztagsschulen äußerst wohlwollend gegenübersteht, kann man z.B. nachlesen, dass die Eltern von Kindern in Ganztagsschulen genauso häufig und lang mit ihren Sprößlingen Lernstoff erarbeiten oder Aufgaben erledigen, wie es bei Halbtagsschulen der Fall ist. Auch der Anteil der Kinder mit Nachhilfeunterricht ist gleich. Ähnliches wurde auch für Österreich herausgefunden, siehe den „Presse“-Blog von David Schwarzbauer. Manche Studien zeigen zwar leicht verbesserte kognitive Fähigkeiten etc., leiden aber an mangelnden Kontrollparametern und anderen Designschwächen, die von den Studienautoren durchaus auch eingeräumt werden.

Zweitens, da Mitterlehners Partei, die ÖVP, nie prinzipiell gegen das Angebot von Ganztagsschulen war, sondern vielmehr verhindern wollte, dass Kinder keine andere Wahl haben, als Ganztagsmodelle in Anspruch zu nehmen. Denn die verpflichtende Ganztagsschule ist ja seit Jahrzehnten eine zentrale Forderung linker Bildungspolitiker.

Auch in der Bertelsmann-Studie kann man diese Forderung erkennen:

Sie verweisen darauf, dass die Förderung kognitiver Kompetenzen und der Abbau von Chancenungerechtigkeit eher in der gebundenen Form der Ganztagsschule gelingen können. Nur regelmäßige und intensive Teilnahme am Ganztagsunterricht begünstigt die Steigerung kognitiver Kompetenzen. Und nur die verpflichtende Teilnahme an den Ganztagsangeboten kann verhindern, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien seltener als die aus stärkeren Familien am Ganztagsunterricht teilnehmen.

Damit die Kinder, die zu Hause vielleicht weniger stark gefördert werden, die gleichen Ergebnisse haben wie die, deren Eltern sich um den Erfolg der Kinder kümmern, sollen einfach alle den ganzen Tag in der Schule sitzen. Wie man diversen Artikeln entnehmen kann, geht die Idealvorstellung in die Richtung, Eltern überhaupt die Möglichkeit zu nehmen, ihre Kinder zu fördern.

Die Einteilung in „sozial schwach“ und „sozial stark“ ist meiner Meinung nach in diesem Fall sowieso Mumpitz. Es kommt vielmehr auf die Frage an, wie bildungs- und/oder aufstiegsorientiert die Eltern sind. Ich kenne genügend Eltern aus unteren Einkommensschichten, die ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung bieten wollen, und Eltern aus höheren Einkommenschichten, die sich um die Bildung ihrer Kinder nicht ernsthaft kümmern (der Nachhilfelehrer soll’s dann richten). Es stimmt schon: Statistisch gesehen korrelieren grundsätzlich Einkommen und Bildungsorientierung. Aber die Welt ist etwas komplizierter als die Statistik.

PS Mir ist schon bewußt, dass Reinhold Mitterlehner die Ganztagsschule natürlich deswegen erwähnt, weil er eben vom „Standard“ interviewt wird. Trotzdem eine typisch österreichische Tendenz: Wenn die anderen schon lernen, dass es nicht viel bringt, führen wir es gerade einmal ein. Am besten verpflichtend, damit wirklich gleich eine ganze Generation ruiniert wird.

Die Stunde der Bedenkenträger #ltwbb #ltwth

Die deutschen Landtagswahlen in Brandenburg und Thüringen werden ebenso wie die schwedischen Reichstagswahlen wieder schwere Bedenken über den Zustand der Demokratie im allgemeinen und in Deutschland bzw. Schweden im besonderen auslösen.

Beispielhaft darf ich den von mir sehr geschätzten Gerhard Loub erwähnen, der auf seinem Blog „die Stunde der Demokratiefeinde“ sieht. Und ich verstehe seine Bedenken. Doch sprechen einige Umstände für mehr Gelassenheit.

  1. Die Linke ist bei beiden Landtagswahlen bestenfalls stagniert, die NPD ist von einem Einzug in den Landtag weit entfernt. Die AfD mit beiden in einen Topf zu werfen ist unbegründet und steht gerade einem Österreicher nicht zu: Die FPÖ vertritt in vielem wohl radikaler Positionen als die AfD, ohne deswegen demokratiefeindlich zu sein.

  2. So unappetitlich die enge Verbindung der jetzigen Linken mit der totalitären SED ist, so verwerflich es ist, wie viele Ewiggestrige sich bei der Linken tummeln, die Honecker bewundern und die Mauer verteidigen, so sind gerade die Landesgruppen in Thüringen und Brandenburg relativ pragmatisch. Keine Wagenknecht-Partie. Ihre Wähler und ihre Spitzenvertreter planen nicht den Umsturz oder das Ende der Demokratie.

  3. Oft stehen hinter Wahlerfolgen radikaler Parteien reale Probleme. In Schweden gibt es bereits Gegenden, die man als Jude nur mehr unter Lebensgefahr betreten kann. Einwanderergruppen matchen sich auch untereinander z.T. blutig. Die Schwedendemokraten sind vor diesem Hintergrund erfolgreich. Man muss solche Probleme ja nicht so lösen, wie die jeweiligen Radikalen es fordern. Denn nicht mit der Übernahme des Losungswegs, sondern nur mit der Lösung selbst nimmt man den Radikalen den Wind aus den Segeln.

In Europa gibt es nur wenige echte Demokratiefeinde (siehe allerdings Europäer bei ISIS), doch viele Menschen, die sich in der praktischen Demokratie alleingelassen fühlen. Klagen über ihr demokratiefeindliches Wahlverhalten werden das nicht lösen.

Bildungsfernsehen: Fußball-Reportage, wörtlich genommen

Ich staune ja immer wieder, welche Wortkaskaden Sportreporter hervorbringen können, Ansammlungen interessanter gerader und schiefer Sprachbilder. Aber wie würde ein Fußballspiel aussehen, wenn das, was die Kommentatoren von sich geben, tatsächlich am Platz geschehen würde? Wie wird etwa ein Ball trocken abgestaubt? Gerade rechtzeitig zum Höhepunkt der Fußball-WM hat sich die Redaktion der „Sendung mit der Maus“ vorgenommen, diese und ähnliche Fragen an Hand eines fiktiven Finalspiels Deutschland-Brasilien zu beantworten. Man sieht nachher Fußballspiele mit anderen Augen … (oder besser: hört den Kommentar mit anderen Ohren …)

WK I: Bilder aus dem Krieg der Technik

Ernst Jünger hat seine Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs mit gutem Grund „In Stahlgewittern“ genannt. In diesem Großen Krieg brachen Tod und Zerstörung vielfach gesichtslos über die Menschen herein. Wie ein Unwetter brachen Granaten und Maschinengewehrfeuer, Giftgas und die ersten Panzer über die Soldaten ein.

Der Erste Weltkrieg war im Vergleich zu den vorangegangenen Konflikten hochtechnisiert, brachte den Einsatz von Kampffliegern, Eisenbahngeschützen, Panzern, Baggern, Feldtelephonen etc. Ein wenig davon zeigt eine Bilderserie im amerikanischen Magazin „The Atlantic“. Faszinierend z.B. die deutsche Funkstation, die mit einem Fahrrad zur Stormerzeugung betrieben wird. Der Schwerpunkt der Bilder liegt verständlicherweise auf der Westfront, an der ja auch US-Soldaten im Einsatz waren. Daher finden sich nur zwei Bilder mit Österreich-Bezug: Einmal ein gepanzerter Zug in Galizien (siehe Abbildung), einmal eine riesige italienische Haubitze, die nach dem Durchbruch der österreich-ungarischen Truppen in der zwölften Isonzoschlacht (Schlacht von Karfreit) im November 1917 erbeutet wurde.

Auf den Bildern begegnen einem immer wieder die Leichen gefallener Soldaten; und bei den Lebenden überkommt einen der beklemmende Gedanke, wie viele von ihnen später im Krieg ums Leben gekommen waren.

Auf der Sammlung europeana1914-1918.eu findet man übrigens noch viele weitere Bilder und Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg, viele davon aus den Archiven der Nationalbibliotheken, die am Projekt beteiligt sind.

Osterhase, Osterhenne oder Osterfuchs?

In wenigen Tagen hoppelt der Osterhase wieder durch Gras und Blumen, oder auch über Parkett- und Fliesenböden, zu vielen Familien und bringt ungesehenerweise Geschenke mit. Das war nicht immer überall so. In manchen Gegenden brachte der Fuchs etwas mit, in anderen der Storch. Kinderbücher, Werbung, das allgegenwärtige Fernsehen haben dann alles auf den Hasen fokussiert.

Das kleine Geschenk, das waren früher ausschließlich verzierte Eier, die nach der fleisch- und eierlosen Fastenzeit als Festzeichen verschenkt wurden. Nach der Speisensegnung. Es gibt jetzt zwei Geschichten, wie es zum Osterhasen als Bringer der Eier kam.

Die eine sagt, ursprünglich hätte man eben nach der österlichen Speisensegnung die rot gefärbten Eier verschenkt. Das Ei als Symbol des Lebens und der Auferstehung, rot für das Blut Christi. Nach der Reformation wollten viele evangelische Eltern an dem Eierbrauch festhalten, und machten kurzerhand aus dem gesegneten Ostereiern vom Hasen gebrachte. Dafür spricht, dass die Geschichte vom Osterhasen erstmals im 17. Jahrhundert überliefert ist.

Die andere sagt, man wollte den Kindern einfach mit den verzierten Eiern eine Freude machen, und die ist bekanntlich mit „versteckten“ Eiern noch größer. Wie aber die Eier erklären? Von Hennen können sie ja wohl nicht stammen, die legen keine bunten Eier. So sollen verschiedene andere Tiere, die auch mit Fruchtbarkeit assoziiert werden können, herangezogen worden sein. Die beiden Stories kann man freilich auch kombinieren.

Mit Sicherheit falsch ist die auch heute noch gern kolportierte Geschichte vom germanischen Frühlingsfest, bei dem Hasen eine große Rolle gespielt haben sollen. Das beruht in der Regel im Kern auf einer Fehlinterpretation Jakob Grimms, der aus einer Bemerkung des Beda Venerabilis eine hypothetische Göttin Ostara konstruiert hat, die aber in der nordischen Sagenwelt oder Zeugnissen von Chronisten unbekannt ist.